Theater in der Josefstadt: Der Besuch der alten Dame

Oktober 20, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alle Kameras sind auf Güllen gerichtet

Das Fernsehen filmt Claire Zachanassians Ankunft in Güllen: André Pohl, Siegfried Walther, Arwen Hollweg, Andrea Jonasson, Alexandra Krismer und Lukas Spisser. Bild: Herwig Prammer

Breaking News, Live-Schaltungen, Society-Berichterstattung. Ein Imagefilm des Zachanassian-Konzerns und Kinderfotos von dessen Inhaberin. Medienhype wird Medienhatz wird Medienschelte. So will es Regisseur Stephan Müller, der mit seiner Interpretation des Dürrenmatt-Klassikers „Der Besuch der alten Dame“ am Theater in der Josefstadt sein Debüt am Haus gibt. Nur wenige Monate nach der so zeit- wie ereignislosen Inszenierung der Tragiposse am Burgtheater versucht es Müller mit einem Deutlichmachen des Zeitungeists – und reüssiert damit. Lehrt er doch dem bis zum Gehtnichtmehr gesehenen Stück tatsächlich ein paar neue Tricks.

Dabei tut er der heimtückisch lehrreichen Hochkonjunktur-Komödie niemals unrecht, die offenbare Ewiggültigkeit dieser grotesk-bösen Parabel auf die korrumpierende Wirkung von – prognostiziertem -Wohlstand und die darob Krisenanfälligkeit von Rechtsprozessen bleibt unangetastet. Müller dreht die Dürrenmatt’sche Schraube sogar noch fester, bei ihm hat sich der Kapitalismus, dies sehr frei nach Peter Rüedi, demokratisiert, gleichzeitig die Gesellschaft entsolidarisiert. Und zwar ohne viel Steigerungsform, sondern von Anfang an.

Jeder geifert nach seinem Stück vom Kuchen, die Geldgier regiert Güllen – und ergo wird die wichtigste Vertreterin des Systems mit allen Ehren empfangen. Und dank ihres Auftritts sind nun alle Kameras auf Güllen gerichtet. Die meineidigen Kastraten und allerlei anders Surreales hat Müller gestrichen, dafür in seiner Turbo-Bearbeitung die Rolle der „Lästigen“ groß gemacht: Martina Stilp und Alexandra Krismer kommentieren, analysieren, diskutieren als krawallige Fernsehleute mit gekonnter Privatsender-Schnappatmung die Situationen, in die sich die kleingeistigen Kleinstädter mit ihren Machenschaften manövrieren. Auf fünf Monitore wird das übertragen (Bühnenbild und Video: Sophie Lux, sie lässt auf transparenten Screenfronten auch Wald, Scheune und einen Flugzeugstart entstehen), und doch bleibt diese von sensationsgeil zu skandallüstern sich auswachsende Journaille immer irgendwie außen vor, wird mit blödsinnig-banalen Informationsfetzelchen genarrt und vorgeführt und durchschaut nichts. Bis sie am Ende sogar fröhlich das Herzversagen aus Freude frisst.

Spielmacherin in dieser „Schulden, Schuld & Sühne“-Satire ist selbstverständlich Milliardärin Claire Zachanassian, und Grande Dame Andrea Jonasson für die Figur, deren Darstellung sie davor drei Mal ablehnte, eine Idealbesetzung. Die Jonasson changiert wie das ihr von Birgit Hutter angepasste schwarze Designerkleid, zwischen mephistophelisch, mondän, monströs. Sie ist ganz gelassen, stoisch und seelenruhig abwartend und süffisant, die Stimme moduliert sie von gefährlich schmeichlerisch zu scharfzüngig bedrohlich. Dieses ehemalige „Wildkätzchen“ Ills ist ein geschmeidig auf seine Beute lauerndes, gleichzeitig seine Wunde leckendes, denn wie alle Diven hat es eine, Raubtier. Gleich dem Panther, der der Zachanassian noch entlaufen wird.

Wie ein Panther belauert Claire die Bürger: Andrea Jonasson, Oliver Huether, Elfriede Schüsseleder, Alexander Strobele, Michael König, Siegfried Walther und André Pohl. Bild: Herwig Prammer

Aus gefährlich schmeichlerisch wird schnell scharfzüngig bedrohlich: Andrea Jonasson und Michael König. Bild: Herwig Prammer

Sogar ein Volksschulfoto von „Kläri“ und Alfred wird den Journalisten gezeigt: Siegfried Walther, Michael König, Martina Stilp und Michael Würmer. Bild: Herwig Prammer

Den Alfred Ill gibt Michael König zunächst mit dem Image eines gealterten Don Juan, bis seine Verve in wütende Verzweiflung, schließlich in Weltmüdigkeit umschlägt. Sehr schön ist zu sehen, wie diesem einstigen Schwerenöter die Selbstgefälligkeit aus dem Gesicht fällt, filigran, fast jedermännisch gestaltet König dessen Verwandlung vom eitlen Protz zum Leidensmann, ein einstiger Täter, der Opfer wird. Die Güllener Honoratioren, die opportunistischen Speichellecker, die scheinheiligen Moralapostel und Spekulanten mit, schließlich willige Vollstrecker von Ills Tod, verkörpern:

Siegfried Walther als unverschämt manipulativer Bürgermeister, André Pohl, der als Lehrer larmoyant vorgibt, den Humanismus hoch zu halten, von beiden eine Glanzleistung, Johannes Seilern als bigotter Pfarrer, Alexander Strobele als schleimiger Mitläufer-Arzt und Oliver Huether als auf Streit gebürsteter Polizist. Bravourös wird hier vorgeführt, wie schnell Worte Werte ummünzen können.

Witzig auch, wie sich das Ensemble je nach dargestelltem Charakter ein für ihn typisches Verhalten vor der Kamera ausgedacht hat, von augenaufreißend eingeschüchtert – der Lehrer, der Arzt – bis zum belehrend dozierenden Bürgermeister, der es auch nicht verabsäumt, „die Bürger an den Bildschirmen“ zu begrüßen. Lukas Spisser macht aus dem Gatten VII bis IX kleine Kabinettstücke, Markus Kofler ist als Butler ein sinistrer Handlanger seiner Herrin.

Elfriede Schüsseleders Frau Ill ist unterkühlt und verhärmt, dabei unter dieser Oberfläche brodelnd, bis auch sie – samt ihren in der Elternliebe elastischen Kindern: Gioia Osthoff und Tobias Reinthaller – vom Aufschwung etwas mitkriegt. In ihrem Fall ein neues rotes Kleid, während die Konsum-„Gleichschaltung“ allgemein über die berühmten schandfarbig-gelben Schuhe funktioniert.

Auch sprachlich hat Regisseur Müller die Aufführung ins schlagzeilen- und parolengebeutelte Heute geholt, von der dringend notwendigen Aufwertung des Wirtschaftsstandorts Güllen ist die Rede, aus dem Zachanassian-Geld soll in der Vorstellung mancher ein bedingungsloses Grundeinkommen werden, der Lehrer referiert über „abendländische Prinzipien“. Die Lacher hat diesbezüglich Andrea Jonasson auf ihrer Seite, einmal, als sie den Butler anweist, Tesla-Aktion zu kaufen – Zuruf aus dem Publikum: „Jetzt geht sie pleite!“ -, einmal, als sie Claire bei deren x-ter Hochzeit, Ölbarone und Oligarchen als Gäste, verkünden lässt: „Putin kommt nicht.“ Zum Schluss lässt Müller die Ermordung Ills hinterwandfüllend via Video vorführen. Keine Ahnung, warum es ihm wichtig war, die Gewalttat in dieser Drastik vorzuführen. Gebraucht hätte man’s nicht. Man weiß auch so, dass dies eine Welt ist, in der tagtäglich Unbequeme für politische und Industrie-Interessen aus dem Weg geräumt werden.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=gDoFpKBCkWQ

www.josefstadt.org

  1. 10. 2018

Kasino: Kartonage

September 30, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mord mit Marillenmarmelade

Die Mutter (Video: Petra Morzé) dominiert und tyrannisiert „Vater Werner“ Bernd Birkhahn und „Rosalie“ Irina Sulaver. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Stimmt?“ – „Stimmt.“ Mit dieser in provokantem Ton gestellten Frage und der bockig-devoten Antwort versichern sich „Werner zwei“ und „Werner eins“ ihres Immer-noch-Vorhandenseins, bestätigen sie einander, dass die Welt draußen nicht anders als beängstigend gefährlich sein kann, verbürgen sie sich dafür, in den eigenen vier Wänden am sichersten aufgehoben zu sein. Home sweet home.

Das ist in diesem Fall ein Pappkartonhaus, wiewohl das Bühnenbild von Michela Flück mehr an Endspiel in Eiche massiv erinnert, in dem das Ehepaar Werner sich seine in seltsamen Ritualen erstarrte Existenz eingerichtet hat … Kasino des Burgtheaters. Gegeben wird „Kartonage“. Das Debütstück von Yade Yasemin Önder, das von den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin als einer von drei Gewinnertexten auserwählt wurde, und das der junge Halleiner Regisseur Franz-Xaver Mayr nun als Uraufführung zeigt. Im Interview erklärt die Autorin, ihre Arbeit sei erst ein zynisches Langgedicht, ein Streitgespräch zweier alter Menschen über Leben und Sterben gewesen, aber als die Figuren mehr Raum für sich beansprucht hätten, hätte sie sich entschlossen, ihre Lyrik zu dramatisieren.

Nun verkörpern Petra Morzé und Bernd Birkhahn Önders Prototypen kleingeistiger Kleinbürger. Ihre Verwandtschaft zu Becketts Hammer und Nagel unverkennbar, sind die beiden ein pikantes Paar, zwei in Hilf- und Alternativlosigkeit aneinander Gefesselte, er auf tattrigen Beinen, sie mit Tippelschrittchen durch die Bühnenbox tapsend. Sie hält ihn bewusst blöd. Werner zwei/Morzé hat vor langer Zeit das Kommando übernommen, sie hat Werner eins/Birkhahn mittels Trommelzeichen auf den Küchentisch konditioniert, tap-tap-tap, und wenn er nicht grad grunzend im Stehen schläft, gehorcht er auch. Für mehr Konzentration gibt’s ab und zu Ohrfeigen, ist er brav, darf er Brustnuckeln.

Tagein, tagaus wird Marillenmarmelade eingekocht: Irina Sulaver und Petra Morzé. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Gegenseitige Verletzungen erfolgen nicht nur durch Worte: Petra Morzé, Irina Sulaver und Bernd Birkhahn. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Morzé schenkt sich als Tyrannin in Fatsuit und hellblauer Kittelschürze (Birkhahn trägt dazu passend Polohemd und Shorts, Kostüme: Korbinian Schmidt) wie üblich nichts, ihr falsches Lachen korreliert mit ihrer aufgesetzten Freundlichkeit. Sie ist böse wie die Königin-Stiefmütter in Märchen. Tagein, tagaus macht sie Marillenmarmelade, kocht das Obst ein, wie Önder ihre Sprache zur Formelhaftigkeit kondensiert hat.

Die Dominanz selbst über den Speiseplan ist Werner zweis Rache für eine verkorkste Ehe, die nun an der von Flück eingerichteten Küchenzeile samt Sitzecke Früchte trägt. Die Moral der Zwei-Mann-Truppe hält sie mit Stehsätzen wie „Verteidigung kommt vor dem Fall“ oder „Im Zweifel ist man stets dagegen“ aufrecht.

Birkhahn macht aus Werner eins das prächtige Vorzeigemodell eines langsam und nicht unzufrieden in die Demenz gleitenden Lustgreises. Wie die Gattin am Herd, so zelebriert auch er seine grotesken Handlungen, in die meist Staubsauger, Baumstammskelett und das Familienwappen involviert sind. Regisseur Mayr trägt dem Artifiziellen des Textes mit seiner Inszenierung Rechnung.

Er taucht finsterste menschliche Abgründe in grausam-grelle Komik, er setzt dem eintönig-braunen Irren-Haus kunterbunt-skurrile Einfälle entgegen. Ganz wunderbar hat er Morzé und Birkhahn zu einem absurd doppelbödigen Spiel inspiriert, bei dem von Anfang an klar ist, dass zum Kern der Sache noch vorzudringen sein wird. Nämlich als Irina Sulaver als abgängig gewesene Tochter Rosalie durch die Decke kracht. Sechzehn Jahre war sie von zu Hause weg, als sie ins Exil ging, war sie sechzehn Jahre alt.

Die Videos von Sophie Lux, zugeschaltet auf einer Vidiwall über der Box, erzählen nicht nur von einer trostlosen Kindheit und Jugend, aufgepeppt mit Jungs und Zungenküssen, von Aus- und Aufbruchsplänen, sondern auch vom plötzlichen Ende all dieser Zukunftsträume. Rosalie hat, weil von Alkopops betrunken, einen Autounfall gebaut. Die beste Freundin Ella (Marta Kizyma) kam uns Leben. Die beiden Mädchen auf der Leinwand in ihrem real existierenden Lebensunglück sind der anrührende, zu Herzen gehende Widerpart zum Irrealen des Bühnengeschehens.

Die kurzen Rückblenden offenbaren nun auch endlich das Geheimnis der Familie, erzählen von Daseinsvernichtung in mehrfacher Ausprägung, von Verstoßung innerhalb der Familie und aus der Gesellschaft, von Fensterlosigkeit, weil bei Sichtbarwerden doch nur Schimpf und Schande. Nichts herein-, nichts hinaus- und sich auf nichts einlassen, so seither die Werner’schen Devisen. Die durch das plötzliche Aufschlagen der Tochter aus dem Konzept gebracht werden. Sulaver spielt die Rosalie, schwarz gewandet, die Augen schwarz umrandet, als trotzig-verschreckte Kreatur. Nicht weiß man, wo sie war, woher sie kommt, was seither geschah … ein blutig-bandagiertes Knie, einen Buckel hat sie, und hält sich schief wie Richard III.

In Videorückblenden erfährt man, was passiert ist: Marta Kizyma (auf der Leinwand rechts als Ella) mit Sulaver, unten Birkhahn und Morzé. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Demütigungsspielchen eskalieren. Wo Blut schon ist, da fließt noch mehr. Die Eltern geben der Tochter die Schuld an ihrer Selbsteinsargung. Eine Klinge fährt in Vaters Hand, der mütterliche Kleinkrieg ums zunichte gemachte kleine Glück weitet sich von ihm auf die Tochter aus. Die Mutter mischt giftige Beeren in ihre orange Glibberkost, deswegen erfährt man, sie kannte aus der Pappschachtel immer einen Fluchtweg, hat nur den Mann zur Strafe wie gefangen gehalten.

Der toxische Brotaufstrich streckt Werner eins und Tochter Rosalie nieder. Sie sind tot. „Ich weiß nicht, wohin mit mir“, sagt Morzé/Werner zwei über ihren einsamen Schluss. Hilde heißt die Figur übrigens, und nicht einmal der Andachtsjodler wird ihr noch Frieden bringen.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2017

Schauspielhaus Wien: Johnny Breitwieser

November 29, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Verbrecher-Ballade aus Wien

Martin Vischer, Thiemo Strutzenberger Bild: © Robert Polster / Schauspielhaus

Martin Vischer, Thiemo Strutzenberger
Bild: © Robert Polster / Schauspielhaus

Es ist der Text des Jahres. Dramatiker Thomas Arzt hat mit „Johnny Breitwieser. Eine Verbrecher-Ballade aus Wien“ schon einen spannenden Lesestoff erdacht. Wiewohl das Ganze auf einer wahren Geschichte beruht. Ein Glück für das Publikum im Schauspielhaus Wien, das das Stück zur Uraufführung brachte, dass noch niemand an eine Verfilmung dieser Unglaublichkeit dachte. Nun wäre die Zeit dafür. Nachdem Komponist Jherek Bischoff und Regisseur Alexander Charim Arzts Vorlage noch spannender gemacht haben.

Johann Breitwieser wurde in die stad schauende Welt vor dem Ersten Weltkrieg geboren. 1891, als sechstes von 16 Kindern. Der vorstädtischen Elendsbevölkerung diente der „Eisenschlitzer“, heißt: Tresorknacker, bald für Mythen und Legenden. Einer der ihren war zum König von Wien aufgestiegen, nahm’s den Reichen (deren Frauen er’s auch besorgte) und gab’s den Armen. Filzschuhe hat er gestohlen und Brot. Aber nicht nur. Er, der sich um den Frontdienst drückte, lieber als einer mit nervösem Tick nach Steinhof ging – und natürlich ausbrach (16 Mal soll ihm das insgesamt gelungen sein), nahm sich auch der Nobelvillen und Ringstraßenwohnungen an. Nach einem Coup in der Hirtenberger Waffen- und Munitionsfabrik, bei dem er eine halbe Million Goldkronen erbeutete, zog er sich samt Familie ins Landleben zurück. Gemüsebeete in St. Andrä-Wördern. Er wurde verraten und 1919 erschossen. Je nach Quelle sollen 8000 bis 40.000 Menschen seinem Leichenzug durch Wien gefolgt sein.

Arzt und Charim verbieten sich nun jede Sozialromantik. Der eine hat einen Kunstdialekt aufgeschrieben, auch ohne Meidlinger Llll eine desaströse Sprache. Hat zwei allegorische Figuren eingeführt, die verkrüppelte Luise (Nicola Kirsch) als Johnnys „Volk“, Greta (Katja Jung) als wohlhabende In-regelmäßigen-Abständen-Witwe, als deren Tröster sich Breitwieser immer wieder gerne einfindet. Selbst bei ihrer späteren Erwürgung kann sie noch ganz Zicke sein. Als könne dem Kapital keiner die Luft abschnüren. Charim ließ von Ivan Bazak dazu kein Bühnenbild bauen, sondern eine bewegliche Schnürlvorhangwand, ein „Shimmering Beast“ wie von Nicolas Field, die Töne spuckt. Für die aber tatsächlich das Streichquarett Ensemble Lux und Schlagzeuger Mathias Koch unter der Leitung von Belush Korenyi zuständig sind. Moderne Moritaten und Protestgesänge, Weill es so schön zum Thema passt, lässt Bischoff die Schauspieler anstimmen. Aber auch lateinamerikanische Rhythmen und ein von Gideon Maoz vorgetragenes sehr wienerisches Lied vom Leichenzug. Und einen Ersten-Welt-Krieg-Song à la ancestors of The Andrews Sisters. Und bei wem sich bei Franziska Hackls (als Johnnys große Liebe Hure Anne) flehendlichem „Gib‘ mir dein Herz“  innerlich kein Taschentuchalarm auslöst, der hat eins aus Erz. Das Schauspielhausensemble spielt und singt – Martin Vischer als Johnny hat diesbezüglich die schönste Stimme – mit einer Intensität, dass es weh tut.

Doch Johnny entsagt sich jeder Sentimentalität. Wie soll man Einbrecher sein, in einer Welt, die einbricht? Wie ein Räuber, wenn die viel größeren Verbrecher an viel höherer Stelle sitzen? Mancher aufgeschweißte Tresor ist leer, das immerwährende Geld anderswo in Sicherheit. Charim arbeitet aus dem Arzt’schen Konvolut einige Konflikte großartig heraus. Da ist der der Brüder im Moor-ast. „Carl“ Thiemo Stutzenberger, Engelmacher, um den Frauen Selbstentscheidung über ihre Körper zu geben, und Marxist verübt die Taten unter dem Überbau einer politischen Theorie. Johnny-Vischer will „im Moment“ leben. Denn mehr gibt es in dieser unsicheren Zeit nicht. Stark ist das, der eine Bruder Gauner mit Herz, der andere Bruder nur Herz. Blutendes Herz. Carl wird im Krieg ein Bein verlieren. Johnny stilisiert sich zum Rächer, der das Leid ins Gute wendet. Er arbeitet hart an seinem Dandy-Image (im Original gibt es ein Polizeifoto, auf dem er sich im edlen Mantel mit aufgestelltem Pelzkragen ablichten lässt). Er will Bobo, Bourgeoisbohemian, sein, lange bevor der Begriff erfunden wurde. Anne flüchtet sich ob aller höchsten Versprechungen längst in Sarkasmus. Höhepunkt ist ein Ball bei Greta, der von Exstase zum Überfall führt. Ein wunderbarer Moment als Polizeioberkommissar Schödl den als Dame der Gesellschaft verkleideten Carl nicht als Mann erkennt und angetrunkene Avancen macht.

Womit man beim Psychoduell der Angelegenheit wäre. Breitwieser hat Schödl (von Arzt genannt „sein Mörder“) einst die Hand zerschossen. Florian von Manteuffel gibt ergo einen Fanatiker auf der Suche nach dem Täter – und den Polizeihund gleich mit. Eine fabelhafte Leistung eines Zerrissenen, der brutal sein will, aber es in der Seele nicht kann. Der im Gefängnis die Nähe, fast die Absolution seines Häftlings sucht. Eine schauspielerische Glanzvorstellung. Wie stets bei Manteuffel mit viel Ironie für die eigene Figur. Er, der nicht zu den „Gründervätern“ des Schauspielhauses gehört, ist so ein Gewinn für die Truppe. Und wird, nachdem ihm Wenzl-Maoz das Versteck verraten hat, Johnnys Kleinbürgerglück – laut Greta reaktionäre Idiotie – mit einer Kugel zerschießen. Der Knall bleibt ungehört. Breitwieser stirbt als Video-Leich‘. Auch das ein kluger Einfall, die Systemgegner nicht auf offener Bühne abknallen zu lassen. Bravo!

Und eine unbedingte Empfehlung. Viel zu wenig hat die Wiener Kultur in all ihren Sparten aus der Perspektive der Armut erzählt. Im Vergleich zu Émile  Zola oder Toulouse-Lautrec oder Jack London oder Horatio Alger. Schnell, es ist Zeit, dass die Funken wieder fliegen. Bevor das Proletariat endgültig tot ist – und nur noch die Proleten übrig sind!

www.mottingers-meinung.at/thomas-arzt-im-gespraech

www.schauspielhaus.at

Wien, 29. 11. 2014