Karikaturmuseum Krems: Fix & Foxi XXL

Juni 27, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit „sittlicher Erziehung“ gegen die USA-Schundhefte

„Die Fix und Foxi-Familie“ mit Onkel Fax, Oma Eusebia, Lupinchen und Lupo, Poster Fix und Foxi 18. Jahrgang/Band 27 (1970) © Sammlung Dr. Stefan Piëch

Das Karikaturmuseum Krems präsentiert zur Wiedereröffnung am 1. Juli die bisher größte Ausstellung zu den beliebten Comicfiguren Fix und Foxi und bietet einen umfassenden Einblick in das zeichnerische, gestalterische und unternehmerische Universum des deutschen Fix & Foxi-Erfinders Rolf Kauka. Kindheitserinnerungen werden wach, wenn die schrägen Abenteuer aus dem gemütlichen Fuxholzen mit Oma Eusebia, Onkel Fax, Lupinchen oder dem Maulwurf Pauli vors geistige Auge treten.

Verantwortlich für die Erfolgsgeschichte von „Fix & Foxi“, die in den 1950er-Jahren begann, war der Münchner Verleger Rolf Kauka, der bis zum heutigen Tag einflussreichste Produzent deutschsprachiger Comics, der bald auch nach Skandinavien, Südeuropa und Lateinamerika expandierte. Kauka stand in einer gänzlich anderen Erzähl- und Zeichentradition als Walt Disney und etablierte ab den 1950er-Jahren ein eigenständig deutsches Comicgenre nach dem Vorbild Wilhelm Buschs. Zudem brachte Kauka die europäische Comic-Kultur in den deutschsprachigen Raum. Neben den bekannten Charakteren aus der Fix & Foxi-Familie tauchten nämlich Figuren aus frankobelgischen Comic-Klassikern, wie Lucky Luke oder die Schlümpfe, erstmals in Kaukas Publikationen auf.

Die Ausstellung zeigt Arbeiten von den Anfangsjahren bis 1972, die wichtigen Zeichnerinnen und Zeichner aus Kaukas Produktionsstudios namentlich zugeordnet werden. Dokumente und historisches Material beleuchten die Verlagsgeschichte und den Entstehungskontext und ermöglichen eine eingehende Auseinandersetzung mit dem Comic rund um die beiden „Lauselümmel im Fuchspelz“, von ihren Anfängen bis zur heutigen Etablierung als Comic-Kultfiguren im Fernsehen.

Fix und Foxi waren in den 1960er-und 1970er-Jahren neben Micky Maus die beliebtesten Comicstars in deutschen und österreichischen Kinderzimmern.  Rolf Kaukas Ziel war es nach Walt Disneys Vorbild in München eine Trickfilmproduktion zu starten. Eine Printproduktion schien aber realistischer und in Dorul van der Heide fand Kauka einen talentierten Künstler, der von 1953 bis 1955 fast seinen gesamten Bedarf an Comics deckte. Schließlich veröffentlichte Kauka 1953 den „Eulenspiegel“, mit malerischen Bilderschwänken rund um den Schalk Till Eulenspiegel und in weiterer Folge mit dem populären Lügenbaron Münchhausen. Moralisch einwandfreie Geschichten in der Tradition von Sagen und vorzugsweise La Fontaines Fabeln sollten das inhaltliche Konzept erweitern – anfangs noch getextet und konzipiert von Kauka persönlich.

Begleitbild zum Text in Von Max und Moritz bis Fix und Foxi, 1970 © Sammlung Dr. Stefan Piech

Fix, Foxi, Lupo und die Schlümpfe, Illustrator Kurt Italiaander, Cover 18. Jhg. Band 4 (1970) © Samm. Dr. Stefan Piëch

Fix & Foxi: Lucky Luke, der Westernheld, der schneller zieht als sein Schatten © Sammlung Dr. Stefan Piëch

Reineke Fuchs, ursprünglich Hauptfigur eines mitteleuropäischen Epos, hatte im fünften „Eulenspiegel“-Heft seinen ersten Auftritt. Aber erst als aus den Nebenfiguren Fix und Foxi die eigentlichen Helden wurden, ging es rasant aufwärts. Das zehnte Heft war bereits die erste Sonderausgabe mit Fix & Foxi im Titel, mit Heft 29 im Jahr 1955 setzte sich „Fix & Foxi“ als endgültiger Titel des Magazins – statt „Eulenspiegel“ – durch. Das wöchentlich erscheinende Heftformat übertraf mit einer Auflage von 400.000 Exemplaren zeitweise sogar den damaligen Marktführer Micky Maus.

Trotz seines großen Erfolges war Rolf Kauka nicht unumstritten. Denn sein berufliches Credo „Zehn Prozent Inspiration und neunzig Prozent Transpiration“ konnte er nur mit einem Stab talentierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verwirklichen, die aber meist anonym blieben. „Rolf KaukasFix & Foxi“ stand auf jedem Heft – die Namensnennung implizierte einen Besitzanspruch auf geistiges Eigentum, und so kam es verständlicherweise oft zu Urheberrechtsstreitigkeiten mit Mitarbeitern.Mit der Zeit engagierte Kauka für sein Heft eine bunte Riege verschiedenster Illustratorinnen und Illustratoren, die großteils aus Jugoslawien, Italien und Spanien stammten.

Die berühmten zipfelbemützten Schlümpfe erblickten am 23. Oktober 1958 das Licht der Comicwelt, als sie im belgischen Magazin „Spirou“ innerhalb der Johan et Pirlouit-Geschichte „La flûte à six trous“ als Nebenfiguren auftauchten. Ihr deutschsprachiges Comicdebüt gaben die Schlümpfe in „Fix & Foxi“, Nr. 20, 1969, innerhalb der Geschichte „Prinz Edelhart und die Schlümpfe“, nachdem sie vorher groß angekündigt worden waren. Fünf Hefte später erlebten die Wichtel ihr erstes Soloabenteuer und gehörten anschließend für acht Jahre zu den präsentesten Lizenzserien in den diversen Kauka-Publikationen. Als der Redaktion 1976/77 die kurzen Schlumpf-Geschichten ausgingen, kam es in zu einigen abenteuerlichen, aus diversem Originalmaterial neu zusammenmontierten „Eigenproduktionen“.

Lupo auf Rollschuhen, Back 5. Jhg. Band 26 (1954) © Samm. Dr. St. Piëch

Fix and Foxi, 1969 (Ausgabe 41) © Sammlung Dr. Stefan Piëch 2019

Fix & Foxi, Band Sammelband 45 © Sammlung Dr. Stefan Piëch

Kauka wollte mit einem „deutschen“, „sauberen“, „moralisch einwandfreien“ Comic die Hetzkampagnen konservativer Kreise gegen das Genre unterlaufen. Kirchenvertreter, Pädagogen und Kulturkritiker liefen Sturm gegen das „Esperanto der Analphabeten“ – Kaukas Comics waren damit nicht gemeint. Einige Fix & Foxi-Begebenheiten erklären sich aus den Lebensbedingungen in den Nachkriegsjahren, als große Teile der Bevölkerung unter Hunger und Knappheit an Gütern aller Art litten. Umso verständlicher ist, dass das Objekt heißer Begierde „nur“ eine Torte sein kann, wie Lupo demonstriert, dessen Haupteigenschaft Gefräßigkeit ist.

Sicherlich ist es auch auf das sehr konservative Weltbild der 1950er-Jahre zurückzuführen, dass für Kinder und Jugendliche eine „sittliche Erziehung“ gefordert wurde. Die „Schrecken der Vergangenheit“ sollten ruhen, man wollte den Blick auf eine bessere Zukunft richten, doch Gesellschaft und Schulen verharrten in autoritären Strukturen. Der Unterricht verlief weiterhin meist frontal, neue Vergnügungen wie US-amerikanische Musik und ungezwungene „amerikanische“ Tänze wurden stark kritisiert. Benimmregeln und Anstandsbücher boomten, ausländische Comics wurden als Schundhefte verdammt.

Kauka traf den Nerv der Zeit, und im Nachhinein scheint es genial, Fix & Foxi als besonders sauber und moralisch unbedenklich, sogar pädagogisch wertvoll zu positionieren. In diesem zeitlichen Zusammenhang ist es nicht verwunderlich, dass neben klassischen Slapstick-Elementen auch der sogenannten Prügelpädagogik auffallend viel Platz eingeräumt wurde. Vor allem der meist von Branimir Karabajić gezeichnete Maulwurf Pauli aus den gleichnamigen Comics wird oft aus nichtigen Gründen übers Knie gelegt – nicht nur von seinem Vater, sondern auch von Bauern oder Ladenbesitzern. Heute wäre das unvorstellbar, aber in früheren Tagen wurde es durchaus toleriert und humorvoll aufgenommen.

Fix & Foxi, Band 42, Skizze, 1971 © Sammlung Dr. Stefan Piëch

Fix & Foxi, Band 42, 1971 Cover © Sammlung Dr. Stefan Piëch

Fix & Foxi, Band 500, Seite 3 © Sammlung Dr. Stefan Piëch

Der Kommunikationswissenschaftler Ralf Palandt beschäftigte sich auf politischer Ebene mit Kauka und schreibt folgendes über ihn: Die Masse an Geschichten, die von den 1950er-bis in die 1990er-Jahre im Namen des Verlegers und Herausgebers Rolf Kauka veröffentlicht wurden, ist gigantisch. Doch wenn von Kaukas Person die Rede ist, stehen immer wieder einige Geschichten, vornehmlich aus den 1960er-und 1970er-Jahren, aufgrund ihres offensiv politischen Inhalts im Fokus. Vor allem die Bearbeitungen der Asterix und Obelix-Geschichten, Mitte der 1960er-Jahre für das Magazin „Lupo“ modern eingedeutscht zu „Siggi und Babarras“, werden als erzreaktionär und antikommunistisch kritisiert.

Denn was wurde zum Beispiel aus „Asterix und die goldene Sichel“? Siggi und Babarras, „Ist endlich wieder Krieg?“, mit dem Hinkelstein als „Schuldkomplex“ auf dem Rücken, treten „glühend für die Rückeroberung der alten Gebiete ein“. Sie befreien Wernher von Braunfels aus der Gewalt des jiddisch sprechenden Verbrechers Schieberus und schlagen sich mit den alliierten Besatzungsmächten herum, damit der Stammeshexenmeister Konradin „kurz vor der Vollversammlung der Verteidigungs-Druiden“ eine neue Sichel bekommt. Im Schlussbild liegt der Barde Parlamet gefesselt in einer Hütte – „nur ein stummer Parlamet ist ein guter Parlamet, ansonsten aber lästig!“. Laut dem damaligen Chefredakteur Peter Wiechmann kam der politische Aspekt von Kauka.

Die Bewertung der politischen Aussagen, die Kauka als verantwortlichem Herausgeber angelastet werden, spaltet die Fach- und Fanwelt in jene, die Kauka in strahlend weißem Licht sehen, und jene, die ihn kritisieren. Seine zum Teil politisierenden „Euer Rolf“-Editorials, genauso wie seine bizarren Romane „Roter Samstag“, Angriff der Warschauer-Pakt-Staaten auf die Bundesrepublik, und „Luzifer“, Seelenwanderung von den Anfängen der Menschheit bis in die Gegenwart – „im Widerspruch zu dem, was die Geschichtsbücher überliefert haben“, sind Mosaiksteinchen eines Charakterprofils, das nicht vollständig rekonstruiert werden kann, so Ralf Palandt.

Siggi und Babarras

Ein weiteres Beispiel von Siggi und Babarras: Der Auftrag des ostgotischen Häuptlings Hullberick, nach Walter Ulbricht, dem Staats-und Parteichef der DDR, lautet auf gut Sächsisch: „Mir ham den besten westgot’schen Druiden zu kaschen und zurück ower die Grenze zu bringen, vorschtand’n! Mit seinen Kunststückchen muß’r uns dann bei der Invasion nach Bonnhalla gegen die Kapitalisten helfen.“ Astérix-Autor René Goscinny tobte und entzog Kauka die Lizenz. Kauka brachte seine Agitation fortan mit einer Serie um zwei neue Germanen namens Fritze Blitz und Dunnerkiel an die jugendlichen Leser. 1973 verkaufte Rolf Kauka seinen Verlag, es wurde stiller um Kauka, aus gesundheitlichen Gründen zog er sich 1982 mit seiner aus Hermagor stammenden Frau Alexandra auf seine Plantage in Georgia zurück. Kauka verstarb im Jahr 2000.

www.karikaturmuseum.at

27. 6. 2020

Volksoper: Carmen

Januar 5, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Brillante Debüts bei der Wiederaufnahme

Marco Di Sapia als Dancaïro, Vincent Schirrmacher als Don José, Stepanka Pucalkova als Carmen und Johanna Arrouas als Frasquita. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Dies ist der perfekte Abend, um sich zurückzulehnen, genießerisch die Augen zu schließen und die Musik von einem Besitz ergreifen zu lassen. Zu hören nämlich gibt es Hervorragendes, zu sehen hingegen nicht viel. An der Volksoper stand die Wiederaufnahme von „Carmen“ auf dem Programm, jene Guy-Joosten-Inszenierung, die von 1995 bis 2015 nonstop am Haus gezeigt wurde. Ein Publikumsrenner, der vor zwanzig Jahren mit seinem Verzicht auf Rüschrock-Folklore und Kastagnetten-

Geklapper ordentlich was hermachte, ein hüftschwungloser, puristischer Gegenentwurf zum opulenten Franco Zeffirelli, zum schönheitstrunkenen Francesco Rosi. Nun allerdings lässt sich nicht leugnen, dass das Eifersuchtsdrama im kargen Brandmauerambiente von Bühnenbildner Johannes Leiacker, an dem der Regisseur stets die von Bizet en détail ausgearbeitete Charakterzeichnung als seinen Bezugspunkt festmachte, da nunmehr in Abwesenheit desselben auf die Bühne gehoben, an Feuer verloren hat. Diverse Auftritt sind reinstes solistisches Rampenstehtheater, unmotiviert wirkt auch die Menge, und in dieser Stasis allüberall nimmt im Wortsinn kaum eine Rolle tatsächlich Gestalt an. Was dieser „Carmen“ szenisch fehlt, ist das Temperament für Leid und Leidenschaft. Heißes Herzblut müsste fließen, aber ach …

Ein Glück. Das schauspielerische Manko wird durch die gesangliche Ausführung ausgeglichen. Mit Anja Bihlmaier am Pult, den beiden Hausdebütanten Stepanka Pucalkova als Carmen und Luke Stoker als Escamillo und den sechs Rollendebüts von Julia Koci, Johanna Arrouas, Ghazal Kazemi, Vincent Schirrmacher, Alexandre Beuchat und Marco Di Sapia wird die in deutscher Sprache vorgetragene Produktion zu einer Besonderheit. Ein Erfolg, den zuallererst Bihlmaier für sich verbuchen kann, die gebürtige Schwäbin und designierte Chefdirigentin beim Den Haager Residentie Orkest, Jahrgang 1978, deren Karriere wohl das ist, was man beispiellos nennen muss. Und die das von ihrem kapellmeisterlichen Können vernehmbar angetane Volksopern-Orchester mit leichtfüßiger Raffinesse und federndem Rhythmus durch die Opern-Evergreens führte.

Luke Stoker als Escamillo. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Stepanka Pucalkova als Carmen. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Vincent Schirrmacher als Don José. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mit Verve wird derart französisches Flair mit Andalusien-Anklängen erschaffen, musiziert so akzentuiert wie apart. Nie kam Bizets Geniestreich mit – und man hat beides oft genug gehört – lautem Rums oder als L’Amour-Hatscher aus dem Orchestergraben. Was die Habanera zu einem beinah Chanson werden ließ, zum Freiheitsstatement einer starken, unabhängigen Frau statt einer aufreizenden Forcierung des Geschlechter- kampfs. Als Carmen bemüht sich Stepanka Pucalkova mal in Arbeitskittel, mal in – sorry fürs Wortspiel – Zigarettenhose um gute Figur. Die tschechische Mezzosopranistin mit Homebase Semperoper ist offensichtlich darauf bedacht, keinerlei Laszivität zu bedienen, ihre Carmen ist ganz Working-Class-Woman, und hat sich in der sie begehrenden Soldatenwelt einen Selbstschutzmantel aus arroganter Unnahbarkeit übergeworfen.

Das macht Pucalkovas Tabakblätterdreherin mehr zum draufgängerischen Schmugglerkumpel denn zum erotischen Männeralbtraum, sängerisch vor allem auch in den Höhenlagen ausgezeichnet, gelingt ihr die Darstellung der Härte dieser Frau bis in die Todesszene bestechend gut. Der australische Bass Luke Stoker ist ebenfalls erstmals im Volksopern-Einsatz, und gibt als Escamillo eine beachtenswerte stimmliche Talentprobe ab. Was seinen Torero an Statur als geborenen Gewinner ausweist, vermisst man jedoch an stolzer Attitüde. Die Messerstechereien mit Vincent Schirrmachers Don José sind allein wegen der Differenz in Größe und Gewichtsklasse der Kontrahenten unfreiwillig humoreske Szenen, an denen sich bestimmt feilen ließe.

Eine Blume für den Auserwählten: Vincent Schirrmacher und Stepanka Pucalkova. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Schmugglerbande: Di Sapia, David Sitka, Pucalkova, Arrouas und Ghazal Kazemi. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Julia Koci als innig liebende Micaëla mit Schirrmacher und Pucalkova. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Escamillo im Schmugglerquartier: Luke Stoker mit Pucalkova, Di Sapia und Schirrmacher. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ansonsten ist Schirrmacher wie allzeit auch hier Garant für prägnante, packende Rollenporträts, sein erstes Erscheinen gemeinsam mit einer in Schwarz gekleideten Witwe und einem Mädchen in Erstkommunionsweiß ein anrührendes Sinnbild für Josés Lebens- und Liebessituation, Schirrmachers Sergeant eher introvertierter, eigenbrötlerischer Grübler als jähzornig-hitzköpfiger Eifersüchtler – auch in dieser Figur bleibt die Aufführung bei ihrer Unterkühltheit. Dass der Zuschauerliebling die Blumenarie mit seinem warm timbrierten Tenor wohl zu nehmen weiß, bedarf eigentlich keiner extra Erwähnung. Im Schlussduett mit Pucalkovas Carmen läuft Schirrmacher zur Höchstform auf, wie er da eiskalte Verzweiflung spielt, bevor er zu ebensolcher Klinge greift.

Julia Koci macht als Micaëla von ihrer weichen, zu innigen Tönen befähigten Sopranstimme besten Gebrauch. Des Weiteren und auffallend beim Schmugglerquintett überzeugen Johanna Arrouas als Frasquita, Ghazal Kazemi als Mercédès, Marco Di Sapia als Dancaïro und Davd Sitka als Remendado, vier Solistinnen und Solisten, deren Spielfreude man das vielfältige Wirken am Haus, immer wieder auch in Operette und Musical, auf erfreuliche Weise anmerkt. Nicht minder mit Bühnenpräsenz gesegnet ist Moralès-Debütant Alexandre Beuchat; Yasushi Hirano ist ein solider Zuniga; Georg Wacks Lillas Pastia kommt, dem Mundwerk nach zu urteilen, aus Wien. Chor, sowie Kinder- und Jugendchor sind wie stets ein tosendes Bravo wert, wie der Abend generell mit großem Applaus bedankt wurde. Womit nun wenigstens im Saal die Action herrschte, nach der man sich im Spiel vergeblich gesehnt hat.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=obZbQX3nEd4                     www.youtube.com/watch?v=WmfJJOH3saI           www.volksoper.at

  1. 1. 2020

Art Carnuntum: The Merchant of Venice

Juni 30, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Geschichte über Geld machen und Gewinnsucht

Shylock will sein Pfund Fleisch: Sarah Finigan, Russell Layton, Rhianna McGreevy, Jacqueline Phillips, Luke Brady und Steffan Cennydd. Bild: © Barbara Pálffy

Im Programmheft-Interview sagt Regisseur Brendan O’Hea, „Der Kaufmann von Venedig“ sei für ihn kein antisemitisches Stück, sondern ein Stück über Antisemitismus. Das ist spannend anzuschauen, ist Shakespeares Werk im deutschsprachigen Raum doch ein extrem vorbelasteter Text, über den sich Theatermacher höchst selten und wenn mit Samthandschuhen heranwagen.

Nicht so die Londoner. Shakespeare’s Globe ist nach einer Direktorinnenwechsel-bedingten Pause zurück bei Art Carnuntum und zeigt als erste von drei Produktionen, dass man den Shylock auch Ideologie-unbelastet präsentieren kann. Zumal dieser hier von einer Frau gespielt wird. „The Merchant of Venice“ von der Themse entpuppt sich ergo als – wie immer – hochmusikalisches Volkstheater, die Bühne nicht viel mehr als eine „Bretterbude“, und wohl noch nie hat man das Kaufleutegerangel in der Lagunenstadt so humorvoll umgesetzt gesehen. Geschlecht, Alter und Hautfarbe spielen im Ensemble, das in jeweils mehrere Rollen schlüpft, wie man’s kennt, keine Rolle. Sarah Finigan ist als Shylock kein Sympathieträger, auch kein Opfer, aber ein von der Gesellschaft Gedemütigter, der beschließt, seine Rache voll auszuleben. So wird der Schuldschein zur Sache zwischen zwei Männern, Russell Layton brilliert als Antonio, und kaum jemals wurde in einer deutschsprachigen Inszenierung klar, dass er der im Titel angesprochene „Kaufmann von Venedig“ ist.

Jessica und Lorenzo: Cynthia Emeagi und Steffan Cennydd. Bild: © Barbara Pálffy

Wie immer ist die Inszenierung hochmusikalisch: Rhianna McGreevy, Russell Layton, Sarah Finigan, Canthia Emeagi, Colm Gormley und Steffan Cennydd. Bild: © Barbara Pálffy

In O’Heas Regie wird aus dem ernsten Stoff eine Liebeskomödie mit getäuschten Altvorderen, wunderbar etwa wie Steffan Cennydd als Prince of Arragon ein „Ausländer“-Englisch persifliert, wird aus Shylock eine Figur, ein reicher Geizhals, der mehr ums Geld denn um seine – in seinen Augen – entehrte Tochter weint. Das Thema ist Geld machen und Gewinn-/sucht, das passt (noch) zur Finanzstadt London, deren Topographie sich nach dem Brexit wohl drastisch verändern wird. Darüber hinaus setzt O’Hea auf Frauenpower, den Parts von Portia und Nerissa, dargestellt von Jacqueline Phillips und Rhianna McGreevy, und ihrer Intrige als „Advokat“ Balthasar und dessen Gehilfen, wird mehr Platz eingeräumt als hierzulande üblich.

Cynthia Emeagi gibt eine ziemlich emanzipierte, keinesfalls entführte, sondern aus freien Stücken gegangene Jessica, Steffan Cennydd in seiner „Hauptrolle“ einen liebestrunkenen Lorenzo. Luke Brady ist ein ehrenwerter Bassanio, Colm Gormley ein unter dem Pantoffel seiner frischangetrauten Nerissa stehender Gratiano. Am Ende geht’s um Gnade, die „vom Himmel tropft wie Regen“ und „in den Herzen von Königen wohnt“. Einem Kind Österreichs fällt auf, dass Shylock die Szene mit einem wie bei den NS-Deportationen genehmigten kleinen Koffer verlässt.

Offenbar nehmen die Briten das also doch wahr.

www.artcarnuntum.at

  1. 6. 2018

Lucky Luke reitet nach Krems

Mai 29, 2013 in Ausstellung

Der wilde Westen kommt ins Karikaturenmuseum

lucky_luke_2012Er zieht schneller als sein Schatten, ist als einsamer Cowboy immer auf Seiten des Gesetzes, hat mit seinem cleveren Pferd Jolly Jumper und seinem so treuen wie tollpatschigen Hund Rantanplan zwei erstklassige Schurkenjäger zur Seite – und das sind IMMER die vier Dalton-Brüder. Lucky Luke ist eine Legende. Nicht nur im Wilden Westen. Erstmals wird der Held auch im Karikaturmuseum Krems für Recht und Ordnung sorgen (von 2. Juni bis 17. November). Die Ausstellung, kuratiert von Direktor Gottfried Gusenbauer, ist weltweit einzigartig und zeigt wichtige Stationen des Comic-Klassikers mit Schwerpunkt auf der Arbeit seines Zeichners Achdé, aber nicht ohne Lucky Lukes künstlerischen „Vater“, den belgischen Comic-Zeichner Morris, in Originalen zu vergessen. Achdé wurde nach dessen Tod Morris‘ Nachfolger. Noch testamentarisch hatte Morris verfügt, dass es weitere Lucky-Luke-Abenteuer geben solle. Achdé stieg 2003 mit „Der französische Koch“ ein.

Viele Protagonisten haben realen Hintergrund, der Stoff für einmalige Storys bietet. Sei es der Gründer des FBI, Allen Pinkerton, historische Schurken wie Billy the Kid, eine Reminiszenz an den Meisterkoch Auguste Escoffier oder Showbiz-Diven wie Celine Dion. In Krems räumt man mit Wild-West-Klischees auf, enthüllt so manche Wahrheit und lässt Kinderträume für Groß und Klein wahr werden. Die Schau wurde um Exponate von privaten Sammlern ergänzt.

Auch für den 1961 in Lyon geborenen Achdé erfüllte sich mit seinem Cowboy ein Kindheitstraum. Schon als Fünfjähriger soll er auf die Frage, was er einmal werden wolle, „Lucky-Luke-Zeichner“ geantwortet haben. „Dann“, so erzählte er Gottfried Gusenbauer, „habe ich 1999 an einem Kollektiv teilgenommen, das eine Hommage an Morris schuf. Bei dieser Gelegenheit bin ich Madame Morris begegnet, zufällig an meinem Geburtstag. Sie kam auf mich zu und sagte: ,Sind Sie Achdé? Ihre Geschichte hat Morris sehr gefallen.‘ Sie sagte nur diesen kurzen Satz, aber das war für mich das schönste Geschenk, das es gibt.“

www.karikaturenmuseum.at

Von Rudolf Mottinger

Wien, 29. 5. 2013