Volkstheater: Don Karlos

November 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Günter Franzmeier funkelt wie ein Solitär

Einstürzende Altbauten: Steffi Krautz, Lukas Watzl, Günter Franzmeier und Evi Kehrstephan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Es stand hier schon einmal anlässlich einer „Antigone“-Aufführung am Haus, das Sophokles-Stück müsse so gespielt eigentlich „Kreon“ heißen. Nun hat es Günter Franzmeier wieder getan. Als Spaniens König Philipp II. dominiert er mit seiner brillanten Performance die „Don Karlos“-Inszenierung von Barbara Wysocka am Volkstheater. Franzmeier funkelt wie ein Solitär, er macht aus dem Souverän einen modernen Chef im perfekt sitzenden grauen Anzug. Der reichste und mächtigste Mann seiner Welt gäbe sich gern gönnerhaft jovial, doch ist das eine bemühte Maskerade, frisst am absolutistischen Herrscher doch das Misstrauen gegen den Hof.

Fantastisch, wie Franzmeier seine Figur entwickelt. Vom ersten Auftritt in Aranjuez, wo er schneidend kalt seine Frau vor deren Entourage bloßstellt, über das Bild eines Einsamen, der sich, auf sich selbst zurückgeworfen, als Sklave seiner Staatsverpflichtungen zeigt, zum seelisch zerrissenen Vater, der der Inquisition seinen Sohn opfern wird. In einer von vielen vorzüglichen Szenen befragt Philipp sein Adressbuch nach einem spionagetauglichen Vertrauten. Blatt für Blatt reißt er aus der Ringmappe: „Tot! Besser tot! Was will der hier? Ich werfe ihn zu den Toten!“, bis er auf die Personalakte Posa stößt.

Wysocka, bereits weit über Polen hinaus als widerständige Regisseurin bekannt, hat bei ihrem Wien-Debüt reichlich richtig gemacht. Ihre auf die Schauspieler konzentrierte Arbeit lässt Schillers kompliziertes Intrigenspiel mit einer Intensität ablaufen, dass man gar nicht anders kann, als wie gebannt das Bühnengeschehen zu verfolgen. In erster Linie die Männerfiguren sind ihr gutfundiert und vielschichtig geraten, als Bühnenbild bietet Barbara Hanicka dazu martialische Architektur, einen zerfallenden Regierungsbunker an, auf den wichtige Textzitate projiziert werden, dessen Rückseite ihn allerdings als bloße Theaterkulisse enttarnt – die Macht nicht mehr als eine billige Bretterwand, die Masse wird später – „Ganz Madrid in Waffen!“ – in Form von Arbeitergesichtern darüber hinwegziehen.

Konfrontation in Höchstform: Sebastian Klein und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als Don Karlos ein fiebriger Fürstensohn: Lukas Watzl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Im Interview sagte Wysocka, sie wolle mit „Don Karlos“ auf den aktuellen Demokratie-Abbau in Europa reagieren, und irgendwie muss man beim Betrachten der ernsten Schwarzweiß-Antlitze an die Solidarność denken, und was seither an Bürgerrechten erneut veruntreut wurde. Dass Hanicka als Versatzstücke Schreibmaschine, Drehscheibentelefon und Plattenspieler verwendet, wirft einen umso mehr zu deren Anfängen zu Beginn der 1980er-Jahre zurück. In diesem Setting spielt Lukas Watzl überzeugend den Don Karlos, weniger als jenen „schwachen Knaben“, den der König „mehr als das vereinigte Europa fürchtet“, denn als fiebrigen Fürstensohn.

Der Infant ist ein ungestüm und unglücklich Liebender, und Watzl zeigt ihn von Hormonen wie vom Vaterhass geschüttelt. Ausgestattet mit einer gehörigen Portion Borderline rennt er im Wortsinn beständig im Kreis und sich dabei doch nur den Hitzkopf an. Er ist aus Verzweiflung untätig, zwar kein Elegiebürscherl, sondern ein Energiebündel, nur kann er eben diese nicht bündeln, kann seine Emotionen nicht in den Griff kriegen, um Posas politisches Programm als neuer erster Mann im Staat umzusetzen.

Wie Watzl beeindruckt auch Sebastian Klein als Marquis von Posa, in seiner Darstellung ein kühler, kluger, auch manipulativer Realpolitiker, kein Aufklärer bis zur Selbstaufgabe, kein Sympath, sondern als Stratege ein ebenfalls sehr zeitgemäßer Charakter, an dessen Schachzügen bis zuletzt undurchschaubar bleibt, ob sie auf die helle oder dunkle Seite der Macht führen werden. Dass dieser Posa immer eine braune Reisetasche mit sich trägt, deren Inhalt er nie preisgibt, was Philipp zu der Frage „Was ist denn mit dieser Tasche?“ führt, schafft eine der humorvollen Stellen des Abends. In der Konfrontation mit Franzmeier läuft Klein, mit dem pathosfrei gesprochenen Satz von der Gedankenfreiheit ein Forensiker von Philipps abgetaner Staatsform, zur Höchstform auf.

Steffi Krautz gestaltet den Herzog von Alba als süffisanten, eiskalt kalkulierenden Ränkeschmied, der Don Karlos statt eines Schwertkampfs einen Kuss aufnötigt, ihrer Leistung steht Stefan Suske als verlogen schmeichlerischer Beichtvater Domingo, der hinter dem Rücken des Königs Gift und Galle spuckt, in nichts nach. Jan Thümer riskiert als Graf von Lerma von deren Niedertracht aufgerieben zu werden, vielleicht der Grund, warum man ihn auch als Opfer eines Autodafés erlebt. Ein brennend starkes Bild.

Läuft! Lukas Watzl und Sebastian Klein bringen Bewegung ins Spiel. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Stefan Suske, Evi Kehrstephan und Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Frauen neben Krautz haben unter der Führung von Wysocka keine Fortune. Sie setzen auf falsche Töne, Evi Kehrstephan als wie ein Waschweib keifende Elisabeth, Isabella Knöll als hysterisches Schulmädchen Eboli, der man nie und nimmer die elegant-heimtückische Quertreiberin abnimmt, und warum Claudia Sabitzer, als Oberhofmeisterin Olivarez eine Art Securityfrau, in Schreikrämpfe ausbrechen muss, versteht man sowieso nicht.

Erst Florentin Groll bringt als Großinquisitor wieder jene Qualität ins mitunter arg aufgeregte Spiel zurück, mit der Franzmeier die Aufführung begonnen hat. Mit leidenschaftsloser Brutalität fordert er von seinem „Schüler“ Philipp die Herausgabe Don Karlos‘, und der König ergibt sich nach kurzem Scheingefecht der katholischen Autorität.

Barbara Wysocka ist mit ihrer Inszenierung ein bemerkenswertes Statement zur politischen Gegenwart gelungen, und wiewohl ihr in der Überhitzung einiger Augenblicke die Gefährlichkeit dieses Ständig-nach-dem-Leben-Trachten im Stück immer wieder aus den Händen gleitet, entwirft sie mit ihrem finster-grauen ein zutiefst beunruhigendes Bild über die Mittel und Wege eines totalitären Regimes. Dafür gab es zur Premiere verdient langen Applaus.

www.volkstheater.at

  1. 11. 2018

Angelo

November 8, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der schwarze Mann als Spielzeug des Souveräns

Angelo erzählt dem Kaiserhof eine fantastische Geschichte über Afrikas Fabeltiere und seine mutigen Krieger: Makita Samba. Bild: © Novotny Film

In prächtigen Gewändern steht er gleich einer Puppe auf einem Podest, und eine adelige Gesellschaft lauscht wohlig erschauert seiner Geschichte. Angelo, der Hofmohr, erzählt von einem fantastischen Afrika, von Fabeltieren, mutigen Kriegern und einem Feuer speienden Berg, als wär’s ein Traum von seiner Heimat. Doch aus der ist er schon als Kind verschleppt worden, dem Sklavenschicksal durch eine hochwohlgeborene Dame entronnen, die am Knaben das Exempel der Menschwerdung eines Wilden statuieren ließ.

Verkauft, später auch verschenkt, bringt er es über diverse Fürstenhäuser bis zum Gesellschafter des Kaisers. Und doch bleibt der schwarze Mann nur ein Spielzeug – auch für den Souverän. Dies die Schlüsselszene. Markus Schleinzer erzählt in seinem meisterhaften Film „Angelo“, ab Freitag in den heimischen Kinos, vom Schicksal des Angelo Soliman, der im 18. Jahrhundert in Wien Berühmtheit erlangte. Nur einzelne, fragmentarische Episoden sind von dessen Existenz bekannt, und so lässt sie auch Schleinzer ausschließlich in Momentaufnahmen aufblitzen – verschiedene Schauspieler in allen Altersstufen, von Kenny Nzogang über Makita Samba vom Pariser Theater Odéon bis Jean‐Baptiste Tiémélé, gestalten die Figur vom Feinsten, diese Projektionsfigur, die die stetig steigende Lust am Exotischen zu bedienen hat, und der es zeitlebens nicht gelingen wird, ihren Fesseln zu entkommen. Angelo ist von klein auf der lebende Beweis für den unaufhaltsamen Siegeszug von Aufklärung und Vernunft, wenn man diese denn jemandem angedeihen lässt. Er ist eine Trophäe.

Er wird zum Schauspieler seiner selbst, in einer berührenden Szene übt der erwachsene Angelo die ausladenden, „afrikanischen“ Gesten, mit denen er später sein Publikum beeindrucken wird, in einer weiteren lässt das Kind Vögel aus einer Voliere frei, wohl schon wissend, dass ihm Freiheit nie wieder gegönnt sein wird. Schleinzer liebt die Arbeit mit derlei poetischer Symbolik, und nie geht es ihm dabei um das Eins-zu-Eins-Abbild einer Epoche. Immer richtet er sich an ein Darüberhinaus, stellt kulturelle Deutungshoheiten, Schemata und Sichtweisen und Zuschreibungen, bloß, die bis heute nachwirken, erzählt von der vollkommenen Vereinnahmung eines einzelnen durch die herrschende Masse, und vom europäischen Erbe der Kolonialzeit. Ein Neonlicht weist als bewusster Anachronismus ins Heute.

Das wilde Kind wird mittels Flötenspiel zum menschlichen Wesen erzogen: Kenny Nzogang. Bild: © Novotny Film

Angelo und seine Tochter besichtigen seinen späteren Ausstellungsort: Nancy Mensah-Offei und Jean‐Baptiste Tiémélé. Bild: © Novotny Film

Dass es ihm ums Beispielhafte geht, wird auch dadurch verdeutlicht, dass Schleinzers Figuren historisch nicht näher bestimmt sind. Es gibt „die Comtesse“ von Alba Rohrwacher, „den Fürst“ von Michael Rotschopf oder „den Kaiser“ von Lukas Miko, letztere tatsächlich Josef Wenzel von Liechtenstein und Joseph II., Gerti Drassl spielt eine Kindermagd, Christian Friedel einen Museumsdirekor, Larisa Faber Angelos Ehefrau Magdalena, Nancy Mensah‐Offei die gemeinsame Tochter Josephine.

Denn Angelo wird heiraten, im Geheimen, eine Weiße, eine Liebesgeschichte ohne Leichtigkeit, wird Freimaurer werden, aber niemals „ihresgleichen“. Als was er sich sehe, fragt einmal einer seiner Herren, als Sohn Afrikas und als Mann Europas, antwortet er. Schleinzers Film zeigt immer auch das Ringen um Sprache, heißt: um Ausdruck, nicht um Sprechvermögen, denn daran mangelt es Angelo nicht, sondern das Ringen mit einer Sprach- ob einer Wurzellosigkeit.

Gedreht im 4:3-Format, was den vom Theater geprägten Guckkastencharakter des Films, seine Bühnenbildhaftigkeit und die Objekthaftigkeit der Figuren noch unterstreicht, lässt Schleinzer anstatt seiner nüchternen Ästhetik und seiner Tableaux vivants am Schluss den Schock auffahren.

Angelo Soliman wird nach seinem Tod im Hof-Naturalien-Cabinet ausgestellt, wieder Spielzeug für Kaiserkinder, wieder halbnackter Wilder mit Federschmuck und Muschelkette. Schaurig, wie seine Haut wie Leder auf ein Holzmodell genagelt wird. Als er davor als alter Mann seinen Ausstellungsort im Museum besichtigt, fragt ihn die Tochter über die absurde Afrika-Darstellung „C’est comme ça, Papa?“ – „Ist es so?“ Angelos Hülle, hier endet der Film, verbrannte – längst in eine schäbige Dachkammer verbannt – 1848 während des Oktoberaufstands.

www.facebook.com/AngeloDerFilm/

  1. 11. 2018

Theater in der Josefstadt: Der Besuch der alten Dame

Oktober 20, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alle Kameras sind auf Güllen gerichtet

Das Fernsehen filmt Claire Zachanassians Ankunft in Güllen: André Pohl, Siegfried Walther, Arwen Hollweg, Andrea Jonasson, Alexandra Krismer und Lukas Spisser. Bild: Herwig Prammer

Breaking News, Live-Schaltungen, Society-Berichterstattung. Ein Imagefilm des Zachanassian-Konzerns und Kinderfotos von dessen Inhaberin. Medienhype wird Medienhatz wird Medienschelte. So will es Regisseur Stephan Müller, der mit seiner Interpretation des Dürrenmatt-Klassikers „Der Besuch der alten Dame“ am Theater in der Josefstadt sein Debüt am Haus gibt. Nur wenige Monate nach der so zeit- wie ereignislosen Inszenierung der Tragiposse am Burgtheater versucht es Müller mit einem Deutlichmachen des Zeitungeists – und reüssiert damit. Lehrt er doch dem bis zum Gehtnichtmehr gesehenen Stück tatsächlich ein paar neue Tricks.

Dabei tut er der heimtückisch lehrreichen Hochkonjunktur-Komödie niemals unrecht, die offenbare Ewiggültigkeit dieser grotesk-bösen Parabel auf die korrumpierende Wirkung von – prognostiziertem -Wohlstand und die darob Krisenanfälligkeit von Rechtsprozessen bleibt unangetastet. Müller dreht die Dürrenmatt’sche Schraube sogar noch fester, bei ihm hat sich der Kapitalismus, dies sehr frei nach Peter Rüedi, demokratisiert, gleichzeitig die Gesellschaft entsolidarisiert. Und zwar ohne viel Steigerungsform, sondern von Anfang an.

Jeder geifert nach seinem Stück vom Kuchen, die Geldgier regiert Güllen – und ergo wird die wichtigste Vertreterin des Systems mit allen Ehren empfangen. Und dank ihres Auftritts sind nun alle Kameras auf Güllen gerichtet. Die meineidigen Kastraten und allerlei anders Surreales hat Müller gestrichen, dafür in seiner Turbo-Bearbeitung die Rolle der „Lästigen“ groß gemacht: Martina Stilp und Alexandra Krismer kommentieren, analysieren, diskutieren als krawallige Fernsehleute mit gekonnter Privatsender-Schnappatmung die Situationen, in die sich die kleingeistigen Kleinstädter mit ihren Machenschaften manövrieren. Auf fünf Monitore wird das übertragen (Bühnenbild und Video: Sophie Lux, sie lässt auf transparenten Screenfronten auch Wald, Scheune und einen Flugzeugstart entstehen), und doch bleibt diese von sensationsgeil zu skandallüstern sich auswachsende Journaille immer irgendwie außen vor, wird mit blödsinnig-banalen Informationsfetzelchen genarrt und vorgeführt und durchschaut nichts. Bis sie am Ende sogar fröhlich das Herzversagen aus Freude frisst.

Spielmacherin in dieser „Schulden, Schuld & Sühne“-Satire ist selbstverständlich Milliardärin Claire Zachanassian, und Grande Dame Andrea Jonasson für die Figur, deren Darstellung sie davor drei Mal ablehnte, eine Idealbesetzung. Die Jonasson changiert wie das ihr von Birgit Hutter angepasste schwarze Designerkleid, zwischen mephistophelisch, mondän, monströs. Sie ist ganz gelassen, stoisch und seelenruhig abwartend und süffisant, die Stimme moduliert sie von gefährlich schmeichlerisch zu scharfzüngig bedrohlich. Dieses ehemalige „Wildkätzchen“ Ills ist ein geschmeidig auf seine Beute lauerndes, gleichzeitig seine Wunde leckendes, denn wie alle Diven hat es eine, Raubtier. Gleich dem Panther, der der Zachanassian noch entlaufen wird.

Wie ein Panther belauert Claire die Bürger: Andrea Jonasson, Oliver Huether, Elfriede Schüsseleder, Alexander Strobele, Michael König, Siegfried Walther und André Pohl. Bild: Herwig Prammer

Aus gefährlich schmeichlerisch wird schnell scharfzüngig bedrohlich: Andrea Jonasson und Michael König. Bild: Herwig Prammer

Sogar ein Volksschulfoto von „Kläri“ und Alfred wird den Journalisten gezeigt: Siegfried Walther, Michael König, Martina Stilp und Michael Würmer. Bild: Herwig Prammer

Den Alfred Ill gibt Michael König zunächst mit dem Image eines gealterten Don Juan, bis seine Verve in wütende Verzweiflung, schließlich in Weltmüdigkeit umschlägt. Sehr schön ist zu sehen, wie diesem einstigen Schwerenöter die Selbstgefälligkeit aus dem Gesicht fällt, filigran, fast jedermännisch gestaltet König dessen Verwandlung vom eitlen Protz zum Leidensmann, ein einstiger Täter, der Opfer wird. Die Güllener Honoratioren, die opportunistischen Speichellecker, die scheinheiligen Moralapostel und Spekulanten mit, schließlich willige Vollstrecker von Ills Tod, verkörpern:

Siegfried Walther als unverschämt manipulativer Bürgermeister, André Pohl, der als Lehrer larmoyant vorgibt, den Humanismus hoch zu halten, von beiden eine Glanzleistung, Johannes Seilern als bigotter Pfarrer, Alexander Strobele als schleimiger Mitläufer-Arzt und Oliver Huether als auf Streit gebürsteter Polizist. Bravourös wird hier vorgeführt, wie schnell Worte Werte ummünzen können.

Witzig auch, wie sich das Ensemble je nach dargestelltem Charakter ein für ihn typisches Verhalten vor der Kamera ausgedacht hat, von augenaufreißend eingeschüchtert – der Lehrer, der Arzt – bis zum belehrend dozierenden Bürgermeister, der es auch nicht verabsäumt, „die Bürger an den Bildschirmen“ zu begrüßen. Lukas Spisser macht aus dem Gatten VII bis IX kleine Kabinettstücke, Markus Kofler ist als Butler ein sinistrer Handlanger seiner Herrin.

Elfriede Schüsseleders Frau Ill ist unterkühlt und verhärmt, dabei unter dieser Oberfläche brodelnd, bis auch sie – samt ihren in der Elternliebe elastischen Kindern: Gioia Osthoff und Tobias Reinthaller – vom Aufschwung etwas mitkriegt. In ihrem Fall ein neues rotes Kleid, während die Konsum-„Gleichschaltung“ allgemein über die berühmten schandfarbig-gelben Schuhe funktioniert.

Auch sprachlich hat Regisseur Müller die Aufführung ins schlagzeilen- und parolengebeutelte Heute geholt, von der dringend notwendigen Aufwertung des Wirtschaftsstandorts Güllen ist die Rede, aus dem Zachanassian-Geld soll in der Vorstellung mancher ein bedingungsloses Grundeinkommen werden, der Lehrer referiert über „abendländische Prinzipien“. Die Lacher hat diesbezüglich Andrea Jonasson auf ihrer Seite, einmal, als sie den Butler anweist, Tesla-Aktion zu kaufen – Zuruf aus dem Publikum: „Jetzt geht sie pleite!“ -, einmal, als sie Claire bei deren x-ter Hochzeit, Ölbarone und Oligarchen als Gäste, verkünden lässt: „Putin kommt nicht.“ Zum Schluss lässt Müller die Ermordung Ills hinterwandfüllend via Video vorführen. Keine Ahnung, warum es ihm wichtig war, die Gewalttat in dieser Drastik vorzuführen. Gebraucht hätte man’s nicht. Man weiß auch so, dass dies eine Welt ist, in der tagtäglich Unbequeme für politische und Industrie-Interessen aus dem Weg geräumt werden.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=gDoFpKBCkWQ

www.josefstadt.org

  1. 10. 2018

Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen

Oktober 9, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der rechte Hass ist hausgemacht

„So war Widerstand. War doch logisch, dass die alte DDR sich wehren würde“, heißt es an einer Stelle im Text. Da hat der Leser die Buchmitte schon hinter sich gelassen, da kommt es zu ersten „Sieg Heil!“-Rufen und Hakenkreuz-Schmierereien, da formiert sich eine Gruppe junger Männer zu dem, was sie für „Heimatschutz“ halten. Der 24-jährige Autor Lukas Rietzschel erzählt in seinem Debütroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ vom rechten Hass im Osten Deutschlands. Dresden, Chemnitz, Görlitz. Regelmäßig berichten die Medien von Demonstrationen gegen die gefürchtete „Islamisierung“, von Hetze gegen Ausländer, auch von Ausschreitungen gegen Asylwerber.

Rietzschels Roman ist aber zuallererst eine Familiengeschichte. Die Zschornacks, Vater Elektriker, Mutter Krankenschwester, die Söhne Philipp und Tobias mehr oder minder fleißige Schüler, haben sich Anfang der 2000er-Jahre ihren Traum vom eigenen Haus erfüllt. Ein enormer Kraftaufwand in einer Gegend, in der sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen. Rietzschel schildert ein Städtchen in der sächsischen Provinz, Neschwitz, die Tristesse eines neu erschlossenen Baugebiets zwischen Rapsäckern und zerbröckelnden Plattenbauten.

Irgendwie wirkt alles desolat, weder Wende noch Jahrtausendwende haben den erhofften Aufschwung gebracht, Neschwitz liegt in einer verlorenen, einer vergessenen Region. Die Arbeitslosigkeit hat die Lebensentwürfe der Menschen ausgehebelt, die Kinder spielen – verbotenerweise – auf aufgelassenen Werksgeländen oder in stillgelegten Steinbrüchen. Vor allem ist es hier eines: fad.

Rietzschels Tonfall ist ein melancholischer. Doch die Gewalt, eine beängstigende, unterschwellige Aggression, schimmert ab der ersten Seite durch die Oberfläche dieses Buchs. Immer noch gibt es die alten Ressentiments gegen Polen, die Verachtung für die Sorben. Bei Bierzeltfesten und an Bushaltestellen rufen die Jugendlichen einander „Jude!“ hinterher. Nicht als Schimpfwort, aus „Spaß“, sie wissen gar nicht, was sie da sagen, sie haben‘s aufgeschnappt und interpretieren‘s nun auf ihre Art. „Mit der Faust in die Welt schlagen“ ist wie eine Parabel darüber, was passiert, wenn man vor Kindern über Vergangenheit schweigt. Der Schuldirektor wirft lieber eine Decke über das auf den Parkplatz gesprayte Nazisymbol, als sich mit seinen Schülern darüber auseinanderzusetzen.

In einer Atmosphäre von Zukunftsangst und Ohnmacht, mit diesem Gefühl, von der Politik, „vom Westen“ im Stich gelassen worden zu sein, sind die Schuldigen schnell gefunden, ist der Hass gegen die, denen es, weil ihnen von oben geholfen wird, offenbar besser geht, rasch gesät. Sätze tauchen auf wie, man hätte „offene Grenzen versprochen und jetzt kommt nur noch Dreck ins Land.“ Oder: „Für Griechenland wäre Geld da gewesen.“ Von einer Schlinge, die sich immer fester um die selbst perspektivlosen Bürger zusammenzieht, ist die Rede, als Flüchtlinge im Ort untergebracht werden. Die Brüder, obwohl von daheim vergleichsweise gut behütet, schließen sich – sie scheinen weit und breit das einzig „Spannende“ in Neschwitz – einer Gruppe älterer Burschen mit schnellen Autos und rasierten Glatzen an. Philipp zuerst, weil er anerkannt, „ein Mann“ sein will; Tobias schlittert danach in die rechte Szene, weil er’s dem großen Bruder gleichtut. Erst wird nur in Großmutters Gartenhäuschen Alkohol getrunken und blöd herumgelabert, doch ab diesem Zeitpunkt stellt sich die Frage, welcher der Brüder ins Extrem kippen wird.

Rietzschel lässt die Gewaltspirale sich immer schneller drehen. Bis die Situation eskaliert. Er berichtet, wie seine eigene Biografie, Arbeiterkind, aufgewachsen im Neschwitzer Nachbarort, gleich Tobias später Lehrling in einer Fahnenfabrik, anders hätte verlaufen können, hätte er nicht die Literatur für sich entdeckt. Er kommentiert oder bewertet das Geschehen nie offensichtlich, sucht weder offensiv Erklärungen noch Entschuldigungen, doch wie er es bis in die Details bedrückend darlegt, macht klar, was er über eine verlorene Generation, die von der öffentlichen Debatte jahrzehntelang ausgeschlossen wurde, schlussfolgert: Der rechte Hass ist hausgemacht.

Mit Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ 2010 fällt die letzte Schranke: Endlich darf man laut aussprechen, was man lange schon denkt! Die Truppe schüttet einer türkischen Familie ranzige Schweineschlachtabfälle vor die Tür, verwickelt Flüchtlinge in eine Schlägerei, einer der Brüder wird schließlich die als Asylheim gedachte Schule in Brand setzen. Knackpunkt für ihn ist, dass die Großmutter, weil von der Arbeit dort überfordert, ihren Garten an eine syrische Familie abgibt. Gib ihnen doch deine Rente gleich dazu, fordert er sie böse auf. Ein tatsächliches Ende gibt es in „Mit der Faust in die Welt schlagen“ nicht. Wie auch? Die Diskussion ist nicht beendet, die Problematik nicht ausgestanden. Und keine Lösung – nirgendwo.

Über den Autor: Lukas Rietzschel, geboren 1994 in Räckelwitz in Ostsachsen, lebt in Görlitz. 2012 wurde sein erster Text im „ZEIT Magazin“ veröffentlicht, seitdem folgten Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien. 2017 war er Gewinner bei poet|bewegt. Für das Manuskript seines Romandebüts wurde er 2016 mit dem Retzhof-Preis für junge Literatur ausgezeichnet.

Ullstein Buchverlage, Lukas Rietzschel: „Mit der Faust in die Welt schlagen“, Roman, 320 Seiten.

www.ullstein-buchverlage.de

  1. 10. 2018

Volkstheater/Bezirke: Der Weibsteufel

September 22, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Den „Blut-und-Boden-Dichter“ endgültig enterdet

Katrin Grumeth als „Aufpulverin“, die sich emanzipiert. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

„Wenn ich ein Vogel wär …“ singt das Weib zu Beginn. Was sie dann tun würde, ist deutlich: auf und allen Zwängen ihres Geschlechts davonfliegen, in eine Zukunft möglichst ohne Aufpasser, Antreiber, Ausbeuter, Männer nur, wenn zum Zwecke des Sex selbst gewählt. Dass dies zumindest zu Textende gelungen scheint, weiß, wer Karl Schönherrs Drama „Der Weibsteufel“ kennt.

Das Volkstheater eröffnet seine Bezirketour 2018/19 damit, und Regisseurin Christina Rast hat die alpine Dreiecksgeschichte des als „Blut-und-Boden-Dichter“ reklamierten Dramatikers mit ihrer reduzierten Inszenierung, mit ihrer minimalistischen Interpretation von Schönherrs wuchtigem Stück, endgültig enterdet. Auf spartanischer Bühne – wiewohl die Einfassung aus schwarzen Bändern von Rast und Stella Krausz szenisch eine Menge leistet – lässt Rast ihre Sicht des Spiels ablaufen.

Ein Geschäftsmann steht da, einer, der einem gehörten Gerücht folgend seine Frau veranlasst, seinem Konkurrenten gehörig den Kopf zu verdrehen. In der Darstellung von Lukas Holzhausen gibt sich der „Kapitalfuchs“ als Manager eines Großschmuggelunternehmens, geht’s nach seinem Willen, hat er fürs Leben lapidar nur das eine Wort: „Passt!“ Die Schwächlichkeit des Mandls stellt Holzhausen nicht allzu sehr aus, dafür dessen Schläue. Mit der will er den „Gimpel“ Grenzjäger in die Falle locken. In einer albtraumhaften Szene tritt das Trio infernal denn auch mit Vogelköpfen auf – die Frau als Geier, der Grenzjäger als Adler, der Mann als Rabe.

Der Kampf heißt Kopf gegen Kraftlackel. Der schmiedet seinerseits ein Komplott, um sich „sein Sterndl“ zu verdienen, Christian Clauß spielt ihn als Harte-Schale-weicher-Kern-Kerl, der sich nach Liebe, Nachwuchs und seiner Pfeife sehnt, alles Wünsche, die ihm der Weibsteufel auch allzu schnell zu erfüllen bereit wäre. Denn die in muffiger Ehestube eingesperrte Frau wittert das Testosteron wie ein wildes Tier seine Beute. Es folgt beinah akrobatischer Beischlaf.

Für den Mann „Passt!“ noch alles: Lukas Holzhausen und Katrin Grumeth. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Doch schon lauert der Grenzjäger auf seine Chance: Christian Clauß und Katrin Grumeth. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Was Christina Rast jedoch tatsächlich erzählt, ist die Geschichte einer Emanzipation. Und so ist ihre „Weibsteufel“-Aufführung auch der Abend der Katrin Grumeth. Wie eine Urgewalt sprengt sie die männlichen Konfliktzonen, entledigt sich der ihr zugedachten Projekte und Begierden, dreht den Spieß einfach um, wird von der „Aufpulverin“ zur Manipulatorin. Eine fulminante schauspielerische Leistung, in der Grumeth eine subtile Sinnlichkeit durch die Sprödheit ihrer Figur blitzen lässt.

Aus Geplänkel wird Gefahr, wunderbar, wie Holzhausen, Clauß und Grumeth all die falschen Töne richtig treffen, wie sie, durch Männerfantasien entfesselt, in die Hitze gerät, wie die Männer einander lauernd umringen, um die Chance zum Zuschlagen als jeweils erster wahrzunehmen. Bald wird den beiden klar, dass sie hier Kräfte entfesselt haben, die sie nicht bezähmen können. Aus stoischer Überlegenheit wird zunehmend schiere Verzweiflung.

Dieweil kleidet Grumeth die Bühne mit Plastikplanen aus. Denn Blut wird fließen, einer tot sein, einer im Gefängnis, und sie das schmucke Haus am Marktplatz erben. Schnell zieht sich das Weib die grünen Putzhandschuhe an, bevor sie’s an die Wand sprayt: Passt!

www.volkstheater.at

  1. 9. 2018