Streaming: Sylvie’s Love / Ma Rainey’s Black Bottom

Dezember 31, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Mitten ins Herz von Hollywoods Golden Age

Tessa Thompson und Nnamdi Asomugha als Sylvie und Robert. Bild: © Amazon Studios

Dass Saxophonspieler gefährlich sind, wusste schon Marilyn in „Manche mögen’s heiß“. Nun kann man sich in „Sylvie’s Love“ ein weiteres Mal von der Macht der Blue Notes überzeugen, der Film der Amazon Studios ein romantisches Melodram wie weiland die großen aus den 1950er-, 1960er-Jahren. Regisseur und Drehbuchautor Eugene Ashe führt einen mitten hinein ins Herz von

Hollywoods Golden Age, wo man zur Liebesgeschichte von Schallplattenverkäuferin Sylvie und Musiker Robert zart dahinschmelzen darf. Der Soundtrack von Fabrice Lecomte, das Schmusen auf der Rückbank eines Chevy, die Managerin selbstverständlich ein blondes Gift – und ein Engagement in Paris, das das Paar trennt … ach … was will man mehr? Es ist New York im Sommer 1957, und der geniale, doch schüchterne Saxophonist Robert, und deshalb stets im Schatten des Posers und Bandleaders Dickie Brewster, nimmt einen Teilzeitjob im Plattenladen von Sylvies Dad an, damit endlich Geld in die Kassa kommt.

Einen „West Side Story“-Besenstieltanz und eine zugeschlagene Kellertür später, sind die beiden bis über beide Ohren verliebt. Doch da sind, wie gesagt, Paris – und ein Verlobter im Kriegsdienst, und so wollen Sylvie und Robert einander nicht im Wege stehen. Schnitt. Fünf Jahre später. Man begegnet sich vor einer Concert Hall wieder, Nancy Wilson singt, Sylvie ist mittlerweile Mrs Lacy Parker und Mutter einer Tochter von eh schon wissen wem. Es folgt eine leidenschaftliche Nacht im Hotelzimmer und, damit’s zum Heulen ist, die neuerliche Trennung. Zum zweiten Mal scheint Sylvies und Roberts Liebe unmöglich.

In wunderbarer Nostalgiekulisse fängt Declan Quinn die Bilder dieser feingewobenen Love Story ein. Licht und Ton, alles ist so, als müssten gleich Terry McKay und Nickie Ferrante ums nächste Eck biegen, tatsächlich fehlt eine Szene nicht, in der Sylvie an ebendieser steht, Robert mit einer aufdringlichen Backgroundsängerin sieht, die Situation natürlich falsch interpretiert und wegläuft. Tessa Thompson und der frühere NFL-Football-Star Nnamdi Asomugha, der den Film auch mitproduzierte, sind beim Flirten-Nicht-Flirten ein supersympathisches Paar. Wie der Jazz zwischen den beiden swingt, macht den berührenden Charme von „Sylvie’s Love“ aus.

Thompson und Asomugha. Bild: © Amazon Studios

Aja Naomi King als Mona. Bild: © Amazon Studios

Tone Bell und Jemima Kirke. Bild: © Amazon Studios

Fünf Jahre später. Bild: © Amazon Studios

Tone Bell spielt den selbstsicher gechillten Dickie Brewster, Jemima Kirke die glamouröse „Countess“, deren Verhandlungsgeschick aus dem Local-Heros-Quartett eine internationale Sensation macht. Klar, dass Dickie mit der Countess ins Bett steigt, auf einer Silvesterparty, während Eva Longoria als feurige Ehefrau Carmen einen wilden Mambo aufs Parkett legt. Trotz so viel Musik hat Eugene Ashe nicht auf die zeitgeschichtliche Bassline vergessen. 1957 ist das Jahr von Little Rock, 1963 der Marsch auf Washington, 1965 folgte Selma, und mittendrin entwickelt sich Sylvies flatterhafte Cousine Mona, dargestellt von Aja Naomi King, zur Botschafterin des SNCC- Wählerregistrationsprogramm.

Zu den bezeichnendsten gehört eine Episode, in der Sylvies Mann Lacy, so schuldlos, so verzweifelt – Alano Miller, einen wichtigen, weißen Kunden zum Dinner einlädt, in dessen Verlauf den „netten Leuten“ nicht nur das N-Wort gleich einem Kompliment leicht über die Lippen geht, sondern sich auch herausstellt, der Kunde will Lacy ins Boot holen, weil er laut Kennedys neuem Bürgerrechtsgesetz im Verdacht diskriminierender Geschäftspraktiken steht. So viel zur heilen Doris-Day-Welt. Und weil neben der Hautfarbe das Geschlecht eine wesentliche Rolle spielt, muss auch das biedere Patriarchat sein hässliches Gesicht zeigen – als die durchaus karrierebewusste Sylvie einen langersehnten Produzentenjob bei einer Fernsehkochshow bekommt.

Eine Full-Time-Stelle, die sich schwer mit Lacys Vorstellungen von Haushaltspflichten vereinbaren lässt. Umso schöner, dass das Ende ein emanzipatorisches ist. Was mit dem Siegeszug von Motown und dem Sichern des Familieneinkommens zu tun hat … Freilich kann man „Sylvie’s Love“ vorwerfen, dass hier ausschließlich auf „Bill Cosby Show“-Weise privilegierte Afroamerikaner gezeigt werden. Doch gerade rund ums Fest der Liebe darf man sich dem Genuss einer Märchengeschichte hingeben.

Asomugha, Regé-Jean Page und Ron Funches. Bild: © Amazon Studios

Einer swingenden, klingenden Musik-Geschichte rund ums Suchen und Finden von Glück, deren Moral immerhin ist: Man soll sich kein Opfer abringen, dass der andere gar nicht haben will. Oder wie Audrey Hepburn sagte: „Ich brauche sehr viel Liebe – ich will geliebt werden und Liebe schenken. Liebe ängstigt mich nicht, aber ihr Verlust schon.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=SbjakuJZgww          www.amazon.de

FILMTIPP: Ma Rainey’s Black Bottom

Viola Davis und Chadwick Boseman haben den Blues

Chicago in den späten 1920er-Jahren. Schwarze sind Shoe Shine Boys und Zimmermädchen, die Segregation hat die USA fest im Griff. Und dann ist da ein Star: Ma Rainey begeistert als „Mutter des Blues“ das afroamerikanische wie das weiße Publikum. Zusammen mit ihrer Band will sie in einem Tonstudio eine neue Best-of-Platte aufnehmen, doch schon vor Beginn der Session kommt es zu Spannungen. Nicht nur zwischen Ma, ihrem weißen Manager Irvin und dem Studioboss Sturdyvant.

Sondern auch mit Trompeter Levee, einem hochtalentierten, temperamentvollen jungen Mann, der sich mit seinen eigenen Jazzkompositionen einen Namen machen und, da er den sich allmählich ändernden Musikgeschmack wahrnimmt, Ma’s Songs seinen Rhythmus aufzwingen will. Die Kollegen an Bass, Posaune und Piano sind auf Ma angewiesen, also gewissenhafte Begleiter. Nicht so Ma’s gelangweilte Geliebte Dussie Mae, die sich alsbald mit Levee im Probenkeller vergnügt. Und so kommen im Laufe eines Nachmittags Wahrheiten ans Licht, die das Leben aller Beteiligten erschüttern werden …

Im Rampenlicht: Viola Davis als Ma Rainey. Bild: © David Lee ​/ Netflix

Chadwick Boseman als Trompeter Levee. Bild: © David Lee ​/ Netflix

„Ma Rainey’s Black Bottom“ basiert auf dem gleichnamigen, von der echten, 1886 in Georgia gebornenen Bluessängerin inspirierten Bühnenstück von Pulitzer-Preisträger August Wilson. Theater- und Filmregisseur George C. Wolfe hat das Kammerspiel für Netflix Originals inszeniert, kein Geringerer als Denzel Washington war der Produzent. Zwischen Rampenlicht und der Rumpelkammer, die sich Aufnahmeraum nennt, brilliert Oscar-Preisträgerin Viola Davis als selbstbewusste Musiklegende.

Wie sich ihre Ma furchtlos und furios gegen die Vorurteile einer rassistischen Gesellschaft stellt, grandios bei einem von ihr verursachten Autounfall, da kann die Davis famos aufspielen. Die Rolle des provokant-lässigen Levee ist die letzte des im August verstorbenen „Black Panther“ Chadwick Boseman, und mit Wehmut sieht man diese beeindruckende Leistung, Levee, ein Südstaaten-Junge, der hinter seiner hochfahrenden Art einen tief vergrabenen Schmerz aus der Vergangenheit verbirgt. Was genau, wird die Zuschauerin, der Zuschauer noch erfahren.

Ma’s und Levees emotionale Eruptionen aushalten müssen Colman Domingo, Glynn Turman und Michael Potts als Band, Jeremy Shamos als Irvin und Jonny Coyne als Sturdyvant. Dusan Brown spielt Ma’s stotternden Neffen Sylvester, den sie unbedingt als Ansager engagiert sehen will, Taylor Paige eine laszive Dussie Mae. Eine Empfehlung. Oder wie Colman Domingo sagt: A-one, a-two, a-you know what to do …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=ord7gP151vk          www.youtube.com/watch?v=wAY2oAm2rv4           www.netflix.com

  1. 12. 2020

Love Sarah

September 8, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Mehlspeis-Märchen kuriert die Multikulti-Gesellschaft

Dieses Ensemble kriegt’s gebacken: Rupert Penry-Jones, Shelley Conn, Celia Imrie, Shannon Tarbet und Bill Paterson. Bild: © Filmladen Filmverleih

Die Sinnlichkeit feinster Süßspeisen ist nicht erst seit „Chocolat“ immer wieder beliebtes Filmthema, und schon Cissy Kraner besang in „Wie man eine Torte macht“ die Plagen einer Pâtissière. Nun zelebrieren Drehbuchautor Jake Brunger und Regisseurin Eliza Schroeder die hohe Kunst der Kuchenbäcker in „Love Sarah“, einem warmherzigen Feel-Good-Movie, das am Freitag in den Kinos anläuft.

Das heißt, gut fühlt sich hier anfangs niemand, stirbt doch Mehlspeis-Magierin Sarah just an dem Tag, an dem sie mit Best Friend Forever Isabella in Notting Hill eine eigene kleine Konditorei gründen wollte. Das stürzt diese nicht nur in

tiefe Trauer, sondern auch in schwere Existenznöte, wo keine Bäckerin, da keine Bäckerei, und beides teilt sie mit Sarahs Tochter Clarissa, die mitten in der Tanzausbildung von ihrem Lover vor die Tür gesetzt wird. Zu Sarahs Mutter Mimi hatten die drei längst den Kontakt abgebrochen, aber nun, da die Enkelin einen Schlafplatz und die Geschäftspartnerin der Tochter Geld braucht, scheint die wohlbetuchte Exzentrikerin die einzig rettende Hand. Als dann noch Michelin-Sterne-Koch Matthew auf der Bildfläche erscheint, mit dem Sarah und Isabella wohl mal eine himbeerheiße Ménage à Trois hatten, sind genug Konflikte beisammen, um diese zuckrigen Zutaten in die Rührschüssel zu tun.

Doch Eliza Schroeder und Kameramann Aaron Reid gelingt weit mehr, als De-Luxe-Törtchen pittoresk in Szene zu setzen. Das Spielfilmdebüt der deutschen Regisseurin, die nunmehr selbst in Notting Hill lebt, ist im London der Brexit-Verhandlungen ein sympathisches Stellungbeziehen für eine offene, multikulturelle Stadtgesellschaft. Matthews überkandidelte Kreationen nämlich finden keine Käufer, die Kunden aus der kunterbunten Nachbarschaft wünschen sich Süßes aus ihrer Heimat, „a home away from home“, wie Marketingstrategin Mimi es bald nennt, und so darf jeder ein Rezept vorbeibringen – und sich auf seine Naankhatai, Faworki, Maandazi, Klingeris oder Maamoul bil Tamr freuen.

Stolz aufs hochwertige Pâtisserie-Sortiment: Celia Imrie, Shaonnon Tarbet und Shelley Conn. Bild: © Femme Films

Doch im multikulturellen London wünschen sich die Kunden Kuchen, der nach Heimat schmeckt. Bild: © Femme Films

Hier hatten die Spitzenköche Candice Brown und Yotam Ottolenghi die Finger im Spiel. Bild: © Femme Films

Die berüchtigte Matcha Mille Crêpe Torte ist gelungen: Shannon Tarbet und Celia Imrie. Bild: © Femme Films

So verschieden das neue Sortiment der Bäckerei, so auch die Charaktere ihrer Betreiber. Großartig allen voran ist Celia Imrie, die der Mimi einen herrlich herben Charme verleiht, der ehemalige Star auf dem Trapez, der mit Strenge Disziplin einfordert, und dem Jake Brunger Sätze wie „Müssen wir uns weiter durch diesen Smalltalk plagen, oder sagst du mir, worum’s geht?“, als sie die von ihr erhoffte Finanzspritze erahnt, und Dialoge wie: im noch als Bruchbude darniederliegenden Lokal –  Isabella: „Es hat Potenzial“, Mimi: „Als Crackhöhle!“, auf den Leib geschrieben hat. Mit ihrem feinen Lächeln verrät Celia Imrie, dass ihre Mimi auch über Gemüt verfügt.

Szenen, in denen Tanzelevin Clarissa, frisch und frech gespielt von Shannon Tarbet, die Oma in einen Trapezkurs schleppt, wo die frühere Zirkusdirektorin freilich samt der Kursleiterin alle aufmischt, sind vom Feinsten. Und dann ist da noch der Gentleman von gegenüber, Bill Paterson als skurriler Erfinder Felix, der Mimi nicht ohne deren Wohlwollen Avancen macht. Als Gegensatzpaar sind die ebenfalls starrköpfige Isabella und der nicht minder sture Matthew zur Stelle, Shelley Conn und Rupert Penry-Jones, denn sie misstraut ihm ob seiner zweifellos obskuren Beweggründe von der Haute Cuisine in die Niederungen des „Love Sarah“ genannten Kleinbetriebs zu wechseln.

Egal in welchem Alter, Liebe geht …: Bill Paterson als skurriler Erfinder Felix und Celia Imrie. Bild: © Femme Films

… durch die Backstube: Shelley Conn und Rupert Penry-Jones als undurchsichtiger Sternekoch Matthew. Bild: © Femme Films

Doch erst als endlich alle Konflikte in der Konditorei beseitigt sind …: Shelley Conn und Celia Imrie. Bild: © Femme Films

… kann die quirrlige Elevin Clarissa wieder nach Herzenslust tanzen: Shaonnon Tarbet. Bild: © Femme Films

Die Dame muss erst einmal nicht angebraten, sondern bebacken werden. Nur das Publikum weiß, dass Matthew mittels eines geklauten Clarissa-Haars einen Vaterschaftstest durchführen lässt … But together we’re sweet, könnte das Motto dieses Films lauten, all die Irrungen und Wirrungen, in denen ein bestellter Matcha Mille Crêpe Kuchen erst zum matschigen Dàtschen werden muss, bevor zusammenfindet, was offensichtlich zusammengehört, und der Ritter mit dem weißen Schneebesen seine holde Makronen-Maid heimführen darf. „Love Sarah“ ist ein zarter Film von tragikomischem Humor, und wer das Kitsch nennt, hat recht, aber kein Herz.

Die Leckereien, die so international sind wie es sich für die Bewohner einer Metropole gehört, wurden vom israelisch-britischen Spitzenkoch Yotam Ottolenghi, Food-Stylistin Rebecca Woods, Candice Brown, der Gewinnerin von „The Great British Bake Off“ 2016, und anderen kulturell vielfältigen Bäckereien in London gezaubert. Fazit: Aus der Begegnung von Menschen verschiedener Kulturen kann eine wunderbare Kreativität entstehen. „Die Tatsache, dass ich als begeisterte Bäckerin, die in Deutschland aufgewachsen und mit einem Franzosen verheiratet ist, in Brexit-Großbritannien lebt, hat mich dazu inspiriert, das vielfältige London in seiner ganzen Pracht zu porträtieren, das durch die Liebe zum Backen zusammengebracht wird“, sagt Eliza Schroeder. What else to say? If you got sweet tooth, check it out!

www.weltkino.de/Love-Sarah           www.facebook.com/LoveSarah.DerFilm

  1. 9. 2020

The Show Must Go On! Love Never Dies online

April 26, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine phänomenale Phantom-Fortsetzung

Ben Lewis und Anna O’Byrne. Bild: © Universal Pictures

Musical-Titan Andrew Lloyd Webber bietet dieser Tage seine berühmtesten Werke auf dem Youtube-Channel „The Show Must Go On!“ als kostenlosen Stream an. Zum Wochenende je ein neues; vergangenen Freitag war es „The Phantom of the Opera at the Royal Albert Hall“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39433), nun folgte dessen Fortsetzung „Love Never Dies“ aus dem Jahr 2012 und dem Regent Theatre im australischen Melbourne, das noch bis inklusive Sonntagabend online ausgestrahlt wird.

Das Jahr ist 1907, der Ort Coney Island, wo das Phantom als mysteriöser Mister Y einen Vergnügungspark namens „Phantasma“ betreibt. Bei ihm sind Madame Giry und ihre Tochter Meg, zweitere nun zum Tingeltangelstar avanciert, und Andrew Lloyd Webber führt seinen Protagonisten mit „’Til I Hear You Sing“

ein, der genialische Untergrund-Komponist immer noch der musikalischen Avantgarde verpflichtet, doch ohne seine nach wie vor heißgeliebte Christine bar jeder Stimme dafür. Und apropos, Liebe & Stimme: Wirklich warm wird man anfangs nicht mit dem Phantom von Ben Lewis, Ramin-Karimloo-verwöhnt erscheint einem Lewis Tenor erst zu hoch bei zu wenig Timbre. Doch der erste Eindruck täuscht, Ben Lewis wächst, je dramatischer der Plot, desto mehr in die Rolle – sein Spiel und sein Gesang steigern sich zu einer emotionalen Intensität, die nicht nur eingefleischten „Phans“ die Freudentränen in die Augen treiben wird.

Optisch ist die Inszenierung von Simon Phillips, hier von Brett Sullivan auf Film gebannt, atemberaubend. Designerin Gabriela Tylesova hat einen großartig gothic-grotesken Jahrmarkt auf die Bühne gestellt, ein Theater-auf-dem-Theater, das sich wie Meg im „Bathing Beauty“-Song um immer neue Schichten entblättert, das Highlight ein spektakuläres Kuriositätenkabinett voll lebender Kreaturen, die in den Katakomben, nicht unter der hehren Pariser Oper, sondern des halbseidenen Brooklyner Amüsierviertels hausen.

Ben Lewis. Bild: © Universal Pictures

Das Phantasma des Mister Y. Bild: © Universal Pictures

Sharon Millerchip als Meg Giry. Bild: © Universal Pictures

Maria Mercedes als Madame Giry. Bild: © Universal Pictures

Anna O’Byrne und Ben Lewis. Bild: © Universal Pictures

Anna O’Byrne und Ben Lewis. Bild: © Universal Pictures

Mit hohem Tempo fährt die Kamera in diesen Monsterball der skurrilen Spukgestalten, Gaukler und Jongleure, mitten drin der große Bruder des Tschinellen-Affen, strotzt doch die ganze Produktion vor „Phantom“-Zitaten, vor allem auch musikalisch, die begnadeten Buffi Paul Tabone, Dean Vince und die kleinwüchsige Sängerin-Schauspielerin-Zirkusartistin Emma J. Hawkins als Conférencier-Trio – und die hinreißend das Tanzbein schwingende Sharon Millerchip als schwer ins Phantom verschautes und um dessen Aufmerksamkeit für ihre Kunst buhlendes „Ohlàlà -Girl“ Meg, Millerchip, die sich mit Lolita-Charme gegen die Kraft der Hauptstory ins Geschehen stemmt.

Da platzt ins Beinah-Idyll die Nachricht, Christine Daaé, nunmehr verheiratete Vicomtesse de Chagny und eine der berühmtesten Operndiven der Welt, komme nach New York, um für Oscar Hammerstein das neuerrichtete Manhattan Opera Hause zu eröffnen. Eine Zeitungsnotiz, die den Zorn der düsteren Schutzpatronin Madame Giry erregt, Maria Mercedes ganz Schmerzensfrau mit Kranzfrisur-Dornenkrone, die beim rächenden Gott schwört, zu viel für das von ihr vor Mob und Flammen gerettete Phantom geopfert zu haben, um den Mann noch einmal den Krallen der Teufelin Christine zu überlassen.

Wunderbar wundersam singt Maria Mercedes ihren Part, und wunderbar ist auch, dass Webber nicht auf einen Schurken fokussiert. Wer die wahre schwarze Krähe in „Love Never Dies“ ist, wird im Laufe der Handlung noch enttarnt … Alldieweil steigt Christine im Hafen vom Schiff, Anna O’Byrne mit Simon Gleeson als Raoul und dem hochtalentierten Jack Lyall als Sohn Gustave. Raoul ist mit den Jahren nicht sympathischer geworden, sondern ein besitzergreifender Spieler, selbstgerecht und dem Whiskey zugeneigt, der Christines Gage an den internationalen Roulette-Tischen verliert.

Zu Donnerschlägen und „Angel of Music“-Anklängen entführt ebendieser seine ehemalige Muse, halb zog er sie, halb sank sie hin, in seine Arme nämlich, Christine scheint längst bereut zu haben, dass sie gutes Aussehen vor Genie den Vorzug gab. Es folgt mit „Beneath a Moonless Sky“ logischerweise ein Liebesduett, und da das Phantom endlich seine Gummilippen losgeworden und zum Kuss bereit ist, macht man sich nach einer Stunde Spielzeit ernsthafte Happy-End-Hoffnungen.

Paul Tabone und Dean Vince. Bild: © Universal Pictures

Ben Lewis mit Jack Lyall als Gustave. Bild: © Universal Pictures

Emma J. Hawkins als Fleck. Bild: © Universal Pictures

„Love Never Dies“, im Ronacher nur einmal 2012 und konzertant aufgeführt, hätte zweifellos auch in Wien das Zeug zum Klassenschlager. Mit um nichts weniger potenziellen Hits gesegnet als Teil I, besticht das Musical durch seinen sophisticated Style, der anspruchsvolle, opernhafte Arien mit bewährten Rock-Elementen des weiland „Jesus Christ Superstar“-Schöpfers verbindet, Hochdramatisches mit Unterhaltsamem, und möchte man sagen, das „Phantom“ parodiere die Kriegserklärung der Neuen Musik ans Klassische, so wird wohl diesmal der Zwist U gegen E ausgetragen.

Auch die Charaktere schillern in mehr Schattierungen als im Gut-vs-Böse-Original. Anna O’Byrnes Chistine hat das Leben das Mädchenhafte zwar nicht aus dem Antlitz, jedoch aus der Seele getrieben, ihre Existenz an der Seite Raouls ist gekennzeichnet als ständiger Balanceakt, seine Gereiztheit nicht herauszufordern. Dass O’Byrne zu ihren alabastrigen Good Lucks auch einen glockenhellen, in der Höhe sicheren Sopran mitbringt, ist ein weiteres Positivum.

Das Ereignis der Aufführung ist aber Simon Gleeson, dessen Raoul gewaltige Wandel durchläuft, vom Widerling zum Selbstzweifler, der in „Why Does She Love Me?“ von seiner eigenen Unzulänglichkeit gepeinigt wird, in Akt zwei dann ein typisch männlicher Minderwertigkeitskomplexler, der zum Man-summt-ihn-noch-tagelang-Ohrwurm „Devil Take the Hindmost“ mit dem als „Zirkusfreak“ verspotteten Phantom eine Wette um Christines Gunst eingeht – bis er zum Ende und in der Erkenntnis, dass die beiden mehr verbindet, schließlich bereit ist, sie für den Rivalen freizugeben. Das alles von Gleeson mit einer Leidenschaft und Subtilität verkörpert und gesungen, die seine unglückliche ménage à trois mit Christine und dem Phantom erst mit Elektrizität auflädt.

An anderer Stelle wiederum stellt Gleeson seinen Sinn für Sarkasmus unter Beweis, das Wiedersehensunfreudequartett „Dear Old Friend“ von Meg Giry, Madame Giry, Christine Daaé und Raoul ist diesbezüglich vom Feinsten. Den über allem schwebenden Reiz der auf Vintage getrimmten Show macht allerdings der Jubel und Trubel aus, der mit verschwenderischer Pracht längst vergangene Theatertage beschwört, ein Echo von Sentiment und Melodram, wie dereinst in der goldenen Musical-Ära eines Oscar Hammerstein II – seines Zeichens Enkel des oben erwähnten Opernimpresarios.

Simon Gleeson als Raoul. Bild: © Universal Pictures

O’Byrne, Mercedes, Gleeson. Bild: © Universal Pictures

Anna O’Byrne und Jack Lyall. Bild: © Universal Pictures

Simon Gleeson und Ben Lewis. Bild: © Universal Pictures

Simon Gleeson und Anna O’Byrne. Bild: © Universal Pictures

Anna O’Byrne. Bild: © Universal Pictures

„Love Never Dies“ treibt die Tragödie auf die Spitze. In einer Kakophonie aus Licht und Ton lassen Webber und Regisseur Phillips das Phantom und Gustave aufeinandertreffen, der Wunderknabe hat nicht nur gleich dem Phantom Musik im Kopf, die er sofort auf Klaviertasten übertragen muss, er sieht bei diesem auch „The Beauty Underneath“, allein dieses Duett ist das Anschauen wert!, sodass augenfällig wird, dass die zwei mehr als nur eine Seelenverwandtschaft verbindet. Wann auch immer Christine und das Phantom Sex gehabt haben sollen. Die singt nun unterm Pfauenfächer endlich das titelgebende „Love Never Dies“, euphorisiert von der Schönheit der Musik, in der sie, wie sie dem Phantom gesteht, ihre innere wiedergefunden habe.

Doch zum Grande Finale folgt Plot-Twist auf Plot-Twist, der Strudel von Verlagen und Eifersucht dreht sich immer schneller, rohe Gewalt bricht sich Bahn, erneut eine wilde Kamerafahrt durch „Phantasma“, spannend, wer diesmal als Man In The Mirror zurückbleiben wird, und wieder endet’s bei Nacht und Nebel mit Wahnsinn und Wasser. Und wenn sie nicht gestorben sind … schreibt Andrew Lloyd Webber vielleicht noch ein bittersüßes Sequel über der Musical-Welt liebsten Anti-Helden.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=SdPrrMsUH48

Die ganze Show: www.youtube.com/watch?v=eXP7ynpk1NY          www.youtube.com/channel/UCdmPjhKMaXNNeCr1FjuMvag           www.loveneverdies.com          www.andrewlloydwebber.com

  1. 4. 2020

Marianne & Leonard: Words of Love

November 3, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein gefühlvolles Märchen von männlicher Grausamkeit

Leonard und Marianne als Liebespaar auf der Insel Hydra. Bild © Aviva Layton

„Marianne“, raunt die dunkelsamtige Stimme zu Filmanfang im Voiceover, „ich denke, dass ich dir bald folgen werde. Du kannst einfach deine Hand ausstrecken, und ich denke, du wirst meine erreichen …“ Hundert Minuten später sieht man die 81-jährige Leukämiekranke auf dem Sterbebett liegen, und ihr Freund, der norwegische Filmemacher Jan Christian Mollestad, liest ihr die verbliebenen Zeilen über ihre Anmut und Weisheit und seine Dankbarkeit vor:Endless love,

see you down the road, your Leonard.“ – „Das ist die Nachricht, die sie ein Leben lang hören wollte“, weint Mollestad leise Tränen in die Kamera. Es war Mariannes letzter Wille, dass dies alles gefilmt und gezeigt wird. Zwei Tage danach glitt Marianne Ihlen sanft hinüber, Leonard Cohen, ebenfalls an Blutkrebs erkrankt, folgte seiner Muse drei Monate später. Wen das nicht anrührt, der hat kein Herz, möchte man meinen, und dann passieren die Momente, in denen Marianne sagt: „Meine Liebe zu ihm hat mich zerstört“, oder zu Suzanne Elrod „Du hast mein Leben ruiniert“. Und da bricht das Herz erst recht.

Der britische Filmemacher Nick Broomfield, mit „Kurt & Courtney“ oder „Whitney: Can I Be Me“ hochgradig genre-erfahren, versucht in seiner jüngsten Dokumentation „Marianne & Leonard: Words Of Love“, ab 7. November in den Kinos, die außergewöhnliche Beziehung des kanadischen Singer-Songwriters mit der Norwegerin einzufangen. Den letzten Brief, den der Poet an „die schönste Frau, die ich jemals sah“ schrieb, mittlerweile wenig poetisch mit 50 anderen um mehr als eine Dreiviertelmillion Euro bei Christie’s versteigert, dient Broomfield als Klammer für sein gefühlvolles Märchen über männliche Grausamkeit.

Die beiden lernen einander 1960 auf der griechischen Insel Hydra kennen, Sommer, Sonne, LSD. Marianne ist die Lebensgefährtin des zu häuslicher Gewalt neigenden norwegischen Schriftstellers Axel Jensen und Mutter von Axel jr., Cohen vor zu viel Mutterliebe aus Montreal geflüchtet. Man wird ein Paar, er Vater ihres einjährigen Sohns, der einzige, den dieser je kannte, sie seine Inspirationsquelle. Der Romancier und Lyriker, gerade erst aufgefallen mit seinem Gedichtband „Flowers for Hitler“, entwickelt sich zu dem Liedermacher, als der er weltberühmt werden sollte. Er arbeitet wie im Wahn, Broomfield zeigt in seinem Mix aus aktuellen Interviews mit Zeitzeugen und Archivmaterial von diesen die Szene, in der Cohen zum ersten Mal vor Publikum singt – und aus Lampenfieber nach wenigen Minuten abgeht.

Marianne mit Statue. Bild: © Nick Broomfield

Spaziergang am Strand. Bild: © Babis Mores

Es ist Folksängerin Judy Collins, die ihn ermahnt, sich noch einmal vor das Mikrofon zu stellen, „und in diesem Augenblick“, so Collins heute, „wurde er von seiner eigenen Magie übermannt.“ Cohen erfindet sich nicht nur künstlerisch neu, der schüchterne Einzelgänger wird wiedergeboren als „Ladies man“, seine größten Hits – erlittene Liebesdramen, von „Suzanne“ Verdal und Janis „Chelsea Hotel“ Joplin bis „Take this longing“ Nico und „The Future“ für Rebecca De Mornay. Für Marianne schreibt er ein ganzes Album, „Songs of Leonard Cohen“, und ein zweites, die Cover-Rückseite der „Songs from a Room“ zeigt Ihlen an ihrem Schreibtisch auf Hydra – und natürlich gilt ihr das Abschiedslied „So Long Marianne“.

Denn schon 1965 geht Leonard zurück nach Montreal, „in die Wirklichkeit“, zuerst für sechs Monate im Jahr und in einer Art Doppellebensgemeinschaft, hie die Fotografin Suzanne Elrod mit Cohen-Sohn Adam und -Tochter Lorca, dort die Parallelfamilie Marianne und Axel jr. – bis er zum Superstar avanciert und nach New York übersiedelt. Es ist erstaunlich, wie die Frauen im Film darüber sprechen, Jugendfreundin Nancy Bacal, Folksängerin Judy Felix, Aviva Layton, Partnerin von Poet Irving Layton, sie alle schwärmen vom Feministen Cohen und beschwören das unsichtbare Band, das Marianne und ihn übers Ein-Paar-Sein hinaus verband, und selbstverständlich, sagt Aviva, war er kein guter „Ehemann“, da ja mit seiner Musik verheiratet.

Dies Wechselbad von intensiv empfundener Leidenschaft und verlängerter Urlaubsromanze muss der Zuschauer allein bewältigen, Broomfield maßt sich keine Meinung, nicht einmal eine nüchterne Betrachtung an. In Schwung kommt die Elegie, als Cohens Band- und Tourmitglieder zu Wort kommen, Road Manager Billy Donovan, Langzeitmanager Marty Machat, Gitarrist Ron Cornelius, der durchaus ein wenig spöttisch über des großen Denkers Körperverliebtheit spricht, dessen bevorzugter Aggregatzustand das Nacktsein war, was Aufnahmen im Hotelschwimmbad und unter der Dusche bestätigen.

Leonard Writing. Bild: © Axel Jensen Jr.

Zwischen Depressionen und Selbstmordgedanken und halluzinogenen Drogen, Ron sagt: „Leonard said, you have to be in the zone and we stayed in the zone, while he lived in darkness“, und mit Acid zugedröhnten Auftritten in der Royal Albert Hall oder der Wiener Staatsoper, sind es diese privaten Bilder, die die Doku sehenswert machen: Cohen, der sich in einer Konzertpause rasiert, weil ihn das beruhigt, Cohen, der belegte Brote an seine Freunde verteilt.

Bei der Afterparty einer Show in Deutschland wagt sich eine attraktive Brünette heran, die Leonard zu einem Abendessen überreden will. Der windet sich, sucht höflich Ausflüchte. Da schwenkt die Kamera zum gutaussehenden Begleiter von Schauspielerin Doris Kunstmann, der peinlich berührt bereits den Rückzug antritt: Es ist Udo Jürgens, der nun, da er merkt, dass er gefilmt wird, verlegen lächelt … Nach der Krebsdiagnose zieht sich Cohen zur „mind control“, wie er es nennt, in ein Zen-Kloster auf dem kalifornischen Mount Baldy zurück, im Film sitzt er Seite an Seite mit Meister Kyozan Sasaki Roshi.

Die Prä-Hippie-Künstlerkolonie Hydra, weiß Aviva Layton, wurde etlichen der zwischen kreativer Freiheit und freier Liebe aufgewachsenen Kindern zum Verhängnis. Axel jr. etwa musste, nachdem Vater Leonard ihn verlassen hatte, in eine geschlossene Anstalt eingewiesen werden, in der er laut Broomfield bis heute lebt. Zudem starben drei der vier Kinder von Cohens Mentor auf Hydra, dem australischen Schriftsteller George Johnston, jung an Alkoholismus, einer Überdosis oder begingen Suizid, nachdem die an ihrer Bohème-Existenz bankrottgegangen  Eltern mit ihnen das Eiland verlassen hatten. Wo gleisendes Spotlight, da auch finsterste Seelenschatten, davon in allen Facetten berichtet „Marianne & Leonard: Words Of Love“. Aufnahmen vom Strand, Liebende Hand in Hand, Marianne in einem Boot auf dem Meer, so sonnenblond wie ihr Sohn, sie beim Einkaufen, er beim Kaffee trinken, alles zu schön, um lange wahr zu sein.

Als er via Voiceover sein Weggehen verkündet, zoomt die Kamera sie heran, bis ihr Gesicht unscharf wird, als ob es sich ohne Cohen auflöste. Jeder ihrer Sätze danach ist die pure Sehnsucht, die Sehnsucht nach dem Zurückdrehen der Zeit. Leonard Cohen, erfährt man noch, hätte Marianne Ihlen bei jedem seiner Konzerte eine Karte in der ersten Reihe reserviert. Im August 2013 tritt er im Oslo Spektrum auf. „Marianne, I hope you are here“, ruft er in den Saal, bevor er ihren Song beginnt. Da schwenken die Handykameras auf die Ihlen, wie sie im Duett flüstert: „Well, you know that I love to live with you / But you make me forget so very much / I forget to pray for the angels / And then the angels forget to pray for us …“ So endet Broomfields Märchen von der Muse und dem Musikgenie. Und da sie doch gestorben sind, leben zumindest die Worte der Liebe mit jedem Anhören neu.

 

www.marianneandleonardwordsoflove.com/home

3. 11. 2019

Love Machine

Januar 29, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Womanizer mit Waschbärbauch

Georgy Hillmaier wird vom ambitionslosen Musiker zum erfolgreichen Callboy: Thomas Stipsits. Bild: © Allegro Film/Philipp Brozsek

„Sensibel, bissi Macho, lustig, aber ned bled“, solcherart charakterisiert Georgy Hillmaier das mängelfrei funktionierende Mannsbild, hat er doch selber mit dieser Grundausstattung den größten Erfolg. Wobei, apropos Grundausstattung, die wahrscheinlich längste Praline der Welt hat mit seinem guten Gedeihen im sogenannten ältesten Gewerbe schon auch etwas zu tun: Georgy Hillmaier bietet nämlich seit einiger Zeit als Callboy seine Liebesdienste an.

„Love Machine“ heißt folgerichtig die freche Filmkomödie von Andreas Schmied, die am Freitag in den Kinos anläuft, und in der Schauspieler und Kabarettist Thomas Stipsits den Georgy spielt. Der, ambitionsloses Mitglied einer Zwei-Mann-Combo für Geburtstage und andere Feiern, wird zunächst einmal vom Leben aus der Kurve getragen. Sein Musikerkollege stirbt mitten in einem Auftritt den plötzlichen Herztod, und weil Schulden da sind, verliert Georgy mit einem Schlag nicht nur den Job, sondern auch Auto und Wohnung. Eine Idee für eine neue Einnahmequelle muss also her, und eine solche hat Georgy mit dem Geistesblitz, er könnte doch professioneller Frauenverwöhner werden. Schwester Gitti unterstützt die Absicht nach anfänglicher Skepsis, kommt Georgy bei den Damen doch bestens an. Bald brummt das Geschäft – bis sich die Love Machine ernsthaft verliebt. Ein eher unpraktischer Gemütszustand in diesem Berufsfeld …

Noch sind Georgy und Gitti auf der Suche nach einer Geschäftsidee: Thomas Stipsits und Julia Edtmeier. Bild: © Allegro Film/Philipp Brozsek

Fahrlehrerin Jadwiga wird Georgys große Liebe: Claudia Kottal und Thomas Stipsits. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

Leicht hätte ein Stoff wie dieser zur Sexklamotte, zum Klamaukfilm werden können, doch Regisseur Schmied und sein Hauptdarsteller meistern bravourös die Gratwanderung zwischen gefühlvoll, kess und komisch. Für diesen Mix ist Thomas Stipsits eine Idealbesetzung. Mit Charme und Schmäh und dem ihm eigenen verschmitzten Lächeln gibt er den Womanizer mit dem wehmütigen Blick und dem Waschbärbauch. Wobei vor allem zweiterer Georgy auf die Kundinnen supersympathisch wirken lässt, sind etliche der einsamen Herzen doch in der Altersgruppe Fiftysomething, und sich der Attraktivität ihrer äußeren Erscheinung alles andere als sicher.

Gleich der erste Job scheint diesbezüglich in Peinlichkeit zu versinken, doch Georgy rettet die Situation mit dem Vorschlag, fürs Erste einmal miteinander zu reden. Klar, dass es zu mehr kommt, Stipsits lässt sich in seiner Rolle auf eine Reihe intimer Szenen ein, die kaum eine Spielart von Sex auslassen, und immer ist das Gezeigte stilvoll. Auch, wenn Oralverkehr mit Barbara Schöneberger natürlich zum Lachen ist. Der deutsche TV-Star ist nur eine der kongenialen Darstellerinnen rund um Stipsits‘ Georgy. Auch Lilian Klebow, Adele Neuhauser oder Julia Jelinek gehören zu dessen Klientel.

Mit seiner Ehefrau Katharina Straßer hat Stipsits außerdem eine köstliche Szene. Ihre Figur will Georgys Können geburtsanregend einsetzen – die Straßer dabei tatsächlich hochschwanger mit Töchterchen Lieselotte. Die grandiose Julia Edtmeier, bekannt als Teil der künstlerischen Leitung im Bronski & Grünberg (www.mottingers-meinung.at/?p=27524), ist als Georgys Schwester Gitti zu sehen, erst Waxingspezialistin im Beautysalon der Ulrike Beimpold, bis sie hauptberuflich zur – was Arbeitsaufträge betrifft unbarmherzigen und Leistung einfordernden – Zuhälterin wird.

Georgy wird optisch optimiert: Claudia Schwarz, Thomas Stipsits, Julia Edtmeier, Agnes Hausmann und Philipp Doboczky. Bild: © Allegro Film/Philipp Brozsek

Durch das Ableben seines Bandleaders lernt Georgy dessen Schwester, die Fahrlehrerin Jadwiga, kennen – und ist vom ersten Augenblick an für sie entflammt. Claudia Kottal gestaltet diese seltsam verkorkste junge Frau ganz fabelhaft, zwischen einer Schroffheit und einer Verletzlichkeit, deren Ursache sich erst später herausstellen wird. Georgy jedenfalls muss sich nun entscheiden, ob er weiter Callboy sein oder seine Liebesangelegenheit vorantreiben will.

Glaubt er. Denn einer, von dem jede Frau genau das bekommt, was sie im Moment höchsten Glücks braucht, hat natürlich auch der ausgerechnet in Sexfragen komplizierten Jadwiga etwas zu bieten … „Love Machine“ ist Kinovergnügen pur, mit einem hinreißenden Cast an großartigen Schauspielerinnen und einem Thomas Stipsits, der sich kein Blatt vor den … nimmt. Anschauen!

Thomas Stipsits im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=31440

lovemachine.derfilm.at

  1. 1. 2019