Final Portrait

August 7, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Geoffrey Rush ist ein großartiger Alberto Giacometti

Geoffrey Rush brilliert als Alberto Giacometti. Bild: © Filmladen Filmverleih

Zwei Menschen sitzen einander gegenüber. Stundenlang, tagelang, der eine im Versuch den anderen auf Leinwand zu bannen. Man redet, nicht viel mehr. Daraus einen Film zu machen, ist Kunst. Regisseur und Drehbuchautor Stanley Tucci beherrscht die nächstgrößte Variante:

Sein Atelierfilm „Final Portrait“, ab heute in den Kinos, über den legendären Bildhauer und Maler Alberto Giacometti und sein letztes Modell, den US-Autor James Lord, ist ein vergnügliches Kammerspiel mit einem großartigen Geoffrey Rush als zweifelndem und verzweifelndem Wanderer durchs eigene Werk. Rush macht aus Tuccis Anti-Biopic – denn der bevorzugt die Momentaufnahme gegenüber der langwierigen Erzählung – eine Tragikomödie ersten Ranges.

Die Historie ist: 1964 bittet Giacometti seinen langjährigen Freund Lord zur Portraitsitzung in sein Pariser Atelier. Der, geschmeichelt, sagt natürlich zu, zumal ihm in Aussicht gestellt wird, dass das Ganze nicht mehr als ein paar Stunden dauern würde. Es werden 18 Tage, in denen Lord tiefe Einblicke in die Seelengründe eines Schöpfers nehmen kann, während er eine Verpflichtung nach der anderen verschiebt (später berichtet er darüber in seinen Memoiren „A Giacometti Portrait“, der Basis für Tuccis Drehbuch). Die Sache eskaliert derart, dass Lord tatsächlich Fluchtpläne schmiedet: Wenn der Meister das nächste Mal vom schmalen auf den dicken Pinsel wechsle, wolle er „zuschlagen“. Denn er hat gelernt: Mit dem dünnen Pinsel wird erschaffen, mit dem breiten das Leben wieder und wieder übermalt …

Das ist das Material, aus dem Tucci seine fünfte Regiearbeit formt. Er lässt seinen Film fast ausschließlich in Giacomettis künstlerischer „Rumpelkammer“ spielen, 46 Rue Hippolyte-Maindron, ein desolates Gartenhäuschen, vollgestellt mit Sperrmüll. Ein mit Gipsresten verkleckster Raum. Ein haptisches Synonym für Giacomettis ekstatisches Arbeiten. Diese Kulisse von James Merifield, für die drei von der Giacometti Stiftung mit Wohlwollen akzeptierte bildende Künstler Skizzen, Modelle und Skulpturen im rechten Geiste anfertigten, ist tatsächlich einer der Hauptakteure. Organisch, ein Lebewesen.

Und in ihm tobt Geoffrey Rush. Der Giacometti, der sich gern beim Handwerken filmen ließ, wie er immer wieder in den nassen Ton seiner Skulpturen greift, um ein Auge neu zu kneten, oder den Stift ansetzt, um eine weitere Furche in einem gemalten Gesicht zu formen, genau studiert hat. Mit wildem Haarschopf und viel zu großem und vor allem immergleichen Anzug, sein Aussehen so schäbig wie sein Atelier, er „wohnt“ in beidem, erzählt er vom Bis-zum-Stummel-Raucher, Rotwein- und Frauenliebhaber, vom schrulligen Spinner mit Ausflügen ins Sinnenmenschdasein. So, dass man sich fragen muss: Welche der beiden gezeigten Medaillenseiten ist das Schauspiel? Welche „wirklich“? Authentisch immerhin sein von einem Autounfall verursachtes Hinken.

Mit Sylvie Testud als früh verblühte, knochig gewordene Schönheit Annette. Bild: © Filmladen Filmverleih

Und mit der sinnenfrohen, genusssüchtigen Caroline: Clémence Poésy. Bild: © Filmladen Filmverleih

Rush changiert zwischen aufgelöst und abgeklärt. Formidabel sind Szenen, in denen er Honorare für Kunstwerke unter Sofas und Schränke schleudert – „Ich habe hier mehrere Millionen versteckt, aber ich weiß nicht mehr wo“ -, oder Werke aus frühen Phasen zurückkauft, um sie durch „echte“ Giacomettis zu ersetzen. Alles tut er exzessiv, selbst das Espressotrinken. Er fühlt sich belästigt von Ruhm und Reichtum.

Trotz – oder weil – derlei koketter Augenzwinkerei zeigt Rush einen Mann, der nie zuvor gesehene Ausdrucksweisen für die Vereinsamung und Verzweiflung des Menschen finden konnte. Zitat: „Wenn ich mich am hoffnungsvollsten fühle, ist das der Moment, in dem ich mich aufgebe.“ Zu sagen, alles wäre um diesen wunderbaren Rush gruppiert, wäre vermessen. Tucci hat einen ganz auf die Schauspielkunst seiner Akteure ausgerichteten Film geschaffen. Und so zeigt er den Infight zweier Männer. Mit Betreuerstab am Ring. Mit wenigen kühnen Pinselstrichen gestaltet er einen Charakter. Armie Hammer ist ein – im Wortsinn – schöner, leicht „fader“ James Lord.

Allein schon äußerlich, immer proper, immer gepflegt in seinen weißen Hosen, bis die von den Sitzungen verlangte Garderobe sichtlich Schaden nimmt und knittert. Hammer hat die ihn bedrängende Katastrophe – Flug? Wann geht der Flug? – zunehmend im Blick, während Tyrann Griesgram hinter der Leinwand hervorlugt, diese verflucht und alle anderen im Atelier beflegelt. Immer wieder kommt Danny Cohens Kamera auf Armie Hammers Gesicht buchstäblich zur Ruhe. Das Kunstwerk, der Kunstschriftsteller hätte es wissen müssen, nimmt sich die Zeit, die es braucht. Und niemand hat darauf weniger Einfluss als der Künstler selbst. Stellvertretend für Giacomettis Auge prüft Cohen, was es mit diesem Gesicht, „Verbrechervisage“ sagt Giacometti, auf sich hat, welche Spuren das Leben hinterließ, unter welchem Blick Innerstes nach außen dringt. „Lone Ranger“ Hammer beweist in dieser Rolle einmal mehr, dass er das Zeug zum Charakterdarsteller hat.

Seine amerikanische Gelassenheit ist das perfekte Gegenstück zur rundum stattfindenden europäischen Skurrilität. Tatsächlich wirkt der Mann aus dem unglamourösen New Jersey lässiger und freigeistiger als die selbsternannten Pariser Bohemian-Vordenker. Kaum eine Szene fängt es besser ein als ein Mittagessen, zu dem Giacometti Lord statt des Modellsitzens überredet. Während ersterer Schinken und gekochte Eier verschlingt, dazu Alkohol herunterstürzt und gleich zwei Kaffee folgen lässt, trinkt zweiterer in Seelenruhe eine Coca-Cola …

Aus Stunden werden Wochen: Giacometti/Rush lockt James Lord (Armie Hammer) in sein Atelier. Bild: © Filmladen Filmverleih

Gestört wird der Schaffensprozess aber vor allem durch Giacomettis temperamentvolles Liebesleben zwischen Ehefrau Annette, gespielt von Sylvie Testud, und seiner Prostituierten/Muse Caroline, in der Darstellung von Clémence Poésy. Tucci hat kein erdenschweres Drama über ein Genie und dessen Dämonen inszeniert, sondern eine himmlische Story über einen Mann zwischen zwei Frauen – und keiner der beiden wird er Herr.

Wie Rush und Hammer bilden auch Testud und Poésy ein Gegensatzpaar, die eine als verblühte, knochig gewordene Schönheit, zugleich Opfer und Täterin in einer existenziellen Folterehe, die andere die knospende, leichtfüßige Geliebte, und eine im Wissen der anderen: Gibt es hie nicht einmal einen neuen Wintermantel, wird da mit Freude ein BMW-Cabriolet gekauft. Als Carolines Zuhälter Giacomettis Atelier verwüsten, leistet er den beiden großzügig Schadensersatz, bezahlt unaufgefordert für sexuelle Vergangenheit und verlangende Zukunft gleichermaßen …

Ein Ruhepol in all den Irrungen und Wirrungen ist Tuccis longtime companion Tony Shalhoub als Giacomettis Bruder Diego. Selbst ein begnadeter Künstler und Designer, hat er seine eigene Karriere hintangestellt, um Alberto als Assistent beiseite zu stehen. Diego weiß um das künstlerische Genie seines Bruders und ist jederzeit da, ihm zu helfen, sein Potenzial zu entfalten. Er ahnt aber auch dessen Ungeduld, die Welt in seinen Skulpturen und Gemälden endlich so zu zeigen, wie er sie sieht. Unzählige Male saß Diego selbst als Modell auf dem Stuhl, auf dem nun Lord sitzt. Von daher versteht dieser stille, zurückhaltende Mann, der so anders ist als Giacometti, wie es sich anfühlt, zu warten, bis der Künstler die nötige Eingebung hat.

Sehenswert ist es, wie Shalhoubs Diego um Verständnis für das komplizierte und doch so begnadete Wesen des Bruders wirbt. „Mein Bruder kann nur glücklich sein, wenn er sich unbehaglich fühlt“, sagt er einmal. Zurück zur Historie: Das Porträt des Amerikaners John Lord wird Giacomettis letztes Bild gewesen sein, er schenkt es ihm. 1990 wird es für 20 Millionen Dollar verkauft. Stanley Tuccis Film ist ein Geschenk an alle Giacometti-Fans (man selbst sah die erste „Donna in piedi“ im Museum Peggy Guggenheim Venedig) und an alle interessierten Kinogänger.

www.finalportrait.prokino.de

4. 8. 2017

Plácido Domingo im Theater an der Wien

Januar 7, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Als Doge in „I due Foscari“

Bild: Theater an der Wien

Bild: Theater an der Wien

Am 15. Jänner hat am Theater an der Wien „I due Foscari“ von Giuseppe Verdi, Libretto von Francesco Maria Piave nach der historical tragedy „The two foscari“ (1822) von Lord Byron, Premiere. Weltstar Plácido Domingo singt den venezianischen Dogen Francesco Foscari. 1844 sollte Giuseppe Verdi das erste Mal eine Oper für das Teatro La Fenice in Venedig schreiben, er bot als Vorlage dafür das Drama The Two Foscari von Lord Byron an, worin nicht das karnevaleske Venedig voll romantischer Liebesabenteuer gezeigt wird, sondern die strengen politischen Gesetze und Strukturen der Serenissima im Mittelpunkt stehen. Allerdings werden darin der berühmte Rat der Zehn als leicht zu täuschen und Adlige als rachsüchtig und intrigant vorgeführt, deshalb lehnte die Zensur den Vorschlag ab. Verdi komponierte stattdessen für Venedig die Oper Ernani; I due Foscari konnte er dann am 4. November 1844 in Rom im Teatro Argentino präsentieren. Die Handlung: Der venezianische Doge Francesco Foscari muss seinen Sohn Jacopo wegen eines angeblich von diesem ausgeübten Mordes in die Verbannung schicken – es handelt sich aber um eine Intrige seines Gegners Loredano. Foscari ist innerlich zerrissen zwischen der Liebe zu seinem Sohn und seiner Pflicht als Doge. Lucrezia, die Frau Jacopos, glaubt fest an die Unschuld ihres Gatten. Sie will ihn in die Verbannung begleiten, es wird ihr nicht erlaubt. Als Jacopo schon auf der Galeere ist, die ihn nach Kreta bringen soll, erreicht Francesco ein Brief, der die Unschuld von Jacopo beweist. Aber es ist zu spät: Jacopo ist auf der Galeere gestorben. Francesco muss als Doge abdanken, diese Schmach und der Verlust seines Sohnes brechen ihm das Herz, er stirbt.

Byrons Drama ist ein Kammerspiel, wenig geeignet als Stoff für eine große Oper. Verdi wies daher seinen Librettisten Francesco Maria Piave an, zusätzlich mitreißende Momente einzubauen: „Strapaziere deinen Geist und erfinde etwas, das ein wenig Furore macht.“ Trotz großer Chorszenen und leidenschaftlicher Gefühlsausbrüche hat das Werk seinen intimen Charakter behalten. Es gelang Verdi gerade deshalb mit I due Foscari eine Erneuerung seines Stils, seine Figurenschilderung verfeinerte und verdichtete sich. Verdi verwendete hier mit den Figuren verbundene Themen, die dem Werk bei transparenter Orchestrierung eine kunstvolle Struktur verleihen – er bietet damit, von der Musikgeschichte meist unbemerkt, einen Gegenentwurf zu Richard Wagners gleichzeitig entwickelter Leitmotivtechnik.

www.vbw.at

Wien, 7. 1. 2014

Aus dem kleinen Lord wird eine Lady

Februar 8, 2013 in Film

Mit Happy End für alle: Christiane Hörbiger und Philippa Schöne.

10.12.2012, Von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527

„Der kleine Lord“ ist von gestern

Christiane Hörbiger und Veronica Ferres in „Die kleine Lady“.

Seit Kindertagen ist er der Vorweihnachtsklassiker: „Der kleine Lord“ mit Alec Guinness als herrischem Earl of Dorincourt, der seinen einzigen Erben Cedric, einen kleinen Rotzlöffel aus den USA, holt, um ihn zum Blaublüter umzustylen. Der Bub aus der neuen Welt hat die alte auch eine Menge zu lehren. Der ORF hat sich für dieses Jahr etwas anderes einfallen lassen: „Die kleine Lady“ (12. 12., 20.15, ORF 2). Das heißt: Die Männerfiguren wurden zu Frauenrollen, aus Großbritannien Niederösterreich – Schloss Grafenegg. Was für Wahl-Badenerin Christiane Hörbiger, die als Gräfin von Liebenfels in die Guinness-Rolle schlüpfte, geografisch von Vorteil war.

Schreckschraube

„Mich hat natürlich auch gereizt, dass ich eine Figur spielen darf, die Alec Guinness seinerzeit so wunderbar dargestellt hat.“ Mit Löckchenfrisur und Häubchen gibt die Hörbiger die Schreckschraube. Als ihre ungeliebte, verwitwete Schwiegertochter (Christiane Filangieri) und „die kleine Lady“ – Emily (Philippa Schöne) statt Cedric – auftauchen, erfährt Frau Gräfin, dass Frau auch emanzipiert sein kann. Hörbiger: „Und plötzlich imponiert ihr diese unabhängige Frau, die sich nichts schenken lässt, sondern ihr Geld mit Näharbeit verdient.“ Dritte im Bunde ist die von Mr. zu Mrs. Hobbs umgewandelte New Yorker Gemischtwarenhändlerin. Veronica Ferres spielt eine Suffragette mit roten Haaren, die Zigarren raucht und im Madison Square Garden geboxt hat. „Sie überschreitet die Regeln der Konvention“, so Ferres, „und kommt aufs Schloss, um eine Intrige gegen Emily aufzudecken.“ Eine Betrügerin behauptet dort nämlich, ihr Sohn sei der wahre Erbe. „Die kleine Lady“ ist ein Märchen, das die soziale Ebene – Cedric entdeckt die desolaten Behausungen der Arbeiter des Lords und veranlasst ihn, die Zustände zu ändern – total ausblendet. Dafür singt die Ferres die „Rachearie“ der „Königin der Nacht“. Und wer das nicht gehört hat, hat was versäumt.