TheaterArche: Odyssee 2021

September 11, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Irrfahrt durch Schauplätze und Seelenräume

Eike N.A. Onyambu, Helena May Heber, Roberta Cortese, Bernhardt Jammernegg, Pia Nives Welser, Marc Illich und Manami Okazaki. Bild: © Jakub Kavin

Es wäre nicht Jakub Kavin, wenn er nicht wieder etwas Besonderes in petto hätte. Der Theatermacher, der seine TheaterArche als einziger am ersten möglichen Tag nach dem Kulturlockdown zur Premiere des überaus passenden Rückzugsstücks „Hikikomori“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=40634) öffnete, hat mit seinem Team nun die „Odyssee 2021“ erarbeitet. Ein Stationentheater, dessen erste zum Prolog ein jeweils anderer Ort im sechsten Bezirk sein

wird, diesmal war’s der Fritz-Grünbaum-Platz vorm Haus des Meeres, bevor es in die Münzwardeingasse 2 geht. Uraufführung ist heute Abend, www.mottingers-meinung.at war bei der gestrigen Generalprobe. Und so beginnt die Irrfahrt durch Schauplätze und Seelenräume. Zu Homer, Dantes „Göttlicher Komödie“, Dostojewskis „Verbrechen und Strafe“ und natürlich James Joyces „Ulysses“, hat Kavin, weil ihm das alles zu männlich konnotiert war, als weibliche Gegenstimmen die Autorinnen Marlene Streeruwitz, Miroslava Svolikova, Lydia Mischkulnig, Kathrin Röggla, Theodora Bauer, Margret Kreidl und Sophie Reyer eingeladen, Texte für die „Odyssee 2021“ zu verfassen.

„Mit dem Resultat“, so Kavin im Gespräch über sein nunmehriges „Frauenstück“, „jetzt vier Odyssas, zwei Penelopes und eine Lucia Joyce zu haben, Lucia, die Tochter von James Joyce, eine Tänzerin, die mit 30 als schizophren diagnostiziert wurde und 50 Jahre in diversen psychiatrischen Kliniken zubrachte.“ – „Errrrrrrrrrrrr wiederholt sich. Sch! Schlauch, Schlund, Schlamassel. Der Schlüssel zum Ödipuskomplex.“ (Margret Kreidl)

Sieben Performerinnen und sieben Performer, Roberta Cortese, Max Glatz, Claudio Györgyfalvay, Elisabeth Halikiopoulos, Helena May Heber, Marc Illich, Bernhardt Jammernegg, Tom Jost, Nagy Vilmos, Manami Okazaki, Eike N.A. Onyambu, Amélie Persché, Pia Nives Welser und Charlotte Zorell, dazu Multiinstrumentalist Ruei-Ran Wu, die meisten davon erstmals im TheaterArche-Engagement, gestalten die Collage. Eine Reise ins Ungewisse, Unbekannte, Untiefe, die sich für jede Zuschauerin, jeden Zuschauer des in drei Gruppen aufgeteilten Publikums anders gestaltet.

Choreografin Pia Nives Welser, hi.: Roberta Cortese und Claudio Györgyfalvay. Bild: © Jakub Kavin

Bernhardt Jammernegg im Inferno mit Max Glatz, Manami Okazaki und Charlotte Zorell. Bild: © Jakub Kavin

Roberta Cortese unter Höllentieren: Claudio Györgyfalvay, Max Glatz und Manami Okazaki. Bild: © Jakub Kavin

Bernhardt Jammernegg, Roberta Cortese, Charlotte Zorell und Pia Nives Welser. Bild: © Jakub Kavin

Man selbst strandet zuerst im Irish Pub, die Ausstattung aller Räume ist von Schauspielerin und Bildhauerin Helena May Heber, denn wie stets hat Kavin interdisziplinär tätige Künstlerinnen und Künstler um sich versammelt, strandet im Irish Pub also, wo man aber nicht etwa Leopold Bloom, sondern in Marc Illich und Tom Jost zwei Raskolnikows begegnet, die Serviererin-Prostituierter Sonja, Pia Nives Welser, mit Marc Illich und Claudio Györgyfalvay auch für die Choreografien zuständig, und Barkeeper Johannes Blankenstein bei Wodka und Whiskey vom Totschlag der Pfandleiherin berichten.

Dass dabei auch Russisch gesprochen wird, ist in der TheaterArche Programm, später wird’s noch Monologe in Englisch, Italienisch und Japanisch geben, Eike N.A. Onyambu rappt Amanda Gormans Amtseinführungsrede für Joe Biden: „We are striving to forge our union with purpose. To compose a country committed to all cultures, colors, characters and conditions of man.“ Roberta Cortese klagt im „Inferno“: „ich bin verwirrt gewesen, das kommt doch vor. ich hatte die mitte des lebens erreicht, die mitte des horizonts, den halben weg. oder, wo sonst bin ich hier?“ (Miroslawa Svolikova).

Koloratursopranistin und TheaterArche-Co-Leiterin Manami Okazaki spricht und singt zur AKW-Katastrophe in Fukushima: „Die Natur schlug zu und traf das Kernkraftwerk. 120 Kilometer vom Kernkraftwerk entfernt bin ich aufgebrochen und wusste wohin. In ein Zelt. Und was wird sein?“ (Lydia Mischkulnig). Kavin hat den Begriff Odyssee weit gefasst, vom antiken Inselhopping zur Irrfahrt zu sich selbst zur Rückkehr in ein verseuchtes Land.

Bernhardt Jammernegg als Teiresias. Bild: © Jakub Kavin

Fukushima-Monolog von Manami Okazaki. Bild: © Jakub Kavin

Elisabeth Halikiopoulos im Spiegel-Boudoir. Bild: © Jakub Kavin

Bildhauerin Helena May Heber. Bild: © Jakub Kavin

„Es geht mir um die Heimatsuche, die geografische wie die innere“, sagt er. „Meine Figuren sind Weitgereiste, Wartende, vom Schicksal verwehte, Anti-Heldinnen und -Helden, die fehlgehen, wo immer der Mensch nur irren kann. Das heißt“, unterbricht er sich, „meine Figuren sind es nicht, wir sind ein Produktionskollektiv, bei dem alle in die Rolle das Ihre einbringen. Ich vertraue den Spielerinnen und Spielern den Text an, damit sie ihn mit ihren eigenen Subtexten zum Leben erwecken.“

Derart ist die Performance von der ersten Minute an intensiv, durch die Nähe zum Geschehen auch intim, meint: auf spezielle Weise immersiv, die TheaterArche gewohnt innovativ. Weiter geht’s in den Theatersaal, wo sich im von Tom Jost und Nagy Vilmos gesprochenen „Inferno“ Roberta Cortese und Bernhardt Jammernegg in Höllenqualen winden. TheaterArche, das ist immer auch Körpertheater, hier kriecht ein Ensemble aus Unterweltsfratzen gleich Totentieren auf die Unglücklichen zu. Grausam-poetisch ist das, enigmatisch, aufregend, und so findet man sich in der persönlichen Lieblingsschreckenskammer wieder.

Einem Dostojewski’schen Spiegel-Boudoir mit Elisabeth Halikiopoulos als frech-frivole Molly Bloom, Charlotte Zorell als Reitgerten-bewehrte Domina und Nagy Vilmos mit Beißkorb – pst, mehr soll da nicht verraten sein. Nur so viel, um Sartre zu bemühen: Die Hölle, das sind die anderen …

Die Raskolnikows Marc Illich und Tom Jost parlieren im Irish Pub auch auf Russisch. Bild: © Jakub Kavin

Selbst das Klavier ist gestrandet: Amélie Persché, Nagy Vilmos und Charlotte Zorell. Bild: Jakub Kavin

Als Reitgerten-bewehrte Domina mit einem Stammkunden: Charlotte Zorell mit Nagy Vilmos. Bild: © Jakub Kavin

Endlich Penelope und Odysseus: Helena May Heber und Claudio Györgyfalvay. Bild: © Jakub Kavin

Die „Odyssee 2021“ dreht sich kaleidoskopisch um die Achse Homer, bei Kavin reimt sich selbst noch Amanda Gorman aufs Gorman-Gilbert-Schema zum „Ulysses“, Homer also, als dessen antiker Odysseus Claudio Györgyfalvay durch das Labyrinth der Räume rennt, gehetzt von Kirke und eigenen Dämonen, einen Ausweg erflehend, doch von Kavins Assoziationsketten in Fesseln geschlagen. Und apropos, schlagen: Im Foyer findet man erneut Helena May Heber, die während der zweimonatigen Spielzeit einen 300-Kilo-Stein zur Muttergöttin meißeln wird, begleitet von Amélie Persché, mit 17 Jahren die jüngste im Ensemble, auf der Bratsche. Zwei Frauen, Homers Penelope und Theodora Bauers Penny: „Sie haben mir gesagt, ich muss warten. Ich muss immer, immer warten. Ich hasse warten.“

Am Ende, alle versammelt im Theatersaal, gesellt Jakub Kavin zu seinen Protagonistinnen und Protagonisten die Antagonisten: Bernhardt Jammernegg als mittels Kontaktlinsen erblindeter Teiresias im Fake-News-Anzug, Tom Jost als Swidrigailow, Nagy Vilmos als Leopold Bloom und Max Glatz, eben noch Polyphem, als Joyces „Telemach“ Stephen Dedalus. Für Marc Illich als Zukünfigen Odysseus hat Hausautor Thyl Hanscho einen Text geschrieben. So endet nach drei Stunden ein herausforderndes, faszinierendes Theaterereignis, ein Gesamtkunstwerk, dessen Genuss man nur von ganzem Herzen empfehlen kann.

„Zwischen Skylla und Charybdis lassen wir die Ketten zur Brücke werden. Wir befreien die Ungeheuer und damit uns von der Angst in die alten Sprachen zurückzugeraten.“ (Marlene Streeruwitz)

Vorstellungen bis 11. November. Den Spielort des Prologs erfährt man jeweils beim Kauf des Tickets. www.theaterarche.at

TIPP:

Von 11. September bis 11. November findet in der TheaterArche außerdem das Odyssee Festival statt. Zu den 14 Aufführungen zählen: Dione – mit Koloratursopranistin Manami Okazaki präsentiert Scharmien Zandi erstmals alle Elemente des internationalen Kunstprojekts als Opernperformance. Lost My Way von und mit Saskia Norman, Regie: Elisabeth Halikiopoulos. Das Tanztheaterstück Mythos. The Beginning of the End of the Story von Nadja Puttner und Unicorn Art. Das Schauspiel- und Figurentheater Der Sturm, für Kinder ab 6 Jahren, frei nach Shakespeare und inszeniert von Eva Billisich. Stilübungen – Raymond Queneaus Meisterwerk als Theaterstück. Und von 28. bis 30. Oktober Das Dostojewski Experiment, eine szenische Collage der TheaterArche mit großem Ensemble, ein Fest zum 200. Geburtstag des russischen Romanciers.

www.theaterarche.at

  1. 9. 2021

Theater in der Josefstadt: Medea

September 10, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sandra Cervik mit einer gnadenlos guten Performance

Sandra Cervik als Medea. Bild: © Astrid Knie

Es ist dies der Abend der Sandra Cervik. Wie sie ihr Gefühlsbrodeln lange Zeit unterdrückt, um die Ratio walten zu lassen, wie der Zorn, die Verzweiflung plötzlich aus ihr bricht, wie sie dem Publikum die entblößte Schmerzensbrust darbietet, die Barbarin der zivilisierten Gesellschaft. Wie sich Kolchis‘ zauberkundige Königstochter schließlich auf ihre Sitten und Riten besinnt, einen Insektenschwarnm entfesselt und Kreusa unter einer Blutdusche zu Tode bringt, das ist grandiose Kunst.

Am Theater in der Josefstadt inszenierte Elmar Goerden „Medea“, keine Überschreibung wie im TAG (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36752), keine Neuschreibung wie am Burgtheater (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31048), und doch Grillparzer 2.0. Mit Joseph Lorenz als Jason und Michael König als Medeens Amme Gora scheint einem die Besetzung anfangs ungewöhnlich, doch – Wolfgang Hübsch gibt den Kreon, Katharina Klar die Kreusa – der Schein trügt, sie ist schlichtweg ideal.

Leicht ließe sich der Stoff aufs Aktuelle anspielen, aufs Flüchtlings- und Fremdsein,

auf Heimat und sozialen Halt, auf Asylsuche und allüberall Anecken angesichts der Unkenntnis von Korinths Gesetzen. Doch Goerden will seine Arbeit für derlei nicht Echokammer sein lassen. Wiewohl der Widerklang als Bassline mitschwingt, zeigt er in seinem Kammerspiel einen fatalen, ins Handgreifliche ausartenden Ehekrieg, in dem einer den anderen auffordert: „Gib‘ mir mich zurück!“

Auf der zumeist kahlen Bühne von Silvia Merlo und Ulf Stengl, mal ausgestattet mit schilfgesäumtem Pool samt funktionstüchtiger Brause – zum Abkühlen der Gemüter, jede und jeder steht da drunter, mal mit Medeas Kartonhäuschen, legt Goerden den Fokus auf zwei aneinander gefesselte Schicksale, deren eines sich zum Besseren wenden wird, sobald das andere besiegelt ist. Cervik und Lorenz agieren wie in einem Druckkochtopf, an dem schon das Ventil pfeift, eindreiviertel Stunden kurz, zwei Leben auf die Essenz reduziert.

Als bewusst jenseits des üblichen Heldenalters gewählte Besetzung geben sie der Beziehung von Medea und Jason Bodenhaftung, man ist in den Jahren des Beisammenseins gemeinsam älter geworden, hat sich in Schuld verstrickt, gestritten, versöhnt. Die Liebe, eine fast animalisch zu nennende, brennende Leidenschaft, Goerden zeigt sie an den ekstatischen Küssen der beiden. Doch, wie gesagt: Die Ratio ist noch das Gebot der Stunde, aber alsbald abgelöst von Rache und Raserei – das Ende einer Ehe, dargeboten mit einer Intensität, die sticht und trifft. „Ich kann nicht mehr“, wird er dann sagen, und sie erwidern: „Du nahmst mich einfach, wie ich war, bitte behalte mich, wie ich bin.“

Wolfgang Hübsch, Katharina Klar, Sandra Cervik, Johnny Waldeck, Moritz Hammer und Joseph Lorenz. Bild: © A. Knie

Charakterstudie mit dünnen Zöpfen: Michael König als Amme Gora und Sandra Cervik. Bild: © Astrid Knie

Konfrontation der Königstöchter: Sandra Cervik und Katharina Klar als Kreusa. Bild: © Astrid Knie

Sandra Cervik, Joseph Lorenz, Wolfgang Hübsch und Katharina Klar. Bild: © Astrid Knie

Ein Glück. Goerden hat Grillparzers Medea dieses Moment hinzugefügt. Auftritt Cervik zunächst Zähne putzend, aus der Thermoskanne trinkend, seltsam abgeklärt und sich – ganz „Magd“ – nicht ohne Sarkasmus andienend: „Ich will ja tun, was ihr mir sagt, nur was …“ Das von ihm verabscheute Kopftuch wird ihr Jason-Lorenz als Erstes vom gekräuselten Haar reißen, in Griechenland ist es weder passend noch empfehlenswert. Nicht nur darob lamentiert Michael König als Amme Gora, König, dem es mühelos gelingt, an Gender-Ideen vorbeizudribbeln. Seine Gora ist keine schrullige Travestienummer, sondern eine moralische Instanz, eine warnende Stimme, letzter Halt und Verankerung an Kolchis. Eine Vaterfigur, Königs fulminante Charakterstudie.

Und, apropos König: Wie Kostümbildnerin Lydia Kirchleitner die Gora mit Folklore-Look und dünnen Zöpfen versehen hat, so erscheint Wolfgang Hübsch als gutgelaunter Korintherkönig Kreon im Freizeitoutfit Hawaiihemd und Panamahut. Oh, wie schön ist’s am Isthmus! Jovial, rotbackig und Eis essend hat der eiskalte Politiker den Paradeschwiegersohn alsbald ins Visier genommen. Hübsch muss die Brutalität dieses kalkulierenden, auf Goldene Vlies scharfen Rechners gar nicht eigens ausstellen, man glaubt sie ihm sowieso.

Die Sache ist für ihn so klar, wie Schauspielerin Katharina Klar als Kreusa, die großartig rotzfrech zwischen majestätischer Göre, Frauensolidarität und von Medeas Söhnen vergötterter Stiefmama changiert. Die Buben hat sie sich mit Konsumgütern schnell gekauft. Mit Palmwedeln und Akkordeontönen zwingt Jason sie den Kreon zu begrüßen, sehr zum Ärger von Muttertier Medea, und zu den ungelösten Geheimnissen der Regie zählt, neben Klars Zottelbärenkostüm und einem Blowjob, den Kreon als Medeas Abschiedsgeschenk missdeutet, warum der jüngere im Rollstuhl sitzen muss – es sei denn, da Mermeros mehr der Mutter, Pheres mehr dem Vater ähnelt, es wäre dies ein Hinweis auf Jasons vererbte empathische Verkrüppelung, die durch den Sohn an den Tag tritt.

Feinziselierer Goerden hat Grillparzers Figuren tiefenpsychologisiert, modern mag man das nennen, ohne dass es aufdringlich gewirkt hätte, Medeas frühfeministischer Monolog über ihr Frau-Sein: „Was“, fragt die Cervik, „zu viel geredet oder zu laut?“ Auch Joseph Lorenz durchmisst die Emotionenskala, kann im Sorgerechtsstreit grausam, flehentlich, kaltherzig sein – „Ich bring‘ dich um, wenn du nicht gehst“, zischt er Medea im Vorbeigehen zu – und bei der Klar beherzt zupacken. Der geschmeidige Schnitzler-Spieler (beide eben noch in „Der Weg ins Freie“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47389) präsentiert hier eine andere Facette seines Könnens.

Der Ehekrieg und Sorgerechtsstreit …: Sandra Cervik und Joseph Lorenz. Bild: © Astrid Knie

… wird zum Flehen um die beiden Söhne: Joseph Lorenz und Sandra Cervik. Bild: © Astrid Knie

Kaum größer als eine Hundehütte: Sandra Cervik und Michael König vorm Kartonhäuschen. Bild: © Astrid Knie

Der Bub ist tot: Michael König, Moritz Hammer, Sandra Cervik und Joseph Lorenz. Bild: © Astrid Knie

Einen toxisch-männlichen Egoisten, einen so selbst- wie ungerechten Jason, keifend und in Sekunden von Null auf 180, einen, bei dem bereits der Herzkasperl anklopft, und der punkto Kreusa in romantisierter Nostalgie schwelgt. „Da war ich zwölf Jahre alt“, begehrt diese auf, und macht damit Fragen nach dem Altersunterschied platt; Katharina Klars Kreusa, man glaubt ihr nicht wirklich, dass sie den Jason mit Freuden heiratet. Zur Ratio gesellt sich die Staatsräson.

Und einmal noch die Cervik, die spielt, mit einem wie Drachenschuppen aussehenden, archaischen Schulterbranding, als holte sie ihren den Blicken verborgenen Grund der Seele ins Rampenlicht. Was eine Szene, in der sie versucht, Kreusa Jasons und ihre Passion zu erklären, wie sie ihm – von Kreusa mit High Heels und Lingeriehemdchen verkleidet, welch Inbegriffe von Zivilisation!, Leonard Cohens „Dance Me to the End of Love“ zuwispert, wie sie der gemeuchelten Kreusa die blondgelockte Perücke als Trophäe vom Kopf reißt, wie sie ihr Hundehütten-kleines Kartonhäuschen jenem Erdboden gleichmacht, auf dem für sie kein Platz sein soll. Herzzerreißend ist das, von Leid und Irrsinn umzingelt einen Hauch overacted.

Zum Song „A Horse With No Name“ von America kommt’s zum Äußersten, zum Kindsmord unterm Würfelhimmel und in aller Stille. Blackout. Dann: Eine Geburtstagsparty mit Kerzen auf dem Guglhupf, und alle sind sie wieder da, Mermeros und Pheres, Opa Kreon, Oma Gora, Tante Kreusa, Mama und Papa. Medea und Jason. Ein Traumbild einer heilen Welt. Nach dem antinaturalistischen Dekor und der künstlich überhöhten Ästhetik der Aufführung eine letzte Überraschung von Elmar Goerden. Manche im Publikum hat’s irritiert. Viel Applaus gab’s dennoch für alle, extra Jubel für Sandra Cervik.

Video: www.youtube.com/watch?v=ZQ0xGHuX5Fg           www.josefstadt.org

  1. 9. 2021

Schauspielhaus Graz/ORF III-Stream: jedermann (stirbt)

April 17, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schlagerschulzen am Würstelstand

Die Tafel des reichen Mannes hier als Tresen einer Imbissbude: Nico Link, Katrija Lehmann, Fredrik Jan Hofmann, Raphael Muff. Lukas Walcher und Evamaria Salcher. Bild: © Lex Karelly

ORF III zeigte gestern im Rahmen der Reihe „Wir spielen für Österreich“ Ferdinand Schmalz‘ zeitgenössisches, grandios wortwitziges Gaukler-Spiel über die Gier und andere Todsünden: „jedermann (stirbt)“ aus dem Schauspielhaus Graz. Die Inszenierung von Daniel Foerster, nominiert für den Nachspielpreis des Heidelberger Stückemarkts 2020, ist noch sechs Tage in der ORF-Mediathek abzurufen. Schrill, schräg, exaltiert und exzentrisch, so präsentiert sich hier die Tischgesellschaft

des reichen Mannes, anderes als in der schwarzgoldenen Uraufführung von Stefan Bachmann am Burgtheater (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28390), ein Video macht den Anfang, als hätt‘ der Herrgott die Sache immer schon auf dem (Bild)-Schirm gehabt. Aus den Garderoben, der Kantine, dem Regieraum eilt sie herbei, die High Society, der Hochfinanzhai hat zur Gartenparty geladen – die Ausstatterinnen Miriam Haas und Lydia Huller haben ihm dafür statt Weltbühne eine Imbissbude aufgestellt.

Schmalz hat seinen Hofmannsthal studiert, bevor er dessen Werk über- und ergo fortschrieb. Derart ist ein Zeitgeist-Zerrspiegel entstanden, der das Original weder zur Seite schiebt noch unkenntlich macht, sondern vielmehr die akuten Verhältnisse zur Kenntlichkeit entstellt. Dafür hat Schmalz die Figuren neu gruppiert – zur Buhlschaft-Tod, zum armen Nachbar Gott, zu den Werken-Charity, die gleichzeitig der Mammon ist, ganz erschöpft von den vielen Charity-Veranstaltungen: die füße wund vom walzertanzen / die hände krumm vom vielen schütteln / die nase rau vom vielen pudern / die stimme heiser vom palavern …

… und dennoch kein Spendenfluss ohne seitenblickendes Fressen und Saufen und Steuervorteile … wobei oder weshalb der Obolus derzeit lieber an gemeinnützige Vereine, vornehmlich solche ohne jegliche im Ibiza-Ausschuss nachzuweisende Verbindung zur einen oder anderen Partei, entrichtet wird … Katrija Lehmann – auch fabelhaft in „Zitronen Zitronen Zitronen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45582, nächster Stream-Termin am 29. April) und „Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=44995, VR-Brille nun österreichweit zu bestellen) – Katrija Lehmann hat als Charity einen Oscar-reifen Melodram-Auftritt, bevor sie ermattet in Jedermann Raffael Muffs Arme sinkt.

Der arme Nachbar Gott: Henriette Blumenau. Bild: © Lex Karelly

Raphael Muff als Jedermann in der Neonlichtdämmerung. Bild: © Lex Karelly

Lukas Walcher, Katrija Lehmann und Raphael Muff. Bild: © Lex Karelly

Und apropos, arm: In Jedermanns blitzeblank-weißem Paradies, im Dorado des obszönen Lifestyles sind Krethi und Plethi nicht willkommen. Heißt im speziellen Fall, der arme Nachbar-Gott (ist weiblich): Henriette Blumenau mit Perlenbart, die zwar ihren alttestamentarischen Senft zu Jedermanns bevorstehendem Ableben gibt, ansonsten aber mit der Würzpaste ausgiebig besudelt wird. Die diesbezügliche Squeeze-Flasche ist rasch zur Hand, weil: Imbissbude. „Swallow“ steht in Neonschrift über dem Kiosk, Schlucks!, Schlucks runter! Das Friss-oder-stirb gilt denen vorm Zaun, dort wo’s brodelt, wo es Krieg und Kriegsopfer geben soll.

Doch das kriegt er, der’s mit der Wirtschaft-Treibende, der Börsentitan, der sich die Erde als Investment Untertan macht, der eitle Hedgefonds-Hero, nur sehr peripher mit. Zu sehr umgarnt ihn Buhlschaft-Tod, Lukas Walcher als Schwarze Witwe im kleinen Schwarzen, als unheimliche, androgyne Erscheinung die Sensation des Abends. Lasziv lockend, macht er Jedermann glauben, er sei der siebte Sohn des siebten Sohnes, während er in Wahrheit schon den Herzkasperl-Griff à la Domplatz trainiert. Welch eine Performance, die nur so vor Gift trieft.

Auch Raphael Muff spielt grandios als Jedermann, der Kapitalismusgewinnler ein Großkotz, der gar nicht anders kann, weil er nichts anderes kann, als Geld anzuhäufen, und dennoch zeigt Muff auch sympathische Seiten, kann in stillen Momenten Empathie erweckten. Prätentiös, prahlsüchtig, proletenhaft, am Ende des Tages aber verängstigt und klein, gestaltet Muff im Wortsinn einen jedermann, wie ihn sich Salzburg kaum besser wünschen kann, der Spekulant, der sich punkto Lebenszeit verspekuliert hat, und nun fürchtet, was alle fürchten: alleine gehen zu müssen. In einem Gnadenbild gewährt ihm Göttin Blumenau deshalb eine Pietà.

Foersters Inszenierung schmiegt sich stimmig um die Schmalz’schen Wortkaskaden, und spickt mit Verve die sprachgewaltigen, poetischen Verse mit einem flotten Liedchen hie und da. Schlagerschnulzen am Würstelstand, sozusagen. Höhepunkt: eine Ode an den Fleischkonsum, Musik: Jan Preißler, wen kümmert schon die Klimabilanz solang die eigene stimmt? Wie schön, dass neben Sarkasmus auch der Schenkelklopf-Humor zu seinem Recht kommt.

Das Opferlamm ist auserkoren: Blumenau, Muff, Walcher, Lehmann, Link, Hofmann und Salcher. Bild: © Lex Karelly

Schenkelklopfen mit dickem und dünnem Vetter: Frederik Jan Hofmann, Raphael Muff und Nico Link. Bild: © Lex Karelly

Link als Jedermanns Mutter, Jedermann rechtet mit Gott um sein Überleben: Muff und Blumenau. Bild: © Lex Karelly

Im Wortsinn ein Totentanz: Wenn Link, Muff, Blumenau, Walcher und Salcher tanzen, ist’s ein „Thriller“. Bild: © Lex Karelly

Diesen besorgen vor allem Frederik Jan Hofmann und Nico Link als dicker und dünner Vetter, zwei Volksverdreher, äh: Vertreter in Badehosen, die Schulden für eine Politkampagne angehäuft haben, erst schmeicheln, sich gar demütigen und hündisch züchtigen lassen, aber die Kurve kratzen, als es ans Sterben geht. Nicht ohne anzukündigen, dass sie nun wohl Jedermanns Konzerne übernehmen werden. Link übernimmt mit geflochtenem Haarkranz und im Trachtendirndl auch den Part von Jedermanns bigott-ländlich-sittlicher Mutter, Lehmann lässt als Mammon die Jedermann-Marionette an ihren Fäden zappeln. Evamaria Salcher will als Jedermanns Frau, man möcht‘ sie für den Glauben halten, dessen Sünden jedenfalls nicht ausbaden.

„jedermann (stirbt)“ vom Grazer Schauspielhaus schillert in allen Farben der Gegenwart, überzeugt durch ein fabelhaftes Ensemble, hervorragende Regieeinfälle und zombieösen Michael-Jackson-Thriller-Totentanz. Daniel Foerster hat aus Ferdinand Schmalz‘ Vorlage ein absurdes Theater, ja, ein Grand Guignol gemacht, samt Kasperl, Gretel, Krokodil jenseits aller Gendergrenzen. Doch bei all dem – siehe Würstelstand – blunznfetten Champagnisieren schreit die gesellschaftspolitische Brisanz laut auf: die Finanzoligarchie ist eine vielköpfige Hydra, sie zu bezwingen eine Herkules-Aufgabe.

„die eigentliche lehr, / die wir aus diesem spiele ziehen können, / ist, dass einer hier geopfert wird, / um unsere gemeinschaft rein zu waschen“, heißt es bei Schmalz, und ein Schelm, wer da ans Tagesaktuelle denkt. „Für all die lebenden Toten, für all die toten Lebenden“, sagt Buhlschaft Walcher singe man jetzt. Auf Deutsch, die ersteren in Europa, die zweiteren hinterm Festungswall. „Wir sind die Welt, wir sind die Kinder, wir haben den besseren Tag, also fangt an zu geben …“ Wahre Worte, die niemand leugnen kann.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=O6SDIlBXUyM           schauspielhaus-graz.buehnen-graz.com           tvthek.orf.at

  1. 4. 2021

Lydia Mischkulnig: Die Richterin

Dezember 29, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch im Aktenstapel der Asylfälle

„Hast du nie Angst?, fragte Joe. – Wovor? – Dass jemand dich persönlich verantwortlich macht für sein Elend … Verachtest du sie? – Verachten ist nicht das richtige Wort, aber manchmal ist es ein Spiel und ich habe das Gefühl, die Würfel entscheiden lassen zu können, und trotzdem muss jeder Fall erwogen werden, sagte sie. – Und was willst du essen?, fragte Joe.“ Sie, das ist Gabrielle, Richterin am Verwaltungsgerichtshof in Wien und die Protagonistin in Lydia Mischkulnigs aktuellem Roman. Was Gabrielle verhandelt, sind sogenannte Fälle der zweiten Instanz.

Beschwerden gegen Negativbescheide des Bundesamtes für Fremdenrecht und Asyl, heißt also: tatsächlich das Leben von Menschen, die akut von der Abschiebung bedroht sind. Bei Gabrielle teilen sie sich in zwei sich türmende Aktenstapel, rechts die einfach zu erledigenden Fälle, links die, die schwerer abzuurteilen sind. „Korrektheit machte Gabrielle nicht unmenschlich, nur emotional unberührbar für das Amt“, charakterisiert die Autorin diese weder kaltblütige noch warmherzige Frau, deren nüchterner Pragmatismus Mischkulnigs Schreibstil bestimmt.

So kühl und distanziert, dass man ihn eine drastische Neue Sachlichkeit nennen möchte, und der dennoch ganz nah an Gabrielle ist. Der Tonfall, die Gedanken, ganz klar befindet sich die Leserin, der Leser im Kopf der Richterin. Mit wenigen Sätzen umreißt Mischkulnig die Tragweite der Situation. „Die einen berichteten das Grauen und die anderen färbten Afghanistan schön und bekämpfen kritische Einschätzungen als Hirngespinsterei einer Asyl-Lügen-Fabrik. Es gebe ihrer Meinung nach Straßenzüge in Kabul, in denen Schreiber sitzen und gegen Bezahlung Morddrohungen für die Fluchtwilligen verfertigten …“

„Manche Sachverständige waren überzeugt, dass drei Viertel der Flüchtlinge Wirtschaftsflüchtlinge seien, wobei der Wunsch, dem Elend zu entkommen, eben keinen Asylgrund darstelle …“ „Selbst der afghanische Minister für Flüchtlingsfragen bat die Republik Österreich, Asylwerber nicht zurückzuschicken, da man zu Hause nicht wisse, wohin mit ihnen …“ „Die Rückkehrer waren durch die Fluchtjahre schon von zu Hause entwöhnt und mussten in den Familien ihr Stigma als Versager tragen …“ „Lehrlinge waren aus den Ausbildungsprogrammen herausgerissen und abgeschoben worden. Die Politik manipulierte das richterliche Denken …“

Von NGO-Broschüren über „die Formeln juristischer Textkörper, die sie mit Copy & Paste in die Schriftstücke einpasste“ bis zu den Länderberichten – über Terrortote und Polizeigewalt bis zu fehlenden Arbeits- und Ausbildungsplätzen. „In den Asylfällen zählten die nachgereichten Unterlagen nicht viel …“

Screenshot. Quelle: fairness-asyl.at

Screenshot. Quelle: fairness-asyl.at

Zwischen diesen Polen pendelt Gabrielle. Recht, Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit. Sie verhandelt den Fall eines 18-jährigen Vergewaltigers aus Afghanistan, den einer Somalierin, die ihre Tochter beschneiden lassen wollte, psychiatrische Gutachten, verquere Logiken, Scheinehen, ein schwuler Modedesigner, Intim-Femizid, eine Hazara-Frau, deren Ehemann das Bleiberecht erhalten hat, sie stumm und stur, während er von der hinteren Sitzreihe nach vorne plärrt. „In den Essays von Jean Améry stand geschrieben, dass der Verlust des Weltvertrauens immer in einer physischen Kränkung resultierte“, ist ein Satz, der Gabrielle bis in ihre Träume verfolgt. Einem Anschlag fast zum Opfer gefallen zu sein, sei kein Asylgrund, entscheidet sie.

Sie überprüft Integrationswilligkeit, indem sie die Sonderangebote hiesiger Supermärkte abfragt. Sie weiß um ihre Entscheidungsmacht, und muss sie aushalten. Was „Die Richterin“ erzählt, ist die Geschichte einer allumfassenden Desillusionierung. Das Thema, sagt Mischkulnig im Online-Gespräch, begleite sie seit der rumänischen Revolution, „als nach dem Regimewechsel rumänische Kinder zu Gast in der Schule waren, die meine Mutter damals führte. Als dann 2015 die Flüchtlinge aus Syrien nach Europa kamen, war mir klar: Ich möchte auch wissen, was es heißt, im Asylwesen mitgestalten zu können. Wer sind all die AkteurInnen? Und schließlich interessierte mich der Gerichtssaal mit seiner interessierten Öffentlichkeit.“

Und diese Öffentlichkeit? „War ich selbst, in diese Rolle konnte ich mich begeben. Ich saß viele Monate dort und konnte Gespräche führen, sowohl mit HelferInnen und RechtsberaterInnen als auch mit den RichterInnen, ReferentInnen und Betroffenen. Ich wechselte meine Perspektiven und irgendwann war mir klar, wie kompliziert die Lage ist und wie menschlich. Jeder Mensch hat das Recht auf ein Bleiben in Sicherheit. Aber was geschieht mit denen, die Sicherheit nicht einmal begreifen, sondern bedrohen?“

Bild: pixabay.com

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Bild: pixabay.com

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„Jeder Fall ist speziell“, so Mischkulnig. „Das erfuhr ich auf nationaler und internationaler Ebene. Es geht immer um das Individuum. Ich habe gelernt, dass Recht gelebt werden muss. Und die Frage ist: Wie? Es ist ungeheuerlich, einen negativen Bescheid zu lesen. Es ist auch ungeheuerlich, einen positiven zu lesen. Das Bewusstsein darüber, dass es sich immer um ein menschliches Schicksal handelt, macht einen gewaltigen Druck auf Geist und Psyche.“

„Die Richterin“ ist zweifelsfrei ein politischer, doch auch ein extrem feingesponnen doppelbödiger Roman. Gabrielle nämlich muss nicht nur beruflich Recht sprechen, sondern auch im Privaten nach dem Rechten sehen. Dort herumgeistern: Ein drogensüchtiger Bruder, der indirekt die Schuld am Tod von Gabrielles ungeborenem Kind trägt, und der sein eigenes nach dem Überdosistod der Freundin zur Adoption freigibt. Ein Vater, von dessen Pistole in der rechten Hand unklar bleibt, ob Selbstmord oder Mord. Ein Ehemann, Joe, dessen Leidenschaft inzwischen mehr Gabrielles Garderobe als ihr selbst gilt. Er schlüpfe in die Kleider, um seiner Frau nah zu sein, erklärt er. Einmal entwendet er ihren Talar als Kostüm für ein Gschnas.

Unterm analytisch-präzisen Blick, den die Kärtner Schriftstellerin mit ihrer Figur teilt, werden die dunklen Flecken dieser Seelen und ihrer Schattenkämpfe ausgeleuchtet. Überforderung, Übermüdung, Überarbeitet-Sein. „Sie erledigte stets alles sofort, nur nicht, was ihr selbst zu Leibe rückte“, so Mischkulnig über Gabrielle. Als dann ein Mail des Bruders, ausgerechnet aus Kabul, ein weißer Lieferwagen und ein vermeintlich Unbekannter auf der Bildschirmfläche erscheinen, geraten die Waagschalen, die Gabrielle sorgsam austariert in Händen hält, endgültig aus dem Gleichgewicht …

Screenshot: Der Standard vom 25. Mai 2018. Quelle: fairness-asyl.at

In Mischkulnigs Buch, das sich um jene Realität bekümmert, die für viele Menschen schicksalsbestimmende Entscheidungen bereithält, kann man Diveres ablesen über das Klima in diesem Land. Die Autorin entwirft ein unerbittliches Zeit-, ein Sittenbild soeben laufender Ereignisse. Sie verhandelt Grundsätzliches und hält sich mit schnellen Urteilen zurück. Ihr Schreiben ist die komplexe Summe ihres genauen Überprüfens und Reflektierens. Das Geschriebene hallt nach in einem, wenn sie „das österreichische Asylwesen“, als wär’s ein Lebewesen, als letztlich unüberwindbaren Hindernisparcours darstellt, und glücklich diejenigen, für die die Welt, in die sie beim Lesen eintauchen, eine Terra incognita ist.

Ist einem Gabrielle sympathisch? Jjjjnein! Doch so furios wie fulminant ist, wie Lydia Mischkulnig deren Assoziationsstrom von Kunst über „Kulturkreis“ bis Gericht, von Familie bis Verlust des Augenlichts bändigt. Man besucht das Akademietheater und wünscht sich in die Josefstadt, man diniert gediegen, doch jeder Bissen wird gleichsam zur Innenschau. Man diskutiert „Mentalität“ beim Sekt und zum Rotwein moralisches Dilemma: „Die wahre Perversion ist die politische Haltung der christlich-sozialen Partei gegenüber Menschen in Not.“ Jaja.

„Thomas Mann war als Exilant in Amerika willkommen, und als er sagte: Wo ich bin, ist deutsche Kultur, da hat die Welt applaudiert, sagte Gabrielle … Wenn ein afghanischer Schriftsteller heute sagte: Wo ich bin, ist afghanische Kultur, wäre das ein islamistischer Übergriff, den die Identitären begrüßen würden, um die Afghanen zum Teufel zu jagen, sagte Joe.“

Über die Autorin: Lydia Mischkulnig ist eine der spannendsten und unkonventionellsten literarischen Stimmen Österreichs. Geboren 1963 in Klagenfurt, lebt und arbeitet sie meist in Wien. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bertelsmann-Literaturpreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 1996, dem Veza-Canetti-Preis und dem Johann-Beer-Literaturpreis – beide 2017. Bei Haymon erschienen bisher die Romane „Hollywood im Winter“, „Schwestern der Angst“, „Vom Gebrauch der Wünsche“ und der Erzählband „Die Paradiesmaschine“.

Haymon Verlag, Lydia Mischkulnig: „Die Richterin“, Roman, 269 Seiten.

www.haymonverlag.at           www.lydiamischkulnig.net           Die Autorin im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=0qZWP0VqGHc&t=1445s

LESETIPP: Textperlen in Asylverfahren: www.fairness-asyl.at/textperlen-im-asylverfahren

  1. 12. 2020

Schauspielhaus Wien Stream: Am Ball. Wider erbliche Schwachsinnigkeit

Dezember 16, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Lydia Haiders Blutrauschroman als Splattermovie

Film-Still: © Schauspielhaus Wien

Sie geht über den weiten Heldenplatz, stracks auf die Hofburg zu. Nebel steigt auf von der Erde und feuchtet bereits das Land. Die Kälte kriecht wie ein Ungeziefer umher überall, in die Schuhe, unter die Gewänder, so dass es ein Frösteln ist. „Sag: Wer hat es so kalt gemacht?“ Angesichts der vorweihnachtlichen Schande Europas ist Lydia Haiders und Co-Autorin Esther Straganz‘

Frage aus ihrem im Jänner 2019 veröffentlichten Buch „Am Ball“ hochaktuell. Fürs Schauspielhaus Wien haben nun Regisseurin Evy Schubert und Kameramann Patrick Wally aus dem Blutrauschroman ein Splattermovie gemacht, Zusatztitel: „Wider erbliche Schwachsinnigkeit“, die geplante Theaterpremiere folgt, sobald erlaubt. Schauspielerin Clara Liepsch ist es, die mitten auf dem Akademikerball eines nicht enden wollenden Sterbens ansichtig wird, und ein Schelm, eine Schelmin, wer da ans C-Wort denkt, denn tatsächlich ist der kommende für den 29. Jänner 2021 ausgerufen.

Im Nebelrabencape, ein gefiedertes, fast mythologisches Hugin-und-Munin-Wesen, Gedanke und Erinnerung, das jetzt, jetzt sofort fliegen wird, streift Liepsch umher. Zwischen halbierten, teilamputierten Schaufensterpuppen, die Nackten – und die Untoten, die derweil wie der Teufel an die Wand geworfen werden; Bühne und Kostüme sind von Maria Strauch. „Unruhige Ruhe liegt hier, als tut man unrecht, hier zu sein“, sagt Liepsch. Am Sicherheitscheck ein Stau. Gefahr droht – woher?

Bild: © Matthias Heschl

Bild: © Matthias Heschl

Bild: © Matthias Heschl

Köstlich, wie sie die einziehenden „Aktiven“ der Wiener Korporationen beschreibt, ein jeder in seiner Couleur, mit ihren Requisitensäbeln. Liepsch speit das „Äh“, als müsste sie sich übergeben: Jüngling-äh, Geschicht-äh, Ballrob-äh. Alles hier ist brech/reizend. Nach etwa zehn Minuten beginnt das Gemetzel. Die rechte Elite der Republik, darunter allerlei blaues Geblüt, blutet aus. Körper fallen auseinander, Köpfe lösen sich auf. Und die Kamera hält auf Clara Liepsch „Rocky Horror Picture Show“-Mund, der verspritzte Lebenssaft ringsum so rot wie ihr Lippenstift, die Westen längst nicht so weiß wie ihre Zähne.

Was ist passiert? Man weiß es nicht. „Warum sagt niemand etwas?“ „Wer kann sagen, was das hier soll?“ Wer entvölkert das Land vom Völkischen? „Wie das auseinanderstirbt!“ Und wie Liepsch von Festwichs und Cerevise reportet, Drängen und Treiben im Saal, bevor sie in der Seitengalerie eine Fleischhauerei eröffnet und darin die österreichische Identität in Form von Schnitzeln malträtiert. Die Beobachtungen der sich verschwörerisch ans Publikum richtenden Figur sind in ihrer archaischen Mauerschau/derhaftigkeit prädestiniert für die Leinwand.

Die Teichoskopiererin bewegt sich durch insgesamt sieben Räume – wie durch Gottes Schöpfungszahl, darunter das Kunsthistorische Museum Wien und die Papillon Sauna in der Müllnergasse, und schaut der Herrenrasse bei der Selbstauflösung zu. Wie utopistisch das gedacht ist, wie sich das männerbündlerische Feiern im kassandrischen Feminismus seinem Ende entgegensprengt. Und die Fächerpolonaise-Frisuren samt Krönchen ums Verrecken gleich mit in den Untergang reißt.

Film-Still: © Schauspielhaus Wien

Alldieweil sich die Darstellerin, mittlerweile aufgemacht als Lackstiefel-Domina, in der Verkörperung des allen gleichsam entleibt. Aus Clara Liepsch „Erstkommunionslächeln“ wird eine Fratze, und wie lange hat man schon das Wort „Lurch“ nicht mehr gehört. Dazu Original-Bilder vom Rumtataa-Einzug, Politiker unter Applaus, die Ewiggestrigen sterben nur im Film aus, Lydia Haiders soghafte Prosa entwickelt sich dank Liepschs übertrieben deutlicher Artikulation zum Mahlstrom der Geschicht-äh.

Ein Pappmaché-Penis, ein Stück durch die Porzellangasse geschleiftes rohes Beiried, Sinnbilder „toxischer Männlichkeit“, komplettieren das Ganze. Als sei’s zur Ausstattung eines „festlich behangenen“ Chargierten. Festwichs mit Phallus, sozusagen. Im Rauchkeller-Purgatorio. Zu Micha Kaplans Kakophonie. Mit Schmiss und Milieu-bewusst. Und erstaunlich ist, wie Evy Schubert nach Lydia Haiders Vorlage etwas Derartiges erschaffen konnte, wo doch das Originalritual radikaler, beunruhigender ist als jede Überzeichnung, Satire oder Parodie.

Doch gelingt es hier, und die Liepsch lacht dazu affektiert, changiert exaltiert zwischen böser Wirklichkeitsironisierung und bitterer Wahrheit, tatsächlich gelingt es hier, die Wirkmacht der Sprache, ihre Gewalt/tätigkeit aufzuzeigen, die nationalistischen und rechtskonservativen Tendenzen, die sich „Am Ball“ gleich einem Staatsakt präsentieren. Wollt ihr die totale Dekadenz? Bitte nur, wenn sie sich sofort selbst abschafft! Und weil Witz niemals zu Kurz kommen kann, hat die Produktion auch schon eine Pop-up-Politics-Seite. In diesem Sinne: Ballaballa Solutions!

Bis 30. Dezember. Der Film wird online jeweils von 20 bis 24 Uhr auf vimeo übertragen. Den Zugangs-Code erhält man nach dem Ticketkauf im Bestätigungsemail von Culturall.

www.schauspielhaus.at           ballaballa.solutions/weltheimat

  1. 12. 2020