Volkstheater: Lost and Found

Dezember 19, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wer das nicht sieht, hat was versäumt!

Birgit Stöger, Knut Berger, Sebastian Klein, Anja Herden, Jan Thümer Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Birgit Stöger, Knut Berger, Sebastian Klein, Anja Herden, Jan Thümer
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Stell‘ dir vor, es ist Flüchtling, und eine geht hin. Stell‘ dir vor, die „Welle“, den „Syrertsunami“, weil ja Politiker und Medien über Menschen neuerdings wortwörtlich wie über Naturkatastrophen berichten, den’s vor Europas Tore spült, schwemmt es bis an deine persönliche Haustür. Stell‘ dir vor, die „Völkerwanderung“ macht vor deiner Wohnung halt. Und klopfet an. Öffnet uns doch eure Hütten. Willst du da die Herberge versagen?

Yael Ronen hat am Volkstheater den Finger in diese und andere heimische Wunden gelegt. Diesen Finger allerdings mit der Heilkraft des Lachens versehen, statt ihn mahnend zu schütteln. Dem Publikum hat’s gefallen, es bedankte die Uraufführung von „Lost and Found“ mit fröhlichem Hurra. Vielleicht ist der Wiener dem Witz einfach zugänglicher, als der Vermutung einer Belehrung. Ronen beweist einmal mehr, dass etwas von und mit Bedeutung auch federleicht statt tonnenschwer sein kann. „Lost and Found“ ist jedenfalls das beste, was das Volkstheater am Haupthaus an Neuproduktionen zu bieten hat. Das Stück ist, wenn man schon Begriffe bemühen will, modernes Volkstheater in seinem eigentlichen Sinn. Was ebenso an Ronens eigenwilligem Humor liegt, wie an der überbordenden Spielfreude des Ensembles. Wer das nicht sieht, hat was versäumt!

„Lost and Found“ wurde von Yael Ronen und dem Ensemble gemeinsam erarbeitet. Es ist Familienaufstellung und Beziehungskiste, eine scharfzüngige Analyse des Ist-Zustands der Gesellschaft und eine allzu wahre Komödie übers Menschsein. Tal Shacham hat aus Umzugskartons eine Bühnenbildbehausung gebaut – my home is my box -, die Jan Zischka mit wie graphic novels entliehenen Darstellergesichtern und Wüstenbildern bespielt. Dazu spielen Yaniv Fridel und Ofer Shabi Musik, teils dramatisch wie aus dem neuen Star-Wars-Film. Verhandelt werden: wir. Fünf Personen stehen auf der Bühne, allesamt aus „künstlerischen“ Berufen, von Fashion-Bloggerin bis Poetry Slammer, und suchen … sich. Das macht man wohl so hierzulande in selbsternannt intellektuellen Kreisen, diese Dauer-, Hinter- und Selbstbefragung, und aufgezählt wird zunächst, was man auf seinem Lebensweg nicht schon alles verloren hat. Von Sonnenbrille bis Socken, von Akzent bis Wurzeln, von Führerschein bis Figur, von Haltung bis Bewusstsein.

Den Vater. Maryam Sabry (Birgit Stöger) und ihr Bruder Elias (Sebastian Klein) müssen nämlich dessen Begräbnis organisieren. Maryam ist die Macherin, die Sorte sich in Selbstauflösung befindlicher Frau, die tut und immer für die anderen da ist, es aber nicht versäumt, einem mitzuteilen, dass sie leidet, weil sie tut und immer für die anderen da ist. Sorori gratiam debeo. Elias ist übers Nesthäkchenalter nicht hinausgewachsen; das Elend dieser Erde, es ist natürlich weltexklusiv seins. Die Ex-Partner sind auch da – Jan Thümer als von sich selbst besoffener, aufgeblasener Installationskünstler Jochen und Anja Herden als sich in ihrem Außenseiterdasein suhlende Camille. Und plötzlich steht eine irakische Herkunft im Raum, und ein Onkel Osama ruft aus London an, will das Begräbnis bezahlen, wenn sein Bruder muslimisch beerdigt wird. Das ist praktisch, weil kostenfrei, aber will man das? Und noch plötzlicher, gerade als Maryam mit ihrem schwulen Freund Schnute (Knut Berger als alternativer, stets Verständnis vermittelnder Ökofundamentalist, Typ „Retter von eh allen und allem“) versucht, ein Baby via Plastikbecher zu zeugen, kommt noch ein Anruf: Ein bis dato in den Köpfen nicht existenter Cousin Yousef (Osama Zatar) ist in einem Wiener Erstaufnahmezentrum und möchte bitte abgeholt werden.

Eine wahre Geschichte von Ensemblemitglied Seyneb Saleh, die von den Kollegen mit viel Gefühl fürs Gefühlschaos adaptiert wurde. Denn Ronens Thema sind weniger große Flüchtlings- oder -katastrophen, sondern unsere kleinen und kleinlichen Be- und Empfindlichkeiten. Wobei sie sehr subtil etwa auch die Frage aufwirft, ob diese Sorgen wegen der lebensbedrohenden anderer tatsächlich nicht mehr gelten dürfen. Gibt es ein Maß für Kummer? Beide, Maryam und Camille, wünschen sich ein Kind, und es klappt nicht. Yousef wird später in der Diskussion wie ein Kindersatz zum Totschlagargument werden. Darf, muss, soll er bleiben? „Jetzt ist er unser Problem, weil du ihn reingelassen hast“, sagt eine Figur. Für eine andere ist helfen eine Timingfrage. „Jetzt ist es gerade ungünstig, ich muss nämlich dringend …“ So lange wird rumgeredet, bis Yousef gehen will. Zu Mama Merkel. Zu den Piefkes! Da ist in Wien die Aufregung natürlich groß. Da darf, muss, soll er bleiben. Hier sind doch Leitungswasser und Mehlspeisen viel besser. Ronen kennt die Mentalität ihres Familienherkunftslandes grauslich gut. Herkunft ist wesentlich. Camille muss die ihre hautfarbengemäß rechtfertigen. „Woher kommen Sie? – „Aus Hamburg.“ – „Und Ihre Familie?“ – „Aus Frankfurt.“ – „Und davor?“ – „Aus Bonn.“ – „Waren Ihre Eltern Diplomaten?“ – „Nein, Ihre aber auch nicht.“

So entlarvt man sich. Die Humanismusfloskeln und den Toleranzrassismus, die Moraldiktatur und das Stereotypdenken und die latenten Ressentiments. Sind wir für die Flüchtlinge eigentlich ein Kulturschock? Müssen wir uns in ihrer Gegenwart gesitteter verhalten – also quasi nicht so weltoffen nackt und sexuell befreit vor diesen globalen Hinterwäldlern herumlaufen? Ach, können wir schön reden, ach, sind wir gute Menschen … aus der Ferne betrachtet …, bis es dann passiert und uns konfrontiert. Bis die Theorie praxisnah wird. Und das T-Wort ausgesprochen. T wie Terrorist. Weil, kannte den jemand vor gestern, diesen Fremden? Wir haben uns unser gutes Leben hart erarbeitet. Müssen wir das jetzt teilen? Das Team spielt im geistigen Sandkasten mit allen Klischees, die Opfer und Rollen hergeben. Yousef zählt auf, was er auf seinem Weg verloren hat. Vertrauen und den Glauben, irgendwohin zu gehören. Wünsche an das Leben und Visionen über eine Zukunft.

Dabei ist die gerade damit gesichert worden. Jochen hat ein Auge für preisverdächtiges Kulturschaffen. Denn, wenn es gilt, eine Aussage zur Zeit zu treffen, da darf der Künstler nicht … nicht? Die Biennale kommt und Mitmenschlichkeit dann später. Wie böse ist das denn? Wie bitterböse. Bravo. Yael Ronen hat einen großen Spiegel und der verzerrt einen bis zur Kenntlichkeit. Liebe deinen Nachbarn, reiß‘ aber den Zaun nicht ein. Und wenn du keinen hast, miete einfach einen.

Anja Herden und Birgit Stöger im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=16660

www.volkstheater.at

Wien, 19. 12. 2015

Neu am Volkstheater: Anja Herden und Birgit Stöger

Dezember 16, 2015 in Bühne

Lost and Found: Jan Thümer, Birgit Stöger, Anja Herden, Sebastian Klein, Knut Berger Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Lost and Found: Jan Thümer, Birgit Stöger, Anja Herden, Sebastian Klein, Knut Berger
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Gespräch über Familie, Fremde und Flüchtling sein

Nennt man sie eines von Anna Badoras „Dreamteams“ müssen sie schon schmunzeln. Ja, sie können gut miteinander, und deshalb ist es auch gut, dass die neue Volkstheater-Intendantin sie in ihrer ersten Saison in drei Produktionen gemeinsam besetzt hat. Anja Herden (mehr: www.volkstheater.at/person/anja-herden/) und Birgit Stöger (mehr: www.volkstheater.at/person/birgit-stoeger/) erarbeiten dieser Tage mit der israelischen Theatermacherin Yael Ronen ein Stück zum Flüchtlingsthema: „Lost and Found“. Eigentlich hatte sich Ronen für ihr Wiener Regie-Debüt einen Abend über junge Europäer, die sich dem IS-Terror anschließen, überlegt, dann standen die aus ihrer Heimat Vertriebenen sozusagen vor der Haustür. „Lost and Found“ ist nun eine Familiengeschichte. Ein Verwandter aus dem Irak steht auf dem Westbahnhof und möchte abgeholt werden … Herden und Stöger glauben daran, dass Theater aufzeigen kann und muss. Die Uraufführung ist am 18. Dezember. Ein Gespräch:

MM: Yael Ronen hat von einer Idee, die „Überzeugungskampf“ hieß, zu „Lost and Found“ umdisponiert – eine Flüchtlingsgeschichte. Sie sind in Wien angekommen, als die Flüchtlingstragödie gerade begonnen hat. Ihr erster Eindruck von Wien?

Birgit Stöger: Heftig. Man wusste nicht, ob es an der Stadt liegt oder an der Welt. Plötzlich war alles ernster und dramatischer.

Anja Herden: Es war ja eh irgendwie Ausnahmezustand, der mitten in – in meinem Fall  – dem Länderwechsel eskaliert ist. Ich war dann überrascht über die großen Demonstrationen, die Initiativen, die große Empathie vieler Wiener, das war tatsächlich nicht das Bild, das ich von der Stadt hatte. Wien ist viel wacher und aktiver als ich es erwartet hatte. Ich komme aus Hamburg, die Stadt ist sehr linksliberal – und dann dachte ich, so anders sind die Wiener ja gar nicht.

Stöger: Ich wohne in der Nähe des Westbahnhofs, also mittendrin auf einmal, nicht mehr versteckt in Graz, hinter den sieben Bergen – wiewohl sich das Geschehen ja dann in die Steiermark verlagert hat, aber anfangs war der Fokus in Wien. Ich wohne zwischen zwei Erstaufnahmezentren in der Schottenfeldgasse und der Lindengasse, da gibt es auf einmal keine Ausrede mehr nichts zu tun.

MM: Sie nannten Wien aber auch gewöhnungsbedürftig. In welcher Art?

Stöger: Dass man manchmal so angemault wird, das ist nicht steirisch. Ich hatte am Wochenende Freunde da, Mutter und Kinder, da sagte in der U-Bahn jemand: Aussteigen statt einsteigen – irgend so etwas, in krassem Dialekt. Meine Freundin hat’s gar nicht verstanden.

MM: Z’erscht die Leit’ aussteig’n lossn.

Stöger: Ja, genau. Das habe ich mir schon ein paar Mal gedacht: Da war jetzt etwas ganz Unfreundliches, aber ich habe es zum Glück nicht verstanden. Ich bin Österreicherin, aber ich verstehe die Wiener oft nicht. Wenn man das im Fernsehen sieht, weil Fernsehen wird ja in Wien gemacht, denkt man sich, das ist Überhöhung und Satire, aber hier klingen tatsächlich viele wie Georg Friedrich. Ich dachte, der ist eine totale Kunstfigur, ist er aber offenbar nicht. Es ist, als ob man ins echte Österreich gezogen wird. Es wird noch eine Zeit dauern, bis ich in Wien angekommen bin. Bei mir sind das immer drei Jahre, davor findet mich das Publikum ein bisschen merkwürdig, aber dann sehen sie, dass es lustig gemeint ist.

Herden: Bei mir kommen eigentlich immer nur Teile von mir an, mehr Anspruch habe ich auch inzwischen gar nicht mehr, dazu bin ich zu viel herumgezogen. Wenn man sich in entscheidenden Momenten zu Hause fühlt, ist das schon sehr viel wert.

MM: Frau Stöger, Sie haben mit Yael Ronen schon gearbeitet, Frau Herden, für Sie ist es das erste Mal. Was können Sie über den Probenprozess sagen?

Herden: Ich, als „Externe“, also nicht zum Ronen-Inner-Circle-Gehörende, kam in eine Produktion, in der eine große Liebe und Wärme ist, man kommt in eine sehr spezielle Arbeitsweise. Yael ist eine sehr besondere Person, sehr fokussiert auf die Menschen, mit denen sie arbeitet. Sie schafft ein tolles Klima, in dem Menschen sich öffnen. Sie arbeitet über Gespräche und Improvisation – das alles ist sehr schön, respektvoll und reif.

Stöger: Von mir kriegt sie natürlich mittlerweile mein vollstes Vertrauen, das ist meine vierte Arbeit mit ihr. Sie ist eine Freundin geworden. Mehr und mehr reden wir anfangs über uns, das ist heute am Theater selten, da muss man kommen und funktionieren, sein Privatleben vergessen und lustig sein. Yael interessiert sich nicht nur für den Schauspieler, sondern auch für den Menschen dahinter. Ich brauche das in dieser Anfangszeit in Wien dringend.

MM: Sie waren schon bei anderen Engagements für Konzept und Text zuständig, ich nehme also an, diese Arbeitsweise kommt Ihnen entgegen?

Herden: Total. Ich hatte das Glück, sehr oft in Projekten zu sein, die performativ sind, bei denen improvisiert wird. Diese so persönlich verbrachte Zeit ist wertvoll. Ich hatte in der Vorbereitung Bücher zum Themenkomplex Islamistischer Terror gelesen, und dachte dennoch, ich sei zu schlecht informiert, aber Yael wollte dann viel mehr über das eigene Leben was wissen. Man ist angehalten, eigene Texte zu schreiben, zu recherchieren – unter anderem über Bestattungen, ich habe also jetzt das Wiener Bestattungswesen ziemlich gut kennengelernt. Vieles verwendet sie aber auch nicht, es dient dennoch als Folie für die Stückentwicklung.

MM: Mir begegnet die kollektive Autorschaft, die Gemeinschaftsarbeit in dieser Theatersaison gehäuft. Ist das die logische Weiterentwicklung des Theaters? Hat der Regiegott ausgedient?

Stöger: Götter sollten grundsätzlich abgeschafft werden. Ich denke, alles hat seinen Platz. Das wunderbar fixfertig geschriebene Stück, ebenso wie Yaels Herangehensweise. Aber es ist ein Geschenk. Vor 15 Jahren, in meinem ersten Engagement, dachte ich, ich müsste den Beruf wechseln, weil ich immer nur Ausführende anderer Leute Fantasien bin. Doch das Problem gibt es für mich nicht mehr. Ich werde sehr gefragt, ich kann mich auf unterschiedlichste Art und Weise einbringen, eben auch als Schreiberin. Das bringt einen mit dem Stück näher zusammen. Was man da zeigt, vertritt man zu hundert Prozent. Da gibt es keine Lücke zwischen Text und Darsteller. Da gibt es keine Ausreden mehr.

Herden: Was aber nicht heißt, dass Yael nicht eine klare Setzung hat, was sie erzählen will. Die Autorschaft, die man als Schauspieler in solchen Projekten übernimmt, gibt einem eine andere Mündigkeit.

MM: Jetzt ist es kein Terrorismusstück mehr, sondern eine Familiengeschichte …

Stöger: Es geht um zwei Geschwisterpaare samt den jeweiligen Partnern, und denen steht Besuch ins Haus. Es kommt ein Flüchtling aus dem Irak.

MM: Eine wahre Geschichte.

Stöger: Unsere Kollegin Seyneb Saleh hat einen Verwandten am Wiener Hauptbahnhof abgeholt, ihren Cousin Yousif, so heißt er auch im Stück, dessen Geschichte haben wir uns ausgeborgt. Er ist auch beratend bei den Proben dabei. Aber das Thema ist nicht der Flüchtling, sondern wir und wie wir auf diese Situation reagieren würden. Man kriegt die Familie in ihrem eigenen Umfeld mit – und dann passiert etwas, da sieht man dann wie sich in der Realität umsetzt, was vorher nur behauptet wurde.

Herden: Es geht um Familienkonzeptionen, um die Begegnung mit Menschen, die in ihrem ganzen Freiheits- und Selbstverwirklichungsdenken letztlich sehr haltlos sind. Auf einmal taucht unbekannte Familie von außen auf, jetzt steht man grade, jetzt geht es um Verantwortung – und die Frage, was bedeutet Familie überhaupt für jeden einzelnen. Aber egal, wie wir das jetzt in dieser Inszenierung entscheiden, in drei Wochen ist die Welt ja sowieso schon wieder woanders. Und dann steht man wieder da und denkt.: Na, da waren wir aber mal richtig schlau.

MM: Wie würden Sie reagieren? Sie haben ja vermutlich nicht nur deutsche Wurzeln.

Herden: Leider ist es so, dass ich meinen afrikanischen Vater gar nicht kenne. Ich komme aus Münster, er aus Nigeria. Ich hatte nie Kontakt zu ihm, ich hätte also massive Probleme, wenn die nigerianische Verwandtschaft plötzlich vor der Türe steht. Es macht mir, ehrlich gesagt, auch wahnsinnige Angst, mich mit diesem Teil von mir auseinandersetzen zu müssen. Das ist für mich persönlich auch fast schwieriger, als zu sagen, wir müssen jetzt alle ein bisschen zusammenrücken. Das wäre für mich eine Identitätsfrage, im Sinne von: Wer bin ich überhaupt, wenn ich das auch bin?

MM: Wurden Sie nie veranlasst sich mit Ihrer afrikanischen Seite auseinanderzusetzen? Wurden Sie nie mit dem Begriff „fremd“ konfrontiert?

Herden: Doch, natürlich, immer, immer. Und im Beruf sowieso, da sind die Schubladen ja leider erschreckend offen. Doch mir war das nie so dringlich, ich kann das besser nicht erklären. Die Position „Vater“, die bei mir nicht besetzt war, hat bei mir kein Loch hinterlassen. Und wenn sehr eng-denkende Menschen das Bedürfnis haben meine Hautfarbe zu thematisieren, sind das nun mal sehr eng-denkende Menschen. Viel mehr und viel weniger ist es nicht.

MM: Was ist Ihnen „fremd“?

Stöger: Mir ist vieles fremd. Ich habe sehr viele Freunde, die von woanders sind, und merke, dass es immer wieder eine Herausforderung ist, das, was anders ist, vorurteilsfrei zu akzeptieren und nicht zu bewerten. Damit setze ich mich sehr bewusst auseinander. Jetzt auch grad wieder, weil meine Tochter die Schule gewechselt hat, und an der, in die sie jetzt geht, ist mir vieles fremd. Da sind viele „Fremde“. Es ist immer alles gut und schön, so lange es nur mich betrifft, aber wenn mein Kind ins Spiel kommt, das erst acht ist, merke ich, dass ich ganz andere Toleranzhürden zu überwinden habe. Ich will ja, dass mein Kind die beste aller Kindheiten hat, also bin ich die ganze Zeit am mich fragen und schlaflose Nächte haben. Ich will jemand sein ohne Vorurteile, aber ganz ohne Vorteile ist niemand. Also konfrontiere ich mich damit. Ich will jeden so sein lassen, wie er ist. Ich will aber auch so sein, wie ich will.

MM: Sie haben im Volkstheater in den Bezirken schon Yasmina Rezas „Ihre Version des Spiels“ miteinander gespielt. Wie war’s?

Stöger: Wir waren ein sehr nettes Team, haben uns sehr gut kennengelernt …

Herden: … und uns moralisch unterstützt. Aber das Konzept „Bezirke“, ist natürlich ein Konzept, das uns sehr neu und sehr fremd war.

Stöger: Und unser Stück, das kann man so sagen, wurde nicht begeistert aufgenommen. Wir, die Schauspieler schon, aber der Text nicht. Toll war es in Ottakring, also wir lieben Ottakring, und in der Urania – allein schon wegen des Kasperls. Die kleinen, skurrilen, charmanten Spielorte habe ich sehr geliebt. Je größer der Saal, umso schwächer wurde halt die Wirkung. Weil wir ja doch viel mit Mimik und ohne große Geste gespielt haben.

Herden: Das Theater, das wir zeigen, ist vielleicht spröder, neuer, komplizierter als das, was die Leute bisher gewöhnt sind. Anna Badora und wir wollen natürlich explizite Aussagen zur Zeit und der Gesellschaft, in der wir leben, machen und das wollen wir auch noch expliziter, als wir es in dieser Saison tun. Da können wir sicher noch klarer und deutlicher werden. Ich habe jedenfalls auf unserer Tour durch die Bezirke, sehr viel von Wien gesehen, weil ich die Spielorte großteils mit dem Fahrrad angefahren bin. Ich habe mich immer verfahren und bin so auf gut Gefühl hin, das war abenteuerlich, aber toll.

Stöger: Jeden Abend woanders, das ist ein Roadmovie. Aus der Bezirketour sollte man tatsächlich mal einen Dokumentarfilm machen.

MM: Im März kommt „Homohalal“ von Ibrahim Amir über die Votivkirchen-Besetzung. Noch ein Stück zum Thema.

Stöger: Ja, man kann es nicht oft genug erzählen, wie es Menschen in unserer Welt geht.

Herden: Wenn man bedenkt, dass ein Alvis Hermanis eine Arbeit am Thalia absagt, weil er mit der deutschen Flüchtlingspolitik nicht einverstanden ist, denkt man natürlich, man kann gar nicht genug Stücke zum Thema machen. Man muss den Anfeindungen, dass das Theater nicht dazu da ist, ein Statement abzugeben, sondern seinen „Auftrag“ zu erfüllen, entgegenhalten. Was ist der Auftrag, wenn wir nicht erzählen, was uns gerade begegnet? Man kann nicht anders, als sich dem Thema zu widmen und zu versuchen, es theatral einzufangen.

MM: Sie glauben, dass Theater aufzeigen kann und muss?

Stöger: Ja, sonst hätte ich schon aufgehört, diesen Beruf zu machen.

Herden: Natürlich. Man muss eine Aussage treffen, alles andere hat keinen Sinn.

www.volkstheater.at

Wien, 16. 12. 2015