Schauspielhaus Wien: Der Sprecher und die Souffleuse

Juni 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Meta-Stück übers Theaterdasein

Der hohe Ton fürs Mikrophon: Gerhard Balluch als „König Lear“ und Patrick Berg als Sprecher. Bild: © Nikola Milatovic

Seit der Uraufführung des Theaters am Lend Graz weiß man freilich, dass es ein Gag ist, wenn da einer aus dem Publikum „Lauter!“ und in diesem Fall „Wir sind in Wien!“ ruft, als Hanna Binder so verschüchtert leise zu sprechen beginnt, dass sie unter Garantie keiner hört. Was für den Beruf der Souffleuse, und eine solche stellt Binder hier dar, prinzipiell eher unpraktisch ist. Also hebt sie schließlich die Stimme, erzählt von ihrem Immer-Anwesend-Sein.

Sozusagen „unter“ den Brettern, die angeblich die Welt bedeuten, wie sie in die Textbücher, auf die Rückseite der beschriebenen Seiten, ihre Alltagsbeobachtung notiert – und, dass die wichtigste derartige ist, dass sowohl reales als auch Bühnenleben einem Kaugummi gleichen. Weil, das eine zieht sich, wie ein, während man fürs andere Figuren und deren Sätze hineinkleben könnte, und so lange durchkauen, bis alles ein großes Ganzes ist. Derlei Metaphern hat die Wiener Dramatikerin Miroslava Svolikova en masse auf Vorrat, ihr aktuelles Stück „Der Sprecher und die Souffleuse“ ist als Meta-Stück übers Theaterdasein zu lesen, ist in diesem Sinne Nonsens mit Hintersinn – und 2018 Gewinner des Autor- und Autorinnenpreises der sich bis dato über sechs Bundesländer erstreckenden Theaterallianz (www.schauspielhaus.at/schauspielhaus/theaterallianz).

Svolikovas Stern strahlt seit Beginn ihrer Schreibtätigkeit hell, etwa mit Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23816) oder „europa flieht nach europa“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29742), ihre neue Arbeit hat Pedro Martins Beja inszeniert, und er meistert bravourös die Aufgabe, den Zinnober der Vorlage umzusetzen. Was man zwischen sich bauschenden, schwarzen Vorhängen zu sehen bekommt, sind Zerrbilder von Bühnenbeschäftigten. Die Ausgangssituation sind aufgrund widriger Verkehrsumstände fehlende Schauspieler.

So bleibt da nicht nur Hanna Binder, angetan wie ein 1950er-Jahre-Sekretariatsfräulein (Kostüm, Bühne & Maske: Elisabeth Weiß), sondern auch Patrick Berg als erschreckter Sprecher, der um die Zeit zu überbrücken um sein Leben redet. Beide sind großartige Komödianten. Peinlich und berührend. Florian Tröbinger führt als Bote ein Endlostelefonat mit einem Gottöberst, in dem er auch Liebesgekicher unterbringt, Lukas David Schmidt mit halbem Cyborg-Gesicht hat als Elektriker nach einem Stromausfall nach dem Rechten zu sehen.

Lear kürt den Elektriker zu seiner Lieblingstochter: Lukas David Schmidt und Gerhard Balluch, hinten: Patrick Berg. Bild; © Nikola Milatovic

Im Publikum die Schauspieler erkannt: Patrick Berg, Florian Tröbinger als Bote und Hanna Binder als Souffleuse. Bild: © Nikola Milatovic

Sie alle treiben grandioses, gnadenloses Over-Acting, doch finden punkto Outrage ihren König, Grandseigneur Gerhard Balluch, der als Lear in der Szene „Still Storm“ hängengeblieben zu sein scheint. Mit nacktem Oberkörper pflegt Balluch fortan den hohen Ton, seine Aufmachung samt Blütenkranz wie eine Brandauer-Stein-Parodie, den der Sprecher versucht ins Mikrophon zu bannen, doch tatsächlich ist hier jeder auf der Suche nach seiner Rolle, nach einer Bestimmung, die seine Existenz zu legitimieren vermag. Und da nun alle mit der Sinnfreiheit von Leerstellen und Wiederholungen kokettieren, hält Balluch die Mitspieler für Narr und Cordelia.

Kürt irgendwann den schnoddrigen Elektriker zur Lieblingstochter, erkennt im Boten den Feind, verlangt vom Richter-Sprecher Gerechtigkeit – ein Chaos, das die Souffleuse mittels Von-der-Bühne-Zerren lösen will. So wabert die Darbietung zwischen Dada und Gaga, entpuppen sich Sprecher und Souffleuse als Sandkastenliebespaar, werden allerlei gewitzte Bemerkungen bezüglich Stromkreis-Lebenskreis, lockere Schrauben und die Macht des Zuschauens vom Stapel gelassen. „Wir sind da, so wie wir sind“, stellt Hanna Binder fest, verärgert darüber, dass die anderen immer andere sind.

Völlig verausgabt sie sich in einer Publikumsbeschimpfung, philosophiert übers Sterben auf der Bühne „für einen schönen Abend“, lädt aber denn doch die ersten Reihen gönnerhaft und gruselig zum Händeschütteln ein, während Bergs Sprecher, um ein Entkommen eben derselben zu verhindern, fragt: „Soll ich den Saal zusperren?“ Und immer wieder Gerhard Balluch, im umstrittenen Grazer Konwitschny-Lear dereinst der Graf von Kent, polternd hinter der Bühne, das Schwert zückend auf dieser, er gleicht dem Geist eines gestrigen Theaters, das nicht weichen wird, so lange das neue – mit dem Shuttlebus – im Stau steckt und Verspätung hat, der komplette Theaterapparat in Warteposition und dabei die Zuschauer beschwichtigend und irgendwie beschäftigend. Am Ende, man ahnte es bereits, hat der Bote die fehlenden Mimen doch noch gefunden, sie sind – wir. Damit ist die Lizenz freigegeben, das Tollhaus, das Theater ist, zu übernehmen.

www.schauspielhaus.at

  1. 6. 2019

Volx/Margareten: Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause

Mai 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Völlig losgelöst von der Erde

Sebastian Pass und Anja Herden. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Ende der 1970er-Jahre zeigte endlich auch der ORF die britische Science-Fiction-Serie „Star Maidens“, ein nicht bierernst gemeinter Battle of Sexes, ein Umkehrspiel tatsächlich bestehender Machtverhältnisse, nach dem wir Mädchen so verrückt waren, dass wir per Androhung eines Aufstands im Aufenthaltsraum des Schikurszentrums einen Fernsehapparat ertrotzten, um nur ja keine Folge zu verpassen.

War ja auch zu schön, die All-Schwestern, die über ihren Planeten Medusa regierten, während die Männer, der berühmteste davon Pierre Brice, ihnen als „Abhängige“ oder „Unfreie“, erstere als Haussklaven, zweitere wegen Ungehorsam auf die toxische Oberfläche strafversetzt, zu dienen hatten. Ähnliches hat sich Autorin Sibylle Berg für ihre Groteske „Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause“ überlegt, die Felix Hafner nun im Volx/Margareten inszeniert hat.

Das Setting ist ein chauvinistisches System, ein vereintes Europa ist Vergangenheit, der Kontinent im Würgegriff von Nationalismus und Faschismus, Fremdwörter und jede Form gesellschaftspolitisch korrekter Sprache sind verboten, „alle Länder werden von Männern regiert, die nackt auf Pferden sitzen und eine Mauer um ihr Land gebaut haben“. Berg untermauert ihre Thesen mit trübbrauen Sätzen. Was der Frau also bleibt, ist die Flucht. Völlig losgelöst von der Erde wollen vier Weltraumfahrerinnen auf dem Mars eine matriarchale Siedlung gründen. Allein, um den Fortbestand dieser zu sichern, braucht es Männer, notgedrungen, fürs Geschlechtliche …

Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

 

Mit Glitzervorhang, Matratze, Polstern und Decken schafft Hafner das utopisch-schwülstige Ambiente für Bergs wuchtigen Text, der mit etwa „Das kann einen doch verrückt machen, dass ein Mensch, mit dem man in einem Bett liegt, seine eigenen Gedanken hat, fast wie jeder beliebige Fremde, und dass man nie, nie eine Nähe herstellt …“  vor schönen, wahren, traurigen Sätzen strotzt. Nach „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ und „Und dann kam Mirna“ ist „Nach uns das All“ der letzte Teil von Bergs Menschen-mit-Problemen-Trilogie, und ihre Antiheldin des 21. Jahrhunderts muss diesmal zur Rettung der Menschheit bei einer Castingshow antreten. Mission Mars, heißt das Motto, doch die Besiedelung ist paarweise zu bewerkstelligen, also müssen Partner her.

Berg hat in ihrem Text nicht vorgegeben, wie viele Personen diesen zu realisieren haben. Gelesen werden könnte er auch als verzweifelter Monolog einer Frau mit multiplen Persönlichkeiten, die diese immer wieder anruft. Hafner hat sich mit Anja Herden, Saskia Klar und Isabella Knöll, Peter Fasching, Sebastian Plass und Lukas Wurm für drei Frauen und drei Männer entschieden, die meist im Chor sprechen und nur selten als Individuen auftreten. Es sind also sechs Millennials, die sich im Schlagschatten einer Raketenstartrampe mit Bio- und Psychotests und dem IT-Wissen Sechzehnjähriger auf die Flucht vor der Unerträglichkeit vorbereiten. Die Situation unterfüttert der Regisseur mit Tschechows „Drei Schwestern“, statt Gemma, Lina und Mirna werden auch Olga, Irina und Mascha angerufen, nur heißt’s eben nicht mehr: Nach Moskau!, sondern Zum Mars!

In vielen kleinen Inszenierungsdetail entwickelt Hafner die Charaktere, und derart treten drei selbstbewusste, selbstironische Frauen einem Grüppchen Männer entgegen, einer schwul, einer arbeitslos, einer nimmt aus einer nationalen Verbindung Reißaus, denen es selbst am meisten ausmacht, auf die Rolle des Samenspenders reduziert zu sein. Sie versuchen sich um nichts weniger von ihren Qualitäten zu überzeugen, als die Damenwelt, die sich zwischendurch durchaus mal lüstern räkelt, aber nur um gleich darauf den weiblichen Macho zu markieren, und die Männer in ihre Schranken zu weisen.

Mit „Nach uns das All“ ist Hafner der derzeit definitiv gewitzteste, selbstkritischste und in jeder Hinsicht gegenwärtigste Theaterabend gelungen, der das Publikum nicht über Zukunft, sondern über die Gegenwart nachdenken lässt. „Wir hätten sie nicht verärgern sollen, die 80 Prozent“, skandiert das Ensemble. „Im Sekundentakt wollten wir freie Drogen, kein Fleisch mehr an Schulen, das Recht, als Frau nackt durch die Straßen zu laufen, wir wollten, dass jeder jeden heiraten kann und dass Geräte, Pflanzen und Tiere Menschenrechte haben.“ Welch eine Übertreibungskunst.

Saskia Klar und Sebastian Pass. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Die hier zelebrierte Ironie trifft so knapp vor den EU-Wahlen nicht nur den Kern des europäischen Rechtsrucks, sondern auch die Links-Intellektuellen in ihrer Resignationsblase. Langer Applaus am Ende eines Abends, der die Frage stellt: Muss es wirklich so weit kommen? Und: Mit wem an Bord wird die Rakete schlussendlich abheben? Von Sibylle Berg gibt es dieses Frühjahr noch mehr: Erst kürzlich erschien ihr Roman „GRM – Brainfuck“, am 24. Mai bringt Ersan Mondtag bei den Wiener Festwochen ihr „Hass-Triptychon – Wege aus der Krise“ zur Uraufführung. Beides wird an dieser Stelle rezensiert werden.

www.volkstheater.at

15. 5. 2019

Stadtsaal – Lukas Resetarits: Wurscht

April 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gammelpolitik, frisch konserviert in PR-Pökelsalz

Bild: © Katrin Werzinger

Manches, sagt Lukas Resetarits, sei ihm ja blunzn, aber vieles nicht wurscht. Also hat der Großmeister der österreichischen Kleinkunst sein 27. Programm nach dem in Därme gefüllten Brät benannt, und nimmt sich den Begriff in jeder seiner Bedeutungen vor. Er erzählt vom Suchtpotential der Buren- und vom populistischen Hanswurst ebenso, wie von armen Würstchen und von anmaßenden Wurschtln, und lässt auch die Fäkalvariante des Wortes nicht aus. Resetarits kann’s mitunter arg ungustig, was passt, ist „Wurscht“ doch eine so scharfsinnige wie scharfzüngige Analyse eines gesellschaftlichen Ist-Zustands.

Und da ist’s mit den Parteien wie beim Fleischprodukt – „je weniger man weiß, was drin ist, umso mehr schmeckt’s“. Anzumerken ist dem Abend, wie sehr es Resetarits beim Schreiben, dies auch diesmal wieder gemeinsam mit Tochter Kathrin, in den Fingern gejuckt hat, zum Status Quo im Lande ein Statement abzugeben, „Achtung“, warnt er gemäß seinen AGB, „der Kabarettist kann Spuren von eigenen Meinungen enthalten“.

Freilich darf der Spaß nicht auf der Strecke bleiben, erzählt Resetarits doch von einem Ex-Zuschauer, der den Kartenpreis durch die Pointen dividierte, und auf einen Euro irgendwas pro Gag kam. Ein Kurz-Wähler, kalauert Resetarits, und dass er gebraucht hätte, um zu begreifen, dass der Mann nicht über eine Tastenfunktion seines Seniorenhandys spreche. Solcherart wechselt Resetarits von privat zu Politik, enthüllt anekdotisch seine Wurstbiografie, seinen Grausen beim Blunznmachen in Stinatz, seinen Genuss der Meterwurst in der Ankerbrot-Kantine, wo er sich in den 1960er-Jahren was zum Studium dazuverdiente, seine Erkenntnis, dass man nach einem Burenhäutl in geschlossenen Räumen nicht rülpsen soll. Mit dem richtigen Pökelsalz könnten findige Fleischhauer noch den ungenießbarsten Kadaver in eine Delikatesse verwandeln, weiß der Kenner.

Das wiederum führt ihn exakt zur aktuellen Gammelpolitik und deren Konservierung durch PR-Gewürzsätze. Beigemengt von den 51 Kommunikationsexperten im von Resetarits so genannten „Ausreiseministerium“, die den Leuten die momentane Regierung schmackhaft machen sollen. Er selber leide leider an einer unheilbaren Krankheit, gesteht der 71-Jährige, statt -heimer: Alzberger. Das ist, wenn man sich alles merken muss. Entsprechend lang ist die türkisblaue Mängelliste, die er vorlegt. Von der Gesundheitskasse, bei der die Ausnahmen Bauern und Beamte schon wieder die Regel bestätigen, über den 12-Stunden-Tag bis zur neuen Unsozialleistung Mindestsicherung, vom Ausreisezentrum Traiskirchen über den Tempo-140-Testversuch bis zum – das darf diese Woche natürlich nicht fehlen – Karfreitagsdebakel. Ob „bei Rot rechts abbiegen“ eine politisch motivierte Aussage sei, fragt Resetarits punkto Abbiegeassistent, und kräht im Namen der Ministerin, deren Doppelnamen er sich nicht merken kann, ins Publikum: „Wer schafft die Arbeit?“

Noch nie, sagt Resetarits, und treibt seine zynischen Spitzen damit auf ebendiese, hätte er so viel psychisch auffällige Menschen in einer Regierung erlebt. Und apropos, hart-kleinlich: Nicht nur mit der „neuen Gerechtigkeit“ der Regierung geht er streng ins Gericht, sondern auch mit diversen Medien, die aus den FPÖVP-Wahlslogans das Motto „Positiv, aber inhaltsleer“ übernommen hätten, und deren Überschriftler mittlerweile von der Des- zur Krawallinformation übergegangen wären. Seinem diesbezüglichen Lieblingsblatt, der „Bahnsteigsverschmutzungs- zeitung“, bescheinigt Resetarits quasi ein Panini-Album mit Pickerl für nur einen Spieler zu sein: Sebastian Kurz. Wie immer stark sind auch Resetarits‘ Alltagsbeobachtung, von der modernen Wegwerfwelt, die sich mittels Online-Nachschub am Laufen hält, bis zu jener wundersamen Werbung, in der die Erste Bank zur Befreierin des Proletariats wird, was nicht nur im Nachhinein die Bankenrettung durch Steuergelder rechtfertigt, sondern auch die Sozialdemokratie obsolet mache.

Das alles, resümiert Resetarits, könnte ihm, ist er doch weder Frau noch Flüchtling noch armutsgefährdet noch evangelisch, wurscht sein. Ist es aber nicht. Ergo legt er mit „Wurscht“ den Finger tief in die gesellschaftspolitische Wunde, formuliert trefflich, warum deren Verschorfung für manche ein ewig gestriger Heil!-Vorgang ist, und macht sich Sorgen um Sprach- wie seelische Verrohung. Wenn „Gutmensch“ schlechterdings ein Schimpfwort sei, sinniert er, muss der „Schlechtmensch“ doch als gut gelten. Kein Wunder, dass die Soziopathen das Geschehen beherrschen. Homo homini nicht mehr lupus, sondern lumpus! Unter den Zuschauern: Zustimmung und großer Applaus.

stadtsaal.com          www.knowme.at

  1. 4. 2019

Volksoper: Meine Schwester und ich

April 7, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Charme, Schuh und Millionen

Dolly, Prinzessin Saint-Labiche, hat ein Auge auf ihren Bibliothekar Dr. Roger Fleuriot geworfen: Lisa Habermann und Lukas Perman. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Gerade als man dachte, mehr geht nicht, ging’s erst richtig los. Mit Tempo, Temperament und Tollheit, nach der Pause im zweiten Akt, was daran liegen mag, dass nun die beiden Hits zu hören sind, „Ich lade Sie ein, Fräulein“ und „Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin“, definitiv aber mit Herbert Steinböck zu tun hat, der als glückloser Schuhhändler Filosel ein kabarettistisches Kabinettstück liefert. Und mit Johanna Arrouas, die als seine von einer Karriere als Revuegirl träumende Angestellte Irma wohl die beste Leistung des Abends bietet.

An der Volksoper hatte in der Regie von Direktor Robert Meyer Ralph Benatzkys „Meine Schwester und ich“ Premiere, beinah muss man sagen, eine Neuentdeckung, ist die musikalische Klipp-Klapp-Komödie doch nicht nur erstmals am Haus zu sehen, sondern liegt die letzte Wiener Inszenierung mehr als vier Jahrzehnte zurück. Zur Zeit der Uraufführung 1930 war das Werk ein Riesenerfolg, was es nun – siehe Schlussapplaus – auch an der Volksoper zu werden verspricht, mit dem der Komponist gleichsam das Genre der Kammeroperette erfand. Ein feines Spiel im intimen Rahmen, kleines Orchester, weder Chor noch Ballett – wobei Robert Meyer und Dirigent Guido Mancusi diese Vorgabe auf ganz wunderbare Weise verwässern.

Im Gerichtssaal fängt es an. Das angedachte Traumpaar Dolly, Prinzessin Saint-Labiche, und der Musikwissenschaftler Dr. Roger Fleuriot begehren die Scheidung. Doch der Richter will erst die Geschichte der beiden hören, bevor er ein Urteil spricht. Und so findet sich die Justiz rückversetzt in der Pariser Bibliothek der Prinzessin wieder, wo Roger beauftragt ist, den Bestand neu zu ordnen. Längst hat die millionenschwere Dolly ein Auge auf den mittellosen Akademiker geworfen, aber der scheut die Standesunterschiede und hält an seinen Vorstellungen von einer „schicklichen Ordnung“ fest. Als Roger nach Nancy abreist, um dort eine Professur an der Universität anzutreten, erfindet Dolly in Panik eine Schwester, der er ein Päckchen mitbringen soll.

Lukas Perman mit dem fabelhaften Jugendchor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Schuhhändler Filosel und Kunde Monsieur Camembert bemühen sich eifrig um Dolly: Herbert Steinböck, Lisa Habermann und Georg Wacks. Bild: © Jenni Koller/Volksoper Wien

Eine beim Vater in Ungnade gefallene, nunmehrige Schuhverkäuferin, die Dolly selbstverständlich bis aufs Haar gleicht. Als Roger auf die in Geneviève verwandelte Dolly trifft, verliebt er sich im Moment, muss er dem vermutet einfachen Mädel gegenüber doch keine Minderwertigkeitskomplexe haben. In Filosels Laden kommt aber auch, schäumend vor Eifersucht, Dollys ungarischer Verehrer Graf Lacy de Nagyfaludi an – wie praktisch vom Plot, dass Dolly ihn Irma zuführen kann, deren Feuer der Magyar sofort erliegt. Die Paare finden sich, Champagner und Geld fließen, doch ist längst nicht alles Gold, was glänzt – und so erscheint erneut das Gericht, um eine Entscheidung über Dollys und Rogers Ehe zu treffen …

Meyer hat ein Ensemble versammelt, das punkto Gesang, Schauspiel und Tanz kaum Wünsche offen lässt, das sich mit Verve ins verrückte Treiben wirft, und dabei niemals die Komödiantik Richtung Klamauk überdreht. Ausstatter Christof Cremer stellt erst einen eleganten Art-déco-Salon auf die Bühne, später ein pastelliges Schuhgeschäft, alles atmet 1930er-Jahre, auch die ebenfalls in der Farbskala Rosé bis Magenta gehaltenen Kostüme. In diesem Setting brillieren die Darsteller, die freilich den von Benatzky verlangten „Singschauspielern“ stimmlich meist weit überlegen sind. Hausgast Lukas Perman, derzeit auch am Raimund Theater in „I Am From Austria“ zu sehen, überzeugt mit seinem Charme und seinem angenehmen Kavaliertenor, interpretiert eine Walzermelodie wunderschön Wienerisch, und meistert mit Witz die Wandlung Rogers vom tollpatschigen Gelehrten zum liebestrunkenen Draufgänger.

Lisa Habermann ist eine bemerkenswert quirlige Dolly/Geneviève, die wiewohl ohne Standesdünkel, sehr wohl weiß, wie man unter Einsatz von Geld seinen Kopf durchsetzt. Julia Koci legt ihre Gesellschafterin Henriette als kokettes Geschöpf an. Guido Mancusi führt das Orchester von Slowfox über Tango bis Shimmy zur Hochform, Andrea Heil hat dafür schwungvolle Choreografien ausgearbeitet, doch Benatzky wäre nicht Benatzky, hätte er nicht mit Augenzwinkern die Kollegen der Zunft aufs Korn genommen. So finden sich in „Meine Schwester und ich“ nicht nur parodistisch-opernhafte Passagen wie Irmas „Aber Filosel …“, sondern wird auch die große Silberne Operette persifliert, vor allem die damals beliebte Ungarntümelei – in der Figur des Lacy-bácsi.

Schuhverkäuferin Irma schockiert Filosel mit ihren Revuegirl-Allüren: Herbert Steinböck und Johanna Arrouas. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Doch der heißblütige Graf Lacy de Nagyfaludi verfällt ihr sofort: Carsten Süss und Johanna Arrouas. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Carsten Süss gestaltet das heißblütige Blaublut großkariert und mit dezentem Akzent, und hat mit Lisa Habermann und „Um ein bisschen Liebe dreht sich das Leben“ und Johanna Arrouas und „Ach, wie süß ist die Liebe“ zwei der hervorragendsten Auftritte der Aufführung. Gemeinsam mit Herbert Steinböck als atemlos-schusseligem Filosel entzündet sich ein Feuerwerk an guter Laune. Alles an diesem Abend ist, um im Französischen zu bleiben, super sympathique. Nicolaus Hagg wird vom Gerichtspräsidenten zu Dollys treuem Faktotum Charly, Georg Wacks ist als Monsieur Camembert ein Kunde, den man ungern – nomen est omen – Fußbekleidung anprobieren lässt.

Bleibt, die vier Damen und vier Herren des Jugendchors zu erwähnen, um deren kleine Rollen als Beisitzer, Bedienstete, Revuetänzer das Benatzky-Personal aufgepeppt wurde, und deren Namen sträflicherweise nicht auf dem Programmzettel ausgewiesen sind. Wenn sich so der Nachwuchs des Hauses präsentiert, braucht man sich um die künstlerische Zukunft der Volksoper keine Sorgen zu machen. Bravo!

Leading Team und Darsteller im Gespräch; www.youtube.com/watch?v=F5_WXlFaruw  www.youtube.com/watch?v=DpToLeKwei8        www.volksoper.at

  1. 4. 2019

Volkstheater/Bezirke: Der Raub der Sabinerinnen

Februar 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Hymnus auf die Schmiere

Eleonora Striese lässt sich beim Regieführen verführen: Doris Weiner mit Katrin Grumeth und Günther Wiederschwinger. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Was Katharina Thalbach vor ein paar Jahren in Deutschland mit Verve gelang, nämlich Theaterdirektor Striese nebst Gattin darzustellen, mit dieser Kunst beeindruckt nun auch Doris Weiner bei der Bezirke-Tournee des Volkstheaters. Dass die Leiterin ebendieser in Lukas Holzhausens Inszenierung von „Der Raub der Sabinerinnen“ ein Stück weit auch sich selbst spielt, vergrößert den Spaß an der Persiflage nur noch – ein geplagter Prinzipal in Geldnöten.

Der um schauspielerische Bravourleistungen und mit schwindendem Publikum ringt, auf der Suche nach jenem Stoff, der endlich das Zeug zum Kassenschlager hat. Im 1885er-Schwank der österreichischen Dramatikerbrüder Franz und Paul von Schönthan glaubt der Wandertruppen-Intendant Emanuel Striese diesen im Werk des Kleinstadt-Professors Gollwitz gefunden zu haben, der seinerseits seine schriftstellerischen Ambitionen vor Frau und Familie zu verheimlichen sucht. Allein, die bildungsbürgerlichen Ansprüche der Schulmeistertragödie lassen sich mit der effekthascherischen Aufführungspraxis des Striese-Ensembles nicht vereinbaren. Doch während alles auf ein Desaster zuläuft, der Gollwitz-Clan aufs Heftigste zerstritten ist, hat Frau Striese die rettende Idee. Die, in der von Anja Herden überschriebenen Textfassung, Doris Weiner einen weiteren großartigen Auftritt sichert.

Nicht nur ist ihr als Emanuel der große Striese-Monolog im zweiten Akt gegönnt, dieser Hymnus auf die Schmiere – „Mein Herr, wissen Sie überhaupt, was eine Schmiere ist? Das ist ein Plätzchen, wo auf wenigen Quadratmetern mehr Hingebung verlangt und gegeben wird, als Sie es sich in ihrem bürgerlichen Hochmut vorstellen können!“ -, sondern als Eleonora in einer Art Zwischenspiel auch eine Probenszene, in der die Direktorengattin die Kollegen vergnüglich fest an die Kandare nimmt. Die zierliche Weiner mal mit geklebtem Bärtchen als künstlerisches Leichtgewicht, mal mit langem Haar als durchsetzungsfreudige, sexy Frau zu erleben, das hat schon was.

David Oberkogler als kulturaffine Haushälterin Rosa. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Doris Weiner als Theaterdirektor Emanuel Striese. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Die Idee der Doppelbesetzung jedenfalls scheint es Regisseur Holzhausen derart angetan zu haben, dass er sie gleich auf den Großteil seiner Schauspieler ausdehnte. Am besten weiß diese Gelegenheiten David Oberkogler zu nutzen, der als Gollwitz-Schwiegersohn Leopold ebenfalls seine Geheimnisse hat, vor allem aber mit seinem komödiantischen Kabinettstück als Haushälterin Rosa überzeugt – Gollwitz‘ theaterbesessene Co-Autorin, jedenfalls sieht sie sich selber so, die im Moment, als der Reinfall droht, zum österreichisch-opportunistischen Kulturwendehals wird. Witzig, wenn Oberkogler seine Verwandlung durch ein nicht runtergerolltes Hosenbein oder eine zu spät aufgesetzte Perücke durchblitzen lässt.

Karin Grumeth spielt Leopolds enervierende Frau Marianne sowie deren jüngere und mit dem Vater verbündete Schwester Paula, Günther Wiederschwinger Vater und Sohn Groß, erster ein ernsthafter Spediteur, zweiter verbotenerweise zum fahrenden Volk übergelaufen – und nun schwerst in Paula verliebt. Michael Abendroth brilliert als verpeilter Professor Gollwitz, dessen verknöpfte Weste schon vieles über den Charakter sagt, der als Idealist gegen Theaterpraktiker ankämpfen muss, und der aus Nervosität über seinen wahrscheinlichen Misserfolg mehr und mehr aus der Fasson gerät. Bettina Ernst wechselt als Ehefrau Friederike von der Kleingeistigen zur – in virtuos gespieltem angetrunkenem Zustand – alles Verzeihenden. Dass das Travestiespiel in hohem Tempo ablaufen kann, ermöglichen die Kostüme von Valentina Mercedes Obergantschnig und das fürs Klipp-Klapp bestens geeignete Holzschachtel-Bühnenbild von Sofia Korcinskaja.

Kampf der Geschlechter im Hause Gollwitz: David Oberkogler, Michael Abendroth, Katrin Grumeth und Bettina Ernst. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Und so gewährt Doris Weiner als sächselnder Striese einen höchst unterhaltsamen, satirischen Schlüssellockblick auf die Bretter, die ihr mit Sicherheit die Welt bedeuten, ja, man erlebt mit ihr, wie Bühnenzauber aus dem Fast-Nichts entsteht. „Der Raub der Sabinerinnen“ ist eine gelungene Produktion für das Volkstheater in den Bezirken, wo die wunderbare Weiner seit nun schon 14 Jahren Unterhaltung mit Haltung zeigt.

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  1. 2. 2019