Chucks – Cornelia Travniceks Romandebüt als Film

September 18, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

So authentisch, dass die Polizei vorbeikam

Bild: © Stadtkino Filmverleih / Petro Domenigg

Bild: © Stadtkino Filmverleih / Petro Domenigg

„Schwebend erzählt, manchmal rotzig, manchmal poetisch, aber nie wehleidig“. So lobte die Literaturkritik 2012 Cornelia Travniceks Debütroman „Chucks“. Damit bot die heute 28-jährige Autorin den Filmemachern Sabine Hiebler und Gerhard Ertl nicht unbedingt eine Steilvorlage, als die sich daran machten, diese Vorlage fürs Kino zu adaptieren.

Die Übung ist gelungen. Erste Zuschauer sind begeistert. Beim Festival des Films du Monde de Montréal 2015 wurde „Chucks“ mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Am 25. September kommt er österreichweit in die Kinos. Die Literaturverfilmung erzählt bewegend und voll Humor die Coming-of-Age Story der jungen Mae. Mae zieht als Punk in den Converse-Schuhen ihres verstorbenen Bruders durch die Straßen Wiens. Sie lebt von Dosenbier, Wuzeltabak und der Wut in ihrem Bauch, sie besprayt Wände, versucht sich bei Poetry Slams, pöbelt herum. Ein bürgerliches Leben interessiert sie nicht, sie sucht Grenzerfahrungen. Als sie im Aids-Hilfe-Haus eine Strafe wegen Körperverletzung abarbeiten muss, lernt sie Paul kennen und verliebt sich ein bisschen. Paul hat Aids, ist Fotograf, hat eine im Vergleich zur „Höhle“ von Maes Mutter helle, freundliche Wohnung, Paul ist nicht aus der Ruhe zu bringen. Mae entdeckt ihren weichen Kern und Paul das Lachen wieder. In einer Szene, als sie sich wegkudern, fragt ein Staatsdiener: „Haben Sie irgendwelche Drogen genommen?“ – „Nein, ich bin immer so.“ – „Ich auch.“ Die Tatsache, dass Pauls Zeit begrenzt ist, beschädigt das Happy End. Andererseits, definiere happy … oder end …

Hiebler und Ertl erzählen durchaus traurig eine federleichte Geschichte – ganz im Travnicek’schen Sinn. Sie umgehen gekonnt jede für Nicht-mehr-Jugendkultur-Mitglieder ausgelegte Peinlichkeitsfalle. Elfriede-Ott-Schülerin Anna Posch, schon in Peter Kerns „Diamantenfieber“ dabei, ist als Mae eine Entdeckung. Sie spielt impulsiv, ist unstet, kann ihre Gefühlslage augenblicklich ändern und trägt Maes Sturheit mit Stolz. Wie dieser auf Krawall gebürstete Rotschopf zärtlich mit der Erinnerungstupperwaresammlung beginnt, das ist: Adé, Abgebrühtheit – Taschentuchalarm. Markus Subramaniam ist als Paul in dieser wilden Performance ein klarer, ruhiger Gegenpol. Weise, weil vom Tod gezeichnet, nannte der hauptberufliche Theaterschauspieler (derzeit Landestheater Vorarlberg) seine Figur im Interview, und ja, das hat was. Susi Stach hat sich als Maes Mutter in der Trauer um ihren Sohn eingeigelt. Ihre Stimmung schwankt zwischen mürrisch und schlecht gelaunt. Thomas Schubert spielt Maes Freund Jakob, Stefanie Reinsperger, von „Theater heute“ zur Schauspielerin des Jahres 2015 gekürt und derzeit am Volkstheater engagiert (www.mottingers-meinung.at/?p=14584), die Tamara.

Schön ist die Musik im Film, die einen Querschnitt der heimischen Musikszene von Bilderbuch und Clara Luzia bis zu Soap&Skin und Propella bietet. Schön auch, wie Hiebler und Ertl Bilder eines anderen Wien gefunden haben. Ihr Film wirkt authentisch unaufgeregt. So authentisch, dass sich andere aufgeregt haben, wie Hiebler/Ertl erzählen: „Wir hatten eine Szene, in der eine Gruppe Jugendlicher im siebten Bezirk ein Haus besprayt. Alles war genehmigt und bescheinigt, aber irgendein besorgter Nachbar hat wohl die Polizei alarmiert und wollte die vermeintlichen Vandalen vernadern. Da ist dann plötzlich wie aus dem Nichts eine Polizeistreife mit Sirenen und Blaulicht angerast und wollte unsere Sprayer verhaften.“ Is aber nix passiert.

www.chucks-derfilm.at

www.corneliatravnicek.com: Am 12. 10. erscheint in der DVA Cornelia Travniceks neuer Roman „Junge Hunde“.

Wien, 18. 9. 2015

Sturmingers „Casanova Variations“ in San Sebastián

September 16, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Film kommt im Dezember in die heimischen Kinos

Bild: © Amour Fou Vienna

Bild: © Amour Fou Vienna

Michael Sturmingers Film „Casanova Variations“ mit John Malkovich in der Hauptrolle wird im Wettbewerb von San Sebastián (19. bis 27. September) seine Weltpremiere haben. In weiteren Rollen sind zu sehen: Veronica Ferres, Florian Boesch, Miah Persson, Anna Prohaska, Fanny Ardant, Jonas Kaufmann, Maria Joao Bastos, Lola Naymark, Kerstin Avemo, Kate Lindsey uvm. Der Film kommt im Dezember  in die österreichischen Kinos.

Inhalt: Mozart meets Malkovich meets Casanova: Das ist, kurz zusammengefasst, die Essenz der „Casanova Variations“ von Michael Sturminger. Mit der Bildgewalt des Kinos, der Intimität des Theaters und der Leichtigkeit der Opernmusik wurde die Geschichte Giacomo Casanovas nun von Michael Sturminger auf die Leinwand gebannt. Und da keiner den legendären Venezianer so selbstverständlich verkörpern kann wie er, steht er auch für den Film als Hauptdarsteller vor der Kamera: John Malkovich. In der Rolle der Elisa steht ihm keine Geringere als Veronica Ferres zur Seite. Unterstützt werden sie von hochkarätigen Sängern: Dem Bariton Florian Boesch als singendem Casanova, Anna Prohaska als Caterina, Miah Persson als Elisa II und dem mehrfach ausgezeichneten, weltberühmten Tenor Jonas Kaufmann als Graf Branicki.

Drehbuch & Regie: Michael Sturminger
Co-Autor: Markus Schleinzer
Orchester: Wiener Akademie
Musikalische Leitung: Martin Haselböck

Interview mit John Malkovich

Wer ist für Sie Giacomo Casanova?

Casanova ist für mich eine spannende historische Figur, die ein sehr ereignisreiches und interessantes Leben geführt hat und dann auch noch gut und fesselnd darüber geschrieben hat.

Sie haben den Casanova bereits auf der Bühne gespielt und nun vor der Kamera. Was machte für Sie den Unterschied aus?

Das sind zwei sehr unterschiedliche Dinge. Die Bühne lebt, sie ist organisch. Film ist da ganz anders. Viele meinen, eine Kamera würde nicht lügen. Ich sage dann immer, dass eine Kamera genau dafür da ist – nämlich um gut zu lügen. Filme sind viel stärker manipuliert und fabriziert. Und sie werden immer Stückchenweise hergestellt, auch wenn in diesem Fall ein solches Stück jeweils mehrere Minuten dauert.

Wie unterscheidet sich die Rolle auf der Bühne und im Film?

Ich glaube nicht, dass die Rolle selbst sehr viel anders ist als auf der Bühne, aber der Rahmen ist natürlich ein ganz anderer. Auf der Bühne gab es neben mir als Casanova nur drei andere Schauspieler, die alle anderen Rollen spielten, und das waren eine ganze Menge. Im Film haben wir für jede Rolle eigene Schauspieler und Sänger.

Michael Sturminger, der schon das Stück inszenierte, ist nun auch der Regisseur des Films. Wie unterscheidet sich seine Arbeit auf der Bühne und hinter der Kamera?

Michael war immer sehr gut vorbereitet und er wusste genau, was er wollte. Er war bei der Arbeit am Film immer noch viel genauer als er es beim Bühnenstück war. Er wusste genau, was er sehen wollte, und wir haben es durchgezogen. So sind wir sogar einen Tag früher fertig geworden als geplant.

Wie war die Zusammenarbeit mit Veronica Ferres?

Veronica ist eine sehr gute Freundin von mir. Die Rolle passt hervorragend zu ihr und sie hat eine fantastische Arbeitsmoral. Veronica ist die Art von Schauspielerin, die nach einem 12-oder 13-stündigen Drehtag auf der Rückfahrt im Auto noch mit dir proben möchte. Sie ist unglaublich diszipliniert und ernsthaft in ihrer Arbeit. Bei aller Ernsthaftigkeit ist sie aber auch ein sehr lustiger Mensch und eine amüsante Gesellschaft.

Wie ist es für John Malkovich, nun schon zum zweiten Mal nach Being John Malkovich John Malkovich zu spielen?

Ehrlich gesagt hatte ich diesbezüglich gemischte Gefühle. Aber es erschien logisch, da ich nun schon vier Jahre mit Michael Sturminger, Martin Haselböck und der Wiener Akademie gearbeitet habe. Ihnen gehörte ein bestimmtes Zeitfenster in meinem Leben und sie haben dabei erlebt, wie es ist, sich in meinem unmittelbaren Umfeld zu bewegen. Zunächst einmal war das für Michael vermutlich interessanter als für mich, da es ja auch seine Aufgabe als Regisseur und Drehbuchautor war, das umzusetzen. Diese Erfahrungen hat Michael auch in das Drehbuch einfließen lassen, und im Film ist es als dritte Ebene auch bestens aufgegangen.

www.thecasanovavariations.com/en

Wien, 16. 9. 2014