Bronski & Grünberg: Familie Schroffenstein

Februar 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Purismus statt Budenzauber

Ljubiša Lupo Grujčić und Birgit Linauer. Bild: © Andrea Peller

Das Bronski & Grünberg, bis dato auffällig geworden als Spielort, der sich bierernst nehmenden Klassikern die Satire ins Gesicht grinst, beweist mit seiner jüngsten Produktion, dass es auch ganz anders kann. Und dies ausgerechnet bei einem Stück, das sich für Ironie und Parodie geradezu angeboten hätte: Kleists „Familie Schroffenstein“. Nun aber trat Regisseur Fabian Alder, und mit ihm eine Creme österreichische (Jung-)schauspieler, an, um dem Wegbereiter in die dramatische Moderne alle Ehre anzutun. Alder setzt in seiner Inszenierung auf Purismus statt auf Budenzauber. Herauskommt so ein sehr straighter Theaterabend, der Kleists Haudegen ohne Hau-drauf-Humor präsentiert, und in seiner klaren Tonart auf ganzer Linie reüssiert.

Haudegen, weil: Was sich in der „Familie Schroffenstein“ abspielt, ist eine Blutorgie à la Tarantino. Durch einen unseligen Erbschaftsvertrag sind zwei blaublütige Vettern samt Anhang zu erbitterten Feinden geworden. Man beschuldigt sich gegenseitig des Kindsmords, schreckt vor abgeschnittenen Leichenfingern, Folter und dergleichen nicht zurück, Vasallen und Boten fallen wie die Fliegen – und, wenn nichts mehr hilft, fällt einer in Ohnmacht. Das übliche Kleist’sche Ritter-Schauer-Mysterydrama halt.

Alldieweil das mörderische Treiben so geht, verlieben sich Agnes aus Zweig A und Ottokar aus Zweig B ineinander. Allerdings, dies kommt beziehungserschwerend hinzu, findet auch Ottokars psychisch labiler Halbbruder Johann Gefallen an der schönen Maid. Im Gebirge kommt es schließlich zu Kleidertausch und Doppelsprung über die Klinge. Am Ende sind alle Erben hin. Und Johann sagt: „Es ist ein Spaß zum Todlachen!“

Nicht so bei Alder. Der verzichtet auf alles Hexenwerk und lässt auf leerer Bühne mit Baumgerippe spielen. Zwei Öffnungen lässt er den goldbewandeten Burgen für die zahlreichen Auf- und Abtritte der Figuren, die Edelfarbe sozusagen der einzige Farbtupfer auch für einen Handschuh, sind im Weiteren die Schauspieler doch in Schwarz und Weiß gekleidet. Einzig der Grenzgänger zwischen den Familien, Jerome von Schroffenstein, trägt grau (Bühne: Kaja Dymnicki und Fabian Alder, Kostüme: Katharina Kappert).

Sophie Stockinger und Simon Morzé. Bild: © Andrea Peller

Wohl weil sich in den Familien alles wie spiegelgleich ereignet, hat Alder die Grafen Rupert und Sylvester sowie die Gattinnen Eustache und Gertrude mit jeweils Ljubiša Lupo Grujčić und Birgit Linauer besetzt. Besagter goldener Handschuh kennzeichnet, wer gerade das Sagen hat, und vor allem Grujčić ist großartig als mal unversöhnlicher Willkürherrscher, mal dessen versöhnlich einlenken wollender Cousin. Sophie Stockinger und Simon Morzé gestalten ein anrührend schüchternes Liebespaar Agnes und Ottokar, Benjamin Vanyek ist als Johann sehr schön irre. Florian Stohr gibt den Jerome als aufrechten, guten Menschen. Ursula Anna Baumgartner schließlich schlüpft gekonnt in diverse Rollen – vom frechen Herold Theistiner bis zur Totengräberstochter Barnabe.

Es macht Freude zu sehen, wie es dem Ensemble gelingt, die Kleist’schen Typschablonen in Charaktere aus Fleisch und Blut zu verwandeln, Alder versteht es, die Symbolhaftigkeit des Werks aufzugreifen und diese Parabel vom Untergang eines großen Hauses in eine aktuell gültige Aufführung zu verwandeln. Dies ohne mit tagespolitischen Schlagworten wie Fake News, roten Knöpfen, Waffenwahn und derlei mehr, was sich zwischen zwei Regierenden und deren Staaten ereignen kann, protzen zu müssen. Man versteht das bitterböse Finale auch so. Und Totengräberswitwe Ursula, in Wahrheit Urheberin des gesamten Grauens, sagt lapidar: „Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen …“

www.bronski-gruenberg.at

  1. 2. 2018

Kammerspiele: Arsen und Spitzenhäubchen

Mai 20, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein wahrhaft mörderisches Vergnügen

Abby und Martha Brewster mit ihrem Lieblingsneffen Mortimer: Marianne Nentwich, Elfriede Schüsseleder und Martin Niedermair. Bild: Herwig Prammer

Das sind die Kammerspiele vom Feinsten, liebevoll und mit Kennerblick auf die humorvollen Details inszeniert, die Darsteller mit Verve und sichtlichem Spaß bei der Sache, das Ganze ein wenig widerständig gegen Herbert Föttingers inszenatorische Neuerungsbestrebungen – und zur Abwechslung ist das auch gut so. Der Josefstadtdirektor schenkte seiner Doyenne zum 75. Geburtstag Joseph Kesselrings „Arsen und Spitzenhäubchen“.

Und natürlich ist die Abby Brewster, das schrullige Mördertantchen, eine Paraderolle für Marianne Nentwich. Die wunderbare Schauspielerin, die ihr Repertoire in den vergangenen Jahren von den eleganten, mal mehr, mal weniger still leidenden Ehefrauen, zu schriller, komischer, gewitzter erweitert hat – man denke nur an ihre Madame Schleier im „Zerrissenen“, fühlt sich in Regisseur Fabian Alders Arbeit merklich wohl. Die abschließenden Standing Ovations galten freilich der Jubilarin, doch gab’s insgesamt viel Jubel fürs Ensemble.

Denn der Abend ist mit einem Wort gesagt hinreißend. Laut und verrückt und wie eine Reminiszenz an die gute, alte Kinozeit, in der Frank Capra das Stück 1944 auf die Leinwand hob. Da passt es fabelhaft, dass Alexander Pschill sich als Teddy Brewster einen beinah chaplinesken Gestus zugelegt hat, oder dass in Momenten höchster Gefahr stummfilmartige Schattenspiele auf der Bühne ablaufen, beinah so als würde Noferatu persönlich die Scheinwerfer bedienen. Alder und seine Mitstreiter balancieren gekonnt auf dem Grat zwischen betulicher Kleinbürgerlichkeit und blankem Horror, der den Charme dieses Stücks ausmacht. Die Boris Karloff’sche Frankensteinmaske für Markus Kofler darf auch nicht fehlen – der Schauspieler hatte Kesselring weiland gestattet, seinen Namen zu verwenden, weil’s ihm ein Spaß war, an dessen schwarzer Komödie mitzuwirken.

Jonathan Brewster taucht auf: Elfriede Schüsseleder, Marianne Nentwich und Markus Kofler. Bild: Herwig Prammer

Schon wieder ein Opfer des Gelbfiebers: Ljubiša Lupo Grujčić und Alexander Pschill auf dem Weg nach „Panama“. Bild: Herwig Prammer

Marianne Nentwich und Elfriede Schüsseleder spielen nun die Schwestern Abby und Martha Brewster. Die beiden älteren Damen haben es sich zur wohltätigen Aufgabe gemacht, noch ältere Herren mittels vergiftetem Holunderwein vom Elend dieser Welt zu befreien. Dritter im Haushalt ist Neffe Teddy Brewster, der sich für Theodore Roosevelt hält. Ohnedies damit beschäftigt, im Keller den Panamakanal auszuheben, ist es ein leichtes, ihn die angeblichen Opfer des Gelbfiebers dort auch bestatten zu lassen.

Das alles ging gut, bis Neffe Nummer zwei, Mortimer, die Leichen im Keller entdeckt – und selbstverständlich entsetzt ist. Und dann steht auch noch Jonathan Brewster in der Tür, ein gesuchter, irrer Serienmörder, durch unzählige Gesichtsumwandlungsoperationen mittlerweile auch optisch zum Monster mutiert …

Martin Niedermair spielt die ehemalige Cary-Grant-Rolle Mortimer als verkopften Pseudointellektuellen mit Hornbrille, Josefstadt-Jutetasche und schmierigen Haaren. Mortimer ist Theaterkritiker – und hasst das Theater. Diese Satire auf den Betrieb ist immer ein feines Beiwerk in „Arsen und Spitzenhäubchen“.

Niedermair kann gut hysterisch. Sein Mortimer ist eigentlich durchgehend am Rande des Nervenzusammenbruchs, da schraubt sich die Stimme nach oben, um, wenn’s wirklich Spitz auf Knopf steht, in einen bedrohlichen Horrortonfall zu wechseln. In diesem Irrenhaus der Brewsters ist nicht klar, ob Mortimer tatsächlich der einzige Normale ist. Jedenfalls beginnt auch Salka Weber als seine Verlobte zu zweifeln …

Zumindest ein Mörder ist gefasst: Patrick Seletzky, Alexander Strobele, Oliver Rosskopf und Markus Kofler. Bild: Herwig Prammer

Als Jonathan zeigt Markus Kofler einmal mehr sein komödiantisches Können. Wie er den elementar in seinem Mörderstolz gekränkten Killer gibt, weil die Tanten genauso viele Tote vorzuweisen haben wie er, ist vom Feinsten. Ljubiša Lupo Grujčić gibt den versoffenen Feigling von einem Arzt, Dr. Einstein, der ihn zu Schanden operiert hat. Alexander Pschill slapstickt sich als Teddy über die Bühne, dass es eine Freude ist.

Eine chaotische Polizeitruppe rundet den Wahnsinn ab, Oliver Rosskopf und Patrick Seletzky sind wie Pat & Patachon, Alexander Strobele deren obercooler Oberboss, und Oliver Huether ist als uniformierter Möchtegerndramatiker total neben der Spur.

Fabian Alder hat im putzigen Bühnenbild von Nikolaus Frinke die Farce fabelhaft und mit großer Präzision aufgelöst. Das Ensemble ist bravourös überdreht (in der Pause war zwar zu hören, manchen war es etwas viel), und im Mittelpunkt ruhen souverän Nentwich und Schüsseleder mit ihrer subtilen, trockenen Darstellung der Tanten. Selten so viel gelacht!

Video: www.youtube.com/watch?v=-HtHzSXh2E8

www.josefstadt.org

Wien, 19. 5. 2017

Theater in der Josefstadt: Galápagos

März 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine saftige Story sinnlos entfleischt

Die Inselbewohner: Matthias Franz Stein, Raphael von Bargen, Eva Mayer, Ruth Brauer-Kvam, Roman Schmelzer, Ljubiša Lupo Grujčić, Peter Scholz, Pauline Knof und die Riesenechsen. Bild: Moritz Schell

An der Josefstadt wurde Felix Mitterers jüngstes Stück „Galápagos“ uraufgeführt, und es ist nach den vorangegangenen „Jägerstätter“ und „Der Boxer“ der drittbeste Text. Mitterer hat eine saftige Story bis auf die Knochen entfleischt, doch kann er dem stehen gebliebenen Gerüst nichts Neues, nichts Spannendes anhaften. Entstanden ist so ein spröder, sperriger, sich schwerfällig abspulender Abend mit scherenschnittartigen Figuren. Mitterer ordnet jedem seiner Geschöpfe kaum mehr als eine Charaktereigenschaft zu.

Und so passiert etwas seltsam Seltenes: Die Josefstadt-Schauspieler kommen nicht zum Spielen. Und wo die Not am größten ist, rettet man sich sicherheitshalber in die Groteske und die Karikatur. Nun ist es ja in Ordnung, dass Mitterer sich nicht für den im Stoff enthaltenen Thriller interessierte, nur hat ihn offenbar das Psychodrama ebenso wenig inspiriert. Was bleibt hat etwas Lehrbuchhaftes, ist ein Erklärstück mit ein paar Brocken Handlung – summa summarum enttäuschend.

Das Stück beruht – naturgemäß bei Mitterer – auf einer wahren Geschichte. 1929 lassen sich auf der bis dahin unbewohnten, unwirtlichen Galápagos-Insel Floreana der deutsche Arzt, Philosoph und Naturfanatiker Friedrich Ritter und seine „Jüngerin“ Dore Strauch nieder. Man will ein zivilisationsfreies, urwüchsiges Leben führen, doch wird beider Gefallen aneinander alsbald getrübt, da Dore Strauch an Multipler Sklerose erkrankt – und für Ritter Siechtum etwas Unnatürliches ist. 1932 folgen ihnen, angelockt von Presseberichten, Heinz und Margret Wittmer, ebenfalls Deutsche, Flüchtlinge vor der Wirtschaftskrise und dem von ihr ausgelösten politischen Wetterleuchten, nach. Margret ist schwanger und wird den ersten Floreana-Ureinwohner zur Welt bringen – heute noch wohnen Wittmers auf der Insel; man rauft sich mehr schlecht als recht zusammen.

Auftritt eines schillernden Trios: Eine angebliche Wiener Baronin und ihre beiden Liebhaber. Eloise Wagner de Bousquet beginnt das Eiland zu annektieren. Sie will hier ein Luxushotel errichten, lässt sich aber den Großteil der Zeit von ihren Männern Rudolf Lorenz und Bubi Philippson in jeder Hinsicht verwöhnen. Natürlich ist Frau Baronin eine Hochstaplerin und Betrügerin. Die Situation eskaliert. 1934 sind von den sieben Inselbewohnern noch drei am Leben. Der Rest ist tot oder verschollen, die Umstände sind mysteriös. Weshalb Mitterer einen Polizisten aus Ecuador nach Floreana entsendet …

Dieses Spiel im Spiel setzt Stephanie Mohr mit einigen gelungenen Einfällen in Szene. Die Bühne von Miriam Busch ist à la mode kahl bis zur rückwärtigen Feuermauer, der Boden übersät mit zerknülltem Papier von und über Ritter, Zeitungsartikel und Seiten seines in die Binsen gegangenen literarischen Hauptwerks. Die Darsteller pflügen durch diese Gazettenwüste wie durch einen von Gottes Gnade verlassenen Paradiesgarten. Ab und an entrollt sich ein Prospekt, ein Schwarzwaldhaus samt Lebkuchenmann und Tannenbaum, ein paar riesige Riesenechsen, eine Ansichtskarte vom angekündigten Hotel …, illustriert kurz das Geschehen und fällt dann zu Boden. Gespensterstimmen, ihr Raunen, Stöhnen und irres Lachen, klingt aus dem Off. Schmeißfliegengesurr umschwirrt ihre Leiber.

Friedrich Ritter neigt zu Gewaltausbrüchen: Raphael von Bargen mit Eva Mayer als „Jüngerin“ Dore Strauch und Polizist Ljubiša Lupo Grujčić. Bild: Moritz Schell

Die Baronin spielt gefährliche Piratenspielchen: Ruth Brauer-Kvam als Eloise Wagner de Bousquet mit Roman Schmelzer als Lover Bubi Philippson. Bild: Moritz Schell

Ermittler Felipe Pasmino erscheint, Ljubiša Lupo Grujčić mit – warum auch immer – Dauergrinsen im Gesicht. Es entsteht eine Art Verhörsituation, die Figuren fallen von der Gegenwart in ihre Vergangenheit und retour, der Polizist bleibt bei diesen Rückblenden als Beobachter am Rande der Szenerie. Man beschuldigt sich gegenseitig, man verleugnet sich, die Angaben widersprechen einander. Und weil hier dem Ordnungsorgan im Wortsinn etwas vorgespielt, etwas vorgegaukelt wird, agieren die Josefstädter in diesen Szenen wie beim Laientheater. Doch, egal ob hier und jetzt oder verwesend gewesen, egal also, auf welcher Zeitebene sich das Spiel gerade befindet, die Regie ändert weder durch Licht- noch sonstige Effekte etwas an der Einheitsstimmung. Das ermüdet.

Mohr bedient das Erzählerische des Textes, wie er ist auch ihre Arbeit auf das Wesentliche reduziert, schnörkellos, unterkühlt und nichts ausstellend. In diesem auch metaphorisch leeren Raum hätten die Darsteller Platz für ihre Darstellung, doch nichts dergleichen passiert. Es entwickelt sich nichts, nichts bewegt sich, selbst die Drehbühne hat sich der Trägheit verschrieben. Wenn Emotionen hochkochen, ist auch dieses Aufeinanderprallen schockgefroren.

Entsprechend eindimensional die Rollengestaltung: Raphael von Bargen bleibt als Friedrich Ritter von vorne bis hinten hart, ungeduldig und von erbitterter Konsequenz, Eva Mayer dagegen ist als Dore Strauch die Dulderin mit Herz. Peter Scholz präsentiert Heinz Wittmer als geschwätzigen Nervtöter, aber immerhin Gemütsmensch, Pauline Knof ist als seine Frau Margret pragmatisch kalt und bärbeißig, und beiden haftet die wichtigste deutsche Tugend an, „tüchtig“ zu sein.

Ruth Brauer-Kvam legt die Baronin mit schriller Stimme und Hang zu überbordenden Gesten als unberechenbare, zähnefletschende (sic!) Wahnsinnige an. Ihre Eloise ist nicht mehr als das Spottbild eines Menschen, eine Möchtegernin sowohl als lustvolle Verbrecherin wie als männermordende Femme fatal. Matthias Franz Stein ist als misshandelter, devoter Rudi ein hilflos weinerlicher Tropf, Roman Schmelzer als Bubi um nichts weniger eine Persiflage und wohl in erster Linie deshalb auf der Bühne, weil er als „Kraftlackel“ die zierliche Brauer-Kvam ohne Probleme einen Abend lang auf Händen tragen kann. Grujčić bleibt als zweiter Ausdruck neben dem Grinsen ein ungläubiges Kopfschütteln ob der servierten Geschichten – wer der oder die Mörder sind, bleibt wie in der Wirklichkeit unklar.

Das Josefstädter Publikum dankte mit freundlichem, aber endenwollendem Applaus. Nun ließe sich vortrefflich über den dünnen Firnis der Zivilisation philosophieren, über das menschliche Miteinander im Allgemeinen und im Besonderen, über Macht- und Besitzansprüche und über das Survival of the Fittest – doch ehrlich, all das gibt die Aufführung nicht her. Der ganze Abend ist so mühsam und aufreibend staubtrocken, wie es das Leben auf Floreana wohl wirklich war. Ein literarischer Mehrwert zu den in regelmäßigen Abständen erscheinenden Fachpublikationen über Ritter und seine Runde findet sich nicht. Und so ist Mitterers „Galápagos“ in mehrfacher Hinsicht eine Insel der Unseligen.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Md8dH6hBwkg

Originalaufnahmen/ORF ZiB2: tvthek.orf.at/topic/Kultur/6275545/ZIB-2/13921103/Galapagos-in-der-Josefstadt/14005850

www.josefstadt.org

Wien, 17. 3. 2017

 

Kammerspiele: Monsieur Claude und seine Töchter

September 9, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Klischees ausgespielt, bis sie sich selbst entlarven

Vincent Bueno, Ljubiša Lupo Grujčić, Michaela Kaspar, Daniela Golpashin, Peter Marton, Martin Niedermair, Martina Ebm und Silvia Meisterle. Bild: Herwig Prammer

Monsieur Claudes Multikulti-Familie: Vincent Bueno, Ljubiša Lupo Grujčić, Michaela Kaspar, Daniela Golpashin, Peter M. Marton, Martin Niedermair, Martina Ebm und Silvia Meisterle. Bild: Herwig Prammer

Und wieder hat Folke Braband einen Komödienhit gelandet. An den Kammerspielen zeigt der Regisseur nach seiner großartigen Vorjahrsinszenierung von „Der nackte Wahnsinn“ die Bühnenadaption von „Monsieur Claude und seine Töchter“ und beweist sich damit einmal mehr als Meister des Boulevards. Er hat die französische Filmvorlage aus dem Jahr 2014 in einen Gute-Laune-Abend verwandelt, der allerdings bei hohem Funfaktor nicht aus den Augen verliert, dass hier durchaus die brisanten Themen zur Zeit abgehandelt werden.

Dass diese Übung so glänzend gelingen konnte, ist auch Autor Stefan Zimmermann zu danken, der mit seiner Textfassung die Untiefen des Drehbuchs geschickt umschifft, auf allzu arge Schenkelklopfmomente verzichtet hat und stattdessen lieber einen Finger in gesellschaftliche Wunden legt. Mitunter fallen Sätze, da stockt einem der Atem, heißt: die Welt hat sich in den vergangenen beiden Jahren gedreht, hat Menschen näher aneinander gerückt, eine Not, für die manche nicht im Entferntesten bereits sind, Verständnis aufzubringen. Braband und Zimmermann nehmen diese Entwicklungen aufs Korn, und nehmen sie so ernst, dass ihnen gar nichts anderes übrigbleibt, als darüber ein Lachen zu legen.

Xenophobie, die Angst vor dem „anderen“, ist bei ihnen überall zu Hause, quasi „Ausländer raus aus dem Ausland!“, wie Lukas Resetarits seinen Protagonisten im berühmten „Tschusch-Tschusch“-Sketch rufen lässt. Sie haben die gängigen Klischees bis zur Selbstentlarvung zugespitzt und Braband lässt sie vom Ensemble nun lustvoll ausspielen. Wie ein Atout nach dem anderen fallen die gegenseitigen Vorurteile über Herkunft, Hautfarbe und Religion, auch Essgewohnheiten, und wenn hier ein Asiate als „Glückskeks“ verunglimpft wird, ist das fast noch ein Kosename. Alltagsrassismus light, sozusagen, und Brabands Arbeit bringt das alles pointiert auf den Punkt. Dem Filmischen ist er insofern verbunden geblieben, als er seine kurzen Szenen mit Blackouts trennt – was dem Ganzen tatsächlich, siehe oben, etwas sketchhaftes verleiht. Und für Tempo auf der Bühne und Kurzweil im Publikum sorgt.

Im Mittelpunkt des Multikulti-Spaß steht Claude Verneuil, der mit seiner Frau Marie ein beschauliches Leben auf dem Lande führen könnte, wenn seine vier Töchter nicht ein Faible für Männer „exotischer“ Abstammung hätten. Einen Moslem, einen Juden und einen Chinesen hat er sich als Schwiegersöhne schon mit der gleichen Freude zugezogen wie andere einen Schnupfen. Nun endlich die jüngste bringt einen echten Franzosen und Katholiken ins Haus, Charles heißt er noch dazu, welch Freude, ist Monsieur doch Gaullist. Mais quel malheur, der junge Mann ist Sch … auspieler, das auch, vor allem aber ein Schwarzer!

Siegfried Walther ist als Monsieur Claude Dreh- und Angelpunkt des Abends, ein Kleinbürger, der auf seiner Kleinkariertheit herumkaut, und fabelhaft in seiner Verstörtheit ob der neu angebrochenen Zeiten, die ihm da ins Haus stehen. Der Wind der Globalisierung weht ihm hart ins Gesicht, und wenn seine Floskeln auch verletzend sind, ist er doch ein guter Vater, der sich um den Familienfrieden fast mehr sorgt als um seine Seelenruhe. Walther malt die Schablone, die diese Figur sein könnte, mit einer ganzen Palette an Gefühlsfarben aus, er gibt seinem Monsieur Claude Charakter, konterkariert dessen saturierte Selbstgefälligkeit mit Selbstzweifeln und entgeht so mit Verve jener Knallchargigkeit, der sich sein Filmkollege Christian Clavier nicht entziehen konnte. Eine Leistung, mit der Walther gleichsam die Grundierung der Aufführung festlegt.

Siegfried Walther und Félix Kama. Bild: Herwig Prammer

Mit Chateauneuf du Pape lassen sich alle Grenzen überwinden: Siegfried Walther und Félix Kama. Bild: Herwig Prammer

Peter Marton und Martina Ebm. Bild: Herwig Prammer

Ein Liebespaar gegen alle gesellschaftlichen Widerstände: Peter M. Marton und Martina Ebm. Bild: Herwig Prammer

Denn niemand ist hier schwarz oder weiß, heiß oder kalt, gut oder böse, das Verhängnis heißt vielmehr Stolz und Vorurteil, und über beides muss man erst einmal hinwegkommen. Den Höhepunkt erreicht die Sache, als Charles‘ Eltern von der Elfenbeinküste anreisen, und sich André Koffi als der ärgste Chauvinist von allen entpuppt. Félix Kama verleiht der Figur seine imposante Statur und Profil, und wenn sich die beiden Väter beim Angeln und unter Einfluss von ausreichend Rotwein in ihren konservativen Ansichten näherkommen, so sind das mit die schönsten Momente der Inszenierung.

Susa Meyer ist als Marie Verneuil mit dem mütterlichen Talent gesegnet, durch das Unangenehme hindurchzuhören, Ida Ouhé-Schmidt als Madeleine Koffi hört zwar noch, lässt sich dadurch aber nicht aus der Ruhe bringen.

Die vier Liebespaare gestalten Michaela Kaspar und Ljubiša Lupo Grujčić, Silvia Meisterle und Vincent Bueno, Daniela Golpashin und Martin Niedermair, Martina Ebm und Peter M. Marton. Mit oft nur kleinen Gesten und Andeutungen gelingt es ihnen ihre Rollen in der Handlung und in ihren Beziehungen zu verorten.

Meisterle als Michelle ganz überspannte Künstlerin, Golpashin als Adèle mit einem genervten Augenrollen, wenn ihr Mann wieder einmal seine jüdischen Ahnen anruft. Die Schwiegersöhne ergehen sich in gegenseitigen Ressentiments, bringen im Ringen um die Gunst des Schwiegervaters aber auch sehr viel Selbstironie mit in die Situation. Der Humor beißt mitunter fest zu, wenn’s um Israel gegen Palästina, aber vereint gegen China geht.

Grujčić gibt den südländischen Heißsporn, der sich politisch völlig unkorrekt wegen seiner permanenten „Bombenstimmung“ frotzeln lassen muss, Niedermair einen raunzigen Nörgler, der sich alles Leid seines Volkes auf die schmalen Schultern geladen hat, Vincent Bueno das –  nicht Schlitzauge, sondern – freundliche Schlitzohr, er wird ergo von den anderen beiden auch als „dauergrinsender Arschkriecher“ beschimpft. Bueno greift dann zum Gaudium der Zuschauer auf seine Martial-Arts-Künste zurück, der Musicaldarsteller in seiner ersten Sprechtheaterrolle ist die erfreulichste Überraschung des Abends, wie er spielt, auch sein komisches Talent ausspielt, wie er sich ins Kammerspiele-Ensemble fügt, als hätte er nie etwas anderes gemacht, davon möchte man gern mehr sehen.

Als Tausendsassa zeigt sich Markus Kofler, wie schön, dass die Josefstadt mit seinem Engagement beweist, dass sie ein waches Auge Richtung freier Szene hat. Er ist nicht nur zuständig für die Vertreter aller Religionen, sondern auch für peinliche Nachbarn und beinharte Polizisten. Immer hart an der Karikatur tanzt er seinen Figurenreigen, ganz wunderbar als der eine oder andere Geistliche, der als Antworten auf die Glaubenszweifel seiner Schäfchen nur ein lautmalerisches Bartgemurmel hat. Oder als Ordnungshüter, dessen erster Blick, als Abderazak und Abraham auf der Suche nach den im Alkohol abgesoffenen Familienoberhäuptern in sein Wachzimmer einfallen, dem Fahndungsplakat gilt. Ein Araber, Sie wissen, da kann man nie wissen …

Mit solcherart gaghaften Andeutungen lädt Folke Braband freilich auch zur satirischen Selbstbefragung ein. Seine Unterhaltung hat Haltung. Im diesbezüglich durchkomponierten Programmheft mit seltsamen Europakarten samt „Dracula- und Autodiebländern“ findet sich dafür ein Psycho-Fragebogen: Mal ehrlich, sind Sie ein Rassist?

Vincent Bueno im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=21953

Trailer: www.youtube.com/watch?v=1r2bTOH5gVs&feature=youtu.be

www.josefstadt.org

Wien, 9. 9. 2016

Kammerspiele: Vincent Bueno im Gespräch

August 31, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er spielt in „Monsieur Claude und seine Töchter“

Monsieur Claude und seine Schwiegersöhne: Siegfried Walther mit Vindent Bueno, Peter Marton, Martin Niedermair und Ljubiša Lupo Grujčić. Bild: Jan Frankl

Monsieur Claude und seine Schwiegersöhne: Siegfried Walther mit Vincent Bueno, Peter Marton, Martin Niedermair und Ljubiša Lupo Grujčić. Bild: Jan Frankl

Der französische Kinoerfolg des Jahres 2014, „Monsieur Claude und seine Töchter“, kommt nun auf die Bühne. An den Kammerspielen wird die Komödie von Philippe de Chauveron und Guy Laurent in einer Inszenierung von Folke Braband am 8. September uraufgeführt. Madame und Monsieur Verneuil, dargestellt von Susa Meyer und Siegfried Walther, wären ein zufriedenes Ehepaar, hätten ihre vier bildhübschen Töchter nicht eine Affinität zu Männern aus anderen Kulturkreisen.

Eine jüdische, eine muslimische und eine Hochzeit mit einem Asiaten mussten sie schon über sich ergehen lassen, da verkündet endlich die jüngste Tochter, einen französischen Katholiken heiraten zu wollen. An dem passt alles – bis auf die Hautfarbe. Musicaldarsteller Vincent Bueno übernimmt als chinesischer Schwiegersohn Chao Ling seine erste Sprechtheaterrolle. Ein Gespräch über Alltagsrassismus, das Gefühl Heimat, das neue Album „Wieder Leben“ und wie ein „Musicalfuzzi“ an den Kammerspielen nun für Rambazamba sorgt:

MM: Das ist Ihre erste Rolle am Sprechtheater, wie geht’s?

Vincent Bueno: Ja, und ich fühle mich extrem geehrt, dass ich mitmachen darf. Ich habe viel Musicalerfahrung, aber eine reine Schauspielrolle habe ich seit meiner Studienzeit nicht mehr gespielt, damals beim Armen Theater Wien, weil Erhard Pauer mein Abschlusslehrer am Konservatorium war. Die Proben an den Kammerspielen sind nun eine tolle Erfahrung mit tollen Kollegen.

MM: Wie sind Sie in die Produktion gekommen? Gab’s ein Casting?

Bueno: Nein und das ist das Coole daran: Die Josefstadt hat mich angefragt! Und natürlich war ich interessiert. Ich habe dann bei Herrn Direktor Föttinger vorgesprochen, einen Text aus „A Chorus Line“, und das war eine ziemlich arge Challenge, weil er aufs erste Kennenlernen doch sehr … wie soll ich das jetzt sagen? … respekteinflößend ist. Er hat zu mir gesagt: Du bist zu brav, ich will deine derbe Seite sehen, ja, und das versuche ich jetzt. Außerdem lerne ich gerade, meine Körpersprache zurückzunehmen.

MM: Funktioniert eine Theaterfamilie anders als eine Musicalfamilie?

Bueno: Gute Frage. Ich will jetzt nichts falsches sagen. Eine Musicalfamilie ist lebendiger, aufgeweckter, Sprechtheaterschauspieler sind nachdenklicher, in sich gekehrter. Vielleicht haben sie sich ja deswegen einen Musicalfuzzi geholt, damit er für ein bisschen Rambazamba sorgt. (Er lacht.) Nein, im Ernst, ich fühle mich so wohl, man wächst hier so zusammen. Man ist beim Sprechtheater angewiesener aufeinander, weil ein Satz in den anderen greift. Da kann keiner einen Egotrip veranstalten. Da wir nicht tanzen, nicht singen, ist sprechen, miteinander sprechen das Essenzielle.

MM: Sie spielen den chinesisch-stämmigen Schwiegersohn Chao Ling. Wie ist der?

Bueno: Eigentlich nicht so weit weg von meiner Person. Was uns unterscheidet ist, dass er Banker ist und ich ein Künstler, aber wir haben beide diese Sunshine-Art. Er ist im Gegensatz zu mir so strukturiert, er ist ein Checker, ich nicht. Ich bin sehr bescheiden, er kann seine Meinung rauslassen, das ist für mich grad noch ein bisschen schwer, aber wir sind auf einem guten Weg miteinander.

MM: Bescheidenheit ist nicht die beste Eigenschaft im Showbusiness.

Bueno: Das glaube ich auch. Aber das ist das Asiatisch-Höfliche an mir, das ich nun beim Spielen vollkommen ausschalten muss. Eine Challenge!

MM: Ist das Asiatisch-Höfliche nicht ein Stereotyp?

Bueno: Glaube ich nicht, die meisten Asiaten sind von Natur aus höflich. Es gibt einen Unterschied zwischen Höflichkeit und Aufrichtigkeit, und Asiaten haben diese Mischung, mit der viele Europäer nicht wirklich umgehen können. Die glauben, das Ja-Sagen und Verbeugen und Alles-Gut-Sagen ist ein Fake, aber es ist eine Sache des Respekts im gegenseitigen Umgang miteinander, die es im europäischen Raum so nicht gibt.

MM: Es ist eine Komödie, aber auch ein Stück über Alltagsrassismus in unserer Gesellschaft. Haben Sie den auch schon erfahren?

Bueno: Nicht nur erfahren. Ich spüre, auch wenn ich nicht direkt auf mein asiatisches Aussehen angesprochen werde, Blicke auf mir, da denke ich mir Wow! Leute schauen einen gerade in der jetzigen Zeit wieder schief an, wenn sie zu erkennen glauben, dass man ein „Ausländer“ ist. Das ist teilweise blanker Hass. Ab dem Zeitpunkt aber, wo ich Wienerisch spreche, denn ich bin ja hier geboren, ist es für sie okay. Nach dem Motto: Ah, der kann sich anpassen. Es ist grotesk, aber es ist so.

MM: Sind die Asiaten nicht die guten, fleißigen „Ausländer“, die freundlichen Exoten?

Bueno: Und die Afrikaner und die Araber die bösen, arbeitsscheuen, meinen Sie? Ja, das stimmt schon, wir kriegen’s nicht so ab. Das ist jetzt auch sehr Thema bei den Proben mit Peter Marton und Ljubiša Lupo Grujčić, meinen Mitschwiegersöhnen, mit denen ich mich privat super verstehe. Wir versuchen die Vorurteile noch mehr zu unterstreichen, noch etwas Sahne draufzugeben, damit’s einerseits komisch ist, andererseits aber auch verstanden werden kann, dass es so nicht weitergeht im menschlichen Zusammenleben. Denn die Schwiegersöhne haben ihre Scharmützel miteinander, die auf ihrer unterschiedlichen Herkunft basieren. Wir wollen alle dem Monsieur Claude gefallen, doch der wünscht sich nur einen urfranzösischen Bräutigam für zumindest eine seiner Töchter.

Der Singer/Songwriter stellt demnächst auch live sein neues Album "Wieder Leben" vor. Bild: Vincent Bueno

Der Singer/Songwriter stellt demnächst auch live sein neues Album „Wieder Leben“ vor. Bild: Vincent Bueno

MM: Sie haben auf den Philippinen wie hier eine große Fanbase. Fühlen Sie sich zweigeteilt oder nehmen Sie best of both worlds?

Bueno: Ich habe eine Zeitlang auf den Philippinen gelebt, weil ich mich dort im Showbusiness etablieren wollte, und das Komische ist, ich habe festgestellt, dass ich mich in Österreich am Heimischsten fühle, aber in keinem der beiden Länder zuhause. Das heißt, ich gehöre nach Österreich, bin hier geboren, aufgewachsen, in die Schule gegangen, die österreichische Kultur ist meine Kultur, und trotzdem werde ich als fremd gesehen. Auf den Philippinen wussten die Leute, der ist nicht von hier, der hat keine Ahnung von unserer Kultur, deswegen können wir den auch nicht vermarkten.

MM: Das heißt, auf den Philippinen sind Sie Österreicher?

Bueno: Ja, man nannte mich The Austrian Idol, nach der Show „American Idol“, weil ich damals gerade im ORF „Musical – Die Show“ gewonnen hatte … (er schmunzelt).

MM: Was uns zur Musik bringt. Sie haben ein neues Album aufgenommen: „Wieder Leben“. Erzählen Sie etwas zu dessen Entstehungsgeschichte?

010063_db7035c8492c457a8ebb20c825b5d6e8Bueno: Es ist erstmals ein deutschsprachiges Album, was nicht alle in meiner Community mögen, aber meinen amerikanischen Stil habe ich beibehalten. „Wieder Leben“ hat damit zu tun, dass ich in den vergangenen Jahren vieles erlebt habe, wovon ich dachte, ich muss darüber schreiben. Es gab viele Momente in meinem Leben, die mir die Energie nahmen, nach denen ich erst wieder Kraft tanken musste, und beim Schreiben des Albums dachte ich, ich will „Wieder Leben“. Ich war eine Zeitlang offline, jetzt war’s soweit online zu gehen. Ich bin wieder da!

MM: Was Sie ansprechen hat mit Ihrer Familie zu tun. Ihre Tochter ist vergangenes Jahr kurz nach ihrer Geburt gestorben. Das ist so traurig, dass es eigentlich unmöglich ist, etwas dazu zu sagen. Aber wenn man das weiß, hört man’s aus dem einen oder anderen Song raus.

Bueno: Wenn es einen berührt, dann freut mich das. Meine Frau Charity stand beim Schreiben dieser Songs sehr hinter mir, sie hat mich mit meiner Musik immer unterstützt. Sie ist die beste Frau der Welt, und auch wenn das jetzt kitschig klingt, sie ist eine, wie man sie nicht alle Tage sieht. In der Zeit, in der das mit unserer Tochter passiert ist, haben wir sehr zueinander gehalten. Man kann an so einem Schicksalsschlag als Paar zerbrechen, oder daran wachsen. Wir, denke ich, sind gewachsen. Wir wissen, dass unsere Kleine jetzt woanders ist, das hilft uns.

MM: Man hört Soul und R&B. Wer sind Ihre musikalischen Vorbilder?

Bueno: Michael Jackson, Justin Timberlake, James Brown … Alle Performer, die sich gut bewegen und eine gute Stimme haben. Diese Sorte Allroundperformer vermisse ich hier in Österreich, was vielleicht heißt, dass Österreich mit so einem Total-Package nicht umgehen kann – und dann noch dazu mit einem „ausländisch“ ausschauenden Österreicher. Deswegen will ich meinen Stil gar nicht wirklich ändern; mein Album ist vom Gefühl her ziemlich „schwarz“.

MM: Sie unterrichten auch? Wen?

Bueno: Ich arbeite gerne mit Leuten, die schon wissen, dass sie singen können. Ich will niemandem Singen beibringen, sondern an einem Stil, an einer Ausdrucksweise feilen. Das macht mir Spaß. Also, wer das möchte, kann sich über meine Webseite gern bewerben.

MM: Pläne?

Bueno: Musik machen. Ich bin Musiker. Am 11. September spiele ich übrigens mit meiner Band im 25hours-Hotel. Das erste Mal live „Wieder Leben“.

www.vincent-bueno.com

www.josefstadt.org

Wien, 31. 8. 2016