Theater in der Josefstadt: Glaube und Heimat

Februar 15, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Sonntagsstaat unterm Herrgottswinkel

Die Heimatvertriebenen machen sich auf den Weg: Trommler Kyrre Kvam mit Ensemble, re.: Claudius von Stolzmann als Reiter des Kaisers. Bild: Moritz Schell

Spätestens, wenn Hausherr Herbert Föttinger im Anschluss an die gestrige Premiere Karl Schönherrs Stück „Glaube und Heimat“ als Teil des Flüchtlings- und Vertriebenenzyklus ausstellt, der diese Saison das Theater in der Josefstadt prägt, ist klar, warum er’s auf den Spielplan gesetzt hat. In ideologisch aufgeheizten Zeiten ist es eine der Erwägung werte Wahl, um einen Riss zu zeigen, der auch gegenwärtig durch die Gesellschaft geht, politische Bigotterie und einen religiösen Fanatismus.

Die hier, im 1910 uraufgeführten Werk, das von der Vertreibung der Zillertaler Protestanten im Jahr 1837 unter Ferdinand dem Gütigen angeregt war, ihre blutigen Schwerter übers Christentum schwingen. Allein, der Krieg um Glaubenssätze wird seit jeher für verschiedenste „Götter“ geführt. Schönherr selbst fiel jenen anheim, die Österreich „heim ins Reich“ holten, er ließ sich von ihnen für sein „blutechtes, bodenständiges Schaffen“ preisen und dichtete im April 1938 darob „Nun sind wir wieder ein gewaltiges Land …“ Vom Rechtgläubigen zum Rechtsgläubigen, was eine Nachfrage nach dem Anteil von Blut und Boden in Schönherrs Schaffen zumindest möglich machen würde. Regisseurin Stephanie Mohr hat indes gar keine gestellt, hat sozusagen interpretationsfrei und vom Blatt inszeniert, hat die Krone der Deutungshoheit von sich gewiesen und lässt somit sowohl ihr 18-köpfiges Ensemble als auch das Publikum auf der Suche nach Bedeutung allein. Derart versucht der Streit Scholle gegen Seele anno 2019 verzweifelt zu zünden.

Noch herrscht Übermut im Hause Rott: Raphael von Bargen, Swintha Gersthofer und Silvia Meisterle. Bild: Moritz Schell

Die Sandperger unterm Herrgottswinkel: Roman Schmelzer und Alexandra Krismer. Bild: Moritz Schell

Mohrs Arbeit ist wie ein Egger-Lienz, expressiv, kantig, wie beim Volksmaler monumentale Szenen und reduzierte Bilder nicht im Widerspruch zueinander – und doch letztlich gestrig. Das Bühnenbild von Miriam Busch und die Kostüme von Alfred Mayerhofer tragen wesentlich zu diesem Eindruck bei: Wände, die die Bühne per Drehkreuz in vier Räume teilen, Bauernstuben mit Herrgottswinkel, Kruzifix, gestickter Heilsspruch und Madonnenbild, einmal sonnenhell tapeziert, einmal schwarz wie die Hölle, jeweils zwei Treppen, die ins Nirgendwo führen. Dazu sind die Darsteller in eine Art großbäuerlichen Sonntagsstaat gekleidet, enteignet werden kann nur, wer was hat, will das wohl sagen, wenn über aussteuervolle Truhen und besten Milchkühe verhandelt wird.

Was die Schauspieler allesamt ausdrucksstark und kraftvoll tun – allerdings mehr als Allegorien denn als wahrhafte Menschen: Raphael von Bargen, dem man den aufrechten, unbeirrbaren Christen Christoph Rott in jeder Sekunde glaubt, Silvia Meisterle, als hartleibige und doch herzensgute Rottin, so brillant wie nie, Michael König als moribunder Alt-Rott, der zwischen Katholizismus und Protestantismus schwankt, weil er im Grunde nur wünscht, in der Heimaterde und nicht auf dem Schindanger begraben zu werden, Swintha Gersthofer als unbändiger Spatz, der lieber in den Tod geht, als sich biegen und brechen zu lassen. Dies vor hat Claudius von Stolzmann als apokalyptischer Reiter des Kaisers, die in ihrer Ambivalenz wohl beste Rolle, hin und her gerissen zwischen blindwütiger Ausführung seiner Aufgabe und doch so etwas wie Anteilnahme für die Ausgestoßenen.

Nur mit einer Figur, einer von ihr dazu erfundenen, bricht Mohr ihre schwarzweiße Welt. Musiker Kyrre Kvam zeigt als Trommler eine clownsgesichtige Spukgestalt, die den Auszug der Landbewohner mit von ihm vertonten Texten von Andreas Gryphius und Rainer Maria Rilke begleitet. Es ist genau diese surreale Verfremdung, es kommt noch eine, in der die Bäuerinnen und Bauern wie im Totentanz reihum „Es kommt kein Trost“ ins finstere Zimmer schreiben, deren Häufung der Aufführung gutgetan hätte, um den Schönherr-Ton abzumildern und das in einen Kunstdialekt übertragene Tirolerisch zu konterkarieren. Stattdessen lässt Mohr, als der Bader, Oliver Huether, dem wassersüchtigen Alt-Rott Erleichterung verschafft, hörbar die Flüssigkeit aus dessen Bauch gluckern.

Rott schwört auf den neuen Glauben: Raphael von Bargen mit Claudius von Stolzmann, Michael König, Roman Schmelzer, Silvia Meisterle und Alexandra Krismer. Bild: Moritz Schell

Eine letzte Auseinandersetzung mit dem Reiter des Kaisers: Raphael von Bargen, Claudius von Stolzmann und Silvia Meisterle. Bild: Moritz Schell

Aus der Vielzahl der Charaktere stechen außerdem hervor: Gerhard Kasal als heimgekehrter Bruder Peter Rott, Roman Schmelzer als Sandperger zu Leithen ganz großartig vom Wahnsinn umzingelt und Nikolaus Barton als gieriger Englbauer in der Au, der die Höfe der Entrechteten für einen Spott aufkauft – auch dies geeignet gewesen für zeitgeschichtliche Gleichnisse. Elfriede Schüsseleder und Alexandra Krismer gestalten mit der Mutter der Rottin und der Sandpergerin zwei starke Frauenfiguren, wobei zweitere auch nach ihrer Ermordung durch den Reiter auf der Szene bleiben darf, während erste retten will, was nicht mehr zu retten ist. Lukas Spisser gibt einen zynischen Gerichtsschreiber, Michael Schönborn den mitfühlenden Schuster.

Ljubiša Lupo Grujčić und Susanna Wiegand sind als Kesselflicker-Wolf und Straßentrapperl die Synonyme dafür, wie unsolidarisch sich Mensch sogar dann verhalten, wenn’s ihnen selber zwar an den Kragen geht, sie einen anderen aber als noch „minderwertiger“ betrachten können, zumal der Wolf und das Trapperl die Katastrophe der anderen als ihr Glück verbuchen, nämlich durch die Wanderpapiere des Gerichtsschreibers endlich „richtige Leut‘“ zu werden. Eine Hackordnung unter Verfolgten, der mehr Aufmerksamkeit zu gönnen gewesen wäre. Dass die beiden ein Plastiksackerl und eine Zwei-Liter-Cola-Flasche mit sich tragen, ist allein noch kein Aktualitätsbezug. Zu den Konfliklinien der Gegenwart merke: Ein „Toleranzpatent“ ist kein Garantieschein für Aufgeschlossenheit, vor allem nicht für jene, die ständig wissen lassen, dass ihre Grenzen der Duldsamkeit des „Fremden“ ohnedies längst überschritten sind.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=sLApWOnB3xY

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  1. 2. 2019

Theater in der Josefstadt: Der Bauer als Millionär

Dezember 14, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geistreich geht’s durchs Geisterreich

Abschied von der Jugend: Michael Dangl und Sopranistin Theresa Dax. Bild: Erich Reismann

Die Drehbühne, eine Seite Feen-, andere irdische Welt, dominiert der Leuchtschriftzug „Geisterreich“, daraus wird, je nachdem welche Buchstaben gerade in Rot erglimmen, ein „geistreich“ oder nur „reich“, dann ein „erreicht“. Eine originelle Idee, die Regisseur Josef E. Köpplinger und Bühnenbildner Walter Vogelweider da hatten, und auch die modernste des Abends. Denn Köpplinger widersteht bei seiner Inszenierung von Ferdinand Raimunds „Der Bauer als Millionär“ am Theater in der Josefstadt jeder Versuchung zur Zwangsaktualisierung.

Bis auf eine Zeitstrophe beim „Aschenlied“, in der Fortunatus Wurzel von grenzenlosem Denken schwärmt und den kalten Wind, der von rechts weht, beklagt, lässt Köpplinger das „romantische Original-Zaubermärchen“ von Querverweisen unangetastet, weder Streikdrohung noch „Sonderbehandlung“ noch Sozialversicherungsreform müssen vorkommen, das ist dieser Theatertage mal was anderes – und offenbar so ungewöhnlich, dass Pausengespräche in die Richtung gingen, ob man das denn eigentlich dürfe.

Doch der derzeitige Chef des Münchner Gärtnerplatztheaters vertraut dem Dichter und dessen ewiggültiger Botschaft vom Geld, das allein nicht glücklich macht, und vertraut auch der Musik von Joseph Drechsler, die ein sechsköpfiges Orchester unter der Leitung von Jürgen Goriup mit Verve umsetzt. Diesem ist einer von zwei Höhepunkten des Abends zu verdanken, wenn Sopranistin Theresa Dax als Jugend ihr „Brüderlein fein“ singt, und sich nicht nur stimmlich auf höchstem Niveau, sondern schauspielerisch, angetan mit einem rosa Bubenanzug, als ein androgynes Wesen von anrührender Zartheit präsentiert. Ebenfalls Szenenapplaus gab es für ihr Pendant, Wolfgang Hübsch als das hohe Alter ein Respekt gebietender, resoluter Mann von Welt, der sich unversehens in einen zynischen, zahnlos scheinenden Mummelgreis verwandelt, sowie er Wurzel die nun anstehenden Zipperlein vor Augen führt. Hübschs trockener Humor, mit dem er seine Figur ausstattet, ist geradezu das Paradebeispiel für die Köpplinger-Handschrift dieser Aufführung.

Lacrimosa und ihre Vertrauten: Alexandra Krismer mit Alexander Strömer, Patrick Seletzky und Tamim Fattal. Bild: Erich Reismann

Hass, Neid und ihr Handlanger: Ljubiša Lupo Grujčić, Martin Niedermair und Dominic Oley. Bild: Erich Reismann

Das hohe Alter hält Einzug bei Fortunatus Wurzel: Wolfgang Hübsch mit Michael Dangl. Bild: Erich Reismann

Den Fortunatus Wurzel spielt Michael Dangl ziemlich deftig. Sein rabiat polternder Neureicher ist ein Bauer geblieben, das Gemüt schlicht, der Verstand verblendet, ein Trinker und Tunichtgut, als Aschenmann beinah ein Ebenbild der Kriehuber-Lithographie, und doch einer, dem man zwar Gebrochenheit und Läuterung, das Happy End aber nur bedingt abnimmt. Während Lisa-Carolin Nemec ein unauffällig-nettes Lottchen ist, gibt Tobias Reinthaller seinem armen Fischer Karl Schilf mit Temperament Kontur. Johannes Seilern macht sich gut als hinterlistiger Lorenz, Paul Matić darf als Habakuk ein Kabinettstück abliefern, dieses in Anlehnung an den Lurch der Addams Family, was ihm einiges an Lachen sichert.

Die Feenwelt nimmt Köpplinger absolut ernst, da wird nichts ironisiert oder karikiert, auch das ein wohltuender Zug an der Aufführung, wenn Alexandra Krismer als Lacrimosa einfach nur eine Mutter ist, die um das Wohlergehen ihrer Tochter bangt. Unter den sie umschwirrenden Geistern verströmt Alexander Pschill als Ajaxerle schwäbelnden Charme, Patrick Seletzky ist als Bustorius ein würdiger Zauberer aus Varaždin. Und weil die Bösen natürlich stets die besten Rollen sind, brillieren Dominic Oley als rotgewandeter Hass, Martin Niedermair als grüner Neid und Ljubiša Lupo Grujčić als deren heimtückisch-komischer Kammerdiener.

Warum Julia Stemberger ausgerechnet als Zufriedenheit ein schwarzes Trauerkleid tragen muss, die Kostüme sind von Alfred Mayerhofer und tatsächlich gibt es eine Friedhofsszene mit ein paar Grabstein schwingenden Untoten, erschließt sich einem ehrlich nicht. Schön hingegen, wie Köpplinger die Stemberger zur Spielmacherin, zur Strippenzieherin macht, die mit Durchsetzungskraft, und manchmal fast ein wenig hantig, schlussendlich die Geschicke der Geister und der Menschen lenkt.

Fazit: Köpplinger setzt auf Raimunds bissigen Wortwitz, würzt das Singspiel durchaus mit dessen Depression, verzichtet auf allzu Liebliches ebenso wie auf das Abklopfen von Leitartikelthemen – und das ergibt in Summe mehr Ferdinand Raimund, als andere Inszenierungen von sich sagen können. „Der Bauer als Millionär“ an der Josefstadt versteht sich als Unterhaltung. Mit Haltung.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=RqPTF4w0U6k

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  1. 12. 2018

Theater in der Josefstadt: Die Reise der Verlorenen

September 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein lautstarker Kommentar zur Anti-Flüchtlingspolemik

Ein Mammutprojekt mit 32 Schauspielern und 20 Statisten. Bild: Sepp Gallauer

„Und Sie, begnadet mit später Geburt, denken vielleicht gerade: Wer weiß, wie ich gehandelt hätte? Aber ich verrate Ihnen was: Falls Sie wirklich nicht wissen, wie Sie gehandelt hätten, dann wissen Sie es schon. Dann hätten Sie gehandelt wie ich.“ Otto Schiendick, Schiffssteward und Schikanierer, NSDAP-Ortsgruppenleiter an Bord und Nazi-Spion, dem Raphael von Bargen Gestalt verleiht, sagt diese Sätze gleich zu Beginn der Uraufführung. Die das Theater in der Josefstadt als Saisoneröffnungspremiere mit Kurssetzung auf Herz und Hirn des Publikums angesetzt hat, damit es niemals so weit kommen möge.

„Die Reise der Verlorenen“ erzählt eine wahre Geschichte. Am 13. Mai 1939 läuft der HAPAG-Luxusliner MS St. Louis in Hamburg Richtung Havanna aus. An Bord 937 jüdische Flüchtende aus Nazi-Deutschland. Doch Kuba, wo Präsident Laredo Brú einen Wahl- und einen Machtkampf gegen den General und späteren Diktator Fulgencio Batista zu bestreiten hat, verweigert den Unglücklichen die Einreise. Alle Interventionen jüdischer Hilfsorganisationen, vor allem aus den USA, wo Roosevelt ebenfalls kein Interesse hat, die Passagiere an Land zu lassen, scheitern. Und so muss die St. Louis die Rückfahrt nach Europa antreten.

In Tagebüchern, Telefonmitschnitten, Gesprächsprotokollen sind die Geschehnisse dieser Zeit festgehalten; Gordon Thomas und Max Morgan-Witts haben daraus das 1975 erschienene und ein Jahr später mit Oskar Werner, Maria Schell und Max von Sydow verfilmte Buch „Voyage of the Damned“ gemacht. Auf dieses nun bezieht sich Bestsellerautor Daniel Kehlmann bei seiner Bühnenadaption. Ein starkes Stück Dokumentartheater ist Kehlmann da gelungen, dramaturgisch dicht und spannend bis zum Schluss – obwohl das Ende bekannt ist.

Schiendick schikaniert die Passagiere: Raphael von Bargen mit Roman Schmelzer, Sandra Cervik und Ulrich Reinthaller. Bild: Sepp Gallauer

Verzweifelte wollen sich ins Meer stürzen: Maria Köstlinger mit Ulrich Reinthaller und Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Die Josefstadt bietet auf, was sie hat: 32 Schauspieler und 20 Statisten, von Regisseur Janusz Kica als immer wieder neue tableaux vivants arrangiert, führen die Bühne an ihr Fassungsvermögen. Kica versteht es, mit sparsam eingesetzten inszenatorischen Mitteln größte Effekte zu erzielen. Im rostigen Maschinenraum von Walter Vogelweider – dieser auch schon im Einsatz im ersten Teil der Josefstädter Dilogie, Peter Turrinis „Fremdenzimmer“ – lässt er die Schicksale aus Kehlmanns Kurzepisoden sich überschneiden.

Einzelne Protagonisten stellen sich an der Rampe vor: das mondäne Arztehepaar Fritz und Babette Spanier, Ulrich Reinthaller und Sandra Cervik, der Hebräischlehrer Aaron Pozner, Roman Schmelzer, der schon einmal im KZ war und in Auschwitz ermordet werden wird, das Ehepaar Loewe, Maria Köstlinger und Marcus Bluhm, von denen er einen Selbstmordversuch unternehmen wird, um in ein Krankenhaus auf Kuba gebracht zu werden, Otto Bergmann und seine zänkische Tante Charlotte, Matthias Franz Stein und Therese Lohner … Im Hafen wiederum wartet Max Aber, Peter Scholz, verzweifelt darauf, dass ihm endlich seine beiden kleinen Töchter ausgehändigt werden.

Herbert Föttinger spielt Kapitän Gustav Schröder, der zwischen der Pflicht seines Amtes, dem Mitgefühl mit seinen Schutzbefohlenen und der Abscheu gegenüber dem NS-Regime schwankt. Kehlmann bemüht ein paar Kunstgriffe. Er lässt die Darsteller aus ihren Rollen treten und die Situation kommentieren, lässt sie ihr späteres Los vorwegnehmen, sie durch Beiseitesprechen die Komplizenschaft mit dem Publikum suchen, lässt sie sich rechtfertigen für die Widersprüche in ihren Berichten und sie immer wieder betonen, dass auch von den haarsträubendsten Unglaublichkeiten keine erfunden ist. Und er gibt seiner Interpretation der absurden Verhandlungen viel Raum. Die kubanischen Politiker – Michael Dangl als Präsident Brú, Wojo van Brouwer als korrupter Minister für Einwanderung und Martin Zauner als rechtschaffener Außenminister – wollen „ihr Gesicht wahren“, vor allem aber ein Kreuz an der richtigen Stelle des Stimmzettels.

Die Mächtigen Kubas sind in der Flüchtlingsfrage uneins: Wojo van Brouwer, Peter Scholz, Martin Zauner, Ljubiša Lupo Grujčić und Michael Dangl. Bild: Sepp Gallauer

Die Vereinigten Staaten erwarten von anderen Staaten eine Brüderlichkeit, der sie sich selbst verweigern. „Wir haben mehr Flüchtlinge aufgenommen als die USA“, bekräftigt Brú sein Nein, würden die nicht einmal 1000 Neuankömmlinge Kuba doch „an den Bettelstab“ bringen. Auch andere Aussprüche dieser Tage klingen seltsam bekannt. Den Juden ginge es in Deutschland gut, nur fürs Ausland markierten sie die Armen – dort wiederum fühlt man zwar „zutiefst mit dem Leiden der Flüchtlinge“, allerdings ohne auch nur einen Finger für sie krumm zu machen.

Nicht nur durch derlei sprachliche Parallelen ist „Die Reise der Verlorenen“ ein lautstarker Kommentar zur aktuellen Anti-Flüchtlingspolemik. Kehlmanns Spiel um den Menschen als Spielball der Mächtigen überzeugt auch diesbezüglich voll und ganz. In buchstäblich letzter Minute erklären sich Belgien, die Niederlande, Großbritannien und Frankreich bereit, die St. Louis-Passagiere aufzunehmen. Noch einmal schildern sie: die Zustände in den „Quarantänelagern“, ihre spätere Internierung als „feindliche Ausländer“, ihren Abtransport in eine neue Ungewissheit, oft genug in den Tod. Ihre Sicherheit ist nur auf Zeit, darauf folgt ein Schlussbild in orangen Rettungswesten. Mit „Die Reise der Verdammten“ legen Kehlmann und Kica nicht nur einen höchst gelungenen, sondern auch einen politisch höchst wichtigen Theaterabend vor.

www.josefstadt.org

  1. 9. 2018

Bronski & Grünberg: Familie Schroffenstein

Februar 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Purismus statt Budenzauber

Ljubiša Lupo Grujčić und Birgit Linauer. Bild: © Andrea Peller

Das Bronski & Grünberg, bis dato auffällig geworden als Spielort, der sich bierernst nehmenden Klassikern die Satire ins Gesicht grinst, beweist mit seiner jüngsten Produktion, dass es auch ganz anders kann. Und dies ausgerechnet bei einem Stück, das sich für Ironie und Parodie geradezu angeboten hätte: Kleists „Familie Schroffenstein“. Nun aber trat Regisseur Fabian Alder, und mit ihm eine Creme österreichische (Jung-)schauspieler, an, um dem Wegbereiter in die dramatische Moderne alle Ehre anzutun. Alder setzt in seiner Inszenierung auf Purismus statt auf Budenzauber. Herauskommt so ein sehr straighter Theaterabend, der Kleists Haudegen ohne Hau-drauf-Humor präsentiert, und in seiner klaren Tonart auf ganzer Linie reüssiert.

Haudegen, weil: Was sich in der „Familie Schroffenstein“ abspielt, ist eine Blutorgie à la Tarantino. Durch einen unseligen Erbschaftsvertrag sind zwei blaublütige Vettern samt Anhang zu erbitterten Feinden geworden. Man beschuldigt sich gegenseitig des Kindsmords, schreckt vor abgeschnittenen Leichenfingern, Folter und dergleichen nicht zurück, Vasallen und Boten fallen wie die Fliegen – und, wenn nichts mehr hilft, fällt einer in Ohnmacht. Das übliche Kleist’sche Ritter-Schauer-Mysterydrama halt.

Alldieweil das mörderische Treiben so geht, verlieben sich Agnes aus Zweig A und Ottokar aus Zweig B ineinander. Allerdings, dies kommt beziehungserschwerend hinzu, findet auch Ottokars psychisch labiler Halbbruder Johann Gefallen an der schönen Maid. Im Gebirge kommt es schließlich zu Kleidertausch und Doppelsprung über die Klinge. Am Ende sind alle Erben hin. Und Johann sagt: „Es ist ein Spaß zum Todlachen!“

Nicht so bei Alder. Der verzichtet auf alles Hexenwerk und lässt auf leerer Bühne mit Baumgerippe spielen. Zwei Öffnungen lässt er den goldbewandeten Burgen für die zahlreichen Auf- und Abtritte der Figuren, die Edelfarbe sozusagen der einzige Farbtupfer auch für einen Handschuh, sind im Weiteren die Schauspieler doch in Schwarz und Weiß gekleidet. Einzig der Grenzgänger zwischen den Familien, Jerome von Schroffenstein, trägt grau (Bühne: Kaja Dymnicki und Fabian Alder, Kostüme: Katharina Kappert).

Sophie Stockinger und Simon Morzé. Bild: © Andrea Peller

Wohl weil sich in den Familien alles wie spiegelgleich ereignet, hat Alder die Grafen Rupert und Sylvester sowie die Gattinnen Eustache und Gertrude mit jeweils Ljubiša Lupo Grujčić und Birgit Linauer besetzt. Besagter goldener Handschuh kennzeichnet, wer gerade das Sagen hat, und vor allem Grujčić ist großartig als mal unversöhnlicher Willkürherrscher, mal dessen versöhnlich einlenken wollender Cousin. Sophie Stockinger und Simon Morzé gestalten ein anrührend schüchternes Liebespaar Agnes und Ottokar, Benjamin Vanyek ist als Johann sehr schön irre. Florian Stohr gibt den Jerome als aufrechten, guten Menschen. Ursula Anna Baumgartner schließlich schlüpft gekonnt in diverse Rollen – vom frechen Herold Theistiner bis zur Totengräberstochter Barnabe.

Es macht Freude zu sehen, wie es dem Ensemble gelingt, die Kleist’schen Typschablonen in Charaktere aus Fleisch und Blut zu verwandeln, Alder versteht es, die Symbolhaftigkeit des Werks aufzugreifen und diese Parabel vom Untergang eines großen Hauses in eine aktuell gültige Aufführung zu verwandeln. Dies ohne mit tagespolitischen Schlagworten wie Fake News, roten Knöpfen, Waffenwahn und derlei mehr, was sich zwischen zwei Regierenden und deren Staaten ereignen kann, protzen zu müssen. Man versteht das bitterböse Finale auch so. Und Totengräberswitwe Ursula, in Wahrheit Urheberin des gesamten Grauens, sagt lapidar: „Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen …“

www.bronski-gruenberg.at

  1. 2. 2018

Kammerspiele: Arsen und Spitzenhäubchen

Mai 20, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein wahrhaft mörderisches Vergnügen

Abby und Martha Brewster mit ihrem Lieblingsneffen Mortimer: Marianne Nentwich, Elfriede Schüsseleder und Martin Niedermair. Bild: Herwig Prammer

Das sind die Kammerspiele vom Feinsten, liebevoll und mit Kennerblick auf die humorvollen Details inszeniert, die Darsteller mit Verve und sichtlichem Spaß bei der Sache, das Ganze ein wenig widerständig gegen Herbert Föttingers inszenatorische Neuerungsbestrebungen – und zur Abwechslung ist das auch gut so. Der Josefstadtdirektor schenkte seiner Doyenne zum 75. Geburtstag Joseph Kesselrings „Arsen und Spitzenhäubchen“.

Und natürlich ist die Abby Brewster, das schrullige Mördertantchen, eine Paraderolle für Marianne Nentwich. Die wunderbare Schauspielerin, die ihr Repertoire in den vergangenen Jahren von den eleganten, mal mehr, mal weniger still leidenden Ehefrauen, zu schriller, komischer, gewitzter erweitert hat – man denke nur an ihre Madame Schleier im „Zerrissenen“, fühlt sich in Regisseur Fabian Alders Arbeit merklich wohl. Die abschließenden Standing Ovations galten freilich der Jubilarin, doch gab’s insgesamt viel Jubel fürs Ensemble.

Denn der Abend ist mit einem Wort gesagt hinreißend. Laut und verrückt und wie eine Reminiszenz an die gute, alte Kinozeit, in der Frank Capra das Stück 1944 auf die Leinwand hob. Da passt es fabelhaft, dass Alexander Pschill sich als Teddy Brewster einen beinah chaplinesken Gestus zugelegt hat, oder dass in Momenten höchster Gefahr stummfilmartige Schattenspiele auf der Bühne ablaufen, beinah so als würde Noferatu persönlich die Scheinwerfer bedienen. Alder und seine Mitstreiter balancieren gekonnt auf dem Grat zwischen betulicher Kleinbürgerlichkeit und blankem Horror, der den Charme dieses Stücks ausmacht. Die Boris Karloff’sche Frankensteinmaske für Markus Kofler darf auch nicht fehlen – der Schauspieler hatte Kesselring weiland gestattet, seinen Namen zu verwenden, weil’s ihm ein Spaß war, an dessen schwarzer Komödie mitzuwirken.

Jonathan Brewster taucht auf: Elfriede Schüsseleder, Marianne Nentwich und Markus Kofler. Bild: Herwig Prammer

Schon wieder ein Opfer des Gelbfiebers: Ljubiša Lupo Grujčić und Alexander Pschill auf dem Weg nach „Panama“. Bild: Herwig Prammer

Marianne Nentwich und Elfriede Schüsseleder spielen nun die Schwestern Abby und Martha Brewster. Die beiden älteren Damen haben es sich zur wohltätigen Aufgabe gemacht, noch ältere Herren mittels vergiftetem Holunderwein vom Elend dieser Welt zu befreien. Dritter im Haushalt ist Neffe Teddy Brewster, der sich für Theodore Roosevelt hält. Ohnedies damit beschäftigt, im Keller den Panamakanal auszuheben, ist es ein leichtes, ihn die angeblichen Opfer des Gelbfiebers dort auch bestatten zu lassen.

Das alles ging gut, bis Neffe Nummer zwei, Mortimer, die Leichen im Keller entdeckt – und selbstverständlich entsetzt ist. Und dann steht auch noch Jonathan Brewster in der Tür, ein gesuchter, irrer Serienmörder, durch unzählige Gesichtsumwandlungsoperationen mittlerweile auch optisch zum Monster mutiert …

Martin Niedermair spielt die ehemalige Cary-Grant-Rolle Mortimer als verkopften Pseudointellektuellen mit Hornbrille, Josefstadt-Jutetasche und schmierigen Haaren. Mortimer ist Theaterkritiker – und hasst das Theater. Diese Satire auf den Betrieb ist immer ein feines Beiwerk in „Arsen und Spitzenhäubchen“.

Niedermair kann gut hysterisch. Sein Mortimer ist eigentlich durchgehend am Rande des Nervenzusammenbruchs, da schraubt sich die Stimme nach oben, um, wenn’s wirklich Spitz auf Knopf steht, in einen bedrohlichen Horrortonfall zu wechseln. In diesem Irrenhaus der Brewsters ist nicht klar, ob Mortimer tatsächlich der einzige Normale ist. Jedenfalls beginnt auch Salka Weber als seine Verlobte zu zweifeln …

Zumindest ein Mörder ist gefasst: Patrick Seletzky, Alexander Strobele, Oliver Rosskopf und Markus Kofler. Bild: Herwig Prammer

Als Jonathan zeigt Markus Kofler einmal mehr sein komödiantisches Können. Wie er den elementar in seinem Mörderstolz gekränkten Killer gibt, weil die Tanten genauso viele Tote vorzuweisen haben wie er, ist vom Feinsten. Ljubiša Lupo Grujčić gibt den versoffenen Feigling von einem Arzt, Dr. Einstein, der ihn zu Schanden operiert hat. Alexander Pschill slapstickt sich als Teddy über die Bühne, dass es eine Freude ist.

Eine chaotische Polizeitruppe rundet den Wahnsinn ab, Oliver Rosskopf und Patrick Seletzky sind wie Pat & Patachon, Alexander Strobele deren obercooler Oberboss, und Oliver Huether ist als uniformierter Möchtegerndramatiker total neben der Spur.

Fabian Alder hat im putzigen Bühnenbild von Nikolaus Frinke die Farce fabelhaft und mit großer Präzision aufgelöst. Das Ensemble ist bravourös überdreht (in der Pause war zwar zu hören, manchen war es etwas viel), und im Mittelpunkt ruhen souverän Nentwich und Schüsseleder mit ihrer subtilen, trockenen Darstellung der Tanten. Selten so viel gelacht!

Video: www.youtube.com/watch?v=-HtHzSXh2E8

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Wien, 19. 5. 2017