Theater Drachengasse: nach Lulu

Dezember 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Verführerin ist in die Jahre gekommen

Michaela Hurdes-Galli und Lorenzo Tonello. Bild: © Barbara Pálffy

Ein Gedankenexperiment wagen Michaela Hurdes-Galli und Tochter Pippa Galli derzeit im Theater Drachengasse. Als Drachengasse-Koproduktion mit ihrer Truppe „Theaterblau“ zeigen sie die Versuchsanordnung „nach Lulu“. Eine Uraufführung nach Frank Wedekind. Dessen wilhelminisches Enfant terrible ist in die Jahre gekommen. Eine alternde Verführerin ist es, die Michaela Hurdes-Galli spielt, doch scheint sie sich im Laufe des Abends zu verjüngen.

Bis erneut ein Kind auf der Bühne steht. Ihr zur Seite Lorenzo Tonello, der letztverbliebene Mann und doch auch alle Männer in Lulus Leben. Goll, Schwarz, Schigolch und natürlich Dr. Schön. Als solcher, „Erdgeist“-Kenner wissen es, gleichsam auch ein Alter Ego des Autors. Klug gehen die beiden Projektentwicklerinnen nicht nur der Frage nach dem Mythos der Wedekind’schen Figur nach, sondern auch der, wieweit sich das Frauenbild seit 1898 verändert hat. Dazu gibt es spielshowartige Sequenzen, in denen Themen erörtert werden, wie „Wie unsicher muss man sein, um es nötig zu haben, sich überlegen zu fühlen?“ In diesen Momenten ist die Aufführung Satire.

Der Text ist eine Collage, umfasst neben eigenen Passagen unter anderem auch Marguerite Duras, Daphne du Maurier, Jean Cocteau, Marcel Proust, Else Lasker-Schüler, Paul Celan – und Christiane F. Diese Off-Texte kommen via Video von Anna Maria Eder, Pippa Galli, Manfred Baschiera, Thomas Kamper, Hans Wagner und Hendrik Winkler.

Michaela Hurdes-Galli und Lorenzo Tonello. Bild: © Barbara Pálffy

Michaela Hurdes-Galli und Lorenzo Tonello. Bild: © Barbara Pálffy

Da steht es nun also, das süße Wunderkind, mit Stock und schlechtem Bein, und abgeflogen sind die Männer, und philosophiert übers sich wild Ausleben und die ideale Verbindung. Michaela Hurdes-Galli bestimmt das Bühnengeschehen, wie wohl nur sie es kann. Im Spiel träumt sie mehr als sie wacht, versucht Antworten zu erträumen auf Fragen, die unbeantwortet geblieben sind aus ihrem Leben.

Sie kontert den Stimmen, sie rebelliert und stimmt manchmal zu, anerkennend, dass was war, Gültigkeit hat, unveränderbar ist. Zukunft sieht sie keine mehr. Was ihr bleibt, ist der geistige Raum, das Erkennen, soviel als möglich noch, wenn geht … „Diese Abstumpfung“, zitiert sie Schön immer wieder, „braucht keine endgültige zu sein“. Oder sie sagt: „Sexualität bedroht prinzipiell jede gesellschaftliche Ordnung“.

Wer war und wer wahr ist, wer hier wen imaginiert, das müssen die Zuschauer selbst entscheiden. Denn sowohl behauptet Sie, dass er nicht da sei, als auch Er, dass sie ein Gedanke sei, den er „loswerden“ wolle. Loslassen müsse.

„nach Lulu“ ist ein rätselhafter Abend, der sich nie ganz die Maske vom Gesicht nimmt, und darum umso faszinierender. Eine spannende, moderne Auseinandersetzung mit einer der bekanntesten literarischen Frauengestalten – und gewollt auch wie eine Büchse der Pandora auf der Bühne.

www.drachengasse.at

www.muni.at/nach_lulu/start.html

  1. 12. 2017

Theater an der Wien: American Lulu

Dezember 4, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Olga Neuwirth schreibt Alban Berg neu

Szene mit Marisol Montalvo (als Lulu), Jacques-Greg Belobo (als Clarence, vorne) und Ensemble Bild: Iko Freese/drama-berlin.de

Szene mit Marisol Montalvo (als Lulu), Jacques-Greg Belobo (als Clarence, vorne) und Ensemble
Bild: Iko Freese/drama-berlin.de

Alban Berg hinterließ 1935 Lulu ohne den dritten Akt. Friedrich Cerha durfte 1979 auf der Basis von Bergs Skizzen eine „vollständige“ Version konstruieren, die bislang die einzige Möglichkeit darstellte, das Stück ganz zu erleben. Seit 2005 sind die Rechte an Bergs Musik frei und die Komponistin Olga Neuwirth beschloss, einen neuen weiblichen Blick auf die „mythische Frauengestalt“ zu werfen. Um den Geschehnissen mehr gesellschaftspolitische Relevanz zu verleihen, versetzte sie Lulus Schicksal in das Amerika der 1950er und 1970er Jahre. Neuwirths Lulu ist schwarz. Zum Thema der Frauendiskriminierung tritt das der Rassendiskriminierung dadurch hinzu.

Premiere ist am 7. Dezember.

Im New Orleans der 1950er Jahre hat Dr. Bloom die schöne junge Schwarze Lulu aus der Gosse geholt und zu seiner Geliebten gemacht. Er möchte sich jedoch nicht zu ihr bekennen und verheiratet sie an einen Professor. Als sie diesen mit einem Fotografen betrügt, stirbt der Professor an einem Schlaganfall. Auch die anschließende Ehe mit dem Fotografen endet für den Gatten tödlich: Er erschießt sich, als er das Verhältnis Lulus zu Bloom durchschaut. Danach gelingt es Lulu, Bloom zu heiraten, denn nur ihn glaubt sie wirklich zu lieben, aber auch ihn betrügt sie. Im daraus entstehenden Streit erschießt sie Bloom und muss ins Gefängnis.
Auch Frauen verfallen Lulus Charme: Die Sängerin Eleanor liebt sie und befreit Lulu unter großen persönlichen Opfern aus dem Gefängnis. Mit Blooms Sohn Jimmy flieht Lulu nach New York. Dort arbeitet sie bis in die 1970er Jahre erfolgreich als Luxuscallgirl, aber in ihr sterben alle Gefühle ab. Als auch Eleanor sie verlässt, sieht sich Lulu allein den Konsequenzen ihres Berufs ausgeliefert.

Zur Heldin wird in Neuwirths Oper neben Lulu die zweite weibliche Figur Eleanor, Bergs Gräfin Geschwitz. Verkörpert wird diese von der texanischen Bluessängerin Della Miles, die unter anderem neben Whitney Houston und Marius Müller-Westernhagen auf der Bühne stand. In der Titelrolle ist Marisol Montalvo zu erleben, die mit ihrer explosiven Bühnenpräsenz und gesanglichen Stärke in der Titelpartie von Bergs Lulu unter anderem das Opernpublikum der Opéra national de Paris begeisterte. Die musikalische Leitung übernimmt der Komponist und Dirigent Johannes Kalitzke, ein herausragender Künstler in Sachen Neuer Musik, der zuletzt mit der Uraufführung seiner Oper Die Besessenen (2010) am Theater an der Wien zu erleben war. Es spielt bei diesem Gastspiel das Orchester der Komischen Oper Berlin. Gesamtkonzept und Neuinterpretation von Alban Bergs Oper „Lulu“ von Olga Neuwirth (2006-2011);  Regie und Ausstattung: Kirill Serebrennikov.

www.theater-wien.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=FMalfG3w8eQ&list=UUX6c0PHxisw54HEz7UG0XHg

Wien, 4. 12. 2014