Ein Ärzteroman-Lesemarathon aus den Homeoffices

April 16, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTINGER

Kabarettisten fordern „Noch eine Chance für Bettina“

Bild: © Ronny Tekal

Nach der virtuellen Lesung von Albert Camus‘ „Die Pest“ mit den Rabenhof-Allstars (siehe: www.mottingers-meinung.at/?p=39026) folgt nun ein weiterer Klassiker der Weltliteratur – der im Jahr 1970 im Bastei-Lübbe-Verlag erschienen ist. Für all jene, denen Camus zu schwer und die Pest zu schwarz ist, stellt Autorin Gitta von Bergen ihre Protagonistin Bettina ins Zentrum ihres kleinen Romans voll Liebe, Schmerz und – vielleicht– auch einem Happy End. Ronny Tekal und Norbert Peter aka die Medizinkabarettisten Peter&Tekal haben befreundete Kolleginnen und Kollegen zum Vortrag gebeten, und das Line-up der Mitwirkenden kann sich sehen lassen.

Mit dabei sind: Lukas Resetarits, Mike Supancic, Paul Pizzera, Klaus Eckel, Stefan Jürgens, Joesi Prokopetz, Ludwig Müller, Nadja Maleh, Fifi Pissecker, Angelika Niedetzky, Pepi Hopf, Günther Lainer, Werner Brix, Fredi Jirkal, Gerold Rudle, Monica Weinzettl, Sabine Petzl, Tini Kainrath, Omar Sarsam, Dieter Chmelar, Birgit und Nicole Radeschnig, Gerald Fleischhacker, Robert Blöchl von Blözinger, die Gebrüder Moped Martin Strecha und Franz Stanzl, Kernölamazone Caro Athanasiadis, Tricky Niki

Sedlak, Markus Hauptmann, Andy Woerz, Harry Lucas, Clinic-Clown-Gründer Roman Szeliga, Robert Mohor, Markus Richter, Uschi Nocchieri, Patricia Simpson, Norbert Peter, Ronny Tekal und Frau Kratochwill, Lydia Prenner-Kasper, Christoph Fälbl, Anja Kaller, Alex Kröll, Martin Kosch, Stefan Haider, Alexander Sedivy, Barbara Balldini und Guido Tartarotti.

Bild: © Ronny Tekal

Bild: © Ronny Tekal

Zu hören kostenlos ab 17. April, 17 Uhr. Dass sich ein gewisser Humor aus der Schere zwischen vortragender Ernsthaftigkeit und Inhalt ergibt, liegt in der Natur der Sache Groschenroman. Die Einblicke, die ein erster Trailer bietet, sind jedenfalls Weltklasse.

Trailer: youtu.be/6_Wo7STW8bg          Mehr Infos: www.facebook.com/petertekal               www.medizinkabarett.at

16. 4. 2020

Filmgarten: Die Kinofilme gibt’s nun online

April 8, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Wiedersehen mit Ludwig XIV. und der Liebhaberin

Eine letzte Ermahnung des sterbenden an den nächsten König – „Erleichtern Sie Ihrem Volk das Leben“: Jean-Pierre Léaud und „Louis XV“. Bild: Filmgarten

Der Filmgarten zeigt seine Titel nun auf dem hauseigenen VOD-Kanal. Ein Großteil der Filme, die bereits im Kino waren, sind ab sofort verfügbar. „Sie ist der andere Blick“ von Christiana Perschon aus dem Jahr 2018 gibt’s Freitag früh, andere wie „Zamaoder „Bewegung eines nahen Berges“ werden folgen, manche sogar zusätzlich in der englischsprachigen Fassung wie beispielsweise Thomas Heises „Heimat ist ein Raum aus Zeit“/“Heimat is a

Space in Time“. Zu sehen ist auch das mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnete Meisterwerk „The Woman Who Left“ des philippinischen Regisseurs Lav Diaz. Trailer: vimeo.com/ondemand/thewomanwholeft. Ein Film kostet 3 Euro und ist 48 Stunden lang sichtbar. Der 14-stündige „La Flor“ von Mariano Llínas, eine Zeitreise durch die Kinokunstformen von den B-Movies der 1960er-Jahre über Musicals bis zu Film-noir-Klassikern (Trailer: vimeo.com/ondemand/laflor), kostet 9 Euro und ist 30 Tage lang sichtbar. Zwei Tipps aus dem Programm:

Filmkritik – Der Tod von Ludwig XIV. Eine Elegie auf die Vergänglichkeit

Da liegt er auf seinem Bett. Königlich. Gekleidet in eine Brokatweste mit Goldknöpfen, samtrote Kniebundhose, weiße Strümpfe. Im Nebenraum wird gefeiert, und die gutgelaunte Gesellschaft fordert ihren Herrscher auf, es ihr gleich zu tun. Doch der kann nicht mehr. Er ruft einen Diener, er will seinen Hut, das Prachtstück rückt wie von Zauberhand ins Bild, Louis schöpft Atem – und grüßt sein Volk formvollendet, mit einer fließenden, eleganten Handbewegung. Dieses: Applaus, Verneigung, Rückzug. Es wird das letzte Mal sein, das der Souverän die Kraft für Bewegung aufbringt … Regisseur Albert Serra hat mit der Nouvelle-Vague-Ikone Jean-Pierre Léaud „Der Tod von Ludwig XIV.“ verfilmt. Léaud, dereinst berühmt geworden durch Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“, wurde für seine herausragende Leistung mit der Goldenen Ehren-Palme und dem Prix Lumière geehrt.

Serra hat basierend auf medizinischen Berichten und den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon die letzten Tage von Frankreichs Sonnenkönig rekonstruiert. Entstanden ist so ein durchaus skurriler Sonnenuntergang, gleichzeitig ein berührendes Kammerspiel im königlichen Schlafgemach, ein wortkarger Film über verwehte Elegance und Opulenz. Die absolutistische Repräsentation nämlich lässt Serra im Halbdunkel, das Licht ist, als wär’s Tenebrismus-Malerei, auf den Schmerzensmann im Zentrum gerichtet, auf dessen Einsamkeit inmitten der ihn umgebenden Geschäftigkeit der Ärzte und Höflinge.

Selbst über den Besuch der geliebten Hunde bestimmt der Arzt: Jean-Pierre Léaud als Ludwig XIV. Bild: Grandfilm

Irene Silvagni als Madame de Maintenon, Marc Susini und Jacques Henric. Bild: Filmgarten

Es passt ins Bild, dass Ludwigs Leibarzt Guy Crescent Fagon – während er herumdoktert – an einer Stelle aus Molières „Eingebildetem Kranken“ zitiert. Mit dem Unterschied, dass Ludwig kein Hypochonder war, sondern im Gegenteil sein wahres Leiden zu spät erkannt wurde. Der Monarch ist 77 Jahre, als er am 9. August 1715 nach einer Jagd über Schmerzen im linken Bein klagt. Behandelt wird alles Mögliche, vor allem – wegen des „guten Lebens“ – Magen, Leber, Galle, doch erst als das Bein schon dunkle Stellen aufweist, erkennt die Ärzteschaft die Gewebsnekrose. Nichts mehr zu machen, zumal der König eine Amputation ablehnt. Ludwig stirbt am 1. September. „Wenn das Bein gegangen ist, sollte der Rest des Körpers nicht länger bleiben“, soll er gesagt haben.

Kaum auszuhalten, mitanzusehen, welchen medizinischen Prozeduren sich Ludwig unterziehen musste. Erschütternd eine mehrere Minuten lange Einstellung, in der Léaud mit einer schaurig-charismatischen Mischung aus Frustration und Starrsinn in die Kamera blickt – Le Grand gefangen im Limbus der Geschichte, sein Körper aber eine Elegie auf die Vergänglichkeit. Das alles hält Serra mit drei fix montierten Kameras fest – weitere Distanz, mittlere Entfernung, Close-Up. Das Projekt war ursprünglich eine Auftragsarbeit fürs Centre Pompidou. 15 Tage wollte Serra Léaud in einen Glaskubus legen, durch den der Museumsbesucher das Sterben des Königs als performativen Langzeitakt erleben sollte. Doch dann fehlte dort auf einmal das Geld. Nun der Film … weiter auf: www.mottingers-meinung.at/?p=25451

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Filmkritik – Die Liebhaberin. Selbstfindung im Nudistencamp

Mit seinem zweiten Spielfilm gewann Lukas Valenta Rinner, Salzburger Filmemacher mit Wahlheimat Argentinien, nicht nur den Diagonale-Spielfilmpreis, sondern nahm auch erfolgreich an Festivals in Rotterdam, Saarbrücken und Toronto teil. In „Die Liebhaberin“ erzählt Rinner von der Haushaltshilfe Belén. Die würfelt ein Job in eine hermetisch abgeschlossene Reiche-Leute-Welt, eine „Gated Community“ am Rande von Buenos Aires mit Wachposten am Tor. Darstellerin Iride Mockert gestaltet diese Belén als abgehärmte, verschlossene Frau, sie so wortkarg wie der ganze Film. Denn Rinner entführt in eine dystopisch surrealistische Ferne (der Eindruck, wird sich am Ende zeigen, trügt nicht): Schöne heile Welt mit Prachtvillen und leeren Straßen. Menschen nirgendwo.

Belén erledigt ihren Job mit stoischer Ruhe. Die dummen Streiche der Reichen interessieren sie nicht. Weder das Treiben ihrer exaltiert-hysterischen Arbeitgeberin, noch das deren Sohnes, ein Sportass, dessen unterschwellige Aggressivität sich noch gegen die Mutter richten wird. Rinner hält sich nicht lange mit einem Prolog auf. Nach 15 Minuten schon ist der Film dort, wo er hingehört. Belén sieht den ersten Nackedei, und entdeckt beim Spicken durch den Elektrozaun, der die Anlage abschirmt, ein Nudistencamp. Da drüben, in einem Garten Eden Argentiniens, tut sich für sie Ungeheuerliches auf, das sie erst auf-, dann erregt.

Putzfrau Belén (Iride Mockert) bei der Arbeit … Bild: Filmgarten

… und mit ihrer neu erworbenen Freiheit. Bild: Filmgarten

In einer wunderbaren Szene tritt Iride Mockert ein ins Paradies, legt die Kleidung ab – und steht da, eine Mischung aus Botero-Figur und Botticellis Venus, mit letzterer Körperhaltung jedenfalls. Sie wird mit offenen Armen empfangen, erfährt Gemeinschaft, Liebe (die sowieso) und allerlei Esoterisches. Die Nackten gebärden sich wie eine Art Sekte. Beléns Weg zur Selbstfindung und in die Emanzipation beginnt. Sie wird selbst- bewusster, aufbegehrender, weil sie sich plötzlich begehrenswert fühlt. Rinner erzählt in seiner unaufgeregten Art, die größten Momente zeigt er in größtmöglicher Stille. Dazu gelingen ihm süffisant-amüsante Bilder. Ein Brunnen wird gekrönt von einer Rieseneichel = Nussfrucht. Ein Nackter mit Schubkarre macht sich ans Garteln.

Und schließlich folgt ein hinreißend schüchterner Doch-Nicht-Sexversuch mit dem Securitymann, nach dem Besuch eines ebenfalls menschenleeren Rummelplatzes. Rinner zeigt keine „schönen“, jungen Körper. Er macht sich behutsam an die Arbeit, waren doch viele seiner Darsteller Laien. Und je mehr der Film fortschreitet, stellt sich fest, dass die Freigeister, die Belén von ihren Zwängen und Nöten befreien, sich nicht weniger Regeln und Vorschriften auferlegt haben, als die High Society auf der anderen Seite. Zwei Stämme stehen hier gegeneinander, die Nackten und die Untoten, und als der Freikörperkultur-Gärtner vom Elektrozaun schwer verletzt wird, steuert der Film auf die Eskalation zu. Rinner treibt nun das Absurde auf die Spitze … weiter auf: www.mottingers-meinung.at/?p=25785

 

www.filmgarten.at/vod-legal-streamen           Zum Online-Katalog: www.filmgarten.at

8. 4. 2020

Kammerspiele: Mord im Orientexpress

November 23, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hercule Poirot und die Frauenpower

Der berühmte Detektiv vor dem ebensolchen Zug: Siegfried Walther als Hercule Poirot und Markus Kofler als Schaffner Michel; hinten: Martin Niedermair und Paul Matić. Bild: Astrid Knie

Einen Whodunit, bei dem mutmaßlich jeder weiß, wer’s war, auf die Bühne zu bringen, ist ein beachtliches Wagnis. Nach der Romanveröffent- lichung vor nunmehr 85 Jahren und diversen Verfilmungen, darunter die Oscar-prämierte All-Star-Produktion von Sidney Lumet und ein nicht weniger prominent besetztes, von Kenneth Branagh mittels eigener Eitelkeit dennoch gemeucheltes Remake, ist Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ nun als deutschsprachige Erstaufführung an den

Kammerspielen der Josefstadt zu sehen. Als Premierenfrage stellte sich die, da sich die Spannung hinsichtlich Tätersuche in Grenzen hält, wie es Regisseur Werner Sobotka und Ensemble gelingen kann, den Luxuszug Fahrt aufnehmen zu lassen; nach erfolgter Ermittlung zwischen Schlaf- und Salonwagen lässt sich ein Teilerfolg festhalten, erzielt durch Coupé-weises glänzendes Schauspiel, doch ist die Inszenierung insgesamt eine recht altbackene, besser als verstaubt passt wohl: verschneite Adaption des Krimiklassikers, optisch mit Eisenbahndampf, Schneegestöber und vorbeiziehender Landschaft als Hommage an die Kinovorbilder umgesetzt.

Kein Geringerer als US-Dramatiker Ken Ludwig, dessen Komödie „Othello darf nicht platzen“ dem Haus beinah 20 Jahre lang einen Kassenschlager bescherte, hat das Buch für die Bühne bearbeitet, und dabei die Zahl der Verdächtigen wie die der Messerstiche auf acht geschrumpft. Aber – die Figuren fehlen einem nicht nur, weil Fan, sondern auch dem Fortgang und der Folgerichtigkeit der Geschichte, die hantige Prinzessinnen-Zofe Hildegard Schmidt, der agile Geschäftsmann Antonio Foscarelli, der vornehme Graf Rudolph Andrenyi, der Arzt Dr. Stavros Constantine – wegen dessen Streichung die Gräfin Andrenyi brevi manu zur Medizinerin upgegradet wird …

Man entdeckt das Mordopfer: Lohner, Matić, Kofler, Nentwich und Niedermair. Bild: Astrid Knie

Poirot bei seiner typischen Abendtoilette mit Haarnetz und Bartbinde: Siegfried Walther. Bild: Astrid Knie

Mary wird verarztet: Krismer und Klamminger, Lohner, Nentwich, Matić, Walther und Maier. Bild: Astrid Knie

Umso absonderlicher ist, dass trotz Personalkürzung und einer Spieldauer von mehr als zwei Stunden, den Charakteren kaum Kontur verliehen wird, und die vielfach gebrochenen und ineinander verstrickten Biografien der Figuren nicht näher untersucht werden. Bis auf Ulli Maiers hinreißend nervtötende Mrs. Hubbard bleibt die illustre Gesellschaft ziemlich eindimensional und allzu oft dort auf lautstarken Klamauk eingeschworen, wo die Verschwörer durch ihre Spleens und Schrullen auf sich aufmerksam machen sollten. Simpel ersetzt subtil, auch am Ausdruck hapert’s, von Agatha Christies köstlich-kühler Stiff-Upper-Lip-Sprache bleibt zumindest in der deutschen Übersetzung nicht viel, und auffallen Sätze wie, Hercule Poirot zu Miss Debenham: „Sie hat recht …“, wo der belgische Meisterdetektiv bestimmt „Mademoiselle hat recht …“ formuliert hätte.

Als dieser erforscht Siegfried Walther den Mord am zwielichtigen Samuel Ratchett, und er tut das auf seine sympathische, liebenswürdige Weise, indem er das mitunter hochnäsig näselnde Auftreten seiner Rolle einfach mit Charme und ein wenig Tapsigkeit unterwandert, um mit derart Noblesse die noble Bande in die Enge zu treiben. Angetan mit den historisch korrekten Kostümen von Elisabeth Gressel und unterwegs im Nostalgiebühnenbild von Walter Vogelweider, beide von den obligaten Bartbinde und Haarnetz bis zum filigranen Jugendstildekor detailverliebt, zweiteres per 180-Grad-Wende vom Speise- zum Wag(g)on-Lits wechselnd, sind:

Johannes Seilern als galgenhumoriger Eisenbahndirektor Monsieur Bouc, Paul Matić als erst mafiös brummelnder Samuel Ratchett, nach dessen Ableben als militärisch stoischer Oberst Arbuthnot, Martin Niedermair als hektisch-ängstlicher Ratchett-Sekretär Hector MacQueen und Markus Kofler als so undurchsichtiger wie diensteifriger Schaffner Michel. Womit es Walthers Poirot aber tatsächlich zu tun bekommt, ist geballte Frauenpower. Allen voran Ulli Maier, deren wohldosiert ordinäre Mrs. Hubbard das Highlight des Abends ist, eine reiche, ergo resolute Amerikanerin auf Männerfang, wie sie durch anzügliches Gesichter-Schneiden Richtung Michel immer wieder verdeutlicht, aber auch die anderen Mesdames begnadete Künstlerinnen im Intrigenspiel.

Eine hinreißend nervtötende Mrs. Hubbard: Ulli Maier mit Markus Kofler, Siegfried Walther und Johannes Seilern. Bild: Astrid Knie

Tätersuche im Salonwagen: Therese Lohner, Marianne Nentwich, Siegfried Walther und Ulli Maier. Bild: Astrid Knie

Marianne Nentwich ist als Prinzessin Dragomiroff nie verlegen um markige Sprüche, die die Blaublütige knochentrocken zum Besten gibt. Michaela Klamminger, die bereits bei ihrem „Der Vorname“-Debüt positiv auffiel, macht aus der Gräfin Andrenyi keine Riechfläschchen-Nervöse, sondern eine patente junge Frau mit Hang zum Zupacken, ebenso Alexandra Krismer, die die Mary Debenham als kecke, selbstbewusste Britin spielt. Therese Lohner hat im Gegensatz dazu als Greta Ohlsson die Lacher auf ihrer Seite; mit der grotesken Ausgestaltung der bigott-verhuschten Missionarin gelingt ihr ein vor schriller Hysterie schillernder Spaß jenseits der Erinnerung an die brillante Ingrid Bergman.

Fazit: Werner Sobotka hat seinen „Mord im Orientexpress“ mit großen Stricknadeln gestrickt, er bevorzugt Amüsement vor Suspense, die Darstellerinnen und Darsteller dabei allzeit bereit zu boulevardbetriebenem Powerplay. Während also alle miteinander den Fahrhebel bis zum Anschlag hochkurbeln, hat sich Knall auf Fall der Fall auch schon erledigt. Die Aufklärung des Verbrechens passiert auf Video. Die Lösung ist eine einfache, nämlich dass dieses Agatha-Christie-Stück den Kammerspielen den nächsten Publikumserfolg bescheren wird. Der Applaus und der Vorverkauf lassen jedenfalls darauf schließen.

Video: www.youtube.com/watch?v=eW5H70YWqMs           www.josefstadt.org

  1. 11. 2019

Belvedere 21: Attersee. Feuerstelle

Januar 30, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Würfel-BH, Weinetikett und Serviettenzwilling

Christian Ludwig Attersee: Feuerstelle, 2011. Privatbesitz. Bild: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien; © Bildrecht, Wien, 2019

Das Belvedere 21 würdigt Christian Ludwig Attersee ab 1. Februar mit einer umfassenden Ausstellung, die sein Frühwerk in den Fokus rückt. Mit bisher wenig bekannten Arbeiten zeigt die Schau „Feuerstelle“, wie Attersee den Umbruch in der künstlerischen Produktion ab den 1960er-Jahren aktiv gestaltet und begleitet hat. In seiner fast sechzigjährigen Künstlerkarriere hat Christian Ludwig Attersee erfolgreich alle Kategorisierungen der Kunstgeschichte unterlaufen. Sukzessive ebnet er ästhetische Grenzen.

Zwischen High und Low, zwischen Pop und Moderne, zwischen freier und angewandter Kunst. Vom Würfel-BH bis zum Prothesenalphabet, vom Weinetikett bis zur Attersee-Wurst, von der Briefmarke bis zum Attersee-Haus – der österreichische Künstler „atterseeisiert“ seine Welt und macht seinen eigenen Namen zur Trademark. Vögel, Fische, Blumen, Speisen, Früchte, Frauen, Horizont, Segelsport und Wetter gehören seit den Anfängen zu seiner Ikonografie und bilden ein allumfassendes Narrativ, dessen zahllose Geschichten erst bei näherer Betrachtung Konturen annehmen und lesbar werden. Attersees Werk schöpft aus seiner eigenen Biografie und seinem Alltag genauso wie aus der Kunst und ihrer Geschichte.

Christian Ludwig Attersee: Butterbrot mit Rehflocken, 1974/1975. Privatbesitz. Bild: Atelier/ Archiv Attersee, Wien, © Bildrecht, Wien, 2019

Christian Ludwig Attersee: Serviettenzwilling (Selbstbildnis Als), 1975. Privatbesitz. Bild: Atelier/ Archiv Attersee, Wien, © Bildrecht, Wien, 2019

Der besondere Fokus der Ausstellung im Obergeschoss des Belvedere 21 liegt auf den ersten zwanzig Jahren von Attersees Schaffen, in denen der Künstler die komplexe Vielfalt seines gesamten Werks formuliert. Gezeigt werden Arbeiten aus zahlreichen Genres, wie Zeichnungen, Collagen, Malerei, fotografische Serien, Teppiche, Filme, Musik, Objekte oder ausgewähltes Produktdesign. Christian Ludwig Attersees unverwechselbares Œuvre wird so in großem Umfang zugänglich gemacht.

www.belvedere21.at

30. 1. 2019

JOY

Januar 16, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Afrikas Armut in die Wiener Zwangsprostitution

Joy ist gefangen im Teufelskreis aus Menschenhandel und sexueller Ausbeutung: Joy Alphonsus. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Vertrau niemandem, auch nicht mir, genauso wenig wie ich dir vertraue“, das ist der erste Rat, den die erfahrene Joy der Neueinsteigerin Precious gibt. Gerade hat ihr die Madame die Verantwortung über das Mädchen erteilt, doch zuvor war die Unwillige noch von deren Handlangern vergewaltigt worden – um sich ans Gewerbe zu gewöhnen. Eine Tat, die vor allen anderen Frauen der Madame geschah.

Eine Machtdemonstration der einen, der Versuch der anderen nur nicht hinzuschauen und -zuhören. Die Kamera fährt derweil Gesicht für Gesicht über deren versteinerte Züge. So etwas wie Mitgefühl oder Solidarität liegt darin nicht. Auf Festivals von Venedig bis Sevilla, von London bis Chicago bereits ausgezeichnet, läuft „JOY“ von Sudabeh Mortezai am Freitag hierzulande in den Kinos an. Die Wiener Filmemacherin erzählt darin die Geschichte ebendieser, aus Nigeria stammend und „illegal“ in Österreich, die im Teufelskreis von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung gefangen ist. Sie arbeitet in Wien als Prostituierte, will sich von ihrer Zuhälterin freikaufen, gleichzeitig ihre Familie daheim unterstützen und ihrer kleinen Tochter hier eine Zukunft sichern. Zehntausende Frauen aus Nigeria fristen in ganz Europa auf Straßenstrichen und in Bordellen ihr Dasein.

Sie sind Teil eines elaborierten und perfiden Systems moderner Sklaverei, betrieben von eben jenen Mesdames, die früher selber Sexarbeiterinnen waren und von Opfern zu Täterinnen aufgestiegen sind. Die Männer sind ausschließlich die Schlepper, doch an beide müssen die „frisch Gelieferten“ horrende Schulden abbezahlen. 50-60.000 Euro bei gerade mal 50 Euro pro geleistetem Dienst.

Betretenes Schweigen als Precious vergewaltigt wird: Angela Ekeleme als Madame. Bild: © Filmladen Filmverleih

Precious wird von Joy für die Prostitution ausgestattet: Mariam Precious Sansui und Joy Alphonsus. Bild: © Filmladen Filmverleih

Die Mesdames begutachten frische Ware. Bild: © Filmladen Filmverleih

Die idealisierte Vorstellung vom Leben in Europa bröckelt schon mit Mortezais ersten Bildern. Sie zeigt die Frauen im Wortsinn am Rande der Gesellschaft, irgendwo im Nirgendwo einer schlecht beleuchteten Gasse und ihre Angst in ein anhaltendes Auto einzusteigen, zeigt sie später in ihrer desolaten, ebenfalls von der Madame zur Verfügung gestellten Unterkunft, zu viele in zwei Zimmern, an der Wand ein Beyoncé-Poster: „Power is not given to you. You have to take it“.

Zeigt eine Parallelwelt aus Beautysalons für schwarze Frauen, in denen Joy Precious aufstylen lässt, oder der Chapel Of His Glory Parish Vienna, wo sonntags die Messe gefeiert wird, zeigt auch die Hilflosigkeit der Hilfsorganisationen. Dies größtenteils ohne Worte, die wenigen, die fallen sind in Englisch oder Pidgin, selten Deutsch, erst langsam erschließen sich dem Betrachter derart die Zusammenhänge, und einmal durchschaut sind die Verhältnisse nur umso unfassbarer.

Mortezais dokumentarisch anmutender Stil, die Authentizität, die Härte des Gezeigten, unterstützt durch die Kameraführung von Klemens Hufnagl, die Ausstattung von Julia Libiseller und Kostümbildnerin Carola Pizzini, stellt den Zuschauer mitten unter die Betroffenen, mitten hinein in die Ereignisse. Wie in „Macondo“, ihrem Film über einen tschetschenischen Buben in einer Flüchtlingssiedlung am Wiener Stadtrand, arbeitet Mortezai auch diesmal mit Laienschauspielerinnen und -schauspielern.

Die sie in der hiesigen nigerianischen Gemeinde gefunden hat. Ganz großartig, mit einer berührenden Mischung aus einer zum Überleben notwendigen Resolutheit und würdevoller Resignation, spielt Joy Alphonsus die Joy, Mariam Precious Sansui die Precious und Angela Ekeleme die Madame. Vieles am Film ist improvisiert, und so begeistert, mit welcher Präzision Mortezai ihre Darsteller durch die Ambivalenz ihrer Figuren navigiert, mit welch hohem Grad an Glaubwürdigkeit sie deren sonst kaum einsehbares Milieu veranschaulicht.

So gelingen starke Szenen. Etwa die von Joy und dem von Christian Ludwig verkörperten Freier Christian, der sie in einer von ihm gemieteten Wohnung als Privatprostituierte haben, sie besitzen und kontrollieren will, doch sofort einen Rückzieher macht, als sie sich seiner „Pretty Woman“-Fantasie entzieht. Oder die vom Mädchenmarkt in einem schäbigen Hinterzimmer, wo die Mesdames neue Ware begutachten und einkaufen. Da hat Joy ihr „Darlehen“ bereits getilgt und kommt ebenfalls vorbei, um sich umzusehen. Sie hat vor, im Geschäft zu bleiben und auf eigene Faust weiterzumachen, heißt: selber eine Madame zu werden, ganz klar, eine Alternative dazu tut sich schließlich nicht auf. Sie ist kein politischer Flüchtling, kommt aus keinem Kriegsgebiet, und sagte sie gegen ihre Madame aus, würde das nicht automatisch ein Bleiberecht bedeuten.

Wie nebenbei schafft „JOY“ auch das Kunststück Momente der Unbeschwertheit erahnen zu lassen. Eine Art Alltagsnormalität, private Momente, Joy mit ihrem Kind auf dem Spielplatz, die Frauen, wie sie zu Musikvideos singen und tanzen. Auch die Verstrickung des Juju in den organisierten Menschenhandel erklärt der Film. Einmal sieht man einen dieser Aberglaubenpriester Fingernägel und Schamhaare und Unterwäsche eines Mädchens als Pfand in einen Beutel stopfen, ein Huhn wird darüber ausgeblutet, die Drohung von Unheil und Tod bei Ungehorsam ausgesprochen. Die Frauen halten den Zauber für real, fühlen sich bis Europa davon verfolgt und fürchten sich davor.

Joys kleine Tochter lebt bei einer Wiener Pflegefamilie: Joy Alphonsus. Bild: © Filmladen Filmverleih

Umso irrwitziger wirkt darauffolgend eine Episode in einem urigen Wirtshaus, in das Joy und Precious auf einen wärmenden Tee einkehren. Da tritt der Nikolaus mit seinen Krampusperchten in die Stube. Deren zotteligen Ziegenfelle, die grässlichen Fratzen, die für sie fremde Exotik des Vorgeführten verblüffen die beiden, die Glockengürtel dröhnen bedrohlich, Sünder werden gesucht – und die Einheimischen singen „Lasst uns froh und munter sein“ …

www.filmladen.at/JOY

  1. 1. 2019