Kammerspiele: All About Eve

März 2, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Zelebrieren der Zwischentöne

Diva Margo Channing chrasht die Party: Sandra Cervik, Raphael von Bargen, Joseph Lorenz, Gioia Osthoff und Fritz Egger. Bild: Sepp Gallauer

Im Wortsinn gemacht für die Kammerspiele ist die bitter-bissige Komödie „All About Eve“ die Donnerstagabend am Haus uraufgeführt wurde. Starautor Christopher Hampton hat die Bühnenfassung des Mankiewicz-Films mit Bette Davis aus dem Jahr 1950 erstellt, ob seiner Erkrankung führte Herbert Föttinger Regie – und der hat das Stück nicht nur als Vehikel für zehn hervorragende Schauspieler inszeniert, sondern als so kultivierte wie spöttische Satire auf den Theaterbetrieb an sich interpretiert.

Vorgeführt wird das Personal, das sich hinter der Bühne so tummelt. Von der Garderoberin bis zur Schauspieldiva, vom Dramatiker bis zum Kritiker, den Fan nicht zu vergessen, und das Ensemble füllt diese klischierten Figuren lustvoll mit eigenständigem Leben und zelebriert genüsslich die Zwischentöne. Denn Hamptons Text strotzt vor trockenem Humor. Die Gemein- und Frechheiten werden mal subtil, mal hinterhältig an den Mann oder an die Frau gebracht. Alles wird hier so gesagt, wie’s gemeint ist, nur ausgesprochen als ob nicht. Das Publikum reagierte auf all die Kabalen höchst amüsiert und dankte am Ende mit viel Applaus.

Die im Titel angesprochene Eve ist eine Verehrerin von Bühnenstar Margo Channing. Durch einen glücklichen Zufall in deren Haushalt verfrachtet, macht sie sich dort unentbehrlich und nimmt mehr und mehr die Gepflogenheiten der Hausherrin an. Während sie die Übernahme vorbereitet, macht sie sich durch Intrigen den Hofstaat der Channing zu eigen. Bald ist sie im Erfolgsstück „Gereift in Holz“ deren Zweitbesetzung, und spätestens jetzt ist klar, Eve hat die ganze Angelegenheit von langer Hand geplant. Margo wird sich zurückziehen und der jüngeren ihren Platz an der Rampe überlassen müssen. Doch da ist nicht nur ein Theaterkritiker, der die Wahrheit über Eves Vergangenheit kennt und zum Erpresser wird, an der Bühnentür wartet auch schon der nächste Fan. Und diesmal auf Eve …

Martina Ebm und Joseph Lorenz. Bild: Sepp Gallauer

Martina Ebm und Sandra Cervik. Bild: Sepp Gallauer

An den Kammerspielen brillieren Sandra Cervik und Martina Ebm als durchaus sympathische, wenn auch exaltierte Margo Channing und bei ihr Einschmeichlerin und gewiefte Karriereplanerin Eve Harrington. Ebm vollführt die Verwandlung vom bescheidenen Mauerblümchen zum pelztragenden Starlet mit viel Fingerspitzengefühl für den Werdegang ihrer Figur, während die Cervik vormacht, wie elegant Sarkasmus sein kann. Berührend eine Szene, in der sie allein und weinend im „Gereift in Holz“-Bühnenbild zusammenbricht, großartig, wenn sie im Zorn eine Party crasht, weil sie Eves Unterwürfigkeit längst als Manipulation enttarnt hat. Auf dem Höhepunkt der Divenzwistigkeiten muss zweitere ersterer einen Schauspielpreis überreichen – ein Kabinettstück.

Joseph Lorenz fungiert als Erzähler am Mikrophon wie als Mitwirkender am Ränkespiel. Er gestaltet den Kritiker Addison DeWitt als distinguierten, selbstverliebten Snob, der meint alle nach seiner Pfeife tanzen lassen zu können. Als Meister des verbalen Schlagabtausches zeigen sich auch Alexander Pschill als schrulliger Erfolgsdramatiker Lloyd Richards und Martina Stilp als dessen Frau Karen, er aus Geldnot ein Überläufer zu Eve, sie die ehrliche und loyale Freundin Margos. Raphael von Bargen gibt Margos angesichts von Eves Avancen unerschütterlichen Liebhaber und Regisseur Bill Sampson, Susa Meyer burschikos die gute Seele und Garderoberin Birdie. Gioia Osthoff als ewiges Talent Claudia Caswell, Fritz Egger als Produzent Max Fabian und Swintha Gersthofer als Phoebe komplettieren den Cast.

Eve Harrington eignet sich Margos Hofstaat an: Martina Ebm, Martina Stilp, Raphael von Bargen, Joseph Lorenz und Gioia Osthoff. Bild: Sepp Gallauer

Für all das hat Walter Vogelweider ein sehr klares Bühnenbild erdacht, das mit jeweils einem Versatzstück – ein Klavier, gespielt von Belush Korenyi, ein Schminkspiegel, eine Bar – den Spielort kennzeichnet, die aufgestellten Scheinwerfer wirken wie eine Reminiszenz an die sechsfach Oscar-prämierte Kinoversion. Die Kostüme von Birgit Hutter erinnern an deren Entstehungszeit in den Fifties.

„All About Eve“ an den Kammerspielen punktet mit treffsicheren Dialogen und fulminanten Schauspielerleistungen. Der traditionsreiche Tempel Theater wird geistreich aufs Korn genommen, seine Protagonisten charmant und liebevoll ironisiert. Dass der Stoff auch über die Tragödie des Älter- und Ausrangiertwerdens geht, lässt die Cervik in einigen wichtigen Momenten aufblitzen. Vor allem um sie aber bräuchte man sich keine Sorgen zu machen, sie wird von Arbeit zu Arbeit besser.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=SLIOBEMI9Hg

www.josefstadt.org

  1. 3. 2018

Burgtheater: jedermann (stirbt)

Februar 24, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Finanzphilosophisches von Ferdinand Schmalz

Der Homo oeconomicus als ein Hedgefondshamster im Rad: Markus Hering als jedermann. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Zum Ende hin das Bild. jedermann in der schwarz sich drehenden Röhre, die in die goldfleckige Wand eingelassen ist. Er diese zur Menschwerdung abschreitend, doch schneller und schneller dreht sich die Trommel, er muss nun laufen, der Hedgefondshamster im Rad, und strauchelt und stürzt und sagt, der Homo oeconomicus im Burnout-Modus: „Ich kann nicht mehr.“ Am Ende der Satz vom „schema sündenbock“.

Der jedermann, er stirbt, weil er zum Opfer wird, exemplarisch vorgeführt für eine ganze verkommene Schicht, die Gott nicht abträgt. Nur den einen … So ist das. Wenn Ferdinand Schmalz Hugo von Hofmannsthals Spiel vom Sterben des reichen Mannes über- und ergo fortschreibt. Und derart ein Zeitgeistzerrspiegel entsteht, der das Original weder zur Seite schiebt noch unkenntlich macht. Vielmehr aktuelle Verhältnisse zur Kenntlichkeit entstellt. Freitagabend war Uraufführung des Auftragswerks am Burgtheater, ein Abend, der mit großem Applaus und viel Bravo bedacht wurde. Inszeniert hat, Experte für Schwieriges, Stefan Bachmann (die reduzierte Bühne vom kongenialen Olaf Altmann, die mal goldenen, mal schwarzen Trachten-Kostüme von Esther Geremus wohl eine Reverenz an Salzburg).

Bachmann hat verstanden, dass Schmalz das barocküppige Moral-und-Anstand-Stück in eine moderne Moritat verwandelt hat. „jedermann (stirbt)“ befasst sich wie das Vorbild mit den weltwichtigen Fragen zu den allerletzten Dingen. Und gibt es keinen Glauben mehr, so immer noch die Hochmoral vom rechten Leben. Und den Allmächtigen – der hofft, so das Burgmotto für diese Saison, „es kommt ein augenblick, in dem die perspektive dreht“ – und eine Sensenfrau und den Teufel sowieso.

Katharina Lorenz als jedermanns frau, Markus Hering als jedermann, Oliver Stokowski als armer nachbar gott. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Barbara Petritsch als buhlschaft tod, Markus Hering als jedermann, Katharina Lorenz als jedermanns frau. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Letzterer tritt als gehörnte Masse auf. Schmalz hat Figuren neu gruppiert. Der Unterweltfürst ist nun eine (teuflisch) gute gesellschaft, die buhlschaft tod, der arme nachbar gott und die guten werke charity. Diese ganz erschöpft von den vielen -veranstaltungen: die füße wund vom walzertanzen / die hände krumm vom vielen schütteln / die nase rau vom vielen pudern / die stimme heiser vom palavern … Ort und Tat verlegt Schmalz jenseits einer Festungsmauer, dahinter will sein jedermann ein Fest geben, er ein nicht näher definierter, es mit der Wirtschaft Treibender, ein Mann, der sich die Erde als Investment Untertan gemacht hat, ausgelaugt vom Schrauben an den Rädchen dieser Welt.

Doch vor den Toren brodelt es. Ein Finanzdebakel bahnt sich an, und Schmalz hat dazu viel Finanzphilosophisches zu sagen. Wie überhaupt seine Arbeit sehr sprachmächtig daherkommt, die überwältigend poetische Prosa und dazwischen die Reimlieder, die das Ensemble gemeinsam singt. Die allegorischen Figuren sind solche geblieben, ihre Handlungen wirken wie ritualisiert. Ein Totentanz und immer wieder eingefrorene Tableaux. Bachmanns Regie schmiegt sich stimmig um die Schmalz’schen Wortkaskaden, löst deren Komplexität zwar nicht auf, aber konkretisiert durch Mehrstimmigkeit gekonnt dort, wo einem das Konstrukt sonst zu entgleiten drohen könnte. Und wie stets bei Bachmann ist das Ganze nicht ohne Humor.

Für diesen sorgen vor allem Markus Meyer und Sebastian Wendelin als dicker und dünner vetter, zwei Politiker, die Schulden für eine Parlamentskampagne angehäuft haben, erst schmeicheln und dann die Kurve kratzen, als es ans Sterben geht. Nicht ohne anzukündigen, dass sie nun wohl jedermanns Konzerne übernehmen werden. Den jedermann gibt Markus Hering als Pragmatiker, ein Kapitalismussieger, der gar nicht anders kann, weil er nichts anderes kann, als Geld anzuhäufen. Katharina Lorenz und Elisabeth Augustin brillieren als dessen frau und mutter. Viel Zeit lässt sich Schmalz, um über Todesverdrängung zu berichten. Da passt es, dass Barbara Petritsch eine intensive buhlschaft tod ist, eine, die sich selbst Gauklerin nennt, wohl weil sie zum letzten Vorhang lädt.

Die (teuflisch) gute gesellschaft: Sebastian Wendelin als dünner vetter, Markus Meyer als dicker vetter, Elisabeth Augustin als jedermanns mutter, Markus Hering als jedermann, Oliver Stokowski als armer nachbar gott, Mavie Hörbiger als mammon/werke. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Oliver Stokowski spielt den armen nachbar gott als zum Fest gebetenen, erschöpften Bettler, Mavie Hörbiger hat ihre starken Momente als mammon, der über die Fortpflanzung des Geldes und über Rendite und Kredite referiert, und als gute werke aka exaltierte charity. Dass die Situation eskaliert ist klar, „den gläubigern fehlt es an glauben“. Schließlich der Aufruf, mit Geborgtem, sei’s Leben, Welt oder Geld, achtsam umzugehen.

Und, ach ja, der jedermann-Rufer ist diesmal seine frau. Absolution gibt es anno 2018 keine. Der Rest freut sich, während jedermann nun nackt aufgebahrt ist, aufs Erben: „der tod kann auch etwas nützliches sein – wenn er nicht einen selber trifft.“ Begeisterung im Publikum für diesen exzeptionell gelungenen Theaterabend!

www.burgtheater.at

  1. 2. 2018

Life Guidance

Januar 8, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Optimierung bis zum Anschlag

Fritz Karl gerät als Alexander ins Visier der Agentur. Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Zu Beginn gleitet die Kamera über das „Schöner Wohnen“ einer wohlhabenden Kleinfamilie. Teure Möbel, exquisite Kleidung, alles ein wenig unpersönlich in dieser sterilen Welt. Da klingelt es an der Tür. Ein Fremder gibt sich als Mitarbeiter einer Agentur aus, die dem Familienvater helfen soll, sich selbst zu optimieren.

Er steht plötzlich mitten im Wohnzimmer und erklärt, der Sohn des Hauses habe angezeigt, der Herr Papa sei vom System nicht so hundertprozentig überzeugt. In weiterer Folge wird der Fremde überall sein, wird die privatesten Rückzugszonen durchforsten und eine Angst erzeugen, deren Ursache gar nicht zu benennen ist. Und der Vater wird sich aufmachen, die Instanz zu suchen, die totalitäre Macht, die hinter diesem Kontrollorgan steht, das sich „Life Guidance“ nennt. So auch der Titel von Ruth Maders aktuellem Film, der am 12. Jänner in den heimischen Kinos anläuft, die beklemmende Zukunftsvision einer bis ins Intimste „gleichgeschalteten“ Gesellschaft – und dabei so nahe am Heute, dass es einen beim Zuschauen fröstelt.

„Life Guidance“ ist ein sperriger, spröder Film, in kühlen Farben gehalten und durchkomponiert bis ins Detail. Selbst die Sprache ist anderes, futuristisch, erinnert ans Orwell’sche Neusprech. Vieles bleibt rätselhaft in dieser Hochglanz-Dystopie, die nicht mehr als die Gegenwart für ein mögliches Morgen hochgerechnet hat. „Das Ende der menschlichen Freiheit“, sagt Ruth Mader“, tritt im Rahmen all dessen ein, was uns vertraut ist: der liberalen Demokratie, des Finanzkapitalismus, der technokratischen Elite von heute.“ Es gruselt einen, wenn ein über den Teppich rollendes Spielzeugkaninchen gerade den einen Satz kann: „Ich sehe deine Leistungen.“

Alexander und Anna haben Gäste. Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Schöne sterile Welt: Das Büro von Life Guidance. Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Ja, jeder hat sein Potenzial auszuschöpfen, da fallen einem Sprüche ein, wie die vom selben Boot, in dem alle sitzen, die sich gleichen. Nur sind manche gleicher. Andere völlig ungleich. „Life Guidance“ ist ein hochbrisanter und politischer Film, radikal wie alle Arbeiten von Ruth Mader. In ihm brilliert Fritz Karl als Familienvater Alexander; Florian Teichtmeister spielt den Mitarbeiter von „Life Guidance“, Katharina Lorenz Alexanders Ehefrau Anna, von der man nie weiß, ob sie ihn bespitzelt oder beschützt. In weiteren Rollen sind unter anderem Petra Morzé und Martin Zauner zu sehen.

Und während Fritz Karl als nunmehr stigmatisierter Außenseiter stoisch-sprachlos bleibt, ist Teichtmeister ein beinah schelmisch-charmanter Geist, der immer wieder wie aus heiterem Himmel in die Familie einfällt. Alexander wird in zwei Gegenwelten vordringen. Die eine ist die unautorisierte Zone der von der Gesellschaft als Minderleister und Unterschichtler ausgestoßenen, deren „schlimmste Fälle“ in Schlafburgen mit Psychopharmaka ruhig gestellt werden. Hier findet Alexander kurz ein Gegenmodell zum Turbokapitalismus, kann aber nicht daran festhalten.

Florian Teichtmeister als Agent. Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Katharina Lorenz als Ehefrau Anna. Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Die andere ist eine Jagdgesellschaft alter Herren (mit Udo Samel, Johann Adam Oest und Alfons Mensdorff-Pouilly), die ihm die schlimmste Wahrheit über sein Leben eröffnen. Nämlich, dass das alles selbst gewollt ist. Für geheime Wünsche gilt es eben eine Rechnung zu begleichen – und auf der steht: Es ist nicht leicht, dem System zu entkommen, auch wenn man es durchschaut …

Fritz Karl im Gespräch: http://www.mottingers-meinung.at/?p=27811

www.lifeguidance.at

  1. 1. 2018

Life Guidance: Fritz Karl im Gespräch

Januar 5, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Selbstoptimierung ist ein wunder Punkt“

Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Ab 12. Jänner ist Fritz Karl in dem dystopischen Überwachungsthriller „Life Guidance“ in den heimischen Kinos zu sehen. Der Film von Ruth Mader spielt in der nahen Zukunft, in einer Welt des perfektionierten Kapitalismus.

Die Gesellschaft wird von einer Schicht an Leistungsträgern getragen, von fröhlich-motivierten Menschen einer lichten, freundlichen, transparenten, perfekt funktionierenden Mittelschichtwelt; die sogenannten Minimumbezieher werden in „Schlafburgen“ ruhig gestellt. Die überwältigende Mehrheit der Leistungsträger fühlt sich glücklich und selbstverwirklicht. Für den Rest von ihnen hat man eine outgesourcte Agentur installiert: Life Guidance soll auch sie zu optimalen Menschen machen.

Alexander (Fritz Karl) hat wie die anderen das System verinnerlicht. Ein falscher Satz zu seinem Kind reicht aber aus, und Life Guidance wird eingeschaltet. Ein Agent leitet ihn nun an, „optimal“ zu werden, und dringt immer weiter in sein Leben ein. Alexander beginnt sich aufzulehnen, und in aller Helligkeit und Freundlichkeit tritt ihm das Grauen des Systems entgegen …  Es spielen außerdem Katharina Lorenz und Florian Teichtmeister. Fritz Karl im Gespräch:

MM: „Life Guidance“ gibt vor Science Fiction zu sein, eine Dystopie zu sein, und ist mit seinem Thema der Selbstoptimierung bei gleichzeitigem das Leben aus der eigenen Hand geben doch ganz nahe am Heute. War diese Nähe für Sie ein Anreiz, sich am Projekt zu beteiligen?

Fritz Karl: Es war sicher auch ein Grund. Das Tolle an dieser Geschichte ist ja, dass man immer mehr hineinwächst, und feststellt, das ist gar nicht die mehr oder weniger nahe Zukunft, sondern, dass man sich die Frage stellen muss, wie sehr wir in so einer Situation schon drinstecken. Das Buch hat mir gefallen, auch die Zusammenarbeit mit Regisseurin Ruth Mader. Ich sah mich beim Casting sofort einer Person gegenüber, die genau wusste, was sie wollte. Und mit einer Bedingungslosigkeit, die ich in der Form noch selten von einer jungen Regisseurin erlebt habe, hat sie ihre Ideen umgesetzt. Das fand ich faszinierend, und der Alexander ist natürlich eine tolle Rolle. So etwas zu spielen, in dieser Reduktion und innerlichen Versammlung, das machte schon Spaß.

MM: Wie geht es Ihnen mit dem Thema Selbstoptimierung? Als Schauspieler ist man doch wohl auch ständig damit befasst?

Fritz Karl: Das ist ein wunder Punkt, denn ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch und hasse wahnsinnig Schlamperei in unserem Beruf. Ich habe kein Verständnis mit Kollegen, die am Set erscheinen und den Text nicht gelernt haben, oder nicht vorbereitet sind. Während man sich beim Theater eine Figur während der Proben erarbeitet, muss man beim Film und beim Fernsehen am ersten Drehtag voll und ganz da sein, muss man seine Figur kennen. Daher nutze ich die Vorbereitungszeit, um meinen Charakter so präzise wie möglich zu gestalten, die Rolle so optimal wie möglich zu machen. Da bin ich schon sehr optimiert, wenn Sie so wollen. Ich wünsche mir manchmal, dass ich ein bisschen lockerer sein könnte, aber ich bin besessener Perfektionist. Denn nur der Perfektionismus und das Wissen, dass ich optimal vorbereitet bin, verschaffen mir dann die Freiheiten mich in der Figur zu bewegen.

MM: Apropos, Freiheit: Auch sie ist Thema im Film. Wir sehen eine Upper Class, die ihre Freiheiten für den Komfort ausgibt, die materiell sehr gut lebt – und andererseits in Angst vor dem sozialen Abstieg in die sogenannten Schlafburgen. Wie haben Sie das empfunden?

Fritz Karl: Der Film geht davon aus, dass in diesem Staat die Menschen alle ihre Daten freiwillig hergegeben haben. Wir leben in einer Zeit, die mit diesem „gläsernen Menschen“ schon sehr viel zu tun hat, wenn man schaut, wie viele Daten wir freiwillig oder unfreiwillig herausgeben, welche Gewohnheiten wir über das Internet preisgeben, vom Einkaufen bis zu privatesten Dingen. Da bewegen wir uns schon sehr in diese Richtung wie im Film. Die wirkliche Unruhe, die die Figur Alexander erfasst, ist aber eine andere. Die kommt aus einer Sensibilität und einem Humanismus, die ihm sein revolutionärer Vater mitgegeben hat. Er weiß sehr wohl, dass sein Wohlstand auf Kosten anderer stattfindet. Er weiß aber über die Life Guidance Agentur sehr wenig, darüber weiß seine Frau Anna viel mehr, die mit Menschen zu tun hat, die vom Abstieg betroffen sind. Er fühlt sich lange Zeit relativ sicher, nimmt gar nicht ernst, dass man ihm mit Konsequenzen droht; er ist nicht von Anfang an von Angst getrieben, die entdeckt er erst während des Films. Anfangs lächelt er vieles weg.

MM: Ist dieser Alexander in seiner Verweigerung des Systems ein Verwandter von Winston Smith aus Orwells „1984“?

Fritz Karl: Könnte man so sagen. Nur fühlt sich hier lange jeder glücklich, jeder ist brainwashed vom System. Die Angst, von der Sie sprechen, ist lange nur die Atmosphäre des Films, bevor sie auf die Figuren übergreift. Es braucht für Alexander einen Schritt hinaus, um zu sehen, was man nicht sehen kann, wenn man im System steckt. Das ist ein wichtiges Moment an dieser Figur, als er anfängt zu reflektieren über das, was passiert, über seine Arbeit und über sein Leben. Er erkennt, dass er in seinen Verpflichtungen unglaublich gefangen ist, auch das ein heutiges Motiv: wir haben sehr viel Luxus, wir sind abgesichert, wir werden „beschützt“. Wir leben, obwohl wir das nicht so registrieren, von Angst durchsetzt. Wir müssen mit Helm Radfahren, die Kinder haben ein Handy, damit sie jederzeit erreichbar sind, wir machen Fitness, damit wir gesünder und leistungsfähiger sind – und wehe, wenn nicht, dann kriegst du Herzkranzgefäßerkrankungen! Wo ist da noch der Genuss? Ich will einen schönen Schweinsbraten essen, danach einen Kaffee trinken und eine Zigarette rauchen.

MM: Wir sind noch nicht soweit, dass der Gegenbegriff zu Volksgesundheit „Volksschädling“ lautet.

Fritz Karl: Im Film ist es schon so! Das ist das Interessante in Bezug auf unsere Gesellschaft: Auch uns wird permanent versucht, Angst vor Konsequenzen zu machen, es heißt: das und das ist für eure Sicherheit, dafür müsst ihr aber die und die Freiheit aufgeben, nur weil wir mitten drinstecken, sehen wir das nicht so.

MM: Eine starke Szene ist, als sich herausstellt, dass Alexanders Sohn ihn an die Agentur verraten hat.

Fritz Karl: Ja, man sieht am Anfang des Films, dass im Kindergarten schon alle auf einer Linie sind. Das kennt man aus totalitären Regimen, den Nazis, der DDR, dass die zweite Generation das System schon völlig verinnerlicht hat, dass sie die Eltern an den Pranger stellt. Im Dritten Reich hat man daheim oft nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt, damit der HJ-Sprössling nicht erzählt, der Papa hat einen Witz über den „Führer“ gerissen.

MM: „Life Guidance“ ist ein durchgestylter Film …

Fritz Karl: Es ist ein unglaublich durchdachter, bis zum Schluss durchgehaltener, durchgestylter Film. Ich habe so etwas noch nie erlebt, und ich habe wirklich viele Filme gemacht, aber ich war noch nie bei einem Projekt dabei, bei dem jemand so akribisch arbeitet.

Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

MM: … ich vermute, da haben Sie auch an der Darstellungsweise sehr gefeilt. Mir ist aufgefallen, dass die Figuren agieren, als wäre ihnen die Energie abgesogen worden. Das heißt aber nicht schauspielerische Agonie, sondern große Kunst.

Fritz Karl: Es war in erster Linie Ruth Mader, die in den Vorgesprächen schon darauf hingewiesen hat. Wir haben jede Szene probiert, denn so zu spielen, ist wahnsinnig anstrengend, weil man sich unglaublich konzentrieren und versammeln muss. Natürlich würde man immer wieder ganz gern auf etwas zurückgreifen, das man so unglaublich gut in petto hat und das immer gut funktioniert, aber sie hat das sofort weggewischt. Das fand ich eine ganz große Herausforderung an mich als Schauspieler. Ich habe manchmal geflucht und mich geärgert, war sehr emotional, aber sich an dieser starken Regisseurin abzuarbeiten, die bedingungslos auf ihrer Sicht beharrt, und diese Form durchzuhalten, das fand ich eine tolle Aufgabe, das war echt spannend.

MM: Alexander taucht in eine Gegenwelt ab, die unverkennbar als Wiener Arbeiterbezirk zu identifizieren ist. Trifft er dort die „echten“ Menschen?

Fritz Karl: Er trifft die working poor, eine arbeitende Schicht, die gerade so über die Runden kommt. Das haben wir heute auch: Leute, die sehr schnell zu sehr viel Geld kommen, und Leute, die sehr viel arbeiten, aber es gerade mal so schaffen, weil sie nicht adäquat dafür entlohnt werden. Dann gibt es noch die Totalverlierer im Film, die in sogenannten Schlafburgen mit Psychopharmaka ruhiggestellt werden, weil sie aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden und unbrauchbar geworden sind.

MM: Und dann gibt es die Jagdgesellschaft, die Gesellschaft alter Männer, die die bestimmende Klasse ist.

Fritz Karl: Die haben das System eingerichtet. Es ist die Schlüsselszene, als diese Herren Alexander erklären, dass alles selbstgewusst und selbstgewollt und selbstgemacht ist. Das ist schon richtig, und für die, die auf der Butterseite sind, völlig okay. Aber die vielen, die das nicht sind, werden unzufrieden werden. Wir sind weltweit sichtlich an einem Punkt angelangt, an dem es große Verschiebungen geben wird, Wanderungen, so dass man sich überlegen muss, wie lange und mit welchen Mitteln wir unser System noch aufrechterhalten werden können. Oder brauchen wir dann militärische oder totalitäre Mittel, um all diese Menschen, die auf unsere Kosten nichts mehr zu fressen haben, hintanzuhalten?

MM: Die Mauern gegen diese Menschen werden schon errichtet.

Fritz Karl: Stimmt. Seit Jahren schon. Ich war im spanischen Ceuta, da gibt es Riesenzäune, damit die Afrikaner nicht rüberkommen. Das gibt es schon sehr lange, das ist aber überhaupt nicht in unseren Köpfen. Ich war für den Wagenhofer-Film „Black Brown White“ dort und habe die riesigen Glashäuser gesehen, in denen günstigst „unser“ Gemüse gezogen wird. Die Menschen, die dort arbeiten, leben in Pappkartons und gehen illegal ihrer Arbeit nach. Das wird aber gedeckt, sonst könnte die Ware nicht so billig sein. Das ist atemberaubend.

MM: Diese vielen Scheren, die auch der Film aufzeigt, die Schere im Kopf, in der Brieftasche, zwischen den Geschlechtern …, wie kann man denen begegnen?

Fritz Karl: Mit Humanismus. Man kann wegschauen oder nur sehen, was in unmittelbarer Nähe ist, oder man kann ein bissl rechts und links schauen und sich fragen, ob es einem mit dem Zustand der Welt gut geht und wenn nein, was man dagegen tun könnte. Ich zum Beispiel koche und esse gern, und ich versuche, das sage ich auch meinen Kindern, bewusst einzukaufen. Zu einem normalen Fleischhauer gehe ich schon lange nicht mehr, ich kaufe lieber „teurer“, aber qualitativ besser und herkunftstechnisch sicher bio. Ich habe das Gefühl, dass wir in einer Phase sind, in der es eine sehr junge Bewegung in der Gesellschaft gibt, die vieles wieder umdrehen will. Es gibt aber auch einen großen Teil, der sagt, für uns rennt’s, alles andere ist egal.

MM: Zu diesem „Hinter uns die Sintflut“ die Frage, wie wichtig ist in „Life Guidance“ der Glaube? Ich weiß, dass ihn Ruth Mader in ihren Arbeiten immer wieder thematisiert …

Fritz Karl: Der Glaube ist ein wichtiges Moment in Alexanders Nächstenliebe. Er zeigt, dass es noch eine andere Geisteshaltung als den Kapitalismus gibt, dass es andere Werte als das Optimieren gibt. Dafür steht für Alexander der Mann mit dem Rosenkranz, der Priester, die ihm wie allegorische Figuren über den Weg laufen.

MM: Wenn wir zu unserem Ausgangspunkt zurückkommen, nämlich, dass sich „Life Guidance“ als Science Fiction tarnt, sind Sie ein Fan dieses Genres?

Bild: © KGP Kranzelbinder Gabriele Production

Fritz Karl: Ja, das mag ich. Von „Alien“ bis zu „Fahrenheit 451“, Philip K. Dick vor allem: „Do Androids Dream Of Electric Sheep?“ – welch ein Titel für eine Geschichte! Der daraus entstandene Film „Blade Runner“ ist einer meiner liebsten. Nur den zweiten Teil habe ich noch nicht gesehen. Ein Freund hat das Original mit seiner Tochter gesehen, und die meinte: Komisch, die haben gar keine Handys …

Philip K. Dick hat für „The Minority Report“ ja auch das Gedankenverbrechen erfunden, also, dass man für eine Tat bestraft wird, die man noch gar nicht begangen hat, auch das ist Thema in unserem Film.

MM: Was kommt von Ihnen als nächstes?

Fritz Karl: Ich drehe gerade „Franz Burda“, und ab März arbeite ich in Bad Aussee an einer Kriegsgeschichte über die Bergarbeiter, die von den Nazis gestohlene Bilder gerettet haben.

www.lifeguidance.at

5. 1. 2018

Volksoper: Gypsy

September 11, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

A Musicalstar is born

Tingel-Tangel-Familie: Toni Slama  als Herbie, Lisa Habermann  als Louise, Marianne Curn als June und Maria Happel als Rose. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mit Riesenjubel und -applaus endete Sonntagabend die Eröffnungspremiere der Volksoper. Direktor Robert Meyer hat einmal mehr eine Musicalrarität ans Haus geholt, „Gypsy“, und für diese Maria Happel in der Hauptrolle. Es ist das erste Mal, dass die Burgschauspielerin in einem klassischen Musical spielt, und sie singt und swingt und tanzt, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. A Musicalstar is born!

Wie ein Hurrican wirbelt ihre „Mama Rose“ über die Bühne, den Mops in der Tasche, ihre beiden Töchter an der Hand – und schon ist man mitten drin im Chaosleben der Vaudeville-verrückten Übermutter. „Gypsy“ erzählt die wahre Geschichte der Rose Thompson Hovick, die in den 1920er-Jahren der USA aufbrach, um ihre beiden Töchter zu Bühnenstars zu machen. Dazu tingelte die kleine Truppe, die Rose rund um die Mädchen aufgestellt hatte, quer durch die Vereinigten Staaten, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Das Ende des Vaudeville war bereits eingeläutet, und Karriere auf diesem Gebiet eigentlich nicht mehr machbar.

Rose, von ihrer Biografin nicht von ungefähr „Dr. Jekyll and Mrs. Hovick“ genannt, verschliss Bühnen- wie Lebenspartner, und trieb Baby June und Louise zu Höchstleistungen an. Beide Töchter wendeten sich schließlich von ihr ab: June brannte durch, mit 13!, heiratete und wurde eine erfolgreiche Schauspielerin, Louise unter dem Künstlernamen „Gypsy Rose Lee“ zum Burlesque-Star. Beide therapierten ihre schwierige Beziehung zu ihrer Mutter in Autobiografien.

Louises Aufzeichnungen nahmen Liedtexter Steven Sondheim, Autor Arthur Laurents und Komponist Jule Styne als Vorlage für ihr 1959 am Broadway uraufgeführtes Musical „Gypsy“. Diesem konnte die Kritik gar nicht genug Rosen streuen. Man schrieb von endlich einer Charakterrolle in einem Musical, nannte die Rolle der Mama Rose „die frivole Antwort auf King Lear“, und das Stück schließlich gar „die Mutter aller Musicals“. Apropos, Rosen: Einer der größten Hits in „Gypsy“ ist „Everything’s Coming up Roses“, außerdem bekannt sind „You’ll Never Get Away From Me“ und der Auftrittssong der Mädchen „Let Me Entertain You“, der sich wie ein roter Faden durch das Musical zieht.

Die  jungen Darsteller: Sophie Grohmann, Emil Kurz, Simon Gaunersdorfer, Louisa Popovic, Maria Happel, Sophie-Marie Hofmann, Lino Gaier, Lili Krainz und Toni Slama. Bild: © Jenni Koller/Volksoper Wien

Die Zeitungsjungen-Nummer läuft Jahrzehnte: Lino Gaier, Louisa Popovic, Sophie-Marie Hofmann und Lorenzo Popovic. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

An der Volksoper tauchen Regisseur Werner Sobotka und sein Ausstatterduo Stephan Prattes und Elisabeth Gressel lustvoll in die verwehte Welt des US-Unterhaltungstheaters ein, und machen den Abend zur schillernden Hommage ans eigene Metier. Sobotka inszeniert wie stets mit viel Liebe für Details, mit Witz und einem Hauch Satire. Vor allem nach der Pause, die Szenen in Minskys Burlesque-Theater, da lebt er seinen Hang zum Skurrilen aus. Die Optik wechselt zwischen showbiz-grellbunt und ärmlich-privat, hat Roses Truppe doch alles, nur kein Geld.

Happels Kostüme sind mitunter von atemberaubender „Hässlichkeit“, wenn Rose aus Schlafdecken Mäntel und Kleider näht, nur Baby June mit blondgefärbten Löckchen ist immer wie aus dem Schaufenster entwendet. Dirigent Lorenz C. Aichner macht das Volksopernorchester wieder einmal zur Big Band, schmissig schon die Ouvertüre während der alte Filmaufnahmen auf die Varieté-Atmosphäre einstimmen, und so wird den ganzen Abend mit Tempo und „Rums“ für die Bumps – dies der von Trommelwirbel begleitete Hüftkick der Tänzerinnen –  musiziert. Die Choreografien von Danny Costello sind lebhaft, very twenties und mit viel Stepptanz. „Gypsy“, das ist ein rundum sympathischer Abend.

Roses Truppe: Simon Stockinger, Peter Lesiak, Maria Happel, Georg Wacks, Oliver Liebl, Toni Slama, Maximilian Klakow und Marianne Curn. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Peter Lesiak (mit Lisa Habermann) glänzt in einer einwandfreien Steppnummer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In dessen Mittelpunkt, wie gesagt, Maria Happel glänzt. Kaum geht der Vorhang hoch, ist man mitten drin in „Onkel Jockos Kindercontest“, bei dem Baby June das Publikum erstmals mit Piepsstimme beschwört: „Let me entertain you!“ Ein kecker Augenaufschlag, ein Spagat (tatsächlich wurde June von Pädophilen verfolgt), und eine Mutter, die es schafft sich selbst aus dem Hintergrund ihre Vorhänge abzuholen. Happel verleiht der Mama Rose herben Charme und Humor, doch nie vergisst sie die Tragik im Leben dieser Nervensäge, die ihre eigene verkorkste Existenz an ihren Töchtern gutmachen möchte.

Darstellerisch vielschichtig changiert sie zwischen liebevollem Muttertier und Mamamonster, dem der Familiensinn immer dann zu fehlen scheint, wenn es nicht nach ihrem Kopf geht. Und wehe, sie wird böse! Ansonsten lacht und flirrt und strahlt sie – ganz perfekte Vermarkterin ihrer Mädchen. „Meine Töchter sind mein Job!“, rechtfertigt sie ihren Selbstverwirklichungstrip. In dieser ersten Szene brillieren eine Reihe von Kinderdarstellern als wären sie alte Theaterhasen, allen voran die großartigen Livia Ernst als Baby June und Katharina Kemp als Louise.

Beim Tingeln werden aus den angesagten „1,07 Meter pure Energie“ teenagerhafte 1,60 Meter, immer noch lautet der Song „Let me entertain you!“, immer noch folgt die Zeitungsjungen-Nummer, immer noch will Rose so beharrlich wie erfolglos ihre Töchter berühmt machen. Die Wienerin Marianne Curn und die Linzerin Lisa Habermann schlüpfen nun in die Rollen von June und Louise, beide debütieren in ihren Parts an der Volksoper, und überzeugen gesanglich wie darstellerisch. Während Curns June noch vor der Pause verschwindet, hat Habermann mehr Zeit einen Charakter zu gestalten – und sie nützt sie auch. Wie ihre Louise vom Entlein, der Mutter nur zweitliebste Tochter, meist in eine Bubenrolle verbannt und von der Truppe als „Kumpel“ wahrgenommen, zum strahlend schönen Schwan wird, diese Entwicklung arbeitet Habermann erstklassig heraus.

Zum hervorragenden Damentrio gesellt sich Toni Slama als Roses Lebensgefährte Herbie, ein geduldiger, gefühlvoller Mensch und Manager der Truppe, der nicht von ungefähr an Roses Seite ein Magengeschwür bekommt, und sie verlassen wird, als sie zum x-ten Mal die Hochzeit wegen eines Engagements verschiebt. Slama agiert mit viel Herz und (als ehemaliger Sängerknabe) mit einigem an Stimme, Happel und er sind jedenfalls ein hinreißendes Paar, auch wenn’s für Rose und Herbie nicht reicht. Aus den die Mädchen auf der Bühne umringenden „Jungs“ ragt Peter Lesiak als „Tulsa“ mit einer ausgezeichneten Steppnummer heraus. Wolfgang Hübsch hat einen Kurzauftritt als Roses Papa.

Im Burlesque-Theater: Christian Graf als Tessie Tura, Maren Kern, Martina Dorak, Jens Claßen, Simon Stockinger und Lisa Habermann. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Eine letzte Aussprache, und schon hat Rose den Nerz: Lisa Habermann und Maria Happel. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

So vergehen die Jahre, in denen Rose nicht loslassen kann und immer noch zur Gute-Nacht-Geschichte antritt, ohne wahrhaben zu wollen, dass ihre Babys längst im gebärfähigen Alter sind. Die „Jungs“ hauen irgendwann ab, June ist weg, Rose fördert nun Louise – und befördert sie in Minskys Burlesque-Theater in New York. Dieser Abstieg entpuppt sich bald als Louises künstlerischer Aufstieg, die, zum ersten Auftritt von der Mutter gedrängt, Talent im Ausziehgenre zeigt.

Sobotka lässt eine illustre Truppe das Etablissement bevölkern. Neben Martina Dorak als trompeteblasender „Miss Electra“ (eine Art Xena, die Stripteaseprinzessin), gelingt Christian Graf als so abgebrühter wie abgeklärter Lehrmeisterin „Tessie Tura“ im rosa Tutu mit Schmetterlingsdildo ein Kabinettstück. Lousie legt Bekleidung wie Mutterbindung ab, und Mama Rose ist ihren Job und damit den Sinn ihres Lebens los.

Wie die Happel sich diesen Moment der Verzweiflung mit der Schlussnummer „Rose’s Turn“/Nun ist Rose dran von der Seele singt und schreit, das ist große Kunst. In der Realität folgten Streit und Gerichtsprozesse. Auf der Bühne ist bei Schluss noch nicht Schluss.

Es kommt zur Aussprache zwischen Rose und Louise – aus der, was Wunder, Rose als Siegerin hervorgeht. Sie hat es geschafft, sich auf die High-Society-Party ihrer Tochter einzuladen, und der dafür auch noch einen teuren Nerz abgeluchst. Und so können sie beide im Triumph die Bühne verlassen: Mama Rose und Maria Happel.

Maria Happel im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=25867

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  1. 9. 2017