Theater in der Josefstadt: Einen Jux will er sich machen

Oktober 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch kann herrlich süßholzheucheln

Der Lehrbub steht dem Kommis in nichts nach: Die Josefstadt-Debütanten Johannes Krisch und Julian Valerio Rehrl als Weinberl und Christopherl. Bild: Rita Newman

Das Ereignis der gestrigen Nestroy-Possen-Premiere „Einen Jux will er sich machen“ am Theater in der Josefstadt sind tatsächlich deren drei. Selbstredend das Hausdebüt von Johannes Krisch. Der nach dreißig Jahren Mitgliedschaft am Burgtheater aufgrund von „Altlasten“ und im Sinne der „Selbstachtung“, wie Krisch das Thema im Bühne-Interview kurz abfertigte, nicht länger auf dessen Ensembleliste steht. Und hierauf von Herbert Föttinger herzlichst bewillkommnet wurde.

Und nun an seine erste Rolle im achten Hieb, den Handlungsdiener Weinberl, mit einem verschmitztem Charme und derart viel Wiener Schmäh herangeht, mit einem vor Spielfreude hell brennenden Herzen, dass es die des Publikums im Handumdrehen entflammt. Der Charakterschauspieler ist ein Glück, das man hoffentlich verstehen wird, festzuhalten, nicht nur Vollblutkomödiant, sondern auch einer von der immer seltener werdenden Sorte der Volksschauspieler – wobei diesbezüglich en tout Vienne um die Josefstadt am wenigsten zu fürchten ist. Wie Krisch seinen Midlife-„Greißler“ zum „verfluchten Kerl“ avanciert, wie er dessen verrückte Sehnsucht nach einmal Exzess im Leben anlegt, wie dieser Weinberl bei den folgenden Verstrickungen in Sachen Hochstapelei zur Hochform aufläuft, der eben noch beflissene Kommis, der jetzt prahlt und in seiner Not, entlarvt zu werden, profimäßig improvisiert, wie er vor den Damen süßholzheuchelt, das ist große Kunst.

Um nichts weniger erfreulich, die anderen zwei Neuzugänge: Robert Joseph Bartl, Krimifans bekannt als München-„Tatort“-Gerichtsmediziner Dr. Mathias Steinbrecher, der als Gewürzkrämer Zangler sein ganzes Gewicht in die Figur legt, und als – dieweil ihn sein Hausstaat ohnedies nicht ernst nimmt – strenger Herr mit batzweichem Kern den Zuschauern einen Riesenspaß macht. Ebenso wie Julian Valerio Rehrl, nagelneu aus der Schauspielschule Ernst Busch, der als Lehrling Christopherl zwischen spitzbübisch und panisch schwankt, ersteres in Anwesenheit der Mesdames, zweiteres, wenn er angesichts der Ausweglosigkeit von Situationen am liebsten „o‘fohrn“ möchte.

Mit Rehrl hat Föttinger ein junges Talent entdeckt, das sich mit Verve in seine Aufgaben wirft, seien’s die von der Regie vorgesehenen grobmotorischen Slapstick-Momente, seien’s die choreografisch fein getänzelten Szenen mit Johannes Krisch. An dessen Seite Rehrl grandios besteht, die beiden per ihrer punkgestreiften Hosen als bühnenverwandte Seelen ausgewiesen, und als solche fürs Uptempo der Aufführung zuständig. Diese hat Stephan Müller zu verantworten, der Schweizer Theatermacher, den Krisch noch von seinen „Nothing Special“-Gigs im Burgtheater-Kasino kennt, und der mit dieser Arbeit seinen ersten Nestroy inszeniert.

Marie und ihr Herzensmann August Sonders auf der Flucht: Anna Laimanee und Tobias Reinthaller. Bild: Rita Newman

Das is klassisch! Martin Zauner als Melchior mit Josefstadt-Neuzugang Robert Joseph Bartl als Zangler. Bild: Rita Newman

Für den er gewissermaßen eine kokette Künstlichkeit zur Methode erhebt. Müllers Zugang zum „Jux“ heißt schräg, skurril, schrullig. Was bedeutet, dass er mit dem so leicht ins Lächerliche zu ziehenden Soziotop des städtischen Bürgertums weit mehr anfangen kann, denn mit Nestroys Gesellschaftskritik – die er umschifft, als hätte der „Jux“ in den Charakteren Weinberl und Christopherl kein „Zu ebener Erde“. Nur einmal darf der Kommis über die „Kapitalisierung des Verstandes“ sinnieren, und zweifellos ist die tumultöse Handlung perfekt getimt, werden die Pointen so treffsicher ge-, wie Müller auf punktgenaue Sprache setzt, aber der gfeanzte Subtext, der fiese Sarkasmus, mit dem der Volkstheaterdichter die nicht nur früheren Verhältnisse beschreibt, fehlen.

Müllers Synonym für Posse ist Schwank, nicht Farce, und auch die neuen Coupletstrophen von Autor Thomas Arzt sind ziemlich handzahm, höflicher gesagt: übersubtil, es geht um die Eh-schon-wissen-Themen von Klimakrise über #MeToo bis zum von Krisch im Wortsinn frisch aus dem Hut gezauberten Politstatement „Die rechte Hand in die Höh‘ – das is ganz a blöde Idee.“ Die Musiker, die Krisch begleiten, sind Matthias Jakisic mit der E-Geige und Thomas Hojsa mit dem Akkordeon, deren Interpretation von Alt-Wiener Melodien Protagonist wie Publikum von den diesjährigen Festspielen Gutenstein kennen, wo Krisch in Felix Mitterers „Brüderlein fein“ den Nestroy-Konkurrenten Ferdinand Raimund verkörperte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34049).

Alles trifft sich im Haus des Fräulein von Blumenblatt: Elfriede Schüsseleder (M.) mit Martina Stilp als Madame Knorr, Robert Joseph Bartl, Paul Matić als Wächter, Anna Laimanee und Alexandra Krismer als Frau von Fischer. Bild: Rita Newman

Für Müllers 130-minütiges kunterbuntes Treiben haben Sophie Lux und Birgit Hutter ein entsprechendes Bühnenbild und Kostüme entworfen, von der in sich geschlossenen Bretter-vorm-Kopf-Welt des Zangler’schen G‘wölbs bis zur grünabgesteppten Gummizelle, die die Wohnung des Fräulein von Blumenblatt markiert. Den Modesalon der Madame Knorr säumen orange-güldene Wolkenstores, in selbem Material und Farben glänzt die Toilette der Couturière und ihrer Busenfreundin Frau von Fischer.

Optische Gustostücke, und wie die gesamte Garderobe von gigantischen Zylindern bis zu Zanglers zu engem Schützenrock grotesk überzeichnete Biedermeierzitate, die mittels Zugband bis zum Juhu gerafft werden können. Was Martina Stilp und Alexandra Krismer, beide festgelegt auf den Typ flatterhafte Funsn, genüsslich wieder und wieder zur Schau stellen. Martin Zauner amüsiert als Hausknecht Melchior unfehlbar „klassisch“ mit seinen Kabinettstückchen, ein wichtigtuerischer Kommentator des Geschehens, der, wo noch keine Verwirrung herrscht, garantiert für diese sorgt. Anna Laimanee und Tobias Reinthaller wissen als Liebespaar Zangler-Mündel Marie und August Sonders, wie man, was sich nicht schickt, auf gewiefte Weise trotzdem durchführen kann.

Von den etlichen, die in mehreren Rollen zu sehen sind, passt Elfriede Schüsseleder als überspannt, überkandideltes Fräulein von Blumenblatt wohl am besten ins Müller’sche Konzept. Für ihre ins Absurde gesteigerte Gestaltung dieser – wie die Knorr gleich ihren Wänden gekleideten – Kunstfigur, davor gibt Schüsseleder Zanglers hantige Wirtschafterin Frau Gertrud, gab’s den gebührenden Applaus, wie Cast und Crew überhaupt mit viel Jubel bedankt wurden. Nach dieser Begeisterung beim Premierenabend scheint’s, als hätte die Josefstadt mit dem „Jux“ einen weiteren Publikumshit zu verbuchen.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=ZqYGG-Z2558           www.josefstadt.org

  1. 10. 2019

Burgtheater: Die Bakchen

September 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aufmarsch von rechts außen

Der Chor der Bakchen marschiert durch Ulrich Rasches Maschinentheater; vorne: Markus Meyer als Chorführer. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Nahe am Abgrund marschieren, nein: eigentlich schleichen, sie im Gleichschritt über sechs den Raum durchmessende Laufbänder, dreieinhalb Stunden in ständiger Bewegung, in angeschrägter Hoch- und Tieflage geht‘s mal steil hinauf, mal abschüssig hinab, doch sind statt des Rhythmus‘ aufstampfender Kampfstiefel im Stakkato hervorgestoßene Sätze zu hören – von Protagonisten wie Chor, schwarzgewandet allesamt.

Nicht mehr als Schemen sind sie, im schwefeligen Gegenlicht, im Infight mit der Macht der Maschine, die ganze Aufführung ein körperlicher Akt … Die Neuerfindung des Burgtheaters hat gestern Abend begonnen. Ulrich Rasche bescherte dem Publikum zum Auftakt der Direktion Martin Kušej eine Inszenierung der Extraklasse. Seit etwa einem Jahrzehnt feiert der Regisseur und Bühnenbildner mit seinem monumentalen Maschinentheater Triumphe, zelebriert bildgewaltig und textkonzentriert die Sinnlichkeit des Abstrakten, und erzählt des Themas nimmermüde von der Selbstentfremdung des Menschen im Wechselfall von exzessivem Individualismus und gewissenloser Konformität.

In Wien nun ließ Rasche die hypnotische Sogwirkung seiner Arbeiten sich via „Die Bakchen“ entfalten, Euripides‘ letztem Meisterwerk, geschrieben nach 30 Jahren Krieg mit Sparta und kurz vor der Niederlage Athens, uraufgeführt posthum, 405 v. Chr. bei den Tragödienwettbewerben der Polis, und deren Siegerstück. Diverses wurde über das Drama schon gedeutelt, in dem Dionysos in seiner Geburtsstadt Theben einfällt, um sich an deren Bewohnern zu rächen, weil diese die Göttlichkeit des Sohns von Zeus und König Kadmos‘ Tochter Semele nicht anerkennen. Lang stand bei den Theatermacherinnen und -machern der Schutzherr der Ekstase hoch im Kurs, doch scheint’s sind dieser Zeiten die ethischen Anliegen andere.

Rasche hat auf die Ambiguität der verstörenden Vorlage gepfiffen. Er blendet Problematiken, die sich durch die Gegenüberstellung von Ratio und Raserei stellen, blendet die Frage, ob tatsächlich der Rigorose oder der Wilde Despot ist, aus. Seine Sympathien gelten, sein Brennglasblick konsequent auf die Gegenwart gerichtet, eindeutig Thebens Herrscher Pentheus, für Rasche ein Verteidiger demokratischer Errungenschaften, dem zur Verdeutlichung seiner politischen Haltung eine Perikles-Rede und ein Fragment des Kritias in den Mund gelegen wurden, und der den dionysischen Ausschreitungen mit den Mitteln des Rechtsstaats den Garaus machen will. Er ist der Gegenpol zum grausamen, gewalttätigen Gott, der in dieser Aufführung ganz klar Anthroporrhaistes, der Menschenzerschmetterer, und nicht Lysios, der Sorgenbrecher, ist.

Franz Pätzold brilliert als wütender Gott Dionysos. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Martin Schwab als Kadmos, Felix Rech als Pentheus und Hans Dieter Knebel als Teiresias. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Auftritt der famose, mit Gänsehautstimme gesegnete Franz Pätzold als Dionysos, um seine bösen Absichten kundzutun, ein Hass sprühender, manipulativer, wenn man‘s so lesen will: „rechtspopulistischer“ Demagoge, der seine Anhängerschar, die fanatische Armee der Bakchen, Motto: Gehorsam sein anstatt sich eigene Gedanken machen, zu Mord, Totschlag, Gräueltat anführt. Und wie diese ihren totalitären Anspruch auf Land und Leute skandieren: „Wir holen uns unser Land zurück. Diese Stadt gehört uns. Wie haben kein Recht zu scheitern“, später: „Wir werden immer mehr. Unsere Erregung steigert sich zur Raserei!“

Derart bekundet Rasche sein Bestreben das griechische Theater als Vehikel für Äußerungen zur aktuellen Lage der Nation zu nutzen, ohne groß zu verschleiern, auf wen diese abzielen. Euripides wird zur Schablone für Rasches gesellschaftspolitisches Statement. Sein Schattenspiel in Slow Motion begleitet Minimalmusic von Nico van Wersch, dargeboten von einem Streichquintett, Tenor und Bariton und der großartigen Schlagwerkerin Katelyn King, die mit ihrer Batterie an Trommeln und Pauken nicht nur den Rhythmus fürs Geschehen vorgibt, sondern mit ihrem Sound eine archaisch anmutende Atmosphäre schafft.

Ihr Taktschlagen besiegelt sozusagen den Untergang der Zivilisation. Pätzolds charismatischem Dionysos entgegen stellt sich aber Pentheus, dargestellt von Felix Rech, um nichts weniger „lärmend“ als sein Widerpart, ein starker Machthaber, der nicht an einen Führer, sondern an Verfassung und Gesetze, freie Bürger und den Schutz für Unterdrückte glaubt. Wie Raubtiere lässt Rasche Rech und Pätzold nebeneinander her gleiten, ohne, dass sie einander auch nur einmal eines Blickes würdigen. Pentheus lässt den in Menschengestalt erschienenen Gott verhaften, was dem freilich kein Hindernis ist, die Thebanerinnen – und bei Rasche auch – Thebaner in seinen Bann zu ziehen und auf den Berg Kithairon zu locken. Unter den frisch rekrutierten Bakchen ist auch Pentheus‘ Mutter Agaue, Kadmos zweite Tochter, was Dionysos und Pentheus de facto zu Cousins macht.

Den gemeinsamen Großvater Kadmos gestaltet der Doyen der Produktion, Martin Schwab, wie einen modernen Altpolitiker. Schwabs Kadmos hat genug Wissen und Erfahrung, um die Vorgänge rund um Dionysos zu durchschauen, doch rät er aus opportunistischen Gründen dazu, sich ihnen nicht entgegenzustellen, sondern sie für die eigenen Zwecke einzusetzen. Er selbst erhofft sich durch die Verwandtschaft zum numinosen Enkel einiges: Ruhm und Ehre für die Sippe. Wie Schwab seinen alten Freund Teiresias, Hans Dieter Knebel als Hüter der Religion, dazu anstiftet, ihm zu zeigen, wie man tanzt, wollen sich die beiden Greise doch mit den Bakchen im Wald vergnügen, wie er einen kleinen Hüftschwung probiert, da menschelt es plötzlich an diesem ansonsten durchchoreografierten Abend.

Zu spät kommt über Agaue die Erkenntnis: Katja Bürkle, hinten: Martin Schwab als Kadmos. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Markus Meyer macht den Chorführer und hat als solcher auch einige Solostellen. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Dionysos lockt alldieweil Pentheus auf den Berg, vorgeblich, damit er die Bakchen-Briganten in ihrem kollektiven Rausch beobachten kann, doch er wird entdeckt und von der wütenden Meute in Stücke gerissen. Pätzold zitiert darüber im Hacksprech Nietzsches Zarathustra: “Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: – ihr – habt – noch – Chaos – in – euch!“ Die Masse hat über die Macht gesiegt. Zum Ende erklärt Kadmos seiner Tochter Agaue in quälerisch langsamer Behutsamkeit, dass der Kopf, den sie in der schwarzblutigen Hand hält, nicht der eines Berglöwen ist.

Sondern der ihres Sohnes, den ihr Toben tötete. Da entfährt Schwab ein so tiefer, grässlicher Klagelaut aus der Brust, dass es einen schaudern macht. Nach der ihren Gipfelpunkt erreicht habenden Gewalt-Orgie ist dies der unerwartete Antiklimax der Aufführung: Katja Bürkle überzeugt als Schmerzensmutter aus eigenem Verschulden, sie ist die gramgebeugte Menschin, die Verliererin im Kräftemessen der Männer, und wie die Bürkle das spielt, von Erstaunen zu Erkenntnis zu Entsetzen, beinhaltet mehr Emotionspsychologie, als die alten Griechen je zugelassen hätten.

Markus Meyer ist ein ausgezeichneter Chorführer, dem ein paar Solostellen überantwortet wurden, der aber auch in der Gruppe dank seiner besonderen Ausstrahlung jederzeit zu erkennen ist. Und während die Figur mit dem absoluten Machtanspruch, Dionysos, weiter zieht und die Zuschauer gleichsam durch die Zeitgeschichte führt, versuchen die Restthebaner, im Bewusstsein, wie steinig dieser Weg sein wird, zu einer geordneten Gesellschaft zurückzukehren. „Die Bakchen“ präsentiert Ulrich Rasche als „Ritualhandlung“, als im Wortsinn „schwarze Messe“. Hervorragend gelungen sind bei dieser Einstiegsproduktion des neuen Burgtheater-Teams außerdem die martialischen, viel Haut zeigenden Kostüme von Sara Schwartz und die – um den Einsatz einer Livekamera erweiterten – Videos von Sophie Lux.

Rasche indes hat es geschafft, bewährte und neue Ensemblemitglieder des Hauses nahtlos zusammenzufügen, alle miteinander Ausnahmeschauspieler, was Präzision und Präsenz betrifft, allesamt imstande gemeinsam mit der Laufbandhydraulik in höhere Sphären abzuheben – und dass Pätzold und Rech einander vom Typ, von der Körpersprache und der Stimmführung her ähnlich sind, ist ein zusätzlich prickelndes Moment. Man darf’s ruhig sagen: Diese „Bakchen“ sind ein Gesamtkunstwerk, anhand dessen Rasche gekonnt den Widerstreit zweier Weltsichten, den Kampf demokratischer vs. antidemokratischer Kräfte durchdekliniert. Auf welcher Seite Kušejs Burgtheater steht, ist logisch, auch, dass das Haus sich in dieser Stadt, in diesem Land politisch einmischen wird. Der Applaus dafür war laut und lang.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2019

Kasino des Burgtheaters: Sechs Tanzstunden in sechs Wochen

Mai 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwei supersympathische Dancing Stars

Tango mit Pasión: Andrea Eckert und Markus Meyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Was sich Regisseurin Martina Gredler und Kostümbildnerin Lejla Ganic an Outfits für Markus Meyer ausgedacht haben, ist für sich genommen schon eine Show. Vom goldglitzernden Matador-Jäckchen über eine weiße Fantasieuniform mit Sisi-Enten-Shirt bis zu Jeanshotpants mit „Stars ans Stripes“-Leggins, so angetan wirbelt Meyer als Tanzlehrer Michael Minetti ins Leben der pensionierten Lehrerin Lily Harrison.

Andrea Eckert, die am Burgtheater in der Andrea-Breth-Inszenierung von „Die Ratten“ eine großartige Frau Knobbe gibt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32521), spielt nun in dieser Kasino-Produktion die – zumindest anfangs – spaßgebremste Schülerin, die sich über den exaltierten Kerl, der da in ihrer Tür steht, nur erstaunen kann. Und während sie noch seinen verqueren Humor und seine sozialen Groschenweisheiten für gewöhnungsbedürftig hält, kippt er schon ins Unflätige, muss „die alte Schachtel“ aber letztlich um diesen Job anflehen, weil weit und breit kein anderer in Aussicht ist …

Ein Tüll-Traum für den Walzer: Andrea Eckert. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der exaltierte Michael: Markus Meyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Mit dem tragikomischen Feel-Good-Stück „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ des US-Dramatikers Richard Alfieri geht Burg-Herrin Karin Bergmann ins Finale ihrer Direktionszeit. Dass die ansonsten aufs Experiment zugeschnittene Spielfläche auch als Parkett für leichte Theaterkost taugt, ist vor allem den supersympathischen Darstellern zu danken, Markus Meyer in Jugendjahren Turniertänzer, Andrea Eckert seit dem Alter von fünf „Tänzerin aus Leidenschaft“, die an Spielfreude mit Verve für ihre Figuren alles geben. Es ist im Stück nicht anders, als bei den Original-Dancing-Stars: Zwei verlorene Seelen zicken um die Wette, kommen sich beim Ankeifen menschlich aber durchaus näher.

Man will sich dem anderen gegenüber anders zeigen, als es tatsächlich ist, doch – von diesem Spannungsbogen profitiert das Ganze – nach und nach fallen die Masken, werden Schicksale enthüllt, kommen die kleineren Flunkereien und die größeren Unwahrheiten ans Licht. Mit jeder Trainingsstunde offenbaren die beiden mehr von sich, etwa, dass Lily gar keinen Tanzkurs, aber Gesellschaft braucht, um ihr zu viel an Zeit zu füllen, oder, dass Michael nicht nur am Broadway gescheitert ist, sondern in New York auch seine große Liebe Charly begraben musste. Bald ist es zwischen dem Schwulen und der Witwe ein gespielter Witz, wer die größere Bitch ist, und derart holen sich die Hitzköpfe gegenseitig aus den Schneckenhäusern der selbstgewählten Isolation.

Autor Alfieri versteht es in bester amerikanischer Well-made-Play-Manier die Themen Alter, Einsamkeit und Tod in Screwball-Pointen zu verpacken. Eine Krebskrise noch schnell, dann sind Lily und Michael BFF – Best Friends Forever. Neben Eckert und Meyer brilliert noch ein dritter Akteur, das schmissige Salonorchester, bestehend aus Lenny Dickson, Andreas Radovan, Emily Stewart sowie Alexander und Konstantin Wladigeroff, das swingen und rocken und grooven vom Feinsten kann. Bühnenbildnerin Sophie Lux deutet das Seniorenparadies Florida mit einem luftig-kühlen Luxusappartement an, in dem die Eckert in mal sexy, mal eleganten Kleidern die Frustration, auch Wut, ihrer Lily mit viel Elan ausstattet, was den Konfrontationen mit Meyers Michael natürlich Pepp gibt. Dieser gibt nicht nur in den Choreografien von Daniela Mühlbauer Vollgas, sondern auch im Komödiantischen.

Aus zickigen Tanzpartnern werden beste Freunde fürs Leben: Andrea Eckert und Markus Meyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Als Lehrer glaubt er an die ganzheitliche Methode, weswegen er beim Tango „spanish“ lispelt und beim Walzer ins „Gnä’ Frau“ verfällt. Er schwoft und springinkerlt und kommt er durch die Tür, sind ihm die Lacher des Publikums schon sicher. Auch bei der spitzen Bemerkung, Lily schwärmt von einem früheren Wien-Besuch und den liebenswerten Leuten dort, die Österreicher seien ja bekanntlich stets ein anschlussfreudiges Völkchen gewesen …

„Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ im Kasino ist einfach rundum entzückend. „Wie beim Sex kommt alles auf die Ausführung an“, sagt Lily übers Tanzen an einer Stelle. Diesbezüglich ist an diesem Abend alles gelungen. TIPP: „Let’s Dance“ – zum Ende jeder Vorstellung lädt die Band das Publikum in den Ballroom, von denen jeder ein besonderes Motto hat: Am 31. Mai „Love and Peace and Dance“, am 1. Juni „Dance the Savoy“, am 11. Juni „Kasino Night Fever“ und am 16. Juni „Kasino Royal“. Ab 23 Uhr steht dann DJane Colette am Mischpult.

www.burgtheater.at

  1. 5. 2019

Theater in der Josefstadt: Der Besuch der alten Dame

Oktober 20, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alle Kameras sind auf Güllen gerichtet

Das Fernsehen filmt Claire Zachanassians Ankunft in Güllen: André Pohl, Siegfried Walther, Arwen Hollweg, Andrea Jonasson, Alexandra Krismer und Lukas Spisser. Bild: Herwig Prammer

Breaking News, Live-Schaltungen, Society-Berichterstattung. Ein Imagefilm des Zachanassian-Konzerns und Kinderfotos von dessen Inhaberin. Medienhype wird Medienhatz wird Medienschelte. So will es Regisseur Stephan Müller, der mit seiner Interpretation des Dürrenmatt-Klassikers „Der Besuch der alten Dame“ am Theater in der Josefstadt sein Debüt am Haus gibt. Nur wenige Monate nach der so zeit- wie ereignislosen Inszenierung der Tragiposse am Burgtheater versucht es Müller mit einem Deutlichmachen des Zeitungeists – und reüssiert damit. Lehrt er doch dem bis zum Gehtnichtmehr gesehenen Stück tatsächlich ein paar neue Tricks.

Dabei tut er der heimtückisch lehrreichen Hochkonjunktur-Komödie niemals unrecht, die offenbare Ewiggültigkeit dieser grotesk-bösen Parabel auf die korrumpierende Wirkung von – prognostiziertem -Wohlstand und die darob Krisenanfälligkeit von Rechtsprozessen bleibt unangetastet. Müller dreht die Dürrenmatt’sche Schraube sogar noch fester, bei ihm hat sich der Kapitalismus, dies sehr frei nach Peter Rüedi, demokratisiert, gleichzeitig die Gesellschaft entsolidarisiert. Und zwar ohne viel Steigerungsform, sondern von Anfang an.

Jeder geifert nach seinem Stück vom Kuchen, die Geldgier regiert Güllen – und ergo wird die wichtigste Vertreterin des Systems mit allen Ehren empfangen. Und dank ihres Auftritts sind nun alle Kameras auf Güllen gerichtet. Die meineidigen Kastraten und allerlei anders Surreales hat Müller gestrichen, dafür in seiner Turbo-Bearbeitung die Rolle der „Lästigen“ groß gemacht: Martina Stilp und Alexandra Krismer kommentieren, analysieren, diskutieren als krawallige Fernsehleute mit gekonnter Privatsender-Schnappatmung die Situationen, in die sich die kleingeistigen Kleinstädter mit ihren Machenschaften manövrieren. Auf fünf Monitore wird das übertragen (Bühnenbild und Video: Sophie Lux, sie lässt auf transparenten Screenfronten auch Wald, Scheune und einen Flugzeugstart entstehen), und doch bleibt diese von sensationsgeil zu skandallüstern sich auswachsende Journaille immer irgendwie außen vor, wird mit blödsinnig-banalen Informationsfetzelchen genarrt und vorgeführt und durchschaut nichts. Bis sie am Ende sogar fröhlich das Herzversagen aus Freude frisst.

Spielmacherin in dieser „Schulden, Schuld & Sühne“-Satire ist selbstverständlich Milliardärin Claire Zachanassian, und Grande Dame Andrea Jonasson für die Figur, deren Darstellung sie davor drei Mal ablehnte, eine Idealbesetzung. Die Jonasson changiert wie das ihr von Birgit Hutter angepasste schwarze Designerkleid, zwischen mephistophelisch, mondän, monströs. Sie ist ganz gelassen, stoisch und seelenruhig abwartend und süffisant, die Stimme moduliert sie von gefährlich schmeichlerisch zu scharfzüngig bedrohlich. Dieses ehemalige „Wildkätzchen“ Ills ist ein geschmeidig auf seine Beute lauerndes, gleichzeitig seine Wunde leckendes, denn wie alle Diven hat es eine, Raubtier. Gleich dem Panther, der der Zachanassian noch entlaufen wird.

Wie ein Panther belauert Claire die Bürger: Andrea Jonasson, Oliver Huether, Elfriede Schüsseleder, Alexander Strobele, Michael König, Siegfried Walther und André Pohl. Bild: Herwig Prammer

Aus gefährlich schmeichlerisch wird schnell scharfzüngig bedrohlich: Andrea Jonasson und Michael König. Bild: Herwig Prammer

Sogar ein Volksschulfoto von „Kläri“ und Alfred wird den Journalisten gezeigt: Siegfried Walther, Michael König, Martina Stilp und Michael Würmer. Bild: Herwig Prammer

Den Alfred Ill gibt Michael König zunächst mit dem Image eines gealterten Don Juan, bis seine Verve in wütende Verzweiflung, schließlich in Weltmüdigkeit umschlägt. Sehr schön ist zu sehen, wie diesem einstigen Schwerenöter die Selbstgefälligkeit aus dem Gesicht fällt, filigran, fast jedermännisch gestaltet König dessen Verwandlung vom eitlen Protz zum Leidensmann, ein einstiger Täter, der Opfer wird. Die Güllener Honoratioren, die opportunistischen Speichellecker, die scheinheiligen Moralapostel und Spekulanten mit, schließlich willige Vollstrecker von Ills Tod, verkörpern:

Siegfried Walther als unverschämt manipulativer Bürgermeister, André Pohl, der als Lehrer larmoyant vorgibt, den Humanismus hoch zu halten, von beiden eine Glanzleistung, Johannes Seilern als bigotter Pfarrer, Alexander Strobele als schleimiger Mitläufer-Arzt und Oliver Huether als auf Streit gebürsteter Polizist. Bravourös wird hier vorgeführt, wie schnell Worte Werte ummünzen können.

Witzig auch, wie sich das Ensemble je nach dargestelltem Charakter ein für ihn typisches Verhalten vor der Kamera ausgedacht hat, von augenaufreißend eingeschüchtert – der Lehrer, der Arzt – bis zum belehrend dozierenden Bürgermeister, der es auch nicht verabsäumt, „die Bürger an den Bildschirmen“ zu begrüßen. Lukas Spisser macht aus dem Gatten VII bis IX kleine Kabinettstücke, Markus Kofler ist als Butler ein sinistrer Handlanger seiner Herrin.

Elfriede Schüsseleders Frau Ill ist unterkühlt und verhärmt, dabei unter dieser Oberfläche brodelnd, bis auch sie – samt ihren in der Elternliebe elastischen Kindern: Gioia Osthoff und Tobias Reinthaller – vom Aufschwung etwas mitkriegt. In ihrem Fall ein neues rotes Kleid, während die Konsum-„Gleichschaltung“ allgemein über die berühmten schandfarbig-gelben Schuhe funktioniert.

Auch sprachlich hat Regisseur Müller die Aufführung ins schlagzeilen- und parolengebeutelte Heute geholt, von der dringend notwendigen Aufwertung des Wirtschaftsstandorts Güllen ist die Rede, aus dem Zachanassian-Geld soll in der Vorstellung mancher ein bedingungsloses Grundeinkommen werden, der Lehrer referiert über „abendländische Prinzipien“. Die Lacher hat diesbezüglich Andrea Jonasson auf ihrer Seite, einmal, als sie den Butler anweist, Tesla-Aktion zu kaufen – Zuruf aus dem Publikum: „Jetzt geht sie pleite!“ -, einmal, als sie Claire bei deren x-ter Hochzeit, Ölbarone und Oligarchen als Gäste, verkünden lässt: „Putin kommt nicht.“ Zum Schluss lässt Müller die Ermordung Ills hinterwandfüllend via Video vorführen. Keine Ahnung, warum es ihm wichtig war, die Gewalttat in dieser Drastik vorzuführen. Gebraucht hätte man’s nicht. Man weiß auch so, dass dies eine Welt ist, in der tagtäglich Unbequeme für politische und Industrie-Interessen aus dem Weg geräumt werden.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=gDoFpKBCkWQ

www.josefstadt.org

  1. 10. 2018

Kasino: Kartonage

September 30, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mord mit Marillenmarmelade

Die Mutter (Video: Petra Morzé) dominiert und tyrannisiert „Vater Werner“ Bernd Birkhahn und „Rosalie“ Irina Sulaver. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Stimmt?“ – „Stimmt.“ Mit dieser in provokantem Ton gestellten Frage und der bockig-devoten Antwort versichern sich „Werner zwei“ und „Werner eins“ ihres Immer-noch-Vorhandenseins, bestätigen sie einander, dass die Welt draußen nicht anders als beängstigend gefährlich sein kann, verbürgen sie sich dafür, in den eigenen vier Wänden am sichersten aufgehoben zu sein. Home sweet home.

Das ist in diesem Fall ein Pappkartonhaus, wiewohl das Bühnenbild von Michela Flück mehr an Endspiel in Eiche massiv erinnert, in dem das Ehepaar Werner sich seine in seltsamen Ritualen erstarrte Existenz eingerichtet hat … Kasino des Burgtheaters. Gegeben wird „Kartonage“. Das Debütstück von Yade Yasemin Önder, das von den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin als einer von drei Gewinnertexten auserwählt wurde, und das der junge Halleiner Regisseur Franz-Xaver Mayr nun als Uraufführung zeigt. Im Interview erklärt die Autorin, ihre Arbeit sei erst ein zynisches Langgedicht, ein Streitgespräch zweier alter Menschen über Leben und Sterben gewesen, aber als die Figuren mehr Raum für sich beansprucht hätten, hätte sie sich entschlossen, ihre Lyrik zu dramatisieren.

Nun verkörpern Petra Morzé und Bernd Birkhahn Önders Prototypen kleingeistiger Kleinbürger. Ihre Verwandtschaft zu Becketts Hammer und Nagel unverkennbar, sind die beiden ein pikantes Paar, zwei in Hilf- und Alternativlosigkeit aneinander Gefesselte, er auf tattrigen Beinen, sie mit Tippelschrittchen durch die Bühnenbox tapsend. Sie hält ihn bewusst blöd. Werner zwei/Morzé hat vor langer Zeit das Kommando übernommen, sie hat Werner eins/Birkhahn mittels Trommelzeichen auf den Küchentisch konditioniert, tap-tap-tap, und wenn er nicht grad grunzend im Stehen schläft, gehorcht er auch. Für mehr Konzentration gibt’s ab und zu Ohrfeigen, ist er brav, darf er Brustnuckeln.

Tagein, tagaus wird Marillenmarmelade eingekocht: Irina Sulaver und Petra Morzé. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Gegenseitige Verletzungen erfolgen nicht nur durch Worte: Petra Morzé, Irina Sulaver und Bernd Birkhahn. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Morzé schenkt sich als Tyrannin in Fatsuit und hellblauer Kittelschürze (Birkhahn trägt dazu passend Polohemd und Shorts, Kostüme: Korbinian Schmidt) wie üblich nichts, ihr falsches Lachen korreliert mit ihrer aufgesetzten Freundlichkeit. Sie ist böse wie die Königin-Stiefmütter in Märchen. Tagein, tagaus macht sie Marillenmarmelade, kocht das Obst ein, wie Önder ihre Sprache zur Formelhaftigkeit kondensiert hat.

Die Dominanz selbst über den Speiseplan ist Werner zweis Rache für eine verkorkste Ehe, die nun an der von Flück eingerichteten Küchenzeile samt Sitzecke Früchte trägt. Die Moral der Zwei-Mann-Truppe hält sie mit Stehsätzen wie „Verteidigung kommt vor dem Fall“ oder „Im Zweifel ist man stets dagegen“ aufrecht.

Birkhahn macht aus Werner eins das prächtige Vorzeigemodell eines langsam und nicht unzufrieden in die Demenz gleitenden Lustgreises. Wie die Gattin am Herd, so zelebriert auch er seine grotesken Handlungen, in die meist Staubsauger, Baumstammskelett und das Familienwappen involviert sind. Regisseur Mayr trägt dem Artifiziellen des Textes mit seiner Inszenierung Rechnung.

Er taucht finsterste menschliche Abgründe in grausam-grelle Komik, er setzt dem eintönig-braunen Irren-Haus kunterbunt-skurrile Einfälle entgegen. Ganz wunderbar hat er Morzé und Birkhahn zu einem absurd doppelbödigen Spiel inspiriert, bei dem von Anfang an klar ist, dass zum Kern der Sache noch vorzudringen sein wird. Nämlich als Irina Sulaver als abgängig gewesene Tochter Rosalie durch die Decke kracht. Sechzehn Jahre war sie von zu Hause weg, als sie ins Exil ging, war sie sechzehn Jahre alt.

Die Videos von Sophie Lux, zugeschaltet auf einer Vidiwall über der Box, erzählen nicht nur von einer trostlosen Kindheit und Jugend, aufgepeppt mit Jungs und Zungenküssen, von Aus- und Aufbruchsplänen, sondern auch vom plötzlichen Ende all dieser Zukunftsträume. Rosalie hat, weil von Alkopops betrunken, einen Autounfall gebaut. Die beste Freundin Ella (Marta Kizyma) kam uns Leben. Die beiden Mädchen auf der Leinwand in ihrem real existierenden Lebensunglück sind der anrührende, zu Herzen gehende Widerpart zum Irrealen des Bühnengeschehens.

Die kurzen Rückblenden offenbaren nun auch endlich das Geheimnis der Familie, erzählen von Daseinsvernichtung in mehrfacher Ausprägung, von Verstoßung innerhalb der Familie und aus der Gesellschaft, von Fensterlosigkeit, weil bei Sichtbarwerden doch nur Schimpf und Schande. Nichts herein-, nichts hinaus- und sich auf nichts einlassen, so seither die Werner’schen Devisen. Die durch das plötzliche Aufschlagen der Tochter aus dem Konzept gebracht werden. Sulaver spielt die Rosalie, schwarz gewandet, die Augen schwarz umrandet, als trotzig-verschreckte Kreatur. Nicht weiß man, wo sie war, woher sie kommt, was seither geschah … ein blutig-bandagiertes Knie, einen Buckel hat sie, und hält sich schief wie Richard III.

In Videorückblenden erfährt man, was passiert ist: Marta Kizyma (auf der Leinwand rechts als Ella) mit Sulaver, unten Birkhahn und Morzé. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Demütigungsspielchen eskalieren. Wo Blut schon ist, da fließt noch mehr. Die Eltern geben der Tochter die Schuld an ihrer Selbsteinsargung. Eine Klinge fährt in Vaters Hand, der mütterliche Kleinkrieg ums zunichte gemachte kleine Glück weitet sich von ihm auf die Tochter aus. Die Mutter mischt giftige Beeren in ihre orange Glibberkost, deswegen erfährt man, sie kannte aus der Pappschachtel immer einen Fluchtweg, hat nur den Mann zur Strafe wie gefangen gehalten.

Der toxische Brotaufstrich streckt Werner eins und Tochter Rosalie nieder. Sie sind tot. „Ich weiß nicht, wohin mit mir“, sagt Morzé/Werner zwei über ihren einsamen Schluss. Hilde heißt die Figur übrigens, und nicht einmal der Andachtsjodler wird ihr noch Frieden bringen.

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  1. 9. 2017