Theater an der Wien: José Carreras singt „El Juez“

Juni 24, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Christian Kolonovits komponierte die Oper für den Star

José Carreras und Christian Kolonovits. Bild: mottingers-meinung.at

José Carreras und Christian Kolonovits. Bild: mottingers-meinung.at

Das Theater an der Wien begeht dieses Jahr sein zehnjähriges Bestehen als Opernhaus und setzt den Jubiläumsspielplan mit einem außergewöhnlichen szenischen Sonderprojekt fort: Am 2. und 5. Juli wird die Oper „El Juez“ von Christian Kolonovits gegeben, Opernsuperstar José Carreras singt die Titelpartie. Kolonovits behandelt in seiner Oper ein dunkles Kapitel spanischer Geschichte:

Zur Zeit der Franco-Diktatur wurden nicht regimetreuen Eltern ihre Kinder weggenommen, um sie in Klöstern und anderen Einrichtungen umzuerziehen. Die Kirche, die federführend an der Entführung der Kinder beteiligt war, weigert sich bis heute, Aufzeichnungen und Informationen über die wahre Identität der „verlorenen Kinder“ preiszugeben – ein Konflikt, der die spanische Gesellschaft immer noch spaltet. Zwei Jahre war Kolonovits mit der Komposition seiner Oper beschäftigt, in der er mit der Librettistin Angelika Messner der Frage nach Recht und Unrecht und nach persönlicher Entscheidungsfreiheit nachgeht. Die bejubelte Uraufführung von „El Juez“ fand im April 2014 in Bilbao statt, weitere Aufführungen bei den Tiroler Festspielen Erl und im Mariinski-Theater St. Petersburg folgten.

Inhalt: Der Liedermacher Alberto García erfährt am Totenbett seiner Mutter von der Existenz eines verlorenen Bruders und macht sich auf die Suche nach ihm. Er erzählt in seinem neuesten Lied „Der Seidenschal“ wie das Kind seiner Mutter von einer Nonne entrissen wurde und in einem Kloster verschwand. Damit erregt García – unterstützt von der Fernsehjournalistin Paula – mediales Aufsehen und setzt in der Bevölkerung, die ähnliche Schicksale unzählig teilt, eine Bewegung gegen das Schweigen von Politik und Kirche in Gang. Die Menschen versammeln sich zu Protesten und fordern die Öffnung der kirchlichen Archive. Um das zu verhindern, wird der Richter Federico Ribas von Morales, dem Vizepräsidenten des Geheimdienstes, gedrängt, ein Dekret zu unterzeichnen, das diese Einsichtnahme untersagt. Ribas, selbst in einem Kloster aufgewachsen, weil – wie man ihm sagte – seine Eltern von „Aufständischen“ ermordet worden waren, ist hin und her gerissen. Er empfindet eine ihm unerklärliche Anziehung und Sympathie für die Anliegen der Menschen. Dennoch unterschreibt er das Dekret. Während Ribas auf Paulas Vermittlung hin García in dessen verlassenem Elternhaus trifft und im Kloster auf die Suche nach der eigenen Identität geht, überschlagen sich die Ereignisse. Morales intrigiert und spielt alle gegeneinander aus. García, selbst nun der Kindesentführung beschuldigt, wird angeschossen und erfährt – tödlich verwundet – was für Ribas bereits zur Gewissheit wurde: Dass der Richter selbst der gesuchte Bruder Garcías ist.

Die Rolle des Richters Federico Ribas wurde José Carreras, der mit ihr nach achtjähriger Absenz auf die Opernbühne zurückkehrte, auf den Leib geschrieben: „Meine Familie war stets gegen General Franco. Sie waren Republikaner und alles andere als rechts gerichtet. Zu Hause hörte ich meinen Vater und meinen Großvater über den Krieg sprechen und wie es in der Zeit vor Franco war. Deshalb ist dieses Thema so wichtig für mich“, sagt Carreras im Pressegespräch und erklärt über seine Rolle: „,El Juez‘ ist zwar eine zeitgenössische Oper, sie ist aber alles andere als atonal – es gibt wundervolle Melodien zu singen, Soli und Duette, und tolle Szenen zu spielen. Ich bin überglücklich, dass ich in ‚meinem‘ Wien in dieser Oper auf der Bühne stehen kann!“ Die musikalische Leitung hat David Giménez, es inszeniert Emilio Sagi. Mit Carreras singen José Luis Sola den Alberto García, Carlo Colombara den Vizepräsidenten Morales und Ana Ibarra die Äbtissin.

„El Juez“ zum Reinhören: Premiere im Mariinsky: www.youtube.com/watch?v=GWQ8Osqcmbs

www.theater-wien.at

Wien, 24. 6. 2016

Tobias Moretti als Luis Trenker im Kino

August 21, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf dem schmalen Grat der Wahrheit perfekt balanciert

Luis Trenker (Tobias Moretti) und Leni Riefenstahl (Brigitte Hobmeier)  Bild: © Thimfilm

Luis Trenker (Tobias Moretti) und Leni Riefenstahl (Brigitte Hobmeier)
Bild: © Thimfilm

Der Lieblingssatz ist, als Luis Trenker und wie Tobias Moretti als Luis Trenker zur Riefenstahl von Brigitte Hobmeier sagt: „Dich begleitet immer das Dramatische.“ (Beim Lesen bitte Tirolerisch „ch“ und „ck“ denken.) Da ist aus Luis‘ und Lenis Hassliebe längst tiefe Feindschaft geworden, da trifft man sich schon zum Showdown in Kitzbühel. Jahre zuvor, als die beiden ein Happerl machen, und sie ihm die Reiterstellung schmackhaft machen will, und er sie mit den Worten „Oba jetzt durn ma wieder normal, wie sich’s g’hört“ retourmissioniert – das ist die Lieblingsszene. Nicht, weil: Sex sells, sondern weil das fast schon alles über diesen Trenker aussagt.

Am 27. August startet – nun doch österreichweit, zum Glück, denn es ist ein gelungen tragihumoriger Film geworden – die Roxy-Film-epo-Film-Produktion „Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit“. Drehbuchautor Peter Probst nimmt die Tatsache, dass der Filmemacher 1948 versuchte, von ihm gefälschte Tagebücher der Eva Braun auf den Markt zu bringen, als Rahmen für die Handlung. Bei den Filmfestspielen in Venedig trifft er sich mit seinem ehemaligen, jüdischen, nun wieder nach Europa zurückgekehrten Produzenten Paul Kohner, gespielt von Anatole Taubmann, um US-Investoren für sein Braun-Projekt zu gewinnen. In von Regisseur Wolfgang Murnberger schön ironisch-historisch braunschattierten Rückblenden, schließlich will Kohner ein Was-bisher-geschah über Trenkers Wirken im Dritten Reich, erzählt der Film eben dieses, im Kern des Alpinisten Lieben und Lassen der Leni Riefenstahl, der er beim Buhlen um Hitlers Gunst stets einen Schritt hinterherhinkt. Am Ende wird Trenker gescheitert sein. Sechs Millionen Tote versperren das Tor zu Hollywood. Man interessiert sich dort nicht für des „Führers“ Vorliebe für Fußbäder. Zum guten Schluss wird sich Luis Trenker neu erfinden. In den 1970er Jahren begründete er in seiner eigenen Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, „Berge und Geschichten“, seinen Mythos neu und wird ihn wahrscheinlich sogar geglaubt haben. Wenn man den Leutln als Lichtgestalt Anekdoten jenseits „einer dunklen Zeit“ auftischen will, wird man dazu doch seine Biografie überarbeiten dürfen. Moretti schwarzweiß als ergrauter Trenker, das ist das Expliziteste an Murnbergers Film. Denn alles, was aggressiver, plakativer wäre, hätte Morettis subtile Art den Unsympath zu spielen beschädigt.

Und Moretti ist großartig. Er adelt Murnbergers und Probsts Arbeit. Ersterer setzt den Bergfex in passend biedermännische Bilder. In diesen gibt Moretti mit verschmitztem Lächeln einen Einefetzer; sein Trenker ist trunken von der Begeisterung über sich selbst, changiert zwischem selbstverliebtem Gockel und Karrierist, der wie selbstverständlich auch sein Privatleben für die Öffentlichkeit inszeniert, der brisant geht, als er seinen Namen auf dem Filmplakat von „Der heilige Berg“ kleiner und in zweiter Reihe nach dem von Riefenstahl sieht. Die – damals noch – Ausdruckstänzerin, und Hobmeier spielt sie in ihrer Ambitioniertheit hart wie Kruppstahl, hat eben auch auf Regisseur Arnold Fanck (André Jung) Eindruck gemacht. Witzig übrigens wie Murnberger Moretti in Original-Trenker-Filme montiert; gewagt und gelungen, wie Moretti auf hinten bindungslosen Brettln à la 1920 einen Mix aus Telemark und Arlbergtechnik probiert.

Probst hält sich an die Erkenntnisse aus den Akten im Berliner Document Center. Sein Trenker ist politisch beweglich, nimmt, da er sich nun schon einmal über sein Werk mit den Faschisten auf gleichem Blut-und-Boden getroffen hat, Applaus auch von der falschen Seite gerne an, droht, wenn am Set etwas nicht so klappt, wie er will, mit seinem Fan, dem „Führer“, prahlt damit Mussolini „im Boot“ zu haben, hält die Hand über „seine Juden“, seine jüdischen Mitarbeiter, lässt sich nichts dreinreden, sagt verbürgt, Berlin könne ihn „kreuzweise“. Sein Satz an Kohner, „Ich habe mich nie von jemandem vereinnahmen lassen“, stimmt wohl für einen, der so von sich eingenommen ist. Es passt ins Bild, dass der hauptberufliche Südtiroler wegen der Optionsfrage in Ungnade gefallen ist. Eine Tatsache, die Trenker, ab 1940 NSDAP-Mitglied, später stets zu seinen Gunsten anführen wollte. Im Film scheucht ihn Goebbels-Darsteller Arndt Schwering-Sohnrey wie eine lästige Fliege vor sich her. Trenker ist in diesen Szenen weder Widerwortegeber und schon gar nicht Widerständler, sondern ein serviles Nervensagl, das Goebbels laut dessen Aufzeichnungen ständig „etwas von seinem Deutschtum vor(geschwafelt)“ habe. Der Filmtitel hält, was er verspricht. Der Film balanciert perfekt auf dem „schmalen Grat der Wahrheit“, ohne jemals die Ambivalenz seiner Titelfigur Luis Trenker anzunehmen. Trenker wurde als Pionier des Freilichtfilms, des „Film ohne Schminke“, berühmt. Hier nun also der ungeschminkte filmische Blick auf ihn.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=UiFdRovvaLw

Wien, 21. 8. 2015

TAG: Der diskrete Charme der smarten Menschen

Februar 26, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Buñuels Patrizier als schicke Sechster-Bezirk-Bobos

Bild: © Anna Stöcher

Bild: © Anna Stöcher

Es ist ja nicht so, dass hierzulande noch nie etwas „frei nach Buñuel“ passiert wäre. Martin Wuttke versuchte dessen Filmklassiker „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ im Kasino des Burgtheaters umzusetzen www.mottingers-meinung.at/interview-mit-burgstar-martin-wuttke/ , Jan Mikulášek beim Young-Directors-Projekt der Salzburger Festspiele www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-young-directors-projekt/ . Nun also Ed. Hauswirth im TAG. Immerhin, der macht’s „sehr frei“. Hauswirth ist hauptberuflich künstlerischer Leiter des Grazer Theaters im Bahnhof – und gerade das gerät hier zum Nachteil. Man hätte von ihm etwas Absurderers, Skurrileres, irrwitzig Wirres erwartet. Surrealist Buñuel hätte es hergegeben. Aber irgendwie bleibt die Sache im TAG halbgar sitzen. Das Konzept, das Regisseur und Schauspieler überlegt haben, geht nicht auf wie gewünscht.

Hauswirth entwickelte mit dem TAG-Ensemble Jens Claßen, Michaela Kaspar, Raphael Nicholas, Julia Schranz, Georg Schubert und Elisabeth Veit eine Versuchsanordnung über die Werte des großstädtisch-kreativen (Wiener) Mittelstands. Menschen wie du und ich also, ohne zu wissen, was dieses Du und Ich sein soll, die Schwammigkeit des Begriffs Mittelstand einkalkulierend, bevölkern die Szenerie. Ein bisschen brav ist das, wo im Film doch alle Arten von Abartigkeit gezeigt werden, das Großbürgertum, eine aus der Oper kommende High Society, mit Spott ob der dekadenten Sinnentleertheit seiner Rituale übergossen wird. Ärger als Sigmund Freud fährt der spanische Filmemacher in diesem Horrorschwank seine Albtraumdeutung auf. Jeder Traum führt zum Trauma des Träumenden. Symbol ist alles. Da werden Lämmern die Kehle durchgeschnitten, ein eiskaltes Händchen rutscht übers Piano, Panzer fahren auf und treiben die Menschen in die Kirche … 1962 ist Buñuels Polit-Parabel über die Unzustände seiner Zeit entstanden. Was aber kann man den Innergürtel-Bobos vorwerfen, außer, dass sie für die Fußgängerzone Mariahilfer Straße sind?

Denn genau sie, die Mariahilfer, Neubauer, Josefstädter will Hauswirth ansprechen. Ihr Lebensgefühl, ihre Lebensrealität, Vorstellungen und Verhaltensweisen an Buñuels Personal überprüfen. „Der diskrete Charme der smarten Menschen.“  Die Abendgesellschaft, die aus unerklärlichen Gründen das Haus nicht verlassen kann, trifft sich im TAG zum Abendessen. Regelmäßig sucht man gemeinsam den Gourmet-Kick, jeder kocht einen Gang (von Kohlrabi-Carpaccio à la Sarah Wiener bis Schokoladentörtchen auf Himbeerspiegel mit Bourbon-Vanilleeis), fiktiv, denn gegessen wird nicht. Dafür philosophiert man über Gott an sich und die Welt im Besonderen. Die Gespräche drehen sich nicht nur im Kreis, sondern um die Banalität und Belanglosigkeit der Themen unserer Tage. Die Umsetzung eines europäischen Rauchverbots zum Beispiel. Ja oder Nein oder Vielleicht? Wenn Hauswirth sagt, dass er Teile des Textes aus von ihm geführten Interviews gestaltet hat, glaubt man ihm aufs Wort. Vermutlich Straßenbefragung auf der Mahü 😉 Konversation muss entgleisen, damit sie zum Theater taugt. Und das tut sie. Ein Glück. So gelingt es den prächtigen „typgerechten“ Darstellern, den Typen, die sie verkörpern, gerecht zu werden. Besonders prächtig: Julia Schranz, die sich an Ulrich Seidls „Paradies“-Trilogie aufgeilt, Michaela Kaspar mit dem Leidensdruck der Frau, Gebärende sein zu müssen, und Elisabeth Veit, wie sie schamlos geschickt am Dessert werkelt. Die Herren werden stereotyper eingesetzt, Jens Claßen als Macho-Ehemann, Georg Schubert als Quasi-Amokschütze, so viel Filmzitat muss sein, Raphael Nicholas als Softie mit Hoppala-Sprößling.

Hauswirth kocht aus Buñuels Meisterwerk sein eigenes Süppchen. Das wäre prinzipiell gut so. Doch eignet sich die In-Zu-An-Auf-Küche (Copyright: der hochverehrte Werner Schneyder) als Würze für einen ganzen Abend? „Wenn ich Leute sehen will, die eingesperrt fadisiert herumsitzen, schaue ich in den Spiegel“ (Eigenzitat, ursprünglich anlässlich einer Houellebecq-Neuerscheinung). Das Leben der schicken Smarties als sündiges Genusskunstwerk, als Sucht, als Suche nach dem einzig-ewigen Event zu zeigen, hätte als Sittenbild mehr berührt. Die Verbiedermeierlichung der aktuellen Generation ist nämlich tiefergreifend, als es Hauswirths diskrete Untiefen vermuten lassen. So bleibt eine charmante Salonkomödie mit gelungenen Regieeinfällen und sehr fein agierendem Ensemble. Vergnüglich! Wo es doch mehr wehtun hätte dürfen. Was nicht so sehr an fehlender Schärfe lag, als daran, dass Bitter kein gängiger Geschmack ist.

www.dastag.at

Trailer: https://vimeo.com/83973842

Wien, 26. 2. 2014