Theater zum Fürchten: Tea & Sympathy

Oktober 17, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sandwiches, Scones und spleenige Satire

Queen Victoria und ihre geliebten Briten: Florian Lebek, Lotte Loebenstein, Jacqueline Rehak und Matti Melchinger. Bild: Bettina Frenzel

Bevor Großbritannien sich endgültig aus Europa brexit und ganz seiner Splendid Isolation hingibt, lässt Theater-zum-Fürchten-Prinzipal Bruno Max das Vereinigte Königreich noch einmal ordentlich hochleben. „Tea & Sympathy“ heißt die diesjährige Dinnerproduktion, die nun am Wiener Spielort, der Scala, Premiere hatte, und die das Publikum zu Sandwiches und Scones und natürlich der Inselbewohner innig geliebtes Aufgussgetränk in einen Original Tea Room einlädt.

Der heiße Blättersud ist sozusagen Leitmotiv des Abends, erläutert werden unter anderem die Fragen, wie der Tee nach England kam, und die nach der richtigen Zubereitung. Dazu gibt es Zehn Gebote vom British Institute for Tea and Infusions – und das gibt es tatsächlich. Zwei Mal hinhören und hinschauen muss man bei diesem Defilee von Exzentrikern, Dandys und Blaustrümpfen, von Butlern, Punks und Blaublütern nämlich, um festzustellen, wer spleenige Idee exzellenter Satiriker ist und welcher schrullige Zeitgenosse wirklich einmal existiert hat.

Vorweg: Die von Dame Edith Sitwell, selber „Staatengründerin“ und Verfasserin abstrakter Gedichte, mittels Abhandlung festgehalten Aristokraten haben ihre Abenteuer erlebt. Vom Bären-Zureiten bis zum Tauchen bis zur Ohnmacht, vom Alienforscher bis zum Anti-Auto-Parteivorsitzenden. Die großartige Lotte Loebenstein leiht der originellen historischen Gestalt ihre Stimme, und wird sich später als Queen Victoria darüber wundern, dass ihr „Butler“ Jörg Stelling bewusst macht, dass Englands Stil und Glanz aus fremden, blutig niedergeworfenen und kolonialisierten Ländern kommt. Keine Bruno-Max-Inszenierung ohne Gesellschaftskritik.

Nach Dame Edith Sitwell zählt Jörg Stelling die „Britischen Exzentriker“ auf. Bild: Bettina Frenzel

Florian Lebek und Christina Saginth in Monty Python’s „Ich hätte gerne einen Streit“-Sketch. Bild: Bettina Frenzel

Neben dem Königshaus, fabelhaft „The Four Georges“ als erste Boygroup, kommen auch Samuel Pepys aus seinen Tagebüchern von 1662, ein Lord Clarendon und die New Yorker Kunstfigur Lord Whimsy mit ihrer Furcht vor dem Casual Friday zu Wort. George Bernard Shaw, James Whistler und Oscar Wilde treten auf, da wird’s brilliantly witty, ein Lieblingswort, weil es im Deutschen keines gibt, dass Intellekt so eng an Irrwitz knüpft, Lewis Carroll, dessen „Mad Tea Party“ aus „Alice im Wunderland“ herrlich interpretiert wird, wird mit seiner Vorliebe für Fotos nackter Kinder vorgeführt, George Orwell darf weniger verfänglich über „A Nice Cup Of Tea“ sinnieren.

Stets trifft in dieser Aufführung Understatement auf Stiff Upper Lip, besonders in Monthy Python’s „Ich hätte gerne einen Streit“, weniger im „Dreckige Gabel Sketch“, ersterer von Florian Lebek und Christina Saginth aufs Feinste dargeboten, während Jacqueline Rehak gekonnt an Loriots – der grandiose Humorist hat als einziger Ausländer seinen Auftritt – „Zwei Cousinen“ scheitert. Sie wissen schon: „Auf dem Landsitz North Cothelstone Hall von Lord und Lady Hesketh-Fortescue befinden sich außer dem jüngsten Sohn Meredith auch die Cousinen Priscilla und Gwyneth Molesworth aus den benachbarten Ortschaften Nether Addlethorpe und Middle Fritham …“

Mit Johanna Rehm, RRemi Brandner, Christoph Prückner und Matti Melchinger schlüpft das spielfreudige Ensemble von Figur zu Figur, aus Kostüm in Kostüm. Das britische Fernsehen wird ebenso veralbert, wie der Naked Gardening Day. Und auch, dass Punk nicht tot ist, wird eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Wie der Abend, mit Frizz Fischer am Klavier, musikalisch überhaupt top ist. Man singt Buchanans „Everybody Stops For Tea“ bis Youmans‘ und Caesars Evergreen „Tea For Two“, klampft The Who – und wandelt den großen Queen-Hit kurzerhand in „I Want To Drink Tea“ um.

Die Mad Tea Party aus Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“: Christoph Prückner, Jacqueline Rehak und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

In all dem Jubel, Trubel, Heiterkeit vergisst Bruno Max den schwelenden Zeitgeist nicht. Der von ihm ins Programm genommene Text „Brexit?“ des derzeit erfolgreichsten irischen Comedy-Trios „Foil, Arms and Hog“ alias Sean Finnegan, Conor McKenna und Sean Flanagan gehört zum Bösesten der Kleinkunstbranche, und bei den Originalstatements aus Politikerinterviews zieht es einem sowieso die Schuhe von den Füßen.

Derart Wendehälsisches ist auch hierzulande nicht unbekannt. Was die staatsführerische Zukunft betrifft, kann man’s also nur very british machen: Abwarten und Tee trinken.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 10. 2018

Belvedere: Berlin ist eine Frau

März 19, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Annika Krump singt Berliner Chansons

aus zehn Jahrzehnten

Annika Krump, Berlin ist eine Frau © George Steffens

Annika Krump, Berlin ist eine Frau © George Steffens

Passend zur Ausstellung „Wien – Berlin. Kunst zweier Metropolen“ bringt die Sängerin, Akkordeonistin und Performancekünstlerin Annika Krump am 19. März in der Marmorgalerie des Unteren Belvedere Berlinerisches frei Schnauze zu Gehör. Krumps neues Programm  ist eine Zeitreise durch ein Jahrhundert Berlin.

Anhand der zwölf spannendsten Frauen der Popmusik von 1912 bis heute erzählt sie mit Chansons von Claire Waldoff, Blandine Ebinger, Lotte Lenya, Marlene Dietrich, Hildegard Knef, Nina Hagen, Nena, Eva-Maria Hagen, Palma Kunkel, Georgette Dee, Judith Holofernes und aktuellen eigenen Texten die Geschichte Berlins zwischen Weimarer Republik, Weltwirtschaftskrise und Mauerbau bis zur Wiedervereinigung.

www.belvedere.at

Wien, 19. 3. 2014

Josef Meinrad zum 100. Geburtstag

April 24, 2013 in Ausstellung, Buch, Bühne, Film, Tipps

Burg-Lesung, Ausstellung, Filme und ein Buch

Josef Meinrad Bild: Burgtheater

Josef Meinrad
Bild: Burgtheater

Burgtheater: Anlässlich des 100. Geburtstages von Josef Meinrad erinnern sich Regina Fritsch, Lotte Ledl, Sylvia Lukan und Robert Meyer ihres unvergesslichen Kollegen, Maria Happel liest aus privaten Dokumenten. Termin: 25. 4., 17 Uhr, zweites Pausenfoyer. Josef Meinrad wurde am 21. April 1913 als Sohn eines Straßenbahnführers in Wien geboren. Seine legendäre Schauspielerkarriere schien ihm nicht in die Wiege gelegt: erst 1936 – nach dem Besuch eines Priesterseminars und einer kaufmännischen Lehre – stand er erstmals auf der Bühne des Kabarett „ABC“. 1947 wurde er ans Burgtheater engagiert, wo er bis in die 1980er Jahre mehr als 80 Rollen verkörperte. Unvergessen sind Meinrads Raimund- und Nestroy-Typen, seine Shakespeare-Rollen und sein Don Quijote in „Der Mann von La Mancha“. Große Beliebtheit und Popularität verdankte der Träger des Iffland-Ringes aber auch seinen zahlreichen Kino- und Fernsehfilmen.

Wienbibliothek im Rathaus zeigt bis 31. Oktober die Ausstellung: „Josef Meinrad – Der ideale Österreicher“. Virtuos interpretierte Meinrad Figuren der österreichischen Literatur, legendär ist seine Darstellung des Weinberl in Nestroys Einen Jux will er sich machen, sein Valentin in Raimunds „Der Verschwender“, sein Liliom. Auch Meinrads Filmschaffen zeugt von seiner darstellerischen Bandbreite: geistlicher Würdenträger, charmant-argloser Filou oder unbestechlich-aufrichtiger Ehren- und Staatsmann. Bis in die 1990er Jahre zählte der Publikumsliebling zu den Fixsternen der österreichischen TV-Produktionen und repräsentierte als Identifikationsfigur der Zweiten Republik das Image des idealen Österreichers. Anlässlich des runden Geburtstages zeigt die Wienbibliothek Rollenbilder, private Fotos, persönliche Dokumente, Korrespondenzen sowie annotierte Regiebücher aus dem 2010 erworbenen Teilnachlass. Highlight der Ausstellung ist der Iffland-Ring, höchste Auszeichnung für deutschsprachige Schauspieler. Meinrad trug ihn von 1959 bis zu seinem Tod 1996 und vermachte ihn an Bruno Ganz, der ihn für die Schau zur Verfügung stellt.

Publikation: Julia Danielczyk (Hg., unter Mitarbeit vin Christian Mertens): Josef Meinrad. Der ideale Österreicher. Mandelbaum Verlag. 250 Seiten.

Filmvorführungen:
Wienbibliothek im Rathaus, Lesesaal
Beginn jeweils 19:00 Uhr, Eintritt frei!
25. April 2013
1. APRIL 2000 / 1952, Regie: Wolfgang Liebeneiner
16. Mai 2013
PEPI COLUMBUS / 1954, Regie: Ernst Haeusserman
13. Juni 2013
RENDEZVOUS IN WIEN / 1959, Regie: Helmut Weiss
12. September 2013
THE CARDINAL / 1963, Regie: Otto Preminger
10. Oktober 2013
WEG IN DIE VERGANGENHEIT / 1954, Regie: Karl Hartl

Diese Filmreihe ist eine Kooperation mit dem Filmarchiv Austria.

www.burgtheater.at

www.wienbibliothek.at

www.mandelbaum.at

www.filmarchiv.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 24. 4. 2013