Volkstheater online: Die rote Zora und ihre Bande

April 19, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bert Brecht stand Pate für die Heldischen Lausbuben

Die rote Zora und ihre Bande: Tobias Resch, Hanna Binder, Constanze Winkler, Lisa-Maria Sommersfeld und Luka Vlatković. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anna Badoras Volkstheater-Team verabschiedet sich #Corona-bedingt mit einem virtuellen Spielplan, den Highlights aus den vergangenen fünf Jahren (die Produktionen im Einzelnen: www.mottingers-meinung.at/?p=38809), und gestern war „Die rote Zora und ihre Bande“ aus dem Herbst 2018 dran – kostenlos zu streamen bis 20. April, 18 Uhr, auf www.volkstheater.at, dann wieder am 2. und 3. Mai. Inszeniert hat Robert Gerloff, der bereits in den Bezirken eine entfesselte „Stella“-

Version (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24810) geboten hatte, und nach Titelrolle I Schauspielerin Hanna Binder auch in Titelrolle II besetzte. Das Ergebnis ist eine rundum geglückte, beglückende Bühnenfassung mit Balkanmusik und Bert Brecht, denn definitiv standen das Volkstheater-Ideal wie auch Erwin Piscators Proletarisches Theater bei der Produktion Pate.

Zwischen dem Hotel Zagreb und der Pekara/Bäckerei wird nicht nur im p.c.-Selbstversuch „serbokroatisches“ Reisfleisch serviert, sondern eine ordentliche Portion politischer Ansagen – Kapitalismuskritik, Solidarität als zwischenmenschliches Grundprinzip, Widerstand gegen Korruptions- und Freunderlwirtschaft, ein Plädoyer für die gesellschaftliche Integration sozialer Außenseiter … all das hatte der in Schweizer Emigration lebende Autor Kurt Kläber schon in seinem 1941 unter dem Pseudonym Kurt Held veröffentlichten Jugendbuchklassiker angelegt.

Nun packt Gerloff ein paar mit Gelächter und Szenenapplaus aufgenommene Seitenhiebe auf Zwölfstundentag vs bedingungsloses Grundeinkommen drauf, führt die Witzchen aber dankenswerterweise auf einer popkulturellen Meta-Ebene fort, etwa, wenn die Heldischen Lausbuben ganz Gentlemen im Versteck ihre Fight-Club-Regeln deklamieren, so dass die Aufführung für Kinder und ewig solche Gebliebene ein Vergnügen ist. Ein Spaß – jedoch durchbrochen von Szenen großer Ernsthaftigkeit, in denen das Schicksal der Zora-Bande daran erinnert, dass es unweit von Senj auch anno 2020 unbegleitete Minderjährige gibt.

Hanna Binder und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Angriff der Gymnasiasten. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Vlatković, Binder und Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Geschichte, die erzählt wird, ist eine wahre, der deutsch-schweizerische Arbeiterdichter lernte auf einer Jugoslawienreise das Mädchen und ihre Mitstreiter kennen, und Hanna Binder spielt den Rotschopf als richtiges Rotzmensch, dessen – keineswegs nur für Heranwachsende gesunder – Aufruf zum zivilen Ungehorsam als lautes Indianergeheul übers kroatische Küstenstädtchen schallt. Constanze Winkler, Lisa-Maria Sommersfeld und Tobias Resch begleiten die pubertierende Partisanin als ihr „Uskoken“ Nicola, Pavle und Ðuro. Eine queer-feministische, linke Eingreiftruppe gegen den Neoliberalismus, wobei Ðuro unter den Getreuen der zwiespältige Charakter ist, ist ihm das eigene Überleben doch Kampf genug.

Weshalb die Aufnahme des eben erst verwaisten Fischdiebs-aus-Hunger Branko notgedrungen zu Konflikten in der Viererbande führt. Luka Vlatković, der dieser Tage eigentlich live in Imre Lichtenberger Bozokis „Horses“ im Werk X-Petersplatz auf der Bühne stehen sollte, gestaltet den Branko als erst arglosen Gerechtigkeitsträumer – bis ihn eine kalte, brutale Welt seine Gedanken zur Faust ballen lässt. Dort wo die Ärmsten von den Armen stehlen, entwickelt er eine Robin-Hood-Sicht auf die Dinge, so dass das Tischgebet der Zoraisten „Lieber Gott, danke für nichts“ immerhin in ein, wenn auch moll-tönendes „Wir stehen zusammen“ münden kann – die Musik dazu von Imre Lichtenberger Bozoki, Susanna Gartmayer und Vladimir Kostadinovic.

Fürs temperamentvoll dargebotene Treiben lässt Bühnenbildnerin Gabriela Neubauer diese im Handumdrehen die Räume wechseln, vom Senjer Hauptplatz zur Burgruine zu Gorians Fischerhütte, schreit auf zweiterer Turm ein Uhu, hält Binder die entsprechende Klebertube in die Höhe, aber die schönste Szene ist ein Thunfisch-Ballett zwischen Wellen und Meeresufer, mit dem der Fang die erfolgreichen Angler feiert. Mit hohem Tempo werden auch die Kostüme gewechselt, Ruck-zuck-Umzüge, da viele im Ensemble mehrere Rollen stemmen.

Claudia Sabitzer ist neben Marktstandlerin und Müllerin auch der Bäcker Čurčin, der die Bande mit altbackenem Brot versorgt, „der gute Mensch von Senj“ sozusagen, war die Sabitzer doch diese Saison schon der Brecht’sche aus Sezuan (Regie ebenfalls Robert Gerloff, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35243, das nächste Mal gestreamt am 30. April). Stefan Suske schlüpft ins Tevje-Outfit des alten Gorian, ein friedliebender Philosoph dessen, was schon überholt schien, doch sich am Leben erhält, weil der Augenblick seiner Verwirklichung versäumt ward – um an dieser Stelle Adorno zu bemühen, und als solcher ein Seelenverwandter des von Gábor Biedermann verkörperten Polizisten Begović.

Das Thunfisch-Ballett vor Gorians Fischerhütte. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Claudia Sabitzer und Gábor Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Günther Wiederschwinger und Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auch nächtens sucht ganz Senj die rote Zora und ihre Bande. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dieser oft genug Opfer des Zora-Slapsticks, da er von Ausbeuter Karaman – herrlich herrisch: Steffi Krautz mit Schnauzer und Wohlstandswampe – und dessen Bonze Bürgermeister – Günther Wiederschwinger mit Frack und Zylinder – zum Amtshandeln angehalten wird. Derart zwischen Pathos, Parodie und Parole geht’s im Ninjaschritt durchs Geschehen, gesungen werden der Geier-Song „Seid zur Freundschaft bereit“ aus dem Disney-Dschungel- buch und „Der schöne Sigismund“ aus dem „Weißen Rössl“, anklingen die Winnetou-Melodie und Ennio Morricones „The Good, the Bad and the Ugly“-Theme beim Trio-Auftritt Krautz, Biedermann, Wiederschwinger.

Die wahren Gegner Zoras in der faschistoiden Volksgemeinschaft sind aber die Gymnasiasten, mit denen man in Dauerfehde liegt, von Gerloff/Neubauer – wohl weil das bildungsferne Feindbild, wer viel lernt, hält sich für was Besseres, hier nicht zieht – als Burschenschafter in kornblumenblauer Wichs gekennzeichnet. Nach einem Marillendiebstahl des Korps beginnt die Zora-Bande einen Rachefeldzug gegen die Großkopferten und ihre Rich Kids, die Verwahrlosten ziehen gegen die Vermögenden, und als Gorian seine kleine Bucht an die von Karaman befehligte Fischfangindustrie abtreten soll, eskaliert die Situation. Mehrheitsgesellschaft, fuck you!

Der Song, der jetzt ertönt, „Das Meer erhebt sich, die Wellen steigen, mächtig wie die Bora ist die rote Zora“, Bora = ohne Vorwarnung plötzlich tobender Fallwind, klingt nun wirklich nach Brecht-Weill. „Könnt ihr selber denken?“, fragen die Uskoken denn auch Brecht’isch ins Publikum. Denn der Schluss kommt anders als im Roman, wo die Kinder nach Fürsprache Gorians von verschiedenen Kleinstädtern, Bauer, Bäcker, Fischer, auf- und in die Lehre genommen werden. Bei Gerloff gründet sich die Bande flugs neu – als Jungunternehmerkollektiv. „Keine Chefs, keine Befehle, keine Aktionäre“, frohlocken sie am Ende über ihr Selbstbestimmmungsrecht. Da hatte ihnen noch keiner gesagt, dass der Kunde beziehungsweise Auftraggeber um nichts weniger ein König ist.

Christine Nöstlingers feuerrote Friederike verläuft sich warum-auch-immer auf der Suche nach der Katze Kater nach Senj. Was insofern schade ist, da der Abend die Zuschauer bis dahin wahrlich intellektuell nicht unterfordert hatte, die Regie nun aber offenbar denkt, der dreißig Jahre älteren, weniger bekannten, eine hierzulande höchst berühmte Schwester in Frisur und Geiste zur Seite stellen zu müssen. Egal, weil: Jubel und Applaus. Und wenn sie nicht gestorben sind, start-upen sie noch heute …

www.volkstheater.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=3_K8sm11n-s&t=6s

  1. 4. 2020

Kammerspiele: Die Migrantigen

September 8, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kebap mit polit-scharf

Aus dem Schauspieler Benny und Start-up-Bobo Marko werden Omar Sharif und Tito: Luka Vlatković und Jakob Elsenwenger. Bild: Jan Frankl

Der Lieblingszweizeiler ereignet sich immer noch an Oktay Oncels Kebapbude, „Mit scharf?“ – „Nein, mit Lamm …“ Für die gestern in den Kammerspielen uraufgeführte Bühnenfassung des Erfolgsfilms „Die Migrantigen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25292) haben Regisseur Arman T. Riahi und seine beiden Hauptdarsteller Aleksandar Petrović und Faris Rahoma, die drei schon die Drehbuchautoren, den Spieß allerdings weitergedreht und mit einer Prise Politwitz gewürzt.

Die Welt rotierte in den zwei Jahren seit dem Kinostart bekanntlich nicht nur astronomisch nach rechts, und so kreisen die Sticheleien nun rund um Ibiza und doppelte Buchführung, „Zack, zack, zack“ Jobverlust für Journalisten – und Özaydin Akbaba, der dieselbe Figur auch im Film verkörperte, wettert als stolzer Marktstandler Oncel über den Mangel an gutem Personal, seit die Regierung Asylwerber mitten in der Lehre abschiebt.

Darüber regt er sich auf der Suche nach sozialen Hängemattlern beim AMS auf, wo die Handlung diesmal einsetzt. Mit der großartigen Susanna Wiegand als exjugoslawischer Putzfrau Romana. „Links, rechts, Mitte“ werde sie bis 29. September noch feudeln, verspricht sie, und ein Publikum, das Sarantos Georgios Zervoulakos‘ Inszenierung mit 90 Minuten Dauerlachen bedankt, schenkt ihr zustimmend den ersten Applaus. Riahi hat die Tour de Farce, auf die er seine Protagonisten Benny und Marko schickt, geschickt gestrafft und die Charaktere kompakter gemacht, ohne dass die genüsslich bedienten Klischees und Vorurteile, Schubladendenken und Stereotype Schaden nehmen, bevor er selbst sie in ihre Bestandteile zerlegt.

Zervoulakos‘ Regie steht der Vorlage in Tempo und Timing und auch Liebenswürdigkeit in nichts nach; Ausstatterin Ece Anisoglu hat dazu eine schnell wandelbare Sichtbeton-Optik erdacht, und Kostüme vom ordinär Feinsten. Im solcherart kenntlich gemachten Problemviertel tummelt sich wie gehabt ORG-〈gesprochen: oarg〉-Redakteurin Marlene Weizenhuber, wie im Film spielt sie Doris Schretzmayer, die dringend „jemand Authentisches“ für ihren angedachten TV-Dokutrash sucht, mit dem sie zwecks Quote ein möglichst katastrophales Bild des „Rudolfsgrund“ auf die Fernsehschirme werfen will. Ihr im Nacken sitzt nämlich der Sendungsverantwortliche Wolfgang Grün, Martin Niedermair als Nach-oben-buckeln-nach-unten-treten-Typ, der von ihr nicht weniger als eine Sensation erwartet, sonst – siehe „Zack“.

Der Sendungsverantwortliche Wolfgang Grün erwartet von Redakteurin Marlene Weizenhuber eine Sensation: Doris Schretzmayer und Martin Niedermair. Bild: Philine Hofmann

Beim AMS spricht aus Frau Weber „das goldene Wienerherz“: Martina Spitzer mit Doris Schretzmayer und Tamim Fattal als Kameramann Andrea. Bild: Philine Hofmann

Als Benny und Marko laufen ihr in den Kammerspielen Luka Vlatković und Jakob Elsenwenger in die Arme, ersterer immer noch bei Mutti wohnender Schauspieler, der es satt hat, auf Ausländerrollen festgelegt zu werden, zweiterer gerade mit einem Energydrink pleitegegangener Startup-Bobo, dessen schwangere Freundin Sophie, Gioia Osthoff, nichtsahnend um tausende Euro Babyartikel shoppt. Die Bedingungen des Nullbegriffs „Migrationshintergrund“ erfüllen sie mit ägyptischen beziehungsweise serbischen Wurzeln jedoch beide.

Und so wittert der eine Ruhm, der andere hofft auf Geld, als sie das Angebot der Weizenhuber annehmen, die Stars ihrer Serie zu werden. Auf absurd-aberwitzige Art zeigt Riahi nun, wie allzu leicht man Meinung macht, vor allem, wenn es die ist, an die ohnedies geglaubt werden will. Die Fehlerhaftigkeit dieses Ansatzes wird mit allen Mitteln der Satire durchdekliniert, das textende Trio verschont auch am Theater niemanden. Weder die Zuwanderer, die in ihrer mitgebrachten Mentalität steckenbleiben, noch die Einheimischen, die nicht über den Tellerrand hinaus sehen wollen. Und schon gar nicht die Medien, die sich auf der Suche nach Berichtenswertem aus sozialen Brennpunkten, nach dem Culture-Clash, wie die Trüffelschweine durch Blut und Boden wühlen.

Dass die beflissene „Weizi“ ob der neu angenommenen Namen der frisch erfundenen Kleinkriminellen „Omar Sharif“ und „Tito“ nicht stutzt, kommentiert die übliche Scheuklappensicht aufs vermeintlich Fremde. Dass die Bühnenfassung der „Migrantigen“ sich im Gegensatz zum Film keine Zeit nimmt, etwas über Bennys und Markos Zivilleben zwischen Castings und Geschäftsterminen zu erzählen, um so das von ihnen angenommene Anderssein als nicht gegeben zu entlarven, ist denn auch die einzige Schwachstelle der Aufführung. Schließlich haben Benny und Marko keine Ahnung, wie Gangsta geht, es gilt unter den „Brüdern“ im Ghetto zu recherchieren, und so engagieren sie den „echten“ Ganoven Juwel, um es ihnen beizubringen.

Der selbsternannte King im Grätzel ist eigentlich Oncels Gemüselieferant, aber Attitude und Machogehabe stimmen, Wilhelm Iben spielt das mit ausladender „Oida, wos geht?“-Geste, während er Vlatković mit glitzerndem Prolohemd und Elsenwenger mit Trainingsanzug einkleidet. Doch da er sich über die Möchtegerns, die sich in sein Revier vorwagten, ärgert, tischt er ihnen jeden nur erdenklichen Schwachsinn über Drogen-Sex-Geldwäschedeals und illegale Boxkämpfe im Wettbüro auf, der in Juwels Wortlaut an die Weizi weitergegeben wird, die von Flunkerei zu Flunkerei karrieretechnisch mehr aufblüht.

Benny „betreut“ Markos Sliwowitz-seligen Papa Herrn Bilic: Ljubiša Lupo Grujčić und Luka Vlatković. Bild: Philine Hofmann

Juwel zeigt den „Migrantigen“ wie Ausländer wirklich sind: Wilhelm Iben mit Jakob Elsenwenger und Luka Vlatković. Bild: Philine Hofmann

Die Stimme des Volkes, im Film spricht in einer sehr schönen Szene Prekariatsösterreich in die Kamera, wird auf der Bühne Martina Spitzer überantwortet. Als ehemalige Standlerin Frau Weber, die ihren in Konkurs gegangen Betrieb an Oktay Oncel abtreten musste, geht ihr erst im AMS „das goldene Wienerherz“ über, wenn sie über ein Leben ohne Leberkäs lamentiert, weil den verkaufen „die“ ja nicht und darüber will sie das von Weizi versprochene Millionenpublikum dringend informieren, bevor sie als nunmehrige Mitarbeiterin des Marktamts ihrem Erzfeind Oncel auf den Leib rückt.

Die Spitzer macht das sehr spaßig, naserümpfend-borniert, wie sie ihr verdächtige Lebensmittelproben in Plastiksackerln tütet und die Buchhaltung nach illegalen Einnahmen durchforstet. Alldieweil tanzen Vlatković und Elsenwenger urkomisch ihren verzweifelten Tanz auf Messers Schneide, um mit ihrem Schwindel nicht aufzufliegen. Was ihnen bei Sophie natürlich nicht gelingt, weshalb Gioia Osthoff einen Glanzauftritt als zu Hilfe eilende „Ostblocknutte Olga“ hat, der es immerhin gelingt, mit dem grauslichen Energydrink und werbewirksamem Twerking-Popo vor Tamim Fattals Kamera zu posieren.

Herzstück des Abends ist Ljubiša Lupo Grujčić als Markos Vater Herr Bilic, ein vom Sliwo-Witz angeregter Philosoph im Rollstuhl, ein unbeirrbarer Verehrer seines Marschalls, einer, der seinem Sohn unentwegt und ungebeten ununterbrochen Weisheiten mit auf den Weg gibt. Grujčić gehört auch der Highlight-Moment des Abends, sein Kabinettstück, als es der Weizi gelingt, in seine Wohnung vorzudringen, und er sich im elegant-dunklem Anzug als grimmig-gefährlicher Consigliere über dem Geschehen erhebt, um zu verhindern, dass Bennys und Markos übertriebenes Gehabe auf seinem Rudolfsgrund ernsthaft Unheil anrichten …

Und so bleiben „Die Migrantigen“ jene herrlich hundsgemeine Chaos-Komödie wie gehabt, die sich scharfsinnig und mutig mit Identitätsangelegenheiten befasst, darunter der, ob Herkunft und Nationalität zum bestimmenden Charakteristikum eines Menschen zu erklären sind. Riahis Stoff, so das Premiere-Fazit, ist in jeder Spielart von einer wilden Wahrhaftigkeit. Mit Vlatković, Elsenwenger, Schretzmayer, Grujčić und den anderen spielt eine tolle Truppe. Von der inklusive Regisseur Sarantos Georgios Zervoulakos etliche wissen, wie es ist, mit Erschlagworten wie Vaterland und Muttersprache konfrontiert zu werden. Herr Bilic bringt die Antworten auf diese Fragen auf den Punkt: „Weißt du was diese Stadt wäre, wenn sie keine Menschen wie uns hätte? Was dieser Bezirk ohne uns wäre? Diese Stadt würde nicht funktionieren. Keine Stadt der Welt würde funktionieren.“

www.josefstadt.org

  1. 9. 2019

Volkstheater: Rojava

März 1, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Wille steht fürs Auftragswerk

Muss er schießen, fällt Michael in Ohnmacht: Mona Matbou Riahi, Isabella Knöll, Rina Kaçinari, Peter Fasching, Golnar Shahyar und Maria Petrova. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein politisches Manifest macht nicht unbedingt den besten Theaterabend; wie immer ehrlich und ehrenwert die Angelegenheit auch gemeint sein mag, sie kann durchaus ins Auge gehen. So geschehen nun am Volkstheater bei der Uraufführung von „Rojava“, einem, man muss es tatsächlich sagen, nur mittelmäßigen Text von Autor Ibrahim Amir, zu dem Regisseur Sandy Lopičić offenbar keinen rechten Zugang gefunden hat.

Wiewohl das von Volkstheater-Direktorin Anna Badora beauftragte Stück auf eine schwarze Märchenpädagogik setzt, ist das Märchenhafteste am Ganzen die Musik, die Lopičić gemeinsam mit Golnar Shahyar und Imre Lichtenberger Bozoki erdacht hat, und nun von einem Mini-Orkestar live performen lässt. Die Damen Golnar Shahyar, Rina Kaçinari, Mona Matbou Riahi und Maria Petrova (selbstverständlich auch Imre Lichtenberger Bozoki) sind denn auch Teil seiner Inszenierung, als Soldatinnen jener Frauenverteidigungseinheiten, die entscheidend zum Gelingen der gesellschaftlichen Revolution in Rojava beitragen wollen. Heißt: in der Demokratischen Föderation Nordsyrien, einem de facto autonomen Gebiet entlang der türkischen Grenze.

Bewohnt von Kurden, Turkmenen, Arabern und Assyrern-Aramäern, die sich die Gleichberechtigung von Frauen, Religionsfreiheit und das Verbot der Todesstrafe auf die Fahnen geheftet, mit ihrem Verständnis von Menschenrechten laut Human Rights Watch allerdings noch zu kämpfen haben. Dass die Türkei die Existenz Rojavas ablehnt und im Jänner 2018 den Kanton Afrin militärisch eroberte, hat die Situation extrem verschlimmert; sollten sich die USA realiter aus Syrien zurückziehen, wird sie in dieser Politutopie, eingekeilt zwischen Erdoğan-Land, IS und Assad-Regime, noch prekärer werden. Amirs Eltern, er selber seit 2002 in Österreich, leben nach wie vor in Afrin. Im Programmheft-Interview spricht er über die antikurdischen Maßnahmen der Besatzungsmacht Türkei, die Sorge um Vater und Mutter und sein persönliches Dilemma nicht vor Ort aktiv zu sein. Soweit der selbsttherapeutische Background.

In Wien – Michaels Mutter Ursula stellt Flüchtling Alan zur Rede: Luka Vlatković und Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

In Rojava – Der blinde Kaua zeigt, wie die Kurden im Glück und im Unglück tanzen: Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Geschichte, die Amir in seinem Stück erzählt, ist die zweier Männer. Der Wiener Michael, und nicht zufällig wurde wohl der Name des Satanbezwingers gewählt, bricht auf nach Rojava, um sich der Befreiungsbewegung anzuschließen. Kaum angekommen, lernt er den Kurden Alan kennen, der nichts als weg will aus dem Krieg. Schon steht der europäische Idealist gegen den illusionsbefreiten Einheimischen, den keine Ideologie mehr halten kann. Alan gelingt es, Michael dessen Reisepass abzuschwatzen – und so macht sich der auf nach Wien.

Im stimmigen Setting von Ausstatterin Vibeke Andersen, durchs Drehen der Bühne zugleich Kriegsschauplatz, Märtyrergedenkstätte und Wiener Wohnung, und unter Verwendung der eindrücklichen Comicbilder von Zerocalcare aus dessen Graphic Novel „Kobane Calling“, versucht Lopičić sein Wiener Regiedebüt zu stemmen. Allein, Amirs Vorlage leidet nicht nur an einem beinahe lachhaften Pathos, ausgerechnet er, der sonst seine Stücke so gekonnt mit bitterbösem Witz durchsetzt, hat diesmal ganz aufs Scharfzüngige verzichtet, sondern auch an mangelnder Charakterzeichnung. Fast sämtliche Figuren sind ihm flach geraten, kaum ein Beweggrund noch eine Begegnung wird näher beleuchtet, doch scheint das Thema zu wichtig, um nur, wie’s hier geschieht, im schnellen Szenenwechsel hurtig drüberzufahren. Amir will viel. Will über Missverständnisse und Mentalitäten philosophieren, über die seelischen Konflikte der aus dem Krieg Weg- und der nie Hingegangenen, will darüber berichten, wie Sympathien in falschen Vorstellungen fußen, will mitten in der Schlacht über die Liebe, eine davon sogar eine lesbische, sinnieren – und darüber, wofür es sich zu sterben lohnt.

In Summe erinnert das alles ein wenig an „Wem die Stunde schlägt“, nicht der spröd-elegante Hemingway, sondern die sentimentalisierte Version von Melodram-Mann Sam Wood. Die Darsteller mühen sich an ihren Rollen mit unterschiedlicher Fortune. Am nachvollziehbarsten gestaltet Sebastian Pass Alans Cousin, den blinden Kaua, ein geistreicher Zyniker, der es sich zum Sport gemacht hat, die diversen abgefeuerten Schusswaffen an ihrem Sound zu erkennen. Peter Fasching spielt den Revolutionsromantiker Michael, der sich an der Front als völlig untauglich erweist, fällt er doch schon bei den Schießübungen in Ohnmacht. Dass er im Tarnüberzug auf dem Rücken statt eines Maschinengewehrs seine Gitarre trägt, ist ein gelungener Einfall dazu.

Michael zwischen zwei Frauen: Peter Fasching mit Golnar Shahyar als Wienerin Derya … Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

… und mit Freiheitskämpferin Hevin: Isabella Knöll und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Luka Vlatković bleibt als Alan blass, was daran liegen mag, dass er kaum zu Wort kommt, dafür ständig von den anderen abgekanzelt wird. Erst in Rojava von Michael, der ihm bescheinigt, in Europa als Dritter-Klasse-Mensch behandelt zu werden, dies die stärkste Szene im Stück, später von Michaels Mutter, Claudia Sabitzer als Ursula (und auch als militärische Befehlshaberin Fidan), die ihm Feigheit vor dem Feind vorwirft, während ihr Sohn womöglich gerade sein Leben für Alans Sache opfert. Dessen Argument, es sei seine Sache nicht, im Kugelhagel zu krepieren, folgt sie natürlich nicht …

Isabella Kröll sucht als martialische Kommandantin Hevin das Mädchen in sich, das sich Michael hingeben könnte, muss ihn aber zurückstoßen, um den Schutz der emanzipatorischen Truppe nicht zu verlieren. Dass Märchen nicht gut ausgehen müssen, erlebt nach zwei Stunden zwanzig nur ein Teil des ursprünglichen Publikums, haben doch in der Pause nicht wenige Zuschauer den Heimweg angetreten. Was die Frage aufwirft, wie sehr Amirs „Rojava“ in Zeiten, da Europa ganz gegenteilig die Rückkehr abgehalfterter IS-Kämpferinnen und -Kämpfer hiesiger Staatsbürgerschaften ablehnend diskutiert,

und sich in Österreich im Fall Samra und Sabina offenbar gerade Außenamt gegen Innenministerium stellt, einen Nerv treffen kann. Soll als letzter Satz über Amirs Stückkonstruktion hier wie folgt stehen: Der gute Wille steht fürs Auftragswerk.

www.volkstheater.at

1. 3. 2019

Alte Bibliothek – wortwiege wien: Chikago

Oktober 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf Burgenland-Flucht in ein besseres Leben

Luka Vlatkovic, Nina C. Gabriel und Anna Maria Krassnigg. Bild: Christian Mair

Die wortwiege ist vom Thalhof ins Winterdomizil Wien übersiedelt, und zeigt hier drei beachtenswerte Produktionen. Den Auftakt macht, als erste Uraufführung der neuen Serie „Szene Österreich“, der vielbeachtete, im Picus Verlag erschienene Roman „Chikago“ von Theodora Bauer in szenischer Fassung. Aufführungsort ist die Alte Bibliothek. Ein wahrhaft intimer Rahmen, dieser holzgetäfelte Raum.

Ein Bücherkabinett mit Galerie, darin eine lange Tafel, darauf Brot und alte Fotoalben und Schnaps, Äpfel und Affenhandpuppen. Ein Hackbrett, dem Schauspieler Luka Vlatkovic Sphärenklänge entlocken wird. Einmal mehr ist es wortwiege-Leiterin und Regisseurin Anna Maria Krassnigg gelungen, eine Spielstätte zu finden, die eine einzigartige Atmosphäre atmet. Gemeinsam mit Luka Vlatkovic und Nina C. Gabriel gestaltet Krassnigg die Bauer’schen Figuren, die Darsteller sind auch Erzähler, berichten von sich und über einander, aus den Perspektiven aller Protagonisten, und die sind nicht immer deckungsgleich.

„Chikago“ beginnt im Burgenland des Jahres 1921. Dort, an der noch jungen österreichisch-ungarischen Grenze, gibt es wenig außer Aufruhr und Armut, die große Hoffnung heißt „ins Amerika gehen“. Das will auch Feri, und die von ihm schwangere Katica natürlich mitnehmen, doch dann macht der Tod eines Gendarmen die Auswanderung zur Flucht, die nur durch Katicas „Zigeuner“-Halbschwester Anas beherztes Handeln überhaupt gelingt. Drüben angekommen, erfährt das Trio, dass im Land der unbegrenzten die Möglichkeiten doch sehr beschränkt sind. Katica stirbt bei der Geburt des Kindes, Feri wird zum Trinker, Ana muss den Säugling Josip alleine aufziehen …

Luka Vlatkovic. Bild: Christian Mair

Nina C. Gabriel und Anna Maria Krassnigg. Bild: Christian Mair

Mit kleinsten Gesten, gezielten Seitenblicken, illustrieren Gabriel als seelisch starke Ana, Krassnigg als kindlich gebliebene Katica und Vlatkovic als sanftmütiger Zögerling Feri den Text. Theodora Bauer hat für ihr Buch eine Sprache von brutaler Poesie erschaffen, „Wortbluten“ steht an einer Stelle, das Idiom der Zeit angepasst und sehr österreichisch, und die wortwiege-Besetzung versteht dies perfekt umzusetzen. Wiewohl die Schauspieler kaum jemals die Texthefte aus der Hand legen, ist Krassniggs szenische Skizze theatraler als so manche Norminszenierung.

Gemeinsam gelingt es ihnen, Bauers packendes Sittenbild zum Statement zur aktuellen Lage im Land zu machen. Denn dies gilt es zu bedenken, dass es Epochen gab, in denen auch Europäer auf der Suche nach einem besseren Leben in die weite Welt zogen. Aus dem Burgenland in die USA waren es etwa 100.000. Die Migrantenschicksale in „Chikago“ entlarven jegliche einseitige Sichtweise auf „Wirtschaftsflüchtlinge“ als unmenschlich und dumm, ebenso jedoch wird der American Way of Life als Mythos enttarnt.

Gegenwärtiger, auch aufschlussreicher, kann ein Kommentar zur Zeit kaum sein. Dabei braucht Bauer, und mit ihr Krassnigg, für ihre Auswanderergeschichte keinen erhobenen Zeigefinger. Mit sparsamen Mitteln, einem getauschten Gilet, einer Schiebermütze, einem anderen Schultertuch, Kostümbild: Antoaneta Stereva, wechseln die Schauspieler in neue Charaktere. Aus Josip wird Vlatkovics erwachsener Joe, aus Ana „Aunt Annie“, die sich bei den jüdischen Whites als Haushälterin verdingt. 1937 ist es geworden, beim historischen Streik bei Republic Steel rückt die Nationalgarde an und beendet diesen mit Gewalt. Und wieder gibt es ein Unglück, und Josip und Ana müssen zurück ins Burgenland. Von Chicago nach Chikago. Und damit in den aufkeimenden Nationalsozialismus. Für Josip verführerisch, für Ana als „Zigeunerin“ und „Judenfreundin“ hingegen …

Luka Vlatkovic, Anna Maria Krassnigg und Nina C. Gabriel. Bild: Christian Mair

Chikago heißt bis heute ein Ortsteil von Kittsee, vermutlich so genannt, weil ab 1910 wegen der Wohnungsnot der Bevölkerung hier in kurzer Zeit gerade, „amerikanisch“ anmutende Gassen angelegt und entlang dieser Häuserblocks hochgezogen wurden. Der damals aus den USA heimkehrende Kittseer Josef Zambach soll gesagt haben, man baue die ja so schnell „wie in Chicago“.

„Chikago“, Theodora Bauers eindrücklicher Erzähltext, laut der wortwiege im Sinne eines kritischen, literarischen Volkstheaters zu verstehen, überzeugt auch in seiner szenischen Umsetzung. Regisseurin Anna Maria Krassnigg zeigt, wie viel mit nicht allzu viel geht, als Schauspielerin ist sie, wie auch Nina C. Gabriel und Luka Vlatkovic, einfach fantastisch. Alles in allem – ein Abend, den man gesehen haben muss.

www.thalhof-wortwiege.at

  1. 10. 2018

Bronski & Grünberg: Kabale & Liebe

April 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Friedrich Schiller in neuen Rollenbildern

Bild: © Philine Hofmann

Nach seinem überragenden Vorjahrs-„Philoktet“ am Volx/Margareten inszenierte Calle Fuhr nun im Bronski & Grünberg Theater Friedrich Schillers „Kabale & Liebe“.  Und die kleine, feine Bühne, die sich immer mehr zum Wiener Must See mausert, kann auch mit dieser Produktion ihre Erfolgsgeschichte beim Publikum fortschreiben. Fuhr versammelt eine Handvoll hervorragender junger Schauspieler um sich: Johannes Nussbaum, bekannt aus den ORF-„Vorstadtweibern“, „Chucks“-Entdeckung Anna Posch, Luka Vlatkovic, Nanette Waidmann und Laura Laufenberg. Ihnen zur Seite steht Patrick Seletzky als Präsident von Walter.

Mit seinem sehr klaren ästhetischen Konzept setzt Fuhr ganz auf die Wirkmacht des Wortes – und auf die seines Ensembles. Er hat Schiller ins Heute weitergedacht, ein paar Änderungen vorgenommen, so ist Vater Miller, dargestellt von Nanette Waidmann, nun eine liebevoll-emanzipierte Mutter, und immer wieder schleichen die Figuren durch die finsteren (Gedanken-)Gänge der Handlung, die ihnen nur eine Lichtschnur erhellt. „Bösewicht“ gibt es dennoch keinen.

Fuhr arbeitet stattdessen fein differenziert die Zwänge und Nöte von Menschen heraus, die sich ins Umfeld von Staatsgewalt begeben haben, und dort nun ums Überleben, zumindest aber ums eigene Fortkommen kämpfen müssen. So ist Luka Vlatkovic als Sekretare Wurm kein sinistrer Unmensch, sondern ein von Liebe und anderen Dämonen in die Intrige Getriebener, einer davon der Präsident, der ihn deutlich als Werkzeug für seine Machenschaften verwendet. Der Lady Milford darf Anna Posch den großen „Wohltäterin des Volkes“-Monolog angedeihen lassen, auch sie eine Art Gefangene des Hofes, an dem sie um die Reste ihres Rufes rittert. Intensiv ist dieses Spiel, und dass nicht jeder Schillersatz sitzt und sticht, mitunter Emotionen in hysterische Schreierei münden, dann wieder manches wie aufgesagt klingt, wird durch Momente großer Wahrhaftigkeit mehr als wett gemacht.

Für diese sorgt neben Vlatkovic allen voran Johannes Nussbaum als Ferdinand, dessen Verstörtheit ob der Umstände berührt, der Vater-Sohn-Konflikt noch mehr als sonst betont durch die herzliche Beziehung Luises – Laura Laufenberg – zur Mutter Miller. Dass Fuhr dabei niemals moralisch wertet, sondern die Zuschauer behutsam durch ein ambivalentes Figurentableau navigiert, dass er Friedrich Schiller darob mit neuen Rollenbildern versieht, macht den Abend zu einem besonderen. Diese „Kabale & Liebe“ kann wärmstens empfohlen werden.

www.bronski-gruenberg.at/

  1. 4. 2018