Volksoper: Der Zigeunerbaron

März 1, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Strudelteig aus Temesvár

Eine Wandertruppe spielt die Moritat vom Zigeunerbaron: Kristiane Kaiser, Lucian Krasznec, Boris Eder, Martina Mikelić und Kurt Rydl. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Tatsächlich, Regisseur Peter Lund hat alle vorab getätigten Ansagen eingehalten. „Der Zigeunerbaron“, den er gestern an der Volksoper zur Premiere brachte, ist eine bis ins Detail durchdachte Auseinander- setzung mit rassistischem Klischeekitsch, martialischem Hurrapatriotismus und sogar dem k.k. Kolonialismus. Sein Studium der Novelle „Sáffi“ von Mór Jókai sowie Lunds historisches Interesse an den Johann-Strauß’schen Bezugspunkten sind deutlich miterleb- und nachvollziehbar.

Zeitgeschichte und Zeitgeist sind ebenfalls berücksichtigt, subtile Korrekturen an der einen oder anderen Stelle machen vieles drastischer, dramatischer, dramaturgisch ausgefeilter. Dem Zsupán wird, wie’s bei Jókai mit Sáffis „Hexen“-Mutter ja geschieht und wie es die Völkermordstrategie der NS-Vernichtungsmaschinerie war, der Halbsatz in den Mund gelegt, man solle alle Zigeuner verbrennen. Czipra und Saffi sprechen miteinander auf Romani, was ob des männlichen Nichtverstehens Absprachen zwischen den beiden Frauen möglich macht. Mirabella ist nicht die lang verschollene Carnero-Gattin, sondern Zsupáns Langzeitpantscherl.

Ottokar folglich der in höchst dubioser Situation gezeugte Sohn eines türkischen Paschas, dies wiederum eine Ohrfeige für die xenophobe Arsena. Im Wilde-Ehe-Duett wird der Dompfaff zur Spottdrossel. Die fliegt anfangs Laterna-magica-animiert durch die Ouvertüre, ein sinister dreinblickender Sinti-und-Roma-Chor singt mittendrein sein „Habet acht vor den Kindern der Nacht!“, über die abbruchreife Apsis/Schlossruine von Bühnenbildnerin Ulrike Reinhard ziehen Schattenspiel-Türken und Prinz-Eugen-Silhouette, Belagerung, Befreiung von Wien.

Der Doppeladler verformt sich zu zwei Todeskrähen, das fahrende Volk wird zur Wandertheatertruppe. Als deren Impresario kündet Boris Eder an, ein Stück über eines gewissen Zigeunerbarons Schicksal aufführen zu wollen, bevor er seine Tragöden samt ihren Rollen vorstellt. Einen „Kniff“ nennt Lund im Programmheftinterview diesen Thespiskarren, der „das Moritatenhafte der Handlung“ transportieren soll, und apropos: geleierte Melodie, moralische Belehrung, Lund ist letztlich so sehr mit P.C.-Sein beschäftigt, dass er auf die Operette vergisst.

Liebespaar I: Rydl und Regula Rosin. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Liebespaar II: Krasznec und Kaiser. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Liebespaar III: Anita Götz,  David Sitka. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Er hat das Rot-Gelb-Grün des Banat zu Grauschattierungen entfärbt, buchstäblich und sinnbildlich, die heitere Melancholie des Schnitzer-Librettos in ein bleiern schweres Melodram verwandelt, und wirklich schlimm ist: Alfred Eschwé, sonst steter Garant für schwungvolles Operettendirigat, wirkt wie von der Temesvárer Elegie entmutigt. Statt beschwingtem Walzer und feurigem Csárdás klingt’s, als wäre das Orchester picken geblieben, nein, pardon, falscher Strudelteig, besser passt das Wienerische Bonmot vom sich ziehenden zur Aufführung.

An dieser Stelle nun den satirischen Text einer 1885-Karikatur über des Komponisten Opernhaushoffnungen für sein Werk wiederzugeben, ist selbstverständlich ein schlechter Scherz – Strauß und eine Waage in einem Fesselballon über Wien, unten Schnitzer und Jókai vor der Staatsoper, sagt er eine zu anderen: „Vor lauter Hin- und Her-Balancieren ist der Waag‘ schon ganz schlecht. Jetzt bin ich nur neugierig, auf welcher Seite wir durchfallen werden …“

Aber leicht macht es einem Kostümbildnerin Daria Kornysheva mit ihrem Stilblütenstrauß aus Modern Gipsy, Lumpenfashion und schwarzem Leder nicht, dazu – Achtung: Uraufführungsdatum – Spätbiedermeierfolklore und das Buffo-Paar mummenverschanzt als verschmockte gagerlgelbe Knallchargen. Nicht nur muss Anita Götz als Arsena dazu in Schweinsklauen-Schuhe mündende ferkelrosa Strümpfe tragen, und der Chor in der Zsupán’schen Fleischfabrik Rüssel, selbst eine Ansonsten-Auskenner-Befragung konnte das Geheimnis nicht lüften, warum die Saffi in ein Herrennachthemd verdammt wurde.

Unter all den Schweineschnauzen gibt Kurt Rydl als blutig geschürzter Borstentierzüchter ein spätes Operettendebüt, sein Kálmán Zsupán dabei weniger Bauer als Wurst- und Speckerzeuger, ein landräuberischer Gutsherr, dessen gierigen Opportunismus Rydl routiniert herausarbeitet. Doch bleibt auch sein Charakter, was das Komödiantische betrifft und trotz Rydls Rampensau-Bemühungen zu Zsupáns Gesülze, ein getragen vortragender Spätzünder.

Die unfreiwillige Braut: Lucian Krasznec, Anita Götz, Kurt Rydl, Boris Eder und Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Begeisterung für den Krieg: Marco Di Sapia als Graf Homonay und Kurt Rydl (re.). Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Schrecken des Krieges: Lucian Krasznec, Marco Di Sapia und David Sitka (M.). Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Wer zuletzt lacht …  das ist die famose Martina Mikelić als Czipra. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Lucian Krasznec, übrigens im rumänischen Banat geboren, ist ein sympathischer Sándor Bárinkay mit angenehmem Tenor. Als seine Saffi ist Kristiane Kaiser mit dessen sicheren Höhen mitunter überfordert, Kaiser kann auch – verständlicherweise, siehe Kostüm – kaum berühren. Immerhin, so sagte der Sitznachbar, muss sie sich weder vor noch nach der Hochzeitsnacht umziehen. Regula Rosins Mirabella hat im Böse-Gouvernanten-Look ihre Momente, wenn sie den säumigen Zsupán zum Ringetauschen zwingen will. Und da’s bereits um schrill geht: Anita Götz‘ Arsena toppt diesbezüglich alles.

Marco Di Sapia holt aus seinem Kurzauftritt als Graf Homonay, hier ein sehr stimmiger Husaren-Haudrauf mit Skelettpferd, was geht. Und um beim Erfreulichen zu bleiben, da ist David Sitka als in ständiger Angst vor der eigenen Courage lebender Ottokar zu nennen, Boris Eder, der als verklemmter, sexbefreiter, korrupter Sittenkommissär die ihm laut Regie verbleibenden Register zieht, sein Conte Carnero fast eine Nestroy-Figur – und vor allem Martina Mikelić als Czipra. Ihr ominös okkultes Erscheinen macht sie – pah, Baron! – zur Zigeunerkönigin, zur Spielmacherin, die beim sichtlichen Handlese-Schwindel einzig ihre Sache verfolgt und den feschen und mit ihrer Hilfe bald reichen Bárinkay von Saffi bis zum Schatz manipuliert. Dieser samt einer Art Stephanskrone einer, der den der Nibelungen zu Tand degradiert.

Doppelt passt hier, dass Czipra dem Conte nichts wahrsagt, weil sie’s erstens nicht kann und der zweitens mit einem Eheweib nichts anzufangen wüsste. Es kommen die Soldatenwerber, in einem großartigen Bild der Krieg und dessen Untote-kriechen-aus-einem-unterirdischen-Mordskarussell-Ende. Womit man wieder am Anfang landet, nämlich bei den Brettln, die Theaterkarren bedeuten, wo Impresario Eder Ottokar und Bárinkay unter die vielen gefallenen Helden zählt. Die Bühnenzuschauer buhen, nur Feigling Zsupán hat es „Von des Tajo Strand“ nach Hause geschafft, so etwas will das Publikum nicht sehen.

Also zieht Eder den Vorhang auf zum Happy End. Es fügt sich, was zusammengehört, die als Paschatochter enttarnte Saffi schwebt in Maria-Theresia-Aufmachung unters jubelnde Volk. „Heiraten! Vivat!“ Zu einer derart ausbremsten Operette war der Schlussapplaus dennoch entsprechend schaumgebremst.

Einführung: www.youtube.com/watch?v=E2jQKhn4PMs           www.youtube.com/watch?v=A6IrtLPpXvI             Kurt Rydl und Lucian Krasznec im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=hsE7kmqnSyc                                Peter Lund und Alfred Eschwé im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=H6tUNKAACjM             Probeneinblicke: www.youtube.com/watch?v=A75D7yD6Hmw             www.volksoper.at

1. 3. 2020

Volksoper: Die Csárdásfürstin

September 23, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Erste Weltkrieg bricht übers Varieté herein

Applaus für die Csárdásfürstin: Lucian Krasznec als Edwin, Elissa Huber als Sylva Varescu, Chor und Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das Bild zu Beginn beweist bereits, dass hier nichts Patina angesetzt haben wird. Da sitzen Edwin und seine Verlobte in spe, Stasi, in der Bibliothek derer von und zu Lippert-Weylersheim, sie orgelt schon einmal elegisch ein paar „Schwalben“ heim, er langweilt sich über seiner Zeitungslektüre. Da bricht aus dem Hintergrund und das Bühnenbild entzwei Edwins Erinnerung an die Revuewelt der Sylva Varescu.

Das Budapester Sodom tanzt zwischen den Bücherwänden der Blaublüter. Heia, Heia, so beschwingt geht es her, wenn Regisseur Peter Lund an der Volksoper Emmerich Kálmáns „Die Csárdásfürstin“ inszeniert. Lund hat sich jedmöglichem Ungarn-Kitsch entzogen, die Optik seiner Arbeit ist von eher Klimt’scher Anmutung, dazu ein Hauch Dada – sogar eine Hugo-Ball-Figur in kubistischem Kostüm ist auf der Bühne.

Nicht einen Moment verliert Lund die Entstehungszeit dieses Schlageralbums der silbernen Operettenära aus den Augen, uraufgeführt 1915, ein Jahr nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Er kann, das hat er schon bei „Axel an der Himmelstür“ fulminant vorgeführt, den Staub wegblasen und trotzdem werktreu bleiben.

Jakob Semotan brilliert als Boni, mit ihm das Wiener Staatsballett. Bild: © Alfred Eschwé

Von bigott zu flott: Sigrid Hauser als Anhilte von und zu Lippert-Weylersheim. Bild: © Alfred Eschwé

Und so zeigt er – und wieder arbeitet er mit dem Stilmittel Film – Wochenschauaufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg, Soldaten im Schützengraben, alte Zeitungsartikel über Siege und öfter noch Verluste, Flanieren über den Ringstraßenkorso und Fallen im Feld. Am Ende werden Kampfflieger übers „Habt euch lieb“ donnern, und man wird wissen, das Glück der frisch vereinten Paare hat ein Ablaufdatum. Wie’s der Feri Bácsi singt: „Weißt du, wie lange noch der Globus sich dreht / Ob es morgen nicht schon zu spät …“

Die spritzig-charmante Inszenierung ist unter der diesbezüglichen Leitung von Alfred Eschwé auch musikalisch in Höchstform. Das Volksopern-Orchester kann Walzer, Swing und Charleston vom Feinsten, der Chor des Hauses und das Wiener Staatsballett sind sowieso stets eine Freude.

Ein wahrer Glücksgriff ist Elissa Huber, die als Sylva ihr Volksoperndebüt gibt, die virtuos zwischen lyrischen Höhen und erdigen Tiefen changieren kann, und die darstellerisch Paprika im Blut hat. Lucian Krasznec steht ihr als klassischer Operettenkavalier Edwin – seine Rolle nach einem veritablen „Schwalben“-Streit mit Stasi um „Heut Nacht hab ich geträumt von dir“ aus Kálmáns „Veilchen vom Montmartre“ aufgewertet – sängerisch und schauspielerisch in nichts nach.

Sylva zerreißt Edwins Eheversprechen: Elissa Huber und Lucian Krasznec. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Aus den insgesamt hervorragenden Solistinnen und Solisten – etwa Wolfgang Gratschmaier als grummelig-gutmütiger Fürst von und zu Lippert-Weylersheim, Johanna Arrouas als Komtesse Stasi in Verwandlung vom grauen Entlein zum quicksteppenden Schwan, Axel Herrig als so skurriler wie altersweiser Feri Bácsi, der aus seinem Part immer wieder ein Kabinettstück macht – sticht Jakob Semotan als Graf Boni heraus.

Semotan erweist sich als einwandfreier Komödiant, der mit den Mädis vom Chantant um die Wette über die Bühne wirbeln, singen, tanzen, spielen, und alles gleichzeitig kann. Kein Wunder, dass ihm die Herzen des Publikums zufliegen. Ein weiterer komischer Genuss ist naturgemäß Sigrid Hauser als Fürstin Anhilte, auch diese Rolle für ihre großartige Verkörperin vergrößert und ums Lied der „Hajmasi Hilda und Paul“ erweitert, eine bigotte Bissgurn, die sich als flotte Brettldiva entpuppen wird. Keine Frage, mit dieser „Csárdásfürstin“ fügt die Volksoper ihrem Spielplan ein weiteres Highlight hinzu.

www.volksoper.at

23. 9. 2018

Volksoper: Der Bettelstudent

Mai 1, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie ein skurrilbuntes Pop-Up-Bilderbuch

Boris Eder (Enterich, Kerkermeister), Roman Martin, Gernot Kranner (Offiziere im sächsischen Heer). Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Boris Eder als Kerkermeister Enterich mit Roman Martin und Gernot Kranner. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Herr Kapellmeister, dürfen wir um etwas Musik bitten, aber mit Tempo!“, rief eine strubbelige Figur in den Orchestergraben. Dem Wunsche konnte entsprochen werden. Wolfram-Maria Märtig, neuer Kapelllmeister am Haus, dirigierte seine erste Volksopern-Premiere kräftig und schwungvoll, doch nicht nur dank ihm überzeugte „Der Bettelstudent“ vom ersten Moment an. Als nämlich als erster Boris Eder als Kerkermeister Enterich in Jack-Sparrow-Adjustierung auf die Bühne torkelte und sich mit „I bin der Johnny von Ottakring“ vorstellte, war klar: Regisseur Anatol Preissler wird hier einen knallbunten, von skurrilen Geschöpfen bewohnten Bilderbogen entfalten.

So geht’s denn auch zweieinhalb Stunden zu wie in einem Pop-Up-Buch, Schlag auf Schlag, Szene auf Szene, mit musikalischen Zitaten vom „Fluch der Karibik“-Soundtrack bis zum Streicherstakkato aus Hitchcocks „Psycho“. Muss jemand ungeduldig warten, tickt laut eine Uhr, und gibt’s einen Keulenschlag auf den Kopf zwitschern die ACME-Vögelein. Da haben zwei, Märtig und Preissler, die sich, wie Gesprächen vorab zu entnehmen war, gut verstehen, ihrem Humor freien Lauf gelassen.

Dazu das mit augenzwinkernden Gimmicks versehene Bühnenbild von Karel Spanhak und die im doppelten Wortsinn barocken Kostüme von Marrit van der Burgt, mit besonders schönen Raffrolloröcken, einem Modemuss, um heiratsfähige Herren anzulocken – einem Possenschreiber wie Carl Millöcker würde diese Inszenierung seines Werks wohl gefallen haben.

Nicht zuletzt auch deshalb, apropos Posse, weil Preissler das Couplet des Ollendorf, „Schwamm Drüber“, mit nestroyesken Zeitstrophen zur Bundespräsidentenwahl ausstattete. Mit seiner Arbeit stellt Preissler aus, dass Comic immer auch ein Mittel zur Politsatire ist. Und was dieser Abend über die alltägliche Prostitution der besseren Leut‘ um des lieben Geldes willen, darob moralbefreites Handeln, Betrug, Bestechung und Beutelschneiden aussagt, ist mehr, als eine brave Bearbeitung des Stücks vielleicht vermocht hätte. Man kann gar nicht anders, als die Schurken auszulachen.

Thomas Zisterer (Offizier im sächsischen Heer), Elisabeth Flechl (Palmatica Gräfin Nowalska), Lucian Krasznec (Symon Rymanowicz), Martin Winkler (Oberst Ollendorf, Gouverneur von Krakau), Roman Martin (Offizier im sächsischen Heer). Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Thomas Zisterer, Elisabeth Flechl, Lucian Krasznec, Martin Winkler und Roman Martin. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Martin Fischerauer (Onuphrie, Palmaticas Diener), Elisabeth Flechl (Palmatica Gräfin Nowalska), Mara Mastalir (Bronislawa). Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kabinett-Stückchen: Martin Fischerauer, Elisabeth Flechl und Mara Mastalir. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Deren obersten, den Oberst Ollendorf, spielt der famose Martin Winkler, wie immer sängerisch und schauspielerisch auf der Höhe, als explodierten Rotschopf. Ein Möchtegern, der sich düpiert sieht, denn er hat sie ja nur, Schulter und so weiter, und dabei verleiht Winkler dem Operettenbösewicht zutiefst menschliche Züge. Er gestaltet einen, der doch nur geliebt werden will, vom Volk, von der einen Frau, aber laut Libretto darf das natürlich nicht sein. Fast hat man Mitleid mit ihm, wie er schofel um sein für die Intrige verschleudertes Geld raunzt, und seine Mannen erst! Die sind bei weitem keine schneidige Soldateska, sondern ein kriegsmüder Krüppelhaufen. Als hätte August der Starke das letzte Aufgebot nach Krakau bestellt. „Noch ist Polen nicht verloren“, ist übrigens auch einer der eingewobenen Sätze.

Anja-Nina Bahrmann (Laura), Lucian Krasznec (Symon Rymanowicz), Martin Winkler (Oberst Ollendorf, Gouverneur von Krakau), Chor der Volksoper Wien. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Anja-Nina Bahrmann, Lucian Krasznec, Martin Winkler und der Chor der Volksoper. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das Liebesquartett bilden Anja-Nina Bahrmann und Mara Mastalir als Schwestern Laura und Bronislawa sowie Alexander Pinderak als Jan Janicki und Lucian Krasznec als „Bettelstudent“ Symon Rymanowicz. Krasznec gibt in der Rolle sein Volksoperndebüt, ein bemerkenswerter junger Mann, dessen Charme sich dem des großen Adolf Dallapozza annähert, und der sich mit seiner strahlenden, glanzvollen und mühelosen Stimme bei Höchste Lust und Tiefstes Leid“ und „Ich Hab‘ Kein Geld“ zweimal tosenden Szenenapplaus abholt.

Mara Mastalir ist entzückend und im Zusammenspiel mit Pinderak, der auch mit seinen Original-Polnisch-Kenntnissen brillieren darf, ein einnehmendes Paar. Sie mit Quirrligkeit und ihrem klaren, sauber geführten Sopran, bei Preissler ist die Bronislawa übrigens überzeugte Tierschützerin und Veganerin, er ein ernsthafter, sich den Buffo beinah verbietender Held, der den „Bettelstudent“  durch seine Würde fast zur „Freiheitsoperette“ adelt.

Anja-Nina Bahrmann ist keine gewohnt zickige Laura, sondern ein Mädl mit Herz, sie weiß nicht nur ihre Stimme schön einzusetzen, sondern auch, wie man, weil komödiantisch so gewünscht, auf Teufel komm‘ raus schmiert. Mit der Gräfin Nowalska gibt sich die Tochter vornehm verarmt, als Vorwegnahme der „Anatevka“-Wiederaufnahme in vierzehn Tagen klingt schon „Wenn ich einmal reich wär“ an. Und Elisabeth Flechl zeigt mit viel Ironie und raumfüllenden Reifröcken eine Fürstin jenseits ihrer güldenen Jahre. Eine mit Talerzeichen in den Augen und Besitzgier im Blut. Stets an ihrer Seite Diener Onuphrie, den Martin Fischerauer stumm und im Schlurfgang als Hommage an Freddie Frinton gestaltet. Nur, dass es zum Dinner nur noch für Erdäpfel reicht. Vor allem die Ankleidesequenz im Boudoir machen die beiden zum Kabinettstückchen. Am Ende ist alles gut, die letzte Volksopern-Premiere dieser Saison ein Triumph für alle Mitwirkenden. Das Publikum dankte mit langanhaltendem Applaus und der einfallsreichen Regie sogar mit Standing Ovations.

www.volksoper.at

www.luciankrasznec.de

Wien, 1. 5. 2016

Kunsthistorisches Museum Wien Lucian Freud

Oktober 7, 2013 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Einblicke in 70 Jahre Schaffenszeit

Nude with Leg Up (Leigh Bowery) Lucian Freud (1922-2011) 1992 Öl auf Leinwand,  Washington D.C., Hirshhorn Museum & Sculpture Garden, Smithsonian Institution; Joseph H. Hirshhorn Purchase Fund, 1993 © The Lucian Freud Archive / The Bridgeman Art Library

Nude with Leg Up (Leigh Bowery) Lucian Freud (1922-2011) 1992
Öl auf Leinwand, Washington D.C., Hirshhorn Museum & Sculpture Garden, Smithsonian
Institution; Joseph H. Hirshhorn Purchase Fund, 1993
© The Lucian Freud Archive / The Bridgeman Art Library

Ab 8. Oktober zeigt das Kunsthistorische Museum Wien zeigt erstmals in Österreich eine Ausstellung mit Werken des britischen Malers Lucian Freud (1922-2011). Der Enkel des Psychoanalytikers Sigmund Freud gilt als einer der bedeutendsten figurativen Maler des 20. und 21. Jahrhunderts. Mit 43 seiner wichtigsten Werke gibt die Ausstellung einen prägnanten Einblick in Freuds beinahe 70-jährige Schaffenszeit: von einem Selbstporträt aus dem Jahre 1943 bis hin zu seinem letzten, unvollendeten Gemälde, das sich zum Zeitpunkt seines Todes im Juli 2011 in seinem Atelier befand. Die Ausstellung umfasst eine Reihe unterschiedlicher Genres: Porträts von Mitgliedern seiner Familie,engen Freundinnen und Freunden, Ehefrauen und Geliebten,Nachbarinnen und Nachbarn, Künstlerkolleginnen und -kollegen, Aristokratinnen und Aristokraten,aber auch von Angehörigen der Arbeiterklasse, ferner Stillleben und Landschaften.

Freuds nachhaltigste und bemerkenswerteste Errungenschaft sind jedochsicherlich seine Selbstporträts. In der Ausstellung sind Leihgaben aus den größten Museen der Welt versammelt, darunter das Metropolitan Museum of Art in New York, die Londoner Tate, das Hirshhorn Museum and Sculpture Garden in Washington D.C., das Ashmolean Museum in Oxford, das Art Instituteof Chicago und das Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid. Darüberhinaus sind hochkarätige Leihgaben von Privatsammlern undehemaligen Mäzenen Freuds zu sehen.Die Auswahl der Gemälde für die Ausstellung wurde in den Monatenvor Freuds Tod im Juli 2011 in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler und mit dessen langjährigem Assistenten David Dawson getroffen. Anhand der Präsentation kann die stilistische Entwicklung von Freuds Malerei über mehrere Jahrzehnte hinweg nachvollzogen werden: von den frühen Arbeiten, die er in akribischer Kleinarbeit und mit feinen Zobelhaar-Pinseln malte, über die Werke der 1950er Jahre, in denen er begann, stehend und mit gröberen Schweineborsten-Pinseln in einem viel lockereren Stil zu malen, und seine ersten völlig nackten Porträts der 1960er Jahre bis hin zu den monumentalen Leinwänden der 1980er und 1990er Jahre, die im letzten Teil der Ausstellung zu sehen sind.

„Das Kunsthistorische Museum zählt mit seinem Bestand an Alten Meistern zu den bedeutendsten Museen der Welt, ist aber zugleich
bestrebt, den Besucherinnen und Besuchern Aktivitäten im Bereich der modernen und zeitgenössischen Kunst zu bieten, anhand derer die
Möglichkeit einer vertieften Auseinandersetzung mit historischer Kunst entsteht”, so Generaldirektorin Sabine Haag. „Es war ein lang
gehegter Wunsch unseres Museums, eine Ausstellung mit Werken Lucian Freuds zu zeigen, und so freut es mich ganz besonders, dass es
uns nun – zehn Jahre nach der wegweisenden Schau ‚Francis Bacon und die Bildtradition’ – gelungen ist, so viele von Freuds namhaften
Gemälden nach Wien zu bringen.” „Es war eine große Ehre, gemeinsam mit Lucian und später mit seinem Assistenten David Dawson an den Vorbereitungen für diese Ausstellung zu arbeiten”, so Kurator Jasper Sharp. „Es tut mir nur leid,dass er es selbst nun nicht mehr erleben kann, seine Werke hier in Wien zu sehen. Wir haben uns in der Ausstellungskonzeption das ehrgeizige Ziel gesetzt, die wichtigsten Werke aus seiner gesamten Schaffenszeit zu zeigen, und sind außerordentlich dankbar für die Unterstützung durch so viele internationale Museen und private Leihgeber, die sich bereit erklärt haben, ihre Werke für diese Ausstellung zur Verfügung zu stellen.”
Die Ausstellung im Kunsthistorischen Museum Wien, dessen Sammlungen sich über nahezu viertausend Jahre erstrecken – vom Alten Ägypten bis zu den großen Epochen des Mittelalters, der Renaissance und des Barock – eröffnet eine einzigartige Möglichkeit, sich mit Freuds Interesse an der Kunst der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Freuds tiefes Verständnis der Kunstgeschichte rahmt sein bemerkenswertes Leben wie Buchstützen. So war die Wohnung seiner Familie in Berlin, wo er in der Zwischenkriegszeit aufwuchs, mit Reproduktionen von Gemälden und Zeichnungen Dürers, Tizians und Pieter Bruegels des Älteren geschmückt. Darunter befanden sich auch zwei Jahreszeiten-Bilder aus dem Kunsthistorischen Museum, „Jäger im Schnee” und „Die Heimkehr der Herde”, ein Geschenk an den jungen Lucian von seinem Großvater Sigmund. Freud kannte die Sammlungen des Kunsthistorischen Museums gut. Unter den Arbeiten seiner Lieblingskünstler – z. B. Frans Hals, Hans Holbein, Rembrandt, Peter Paul Rubens und Diego Velázquez sowie
Bruegel, Dürer und Tizian – schätzte er besonders Giovanni Bellinis „Junge Frau bei der Toilette”, ein Werk, das der Künstler noch im Alter
von mehr als achtzig Jahren gemalt hatte und das eine der von Freud bevorzugten Darstellungen eines weiblichen Aktes repräsentiert. Freud selbst wollte, dass seine Gemälde räumlich getrennt von den historischen Sammlungen des Museums gezeigt werden, damit die
Besucherinnen und Besucher beim Betrachten dazu gebracht werden, eigene Assoziationen zu entwickeln.
Zu den Highlights der Ausstellung zählen „Girl with a White Dog” (1950-1951) aus der Tate; ein unvollendetes Selbstporträt aus der Zeit
um 1956 (das in den letzten 30 Jahren erst einmal gezeigt wurde); Freuds erster Akt in ganzer Figur („Naked Girl”, 1956, aus der Sammlung des Schauspielers Steve Martin); drei bemerkenswerte Porträts von Leigh Bowery aus dem Hirshhorn Museum in Washington, D.C., dem Metropolitan Museum of Art in New York sowie aus einer US-amerikanischen Privatsammlung; „BenefitsSupervisor Sleeping”, ein Gemälde, das im Mai 2008 bei Christie’s,New York für 33,6 Millionen US-Dollar erworben wurde; und sein letztes Meisterwerk, „Portrait of

the Hound” (2010-2011), das zum Zeitpunkt seines Todes noch unvollendet war. Einige seiner Hauptwerke, die in der großen Freud Retrospektive in der National Portrait Gallery in London 2011 nicht zu sehen waren, werden nun ebenfalls in Wien präsentiert, darunter „Wasteground with Houses, Paddington” (1970-1972), Freuds bemerkenswertestes Landschaftsbild, das Stillleben „Two Japanese Wrestlers by a Sink” (1983-1987) aus dem Art Institute of Chicago, „Naked Man, Back View” (1991-1992) aus dem Metropolitan Museum of Art in New York und Freuds größtes und anspruchsvollstes Selbstporträt, der ganzfigurige Akt „Painter Working, Reflection” (1993), aus einer amerikanischen Privatsammlung. In der Ausstellung ist auch ein speziell in Auftrag gegebener 15 Minuten langer Film zu sehen, mit
Bildmaterial, das hier zum ersten Mal gezeigt wird. Der Film wurde von Freuds langjahrigemAssistenten David Dawson gedreht und gibt bewegende Einblicke in die letzten Lebenswochen des Künstlers vor seinem Tod im Jahre 2011. Er zeigt Lucian Freud beim Malen, auch an jenem Tag, der sich als sein letzter Arbeitstag erweisen sollte.
Parallel zur Ausstellung im Kunsthistorischen Museum zeigt das Sigmund Freud Museum unter dem Titel „Lucian Freud: Privat” (9. Oktober 2013 – 6. Jänner 2014) eine Ausstellung mit Fotografien von David Dawson.

Wien, 7. 10. 2013