Art Carnuntum: Das London Globe Theatre kehrt zurück

Januar 14, 2018 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Und das Publikum wählt diesmal das Stück aus

Die neue künstlerische Leiterin Michelle Terry geht wieder auf Tour, so kommt das Globe Theatre aus London auch nach Österreich. Bild: Sarah Lee

Dieser Tage gab Shakespeare’s Globe Theater in London das diesjährige Programm unter der neuen künstlerischen Leitung von Michelle Terry bekannt. Sie bringt das Globe im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf Tour. Und dies gleich mit drei Stücken, interpretiert von einem spielfreudigen Ensemble großartiger Schauspieler unter der Regie von Brendan O’Hea.

Nach einer Pause im Vorjahr kommt das Theater auch wieder exklusiv für Österreich zu Art Carnuntum – und zwar mit “Der Kaufmann von Venedig”, “Der widerspenstigen Zähmung” und „Was ihr wollt“ (“Twelfth Night”), die vom 29. Juni bis 1. Juli zu sehen sein werden. „Was ihr wollt“ ist gleichzeitig das Motto der Dreifach-Produktion – so kann das Publikum mit einem Stimmzettel bei einer Matinee am Samstag selbst wählen, welches der möglichen Shakespeare-Stücke an diesem Nachmittag gespielt werden soll.

Two Gentlemen of Verona, 2016: Launce mit seinem Hund Crab: Charlotte Mills und Musiker Fred Thomas. Bild: Barbara Pálffy

Hamlet, 2016: Jennifer Leong: Ophelia verfällt dem Wahnsinn. Bild: Shakespeare’s Globe Theatre

„Art Carnuntum ist seit mehr als zehn Jahren – von Anbeginn an – Partner und ,Part of the Game‘ des erfolgreichen Konzeptes Shakespeare auf ursprüngliche Art einem heutigen Publikum näher zu bringen: Protagonisten sind die hervorragenden und vielseitigen Schauspieler. Und dies trifft sich auch mit dem Ziel von Art Carnuntum, das europäische Kulturerbe in ursprünglicher Form zeitgemäß zu beleben – von Aischylos über Sophokles, Euripides, Aristophanes und Plauto bis Shakespeare…“, so Art-Carnuntum-Mastermind Piero Bordin.

Als sensationell kann die Resonanz der britischen und internationalen Presse bezeichnet werden. Bordin: „Die Idee das Publikum wie zu Shakespeares‘ Zeiten abstimmen zu lassen, welches Stück gezeigt werden soll, wurde sehr positiv aufgenommen – Kultur-Headlines gab’s unter anderem bei der Times und beim Guardian.

Das Programm: Freitag, 29. Juni: Der Kaufmann von Venedig, Samstag, 30. Juni: Der widerspenstigen Zähmung,  Sonntag, 1. Juli: Twelfth Night / Was ihr wollt, Matinee am Samstag: „Was das Publikum will”. Eine komplette Programmvorschau für Art Carnuntum 2018 folgt im Frühjahr.

www.artcarnuntum.at

14. 1. 2017

Das La MaMa Theatre New York spielt bei Art Carnuntum

Juni 20, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Piero Bordin holt sich Ellen Stewarts legendäre Truppe

Marko Mandic als Pylades, umringt vom Ensemble. Bild: Theo Cote

Marko Mandic als Pylades, umringt vom Ensemble. Bild: Theo Cote

Es ist wohl nicht übertrieben, Folgendes als Sensation zu bezeichnen: Piero Bordin, Gründer und Intendant des Art Carnuntum Welttheater- festivals, hat das La MaMa Theatre New York einmal mehr zu einem Gastspiel nach Nieder- österreich eingeladen. Bereits zum siebenten Mal wird Ellen Stewarts legendäre Truppe damit im römischen Amphitheater Petronell-Carnuntum auftreten.

Allerdings zum ersten Mal nach dem Tod der berühmten Schöpferin. Theaterikone Stewart verstarb 2011 im Alter von 92 Jahren, nun führt Mia Yoo das La MaMa in ihrem Sinne weiter. Am 17. Juli zeigt sie bei Art Carnuntum „Pylades“ von Pier Paolo Pasolini nach Aischylos, in der Inszenierung der kroatischen Regisseurin Ivica Buljan und mit der Originalbesetzung aus New York. Protagonist ist der vielfach ausgezeichnete Film- und Theaterschauspieler Marko Mandic. Mit ihm spielen Perry Yung, Chris Wild, Cary Gant, Eugene the Poogene, Maura Donahue, Valois Mickens, John Gutierrez, und Tunde Sho den Orestes. Mia Yoo selbst ist als Elektra zu sehen. Pylades ist in der griechischen Mythologie der Neffe des Agamemnon. Er ist der treue Gefährte und Freund des jungen Orestes, mit dem er zusammen aufwächst; später heiratet er dessen Schwester Elektra.

Dass Pasolini, der nie ein braves, didaktisches Theater anstrebte, sondern immer ein Theater des Skandals, die griechische Saga auf sich und für seine Zwecke ummünzte, versteht sich. Das Ende des „Pylades“-Drama liest sich wie ein Epitaph auf seinen gewaltsamen Tod: „Die Sonne geht auf über diesem erniedrigten Leib. Geh du! Geh in die alte Stadt, deren neue Geschichte ich nicht kennen will. Warum Schande und Ungewissheit fürchten? Vernunft, sei verflucht, und wer auch deine Gottheit ist, und jede Gottheit.“ Die US-Theaterkritiker jedenfalls waren von der Interpretation des Stücks durch das La MaMa so begeistert, dass sie sie nach ihrer Premiere im Dezember 2015 zur Inszenierung der Saison kürten.

Die Aufführung ist für Zuschauer ab 16 Jahren geeignet. Oder wie das La MaMa auf seiner Webseite schreibt: „Please note: this is a very physical performance and while there is no audience participation, the audience is very close to the action.“ Mehr zur Produktion, Videos und Pressestimmen: lamama.org/pylade/

Mia Yoo als Elektra und Marko Mandic als Pylades. Bild: Theo Cote

Mia Yoo als Elektra und Marko Mandic. Bild: Theo Cote

Mit "Orestes" Tunde Sho. Bild: Theo Cote

Mit „Orestes“ Tunde Sho. Bild: Theo Cote

Am 4. August gibt es ein Wiedersehen mit Shakespeare’s Globe Theatre aus London. Nach dem fulminanten „Hamlet“ im April (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19057) zeigen die Briten nun „The Two Gentlemen of Verona“ aus der Feder ihres Barden. In der Inszenierung von Nick Bagnall präsentiert das exzellente Ensemble mit viel Musik, Liedern, Romantik und Chaos diese zügellose Neuproduktion und katapultiert so Shakespeares anarchische Komödie in die heutige Zeit.

Für den 27. August hat Piero Bordin selbst einen Text verfasst. „The Summit / Der Gipfel“ oder  „Die Tetrarchen: 4 Kaiser – ein Imperium“ heißt sein Stück, das im Amphitheater in seiner Regie uraufgeführt wird. Gegeben wird eine theatralische Zeitreise durch 1700 Jahre Weltgeschichte. Zu einem Ereignis, welches die Welt veränderte und bis heute prägt, nämlich einem Gipfeltreffen der Mächtigen der damaligen Welt und die dabei erfolgte Neuregelung der Herrschaft über das gesamte Römische Imperium. Und dies am historischen Originalschauplatz: in Carnuntum. Die hier entstandene Machtaufteilung führte innerhalb kürzester Zeit zu einem unglaublichen Wandel: zum Ende der Christenverfolgungen und zur Religionsfreiheit. Bordin erkannte diese Zusammenhänge und fasste sie bereits in seinem mehrjährigen internationalen kulturhistorischen Projekt “Die Kaiser von Carnuntum” zusammen. 2014 gab es dafür von der Europäischen Kommission das erste “Europäische Kulturerbe-Siegel”, nun wird Bordin seine Forschungsergebnisse für die Bühne einrichten. Man darf gespannt sein …

www.artcarnuntum.at

Wien, 20. 6. 2016

Art Carnuntum: Welttheater im Wortsinn

Februar 24, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Londons Shakespeare’s Globe Theatre zeigt „Hamlet“

Naeem Hayat und Ladi Emeruwa spieln alternierend den Hamlet Bild: Bronwen Sharp

Naeem Hayat und Ladi Emeruwa spielen alternierend den Hamlet
Bild: Bronwen Sharp

Noch vor der Präsentation des diesjährigen Gesamt- programms lässt das Welt-Theater-Festival Art Carnuntum mit einer ersten Sensation aufhorchen: Bereits am 19. April zeigt das Londoner Shakespeare’s Globe Theatre seine Inszenierung von „Hamlet“  in der Reithalle vom Kaiserlichen Festschloss Hof.

Das ist deswegen besonders, weil die Regiearbeit von Dominic Dromgoole und Bill Buckhurst damit in Niederösterreich vor London, wo die Premiere erst für 23. April angesetzt ist, und vor einer Aufführung am Originalschauplatz Helsingör zu sehen sein wird. „Art Carnuntum ist ja von Anfang an ,Part of the Game‘ und präsentiert seit fast einem Jahrzehnt exklusiv und mit großartigem Erfolg das weltberühmte Shakespeare’s Globe Theatre in Österreich“, sagt Art-Carnuntum-Mastermind Piero Bordin über diesen Höhepunkt der erfolgreichen Zusammenarbeit im Shakespeare-Jahr 2016.

Die „Hamlet“-Aufführung ist Teil eines zweijährigen Globe-to-Globe-Projekts. Seit dem 23. April 2014, dem 450. Geburtstag des britischen Barden, ist man mit dem Stück auf allen Kontinenten unterwegs. Die Inszenierung war bis dato von Bhutan und Nepal über Tuvalu und Tongo bis Ruanda und Burundi zu sehen. In Somalia war dieser „Hamlet“ die erste Theateraufführung aus einem fremden Land seit 23 Jahren. Das Globe-Ensemble spielte in Flüchtlingslagern in Kamerun, in Zaatari in Syrien und vor Schulklassen in Myanmar. „Der Globe-to-Globe-Hamlet wurde erfunden mit dem Ziel, so viele Menschen wie möglich zu erreichen, egal wo auf dieser Erde sie zu Hause sind. Wir wollen damit zeigen, dass Shakespeare alle Zuschauer unterhalten kann und bis heute so lebendig ist, dass er, unabhängig von deren Herkunft, zu allen Leuten sprechen kann“, so Dominic Dromgoole.

Was das Wort Welttheater bedeutet, erklärt die Besetzung: Den Hamlet spielen alternierend der aus Nigeria stammende Ladi Emeruwa, ein Weltenbummler zwischen London und Lagos, und Naeem Hayat, dessen familiäre Wurzeln in Pakistan liegen. Jennifer Leong, geboren in Hong Kong, und Amanda Wilkin, deren Mutter aus Jamaica stammt und deren Vater ein nordenglischer Geordie ist, teilen sich die Rolle der Ophelia. Der Maori Rawiri Paratene ist ein Claudius, Beruce Khan ein Horatio. Miranda Foster, Tom Lawrence oder Keith Bartlett, derzeit auch der „Zauberer von Oz“ in London Westend, komplettieren das Tour-Team. Vom 4. bis 6. August ist dann im Römischen Amphitheater in Petronell-Carnuntum die Komödie „The Two Gentlemen Of Verona“, die diesjährige Neuproduktion des Shakespeare’s Globe Theatre in der Regie von Nick Bagnall, zu sehen.

Das feierliche „Hamlet“-Tour-Finale in London an Shakespeares 400. Todestag am 23. April wird am Themse-Ufer von einem „Shakespeare-Walk“ begleitet, auf dem vom Globe Theatre eigens dafür produzierte Filme mit Ausschnitten aller Shakespeare-Stücke gezeigt werden. In Anlehnung an diesen Londoner Walk konzipierte Piero Bordin einen “Shakespeare-Spaziergang” durch den Archäologischen Park Carnuntum. Schwerpunkt sind Ausschnitte, Monologe und Dialoge aus Shakespeares Stücken, deren Handlung in der Antike spielt – von Rom über Ephesus bis Athen …  Die thematisch passenden Filme vom Globe-Shakespeare-Walk werden dabei in Carnuntum zu sehen sein. Außerdem wird es eine Shakespeare-Fotoausstellung, eine Filmwoche in Kooperation mit dem St. Pöltener Cinema Paradiso und ein großes Fest geben.

www.artcarnuntum.at

www.shakespearesglobe.com

Mehr zur „Hamlet“-Inszenierung: globetoglobe.shakespearesglobe.com/hamlet/the-show

Wien, 24. 2. 2016

Schauspielhaus Graz: Viktor Bodó inszeniert Le Bal

März 10, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich und meine Sabberer – P’tit Albert“

hat auf der Probebühne Premiere

Bild: Lupi Spuma

Bild: Lupi Spuma

Nach seinen Erfolgsproduktionen „Amerika“, „Der Sommernachtstraum“ oder „Der Meister und Margarita“ inszeniert Theatermagier Viktor Bodó  mit seiner Szputnyik Shipping Company nun „Das Ballhaus (Le Bal)“ am Schauspielhaus Graz. Und weil der Ungar nie ein Mann fürs Simple ist, macht er daraus ein Schauspiel ohne Worte. Premiere ist am 15. März.

Mit seiner neuen Arbeit wagt der Regisseur mit einem siebzehnköpfigen österreich-ungarischen Ensemble wieder einen ungewöhnlichen Abend: Bodó erzählt in einer eigenen Fassung den Film Le Bal über einen Tanzsaal im historischen Wandel bis in unsere Zeit weiter. Mit Fokus auf aberwitzige Choreografien und aufwendiger, eigens für den Abend komponierter Orchestermusik im Stile der jeweiligen Epoche. Einen gesprochenen Text gibt es nicht. Das Jahr 2014: Eine längst in Vergessenheit geratene Immobilie wird erstmals wieder betreten. Verfallen und verstaubt liegt der alte Tanzsaal da, der weit über ein Jahrhundert lang vielen Menschen allabendlicher Ort der Zuflucht, des Vergnügens, des Begehrens und der Auseinandersetzung war. Fundstücke erinnern an Geschichte und Geschichten. Mehr und mehr kehrt das Leben zurück … In Bodós Bühnenfassung wird das Geschehen durch die bekannten Tänze der Epochen und die kleinen Dramen des Alltags bestimmt. In mitreißenden Etappen und aberwitzigen Szenen werden die großen Fragen des Lebens verhandelt: Wird er heute Abend kommen?, Sitzt der Schlips richtig?, Wann sagt er endlich JA?, Brauch̕ ich noch einen Schnaps? Und während drinnen die Menschen um ihr Leben tanzen, zieht draußen die Weltgeschichte nicht ganz spurlos an ihnen vorüber. Ein Abend ohne Worte, aber voller Komik, Fantasie, Irrwitz und Poesie.

Am 14. März hat auf der Probebühne „Ich und meine Sabberer – P’tit Albert“ von Jean-Marie Frin nach einer Novelle von Jack London Premiere. Wahrscheinlich eine der spannendsten Produktionen des Schauspielhaus Graz in dieser Saison. Seit seinem dritten Lebensjahr lebt Tom in einer psychiatrischen Anstalt. Hier dient er als Hilfspfleger und serviert das Essen. Er sieht alles, hört alles, weiß alles. Umgeben von lauter „Sabberern“ ist er der „Deb-Ersten-Ranges“, gesegnet mit der „Gabel der Sprache“. Mit dem ihm eigenen klaren Blick erzählt er vom alltäglichen Wahnsinn im Leben eines „Expertpflegers“, diagnostiziert seine Ärzte und Pfleger, die vielleicht auch nicht alle Tassen im Schrank haben. Er berichtet liebevoll bis ins Detail, wie er als „Vernährungsexperte“ seinem Lieblingssabberer Klein-Albert den Brei „löffel-füttert“, ohne dass dieser sofort „entstickt“. Das Heim ist sein Zuhause: „Das Leben von draußen lieb ich nicht zu sehr …“ „Ich und meine Sabberer – P’tit Albert“ basiert auf der Erzählung „Told in the Drooling Ward“ von Jack London. Der Monolog ist ein pointenreiches Feuerwerk voller Wortverdrehungen und Wortspiele, an der Grenze zwischen Alltag und Wahnsinn. Ein herzerwärmendes Stück über das Anderssein, das Trotzdem-Dazugehören und die Suche nach Anerkennung, Identität und einem eigenen Platz in der Welt. Regie führt Lina Hölscher, es spielt Franz Solar.

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 10. 3. 2014