Landestheater NÖ: Die Nashörner

März 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Achterbahnfahrt durchs Absurditätenland

Wolfram Koch und Samuel Finzi Bild: Birgit Hupfeld

Das Stück zur Stunde: Wolfram Koch und Samuel Finzi erkennen die Ansteckungsgefahr durch die Rhinozerisits. Bild: Birgit Hupfeld

Vier Plätze von Finzi entfernt. Und dann für einen kurzen Moment direkt neben ihm, damit war der Abend quasi schon geglückt. Selbst, wenn es galt Zehen und Zähne zu retten, denn die Tuchfühlung mit einem entfesselten Vollkontaktschauspieler ist immer auch ein gewisses Sicherheitsrisiko – großartig! Das Landestheater Niederösterreich zeigte als Gastspiel der Ruhrfestspiele Recklinghausen Ionescos „Die Nashörner“ mit Samuel Finzi und Wolfram Koch.

Und Ruhrfestspiele-Intendant und Regisseur Frank Hoffmann lässt die erste halbe Stunde, das Straßen-Bild, mitten im Publikum stattfinden. Ein kurzer Fingerzeig, ja, wir alle sind anfällig für. Aber das war’s dann auch schon mit Totalitarismuskritik und Donnerwetter übers Mitläufertum und Rassenfrage und Rechts-, zwo, drei, vier Linksfaschismus, und man muss nur oft genug abbiegen, um von der einen auf die andere Seite zu kommen. Hoffmann hat verstanden, dass man anno 2016 dem Publikum der Welt wilden Wahnsinn nicht mehr vorführen muss. Also nimmt er mit seiner Inszenierung die einzig mögliche und vom Autor auch ausgewiesene Ausfahrt. Richtung absurdes Theater. Und die Darsteller darin als der Kasperl und sein Krokodil. Heißt in diesem Fall: Rhinozeros.

Das trampelt dann auch durch den Theatersaal, als Soundeffekt in der Dunkelheit, das Erscheckend-Unfassbare bleibt hier der Imaginationsgabe der Zuschauer und dem Fabuliervermögen der acht Schauspieler überlassen. Aber da ist man für die Übung von den beiden brillanten Entertainern Finzi als Hans und Koch als Behringer bereits bestens aufgewärmt, hat gelacht, wenn sich Finzis Falsettstimme in geiferndem Eifer überschlägt, seiner Akrobatiknummer an der Rampe szenenapplaudiert, und mit der rosa Plüschkatze der Hausfrau auf dem Vordersitz kokettiert, bevor sie zu einem anklagend blutroten Stofffetzen zermalmt wurde. Hoffmann setzt auf hohes Tempo und Stakkatotonfall. Auf Opernelemente und Clownerien. Und auf eine Rauferei mitten durch die Leute. Sein Abend ist eine rasante Achterbahnfahrt durch die Abgründe menschlicher Gesellschaften.

Subtil forscht er versteckteren Konturen des Textes nach, stellt Zusammenlebbarkeit als solches infrage, ein Konstrukt, von vornherein zum Scheitern verurteilt, wo der Mensch hingreift, macht er’s schon falsch. Dass er in all dem Witz und Gag und Feuerwerk immer im Auge hat, dass Ionescos Humor nicht schenkelklopflustig, sondern prekär komisch ist, macht die Qualität der Aufführung aus. Die Nashörner, sie sind bei Hoffmann nie eine Bedrohung, sie schleichen sich ein, wie zufällig. Werden von der Randerscheinung zur Konsensbewegung zum mehrheitsfähigen Politprinzip. Ionesco hat seine Dickhäutigen noch der Stimme beraubt, nun wählt die schweigende Mehrheit nicht nur in Deutschland Alternativen. Ein Skandal, eigentlich: „Die Nashörner“ sind schon wieder das Stück zur Stunde.

Gesächselt wird übrigens. Mit rollendem Parolen-Rrrr. Im zweiten, dem Büro-Bild, da tragen alle konformistisch Schnauzbart. Ein Holzwollesturm tobt, Jacqueline Macaulay ist eine sexy Sekretärin Daisy, Luc Feit ein ungesund aussehender Stech, Steve Karier ein besserwisserischer Wisser und Marc Baum ein pedantischer Schmetterling-Chef, Christiane Rausch kugelt als kegelrunde Frau Ochs vorbei, die Verwandlungen beginnen. Man will ja nicht Fremdsein in der eigenen Stadt. Und den Nashörnern geht’s um Heimat, Identität und – Umwelt. Das Ensemble mäandert sich hemmungslos skurril durch Szenen, Dialoge und Wertvorstellungen. Eine Trachtenkapelle tritt auf, einmal mit Rumtata, einmal stumm. Es wirkt im Zusammenhang gespenstisch, dieses Aufgehen, das Aufgeben des Individuums in der urwüchsigen Uniformität. In Recklinghausen marschierte ein Ruhrpott-Spielmannszug. In St. Pölten antworten die Schauspieler mit einer Schuhplatteleinlage. Es ist dem Landestheater einmal mehr hoch anzurechnen, dass es zusätzlich zum eigenen eindringlichen Spielplan politisch spannende Produktionen aus anderen Ländern in sein Haus einlädt.

Auch Hans schwenkt um. Samuel Finzi, im Fantasiecamouflageanzug samt neckischem Hütchen, baut sich einen Tischturm und fliegt am Schnürbodenhaken in seine schöne neue Welt. Für diese war er einfach zu Kraft-durch-Freude-strotzend. „Keine Ähnlichkeit, keine Ähnlichkeit …“, wiederholt Kochs Behringer am Ende mantraartig. Er will als Mensch für die Menschheit eintreten. Im Bühnenbild von Christoph Rasche sagt Wolfram Koch diese letzten Sätze eng eingesperrt zwischen Gitterzäunen, denn, ach, bereits Ionesco befürchtete, dass das Ende eines friedlichen Diskutierens längst angebrochen ist …

www.landestheater.net

www.ruhrfestspiele.com

Wien, 18. 3. 2016

Zwei Tage, eine Nacht

November 3, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Dardenne-Brüder im Gespräch

Bild: Alamode Filmverleih

Marion Cotillard  Bild:

Marion Cotillard
Bild:

Seit 31. Oktober läuft in den heimischen Kinos der neuesten Film der Dardenne-Brüder „Zwei Tage, eine Nacht“.

Zwei Tage und eine Nacht, in denen für Sandra (Marion Cotillard) alles auf dem Spiel steht: Achtundvierzig Stunden hat sie Zeit, um ihre Arbeitskollegen zu überreden, auf ihre begehrten Bonuszahlungen zu verzichten, damit sie selbst ihren Job behalten kann … Cotillard spielt Sandra mit einer wunderbaren Zurückgenommenheit. Doch fast noch toller ist es, wie die Dardennes Sandras Figur nutzen, um nicht nur die Emanzipationsgeschichte einer Frau von ihrer Krankheit zu erzählen, sondern mit jedem ihrer Besuche bei einem Kollegen eine dramatische Miniatur schaffen. Die befristete Stelle, die bei einem für den Betrieb unbequemen Votum nicht verlängert wird; die Ausbildung der Kinder, die teuer zu Buche schlägt – jede Tür, die sich Sandra öffnet, bietet einen Einblick in die alltäglichen Nöte von Menschen in der unteren Mittelschicht. Und wenn Sandra eine Tür verschlossen bleibt, dann erzählt das mindestens genau soviel über Freundschaft und Zusammenhalt in Zeiten des Neoliberalismus. Knapper und treffender als Jean-Pierre und Luc Dardenne kann man die wirtschaftliche Krise kaum aufs Menschliche herunterbrechen. Seit drei Jahrzehnten drehen die belgischen Filmemacher vor allem Sozialdramen und haben dabei dieses Genre mit dem hässlichen grauen Etikett gründlich erneuert. Sie zeigen nicht nur, wie die Welt um uns herum ist: alltäglich, traurig, manchmal richtig schlimm und dann wieder unerwartet wunderschön. Sie hängen auch mit der Kamera an ihren Protagonisten und folgen jeder scheinbar noch so nichtige Bewegung. Dabei ist jedes Detail so durchdacht, bis das Ergebnis völlig selbstverständlich wirkt und dennoch überwältigende Wirkung hat. Souverän, schnörkellos und spannend wie üblich erzählen die Regie-Brüder ihre Geschichte. Mit Marion Cotillard haben sie eine oscarreife Darstellerin. Sehenswert!

Interview mit Jean-Pierre und Luc Dardenne

Welchen Umständen verdankt sich das Filmprojekt „Zwei Tage, eine Nacht“?
Luc Dardenne: Der Hintergrund ist natürlich die soziale und ökonomische Krise, in der sich Europa gegenwärtig befindet. Wir hatten schon seit mehreren Jahren an einen Film gedacht, in dem sich ein Mensch damit konfrontiert sieht, dass er mit Zustimmung der Mehrheit seiner Arbeitskollegen entlassen werden soll. So richtig nahm das Projekt aber erst Gestalt an, als wir eine klarere Vorstellung von den beiden Hauptfiguren hatten, dem Ehepaar Sandra und Manu, die trotz widriger Umstände zueinanderhalten.
Jean-Pierre Dardenne: Wir wollten eine Figur darstellen, die ausgeschlossen wird, weil man sie für schwach und nicht tüchtig genug hält. Der Film soll ein Loblied auf diese „Untüchtige“ sein, die durch den Kampf, den sie Seite an Seite mit ihrem Mann führt, neue Kraft und neuen Mut schöpft. Sandras Kollegen haben für einen Personalabbau und folglich für ihre Entlassung gestimmt, um sich so die Auszahlung einer Prämie zu sichern.
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Sind Ihnen in der Arbeitswelt des Öfteren solche Fälle zu Ohren gekommen?
Jean-Pierre: Ja, mehrmals, auch wenn die Umstände natürlich nie exakt die gleichen waren. In der Arbeitswelt stößt man täglich, sei es in Belgien oder anderswo, auf zahlreiche Fälle, die deutlich machen, dass Leistungsfähigkeit zu einer wahren Obsession geworden ist. Die Beschäftigten werden dabei häufig in einen brutalen Konkurrenzkampf gezwungen. Manu ermuntert Sandra, ein Wochenende lang all ihre Arbeitskollegen aufzusuchen, um diese dazu zu überreden, ihr Votum zu überdenken und so ihre Wiedereinstellung zu ermöglichen. Er spielt also eine ganz entscheidende Rolle … Manu verkörpert ein wenig den typischen Gewerkschaftler, gleichzeitig ist er für Sandra aber auch so etwas wie ein „Coach“. Es gelingt ihm, sie davon zu überzeugen, dass es immer noch eine Chance gibt und dass sie es durchaus schaffen kann, ihre Kollegen zu einem Meinungsumschwung zu bewegen.
Luc: Sandra sollte keinesfalls als Opfer erscheinen, das die Kollegen, die gegen sie gestimmt haben, anprangert und ihnen die Schuld zuweist: Es geht hier nicht um den Kampf eines armen Mädchens gegen die Bösewichte!
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Sie fällen keinerlei Urteil über die einzelnen Filmfiguren.
Luc: Die Arbeiter inbefinden sich in einer Situation, die durch permanenten Konkurrenzdruck und Rivalität gekennzeichnet ist. Es kann daher nicht die Rede davon sein, dass auf der einen Seite die Guten und auf der anderen die Bösen stünden. Es ist überhaupt nicht unsere Art, so die Welt zu sehen.
Jean-Pierre: Ein Film ist schließlich kein Gericht! Sandras Kollegen haben alle ihre guten Gründe, um mit Ja oder mit Nein zu stimmen. Denn eines ist sicher: Die Prämie stellt für keinen von ihnen einen Luxus dar, auf den sie leicht verzichten könnten. Sie brauchen alle dieses Geld, sei es um ihre Miete oder sonstige Rechnungen bezahlen zu können. Sandra versteht das umso besser, da sie ja selbst mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Mit ihrem Mann und ihren Kindern kann sich Sandra immerhin auf eine Familie stützen, die zusammenhält.
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Das war nicht immer so in Ihren Filmen ..
Luc: Gerade aus ihrer Ehe schöpft Sandra all ihren Mut. Manu liebt seine Frau von ganzem Herzen. Er kämpft gegen ihre Depressionen an und hilft ihr dabei, ihre Angst zu überwinden. Am Anfang des Films glaubt Manu ja mehr an Sandra als diese an sich selbst.
Jean-Pierre: Selbst ihre Kinder unterstützen sie in ihrem Kampf. So helfen sie ihren Eltern etwa dabei, die Adressen der Kollegen herauszubekommen…

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Warum kommt es den Arbeitskollegen nicht in den Sinn, in Streik zu treten oder sich auf andere Weise dem erpresserischen Deal zu widersetzen, der ihnen von ihrem Chef angeboten wurde?
Jean-Pierre:
Wir haben uns ganz bewusst für ein kleines Unternehmen entschieden, in dem die Zahl der Angestellten nicht ausreicht, um sich gewerkschaftlich zu organisieren. Wäre es uns darum gegangen, die Geschichte eines Kampfs gegen einen klar definierten Feind zu erzählen, so wäre es ein ganz anderer Film geworden. Gleichwohl bleibt festzuhalten, dass das Ausbleiben einer kollektiven Reaktion, eines offenen Widerstands gegen die perfide Abstimmungsalternative auch den generellen Mangel an Solidarität in unserer Zeit offenbart.
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Wie lange haben Sie am Drehbuch gearbeitet, um es letztlich zu diesem Ergebnis zu führen?
Jean-Pierre:  Wir haben schon seit rund zehn Jahren immer wieder über dieses Projekt geredet, hatten also genug Zeit, um uns darauf vorzubereiten.
Luc: Das Schreiben als solches ging recht flott vonstatten. Im Oktober 2012 fingen wir damit an, uns mit der Gliederung des Skripts zu befassen, und im März 2013 war es bereits fertig. Wir wollten, dass sich die ganze Handlung innerhalb einer recht kurzen Zeitspanne abspielt, wie es ja auch der Titel verlauten lässt.
Jean-Pierre: Die Idee war, dass die durch einen so engen zeitlichen Rahmen bedingte Eile den Rhythmus des Films bestimmen sollte.
Luc: Wir lernten Marion Cotillard kennen, als wir „Der Geschmack von Rost und Knochen“ von Jacques Audiard koproduzierten, der teilweise in Belgien gedreht wurde. Schon bei der ersten Begegnung – sie verließ gerade den Aufzug und trug ihr Baby auf den Armen – waren wir ihr ganz und gar verfallen. Als wir danach im Auto nach Lüttich zurückfuhren, taten wir nichts anderes als über sie zu reden, ihr Gesicht, ihren Blick…

Jean-Pierre: Eine so bekannte Darstellerin zu engagieren bedeutete für uns natürlich eine zusätzliche Herausforderung. Marion Cotillard erwies sich jedoch als geschickt genug, um sich für diesen Film einen neuen Körper und ein neues Gesicht zu erfinden. Luc: Es war ihr völlig fremd, ihre Arbeit als Schauspielerin in den Vordergrund zu stellen. Nichts von dem, was sie vor der Kamera gezeigt hat, trug die Züge einer Selbstinszenierung oder einer Demonstration ihres Könnens. Wir arbeiteten in einem Klima wechselseitigen Vertrauens zusammen, das es uns leicht machte, alle Möglichkeiten auszuloten.

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Wien, 3. 11. 2014

 

Wiener Festwochen: „Die Neger“ bleiben

März 30, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Übersetzer Peter Stein sagte Nein

Bild: Wiener Festwochen

Bild: Wiener Festwochen

Vor einigen Wochen hatte es im Internet https://www.facebook.com/pamojamovement Aufregung um Jean Genets Stücktitel „Die Neger“ gegeben. Eine – so der Dramatiker – Clownerie, die der Autor von „Die Zofen“ 1958 verfasste. Regisseur Johan Simons wollte einlenken, den Titel für die Premiere am 3. Juni aus dem Französischen „Les nègres“ in „The Blacks“ oder in „Die Weißen“ umbenennen – doch Theaterpapst Peter Stein, das die Satire einst ins Deutsche übersetzte, legte sein Veto ein.

In „Die Neger“ reflektiert der Autor über die Hautfarbe als Stigma des Außenseiters. Als „Neger“ gilt ihm jeder Unterdrückte und Diskriminierte. In Simons’ Neuinszenierung illustrieren einige Schauspieler mit beißendem Spott das rassistische Klischee, andere Spieler repräsentieren die Kolonialisten. „Die Farbe der Leute auf der Bühne oder im Zuschauerraum ist keine Spiegelung der Gesellschaft. Statt darüber zu jammern, möchte ich dieses Problem thematisieren. Die Verwandlung der weißen Schauspieler wird nicht in der Maske, sondern auf der Bühne stattfinden, sie soll etwas Gewalttätiges, etwas Schmerzhaftes haben. Die äußere Farbe soll eine innere Revolte spiegeln“, erklärt Johan Simons. Der übrigens sowieso damit rechnet, dass nach fünf Minuten „die Aktivisten die Bühne stürmen“. In Wien spielen Felix Burleson, Karoline Bär, Benny Claessens, Stefan Hunstein, Hans Kremer, Anja Laïs, Christoph Luser, Oliver Mallison, Anne Müller, Wolfgang Pregler, Maria Schrader, Bettina Stucky, Edmund Telgenkämper und Kristof Van Boven.

Über den Autor: Jean Genet, geboren 1910 in Paris, gestorben 1986 ebenda, war ein Außen- und Andersseiender. 14 Gefängnisaufenthalte, Ausweisung aus fünf europäischen Ländern, Diebstahl, Zuhälterei, Schmuggel, Homosexualität, Stricher, Fremdenlegion. Seine Mutter übergab ihn sieben Monate nach der Geburt der öffentlichen Fürsorge. Sein Werk riss ihn von einer „Vergangenheit flagranter Vergehen“ los. Jean-Paul Sartre und Jean Cocteau schreiben an den Präsidenten der französischen Republik, Vincent Auriol, ein Begnadigungsschreiben aus lebenslanger Haft, Pablo Picasso bot sich an, für ihn ins Gefängnis zu gehen. Der Präsident begnadigte. Sartre nannte ihn in einer tausendseitigen Studie von 1952 „Saint Genet, Komödiant und Märtyrer“, „ein Genie, das keine Begabung ist, sondern der Ausweg, auf den man in hoffnungslosen Fällen kommt“. Genet wurde lange als  „Orpheus des Abschaums“ beschimpft. Noch in den 1950-Jahren bekamen Theater Bombendrohungen, wenn sie Genet spielten. Und noch 1966, nach der Pariser Erstaufführung von „Der Balkon“, wurde gefordert, dem „Théatre de France“ die Subventionen zu streichen. Zu wüst, zu weit entfernt von der öffentlichen Moral erschien vielen sein Werk. Auch in politischen Fragen, zu denen er lebenslang entschieden Stellung bezog. Heute feiern ihn viele als „Dissident der Sittlichkeit“. Auch der große Luc Bondy, der „Die Zofen“ bei den Wiener Festwochen inszenierte. „Es gibt“, so vielleicht Genets schönster Satz, „keine andere Quelle der Schönheit als die Verletzung.“ Oder wie der Wiener so sagt: I bin nega. Sind wir das nicht alle? Irgendwie?

www.festwochen.at

https://www.facebook.com/pamojamovement

Wien, 30. 3. 2014

Wiener Festwochen: „Tartuffe“

Juni 5, 2013 in Bühne

Deklamieren bis zum Defibrillieren

Joachim Meyerhoff, Gert Voss  Bild: Ruth Walz

Joachim Meyerhoff, Gert Voss
Bild: Ruth Walz

Als der große Gert Voss in Matthias Hartmanns Einstandsinszenierung „Faust“ als Mephisto so unglücklich stürzte, dass er sich schwer verletzte, und Joachim Meyerhoff für ihn einsprang, gab’s für die Wiener endlich wieder was zum Raunen: Der bessere Teufel ist … in dieser Stadt bekanntlich ja jeder ein Burgtheaterdirektor. Nun gab es Gelegenheit, die Titanen gemeinsam am Werk zu sehen. Festwochen-Chef Luc Bondy persönlich inszenierte am Akademietheater Molières „Tartuffe“. Mit Meyerhoff in der Titelrolle und Voss in der des Orgon. Und siehe da: kein „Kampf“, sondern feinstes Zusammenspiel. Die beiden sind eben unvergleichlich. Gut. Sprachartisten, selbst wenn ihnen die Situation gerade Sprachlosigkeit vorschreibt. Meister des Humors, den Ersterer sich auf der Zunge zergehen lässt, während ihn Zweiterer mit zunehmender Entdeckung der Täuschung zwischen den Zähnen zerbeißt. Der Abend: ein Solo für zwei.

Meister. Das war generell das Motto. Im detailverliebten Bühnenbildsalon (Richard Peduzzi) konnten die Zuschauer vor allem dem Sport frönen, der hier am Beliebtesten ist: Gemma Schauspielstars schauen! An der Burg kann Bondy aus dem Vollen schöpfen, Charakterdarsteller bis in die kleinsten Rollen. Schade, dass er in seiner zweistündigen Aufführung manche zu etwas ausführlicheren Stichwortgebern schrumpfte (Peter Knaack als wunderbar-cholerischer Damis, Philipp Hauß als sein aufgeklärt-abgeklärtes Pendant Cleante). Denn Bondy interessierte sich offenbar für die Dreiecksehedramakomödie – um das Ganze noch Lustspiel zu nennen, fehlte das dafür unerlässliche Timing – Tartuffe/Orgon/dessen Ehefrau Elmire, sehr schön verkörpert von Johanna Wokalek, in sehr schönen, sich in ständiger Selbstauflösung befindlichen Wickelkleidern. Dass hier ein Betrüger einen ganzen Haushalt in seine Gewalt bringen will, kommt schon auch vor. Am Ende dann. Selbst Gertraud Jesserer, deren Rolle „Madame Pernelle“, Orgons Mutter, man auch ausführlicher kennt, wurde fürs Regiekonzept mit dem Rollstuhl an die Wand gefahren.

Aber: Der Abend war in sich stimmig. Kompliment. Ein typischer Bondy. Bei niemandem als bei ihm ist das deutschsprachige Theater „frönsosischer“. Die Schauspielerei kein Hand-, sondern ein Kunstwerk. Pathos pur, lausig lustig, große Gesten, Edel-Ennui, Darsteller, getragen, tragen den Abend, Deklamieren bis zum Defibrillieren. Voss, unterm Tisch als Grandseigneur in der Geig’n, spielt den Herzkasperl. Oder sich in dessen Nähe. Er legt seinen Orgon nicht als bibberndes Häufchen Bigotterie an, sondern ist in Anzug samt Uhrenkette ein Herr, herrisch bis zur Tyrannei. Konzernchef könnte er sein. Industrieller. Politiker. Kein Wunder, dass sich Tochter Marianne (Adina Vetter, leider auch nur „Aufputz“) und ihr Verlobter Valere (Peter Miklusz) vor ihm fürchten. Der Mann ist ein Raubtier, aber sofort handzahm, tritt Tartuffe auf. Der hat seinen großen Auftritt hinter einem roten Samtvorhang heraustretend, einem Knaben noch die Haare und die Kleidung richtend, ihm versichernd, dass Gott ihnen beiden gewiss vergeben werde … Ja, Zeitbezug, schon gut, muss auch irgendwo hin. Immerhin ist Meyerhoff für Ahnungslose damit sofort als Schein-Heiliger enttarnt. Da können der brave Seitenscheitel und die Oberlehrer-Nickelbrille nichts mehr ausrichten. Man hat sich das Rampenlichtspektrum also aufgeteilt. Während Voss vom sonnigen Gelb in den Wutrotbereich wechselt, bleibt Meyerhoff lange für die anderen Figuren verdeckt im Ultraviolett. Als sanfter Schleimer, Wortklingler, Gehirnwäscher, mit dem schließlich sein Lustmolch durchgeht. Entgleist. Oje.

Die genial-gewagteste Besetzung Bondys ist aber Edith Clever als aufsässige Dienerin Dorine. Darf man über die Grande Dame sagen, sie liefere ein Kabinettstückchen nach dem anderen? So stellt man sich das vor, ein Faktotum, seit ewig im Haus, zu allem eine Meinung, auch, wenn man ihr ständig den Mund verbietet. Eine Fädenzieherin, fast Dea ex machina. Doch ist diese Aufgabe in männlicher Ausführung Michael König vorbehalten, der als Polizeibeamter zu Tartuffes Verhaftung erscheint. Und dabei zu einer erheiternden, beinah Hornek’schen Österreichrede antritt: „Wir sind ein Staat, der Korruption ahndet …“ Da tritt das Publikum hin und denkt sich seinen Teil … Bondy zeigt, auch durch seine Prosabearbeitung des Textes, dass es zwischen alt- und neumodisch eine beinah buddhistische Mitte gibt. Einer wie er  darf sich in Gelassenheit ergehen. Die „Welt“ schrieb, Bondy sei längst in seiner eigenen Klassik angelangt. Dem ist nichts hinzuzufügen.

www.festwochen.at

www.burgtheater.at

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Von Michaela Mottinger

Wien, 5. 6. 2013

Wiener Festwochen: „Le Retour“

Mai 19, 2013 in Bühne

Bruno Ganz glänzt in Harold Pinters

Familienaufstellung

Jérôme Kircher, Micha Lescot, Louis Garrel, Bruno Ganz, Emmanuelle Seigner, Pascal Greggory Bild: Ruth Walz

Jérôme Kircher, Micha Lescot, Louis Garrel, Bruno Ganz, Emmanuelle Seigner, Pascal Greggory
Bild: Ruth Walz

Es war einmal, da erklärte Bruno Ganz nie wieder in Wien Theater spielen zu wollen. Verrisse hatten ihn gekränkt. Zu Recht. Er war damals ein fabelhafter Ödipus in Kolonos in einer fabelhaften Inszenierung von Klaus Michael Grüber. Ein Glück. Verletzungen verheilen. Auch, wenn’s zehn Jahre dauert. Nun ist der Schweizer Star wieder da. Spielt in Luc Bondys Inszenierung von Harold Pinters „Le Retour“ den Max. Fabelhaft. Naturgemäß. Der Intendant der Wiener Festwochen hat diese Arbeit von seiner neuen Wirkungsstätte in Paris, dem Odéon-Théâtre de l’Europe, mitgebracht.Eine gewaltige Collage aus in Gewalt verborgener Geborgenheit, Wut und Witz. Eine Familienaufstellung.

1964 hat Literaturnobelpreisträger Pinter „Die Heimkehr“ geschrieben. Und damit dem Publikum ein unlösbares, wunderbares Rätsel aufgegeben: Als Viererbande hausen Max, Schlachter im Ruhestand, sein Bruder Sam, Privatchauffeur, und seine Söhne – Hilfsarbeiter Joey, der hofft, Boxer zu werden, und Zuhälter Lenny – in einer unfreiwilligen, aus finanzieller Not entstandenen Männer-WG. Da taucht im tristen Nordlondoner Loch der einzige der Familie auf, der’s geschafft hat: Teddy, Philosophieprofessor in den USA, mit Haus, Swimmingpool, drei Söhnen – und einer Ehefrau. Die hat er mitgebracht. Die wird mit herber Herzlichkeit begrüßt und geprüft. Denn Ruth hat eine Vergangenheit als „Model“ und mehr. Die Männerwirtschaft macht die Mutter wieder zur Hure. Eine(r) muss ja aufs Wirtschaftliche schauen. Und tatsächlich: Sie bleibt. Teddy geht allein heim … Undurchsichtig, undurchschaubar das Ganze.

Johannes Schütz hat für diese Geschichte ein sehr schön abgefucktes Bühnenbild erfunden: einen Riesenraum, in dem Küche, Essplatz, Wohnzimmer und Wohnwagen (Sams Unterschlupf) untergebracht sind. Schlafzimmer: im ersten Stock. Hier lässt Bondy seine Schauspieler ihr Spiel entfalten. Bondy hätte Pinter „entstaubt“ war nach der Pariser Premiere irgendwo zu lesen. Blödsinn. Das braucht es bei Pinter nicht. Und das hat auch ein Bondy nicht nötig. Meisterhaft stülpt er über die MQ-Halle eine Atmosphäre, die Verlangen, Verachtung, Verlust spürbar macht. Wie in einer „französisch duftenden“ Käseglocke gefangen, ist das Publikum all diesen starken Gefühlen, Gerüchen, dem Odeur, ausgeliefert. Der Rivalität zwischen beiden Brüderpaaren, der Hassliebe der Eheleute; intellektuelle Humanität trifft auf Animalität. Ohne Ausweg nehmen noch das harmloseste Gespräch, ein absolut banaler Alltagsaugenblick, eine ungeheuere Wendung.

Apropos, Ungeheuer: Bruno Ganz spielt eines. Großartig, gefährlich, grausam. Ein Berserker, Prolet. Ein Kronos, der auf den ersten Blick Seinesgleichen erkennt. Sieht, welche Gorgone ihm da ins Haus kommt. Die wird uns noch was kosten, stellt er nach abgeschlossenem „Geschäft“ mit Ruth fest, während die schon ihr Täschchen dreht. Dieser Fremdkörper Frau wird im Laufe des Abends zunehmend konkret körperlich. Emmanuelle Seigner (Ehefrau von Roman Polanski und hierzulande von seinem „Frantic“ bis Julian Schnabels „Schmetterling und Taucherglocke“ als Filmschauspielerin bekannt) ist als Ruth überirdisch schön, so elektrisierend wie traumwandlerisch. Erst geheimnisvoll -no na -, bald anlassig. Schnell findet sie in alte Muster zurück; die Natur des Menschen ändert sich nicht. Schnell wird da der verbitterte, verwitwete Patriarch zum Tänzler, zum Um-sie-herum-Schwänzler. Wie er das Wesen durchschaut, betrachtet er es auch schon als sein Eigentum. Der trögen Gesellschaft aus Vater und Söhnen schießt das Blut ein – ja, genau da -, als Zukunftspläne greifbar, angreifbar, antatschbar werden. Sehr nachvollziehbar stellen das Louis Garrel als Sportskanone Joey und der immer leicht eingeraucht wirkende Lenny (Micha Lescot) dar.

Das Gewissen, in Gestalt des stets mit seinem Toupet kämpfenden Onkel Sam, hat keine Chance. Pascal Greggory (schon 2011 mit Patrice Chéreaus Inszenierung von Jon Fosses „Rêve d’automne“ bei den Festwochen zu Gast) gibt ihm eine tragikomische Note. Ein Weißclown, bei dem man nicht weiß, ob man über ihn Lachen oder mit ihm Weinen soll. Bleibt Teddy (Jérôme Kircher). In dieser Runde der Spießbürger. Der sich nächtens, nervös mit dem Schlüssel fingernd, ins väterliche Haus stiehlt. Keinen Versuch macht, seine Frau zu „retten“. Am Ende still seinen Koffer nimmt. Und aus. Fast scheint es, er wäre nur heimgefahren – weil, warum sollte ein Uni-Prof sich diese Bagage antun -, um das unter seiner Würde befindliche Weib, dem auch er einmal verfiel, ein für alle Mal loszuwerden. Ach, hätte er doch wenigstens den lieben Sam aus diesem Clan-Gefängnis befreit. Dem fehlt nämlich allein offenbar die Kraft dazu. Aber, Halt! Man darf manches tun, nur nicht versuchen, Pinter zu interpretieren. Also nur so viel: Es war ein überwältigender Abend, der mit Riesenapplaus, Bravorufen und Standing Ovations für Ganz und Bondy endete.

www.festwochen.at

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-die-kinder-von-wien-2/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-julia/

Von Michaela Mottinger

Wien, 19. 5. 2013