Volksoper: Zar und Zimmermann

Oktober 14, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Blau-weißes Bilderbuch unterm Käsemond

Keine Scheu vor der Knallchargigkeit: Carsten Süss als Peter Iwanow, Daniel Schmutzhard als Peter der Erste, Lars Woldt als Bürgermeister van Bett, Georg Wacks als Ratsdiener und Sulie Girardi als Witwe Browe. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Sobald der Chor der Zimmermannsgesellen mit seinen Holzschuhen Charlie Chaplins berühmten Brötchentanz imitiert, ist klar, in welche Richtung Regisseur Hinrich Horstkotte mit seiner Inszenierung von Albert Lortzings „Zar und Zimmermann“ an der Volksoper zielt. Er nimmt das „Komische“ an der Oper ernst, nimmt dem durchaus vorhandenen schwerdeutschen Pathos die Patina, und nimmt sich ganz den Witz des bühnenwirksamen Verwirrspiels vor.

Verbrieft ist Horstkottes Proben-Sager „Vergesst Stanislawski – begrüßt Laurel und Hardy!“, eins von deren Fingerspielen wird zum running gag zwischen Bürgermeister van Bett und seinen Stadtbewohnern, und tatsächlich macht der Regisseur aus Lortzings Figuren Typen und verzichtet zugunsten Spaßfaktor auf psychologische Feinziselierung. Keine Scheu vor Knallchargigkeit dürfen demgemäß die Solistinnen und Solisten haben, Outrieren ist Programm, das gefällt, ist in den beiden Pausen zu hören, nicht jedem, aber wer sich in Horstkottes Werkinterpretation akklimatisiert hat, erfreut sich an einem überaus vergnüglichen Abend.

Saardam ist in diesem Setting mehr als nur ein Zitat. Horstkotte, auch Ausstatter, hebt halb Holland auf die Volksopern-Bühne, er erschafft ein blau-weißes Bilderbuch, von Delfter Kacheln bis zu den typischen Windmühlen, von Fahr- bis Käserädern, selbst der goldgelbe Mond ist eines. Kein Wunder also, dass der Zar sein „Sollte ich entdeckt sein?“ mit gouda-vollem Mund murmelt, bevor im zweiten Bild – der Schauwert dieser Arbeit ist hoch – eine perfekte Kopie des Czaar Peter Huisje angerollt kommt.

Sogar eine Kopie des holländischen Czaar Peter Huisje steht auf der Bühne: Gregor Loebel und Daniel Schmutzhard. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

A-Cappella-Sextett: Carsten Süss, Stefan Cerny, Lars Woldt, Daniel Schmutzhard, Gregor Loebel und Ilker Arcayürek. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Des Zaren erste Arie „Verraten! Von euch verraten!“, oft genug gestrichen, haben Horstkotte und Dirigent Christof Prick – er führt das Orchester des Hauses mit wohlklingendem Humor und versteht es, die Sänger unterstützende Akzente zu setzen – belassen. Daniel Schmutzhard als Peter der Erste nützt die Gelegenheit zum Temperamentsausbruch, um den cholerischen Charakter seiner Rolle zu unterstreichen, um ein grimmiges Gesicht, ein aufbrausendes Gefühl ist er nie verlegen, in manch lyrischen Momenten allerdings gelingt es ihm nicht ausreichend, seine Stimme zum Klingen zu bringen.

Horstkotte hat noch kleinste Gesten zur Musik getaktet, das setzt ein sehr spielfreudiges Ensemble voraus, und über ein solches verfügt er glücklicherweise auch. Die Aufführung trägt absolut Lars Woldt als Bürgermeister van Bett, gesanglich wie darstellerisch. Er gibt im Wortsinn, dafür sorgt Georg Wacks als hinreißend tollpatschiger Ratsdiener mit entsprechender Pumpe, den mit heißer Luft aufgeblasenen, selbstverliebten Politiker, und ist in der dankbaren Partie auch für das eine oder andere Kabinettstück gut – Dideldum! Der Chor, und wie immer ist er eine Freude, begleitet dessen Gehabe mit ironisch-spöttischen Kommentaren.

Die Einstudierung von van Betts Kantate hat Horstkotte in ein Altersheim verlegt, das Warum erschließt sich nur dem, der sein Programmheft-Interview liest …

Regisseur Hinrich Horstkotte holt die Niederlande in die Volksoper. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Für den Holzschuhtanz der Kinder gab’s den größten Applaus. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ein bezauberndes Liebespaar sind Carsten Süss und Mara Mastalir als teuflisch eifersüchtiger Deserteur Peter Iwanow und trotzköpfig-kecke Bürgermeistersnichte Marie. Beide überzeugen mit großer Komödiantik, wissen aber auch leise, anrührende Töne anzuschlagen. Mit aller Kraft auf Klischee getrimmt sind Gregor Loebel, als russischer Gesandter Admiral Lefort optisch eine Art Rasputin, Stefan Cerny als spleeniger englischer Gesandter Lord Syndham und – mit Loebel der zweite Volksopern-Debütant in dieser Produktion – Ilker Arcayürek als frauenverführender französischer Gesandter Marquis von Chateauneuf.

Der in Istanbul geborene Tenor bringt nicht nur das Herren-A-Cappella-Sextett zum Flirren, sondern auch Chateauneufs wunderbare Romanze „Lebe wohl, mein flandrisch Mädchen“. Den größten Jubel schon während der Vorstellung gab’s für die Kinder, die das Publikum mit dem Holzschuhtanz begeisterten. Danach teilten sich Darsteller und Leading Team den Applaus gerecht auf. Und so endet Hinrich Horstkottes „Zar und Zimmermann“-Interpretation mit Happy End fürs ganze Haus.

www.volksoper.at

14. 10. 2018

„Der Wildschütz“ an der Wiener Volksoper

April 19, 2013 in Klassik

Wenn „die Stimme der Natur“ ruft

Bild: Volksoper Wien

Bild: Volksoper Wien

Am 20. April hat an der Wiener Volksoper Albert Lortzings komische Oper „Der Wildschütz“ Premiere. Verkleidung, Verwechslung, Verstellung. Schon am Ende der Ouvertüre erschallt im Hintergrund ein Schuss, der auf das kommende Geschehen hinweist. Das sind die Zutaten aus denen Lortzing sein Werk geschaffen hat. Der musikalische Allrounder, der nicht nur komponierte und sein eigener Liberettist war, dirigierte, sang und schauspielerte auch. Zu Silvester 1842 stellte er einem begeisterten Publikum seinen „Wildschütz“ in Leipzig vor, 1846 als Lortzing als Kapellmeister am Theater an der Wien wirkte, nahm er seinen Erfolg mit hierher.

Die Freude war nicht einhellig. Felix Mendelssohn etwa nannte das ganze „infam, verwerflich und elend“ – „ein Wollustspiel“ (Ermanno Wolf-Ferrari verteidigte den Ruf des Komponisten später mit den Sätzen: „Die Naiven haben ihn umso mehr geliebt und lieben ihn noch. Und nur Liebe kann der Kunst Lohn sein, nicht kalte intellektuelle Registrierung seitens der ewigen Beckmesser.“ Na also!) Dabei hatte der Lortzing die schlüpfrigsten Passagen der Vorlage extra weggelassen. Diese stammt von Trivialdramatikermeister August von Kotzebue und heißt: „Der Rehbock oder die schuldlosen Schuldbewussten“. Die ziemlich wirre Handlung: Dorfschulmeister Baculus hat im Wortsinn einen Bock geschossen – und zwar im gräflichen Park – und soll deshalb entlassen werden. Daher schickt er einen „Studenten“ (in Wirklichkeit aber Baronin und Schwester des Grafen) aufs Schloss, wo sie als seine „Braut“ für ihn bitten soll. Der Baron wiederum, der unerkannt als Stallbursche des Grafen arbeitet, verliebt sich in die „Braut“ und will sie dem Lehrer für 5000 Taler abkaufen (wem das bekannt vorkommt: Smetanas „Verkaufte Braut“ wird in dieser Saison ebenfalls neu an der Volksoper  produziert).

„Die Stimme der Natur“ (so der Untertitel, den Albert Lortzing seiner Oper gegeben hat) wird bei Regisseur Dietrich W. Hilsdorf zu „Ein unmoralisches Angebot“. Er will den Fokus von den Ausschweifungen der Aristokratie weg-, hin auf den Schulmeister lenken, der sich schon als glücklicher „Kapitalist“ wähnt. Neben diesen sozialkritischen Tönen ist Alfred Eschwe am Pult für die musikalischen zuständig. In der wunderbaren Ensembleoper singen unter anderem Daniel Ochoa den Graf von Eberbach, Alexandra Kloose seine Gräfin, Mirko Roschkowski den Baron Kronthal, Anja-Nina Bahrmann seine Baronin, Gernot Kranner den Haushofmeister auf dem Schloss, und Lars Woldt den Dorfschulmeister Baculus.

www.volksoper.at

Trailer: www.volksoper.at/Content.Node2/home/medien/videobeispiele.at.php

Von Rudolf Mottinger

Wien, 19. 4. 2013