Kammerspiele: Die Migrantigen

September 8, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kebap mit polit-scharf

Aus dem Schauspieler Benny und Start-up-Bobo Marko werden Omar Sharif und Tito: Luka Vlatković und Jakob Elsenwenger. Bild: Jan Frankl

Der Lieblingszweizeiler ereignet sich immer noch an Oktay Oncels Kebapbude, „Mit scharf?“ – „Nein, mit Lamm …“ Für die gestern in den Kammerspielen uraufgeführte Bühnenfassung des Erfolgsfilms „Die Migrantigen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25292) haben Regisseur Arman T. Riahi und seine beiden Hauptdarsteller Aleksandar Petrović und Faris Rahoma, die drei schon die Drehbuchautoren, den Spieß allerdings weitergedreht und mit einer Prise Politwitz gewürzt.

Die Welt rotierte in den zwei Jahren seit dem Kinostart bekanntlich nicht nur astronomisch nach rechts, und so kreisen die Sticheleien nun rund um Ibiza und doppelte Buchführung, „Zack, zack, zack“ Jobverlust für Journalisten – und Özaydin Akbaba, der dieselbe Figur auch im Film verkörperte, wettert als stolzer Marktstandler Oncel über den Mangel an gutem Personal, seit die Regierung Asylwerber mitten in der Lehre abschiebt.

Darüber regt er sich auf der Suche nach sozialen Hängemattlern beim AMS auf, wo die Handlung diesmal einsetzt. Mit der großartigen Susanna Wiegand als exjugoslawischer Putzfrau Romana. „Links, rechts, Mitte“ werde sie bis 29. September noch feudeln, verspricht sie, und ein Publikum, das Sarantos Georgios Zervoulakos‘ Inszenierung mit 90 Minuten Dauerlachen bedankt, schenkt ihr zustimmend den ersten Applaus. Riahi hat die Tour de Farce, auf die er seine Protagonisten Benny und Marko schickt, geschickt gestrafft und die Charaktere kompakter gemacht, ohne dass die genüsslich bedienten Klischees und Vorurteile, Schubladendenken und Stereotype Schaden nehmen, bevor er selbst sie in ihre Bestandteile zerlegt.

Zervoulakos‘ Regie steht der Vorlage in Tempo und Timing und auch Liebenswürdigkeit in nichts nach; Ausstatterin Ece Anisoglu hat dazu eine schnell wandelbare Sichtbeton-Optik erdacht, und Kostüme vom ordinär Feinsten. Im solcherart kenntlich gemachten Problemviertel tummelt sich wie gehabt ORG-〈gesprochen: oarg〉-Redakteurin Marlene Weizenhuber, wie im Film spielt sie Doris Schretzmayer, die dringend „jemand Authentisches“ für ihren angedachten TV-Dokutrash sucht, mit dem sie zwecks Quote ein möglichst katastrophales Bild des „Rudolfsgrund“ auf die Fernsehschirme werfen will. Ihr im Nacken sitzt nämlich der Sendungsverantwortliche Wolfgang Grün, Martin Niedermair als Nach-oben-buckeln-nach-unten-treten-Typ, der von ihr nicht weniger als eine Sensation erwartet, sonst – siehe „Zack“.

Der Sendungsverantwortliche Wolfgang Grün erwartet von Redakteurin Marlene Weizenhuber eine Sensation: Doris Schretzmayer und Martin Niedermair. Bild: Philine Hofmann

Beim AMS spricht aus Frau Weber „das goldene Wienerherz“: Martina Spitzer mit Doris Schretzmayer und Tamim Fattal als Kameramann Andrea. Bild: Philine Hofmann

Als Benny und Marko laufen ihr in den Kammerspielen Luka Vlatković und Jakob Elsenwenger in die Arme, ersterer immer noch bei Mutti wohnender Schauspieler, der es satt hat, auf Ausländerrollen festgelegt zu werden, zweiterer gerade mit einem Energydrink pleitegegangener Startup-Bobo, dessen schwangere Freundin Sophie, Gioia Osthoff, nichtsahnend um tausende Euro Babyartikel shoppt. Die Bedingungen des Nullbegriffs „Migrationshintergrund“ erfüllen sie mit ägyptischen beziehungsweise serbischen Wurzeln jedoch beide.

Und so wittert der eine Ruhm, der andere hofft auf Geld, als sie das Angebot der Weizenhuber annehmen, die Stars ihrer Serie zu werden. Auf absurd-aberwitzige Art zeigt Riahi nun, wie allzu leicht man Meinung macht, vor allem, wenn es die ist, an die ohnedies geglaubt werden will. Die Fehlerhaftigkeit dieses Ansatzes wird mit allen Mitteln der Satire durchdekliniert, das textende Trio verschont auch am Theater niemanden. Weder die Zuwanderer, die in ihrer mitgebrachten Mentalität steckenbleiben, noch die Einheimischen, die nicht über den Tellerrand hinaus sehen wollen. Und schon gar nicht die Medien, die sich auf der Suche nach Berichtenswertem aus sozialen Brennpunkten, nach dem Culture-Clash, wie die Trüffelschweine durch Blut und Boden wühlen.

Dass die beflissene „Weizi“ ob der neu angenommenen Namen der frisch erfundenen Kleinkriminellen „Omar Sharif“ und „Tito“ nicht stutzt, kommentiert die übliche Scheuklappensicht aufs vermeintlich Fremde. Dass die Bühnenfassung der „Migrantigen“ sich im Gegensatz zum Film keine Zeit nimmt, etwas über Bennys und Markos Zivilleben zwischen Castings und Geschäftsterminen zu erzählen, um so das von ihnen angenommene Anderssein als nicht gegeben zu entlarven, ist denn auch die einzige Schwachstelle der Aufführung. Schließlich haben Benny und Marko keine Ahnung, wie Gangsta geht, es gilt unter den „Brüdern“ im Ghetto zu recherchieren, und so engagieren sie den „echten“ Ganoven Juwel, um es ihnen beizubringen.

Der selbsternannte King im Grätzel ist eigentlich Oncels Gemüselieferant, aber Attitude und Machogehabe stimmen, Wilhelm Iben spielt das mit ausladender „Oida, wos geht?“-Geste, während er Vlatković mit glitzerndem Prolohemd und Elsenwenger mit Trainingsanzug einkleidet. Doch da er sich über die Möchtegerns, die sich in sein Revier vorwagten, ärgert, tischt er ihnen jeden nur erdenklichen Schwachsinn über Drogen-Sex-Geldwäschedeals und illegale Boxkämpfe im Wettbüro auf, der in Juwels Wortlaut an die Weizi weitergegeben wird, die von Flunkerei zu Flunkerei karrieretechnisch mehr aufblüht.

Benny „betreut“ Markos Sliwowitz-seligen Papa Herrn Bilic: Ljubiša Lupo Grujčić und Luka Vlatković. Bild: Philine Hofmann

Juwel zeigt den „Migrantigen“ wie Ausländer wirklich sind: Wilhelm Iben mit Jakob Elsenwenger und Luka Vlatković. Bild: Philine Hofmann

Die Stimme des Volkes, im Film spricht in einer sehr schönen Szene Prekariatsösterreich in die Kamera, wird auf der Bühne Martina Spitzer überantwortet. Als ehemalige Standlerin Frau Weber, die ihren in Konkurs gegangen Betrieb an Oktay Oncel abtreten musste, geht ihr erst im AMS „das goldene Wienerherz“ über, wenn sie über ein Leben ohne Leberkäs lamentiert, weil den verkaufen „die“ ja nicht und darüber will sie das von Weizi versprochene Millionenpublikum dringend informieren, bevor sie als nunmehrige Mitarbeiterin des Marktamts ihrem Erzfeind Oncel auf den Leib rückt.

Die Spitzer macht das sehr spaßig, naserümpfend-borniert, wie sie ihr verdächtige Lebensmittelproben in Plastiksackerln tütet und die Buchhaltung nach illegalen Einnahmen durchforstet. Alldieweil tanzen Vlatković und Elsenwenger urkomisch ihren verzweifelten Tanz auf Messers Schneide, um mit ihrem Schwindel nicht aufzufliegen. Was ihnen bei Sophie natürlich nicht gelingt, weshalb Gioia Osthoff einen Glanzauftritt als zu Hilfe eilende „Ostblocknutte Olga“ hat, der es immerhin gelingt, mit dem grauslichen Energydrink und werbewirksamem Twerking-Popo vor Tamim Fattals Kamera zu posieren.

Herzstück des Abends ist Ljubiša Lupo Grujčić als Markos Vater Herr Bilic, ein vom Sliwo-Witz angeregter Philosoph im Rollstuhl, ein unbeirrbarer Verehrer seines Marschalls, einer, der seinem Sohn unentwegt und ungebeten ununterbrochen Weisheiten mit auf den Weg gibt. Grujčić gehört auch der Highlight-Moment des Abends, sein Kabinettstück, als es der Weizi gelingt, in seine Wohnung vorzudringen, und er sich im elegant-dunklem Anzug als grimmig-gefährlicher Consigliere über dem Geschehen erhebt, um zu verhindern, dass Bennys und Markos übertriebenes Gehabe auf seinem Rudolfsgrund ernsthaft Unheil anrichten …

Und so bleiben „Die Migrantigen“ jene herrlich hundsgemeine Chaos-Komödie wie gehabt, die sich scharfsinnig und mutig mit Identitätsangelegenheiten befasst, darunter der, ob Herkunft und Nationalität zum bestimmenden Charakteristikum eines Menschen zu erklären sind. Riahis Stoff, so das Premiere-Fazit, ist in jeder Spielart von einer wilden Wahrhaftigkeit. Mit Vlatković, Elsenwenger, Schretzmayer, Grujčić und den anderen spielt eine tolle Truppe. Von der inklusive Regisseur Sarantos Georgios Zervoulakos etliche wissen, wie es ist, mit Erschlagworten wie Vaterland und Muttersprache konfrontiert zu werden. Herr Bilic bringt die Antworten auf diese Fragen auf den Punkt: „Weißt du was diese Stadt wäre, wenn sie keine Menschen wie uns hätte? Was dieser Bezirk ohne uns wäre? Diese Stadt würde nicht funktionieren. Keine Stadt der Welt würde funktionieren.“

www.josefstadt.org

  1. 9. 2019

Volkstheater: Rojava

März 1, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Wille steht fürs Auftragswerk

Muss er schießen, fällt Michael in Ohnmacht: Mona Matbou Riahi, Isabella Knöll, Rina Kaçinari, Peter Fasching, Golnar Shahyar und Maria Petrova. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein politisches Manifest macht nicht unbedingt den besten Theaterabend; wie immer ehrlich und ehrenwert die Angelegenheit auch gemeint sein mag, sie kann durchaus ins Auge gehen. So geschehen nun am Volkstheater bei der Uraufführung von „Rojava“, einem, man muss es tatsächlich sagen, nur mittelmäßigen Text von Autor Ibrahim Amir, zu dem Regisseur Sandy Lopičić offenbar keinen rechten Zugang gefunden hat.

Wiewohl das von Volkstheater-Direktorin Anna Badora beauftragte Stück auf eine schwarze Märchenpädagogik setzt, ist das Märchenhafteste am Ganzen die Musik, die Lopičić gemeinsam mit Golnar Shahyar und Imre Lichtenberger Bozoki erdacht hat, und nun von einem Mini-Orkestar live performen lässt. Die Damen Golnar Shahyar, Rina Kaçinari, Mona Matbou Riahi und Maria Petrova (selbstverständlich auch Imre Lichtenberger Bozoki) sind denn auch Teil seiner Inszenierung, als Soldatinnen jener Frauenverteidigungseinheiten, die entscheidend zum Gelingen der gesellschaftlichen Revolution in Rojava beitragen wollen. Heißt: in der Demokratischen Föderation Nordsyrien, einem de facto autonomen Gebiet entlang der türkischen Grenze.

Bewohnt von Kurden, Turkmenen, Arabern und Assyrern-Aramäern, die sich die Gleichberechtigung von Frauen, Religionsfreiheit und das Verbot der Todesstrafe auf die Fahnen geheftet, mit ihrem Verständnis von Menschenrechten laut Human Rights Watch allerdings noch zu kämpfen haben. Dass die Türkei die Existenz Rojavas ablehnt und im Jänner 2018 den Kanton Afrin militärisch eroberte, hat die Situation extrem verschlimmert; sollten sich die USA realiter aus Syrien zurückziehen, wird sie in dieser Politutopie, eingekeilt zwischen Erdoğan-Land, IS und Assad-Regime, noch prekärer werden. Amirs Eltern, er selber seit 2002 in Österreich, leben nach wie vor in Afrin. Im Programmheft-Interview spricht er über die antikurdischen Maßnahmen der Besatzungsmacht Türkei, die Sorge um Vater und Mutter und sein persönliches Dilemma nicht vor Ort aktiv zu sein. Soweit der selbsttherapeutische Background.

In Wien – Michaels Mutter Ursula stellt Flüchtling Alan zur Rede: Luka Vlatković und Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

In Rojava – Der blinde Kaua zeigt, wie die Kurden im Glück und im Unglück tanzen: Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Geschichte, die Amir in seinem Stück erzählt, ist die zweier Männer. Der Wiener Michael, und nicht zufällig wurde wohl der Name des Satanbezwingers gewählt, bricht auf nach Rojava, um sich der Befreiungsbewegung anzuschließen. Kaum angekommen, lernt er den Kurden Alan kennen, der nichts als weg will aus dem Krieg. Schon steht der europäische Idealist gegen den illusionsbefreiten Einheimischen, den keine Ideologie mehr halten kann. Alan gelingt es, Michael dessen Reisepass abzuschwatzen – und so macht sich der auf nach Wien.

Im stimmigen Setting von Ausstatterin Vibeke Andersen, durchs Drehen der Bühne zugleich Kriegsschauplatz, Märtyrergedenkstätte und Wiener Wohnung, und unter Verwendung der eindrücklichen Comicbilder von Zerocalcare aus dessen Graphic Novel „Kobane Calling“, versucht Lopičić sein Wiener Regiedebüt zu stemmen. Allein, Amirs Vorlage leidet nicht nur an einem beinahe lachhaften Pathos, ausgerechnet er, der sonst seine Stücke so gekonnt mit bitterbösem Witz durchsetzt, hat diesmal ganz aufs Scharfzüngige verzichtet, sondern auch an mangelnder Charakterzeichnung. Fast sämtliche Figuren sind ihm flach geraten, kaum ein Beweggrund noch eine Begegnung wird näher beleuchtet, doch scheint das Thema zu wichtig, um nur, wie’s hier geschieht, im schnellen Szenenwechsel hurtig drüberzufahren. Amir will viel. Will über Missverständnisse und Mentalitäten philosophieren, über die seelischen Konflikte der aus dem Krieg Weg- und der nie Hingegangenen, will darüber berichten, wie Sympathien in falschen Vorstellungen fußen, will mitten in der Schlacht über die Liebe, eine davon sogar eine lesbische, sinnieren – und darüber, wofür es sich zu sterben lohnt.

In Summe erinnert das alles ein wenig an „Wem die Stunde schlägt“, nicht der spröd-elegante Hemingway, sondern die sentimentalisierte Version von Melodram-Mann Sam Wood. Die Darsteller mühen sich an ihren Rollen mit unterschiedlicher Fortune. Am nachvollziehbarsten gestaltet Sebastian Pass Alans Cousin, den blinden Kaua, ein geistreicher Zyniker, der es sich zum Sport gemacht hat, die diversen abgefeuerten Schusswaffen an ihrem Sound zu erkennen. Peter Fasching spielt den Revolutionsromantiker Michael, der sich an der Front als völlig untauglich erweist, fällt er doch schon bei den Schießübungen in Ohnmacht. Dass er im Tarnüberzug auf dem Rücken statt eines Maschinengewehrs seine Gitarre trägt, ist ein gelungener Einfall dazu.

Michael zwischen zwei Frauen: Peter Fasching mit Golnar Shahyar als Wienerin Derya … Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

… und mit Freiheitskämpferin Hevin: Isabella Knöll und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Luka Vlatković bleibt als Alan blass, was daran liegen mag, dass er kaum zu Wort kommt, dafür ständig von den anderen abgekanzelt wird. Erst in Rojava von Michael, der ihm bescheinigt, in Europa als Dritter-Klasse-Mensch behandelt zu werden, dies die stärkste Szene im Stück, später von Michaels Mutter, Claudia Sabitzer als Ursula (und auch als militärische Befehlshaberin Fidan), die ihm Feigheit vor dem Feind vorwirft, während ihr Sohn womöglich gerade sein Leben für Alans Sache opfert. Dessen Argument, es sei seine Sache nicht, im Kugelhagel zu krepieren, folgt sie natürlich nicht …

Isabella Kröll sucht als martialische Kommandantin Hevin das Mädchen in sich, das sich Michael hingeben könnte, muss ihn aber zurückstoßen, um den Schutz der emanzipatorischen Truppe nicht zu verlieren. Dass Märchen nicht gut ausgehen müssen, erlebt nach zwei Stunden zwanzig nur ein Teil des ursprünglichen Publikums, haben doch in der Pause nicht wenige Zuschauer den Heimweg angetreten. Was die Frage aufwirft, wie sehr Amirs „Rojava“ in Zeiten, da Europa ganz gegenteilig die Rückkehr abgehalfterter IS-Kämpferinnen und -Kämpfer hiesiger Staatsbürgerschaften ablehnend diskutiert,

und sich in Österreich im Fall Samra und Sabina offenbar gerade Außenamt gegen Innenministerium stellt, einen Nerv treffen kann. Soll als letzter Satz über Amirs Stückkonstruktion hier wie folgt stehen: Der gute Wille steht fürs Auftragswerk.

www.volkstheater.at

1. 3. 2019

Alte Bibliothek – wortwiege wien: Chikago

Oktober 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf Burgenland-Flucht in ein besseres Leben

Luka Vlatkovic, Nina C. Gabriel und Anna Maria Krassnigg. Bild: Christian Mair

Die wortwiege ist vom Thalhof ins Winterdomizil Wien übersiedelt, und zeigt hier drei beachtenswerte Produktionen. Den Auftakt macht, als erste Uraufführung der neuen Serie „Szene Österreich“, der vielbeachtete, im Picus Verlag erschienene Roman „Chikago“ von Theodora Bauer in szenischer Fassung. Aufführungsort ist die Alte Bibliothek. Ein wahrhaft intimer Rahmen, dieser holzgetäfelte Raum.

Ein Bücherkabinett mit Galerie, darin eine lange Tafel, darauf Brot und alte Fotoalben und Schnaps, Äpfel und Affenhandpuppen. Ein Hackbrett, dem Schauspieler Luka Vlatkovic Sphärenklänge entlocken wird. Einmal mehr ist es wortwiege-Leiterin und Regisseurin Anna Maria Krassnigg gelungen, eine Spielstätte zu finden, die eine einzigartige Atmosphäre atmet. Gemeinsam mit Luka Vlatkovic und Nina C. Gabriel gestaltet Krassnigg die Bauer’schen Figuren, die Darsteller sind auch Erzähler, berichten von sich und über einander, aus den Perspektiven aller Protagonisten, und die sind nicht immer deckungsgleich.

„Chikago“ beginnt im Burgenland des Jahres 1921. Dort, an der noch jungen österreichisch-ungarischen Grenze, gibt es wenig außer Aufruhr und Armut, die große Hoffnung heißt „ins Amerika gehen“. Das will auch Feri, und die von ihm schwangere Katica natürlich mitnehmen, doch dann macht der Tod eines Gendarmen die Auswanderung zur Flucht, die nur durch Katicas „Zigeuner“-Halbschwester Anas beherztes Handeln überhaupt gelingt. Drüben angekommen, erfährt das Trio, dass im Land der unbegrenzten die Möglichkeiten doch sehr beschränkt sind. Katica stirbt bei der Geburt des Kindes, Feri wird zum Trinker, Ana muss den Säugling Josip alleine aufziehen …

Luka Vlatkovic. Bild: Christian Mair

Nina C. Gabriel und Anna Maria Krassnigg. Bild: Christian Mair

Mit kleinsten Gesten, gezielten Seitenblicken, illustrieren Gabriel als seelisch starke Ana, Krassnigg als kindlich gebliebene Katica und Vlatkovic als sanftmütiger Zögerling Feri den Text. Theodora Bauer hat für ihr Buch eine Sprache von brutaler Poesie erschaffen, „Wortbluten“ steht an einer Stelle, das Idiom der Zeit angepasst und sehr österreichisch, und die wortwiege-Besetzung versteht dies perfekt umzusetzen. Wiewohl die Schauspieler kaum jemals die Texthefte aus der Hand legen, ist Krassniggs szenische Skizze theatraler als so manche Norminszenierung.

Gemeinsam gelingt es ihnen, Bauers packendes Sittenbild zum Statement zur aktuellen Lage im Land zu machen. Denn dies gilt es zu bedenken, dass es Epochen gab, in denen auch Europäer auf der Suche nach einem besseren Leben in die weite Welt zogen. Aus dem Burgenland in die USA waren es etwa 100.000. Die Migrantenschicksale in „Chikago“ entlarven jegliche einseitige Sichtweise auf „Wirtschaftsflüchtlinge“ als unmenschlich und dumm, ebenso jedoch wird der American Way of Life als Mythos enttarnt.

Gegenwärtiger, auch aufschlussreicher, kann ein Kommentar zur Zeit kaum sein. Dabei braucht Bauer, und mit ihr Krassnigg, für ihre Auswanderergeschichte keinen erhobenen Zeigefinger. Mit sparsamen Mitteln, einem getauschten Gilet, einer Schiebermütze, einem anderen Schultertuch, Kostümbild: Antoaneta Stereva, wechseln die Schauspieler in neue Charaktere. Aus Josip wird Vlatkovics erwachsener Joe, aus Ana „Aunt Annie“, die sich bei den jüdischen Whites als Haushälterin verdingt. 1937 ist es geworden, beim historischen Streik bei Republic Steel rückt die Nationalgarde an und beendet diesen mit Gewalt. Und wieder gibt es ein Unglück, und Josip und Ana müssen zurück ins Burgenland. Von Chicago nach Chikago. Und damit in den aufkeimenden Nationalsozialismus. Für Josip verführerisch, für Ana als „Zigeunerin“ und „Judenfreundin“ hingegen …

Luka Vlatkovic, Anna Maria Krassnigg und Nina C. Gabriel. Bild: Christian Mair

Chikago heißt bis heute ein Ortsteil von Kittsee, vermutlich so genannt, weil ab 1910 wegen der Wohnungsnot der Bevölkerung hier in kurzer Zeit gerade, „amerikanisch“ anmutende Gassen angelegt und entlang dieser Häuserblocks hochgezogen wurden. Der damals aus den USA heimkehrende Kittseer Josef Zambach soll gesagt haben, man baue die ja so schnell „wie in Chicago“.

„Chikago“, Theodora Bauers eindrücklicher Erzähltext, laut der wortwiege im Sinne eines kritischen, literarischen Volkstheaters zu verstehen, überzeugt auch in seiner szenischen Umsetzung. Regisseurin Anna Maria Krassnigg zeigt, wie viel mit nicht allzu viel geht, als Schauspielerin ist sie, wie auch Nina C. Gabriel und Luka Vlatkovic, einfach fantastisch. Alles in allem – ein Abend, den man gesehen haben muss.

www.thalhof-wortwiege.at

  1. 10. 2018

Bronski & Grünberg: Kabale & Liebe

April 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Friedrich Schiller in neuen Rollenbildern

Bild: © Philine Hofmann

Nach seinem überragenden Vorjahrs-„Philoktet“ am Volx/Margareten inszenierte Calle Fuhr nun im Bronski & Grünberg Theater Friedrich Schillers „Kabale & Liebe“.  Und die kleine, feine Bühne, die sich immer mehr zum Wiener Must See mausert, kann auch mit dieser Produktion ihre Erfolgsgeschichte beim Publikum fortschreiben. Fuhr versammelt eine Handvoll hervorragender junger Schauspieler um sich: Johannes Nussbaum, bekannt aus den ORF-„Vorstadtweibern“, „Chucks“-Entdeckung Anna Posch, Luka Vlatkovic, Nanette Waidmann und Laura Laufenberg. Ihnen zur Seite steht Patrick Seletzky als Präsident von Walter.

Mit seinem sehr klaren ästhetischen Konzept setzt Fuhr ganz auf die Wirkmacht des Wortes – und auf die seines Ensembles. Er hat Schiller ins Heute weitergedacht, ein paar Änderungen vorgenommen, so ist Vater Miller, dargestellt von Nanette Waidmann, nun eine liebevoll-emanzipierte Mutter, und immer wieder schleichen die Figuren durch die finsteren (Gedanken-)Gänge der Handlung, die ihnen nur eine Lichtschnur erhellt. „Bösewicht“ gibt es dennoch keinen.

Fuhr arbeitet stattdessen fein differenziert die Zwänge und Nöte von Menschen heraus, die sich ins Umfeld von Staatsgewalt begeben haben, und dort nun ums Überleben, zumindest aber ums eigene Fortkommen kämpfen müssen. So ist Luka Vlatkovic als Sekretare Wurm kein sinistrer Unmensch, sondern ein von Liebe und anderen Dämonen in die Intrige Getriebener, einer davon der Präsident, der ihn deutlich als Werkzeug für seine Machenschaften verwendet. Der Lady Milford darf Anna Posch den großen „Wohltäterin des Volkes“-Monolog angedeihen lassen, auch sie eine Art Gefangene des Hofes, an dem sie um die Reste ihres Rufes rittert. Intensiv ist dieses Spiel, und dass nicht jeder Schillersatz sitzt und sticht, mitunter Emotionen in hysterische Schreierei münden, dann wieder manches wie aufgesagt klingt, wird durch Momente großer Wahrhaftigkeit mehr als wett gemacht.

Für diese sorgt neben Vlatkovic allen voran Johannes Nussbaum als Ferdinand, dessen Verstörtheit ob der Umstände berührt, der Vater-Sohn-Konflikt noch mehr als sonst betont durch die herzliche Beziehung Luises – Laura Laufenberg – zur Mutter Miller. Dass Fuhr dabei niemals moralisch wertet, sondern die Zuschauer behutsam durch ein ambivalentes Figurentableau navigiert, dass er Friedrich Schiller darob mit neuen Rollenbildern versieht, macht den Abend zu einem besonderen. Diese „Kabale & Liebe“ kann wärmstens empfohlen werden.

www.bronski-gruenberg.at/

  1. 4. 2018

Volkstheater: Höllenangst

September 24, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Volk kommt nicht die Halfpipe hoch

Familie Pfrim fürchtet sich vorm Leibhaftigen: Günter Franzmeier, Claudia Sabitzer und Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Für die einen ist es ein Schutzwall, für die anderen eine sturmreife Barrikade, oben sind der Freiherr und der Staatssekretär, unten die Schusterfamilie, die Kammerjungfer, die Bedienten. Immer wieder nehmen sie Anlauf, laufen gegen die Mauer der „Mehrleister“ an, rutschen ab – und landen erneut am unteren Ende der gesellschaftlichen Hierarchien. Mit diesem starken Bild beginnt Regisseur Felix Hafner seine Inszenierung von Johann Nestroys „Höllenangst“ am Volkstheater.

Er wiederholt es im Laufe des Abends mehrmals, dieses Anrennen gegen die metallisch-graue Halfpipe zur Einhaltung der Hackordnung, die Camilla Hägebarth als Bühnenbild erdacht hat. „Höllenangst“ ist Nestroys politischstes Stück. Verfasst rund um das Revolutionsjahr 1848, 1849 schließlich auf die Bühne gebracht, stellt es den Machtapparat der Reichen und Privilegierten bloß. Die Dinge werden deutlicher als in anderen Possen beim Namen genannt: ein Minister liegt im Sterben, Adel und Politik bemächtigen sich des Vermögens einer Waise, deren unliebsamer Onkel wird ins Gefängnis verfrachtet – und wenn am Ende, nachdem alles aufgeklärt, die ganze Stadt ob der Wahl eines neuen Ministers „illuminiert“ ist, lässt Nestroy offen, ob vor Freude oder weil’s schon wieder brennt.

Hafner macht im Wahljahr 2017 deutlich, wie bestürzend aktuell, eigentlich: wie zeitlos, dieses bissige Spiel ums Auf und Ab, ums Oben und Unten ist. Zwar sind aus feudalen Abhängigkeiten neoliberalistische geworden, doch ob Ausbeutung oder Selbstausbeutung bleibt sich letztlich gleich. Der Kapitalismus steht in Hochblüte; wer zahlen kann, schafft an. Mit Hafners Interpretation der „Höllenangst“ setzt das Volkstheater den von Direktorin Anna Badora beschrittenen Weg fort, in Theaterklassikern Konflikte der Gegenwart zu spiegeln.

Tauschhandel mit dem „Teufel“: Thomas Frank als Wendelin und Christoph Rothenbuchner als Oberrichter Thurming. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der Sturm auf die Barrikaden wird bei Felix Hafner zur Rutschpartie: Kaspar Locher und Stefan Suske (oben), Luka Vlatković, Isabella Knöll, Valentin Postlmayr, Günther Franzmeier und Claudia Sabitzer (unten). Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Pfrims haben für Reichthal wichtige Papiere aufbewahrt: Günter Franzmeier, Gábor Biedermann und Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Tempo der Aufführung ist hoch. Unerwartet freigelegte Schlupflöcher in der Halfpipe erlauben rasante Auftritte und Abgänge. Es wird geschlittert, gestolpert, geflutscht, drei Meter rauf-runter-rauf, der Körpereinsatz der Schauspieler grenzt ans Akrobatische,und mehr als einmal fragt man sich, ob’s gerade Absicht war oder gerade noch Glück gehabt? Die Plätze in bester Höhenlage, dort, wo sich die Wohlhabenden vorm Volk absetzen, sind besetzt. Stefan Suske steht als Bösewicht Freiherr von Stromberg über seinem Besitz wie ein Kapitän an der Schiffsreling.

Später wird sich sein Spezi, Kaspar Locher als der in Unschuldsweiß gewandete Staatssekretär Arnstedt dazugesellen. Die beiden haben die Erbschaft von Strombergs Mündel, der Baronesse Adele (Laura Laufenberg), eingezogen – und sonnen sich nun im Glanz des erbeuteten Geldes.

Auftreten nun Christoph Rothenbuchner als ehrlicher, ob der Verhältnisse leicht amüsierter Oberrichter Thurming, seit drei Wochen Adeles geheimer Ehemann, und Gábor Biedermann als Adeles ehrenwerter Onkel, der inhaftiert gewesene Freiherr von Reichthal. Dass die beiden in die Bredouille kommen, ist klar. Auch, dass es beide mit der Schusterfamilie Pfrim zu tun bekommen werden. Die Pfrims, Günther Franzmeier als Familienoberhaupt, Claudia Sabitzer als Ehefrau Eva und Thomas Frank als Sohn Wendelin, sind das Herzstück der Aufführung. Vor allem Franzmeier und Frank agieren wie entfesselt.

Wendelin, der sich als Gefängniswärter anheuern ließ, um Reichthal zur Flucht zu verhelfen, hält den durchs Fenster eingestiegenen Oberrichter für den eben erst von ihm um Hilfe angerufenen Teufel – und hält sich daher im weiteren Verlauf als Schützling des Leibhaftigen für unantastbar. Ein Irrtum, wie sich herausstellen wird. Mutter Eva wiederum, Adeles ehemalige Amme, hat von deren Mutter wichtige Papiere, die Reichthal erhalten muss.

Und schon ist der Intrigen-Spiel perfekt. Franzmeier und Frank, bereits in „Zu ebener Erde und erster Stock“ ein Dreamteam, setzen ihr Zusammenspiel aufs Feinste fort, die beiden können Nestroy, und vor allem, da Hafner dessen ausgeklügelte Sprache in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt, die Charaktere, ihre Eigenschaften und Handlungen über die Nestroy’schen Wortverdrehungen und Satzspielereien erklärt, sind zwei so präzise Sprecher wie die beiden unerlässlich. Franzmeier brilliert als Vater Pfrim, dessen Fatalismus ihn nicht davon abhält, sich die Welt schön zu trinken. Wunderbar die Szene, in der er im Haus des Oberrichters um seinen irrtümlich inhaftierten Sohn kämpft, und die allgemeine Verwirrung bis zum äußersten treibt.

Diesen gibt Frank als Revolutionär und Aufbegehrer, nicht gegen die weltliche, sondern gegen die höhere Ordnung, die ihm so einen schlechten Platz auf Erden zugedacht hat. Franks Wendelin ist mit wehleidigem Pathos voll bis zum Überlaufen, ein Verkannter auf Lebzeiten. Wie er aber um die Aufmerksamkeit eines ehemaligen Gefängniswärterkollegen (Mario Schober) buhlt, indem er in bester Monty-Python’s„Ministry of Silly Walks“- Manier vor diesem auf und ab patrouilliert, das ist große Klasse. Das Metaphern-Monster der Bühnenkonstruktion kommt auch in den Pfrim’schen Momenten zum Einsatz: Als der Schuster endlich seinen Trumpf ausspielt, nämlich, dass die Gattin Beweismittel gegen Stromberg und den Staatssekretär in der Hand hat, erklimmt Franzmeier den höchsten Punkt der Halfpipe und jagt die Betrüger nach unten.

Isabella Knöll, seit dieser Saison neues Ensemblemitglied am Volkstheater, beweist als Rosalie, Wendelins Geliebte und Adeles Kammerjungfer, Talent fürs Komödiantische bis hin zum Slapstick. Wie sie immer wieder gegen Thomas Frank anrennt, erst unfreiwillig, dann mit zunehmendem Zorn, das ist im Wortsinn umwerfend. Auch, wie sie temperamentvoll beteuert: „Ich bin eine stille, sanfte Person, aber aufbringen muss man mich nicht“, bringt das Publikum zum Lachen. Knöll hat Feuer, ihre Streitszene mit Wendelin (Er: „Dich erwartet die Hölle an meiner Seite.“ Sie: Gibt ihm eine Watschn.) gehört mit zum Unterhaltsamsten des Abends. Valentin Postlmayr und Luka Vlatković, ersterer Bedienter bei Stromberg und mit dem Mantra: „Er zahlt halt gut“ ausgestattet, zweiterer Bedienter und Pizzabote bei Thurming, komplettieren das Ensemble.

Die Couplets sind hochpolitisch: Luka Vlatković, Thomas Frank und Günter Franzmeier als Nestroy-Boyband. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Couplets hat Peter Klien neu getextet und Clemens Wenger neu vertont. Das Musikalische reicht von Tango-Anklängen bis zum sperrigen, schwer zu bewältigenden Rap, der Inhalt ist tagespolitisch brisant, vom Brexit bis zu mangelnden Frauenrechten, von falschen Wahlversprechen bis zur obligatorischen Social-Media-Schelte. Wendelins Aberglauben-Song darf natürlich nicht fehlen, gesungen von Thomas Frank, Claudia Sabitzer und Günther Franzmeier.

Und auch Luka Vlatković greift zum Mikrophon. Am Ende bleiben zwei arme Teufel, Vater und Sohn Pfrim, denen die Freiheit ausgegangen ist, und die ausgegangen sind, um sie wiederzuerlangen. Als Pilger nach Rom wollen sie den Beelzebub abschütteln, werden freilich eingeholt und über ihre Irrtümer aufgeklärt. Das Premierenpublikum im Volkstheater zeigte sich ob Felix Hafners Inszenierung begeistert und dankte mit Jubel und Applaus. Der junge Theatermacher, der am Haus schon mit Thomas Köcks „Isabelle H.“ und Molières „Der Menschenfeind“ überzeugte, setzt mit diesem Abend seinen Erfolgskurs fort.

www.volkstheater.at

  1. 9. 2017