Wiener Festwochen: Simon McBurneys „The Encounter“

Juni 3, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die wahren Abenteuer entstehen im Kopf

Bild: Robbie Jack

Simon McBurney entführt die Zuhörer in die wilde Welt des Amazonas. Bild: Robbie Jack

Der Moment, an dem man hätte Mäuschen sein wollen, ist der, an dem Simon McBurney zu seinem Complicite-Theatertechniker sagte: Du, ich hab‘ da eine Idee, ich spiele den ganzen Regenwald und noch ein halbes Dutzend Figuren, wie, denkst du, können wir das umsetzen?, und die Augen seines Gegenüber vermutlich immer größer wurden, bis – die Idee. Der geniale britische Bühnenzauberer ist wieder Gast der Wiener Festwochen.

Im Museumsquartier zeigt er seine umjubelte One-Man-Performance „The Encounter“. Die ist, gleichsam als Weiterentwicklung von weiland Spalding Grays „Swimming to Cambodia“, nichts weniger als eine Neudefinition des Begriffs Theater, eine Neuerfindung der alten Tradition der Geschichtenerzähler, und für das Publikum eine völlig neue Theatererfahrung. Ist man doch diesmal angehalten zuzuhören, statt hinzusehen.

McBurney berichtet auf der Grundlage von Petru Popescus Buch „Amazon Beaming“ über den amerikanischen Fotojournalisten Loren McIntyre, den Mann, der 1971 die Quelle des Amazonas entdeckte. Bevor ihm das glückte, erlebte er allerdings das Abenteuer seines Lebens. Er folgte 1969 wochenlang einem Stamm Mayoruna, dem indigenen Volk der Jaguar, das sich in Berufung auf seinen stolzen Stammvater Gesichtsverzierungen aus Holzstäbchen wie Schnurrhaare durch die Wangen sticht. Damals galten die Mayoruna als „unentdeckt“, denn, wie McIntryre feststellen sollte, sie waren auf der Flucht vor der „Zivilisation“, oder besser deren Auswüchsen. Zu viele ihrer Menschen waren im Kautschukkrieg und wegen der Erdölgier der Weißen getötet worden, nun strebten sie immer weiter dem Herzen des Urwalds zu, ihr Häuptling, von McIntrye Barnacle genannt, auf der Suche nach dem „Anfang“ – und der Fotograf sollte noch herausfinden, ob dieser nicht tatsächlich das Ende einer ganzen Gemeinschaft meinen sollte …

Total mikrofoniert und mit allen Tricks des Soundentwicklers Sennheiser ausgestattet, verlegt McBurney die Geschichte in die Fantasie seiner Zuhörer. Auf der mit weniger Versatzstücken versehenen und im Halbdunkel gehaltenen Bühne gibt es nämlich nicht viel zu erkennen, die Eindrücke sind diesmal akustische. Via Kopfhörer taucht man ein in eine exotische Welt, McBurney nennt sie als McIntyre „mein schönes Gefängnis“, sie ist gefährlich und faszinierend und beunruhigend, voll unbekannter Geräusche und nie gehörter Töne. Ein binauraler Kunstkopf dient sozusagen als Antagonist, über ihn ist ein komplexer Mix aus Livegeschehen und vorher aufgenommenem Sound möglich. Eine Cessna fliegt über die Köpfe der Zuschauer, so laut, dass der Saal vibriert; seinen Marsch über den Dschungelboden markiert McBurney durch Herumtrampeln auf raschelnden VHS-Kassettenbändern; Moskitosurren wird auf dem Kamm geblasen. Atmet er einem über die Schulter, glaubt man das heiße Hauchen im Ohr zu spüren; und wenn der Darsteller von seiner fünfjährigen Tochter bei der Arbeit gestört wird, eine Tür geht auf, Licht fällt herein, eine Kinderstimme klingt hell, schaut man sich unwillkürlich nach dem kleinen Mädchen um. Die Kakophonie im Kopf ist mitunter überwältigend.

Aller Fakt ist Fake, die Illusion dazu perfekt und McBurney ein großer Entertainer. Er hat sichtlich Spaß an seinen Spielereien und spielt mit ihnen virtuos. Als McIntyre – im rechten Mikrofon – hat er sich eine tiefe Stimme mit Yankee-Akzent zugelegt, als Einheimischer Cambio gibt er im linken Mikrofon den Tenor. Solcherart tritt er nicht nur in Dialog mit dem Publikum, das er immer wieder direkt anspricht, sondern auch mit sich selbst. Und da ist mehr. McIntyre kommunizierte mit Barnacle nämlich in einer transzendenten Sprache. Die beiden Männer unterhielten sich im Kopf miteinander, und kamen dort über alle Gegensätze und Unterschiede hinweg zu dem Schluss, Freunde sein zu wollen. McBurney geht es in seiner Arbeit um Bewusstsein und dessen Erweiterung, wobei natürlich auch Naturdrogen eine Rolle spielen, er hinterfragt den Begriff der Zeit und wie die Zivilisierten sich davon treiben lassen, er führt nicht nur durch den Amazonas, sondern auch an seinen Londoner Schreibtisch. Das Projekt und seine Entwicklung verschmelzen auf mehreren Ebenen, und dass das alles funktioniert, zeigt einmal mehr wie großartig dieser unkonventionelle Theatermacher ist.

Bild: Gianmarco Bresadola

Ein binauraler Kunstkopf ist Gegenspieler … Bild: Gianmarco Bresadola

Bild: Gianmarco Bresadola

… gleichzeitig aber auch der einzige Freund. Bild: Gianmarco Bresadola

Doch bei aller Poesie dieser atemberaubenden Aufführung, McBurney verdeutlicht auch die größeren, die politischen Zusammenhänge. „The Encounter“ ist ein Rousseau’sches Requiem auf die indigenen Völker, ein Dutzend Gespräche hat McBurney in dessen Vorbereitung geführt, er hat den Amazonas selbst bereist und ebenfalls Mayorunas getroffen (siehe die Links „Simon McBurney im Gespräch“ und „Simon McBurneys Amazon Diary, I + II“ unten). Als deren Stellvertreter schildert er nun die Gewalt, die ein Teil der Erde dem anderen in seinem Profitstreben antut, und wenn Barnacles Leute sich am Ende vom „Anfang“ in einer Zeremonie von ihren wenigen Besitztümern trennen, nutzt er das um auf die heutige Überflussgesellschaft und deren Konsumrausch hinzuweisen. Schließlich steht aber wieder seine Tochter im Raum. Sie will eine Gute-Nacht-Geschichte hören und McBurney liest ihr aus Popescus Buch eine Mayoruna-Legende vor. Wie der Amazonas wegen eines dummen Bubenstreichs vom Himmel stürzte und wie die Menschen über das Schicksal ihres Flusses des Lebens weinten, ein Mythos, vergleichbar mit dem christlichen von der Vertreibung aus dem Paradies. Die Mayoruna kämpfen heute mit der Hilfe internationaler Rechtsanwälte um ihr Landrecht und die Erhaltung ihres Lebensraums.

Videoausschnitt „The Encounter“: www.youtube.com/watch?v=vKWv001zJ_Y

Simon McBurney im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=2cxnzcsHuKM&index=2&list=PLLEx0tB8K9bTNP8Z7i6GTBD61ttEOGUo7

Simon McBurneys Amazon Diary, I + II: www.youtube.com/watch?v=ZioqgcYWXVQ&feature=youtu.be&list=PLLEx0tB8K9bTNP8Z7i6GTBD61ttEOGUo7  www.youtube.com/watch?v=VX2zFnPEj98&feature=youtu.be&list=PLLEx0tB8K9bTNP8Z7i6GTBD61ttEOGUo7

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Oameni obişnuiţi / Gewöhnliche Menschen: www.mottingers-meinung.at/?p=20487

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Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 3. 6. 2016

Theater in der Josefstadt: „Hochzeit auf Italienisch“

Oktober 4, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tempo, Tollheit und viel Temperament

Sandra Cervik (Filumena Marturano), Herbert Föttinger (Domenico Soriano), Hilde Dalik (Diana) Bild: © Sepp Gallauer

Sandra Cervik (Filumena Marturano), Herbert Föttinger (Domenico Soriano), Hilde Dalik (Diana), Siegfried Walther (Alfredo)
Bild: © Sepp Gallauer

Ach, jetzt noch Pesce all’Acquapazza oder eine Portion Involtini di carne di bufala mit Sformato di Zucchine, dazu ein ehrlicher Taurasi – und das Glück wäre perfekt. Für die Dolci haben Sandra Cervik und Herbert Föttinger ja ausreichend gesorgt. Er diesmal nicht in seiner Funktion als Josefstadt-Direktor, sondern in der Rolle des neapolitanischen Süßwarenfabrikanten Domenico Soriano. Sie, weil sie als „Filumena Marturano“ (so der eigentliche Titel der Theatertragikomödie von Eduardo De Filippo aus dem Jahr 1946) edelzartbitter zu Tränen rührt. „Hochzeit auf Italienisch“ – 1964 von Vittorio De Sica mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni verfilmt – hält das Künstlerehepaar nun auf der Bühne. Ein vorprogrammierter Publikumserfolg. Der Garant für ein volles Haus. Völlig zu Recht. Denn die Inszenierung vom hauptberuflichen Theater-der-Jugend-Chef Thomas Birkmeir ist entzückend. Unter anderem oder vor allem, weil er als Regisseur das Tragi- genauso ernst nimmt wie das -komische.

Der Inhalt: Vor 25 Jahren hat Domenico die Dirne Filumena kennengelernt und, der Stammkundenschaft überdrüssig, sie in sein Haus genommen. Die in mehrfacher Hinsicht wilde Ehe bringt’s mit sich, dass Filumena Domenicos demente Mutter pflegen, den Haushalt und bald auch die Geschäfte führen muss. Der feine Herr nämlich treibt sich lieber in der Weltgeschichte herum, um’s zu treiben. Doch nun plötzlich soll die Ex-Prostituierte weg. Domenico will seine blutjunge Sekretärin Diana heiraten. Filumena wird „sterbenskrank“, erzwingt auf dem Totenbett die Eheschließung – und feiert mit Ring am Finger und der Plünderung des Eiskastens fröhliche Auferstehung. Domenico schäumt. Will die sofortige Annullierung des Bundes. Doch Filumena hat noch ein Ass im Ärmel. Das heißt: Eigentlich drei. Söhne. Und einer davon ist Domenicos …

Herbert Föttinger passt die Figur des „Mimi“ Soriano wie eine zweite Haut. Jedes Klischee über italienische Männer sitzt. Changierend zwischen Muttersöhnchen (wunderbar, wie er sich mit einem Aufschrei auf ihren Sarg wirft oder später die „heilige“ Verstorbene auf Knien um Beistand gegen Filumena anfleht) und knallhartem Macho, elegant tänzelnd, weniger elegant keifend, mittelschwer hypochondrisch, ebenso hysterisch, ein Herrenschuhfetischist, ein Maulheld, aber ein anrührender. Nicht umsonst wird er von Filumena so heiß geliebt. Diese, das „alte, angestaubte Möbelstück“, spielt Sandra Cervik nach ihrer fulminanten „Sterbeszene“ mit beinah immer stoischer Ruhe – manchmal greift sie auch zum Küchenmesser. Ihre Filumena ist ernsthafter, ehrlicher, ehrbarer als der Rest der Gesellschaft. Eine, die aus der Gosse wollte, und im Leerlauf der Versprechungen endete. Zynisch kommentiert sie die von De Filippo festgeschriebene Sozialkritik, wenn sie das reiche, verzogene, ergraute Bürschen entspannt, die Hühnerhaxn in der Hand, filetiert. Sie hat den Spieß umgedreht – in einer Zeit, in der es noch keine DNA-Tests gab, aber das Blatt wird sich noch einmal wenden … Als sie sich ihren Söhnen erstmals als das präsentiert, was sie ist, ihnen dabei nicht ins Gesicht sehen kann, hat Cervik die stärkste Szene des Abends. Doch für den ganzen gilt, wie schön es ist zuzusehen, wie die Chemie zwischen ihr und Herbert Föttinger stimmt. Außerdem gefallen Filumenas „Mitverschwörer“ Marianne Nentwich als Haushälterin Rosalia, Siegfried Walther als vermeintlicher Mimi-Intimus Alfredo und Gideon Singer als desorientierter Priester. Hilde Dalik, wie immer eine Augenweide, lässt als „naive“ Schöne Diana schön durchblicken, welch bösartige Xanthippe sich hinter der bezaubernden Oberfläche verbirgt.

All diese Tollheiten hat Birkmeir mit Tempo und Temperament in Szene gesetzt. Inklusive Rückblenden über die ersten Augenblicke zwischen Domenico und Filumena. Für die flotte Umsetzung sorgt Christoph Schubiger mit seinem ruckzuck variablem Bühnenbild. Dazu gibt’s Musik von Peppino di Capri bis Rita Pavone. Che m’importa del Mondo (www.youtube.com/watch?v=NyLZiVR7p38)!

www.josefstadt.org

www.mottingers-meinung.at/sandra-cervik-und-herbert-foettinger-im-gespraech

BUCHTIPP: Mehr über das Neapel dieser Tage schildert Curzio Malaparte in seinem Roman „Die Haut“ (Erstausgabe 1949; neu erschienen im Zsolnay-Verlag): Als Verbindungsoffizier der Alliierten, die 1943 Neapel von den deutschen Besatzern befreiten, begleitet Malaparte die amerikanischen Truppen auf ihren Wegen durch die Stadt. Er wird zum Zeugen einer beispiellosen Verrohung unter der neapolitanischen Bevölkerung, die nur eines kennt: die eigene Haut zu retten. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Entstehen schockiert dieser Roman noch immer. Vom Vatikan auf den Index gesetzt, machte „Die Haut“ ihren Verfasser weltberühmt.

Wien, 4. 10. 2013

Sandra Cervik und Herbert Föttinger im Gespräch

Oktober 2, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Hochzeit auf Italienisch“ im Theater in der Josefstadt

Marianne Nentwich (Rosalia Solimene), Sandra Cervik (Filumena Marturano), Herbert Föttinger (Domenico Soriano) Bild: © Sepp Gallauer

Marianne Nentwich (Rosalia Solimene), Sandra Cervik (Filumena Marturano), Herbert Föttinger (Domenico Soriano)
Bild: © Sepp Gallauer

Den Film von Vittorio De Sica kennt wohl jeder. 1964. „Hochzeit auf Italienisch“. Sophia Loren und Marcello Mastroianni im lustvollen Infight. Denn: Nach fünfundzwanzig Jahren wilder Ehe mit der ehemaligen Prostituierten Filumena will der wohlhabende Domenico plötzlich nichts mehr von ihr wissen: der Grund heißt Diana und ist blutjung. Die verschmähte Geliebte täuscht daraufhin vor, „todkrank“ zu sein, um den Treulosen zu einer raschen Eheschließung zu nötigen. Doch der Betrug fliegt auf, ein Anwalt erklärt die Ehe für null und nichtig. Nun muss Filumena zu härteren Mitteln greifen: Sie konfrontiert Domenico mit ihren drei Söhnen, die sie bis dato verheimlicht hatte. Einer davon, behauptet sie, sei sogar sein eigener. Nur welcher?

Am Theater in der Josefstadt hat am 3. Oktober „das Original“ Premiere: Eduardo De Filippos Theaterstück „Filumena Marturano“, bei dessen Uraufführung 1946 in Neapel er selbst Regie führte. Theater-der-Jugend-Intendant Thomas Birkmeir inszeniert das Josefstadt-Traumpaar Sandra Cervik und Hausherr Herbert Föttinger. Ein Gespräch.

MM: Ich orte am Haus eine gewisse Italianità. Sie haben gerne Peter Turrinis Goldini-Bearbeitungen auf den Spielplan gesetzt, nun folgt die Wiederentdeckung von Eduardo De Filippo …

Herbert Föttinger: „Diener zweier Herren“ und „Campiello“ hatten mehr mit Turrini zu tun, als mit Goldoni. Das ist sehr italienisch, wildes italienisches Straßentheater, das stimmt. Bei „Filumena Marturano“ ist es was anderes. Eduardo De Filippo ist keine Straßentheater-Italianità. Er selbst hat sein Stück 1946 uraufgeführt. Es ist ein sozialkritisches Stück, hat mit einem existenziellen Geschlechterkampf zu tun …

Sandra Cervik: … der allerdings auch mit Temperament ausgetragen wird …

Föttinger: aber nicht mit diesen Spaghetti-Klischees. „Hochzeit auf Italienisch – Filumena Marturano“ ist ein allgemeingültiges Stück. In Italien hat es ja einen Siegeszug angetreten, der noch nicht vorbei ist. Nur bei uns wird De Filippo kaum mehr gespielt. Ich mag dieses Stück, seit ich es kenne. Sandra Cervik und ich haben vor 13 Jahren Max Frischs „Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie“ in Thomas Birkmeirs Regie miteinander gespielt. Und er sagte damals schon: „Ihr solltet ,Hochzeit auf Italienisch’ zusammen machen.“ Das geisterte mir immer im Kopf herum – und nun war die Zeit reif: Ich bin, wie im Stück vorgesehen, 52 Jahre alt, Sandra 48 …

Cervik: Noch nicht!

Föttinger: Thomas Birkmeir hatte Zeit, die Inszenierung zu übernehmen. Es ist also alles ideal. Es hat sich, glaube ich, gelohnt, seit 2000 darauf zu warten.

 MM: Man kennt die Verfilmung von Vittorio De Sica aus dem Jahr 1964 mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni. De Sica wurde damals von der italienischen Presse sehr gescholten, er hätte sich damit endgültig in seichtes Gewässer begeben. Zwischen der Loren und Mastroianni fliegen Fetzen und Spaghetti. Wie kann man gegen diese Bilder in den Köpfen des Publikums anspielen?

Föttinger: Zum Teil gar nicht. Und ich spiele auch ein wenig mit meiner Mastroianni-Attitude, die mir ja schon Emmy Werner bescheinigt hat. Ich habe mir, wie Sie sehen, sogar ein Bärtchen wachsen lassen. Aber wir spielen nicht den Film, sondern das Stück. Da gibt es eine komödiantische Fassade, hinter der die Tragödie hindurchscheint.

MM: Das wird vor allem für Sie, Frau Cervik, eine Gratwanderung werden.

Cervik: Absolut richtig. Der Humor liegt nicht auf der Seite der Filumena; in den Momenten, in denen sie glaubt, auf der Siegerstraße zu sein, bereitet ihr das zwar Vergnügen, aber sonst hat diese Figur durchaus archaische, medeenhafte Züge. Sie sammelt ihre drei Kinder ein, die sie bei fremden Familien untergebracht hatte, um Domenico zu sagen, einer wäre sein Sohn – aber welcher? Das ist alles nicht komisch. Der Monolog, in dem sie ihren Söhnen erklärt, warum sie ist, was sie ist, ist nicht einfach. Ich mag das aber sehr gerne, es muss nicht alles nur moll oder Dur sein. Keine Komödie ohne Tragödie, keine Tragödie ohne Komödie. Die Komik liegt aber eindeutig bei der Männerfigur.

Föttinger: Und in der Auseinandersetzung der beiden. Mit all der Verrücktheit und Hingabe, die dieser Mann, Domenico, braucht, um etwas für und aus seinem Leben zu lernen.

 MM: Wie legen Sie den Domenico an? Als Macho, als Schlitzohr, als Muttersöhnchen?

Föttinger: Er ist ein oberflächlicher, verantwortungsloser Nichtstuer. Ein verzogenes, wohlhabendes Söhnchen, der in dieser Beziehung zu Filumena Verantwortungsgefühl lernen muss. Das macht er dann aber schon auf eine besondere Art und Weise, die in Italien 1946 wahrscheinlich noch wichtiger war, als heute: Indem er alle drei Söhne als seine annimmt. Das ist ein großer, schöner Schritt.

Cervik: Apropos, Sozialkritik: Das ist ja von De Filippo nicht zufällig so geschrieben, dass er der Reiche ist und sie die Prostituierte. Die Figur Filumena bringt von Anfang an viel mehr Tiefe mit. Domenico, weil er nie ein Problem hatte, um nichts kämpfen musste, ihm alles in den Schoß gefallen ist, ist ganz anders drauf, als sie. Deshalb liebt sie ihn auch: Weil er etwas in ihr zum Klingen bringen. Filumena heißt auch Power of Love. Sie hat sich in diesen Mann verguckt, sie kann nicht lassen von ihm. Er ist ja kein böser Mensch, er soll nur weg von seiner Oberflächlichkeit, verstehen, was sie meint und will.

 MM: Das Stück ist ein Spiel um Täuschungen, Enttäuschungen. Da kann man auf große Gesten setzen, fuchteln, streiten … Wie unterscheidet sich da das Paar Filumena/Domenico vom Paar Föttinger/Cervik?

Cervik: Wir fuchteln privat weniger (sie lacht).

Föttinger: Also, ich fuchtle gern!

Cervik: Im Ernst jetzt: Wir streiten, obwohl wir beide temperamentvolle Menschen sind, wenig und wenn eher sachlich. Wir sind nicht die Plärrer und Schreier. Die schlimmste Strafe für ihn ist ohnedies mein Schweigen.

Föttinger: Grauenhaft! Die grausamste Art von Liebesentzug. Weiterstreiten, diskutieren ja, aber bitte nicht schweigen. Natürlich geben wir unseren Beruf nicht daheim vor der Haustüre ab, aber wer tut das schon? Wenn du etwas mit Leidenschaft machst, wirst du es auch nach Hause tragen – und ich finde das nicht einen Moment schlecht, sondern gut so!

Cervik: Auch ich kann das Theater nicht einfach „abstellen“. Aber es gibt das Andere, unseren Sohn. Da ist ganz was anderes Thema, die Schule zum Beispiel. Grundsätzlich kann ich meine aktuelle Bühnenrolle daheim nicht in ein Winkerl stellen, egal ob ich mit Herbert Föttinger oder einem anderen Bühnenpartner spiele.

Föttinger: Ich denke mir manchmal, das Ärgste in einer Beziehung muss sein, wenn sich der andere so gar nicht für das interessiert, was man tut. Das stelle ich mir sehr unfein vor.

MM: Sie sind die Dreifaltigkeit des Hauses: Intendant, Schauspieler, Regisseur.

Föttinger: Und noch geht sich das ganz gut aus. Der Umbau der Kammerspiele ist in der Zielgeraden, das macht mich sehr stolz. Es war nicht so anstrengend, wie der Umbau der Josefstadt. Was das Bauliche betrifft, bin ich sozusagen fertig. Und ohne, dass die künstlerische Arbeit je zu kurz kam.

MM: Wie kann man so einem Mann hinterher hecheln?

Cervik: Unter uns: Das muss ich nicht. Weil ab und zu „fällt“ er ja doch um und dann stehe ich da, um den erschöpften Gatten liebend in die Arme zu nehmen. Es gibt eben Dinge, die wir gemeinsam machen können, Dinge, die nur meins sind, Dinge, für die er allein verantwortlich ist … und da waren die neuen Kammerspiele eben ein intensiv-beglückendes Meisterstück.

 MM: Nun wurde vorher schon erwähnt, Thomas Birkmeir hat Sie zu diesem Projekt ein wenig „angestiftet“. Was sind seine Qualitäten als Regisseur?

Föttinger: Er kann mit dem Stoff was anfangen, also war für mich nur logisch, dass er ihn auch umsetzt. Ich freue mich sehr, dass er nach 13 Jahren wieder an der Josefstadt arbeitet. Er ist für Sandra und mich ein Gegenüber. Das ist unglaublich wichtig.

Cervik: Und Thomas ist ein sehr genauer Zuschauer. Er sieht Kleinigkeiten, kann sie auch formulieren. Er ist genau im Detail. Er lässt dich als Schauspieler machen, nimmt das auf und bringt es in eine gute Form.

MM: Wie sollen die Zuschauer nach dem Abend empfinden? Beschwingt oder betropetzt?

Cervik: Gute Frage.

Föttinger: Mit einem guten Gefühl. Wenn zwei Menschen sich nach 25 Jahren so zusammenraufen, sage ich, es ist toll, wenn man jenseits der 50 noch was lernen kann. Und wenn das einsetzen würde, dass eine Frau einen Mann dazu bewegen kann, sich umzukrempeln, neu zu denken, dann gibt uns das doch Hoffnung.

Cervik: Eine leise melancholisch-positive Hoffnung.

www.josefstadt.org

Trailer: www.youtube.com/watch?v=KIhc5IpgVhM&feature=player_embedded#t=1

Wien, 2. 10. 2013