Academy Awards Streaming: Sophia Loren in La vita davanti a sé“ / „Du hast das Leben vor dir“

April 16, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Edoardo Pontis Oscar-nominierter Film mit La Mamma

Madame Rosa mit Momò in ihrem Schutzraum im Keller, der von Momò so genannten „Batcave“: Sophia Loren und Ibrahima Gueye. Bild: Regine De Lazzaris aka Greta © Netflix 2020

Mehr als zehn Jahre ist es her, dass Sophia Loren zuletzt in einem Film zu sehen war, nun kehrt die italienische Diva mit einem fulminanten Auftritt zurück – im auf Netflix zu streamenden Drama „La vita davanti a sé“, deutsch: „Du hast das Leben vor dir“, ihres Sohnes Edoardo Ponti. Regisseur und Drehbuchautor Ponti hat die Geschichte nach

dem gleichnamigen Prix-Goncourt-Gewinner-Roman des französischen Autors Romain Gary selbstverständlich ganz auf La Mamma zugeschnitten – und allüberall befand das Feuilleton, dass sich die Loren für dies perfekte Spiel ihren dritten Oscar verdient hätte. Ponti führt mit dem 12-jährigen italienisch-sengalesischen Filmdebütanten Ibrahima Gueye außerdem einen beachtenswerten Jungschauspieler ein. Dennoch konnte sich die Academy punkto des andernorts gerne ausgezeichneten Films – etwa mit dem Grand Dame Award for defying ageism oder den Capri Hollywood Awards für die Loren und Ponti – „nur“ zu einer Nominierung für den Besten Filmsong durchringen, „Io si“ von Diane Warren und Laura Pausini, und von Pausini im Abspann auch gesungen.

Jene Madame Rosa, die der 86-jährige Leinwandstar hier verkörpert, mag nicht die uneingeschränkte Hauptrolle des Films sein, dessen Herzschlag aber ist sie allemal. Sophia Lorens Art, sich Figuren anzueignen, ist es in großem Maße zu danken, dass „La vita davanti a sé“ nicht Richtung Rührstück verrutscht. In Madame Rosas behaglich abgenutzter Wohnung lehnt sie am Türstock, wie sie es immer getan hat. Die Arme unter der Brust verschränkt, den Kopf ein klein wenig zur Seite geneigt, sodass ihr Stolz und ihre Resolutheit deutlich gemacht sind, im Bedarfsfall schon mal Blitze aus den Augen schießend, in dieser Pose betrachtet sie wortlos die Szenerie, bevor sich das Temperament Bahn bricht.

Die Loren im nachlässig übergeworfenen Hauskleid, das hochgesteckte Haar in Auflösung begriffen: Sie ist eine ewige Filumena, deren Feuer Funken sprüht. Der Typ hart, aber herzlich, erschöpft, aber niemals ausgeknockt liegt der Charakterdarstellerin seit den Arbeiten mit Vittorio De Sica, und auch ihre Madame Rosa legt sie ohne großes Getue an – die Holocaust-Überlebende, die sich im apulischen Bari als Prostituierte durchschlug und die nun die Kinder anderer Sexarbeiterinnen betreut.

Da kommt eines Tages Hausarzt Dr. Cohen, Renato Carpentieri, zu ihr und bittet sie, den 12-jährigen Momò, eine Waise aus dem Senegal, aufzunehmen. Ausgerechnet den kleinen Gangster, der sie gerade eben auf dem Markt beklaut hat. Doch Dr. Cohen gibt ihr die gestohlene Einkaufstasche zurück, und weil Rosa das Geld braucht, das der Mediziner ihr für Momòs Unterbringung anbietet, willigt sie schließlich ein. Ein schönes Früchtchen hat sie sich da mit dem ungezogenen, zornigen Momò ins Haus geholt. Also sind die nächsten 90 Filmminuten darauf verwendet, zu zeigen, wie die Ziehurgroßmutter den Jungen mit sanfter Seelengüte und fester Hand auf den Pfad der Tugend scheucht. „Basta, stronzetto!“, das sagt die Loren eben wie keine andere. Ihr Humor, ihr vollmundiger neapolitanischer Tonfall erden den Film dort, wo er ins Melodramatische abdriftet könnte.

Ibrahima Gueye ist eine Entdeckung. Sein Momò, Mohammed, der im Übrigen als Ich-Erzähler seiner Story fungiert, ist scheu und angriffslustig zugleich, und beileibe kein hilfloses Ausländerkind. Von den beiden Beinen, mit denen er im Leben steht, steckt er mit einem zwecks Drogendealen zwar im Kriminal, aber Momò – und durch die Kopfhörer schallt der HipHop – nimmt’s Gesetz der Straße locker. „Ich werde dem Glück nicht in den Arsch kriechen“, ist sein Motto. Die Dreistigkeit und der schlitzohrige Charme, die frühreife Männlichkeit, mit der Ibrahima Gueye das rüberbringt, erinnern an einen jungen Omar Sy – und eine ebensolche Karriere, Sy zuletzt als „Lupin“ zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=44044), wünscht man Gueye auch.

Filmdebütant Ibrahima Gueye liefert als Momò eine grandiose Performance. Bild: Regine De Lazzaris aka Greta © Netflix 2020

Madame Rosa quält Iosif mit Hebräisch-Stunden: Iosif Diego Pirvu. Bild: Regine De Lazzaris aka Greta © Netflix 2020

Signor Hamil soll Momò einen Job in seiner Greißlerei geben: Babak Karimi. Bild: Regine De Lazzaris aka Greta © Netflix 2020

Ein flottes Tänzchen mit der Trans-Nachbarin: Abril Zamora als Lola. Bild: Regine De Lazzaris aka Greta © Netflix 2020

Die in die Schusslinie der Scharmützel zwischen Madame Rosa und Momò geraten sind: Madames zweiter Schützling Iosif, Iosif Diego Pirvu gleichfalls in seinem ersten Film, den sie mit ihrem Hebräisch-Unterricht für die Bar Mizwa traktiert. Und die Prostituierte Lola, deren Baby Babu ebenso von Rosa betreut wird, und die als Transfrau und ehemaliger Boxchampion im Mittelgewicht an einem ausgewachsenen Vaterkomplex knabbert – gespielt von der spanischen Trans-Schauspielerin Abril Zamora, was erwähnt, aber nicht betont wird. Oder wie Zamora im Golden-Globes-Interview sagt: „Die Transsexualität ist eine weitere ,Info‘ zur Figur und es ist wunderbar, dass sie natürlich behandelt wird und dass sich die Handlung nicht darauf konzentriert. Dies ist der nächste Schritt bei der Trans-Integration in das Audiovisuelle. Nicht alle Trans-Charaktere konzentrieren sich auf Sexualität. Es ist viel integrativer, einen LGTB-Charakter außerhalb eines LGTB-Plots zu haben.“

Es dauert, bis sich die Jüdin und der junge Muslim annähern. Wundersame Szenen entstehen so. Er bemerkt beim Abwaschen die tätowierte Nummer auf ihrem Unterarm, sie erklärt „Damals war ich so alt wie du“ und „Ich habe mich in Auschwitz unter der Baracke versteckt“, doch von Drittem Reich und Konzentrationslagern hat Momò noch nie gehört. Einmal folgt er Madame Rosa in den Keller und stöbert sie dort in einem vollständig möblierten Versteck auf. „Ihre Batcave“, meint Iosif, und dass Madame mutmaßlich Geheimagentin sei.

Sie wiederum beobachtet Momò, als Iosif von seiner Mutter abgeholt wird, Momò, der von seiner Mutter nicht einmal ein Foto hat, und wie Sophia Loren den Jungen in diesem Moment wahrnimmt, seinen Schmerz erkennt und dieses Erkennen mit einem fast unmerklichen Straffen ihres Körpers und mit dem plötzlich wachen Blick der nahenden Rettung spielt, ist großartig. Als Madame Rosa sich allerdings mit Momòs imaginärer Löwenmutter konfrontiert sieht, fragt sie Signor Hamil um Rat. „Sie üben die Kunst der Verführung mit Ihren Augen und Ihrer Stimme aus“, antwortet der versonnene Philosoph verzückt.

Der iranische Schauspieler Babak Karimi, den die Berlinale 2011 für seine Rolle im Drama und späteren Auslands-Oscar-Gewinner „Nader und Simin – Eine Trennung“ mit einem Silbernen Bären auszeichnete, spielt diesen Hamil, einen muslimischen Greißler, dem Rosa einen Job für Momò abschwatzt. Karimi spielt ihn auf so leise Weise, so beharrlich gut, dass man sich neben ihn setzen und seinen Geschichten lauschen möchte, während er mit bedächtigen Bewegungen und in tiefer Ruhe die Seiten von Victor Hugos „Les Misérables“ zusammenklebt – das Buch, das Momò in einem Wutanfall nach ihm geworfen hat. Signor Hamil wird zur Vaterfigur für Momò und versucht ihm die Religion und Kultur seines Geburtslandes nahe zu bringen.

Das alles bebildert Edoardo Ponti mit einer abgesofteten, poetischeren Spielart des Neorealismo, mehr à la De Sica als Luigi Zampa. Schriftsteller Romain Gary war selber Jude, diente in der französischen Luftwaffe und floh rechtzeitig nach England, von wo aus er mit Charles de Gaulle den Widerstand gegen die Nationalsozialisten organisierte. Immer wieder schrieb er über das Überleben, das Weiterleben nach der Shoa oder die Unmöglichkeit, dies zu tun. In „La vie devant soi“ hat er sich für den Altruismus als Überlebensweisheit entschieden. Madame Rosa tut Gutes. Basta!

Momòs imaginäre Löwenmutter: Ibrahima Gueye. Bild: Regine De Lazzaris aka Greta © Netflix 2020

Madame Rosa in katatonischem Zustand: Sophia Loren. Bild: Regine De Lazzaris aka Greta © Netflix 2020

Das Ensemble am Set mit Regisseur Edoardo Ponti. Bild: Regine De Lazzaris aka Greta © Netflix 2020

Sophia Loren und Sohn Edoardo Ponti. Bild: Regine De Lazzaris aka Greta © Netflix 2020

Ponti fügt dem eine Fußnote hinzu. Wenn’s passiert, dass die Kinder Madame Rosa in katatonischem Zustand vorfinden, einmal regungslos während des Wäscheaufhängens im strömenden Regen. Wenn sie „Sie sind auf der Treppe!“ schreit. Als sie sich weigert ins Krankenhaus gebracht zu werden, weil die Ärzte allesamt Folterer seien, die an ihr Experimente durchführen wollen. Seelische Gebrochenheit und ungebrochene physische Präsenz, nur die Loren kann das so gekonnt in einem Charakter vereinen, der US-Kritik fiel dafür immer wieder das Wort „königlich“ ein. Falsch ist das nicht.

In Madame Rosa und Momò prallen die Traumatisierten zweier Generationen aufeinander, kurz zeigt Ponti „Illegale“, Miganten, Frauen, Kinder, die von der Polizei in Autobusse gezerrt werden, Momò will das sehen, Madame schnell weg. Eine subtile, melancholische Kritik an der Festung Europa, in der man nach wie vor Jagd auf Menschen macht. Keine Frage, der Film „La vita davanti a sé“ ist der Loren würdig.

Schließlich nimmt Rosa ihren Schutzbefohlenen in ihrem Kellerschrein mit, die mit Erinnerungsstücken aus ihrem Elternhaus gefüllte Batcave, sie ziehe sich hierher zurück, wenn sie schutzbedürftig sei und Sicherheit brauche, sagt sie, und auch Momò findet zwischen kolorierten Fotografien und dem Grammophon bald zu einer ungeahnten Unbeschwertheit und beim Arm-in-Arm-Einschlafen mit Rosa eine ungekannte Geborgenheit …

„La vita davanti a sé“ ist ein Film voller Ecken und Kanten, und gerade in seiner Kargheit sympathisch. Edoardo Ponti hat Romain Garys Roman, knapp nach Erscheinen in den 1970er-Jahren mit Simone Signoret als Madame Rosa schon einmal verfilmt, geschickt nach Italien und in die Gegenwart geholt, mit Elementen, wie den übers Mittelmeer kommenden Flüchtlingen, der Transgender-Nachbarin Lola oder dem Koran-kundigen Hamil und deren Erfahrungen als Bürger zweiter Klasse.

Die Themen, um die es Gary in den Siebzigern ging – das Aufeinandertreffen und gegenseitige Verständnis verschiedener Generationen, Kulturen und Religionen -, sind heute so dringlich wie damals. Mit der superben Sophia Loren und ihrem charismatischen Co-Star Ibrahima Gueye hat dieser mit viel Empathie erzählte Film alles, was großes Kino braucht. Wenn derzeit auch nur auf den Bildschirmen.

Trailer OV/dt.: www.youtube.com/watch?v=En1jkf34xjc  www.youtube.com/watch?v=PGpSQm-oPWo           Sophia Loren und Edoardo Ponti im Gespräch, ital.: www.youtube.com/watch?v=b7QCmMlJ8zk           www.netflix.com

16. 4. 2021

Wiener Festwochen: Simon McBurneys „The Encounter“

Juni 3, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die wahren Abenteuer entstehen im Kopf

Bild: Robbie Jack

Simon McBurney entführt die Zuhörer in die wilde Welt des Amazonas. Bild: Robbie Jack

Der Moment, an dem man hätte Mäuschen sein wollen, ist der, an dem Simon McBurney zu seinem Complicite-Theatertechniker sagte: Du, ich hab‘ da eine Idee, ich spiele den ganzen Regenwald und noch ein halbes Dutzend Figuren, wie, denkst du, können wir das umsetzen?, und die Augen seines Gegenüber vermutlich immer größer wurden, bis – die Idee. Der geniale britische Bühnenzauberer ist wieder Gast der Wiener Festwochen.

Im Museumsquartier zeigt er seine umjubelte One-Man-Performance „The Encounter“. Die ist, gleichsam als Weiterentwicklung von weiland Spalding Grays „Swimming to Cambodia“, nichts weniger als eine Neudefinition des Begriffs Theater, eine Neuerfindung der alten Tradition der Geschichtenerzähler, und für das Publikum eine völlig neue Theatererfahrung. Ist man doch diesmal angehalten zuzuhören, statt hinzusehen.

McBurney berichtet auf der Grundlage von Petru Popescus Buch „Amazon Beaming“ über den amerikanischen Fotojournalisten Loren McIntyre, den Mann, der 1971 die Quelle des Amazonas entdeckte. Bevor ihm das glückte, erlebte er allerdings das Abenteuer seines Lebens. Er folgte 1969 wochenlang einem Stamm Mayoruna, dem indigenen Volk der Jaguar, das sich in Berufung auf seinen stolzen Stammvater Gesichtsverzierungen aus Holzstäbchen wie Schnurrhaare durch die Wangen sticht. Damals galten die Mayoruna als „unentdeckt“, denn, wie McIntryre feststellen sollte, sie waren auf der Flucht vor der „Zivilisation“, oder besser deren Auswüchsen. Zu viele ihrer Menschen waren im Kautschukkrieg und wegen der Erdölgier der Weißen getötet worden, nun strebten sie immer weiter dem Herzen des Urwalds zu, ihr Häuptling, von McIntrye Barnacle genannt, auf der Suche nach dem „Anfang“ – und der Fotograf sollte noch herausfinden, ob dieser nicht tatsächlich das Ende einer ganzen Gemeinschaft meinen sollte …

Total mikrofoniert und mit allen Tricks des Soundentwicklers Sennheiser ausgestattet, verlegt McBurney die Geschichte in die Fantasie seiner Zuhörer. Auf der mit weniger Versatzstücken versehenen und im Halbdunkel gehaltenen Bühne gibt es nämlich nicht viel zu erkennen, die Eindrücke sind diesmal akustische. Via Kopfhörer taucht man ein in eine exotische Welt, McBurney nennt sie als McIntyre „mein schönes Gefängnis“, sie ist gefährlich und faszinierend und beunruhigend, voll unbekannter Geräusche und nie gehörter Töne. Ein binauraler Kunstkopf dient sozusagen als Antagonist, über ihn ist ein komplexer Mix aus Livegeschehen und vorher aufgenommenem Sound möglich. Eine Cessna fliegt über die Köpfe der Zuschauer, so laut, dass der Saal vibriert; seinen Marsch über den Dschungelboden markiert McBurney durch Herumtrampeln auf raschelnden VHS-Kassettenbändern; Moskitosurren wird auf dem Kamm geblasen. Atmet er einem über die Schulter, glaubt man das heiße Hauchen im Ohr zu spüren; und wenn der Darsteller von seiner fünfjährigen Tochter bei der Arbeit gestört wird, eine Tür geht auf, Licht fällt herein, eine Kinderstimme klingt hell, schaut man sich unwillkürlich nach dem kleinen Mädchen um. Die Kakophonie im Kopf ist mitunter überwältigend.

Aller Fakt ist Fake, die Illusion dazu perfekt und McBurney ein großer Entertainer. Er hat sichtlich Spaß an seinen Spielereien und spielt mit ihnen virtuos. Als McIntyre – im rechten Mikrofon – hat er sich eine tiefe Stimme mit Yankee-Akzent zugelegt, als Einheimischer Cambio gibt er im linken Mikrofon den Tenor. Solcherart tritt er nicht nur in Dialog mit dem Publikum, das er immer wieder direkt anspricht, sondern auch mit sich selbst. Und da ist mehr. McIntyre kommunizierte mit Barnacle nämlich in einer transzendenten Sprache. Die beiden Männer unterhielten sich im Kopf miteinander, und kamen dort über alle Gegensätze und Unterschiede hinweg zu dem Schluss, Freunde sein zu wollen. McBurney geht es in seiner Arbeit um Bewusstsein und dessen Erweiterung, wobei natürlich auch Naturdrogen eine Rolle spielen, er hinterfragt den Begriff der Zeit und wie die Zivilisierten sich davon treiben lassen, er führt nicht nur durch den Amazonas, sondern auch an seinen Londoner Schreibtisch. Das Projekt und seine Entwicklung verschmelzen auf mehreren Ebenen, und dass das alles funktioniert, zeigt einmal mehr wie großartig dieser unkonventionelle Theatermacher ist.

Bild: Gianmarco Bresadola

Ein binauraler Kunstkopf ist Gegenspieler … Bild: Gianmarco Bresadola

Bild: Gianmarco Bresadola

… gleichzeitig aber auch der einzige Freund. Bild: Gianmarco Bresadola

Doch bei aller Poesie dieser atemberaubenden Aufführung, McBurney verdeutlicht auch die größeren, die politischen Zusammenhänge. „The Encounter“ ist ein Rousseau’sches Requiem auf die indigenen Völker, ein Dutzend Gespräche hat McBurney in dessen Vorbereitung geführt, er hat den Amazonas selbst bereist und ebenfalls Mayorunas getroffen (siehe die Links „Simon McBurney im Gespräch“ und „Simon McBurneys Amazon Diary, I + II“ unten). Als deren Stellvertreter schildert er nun die Gewalt, die ein Teil der Erde dem anderen in seinem Profitstreben antut, und wenn Barnacles Leute sich am Ende vom „Anfang“ in einer Zeremonie von ihren wenigen Besitztümern trennen, nutzt er das um auf die heutige Überflussgesellschaft und deren Konsumrausch hinzuweisen. Schließlich steht aber wieder seine Tochter im Raum. Sie will eine Gute-Nacht-Geschichte hören und McBurney liest ihr aus Popescus Buch eine Mayoruna-Legende vor. Wie der Amazonas wegen eines dummen Bubenstreichs vom Himmel stürzte und wie die Menschen über das Schicksal ihres Flusses des Lebens weinten, ein Mythos, vergleichbar mit dem christlichen von der Vertreibung aus dem Paradies. Die Mayoruna kämpfen heute mit der Hilfe internationaler Rechtsanwälte um ihr Landrecht und die Erhaltung ihres Lebensraums.

Videoausschnitt „The Encounter“: www.youtube.com/watch?v=vKWv001zJ_Y

Simon McBurney im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=2cxnzcsHuKM&index=2&list=PLLEx0tB8K9bTNP8Z7i6GTBD61ttEOGUo7

Simon McBurneys Amazon Diary, I + II: www.youtube.com/watch?v=ZioqgcYWXVQ&feature=youtu.be&list=PLLEx0tB8K9bTNP8Z7i6GTBD61ttEOGUo7  www.youtube.com/watch?v=VX2zFnPEj98&feature=youtu.be&list=PLLEx0tB8K9bTNP8Z7i6GTBD61ttEOGUo7

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Oameni obişnuiţi / Gewöhnliche Menschen: www.mottingers-meinung.at/?p=20487

Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt: www.mottingers-meinung.at/?p=20380

Три сестры / Drei Schwestern: www.mottingers-meinung.at/?p=20364

Идеальный муж / Ein idealer Gatte: www.mottingers-meinung.at/?p=20289

Dugne / Nachtasyl: www.mottingers-meinung.at/?p=20221

Der Auftrag: www.mottingers-meinung.at/?p=20189

Látszatélet / Scheinleben: www.mottingers-meinung.at/?p=20141

Città del Vaticano: www.mottingers-meinung.at/?p=20120

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 3. 6. 2016

Theater in der Josefstadt: „Hochzeit auf Italienisch“

Oktober 4, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tempo, Tollheit und viel Temperament

Sandra Cervik (Filumena Marturano), Herbert Föttinger (Domenico Soriano), Hilde Dalik (Diana) Bild: © Sepp Gallauer

Sandra Cervik (Filumena Marturano), Herbert Föttinger (Domenico Soriano), Hilde Dalik (Diana), Siegfried Walther (Alfredo)
Bild: © Sepp Gallauer

Ach, jetzt noch Pesce all’Acquapazza oder eine Portion Involtini di carne di bufala mit Sformato di Zucchine, dazu ein ehrlicher Taurasi – und das Glück wäre perfekt. Für die Dolci haben Sandra Cervik und Herbert Föttinger ja ausreichend gesorgt. Er diesmal nicht in seiner Funktion als Josefstadt-Direktor, sondern in der Rolle des neapolitanischen Süßwarenfabrikanten Domenico Soriano. Sie, weil sie als „Filumena Marturano“ (so der eigentliche Titel der Theatertragikomödie von Eduardo De Filippo aus dem Jahr 1946) edelzartbitter zu Tränen rührt. „Hochzeit auf Italienisch“ – 1964 von Vittorio De Sica mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni verfilmt – hält das Künstlerehepaar nun auf der Bühne. Ein vorprogrammierter Publikumserfolg. Der Garant für ein volles Haus. Völlig zu Recht. Denn die Inszenierung vom hauptberuflichen Theater-der-Jugend-Chef Thomas Birkmeir ist entzückend. Unter anderem oder vor allem, weil er als Regisseur das Tragi- genauso ernst nimmt wie das -komische.

Der Inhalt: Vor 25 Jahren hat Domenico die Dirne Filumena kennengelernt und, der Stammkundenschaft überdrüssig, sie in sein Haus genommen. Die in mehrfacher Hinsicht wilde Ehe bringt’s mit sich, dass Filumena Domenicos demente Mutter pflegen, den Haushalt und bald auch die Geschäfte führen muss. Der feine Herr nämlich treibt sich lieber in der Weltgeschichte herum, um’s zu treiben. Doch nun plötzlich soll die Ex-Prostituierte weg. Domenico will seine blutjunge Sekretärin Diana heiraten. Filumena wird „sterbenskrank“, erzwingt auf dem Totenbett die Eheschließung – und feiert mit Ring am Finger und der Plünderung des Eiskastens fröhliche Auferstehung. Domenico schäumt. Will die sofortige Annullierung des Bundes. Doch Filumena hat noch ein Ass im Ärmel. Das heißt: Eigentlich drei. Söhne. Und einer davon ist Domenicos …

Herbert Föttinger passt die Figur des „Mimi“ Soriano wie eine zweite Haut. Jedes Klischee über italienische Männer sitzt. Changierend zwischen Muttersöhnchen (wunderbar, wie er sich mit einem Aufschrei auf ihren Sarg wirft oder später die „heilige“ Verstorbene auf Knien um Beistand gegen Filumena anfleht) und knallhartem Macho, elegant tänzelnd, weniger elegant keifend, mittelschwer hypochondrisch, ebenso hysterisch, ein Herrenschuhfetischist, ein Maulheld, aber ein anrührender. Nicht umsonst wird er von Filumena so heiß geliebt. Diese, das „alte, angestaubte Möbelstück“, spielt Sandra Cervik nach ihrer fulminanten „Sterbeszene“ mit beinah immer stoischer Ruhe – manchmal greift sie auch zum Küchenmesser. Ihre Filumena ist ernsthafter, ehrlicher, ehrbarer als der Rest der Gesellschaft. Eine, die aus der Gosse wollte, und im Leerlauf der Versprechungen endete. Zynisch kommentiert sie die von De Filippo festgeschriebene Sozialkritik, wenn sie das reiche, verzogene, ergraute Bürschen entspannt, die Hühnerhaxn in der Hand, filetiert. Sie hat den Spieß umgedreht – in einer Zeit, in der es noch keine DNA-Tests gab, aber das Blatt wird sich noch einmal wenden … Als sie sich ihren Söhnen erstmals als das präsentiert, was sie ist, ihnen dabei nicht ins Gesicht sehen kann, hat Cervik die stärkste Szene des Abends. Doch für den ganzen gilt, wie schön es ist zuzusehen, wie die Chemie zwischen ihr und Herbert Föttinger stimmt. Außerdem gefallen Filumenas „Mitverschwörer“ Marianne Nentwich als Haushälterin Rosalia, Siegfried Walther als vermeintlicher Mimi-Intimus Alfredo und Gideon Singer als desorientierter Priester. Hilde Dalik, wie immer eine Augenweide, lässt als „naive“ Schöne Diana schön durchblicken, welch bösartige Xanthippe sich hinter der bezaubernden Oberfläche verbirgt.

All diese Tollheiten hat Birkmeir mit Tempo und Temperament in Szene gesetzt. Inklusive Rückblenden über die ersten Augenblicke zwischen Domenico und Filumena. Für die flotte Umsetzung sorgt Christoph Schubiger mit seinem ruckzuck variablem Bühnenbild. Dazu gibt’s Musik von Peppino di Capri bis Rita Pavone. Che m’importa del Mondo (www.youtube.com/watch?v=NyLZiVR7p38)!

www.josefstadt.org

www.mottingers-meinung.at/sandra-cervik-und-herbert-foettinger-im-gespraech

BUCHTIPP: Mehr über das Neapel dieser Tage schildert Curzio Malaparte in seinem Roman „Die Haut“ (Erstausgabe 1949; neu erschienen im Zsolnay-Verlag): Als Verbindungsoffizier der Alliierten, die 1943 Neapel von den deutschen Besatzern befreiten, begleitet Malaparte die amerikanischen Truppen auf ihren Wegen durch die Stadt. Er wird zum Zeugen einer beispiellosen Verrohung unter der neapolitanischen Bevölkerung, die nur eines kennt: die eigene Haut zu retten. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Entstehen schockiert dieser Roman noch immer. Vom Vatikan auf den Index gesetzt, machte „Die Haut“ ihren Verfasser weltberühmt.

Wien, 4. 10. 2013

Sandra Cervik und Herbert Föttinger im Gespräch

Oktober 2, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Hochzeit auf Italienisch“ im Theater in der Josefstadt

Marianne Nentwich (Rosalia Solimene), Sandra Cervik (Filumena Marturano), Herbert Föttinger (Domenico Soriano) Bild: © Sepp Gallauer

Marianne Nentwich (Rosalia Solimene), Sandra Cervik (Filumena Marturano), Herbert Föttinger (Domenico Soriano)
Bild: © Sepp Gallauer

Den Film von Vittorio De Sica kennt wohl jeder. 1964. „Hochzeit auf Italienisch“. Sophia Loren und Marcello Mastroianni im lustvollen Infight. Denn: Nach fünfundzwanzig Jahren wilder Ehe mit der ehemaligen Prostituierten Filumena will der wohlhabende Domenico plötzlich nichts mehr von ihr wissen: der Grund heißt Diana und ist blutjung. Die verschmähte Geliebte täuscht daraufhin vor, „todkrank“ zu sein, um den Treulosen zu einer raschen Eheschließung zu nötigen. Doch der Betrug fliegt auf, ein Anwalt erklärt die Ehe für null und nichtig. Nun muss Filumena zu härteren Mitteln greifen: Sie konfrontiert Domenico mit ihren drei Söhnen, die sie bis dato verheimlicht hatte. Einer davon, behauptet sie, sei sogar sein eigener. Nur welcher?

Am Theater in der Josefstadt hat am 3. Oktober „das Original“ Premiere: Eduardo De Filippos Theaterstück „Filumena Marturano“, bei dessen Uraufführung 1946 in Neapel er selbst Regie führte. Theater-der-Jugend-Intendant Thomas Birkmeir inszeniert das Josefstadt-Traumpaar Sandra Cervik und Hausherr Herbert Föttinger. Ein Gespräch.

MM: Ich orte am Haus eine gewisse Italianità. Sie haben gerne Peter Turrinis Goldini-Bearbeitungen auf den Spielplan gesetzt, nun folgt die Wiederentdeckung von Eduardo De Filippo …

Herbert Föttinger: „Diener zweier Herren“ und „Campiello“ hatten mehr mit Turrini zu tun, als mit Goldoni. Das ist sehr italienisch, wildes italienisches Straßentheater, das stimmt. Bei „Filumena Marturano“ ist es was anderes. Eduardo De Filippo ist keine Straßentheater-Italianità. Er selbst hat sein Stück 1946 uraufgeführt. Es ist ein sozialkritisches Stück, hat mit einem existenziellen Geschlechterkampf zu tun …

Sandra Cervik: … der allerdings auch mit Temperament ausgetragen wird …

Föttinger: aber nicht mit diesen Spaghetti-Klischees. „Hochzeit auf Italienisch – Filumena Marturano“ ist ein allgemeingültiges Stück. In Italien hat es ja einen Siegeszug angetreten, der noch nicht vorbei ist. Nur bei uns wird De Filippo kaum mehr gespielt. Ich mag dieses Stück, seit ich es kenne. Sandra Cervik und ich haben vor 13 Jahren Max Frischs „Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie“ in Thomas Birkmeirs Regie miteinander gespielt. Und er sagte damals schon: „Ihr solltet ,Hochzeit auf Italienisch’ zusammen machen.“ Das geisterte mir immer im Kopf herum – und nun war die Zeit reif: Ich bin, wie im Stück vorgesehen, 52 Jahre alt, Sandra 48 …

Cervik: Noch nicht!

Föttinger: Thomas Birkmeir hatte Zeit, die Inszenierung zu übernehmen. Es ist also alles ideal. Es hat sich, glaube ich, gelohnt, seit 2000 darauf zu warten.

 MM: Man kennt die Verfilmung von Vittorio De Sica aus dem Jahr 1964 mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni. De Sica wurde damals von der italienischen Presse sehr gescholten, er hätte sich damit endgültig in seichtes Gewässer begeben. Zwischen der Loren und Mastroianni fliegen Fetzen und Spaghetti. Wie kann man gegen diese Bilder in den Köpfen des Publikums anspielen?

Föttinger: Zum Teil gar nicht. Und ich spiele auch ein wenig mit meiner Mastroianni-Attitude, die mir ja schon Emmy Werner bescheinigt hat. Ich habe mir, wie Sie sehen, sogar ein Bärtchen wachsen lassen. Aber wir spielen nicht den Film, sondern das Stück. Da gibt es eine komödiantische Fassade, hinter der die Tragödie hindurchscheint.

MM: Das wird vor allem für Sie, Frau Cervik, eine Gratwanderung werden.

Cervik: Absolut richtig. Der Humor liegt nicht auf der Seite der Filumena; in den Momenten, in denen sie glaubt, auf der Siegerstraße zu sein, bereitet ihr das zwar Vergnügen, aber sonst hat diese Figur durchaus archaische, medeenhafte Züge. Sie sammelt ihre drei Kinder ein, die sie bei fremden Familien untergebracht hatte, um Domenico zu sagen, einer wäre sein Sohn – aber welcher? Das ist alles nicht komisch. Der Monolog, in dem sie ihren Söhnen erklärt, warum sie ist, was sie ist, ist nicht einfach. Ich mag das aber sehr gerne, es muss nicht alles nur moll oder Dur sein. Keine Komödie ohne Tragödie, keine Tragödie ohne Komödie. Die Komik liegt aber eindeutig bei der Männerfigur.

Föttinger: Und in der Auseinandersetzung der beiden. Mit all der Verrücktheit und Hingabe, die dieser Mann, Domenico, braucht, um etwas für und aus seinem Leben zu lernen.

 MM: Wie legen Sie den Domenico an? Als Macho, als Schlitzohr, als Muttersöhnchen?

Föttinger: Er ist ein oberflächlicher, verantwortungsloser Nichtstuer. Ein verzogenes, wohlhabendes Söhnchen, der in dieser Beziehung zu Filumena Verantwortungsgefühl lernen muss. Das macht er dann aber schon auf eine besondere Art und Weise, die in Italien 1946 wahrscheinlich noch wichtiger war, als heute: Indem er alle drei Söhne als seine annimmt. Das ist ein großer, schöner Schritt.

Cervik: Apropos, Sozialkritik: Das ist ja von De Filippo nicht zufällig so geschrieben, dass er der Reiche ist und sie die Prostituierte. Die Figur Filumena bringt von Anfang an viel mehr Tiefe mit. Domenico, weil er nie ein Problem hatte, um nichts kämpfen musste, ihm alles in den Schoß gefallen ist, ist ganz anders drauf, als sie. Deshalb liebt sie ihn auch: Weil er etwas in ihr zum Klingen bringen. Filumena heißt auch Power of Love. Sie hat sich in diesen Mann verguckt, sie kann nicht lassen von ihm. Er ist ja kein böser Mensch, er soll nur weg von seiner Oberflächlichkeit, verstehen, was sie meint und will.

 MM: Das Stück ist ein Spiel um Täuschungen, Enttäuschungen. Da kann man auf große Gesten setzen, fuchteln, streiten … Wie unterscheidet sich da das Paar Filumena/Domenico vom Paar Föttinger/Cervik?

Cervik: Wir fuchteln privat weniger (sie lacht).

Föttinger: Also, ich fuchtle gern!

Cervik: Im Ernst jetzt: Wir streiten, obwohl wir beide temperamentvolle Menschen sind, wenig und wenn eher sachlich. Wir sind nicht die Plärrer und Schreier. Die schlimmste Strafe für ihn ist ohnedies mein Schweigen.

Föttinger: Grauenhaft! Die grausamste Art von Liebesentzug. Weiterstreiten, diskutieren ja, aber bitte nicht schweigen. Natürlich geben wir unseren Beruf nicht daheim vor der Haustüre ab, aber wer tut das schon? Wenn du etwas mit Leidenschaft machst, wirst du es auch nach Hause tragen – und ich finde das nicht einen Moment schlecht, sondern gut so!

Cervik: Auch ich kann das Theater nicht einfach „abstellen“. Aber es gibt das Andere, unseren Sohn. Da ist ganz was anderes Thema, die Schule zum Beispiel. Grundsätzlich kann ich meine aktuelle Bühnenrolle daheim nicht in ein Winkerl stellen, egal ob ich mit Herbert Föttinger oder einem anderen Bühnenpartner spiele.

Föttinger: Ich denke mir manchmal, das Ärgste in einer Beziehung muss sein, wenn sich der andere so gar nicht für das interessiert, was man tut. Das stelle ich mir sehr unfein vor.

MM: Sie sind die Dreifaltigkeit des Hauses: Intendant, Schauspieler, Regisseur.

Föttinger: Und noch geht sich das ganz gut aus. Der Umbau der Kammerspiele ist in der Zielgeraden, das macht mich sehr stolz. Es war nicht so anstrengend, wie der Umbau der Josefstadt. Was das Bauliche betrifft, bin ich sozusagen fertig. Und ohne, dass die künstlerische Arbeit je zu kurz kam.

MM: Wie kann man so einem Mann hinterher hecheln?

Cervik: Unter uns: Das muss ich nicht. Weil ab und zu „fällt“ er ja doch um und dann stehe ich da, um den erschöpften Gatten liebend in die Arme zu nehmen. Es gibt eben Dinge, die wir gemeinsam machen können, Dinge, die nur meins sind, Dinge, für die er allein verantwortlich ist … und da waren die neuen Kammerspiele eben ein intensiv-beglückendes Meisterstück.

 MM: Nun wurde vorher schon erwähnt, Thomas Birkmeir hat Sie zu diesem Projekt ein wenig „angestiftet“. Was sind seine Qualitäten als Regisseur?

Föttinger: Er kann mit dem Stoff was anfangen, also war für mich nur logisch, dass er ihn auch umsetzt. Ich freue mich sehr, dass er nach 13 Jahren wieder an der Josefstadt arbeitet. Er ist für Sandra und mich ein Gegenüber. Das ist unglaublich wichtig.

Cervik: Und Thomas ist ein sehr genauer Zuschauer. Er sieht Kleinigkeiten, kann sie auch formulieren. Er ist genau im Detail. Er lässt dich als Schauspieler machen, nimmt das auf und bringt es in eine gute Form.

MM: Wie sollen die Zuschauer nach dem Abend empfinden? Beschwingt oder betropetzt?

Cervik: Gute Frage.

Föttinger: Mit einem guten Gefühl. Wenn zwei Menschen sich nach 25 Jahren so zusammenraufen, sage ich, es ist toll, wenn man jenseits der 50 noch was lernen kann. Und wenn das einsetzen würde, dass eine Frau einen Mann dazu bewegen kann, sich umzukrempeln, neu zu denken, dann gibt uns das doch Hoffnung.

Cervik: Eine leise melancholisch-positive Hoffnung.

www.josefstadt.org

Trailer: www.youtube.com/watch?v=KIhc5IpgVhM&feature=player_embedded#t=1

Wien, 2. 10. 2013