Lotte de Beer präsentiert ihren ersten Spielplan

April 20, 2022 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Volksoper: Ein Haus zwischen Nostalgie und Utopie

Auf dem Podium Komponist Moritz Eggert, Martin Schläpfer, Omer Meir Wellber, Lotte de Beer und hristoph Ladstätter. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Eines kann man der designierten Volksoperndirektorin Lotte de Beer bereits attestieren: Sie brennt nicht für die Sache, sie steht in Flammen lichterloh. Bis in die Spielplan- präsentation 2022/23 wehte ihr frischer Wirbelwind, die Aufbruchsstimmung am Haus war mit Händen zu greifen. Da ist eine, die weiß, was sie kann und was sie will.

Und sie hat sich dafür um nichts weniger beflissene Vertraute an die Seite gestellt, Omer Meir Wellber als Musikdirektor, um einen davon zu nennen. (Zur Person: www.mottingers-meinung.at/?p=43276). Gemeinsam mit ihm, dem Direktor des Wiener Staatsballetts Martin Schläpfer und dem Kaufmännischen Geschäftsführer der Volksoper Christoph Ladstätter stellte de Beer heute Vormittag ihr erstes Saisonprogramm vor. Sie sehe, sagte sie, die Volksoper zwischen Nostalgie und Utopie, sie wolle Volksoper im wahrsten Sinne des Wortes machen, und das Haus zum Zuhause für Künstlerinnen und Künstler, die Wienerinnen und Wiener: „Wir wollen spielen, verzaubern, berühren und – ja – manchmal auch scheitern.“

Am 3. September beginnt die Spielzeit mit einem Eröffnungswochenende, und zwar mit der Erstaufführung der wienerisch-berlinerischen Operette „Die Dubarry“ von Carl Millöcker und Theo Mackeben. Jan Philipp Gloger zeigt die Entwicklung der ambivalenten Titelheldin „als Zeitreise, die im Heute beginnt und über die 1930-Jahre zurückführt in die Zeit Louis XV“, so de Beer. Kai Tietje dirigiert und Annette Dasch kehrt als Mätresse des Königs an die Volksoper zurück. Als Seine Majestät Ludwig XV. gibt Comedy-Legende Harald Schmidt sein Volksoperndebüt. Zu erleben sind außerdem „Ein Papp-Konzert“ für die ganze Familie, vier Operetten in 70 Minuten von Steef de Jong, und eine Late Night Jam Session von Omer Meir Wellber.

Musiktheater für die ganze Familie bietet auch „Jolanthe und der Nussknacker“, ein Abend, über den Moment im Leben, an dem man sich entscheiden muss, ob man eine blinde Prinzessin bleiben will, oder die Augen für die Realität öffnet. 130 Jahre nach der Uraufführung der Oper und des Balletts aus der Feder Peter Iljitsch Tschaikowskis verflechten Lotte de Beer, Omer Meir Wellber und Choreograph Andrey Kaydanovskiy die beiden Stücke zu einer magischen Coming-of-Age-Story. Premiere am 9. Oktober.

In der jährlichen Manifesto-Produktion wird die Volksoper Theatermacherinnen und Theatermacher einladen, laut über das Musiktheater nachzudenken. De Beer: „Es soll ein Ausprobieren und eine Diskussion mit dem Publikum werden.“ Den Auftakt macht Regisseur Maurice Lenhard, er auch Künstlerischer Leiter des eben gegründeten Opernstudios (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=48999, der „Die Dreigroschenoper“ als einen Kampf ums Überleben in einer kalten Welt inszeniert. Den Macheath verkörpert cross-gegendert die Kurt-Weill-Spezialistin Sona MacDonald, Carlo Goldstein dirigiert. Premiere ist am 27. November.

Die britischen Spymonkey schicken Orpheus in die Unterwelt. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Ausgelassene Stimmung beim Workshop mit Spymonkey. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Modell fürs Familienpappkonzert am Eröffnungswochenende. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Temperamentvoll, freudvoll, wundervoll: Lotte de Beer. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Spymonkey, Großbritanniens führendes Ensemble für Physical-Comedy (www.spymonkey.co.uk), inszeniert „Orpheus in der Unterwelt“. Das Regie-Duo Aitor Bausari und Toby Park begegnet Jacques Offenbachs Mythentravestie mit britisch-schwarzem Humor, zeitgenössischer Clownerie und Slapstick. „Monty Python 2.0“ nennt de Beer die Truppe: „Wir sind beim ersten Workshop vor Lachen schon unterm Tisch gelegen.“ Das Bühnenbild von Julian Crouch bietet eine perfekte Spielwiese für das vielseitige Ensemble, darunter Marco Di Sapia und Ruth Brauer-Kvam als Öffentliche Meinung. Am Pult steht Alexander Joel. Premiere ist am 21. Jänner.

Zwei Ikonen des Modern Dance – Paul Taylor und Mark Morris – arbeiten erstmals mit dem Wiener Staatsballett. Der kräftigen Modern Dance-Sprache der beiden Amerikaner antwortet Ballettdirektor Martin Schläpfer mit zwei Miniaturen. „Promethean Fire“ ist ein Ballettabend zwischen Hybris und Menschlichkeit, Katastrophe und Schönheit, Schöpfung und Vergänglichkeit. Premiere ist am 11. Februar.

Das Highlight der Saison

Wird, wie es der Höhepunkt der heutigen Präsentation war, die Uraufführung der neuen Operette „Die letzte Verschwörung“ aus der Feder von Moritz Eggert. Wie der humorbegabte Komponist höchst launig in fünf Minuten am Klavier sein Opus erklärte, daraus sollte man eine Werkeinführung machen. Zum Inhalt nur so viel, so weit verstanden: Die Zeit ist die nahe Zukunft und die nicht weit zurückliegende Vergangenheit in Wien. TV-Talkmaster Quant hat den Verschwörungsschwurbler Urban zu Gast, eigentlich um ihn als solchen zu demaskieren, lautet dessen These doch: Die Erde ist eine Scheibe. Aber dank sexy Komplizin Lara soll alles anderes kommen – und bald glaubt Quant jeden Quatsch aus dem Internet. Welch parodistischer Ritt durch die Abgründe heutiger Verschwörungsmythen!

Eggert gab „Die Quoten“-Arie der Programmverantwortlichen und den „Im Stadtpark“-Chor zum Besten – und versprach eine Revue mit intriganten Reptilien, einem Pizzagate und Oligarchen. In der Regie von Lotte de Beer, dem Bühnenbild von Christof Hetzer und der Musikalischen Leitung von Steven Sloane begegnet man den Ensemblemitgliedern Rebecca Nelsen als „Flat-Eartherin“, Timothy Fallon als Talkshowmoderator, dessen Weltbild zunehmend aus den Fugen gerät, und Wallis Giunta als seiner Ehefrau, die sich als ominöse, russische Unternehmerin entpuppt. Uraufführung ist am 25.März.

Mit Martin Winkler hat die Volksoper eine Idealbesetzung für den Falstaff in „Die lustigen Weiber von Windsor“. Die niederländische Regisseurin Nina Spijkers wirft gemeinsam mit der preisgekrönten Bühnenbildnerin Rae Smith, für „Warhorse“ mit einem Tony-Award ausgezeichnet, einen augenzwinkernd feministischen Blick auf die Deutsche Spieloper von Otto Nicolai, die von Ben Glassberg dirigiert wird. Premiere ist am 13. Mai.

Operette in fünf Minuten: Sehr launig stellt Moritz Eggert sein Werk vor. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Christoph Ladstätter berichtet von der Digitalisierung des Hauses. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Martin Schläpfer und Omer Meir Wellber planen eine Verflechtung der Ballette „Jolanthe“ und „Der Nussknacker“. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Maria Happel wird als Regisseurin „Die Fledermaus“ neu denken und selber die Frau Frosch spielen. Bild: Screenshot PK-Livestream © Volksoper Wien

Als der türkische Regisseur Nurkan Erpulat gefragt wurde, für welches Werk am Haus er sich erwärmen könnte, meinte er wohl: „Die Türkenoper von Mozart“. Nun entwirft er eine neue, authentische und unmittelbare Lesart für „Die Entführung aus dem Serail“. Die Musikalische Leitung der Oper zwischen Orient und Okzident, Mann und Frau, Kultur und Natur, Rache und Vergebung liegt in Händen von Angelo Michele Errico, dem mit Rebecca Nelsen, Hedwig Ritter, Timothy Fallon, Daniel Kluge und Stefan Cerny ein exemplarisches Mozartensemble zur Verfügung steht. „Erzählt wird aus dem Blickwinkel von Bassa Selim, doch wer das sein wird, ist noch ein Geheimnis“, so de Beer. Premiere ist am 17. Juni.

Vier Juwelen aus dem Repertoire der Volksoper kehren auf den Spielplan zurück: Maria Happel unternimmt eine Neueinstudierung der „Fledermaus“ und spielt Frau Frosch, und nach längerer Zeit sind Harry Kupfers „La Bohème“-Inszenierung, Achim Freyers „La Cenerentola“ und Matthias Davids „Anatevka“ wieder zu sehen. Es wird eine jährliche Zusammenarbeit mit den Wiener Festwochen und der Vienna Pride geben – der Kaufmännische Direktor Christoph Ladstätter bemühte sich nicht zu viel zu verraten – Projekte im Südbahnhotel am Semmering.

Mit den Wiener Festwochen ist die Österreichische Erstaufführung eines Pop-Abends von Anne Teresa De Keersmaeker geplant, anlässlich der Vienna Pride zeigt die Volksoper den Abend „Nicht die Väter“, eine todernste Stand-up-Comedy über die Rolle des Vaters. Geplant sind außerdem ein Chor Singalong, künstlerische Speed Datings mit Studierenden, bei denen die ganze Volksoper zur Bühne wird, und ein Symposion für zeitgenössische Operette. Im Programm der Jungen Volksoper wird neu das türkische Märchen „Keloglan und die 40 Räuber“ von Sinem Altan an Sonn- und Feiertagen um 11:00 Uhr gezeigt.

Der neue Musikdirektor der Volksoper Wien Omer Meir Wellber will gemeinsam mit den ersten Gastdirigenten Ben Glassberg, Carlo Goldstein und Alexander Joel und den Conductors in Residence Keren Kagarlitsky, Manuela Ranno und Tobias Wögerer sowie dem neuen Chordirektor Roger Díaz-Cajamarca das musikalische Profil des Hauses maßgeblich prägen. Zudem programmiert Omer Meir Wellber eine neue Konzertreihe für das Orchester der Volksoper Wien und gastiert zum Auftakt im Wiener Konzerthaus.

Auch äußerlich zeigt sich die Volksoper Wien in neuem und auch nachhaltigerem Gesicht: „Im Sommer wird die Fassade erneuert, auf dem Dach wird eine Photovoltaik-Anlage installiert und sämtliche Fahrzeuge auf E-Mobilität umgestellt“, erklärt Christoph Ladstätter. Im künstlerischen Produktionsprozess setzt man auf neue Formen der Digitalisierung, etwa beim Licht, das den Darstellerinnen und Darstellern per Chip im Kostüm folgen wird können, oder, so Ladstätter, „bei den Noten, so dass nicht mehr Seiten um Seiten Papier ausgedruckt werden müssen.“ Neue Zielgruppen will man durch neue Angebote erreichen. Bei der U30-Aktion etwa bezahlen Besucherinnen und Besucher unter 30 Jahren für ausgewählte Vorstellungen nur 12 Euro.

lotte.volksoper.at

Mehr zu Lotte de Beer und Omer Meir Wellber: www.mottingers-meinung.at/?p=48999           www.mottingers-meinung.at/?p=41814           www.mottingers-meinung.at/?p=43276

Link zur Spielplanpräsentation: www.youtube.com/watch?v=2aXiDLXFkuY

  1. 4. 2022

Volksoper Wien: Lotte de Beer initiiert Opernstudio

März 6, 2022 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Bewerbungen sind aktuell möglich

Maurice Lenhard, Christian Zeller, Lotte de Beer, Christoph Ladstätter. Bild: © Barbara Pálffy

Sechs junge internationale SängerInnen und ein/e PianistIn erhalten die Chance, sich zwei Jahre lang im neu gegründeten Opernstudio der Volksoper Wien künstlerisch weiterzuentwickeln. Bewerbungen sind aktuell möglich.

Unter der neuen Direktion von Lotte de Beer entsteht mit der Spielzeit 2022/23 erstmals ein Opernstudio an der Volksoper Wien: Junge KünstlerInnen erhalten hier die Gelegenheit,

sich im Verlauf zweier Spielzeiten musikalisch weiterzuentwickeln, das Genre, in dem sie zuhause sind, zu hinterfragen und sich dabei neu kennenzulernen. Ermöglicht wird das neu gegründete Opernstudio dank der großzügigen Unterstützung der Christian Zeller Privatstiftung. Künstlerischer Leiter des Opernstudios ist der Regisseur und Dramaturg Maurice Lenhard, Eytan Pessen fungiert als Vocal Coach.

Das Opernstudio der Volksoper Wien richtet sich an Opernsängerinnen und -sänger aller Nationalitäten, die im Rahmen einer zweijährigen Förderzeit das Genre Musiktheater mitgestalten wollen. Angestrebt wird ein transparentes, kollektives, diverses und egalitäres Miteinander, das sich vorbehaltlos allen Formen des Musiktheaters widmet. Voraussetzungen für die Aufnahme sind ein abgeschlossenes Hochschulstudium und ein erfolgreiches Vorsingen vor der Leitung des Opernstudios. Zusendungen aller Stimmfächer werden unter der E-Mail-Adresse opernstudio@volksoper.at entgegengenommen. Nähere Informationen zum Bewerbungsverfahren finden sich hier.

Die Basis des Opernstudios bildet der Alltag der einzelnen TeilnehmerInnen: Das Programm umfasst musikalische und schauspielerische Coachings, Meisterkurse, regelmäßige Tanzworkshops und das Mitwirken in ausgewählten Produktionen des Spielplans. Jedes Jahr werden eigene kleine Abende und eine mobile Neuproduktion entwickelt. Gerade die Operette bietet in ihrer strukturellen Offenheit, ihrer Fähigkeit, auch schwere Themen leicht zu machen und ebenso in ihrer Nähe zur Popkultur eine perfekte Spielwiese für dieses Vorhaben. Die individuelle Kreativität der einzelnen Mitglieder soll in die Ergebnisse der Arbeit sowie in die Suche nach neuen Spielformen, Spielorten und Sichtweisen auf Musiktheater einfließen.

www.volksoper.at

6. 3. 2022

Theater-Center-Forum: Arsen und Spitzenhäubchen

März 5, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Christoph Prückner inszeniert Boulevard at its best

Die Brewster-Familie schenkt Holunderwein aus: Lotte Loebenstein, Eszter Hollósi, Christoph Prückner (hi.), Günter Tolar, Simon Brader und Susanne Pichler. Bild: © Maria Steinberger

Dies Feuerwerk an kuriosen Einfällen, slapstickartiger Situationskomik und sprühendem Wortwitz sorgt für ein zwerchfellerschütterndes Bühnenvergnügen: Christoph Prückner hat im Theater-Center-Forum „Arsen und Spitzenhäubchen“ inszeniert (und selbst die Rolle des Teddy „Roosevelt“ Brewster übernommen) und zeigt damit Boulevard at its best. In Tagen wie diesen, zwischen Ukraine-Krieg und Coronavirus, tun zweieinhalb Stunden ausgelassenes Lachen von Herzen gut.

So befand’s auch das Publikum, das schon beim ersten Kredenzen des berüchtigten Holunderweins der Brewster-Schwestern zu kichern begann und die erste „Erlösung“ eines ihrer Gentlemen gleich mal mit Szenenapplaus bedachte. Die Story von Joseph Kesselrings makabrer Komödie aus dem Jahr 1941, von Frank Capra 1944 mit Cary Grant und Peter Lorre genial verfilmt, ist also bekannt: Die liebenswerten alten Ladys Martha und Abby Brewster haben es sich zur Aufgabe gemacht, einsame angegraute Herren als vermeintliche Untermieter anzulocken, um sie mit einer Mischung aus Wein und Arsen „Gott näher zu bringen“.

Um die Männer angemessen zu bestatten, schicken sie ihren verrückten Neffen Teddy, der sich für Präsident Theodore Roosevelt hält, regelmäßig nach Panama, wo er Schleusen für den Kanal aushebt, heißt: im Keller Gräber für Marthas und Abbys Mord-, für Teddy allerdings Gelbfieberopfer, eine Seuche, deren Ausbreitung das Staatsoberhaupt selbstredend verhindern will. Lange Zeit nichts davon ahnen Neffe Mortimer, ein verkorkster Theaterkritiker, und seine Verlobte Elaine Harper, die Pfarrerstochter von nebenan. Umso mehr fällt er aus allen Wolken, als er entdeckt, dass die Tanten im Keller nicht eine, sondern ein Dutzend Leichen haben.

Damit nicht genug, kehren auch noch der dritte Brewster-Neffe nebst seiner – hier – Chirurgin Dr. Hermine Einstein ins Haus zurück: Jonathan, psychopathischer, international gesuchter Serienkiller und von Einstein so oft gesichtsoperiert, dass er mittlerweile wie Frankensteins Monster aussieht. Logisch, dass die Lage eskaliert.

In Prückners Regie sitzt jede Pointe. Er hat ein fabelhaft spielfreudiges Ensemble versammelt, allen voran die Damen Lotte Loebenstein und Susanne Pichler als gütige Todesengel Abby und Martha, denen die regelmäßig vorbeischauenden Officers O’Hara und Klein (die Nachbarschaft beschwert sich, wenn Teddy mit seinem Signalhorn zur Attacke bläst), bescheinigen: „Sie finden immer ein Opfer, dem sie helfen können.“ Simon Brader spielt den ob seiner mörderischen Entdeckung bis ins Mark erschütterten Mortimer, der, während Eszter Hollósi als Elaine ihren Angedachten mit allen Mitteln aus der Reserve locken will, wahrlich andere Dinge im Kopf hat.

Christoph Prückner als Teddy und Eszter Hollósi als Elaine Harper. Bild: © Maria Steinberger

Anna Dangel als Dr. Hermine Einstein und Nagy Vilmos als Jonathan. Bild: © Maria Steinberger

Simon Brader als Mortimer mit Nagy Vilmos und Anna Dangel. Bild: © Maria Steinberger

Nagy Vilmos ist als totenblasser Jonathan eine furchteinflößende Erscheinung, „der totale Horror und er sieht auch noch so aus“, wie’s im Stück heißt, während Anna Dangel als ebenfalls weißgeschminkte Dr. Einstein sich auf eine fast clownesk zu nennende Performance verlegt hast. Die glattgegangene Geschlechtsumwandlung der trinkfreudigen nicht Schönheits-, sondern Schiachheitschirurgin lässt zwischen Jonathan und Hermine außerdem einiges an Liebespaar-Möglichkeiten offen.

Christoph Prückner gestaltet Teddys Charakter frei nach dem Roosevelt-Zitat „I care not what others think of what I do, but I care very much about what I think of what I do!“ Staatsmännisch streng und doch väterlich vergebend befiehlt er Generälen, Richtern und Wissenschaftlern, also der Verwandtschaft, und schön ist, wie Mortimer (Roosevelt bekam ihn 1906 als erster US-Amerikaner für sein Wirken als Vermittler im Russisch-Japanischen Krieg) ihm statt der Friedensnobelpreis-Plakette einen Teddybären überreicht – die Szene ein Einfall Prückners.

Im nostalgischen Bühnenbild von Erwin Bail, einem altväterischen Wohnzimmer mit Aussicht auf den Friedhof, in dem es blitzt und donnert, wenn unter dem Porträt von Arzneimittelforscher und Leichenexperimentator Großvater Brewster von ihm die Rede ist (Licht und Ton: Benjamin Lichtenberg), gelingt es Prückner aktuelle Akzente zu setzen. Etwa, wenn sich Teddy beim Entsorgen der Gelbfieber-Gentlemen eine pandemiesichere Maske aufsetzt, oder die Tanten ihm den Bären von Jonathan als Spion, der das Kapitol stürmen will, aufbinden.

Der zum Schluss auftauchende Mr. Witherspoon, Leiter des Sanatoriums Happyland, in das Mortimer Teddy und am besten auch die Tanten verbracht wissen will, ein Kabinettstück vom großartig kuriosen Günter Tolar, meint zu Mr. President Roosevelt, er habe eigentlich schon drei von der Sorte, „und jeder wirft dem anderen vor, die Wahl gestohlen zu haben“. Schließlich beschweren sich wie schon im Originaltext Martha und Abby, Jonathan wolle „einen Ausländer“ in ihrem unterirdischen Coemeterium unterbringen.

Martha und Abby mit einem ihrer Gentleman: Susanne Pichler und Lotte Loebenstein. Bild: © Maria Steinberger

Teddy auf dem Weg nach Panama: Christoph Prückner mit Simon Brader und Eszter Hollósi. Bild: © Maria Steinberger

Elaines Liebesanfall trotz Leiche in der Truhe: Simon Brader und Eszter Hollósi. Bild: © Maria Steinberger

Johannes Sautner und Benjamin Lichtenberg als Officers O’Hara und Klein; Mitte: Simon Brader. Bild: © Maria Steinberger

Denn das Treiben wird immer toller. Jonathan hat auf dem Rücksitz seines Fluchtautos den dank seiner abgelebt habenden Mr. Spinalzo liegen und wittert nun die Chance, den unerwünschten Fahrgast in der für der Tanten neuesten Dahingeschiedenen, Mr. Hoskins (TCF-Direktor Stefan Mras röchelt sich durch den Kurzauftritt), ausgehobenen Schleuse zu entsorgen. Zwischen Zwischendepot Truhe und der geplanten letzten Ruhestätte entspinnt sich ein Leichen-wechselt-euch-Spiel, das Mortimer an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringt.

Dazu kommt’s zwischen dem Gewaltverbrecher und den in die Jahre gekommenen Jungfern zu einem Wettstreit, steht doch die Bilanz derer, die wegen ihnen das Zeitliche gesegnet haben, zwölf zu zwölf. Ein dreizehntes Opfer muss her! Ein weiterer von der Ödnis seines Daseins zu rettender Greis oder doch lieber Mortimer? Fatal, dass der so brave wie begriffsstutzige Officer O’Hara (Johannes Sautner begleitet von Benjamin Lichtenberg als fußmarodem Officer Klein als waschechte Knallchargen) die von Jonathan und Dr. Einstein zauberkünstlerisch vorgeführte Fesselung und Knebelung Mortimers für das Demonstrieren einer Theaterszene hält.

Noch fataler, dass O’Hara ein verkappter Dramatiker ist, oder sich zumindest für einen solchen hält, und den dreien sein selbst geschriebenes, grottenschlechtes Drama in x-Akten darbietet. Aber immerhin: Akt vier bringt die Gangster zum Einschlafen, worauf Mortimer sich aus seiner misslichen Lage befreien kann. Das von Christoph Prückner und Team gezeigte Ende entfernt sich weit vom Hollywood-Schmus, erklärt sich doch die nächste Generation bereit, die Familientraditionen fortzusetzen. Auftreten Eszter Hollósi und Simon Brader mit nun auch bleichen Gesichtern. Was bedeutet schon „normal“, wenn man ein Mords-Gen hat? Ein Gläschen Holunderwein, Mr. Witherspoon?

„Arsen und Spitzenhäubchen“, dieser Evergreen des schwarzen Humors, von Prückner mit viel Fantasie um Seitenhiebe auf eine groteske Gegenwart erweitert (die USA befanden sich zur Entstehungszeit des Stücks in einem ähnlichen Konflikt wie die EU heute, ein Krieg mehr oder minder weit weg – und die Frage, ob man abwarten oder sich einmischen soll), erzielt seine komischen Effekte aus dem bizarren Gegensatz biederer Kleinbürgerlichkeit und dem blanken Entsetzen – im Theater-Center-Forum in Szene gesetzt als übermütig überdrehte Parodie auf so ziemlich sämtliche Krimi- und Horrorfilmklischees.

Zu sehen bis 19. März

www.theatercenterforum.com

  1. 3. 2022

Lotte de Beer wird neue Volksopern-Direktorin

Oktober 6, 2020 in Klassik

Ist derzeit Leiterin des Ensembles Operafront

Bild: Screenshot Live-Stream

Die niederländische Opernregisseurin Lotte de Beer, künstlerische Leiterin des niederländischen Ensembles Operafront, wird ab 1. 9. 2022 die Volksoper Wien leiten. Die Bestellung auf fünf Jahre erfolgt durch Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer. „Ich freue mich unendlich, Verantwortung für die Volksoper Wien übernehmen zu dürfen.

Ich hoffe, es wird mir gelingen, die Oper der Zukunft in diesem einzigartigen Haus in der Stadt, die ich als meine zweite künstlerische Heimat betrachte, mitgestalten zu können. Wenn sich die Zeiten ändern, dann ändert sich auch die Art von Kunst, die die Menschen brauchen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Volksoper – das Opernhaus für das Volk – mit ihrer Vielseitigkeit die ideale Bühne in diesen turbulenten Zeiten ist. Mein Bestreben wird es sein, auf die Wienerinnen und Wiener zuzugehen, Brücken zwischen Innovation und Tradition zu bauen und gleichzeitig die Welt zu inspirieren“, so Lotte de Beer in einer ersten Stellungnahme.

Zur Person: Lotte de Beer, geboren 1981, studierte Regie an der Hogeschool voor de Kunsten Amsterdam. Peter Konwitschny holte sie an die Oper Leipzig, wo sie mit „Clara S.“ von Chatzopoulo debütierte und unter anderem „Das schlaue Füchslein“ inszenierte. Es folgten Einladungen zum Holland Festival und zur Münchener Biennale. Sie inszenierte bereits viele Opern in ganz Europa, an der Nationale Opera Amsterdam, am Kongelige Teater in Kopenhagen, „La Bohème“ und „La traviata“ am Theater an der Wien, am Staatstheater Braunschweig, an der Oper Leipzig, an der Opera Zuid und an der Bayerischen Staatsoper.

Zu den jüngsten Arbeiten der Regisseurin zählt Tschaikowskys „Die Jungfrau von Orléans“ am Theater an der Wien. Im Frühjahr 2021 wird Lotte de Beer Verdis „Aida“ an der Opéra national de Paris in Szene setzen. 2015 wurde de Beer in der Kategorie „Newcomer“ bei den International Opera Awards ausgezeichnet, 2018 erhielt sie den „Distinguished Artist Award” der International Society for the Performing Arts (ISPA), 2020 war sie bei den International Opera Awards in der Kategorie „Best Director“ nominiert.

operafront.com           Lotte de Beer / Arbeiten auf youtube sehen: www.youtube.com/channel/UCO_HM4pKkOqJpDY4eApSpGQ                      www.youtube.com/channel/UCTB7YSxXGSThYr-mAzfBvZQ

6. 10. 2020

Theater zum Fürchten: Tea & Sympathy

Oktober 17, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sandwiches, Scones und spleenige Satire

Queen Victoria und ihre geliebten Briten: Florian Lebek, Lotte Loebenstein, Jacqueline Rehak und Matti Melchinger. Bild: Bettina Frenzel

Bevor Großbritannien sich endgültig aus Europa brexit und ganz seiner Splendid Isolation hingibt, lässt Theater-zum-Fürchten-Prinzipal Bruno Max das Vereinigte Königreich noch einmal ordentlich hochleben. „Tea & Sympathy“ heißt die diesjährige Dinnerproduktion, die nun am Wiener Spielort, der Scala, Premiere hatte, und die das Publikum zu Sandwiches und Scones und natürlich der Inselbewohner innig geliebtes Aufgussgetränk in einen Original Tea Room einlädt.

Der heiße Blättersud ist sozusagen Leitmotiv des Abends, erläutert werden unter anderem die Fragen, wie der Tee nach England kam, und die nach der richtigen Zubereitung. Dazu gibt es Zehn Gebote vom British Institute for Tea and Infusions – und das gibt es tatsächlich. Zwei Mal hinhören und hinschauen muss man bei diesem Defilee von Exzentrikern, Dandys und Blaustrümpfen, von Butlern, Punks und Blaublütern nämlich, um festzustellen, wer spleenige Idee exzellenter Satiriker ist und welcher schrullige Zeitgenosse wirklich einmal existiert hat.

Vorweg: Die von Dame Edith Sitwell, selber „Staatengründerin“ und Verfasserin abstrakter Gedichte, mittels Abhandlung festgehalten Aristokraten haben ihre Abenteuer erlebt. Vom Bären-Zureiten bis zum Tauchen bis zur Ohnmacht, vom Alienforscher bis zum Anti-Auto-Parteivorsitzenden. Die großartige Lotte Loebenstein leiht der originellen historischen Gestalt ihre Stimme, und wird sich später als Queen Victoria darüber wundern, dass ihr „Butler“ Jörg Stelling bewusst macht, dass Englands Stil und Glanz aus fremden, blutig niedergeworfenen und kolonialisierten Ländern kommt. Keine Bruno-Max-Inszenierung ohne Gesellschaftskritik.

Nach Dame Edith Sitwell zählt Jörg Stelling die „Britischen Exzentriker“ auf. Bild: Bettina Frenzel

Florian Lebek und Christina Saginth in Monty Python’s „Ich hätte gerne einen Streit“-Sketch. Bild: Bettina Frenzel

Neben dem Königshaus, fabelhaft „The Four Georges“ als erste Boygroup, kommen auch Samuel Pepys aus seinen Tagebüchern von 1662, ein Lord Clarendon und die New Yorker Kunstfigur Lord Whimsy mit ihrer Furcht vor dem Casual Friday zu Wort. George Bernard Shaw, James Whistler und Oscar Wilde treten auf, da wird’s brilliantly witty, ein Lieblingswort, weil es im Deutschen keines gibt, dass Intellekt so eng an Irrwitz knüpft, Lewis Carroll, dessen „Mad Tea Party“ aus „Alice im Wunderland“ herrlich interpretiert wird, wird mit seiner Vorliebe für Fotos nackter Kinder vorgeführt, George Orwell darf weniger verfänglich über „A Nice Cup Of Tea“ sinnieren.

Stets trifft in dieser Aufführung Understatement auf Stiff Upper Lip, besonders in Monthy Python’s „Ich hätte gerne einen Streit“, weniger im „Dreckige Gabel Sketch“, ersterer von Florian Lebek und Christina Saginth aufs Feinste dargeboten, während Jacqueline Rehak gekonnt an Loriots – der grandiose Humorist hat als einziger Ausländer seinen Auftritt – „Zwei Cousinen“ scheitert. Sie wissen schon: „Auf dem Landsitz North Cothelstone Hall von Lord und Lady Hesketh-Fortescue befinden sich außer dem jüngsten Sohn Meredith auch die Cousinen Priscilla und Gwyneth Molesworth aus den benachbarten Ortschaften Nether Addlethorpe und Middle Fritham …“

Mit Johanna Rehm, RRemi Brandner, Christoph Prückner und Matti Melchinger schlüpft das spielfreudige Ensemble von Figur zu Figur, aus Kostüm in Kostüm. Das britische Fernsehen wird ebenso veralbert, wie der Naked Gardening Day. Und auch, dass Punk nicht tot ist, wird eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Wie der Abend, mit Frizz Fischer am Klavier, musikalisch überhaupt top ist. Man singt Buchanans „Everybody Stops For Tea“ bis Youmans‘ und Caesars Evergreen „Tea For Two“, klampft The Who – und wandelt den großen Queen-Hit kurzerhand in „I Want To Drink Tea“ um.

Die Mad Tea Party aus Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“: Christoph Prückner, Jacqueline Rehak und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

In all dem Jubel, Trubel, Heiterkeit vergisst Bruno Max den schwelenden Zeitgeist nicht. Der von ihm ins Programm genommene Text „Brexit?“ des derzeit erfolgreichsten irischen Comedy-Trios „Foil, Arms and Hog“ alias Sean Finnegan, Conor McKenna und Sean Flanagan gehört zum Bösesten der Kleinkunstbranche, und bei den Originalstatements aus Politikerinterviews zieht es einem sowieso die Schuhe von den Füßen.

Derart Wendehälsisches ist auch hierzulande nicht unbekannt. Was die staatsführerische Zukunft betrifft, kann man’s also nur very british machen: Abwarten und Tee trinken.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 10. 2018