Streaming: Paul Bettany brilliert als „Uncle Frank“

Januar 2, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Coming of Age trifft auf Coming-out

Roadtrip nach South Carolina: Sophia Lillis, Paul Bettany und Peter Macdissi sind als Beth, Uncle Frank und Wally unterwegs in den homophoben Süden. Bild: © Amazon Studios

Im Jahr 1973 liegen die Stonewall-Proteste, die mittlerweile als Geburtsstunde der LGBTQ-Bewegung gelten, erst vier Jahre zurück. Außerhalb von New York City hat kaum jemand vom Gay Pride gehört, im erzkonservativen Deep South der USA sowieso nicht. Frank Bledsoe, 46 und angesehener Literaturprofessor an der NYU,

passt mit seinem After Shave und den manikürten Nägeln wie’s Gretchen auf die Faust dieser Echte-Männer-Welt. Solcherart wird die Familie Bledsoe vorgestellt, in South Carolina bei der Geburtstagsfeier von Daddy Mac, ein Patriarch und Befehle-Beller, dem die Verachtung für seinen ältesten Sohn aus den Mundwinkeln trieft. Warum das so ist, fragt sich die Erzählerin, Nichte Betty, deren großes Vorbild „Uncle Frank“ ist. Wie er möchte sie werden, so gebildet, so witzig, so rücksichtsvoll, und bald beobachtet man die beiden bei Gesprächen von „Madame Bovary“ bis – in den frühen 1970ern ein Huch! – Verhütung. „Du musst wählen“, sagt Frank zu Betty, „wirst du der Mensch sein, der du sein willst, oder der, von dem alle anderen sagen, dass du es seist.“ Doch dass der Gute-Rat-Geber selbst in diesen Zwiespalt verstrickt ist, wird die angehende Studentin alsbald erfahren …

Auch wenn der Oscar- und Emmy-prämierte Regisseur und Drehbuchautor Alan Ball in seinem jüngsten Film nur ansatzweise Autobiografisches verarbeitet, so ist ihm doch ein sehr persönlicher gelungen. Der 63-Jährige stammt selbst aus einer Kleinstadt in Georgia und verwendet sein eigenes spätes Coming-out nun als Basis für Franks Story. Entstanden ist so ein Familiendrama, das sich zum Roadmovie mit Rückblicken entwickelt, das gekonnt die Tragi- mit der -komödie verknüpft, und ein Coming of Age mit einem Coming-out, ein sympathischer Film mit einem nuanciert agierenden Paul Bettany, der in der Titelrolle so brillant wie mutmaßlich nie zuvor wirkt, und Sophia Lillis, die als aufgeweckt-neugierige Nichte so charmant wie leichthin weltoffen ist.

Als nächstes nämlich sieht man Betty, die nun, weil erwachsener klingend, Beth genannt werden will, beim Einchecken in New York. Mit Vater Mike und Mutter Kitty auf Besuch bei Onkel Frank, dessen „Lebensgefährtin“ Charlotte bei einem hingezauberten Orient-Dinner gesteht, dass sie Jüdin sei. „Na, zum Glück bist du nicht schwarz“, ist der Scherz, den South-Carolina-Sprössling Mike atmosphärisch systemkonform anbringt.

Auf glühenden Kohlen bei Daddy Macs Begräbnis: Sophia Lillis und Paul Bettany. Bild: © Amazon Studios

Home, sweet Home: Paul Bettany spielt mit jeder Körperfaser wie unwohl sich Frank fühlt. Bild © Amazon Studios

Tante Butch und die trauernde Mammaw Bledsoe: Lois Smith und Margo Martindale. Bild: © Amazon Studios

Bruder Mike und Ehefrau Kitty sind das Vorzeige-Ehepaar der Familie: Steve Zahn und Judy Greer. Bild: © Amazon Studios

Beth wird im Uni-Lesesaal von Bruce anbaggert, weil Bruce von „Professor Bledsoe“ – wie sich herausstellen wird in erster Linie sexuell – fasziniert ist. Also schleppt er Beth auf dessen private Party. Sie läutet an der Tür und steht vor – Wally, Walid Nadeem, der entzückt ist, endlich jemanden aus dem Bledsoe-Clan kennenzulernen. Wally, der seit zehn Jahren Franks Partner ist, ein Flugzeugingenieur und Flüchtling aus Saudi-Arabien, wo man ihn wegen seiner Homosexualität hingerichtet hätte. Wally, die Erklärung für Charlottes exotische Kochkünste, Charlotte, die – nebenbei bemerkt – auf Fotos für Wallys Familie auch als dessen Frau posiert.

Bemerkenswert ist Alan Balls Zeitsprung in eine Epoche, die freier und gleichzeitig verklemmter ist als das Heute, in der sich schwule Liebe im Verborgenen ereignet, weil sie in beinah allen Bundesstaaten unter Strafe steht (in Österreich wurde Homosexualität unter Erwachsenen vom Kabinett Kreisky 1971 legalisiert), in der Harvey Milk für einen Sitz im Stadtrat von San Francisco kandidiert, in der HIV noch kein Thema ist. Beth taucht in diesen für sie neuen Kosmos ein, in dem oft und gern gelacht wird. Frank und Wally sind ein innig sich neckendes Paar – Toleranz-Dialog beim Frühstück: „Dieser Speck riecht nach Tod!“ -„Dann ist der Tod sicher knusprig!“

Und obwohl Alan Balls Lebensgefährte Peter Macdissi als Wally mit seinem Bohemian-Appeal mitunter ein wenig auf die Tube drückt, ist „Uncle Frank“ kein Cage aux Folles. Alles am Film ist dezent, so gedämpft wie auch Kamerakünstler Khalid Mohtasebs Spätsommerlicht-Bilder farbgedämpft sind, diese bald bestückt mit einer vor unterschwelligen Emotionen brodelnden Sippschaft à la Tennessee Williams. Denn Daddy Mac stirbt und für Frank und Beth heißt es, zum Begräbnis nach Creekville aufzubrechen, im Schlepptau Wally, der sich in Sorge um seinen Mann trotz dessen Ermahnungen nicht abschütteln lässt.

Unterwegs wird sich Frank für die Zuschauerin, den Zuschauer nicht nur in seine Vergangenheit zurückdenken, Daddy Mac hat ihn, wie’s auch Alan Ball mit seinem Vater geschah, mit seiner ersten Liebe Sam erwischt und eine Katastrophe ausgelöst, worüber ersteres im Kaff Creekville offenbar jeder Bescheid weiß – Motelbetreiberin zu Frank und Wally: „In welcher Beziehung stehen Sie zueinander und zu der jungen Frau? … Ich muss darauf bestehen, dass die Dame ein eigenes Zimmer nimmt …“ -, die Reisegespräche werden auch den Firnis von Wallys verklärtem Bild seiner Familie kratzen.

Franks erste Liebe Sam wird von Daddy Mac enttarnt: Cole Doman und Michael Perez. Bild: © Amazon Studios

Daddy Mac verachtet seinen schwulen Sohn bis zum Schluss: Cole Doman und Stephen Root. Bild: © Amazon Studios

In der Verzweiflung ist Wally Franks einziger Halt: Paul Bettany und Peter Macdissi. Bild: © Amazon Studios

Bereit für die Konfrontation mit dem Familienclan: Paul Bettany, Sophia Lillis und Peter Macdissi. Bild: © Amazon Studios

Die bibelfesten Südstaaten und Saudi-Arabien liegen nicht gar so weit auseinander, wie sich Menschen doch verändern, wenn sie ihrer Heimat und Herkunft näherkommen, und Beth, ein emanzipiertes Früchtchen aus dem Vereinigten Macho-Land, bringt Wally mit der Frage nach Sinn und Zweck der Verhüllung von Frauen gehörig ins Schleudern. Dass dessen Abscheu vor Alkohol aber weniger mit Religion als mit Franks Sucht zu tun hat, wird sich in den Szenen nach der Testamentseröffnung zeigen. Denn Daddy Mac konnte es nicht lassen, als „Letzten Willen“ Franks „Krankheit fürs Höllenfeuer“ zu offenbaren, und Frank beginnt, sich mit aller Gewalt Mut für die Konfrontation mit der Familie anzutrinken …

Wie Paul Bettany das alles spielt, den mit seinem Alkoholismus, seinen Traumata, seiner Schuld gegenüber Sam ringenden Mann, verletzlich, herzzerreißend verzweifelt, aggressiv, alte Wunden reißen auf, die alte Wut im Bauch beinah greifbar, Tante Butch und ihre obligatorische Frage: „Irgendetwas Neues von der Frauenfront?“, Bettanys Körpersprache im elterlichen Wohnzimmer, jede Faser schreit lautlos, wie unwohl Frank sich hier fühlt, das ist große Kunst. Der idealisierte Onkel zerbröselt vor Beths und des Publikums Augen zu einem versehrten Menschen, den nur Wally vor der Selbstzerstörung bewahrt. Bettany als von Selbsthass zerfressener Intellektueller wirkt selbst noch zart, wenn er vor Zorn explodiert.

Spoiler: Franks lange Reise zu sich selbst wird schlussendlich belohnt, die Verwandtschaft erweist sich, vielleicht weil vom Joch des Familienoberhaupts befreit, als aufgeschlossener als angenommen. Und Margo Martindale als Mammaw hat’s sowieso immer gewusst: „Weil Mütter so etwas wissen.“ Manch einem Rezensenten kam das Happy End im Homophobie-Drama zu sehr aus heiterem Himmel … hallo? … außerdem ist es schön, Paul Bettany mal in einer anderen „Vision“ als der des Marvel-Universums zu sehen.

www.amazon.de

2. 1. 2021

Sigi Zimmerschied ist wieder in Wien

April 10, 2013 in Bühne

„Multiple Lois“ im Kabarett Niedermair

Da steht er also auf der Bühne, der Lois. Verloren und allein gelassen. Seine Freunde haben ihn vor einiger Zeit ins Kabarett geschleppt. „Reisswolf“. Er hätt’s ja nicht gebraucht, „Eintritt zu zahlen, damit mir einer zwei Stunden lang erzählt, dass I a Depp bin“. Und dann dieser Zimmerschied, der hat sich Notizen über den Lois gemacht und ihn jetzt eingeladen, um über ein neues Programm zu reden, und jetzt kommt er nicht daher. Also erzählt der Lois selber über sich. Und macht einen nicht nur Schmunzeln, sondern vor allem auch Gänsehaut.

Bild: Sigi Zimmerschied

Bild: Sigi Zimmerschied

Sigi Zimmerschied, der Sezierer der (nicht nur) bayrischen Seele, dieser optische Mix aus Zenturio Gaius Bonus (für Asterix-Auskenner) und einem Charakterkopf von Franz Xaver Messerschmidt (für Hochkulturler) ist wieder in Wien. Und ist wie immer fabelhaft. Im Kabarett Niedermair zeigt er seine neueste Boshaftigkeit „Multiple Lois. Einwürfe eines Parasiten“. Dabei muss man sagen: So einer ist der Lois gar nicht. Wenn er schon an etwas saugt, dann an der Zeitgeschichte. Er schaut nur durchs Kaleidoskop der Grauslichkeiten. Da sieht man halt dann die Zerrbilder. Die Fratzen hinter der „Wahrheit“. Dich und mich und den vom Zweiten Weltkrieg versehrten Vater und den Finanzbeamten-Onkel Norbert und sein Bua, den Duplo, den eine russische Barbie abzockt, und natürlich den Papst … Große bayrische Kleinkünstler laborieren immer an der katholischen Krankheit. Die muss man ihnen lassen … Einfache Feindbilder und Sozialhass. Das sind die Stammtischthemen, bei denen die Leut’ hellhörig werden. Klärt der Kabarettist auf. Politiker arbeiten mit dem Schüren dieser Ängste. Und er, der Zimmerschied, sowieso schon lang. Diese Type, die ihr Publikum auf der Schaufel hat, und sie damit ins Fegefeuer wirft. Was wurscht ist, weil einen vor Lachen eh schon das Seitenstechen brennt.

Aber zurück zum Lois. Der will risikolos alt werden (wie der Zimmerschied wird er demnächst 60). Hat deswegen Arbeit und Frauen, also allem, was anstrengend ist, abgeschworen. Und lebt von seinen Wehwehchen. Motto: „Mehr als das ganz große Verbrechen nutzt einem das ganz kleine Gebrechen.“ Weil: „Was den Sozialstaat vom Darwinismus unterscheidet, ist, dass bei ersterem der Bedürftige g’winnt.“

Doch mittellos ist der Lois gar nicht. Er hat ein Häuschen vom Großvater geerbt, der hat sich’s vom Zacharias, den was sie später nach Dachau abholt haben, statt Enteignung lieber schenken lassen. Die Zimmer darin vermietet der Lois. Homo homini ixodes. Der Mensch ist des Menschen Zweck. Zum Selbstzweck ein Zeck.

Am Beispiel, an Lois’ Beschreibung seiner Mieter rollt Zimmerschied grenzgenial 60 Jahre deutsche Uneinheit auf. Von den Hippies mit ihren „Shit“-ins bis zu den Yuppies mit ihren Clubbings, wo dann Dax und Koks Thema waren. Von den dankbaren türkischen Gastarbeitern der 70er-Jahre, die noch soo gern im Keller hausten, bis zu ihren undankbaren Enkeln, diesen Hip-Hoppern oder Hoppel-Hippern oder wie die heißen, die auf einmal Warmwasser am Zimmer wollen. Von den Ex-DDRlern, diesen Altkommunisten, die dann wiederum sehr dankbar waren, und Wanzen und Glühbirnen im Haus -angebracht haben. Ein paar einquartierte Glatzen hat er schnell entfernt und im Keller nun einen Schwulenklub eröffnet. Man muss mit dem Zeitgeist schwimmen, damit man nicht untergeht.

Zimmerschied wäre nicht Zimmerschied, würde er seine Erzählung nicht mit Sätzen wie „Neo-Liberalismus und –Nazi gehören für mich zusammen“ oder „Vorm Amokläufer sind alle gleich, deshalb ist er Sozialist“ würzen. Ein absolut politisch unkorrekter, umwerfender, unvergleichlicher Abend. Einer, wo man gewesen sein muss.

Von Sigi Zimmerschied ist kürzlich auch das Buch „Die Stachelbeersträucher von Saigon“ erschienen: Verlag LangenMüller, 288 Seiten.  (Mehr Infos: www.herbig.net)

 www.niedermair.at

www.sigi-zimmerschied.de

Von Michaela Mottinger

Wien, 10. 4. 2013