Schauspielhaus Wien: Die Hauptstadt

September 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Menasses Inside-Brüssel-Roman als Bühnensatire

Die Fädenzieher im Hintergrund: Steffen Link als Romolo Strozzi und Jesse Inman als schweinsköpfiger Attila Hitegkuti. Bild: © Matthias Heschl

Man könne, so dachte man, mit der Umsetzung von Robert Menasses mit dem Deutschen Buchpreis 2017 ausgezeichneten Brüssel-Bestseller „Die Hauptstadt“ (Buchrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27646) auf der Bühne nur in Schönheit scheitern. Zu viele Protagonisten, viel zu viele verzwirbelte Handlungsstränge, als dass ein solches Unterfangen gelingen könnte. Falsch gedacht.

Am Schauspielhaus Wien zeigen Regisseurin Lucia Bihler und Dramaturg Tobias Schuster, beide für die Bühnenfassung des Texts verantwortlich, wie’s geht. Sie haben die Essenz dieser Europa-Satire exemplarisch destilliert, und behandeln in knackigen zwei Stunden Menasses große Themen – vom scheint‘s undurchdringlichen Dickicht der EU-Bürokratie über die grotesk-intrigante Beamtenschaft und auf eigenstaatlichen Standpunkten beharrenden Politiker bis zum nicht klein zu kriegenden Geist des Nationalismus.

Dieser entzündet sich diesmal an einem eigentlich für ein Prestigeprojekt gedachten Papier: Weil die Europäische Kommission unter Imageproblemen zu leiden hat, soll die Generaldirektion für Kultur zum 50. Geburtstag derselben einen Festakt organisieren. Ergo macht man sich in der ungeliebten, vernachlässigten Abteilung Gedanken um ein mögliches Motto – und landet bei Auschwitz. Das Vernichtungslager der Nazis als Motor der Gründung der Europäischen Union, geschuldet einem Niemals Vergessen! und einem Nie mehr wieder! Ein entsprechender Plan wird ausgearbeitet und rundgemailt – und schon bricht die Hölle los, brechen alte Gräben auf. Die Beamten darin Aufrechterhalter eines Status quo, ohne Vorstellungskraft für die Zukunft, die Politiker festgezurrt an ihr Modell des Nationalismus als Identifikationsobjekt für ihre jeweils wahlberechtigen Bürger.

Bihler verlegt das Geschehen in eine von Josa Marx gestaltete Bar wie aus grünem Onyx. Darin tummeln sich seltsame, kafkaeske Gestalten, die Gesichter weiß geschminkt, die Augen schwarz umrandet, aber fesch glänzend in Schale, die ganze untote Brüsseler Beamtenschaft. Viel Pantomimisches läuft hier ab, ein Zombietanz, ein Gespensterballett, immer wieder Stasis, Zeitlupe, dann Zeitraffer-Bilder, Zuckungen wie von Insekten, die gegen Flammen fliegen. Der Zeremonienmeister in dieser Szenerie ist Bardo Böhlefeld als diabolischer Barmann. Er ist gleichsam Erzähler wie Spielleiter, eine Art Maschinenmensch mit zunehmender Funktionsstörung. Unheimlich, wie er um die anderen Figuren schleicht, wie er Vanitas-Videos, ein verrottendes Stillleben mit Milch und Motte, an die Wand werfen lässt, bis ihm selbst schließlich wortwörtlich der Saft ausgeht.

Der diabolische Spielmacher und seine Beamtenfiguren: Jesse Inman, Bardo Böhlefeld und Sophia Löffler. Bild: © Matthias Heschl

Brüsseler Zombietanz: Simon Bauer, Steffen Link, Jesse Inman, Sophia Löffler und Sebastian Schindegger. Bild: © Matthias Heschl

Antiheld des Ganzen ist Simon Bauer als Martin Susman, ein schwermütiger, ein österreichischer Mensch ganz am Rande des Machtzentrums, aufgerieben zwischen den Begehrlichkeiten seines Bruders, der den Jüngeren als Lobbyist für seine Schweinezucht-Interessen instrumentalisieren will, und denen seiner Vorgesetzten Fenia Xenopoulou, die eigentlich auf dem Sprung zum nächsten Karriereschritt wäre, der aber nicht kommen mag, so lange sie in der „Kultur“ vor sich hin dümpelt.

Bauer stattet seinen Susman mit einer augenrollend komischen Verzweiflung aus, Sophia Löffler macht aus Fenia eine flirrende Person, die um vermeintlich höher Gestellte verlegen umhertänzelt, während sie ihre eigene Truppe mit harschem Kommando führt. Ständig arbeitet es in ihrem um „Visibility“ bemühten Gesicht, aber ach, der Pragmatismus … Jesse Inman darf als Susmans begrenzt enthusiastischer Kollege Bohumil Smekal Elvis singen (muss sich aber gleichzeitig wegen der Heirat seiner Schwester mit einem tschechischen Nationalisten grämen), und als Attila Hitegkuti Fenias Kartenhaus zum Einsturz bringen.

Schließlich Steffen Link, der sich als Fenias Liebhaber Frigge zähnebleckend geschmeidig macht, und als Florian Susman zum typisch hiesigen Funktionär, bevor er als Kabinettchef Romolo Strozzi – dieser cool in güldenen Frauenkleidern und auf High Heels – Fenias Plänen die Fäden zieht. Bihler zeigt Robert Menasses heiter bis wolkige Liebeserklärung an die große Idee Europa als Brüsseler Spitzen. In genau jenen Zerrbilder und Klischees, die für etliche die unelastischen EU-Eingeweide ausmachen. Viel ließe sich über die Aufführung am Schauspielhaus noch sagen. Böhlefeld etwa berichtet über den im Buch überaus wichtigen David de Vriend, einen Holocaustüberlebenden, der nun in einem Altersheim seinem Lebensabend entgegendämmert. Kommissar Émile Brunfaut und dessen Mörderjagd fehlen, was verständlich, aber schade ist, weil seine Geschichte direkt mit der de Vriends zu tun hat. Die Sau, die Menasse leitmotivisch durch seinen Roman laufen lässt, eine Metapher für eine ganze Breite ideologisch geprägter Europabilder, taucht im Schweinsgalopp der Inszenierung immer wieder nur kurz auf.

Bleibt Professor Alois Erhart, der zweite Österreicher im Setting, gespielt von Sebastian Schindegger, und bereits im Roman eine faszinierende Figur. Wie ein Fremdkörper tritt er immer wieder dann in Erscheinung, will er sich offenbaren, wenn die anderen mit „wichtigen Geschäften“ beschäftigt sind. Ein sympathisch-tollpatschiger Emeritus für Volkswirtschaft, und als solcher in einen Thinktank über die Zukunft der Union eingeladen. Den sprengt er ob des dargebotenen Schwachsinns mit einer Rede, in der er seine Sorge formuliert, Europa könnte derzeit von Politikern gemacht werden, von denen der europäische Grundgedanke so weit weg ist, wie eine gute Kinderstube. Dem lässt sich angesichts aktueller Entwicklungen nichts hinzufügen. Auf der Schauspielhaus-Bühne wird indes mit Robert Menasse weiter diskutiert werden über dieses als nachnationale Gemeinschaft gedachte Gebilde, geboren aus einem europäischen Wahnsinn, den jetzt viele wieder für normal halten.

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  1. 9. 2018

Schauspielhaus Wien: Elektra – Was ist das für 1 Morgen?

Januar 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Biobäuerin richtet das Blutbad an

Königs beim Frühstücksritual: Vassilissa Reznikoff als Ägisth und Sebastian Schindegger als Klytaimnestra. Bild: © Matthias Heschl

Jacob Suske, Komponist und Musiker unter den hauseigenen Dramaturgen, ist für die aktuelle Produktion am Schauspielhaus Wien verantwortlich. Gemeinsam mit Ann Cotten schuf er – nach seinem in Luzern entwickelten Format der elektronischen Kammeroper – die Öko-Farce „Elektra – Was ist das für 1 Morgen?“. Ein Werk, von Regisseur Suske nicht nur geschlechterneutral besetzt, sondern auch höchst p.c. gegendert.

Cotten orientiert sich für ihren Text am euripideischen, doch verfängt sie sich keine Sekunde in altgriechischem Wehklagen, im Gegenteil: zwei Stunden lang herrscht auf der Bühne überdrehte, ironische Distanz, das kothurn’sche Pathos sieht sich zum gummistiefeligen Nonsense erhöht, die Sprache schwankt zwischen Alltagssprech und absurder Abgehobenheit – dazu eine Art Minimal Music, mal sperrig, mal schmissig, und vier Darsteller, die, obwohl klassisch auf die Rollen verteilt, wirken, als hätte sich ein Haufen Spielverliebter zum Revuespaß versammelt.

Vassilissa Reznikoff und Sebastian Schindegger geben ein aufgeklärtes Herrscherpaar Ägisth und Klytaimnestra. Sie ist er und er ist sie, der große Mann im Damenhosenanzug, der apart die Drehbühne zum Weiterkommen für sich selbst und für die Heimat nutzt, die zarte Frau mit Herrenkoteletten, Hochprozentiges süffelnd und die Frückstücksrituale hochhaltend. Gemeinsam haben die beiden nach der Ermordung Agamemnons einen modernen, prosperierenden Staat aufgebaut. Aber ach, sie setzen ganz auf die Töpfer und deren Erzeugnisse, die Landwirtschaft ist ihnen weniger Anliegen.

Das muss der mit einem Landwirt zwangsverheirateten und früh verwitweten Tochter Elektra sauer aufstoßen. Die Biobäuerin sieht ihren Lebensstil bedroht, durch den Regierungsstil ihrer Mutter, die ein ganzes Volk zu „KulturschmarotzerInnen“ umerzieht. Sophia Löffler singt die Partie bis in die höchsten Töne. Als Orest taucht schließlich Jesse Inman auf, als in Havard geschulter neoliberaler Unternehmer aus dem US-Exil, ein Überdrüber-Ami, der Kapitalismus-Ikone Ayn Rand gelesen hat und der Family Konzepte zur effizienteren Hühnerhaltung erläutert. Als Chor und DJane fungiert Mirella Kassowitz, die eine luftige Loge in der Hinterwand bezogen hat.

Als endlich alle Charaktere in ihren neuüberschriebenen Positionen eingeführt und der Konnex zum antiken Fluch der Tantaliden, zur Opferung der Iphigenie, dem Töten Agamemnons etc. etc. gezogen ist, entfaltet sich auch noch so etwas wie Handlung: Das Geschwisterpaar will die Mutter töten, doch weil Orests Vorhaben misslingt, muss sich Elektra schließlich selbst bewaffnen und reinen Tisch machen. Sie erschießt Klytaimnestra und Orest in der Badewanne, in der mythologisch betrachtet der Vater ums Leben gebracht wurde – und errichtet einen reaktionären Ökostaat.

Jesse Inman als Orest mit Schindegger und Reznikoff. Bild: © Matthias Heschl

Die Biobäuerin bewaffnet sich und richtet endlich das Blutbad an: Sophia Löffler als Elektra. Bild: © Matthias Heschl

Auf den Jubel des Volkes folgt die Ernüchterung – Ägisth berichtet dies aus der Zukunft -, dass sie alle Sozialstaatlichkeit zugunsten der Landwirtschaft abgeschafft hat. Spätestens nun wird klar, dass das Schauspielhaus-Team wie immer klug im Klamauk eine Aussage zur Lage der Nation getroffen hat. „Elektra – Was ist das für 1 Morgen?“ ist ein Spiel um Ideologien, um Rechts- und Staatsutopien; Ann Cotten legt den Finger in die Wunde ökonomischer Mechaniken und analysiert deren Werden, Wirken und Wert.

Wer im Tauziehen um Neoliberalismus und Traditionsverbundenheit Parallelen zur derzeitigen Regierungskoalition sehen will, scheint auf der richtigen Fährte zu sein. Aus alt mach‘ neue Trends, heißt es im Stück sinngemäß, „Wobei sich herausstellt, dass schon die Ebene des ,gesunden Menschenverstandes‘ eine offene Frage darstellt“ im Programmheft.

Video: www.youtube.com/watch?v=HovH5bzmT20

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  1. 1. 2018

Schauspielhaus Wien: Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)

November 10, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hinterlassenschaft ist auch ein Wort für Scheiße

Sophia Löffler und der Chor. Bild: © Matthias Heschl

Thomas Köck ist wieder zu Hause. Künstlerisch zumindest ist das im Schauspielhaus Wien, wo die Diskurstexte des oberösterreichischen Dramatikers aufs perfekteste für die Bühne umgesetzt werden. Diesmal hat Köck erstmals selbst Hand an sein Stück gelegt, gemeinsam mit Elsa-Sophie Jach zeichnet er auch für die Regie von „Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)“ verantwortlich, das am Donnerstagabend in der Porzellangasse zur Uraufführung gebracht wurde.

Köck, ein Meister im Verfassen von poetisch-bedeutungsvoll raunenden Satzkaskaden, befasst sich diesmal mit dem Komplex Schulden/Erben. Ein überreifes Feld, um seine liebsten Problematiken zu beackern, und so mäandern des Autors Gedanken auch diesmal von Weltpolitik zu Weltfinanzkrise zu Weltklimakatastrophe und anderen De-facto-Pleiten wie Donald Trump. Heißt zu dem, was eine gewesene und eine jetzige Generation der zukünftigen mit ins Leben geben werden, eine Hinterlassenschaft aus Miseren und Konflikten, all die Scheiße also, die diese aber nicht länger hin- und annehmen will.

„kann aber nicht sein dass wir uns die hände nicht / schmutzig machen wollen es / wird nicht ohne hässliche bilder gehen es / es wird nicht ohne hässliche bilder gehen kurz / hätt ich was falsches gesagt / kurz / hätt ich mich verplappert / kurz“, steht dazu an einer Stelle über einen feschen, gegelten Sunnyboy, einem „alten Blutbad“ entstiegen, ein Strahlemann als Wiedergänger …

Wohl weil Misere zu Miserere führt, hat Köck seinen Text als Kantate angelegt, als Werk für Solistin und einen Chor. Erstere ist Sophia Löffler in ihrer ersten Rolle nach der Babypause. Die Musik stammt von Bach („Klagt, Kinder, klagt“ natürlich), reicht von Chinawoman, Alive She Died und Roy Orbison bis William Basinski und Max Richter. Köck hat sich für „Die Zukunft reicht uns nicht …“ eine eigene Zeitform erfunden, eine Art „Plusquamfutur“, in der Überlegung, die Sprache verlaufe nicht linear, sondern könne sich wie der Raum krümmen, und ergo alles immer gleichzeitig sein.

Bild: © Matthias Heschl

Bild: © Matthias Heschl

Und so ist Löfflers Figur zunächst eine gewesene alte Frau, eine Seherin, Kassandra (später ein zukünftig reicher Erbe in New York), die wahrsagt, was gewesen sein wird werden. Mit ihr, eigentlich gegen sie, spielt ein 14-köpfiger Chor aus Jugendlichen, und die da gekommen sein werden, wollen sich nicht mehr von Sachlage, Schicksal und „Erbschuld“ verschaukeln lassen. Sie fordern Sophia Löffler, sie animieren sie zum Zwietracht säen. Es wird zum Konflikt gekommen sein müssen.

Jach und Köck lassen das alles auf weißer Bühne verhandeln, Leichensäcke liegen herum, ein Plastikvogel fliegt und stürzt ab, und eine Drohne, die stürzt nicht ab, mehr brauchen die beiden nicht an Ausstattung. Die schlanke Optik tut Köcks Text gut, sie unterstreicht ihn an den aussagestarken Stellen. Bemerkenswert ist, wie präsent der Chor im Geschehen ist, junge Menschen, Mona Abdel Baky, Nils Arztmann, Hanna Donald, Nathan Eckert, Magdalena Frauenberger, Alexander Gerlini, Ljubica Jaksic, Daniel Kisielow, Anna Kubiak, Rhea Kurzemann, Cordula Rieger, Karoline Sachslehner, Gemma Vanuzzi und Juri Zanger, die von der Musik, vom Tanz kommen, nur teilweise Theater-, etliche gar keine Bühnenerfahrung hatten. Mit kalkweißen Gesichtern und Glitzerleggings sind sie wie eine Legion von Verlorenen, eigentlich vermutete man sie in den Säcken, doch mit ihrem langsamen Auftritt ist klar, da kommt was auf uns zu. Präpotenz, Stolz, Provokation steht auf den blutig ernsten Mienen.

Bild: © Matthias Heschl

„ich scrolle gelangweilt durch / schneemangel waldsterben überhitzung desertifikation scrolle / mich erschöpft durch verbrannte erde / scheißhaus übermüllung wohin das auge reicht scrolle / durch plastikinseln in kontinentalem ausmaß scrolle / … durch sinkende rettungsboote scrolle / durch frisch gezogene außengrenzen mythologischen ausmaßes …“, skandieren sie, vier von ihnen, mit den Schriftzügen „Game over“, „No specials“, „Bad liar“ und „Eure Party ist Scheiße“ auf den Rücken ihrer Bomberjacken, stechen dabei aus der Masse heraus. Mit dem Chor entwickelt die Aufführung im doppelten Wortsinn eine ungeheure Wucht.

Noch schmeicheln sie, sehen in der Seherin Schutz und Schirm, eine Mutter, die diese nie hat sein wollen. Kassandra mutiert zu „Ivanka Kassandra on the 68th floor“, beide Seiten spekulieren über Mutter/Vater/Elternmord. Wurde ihr bisher zugesetzt, greift nun sie an. Beschuldigt den Klage-Chor, als die privilegierteste, überfüttertste aller Generationen nur zu schreien und zu jammern, „du mittelstandschor was hast du denn für zukunftssorgen?“. Pickt schließlich einen heraus, „der den halben kuchen ganz alleine kriegt“. So genüsslich humorvoll dieser Hakenschlag, so hart die darin liegende Realität. Laut aktueller Oxfam-Studie besitzen acht Milliardäre mehr als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Es steht derzeit 426 Milliarden US$ zu 409 Milliarden.

Und schon ist auf der Bühne Krieg. Blut wird fließen – sehr effektvoll vom Balkon herunter. In der letzten halben Stunde gewinnt die Inszenierung von Jach und Köck rasant an Fahrt. Und mit ihr vieles von dem, das ohnedies so klar scheint, an neuaufgeladener Bedeutung. Man fühlt sich gemeint und gemein, der eigene ökologische Fußabdruck sich plötzlich wie der eines Riesen an. So macht man das, macht Texte, wie diesen, fürs Theater unverzichtbar. Im Epilog auf seinen Abgesang bietet Köck übrigens einen Ausweg, eine Art Lösung an. „THE FUTURE IS FEMALE“ lautet sein letzter Satz. Wie schön. Dann darf sie aber nicht die May machen.

Thomas Köck und Elsa-Sophie Jach im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27173

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=8K_Yz8_feIU

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  1. 11. 2017

Schauspielhaus Wien: Strotter

Mai 7, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Spaziergang durch die Science Fiction

Bild: ©Susanne Einzenberger

Sinistre Gestalten strottern nächtens einmal um den Schauspielhaus-Block. Bild: ©Susanne Einzenberger

Das Bemerkenswerte ereignet sich an der Kreuzung Wasagasse/Berggasse. Da nimmt die Untergrundbewegung erstmals direkten Kontakt mit dem Grüppchen Fußgänger auf, will es auf seinen, auf den richtigen Weg locken – und erstaunlich, wie viele Menschen in diesem Spiel mit Illusionen trotzdem den Computeransagen aus dem Kopfhörer gehorchen und falsch abbiegen. Dabei steht auf den kleinen Straßenkarten, die einem eben zugesteckt wurden, doch ausdrücklich: Nicht auf die Stimme hören! So obrigkeitsgehorsam, also? Ein Mitläufer des Systems? Von der wiedergängerischen „Vernunft“ gleichgeschaltet? Diese Erfahrung bleibt allerdings der einzige Prüfstand, auf den man in dieser Produktion gestellt wird.

Das Schauspielhaus Wien begibt sich, der Tradition von Andreas Beck folgend, mit seinem Theater hinaus auf die Straße. „Strotter“ heißt der 75-minütige postapokalyptische Spaziergang durch die Science Fiction, zu dem Autor Thomas Köck und Intendant und Regisseur Tomas Schweigen laden. Inhalt ist, wie bei 99,9 Prozent aller Dystopien, die Menschheit hat sich und den Planeten fertig gemacht, ein totalitäres Regime die Macht übernommen, aber ein paar letzte Eigenständler leisten Widerstand. Köck, der vielgehypte Freidenker, hat vorweg als erste das Publikum von der Diktatur des Dramatikers errettet. Heißt: Er reißt etliches an, formuliert wenig aus, mag sein, er findet das waahnsinnig enigmatisch, mag sein, es ist ihm mehr nicht eingefallen, vielleicht hatte er auch einfach nicht so viel Zeit. Aber das hier ist ja Mitgrübel-Theater für Erwachsene und, ein Glück, aufs eigene Hirnkastl immerhin Verlass.

Und während Ray Bradbury und Philip K. Dick mit den Wachowski-Geschwistern Ringelreihen tanzen, geht’s vorbei an Wirtshaus und Tagesspa, um die zu begaffen, die sich verzweifelt in Resten von Zivilisation suhlen, auf den Gesichtern der Bridgeclub-Damen ist deutlich „Schon wieder die üblichen Irren!“ zu lesen, während man von THX 1138  angeleitet durch die Scheibe starrt; man bekommt im Hinterhof des Sigmund-Freud-Museums bedeutungsschwer Bier aus einem Müllcontainer serviert und … Was? Handlung? Ah ja, so etwas gibt’s in Ansätzen auch. Nur, dass THX 1138 hier nicht Robert Duvall, sondern Sophia Löffler ist, die streng genommen Omm zu sein hätte, aber … Was? Wie verwirrt? Na, man weiß ja, wie’s am Ende war. George Lucas ging mitten in der schönsten Verfolgungsjagd das Budget aus, weshalb der Flüchtige … und aus. Wie sich die Schicksale der Kreativköpfe vom Alsergrund bis zum Marin County doch offenbar gleichen.

Jesse Inman ist als Max so ein Flüchtling, entweder er aus der Zukunft oder das Publikum aus der Vergangenheit, das werden wir nicht verstanden haben müssen, jedenfalls er durch ganz Europa, und nun sucht er im Café Berg seine Freundin Anna alias Vassilissa Reznikoff, die Teil einer kommenden oder gewesenen Résistance ist, rage against the machine, von denen zwei die Zuschauer immer wieder umhüpfen, um die message an den Mann zu bringen. Weil, wo Schauspielhaus drauf steht, auch Schauspielhaus drin zu sein hat. Sebastian Schindegger und Steffen Link schildern sich hin und weg über die Manipulation der Massen, die Klimakatastrophe, ideologische Lügen inklusive der des Kapitalismus, und den Tod des Humanismus, weil Menschsein als Modell passé ist. Eine sich abmühende Endzeitdemo mit „Wacht auf!“-Transparenten, in einem Kellerloch dann Zeitungsausschnitte über Baschar al-Assad und E. T. und die Angst diverser Space Monkeys, über Mülldeponien und tödliche Mikroben und H. C. als letzten gewesenen Bundeskanzler.

„Wenn der Mensch aus der Geschichte lernt, dann dass alles immer schlimmer wird und die Ausreden schlechter“, heißt es. Nur bedeutet das nicht, dass die Komplettliste aller Anklagepunkte die Argumente präziser und schärfer werden lässt. Köck knallt einem ein Was-auf-diesem-Planeten-alles-schief-läuft-Quodlibet vor den Latz, huch, als ob man’s nicht gewusst hätte, und eigentlich ist die Analyse des Tatbestandes hier expliziter als seine Bestandsaufnahme. Stop trying to hit me and hit me. Und apropos, Matrix und so weiter, das Ganze endet in einer grindigen Fleischhauerei inmitten von virtuellem Fliegengesumm, weil im Keller ein paar Cryo-Untote gelagert sind, denen THX 1138 eine schöne, nein: nicht neue, sondern eben alte 2010er-Welt vorgaukelt. Denn damals wäre Veränderung noch möglich gewesen, aber wir haben’s ja vergeigt und werden daher nun auf unsere Zukunft vorbereitet.

Sebastian Schindegger und Steffen Link. Bild: ©Susanne Einzenberger

Sebastian Schindegger und Steffen Link: Wer einen Cryo-Schlafplatz kauft, … Bild: ©Susanne Einzenberger

Sebastian Schindegger. Bild: ©Susanne Einzenberger

… endet in einer grindigen Fleischhauerei: Sebastian Schindegger. Bild: ©Susanne Einzenberger

Draußen, also im Kopfhörer, Geschrei und Sirenen, „Des solltma verfilmen“, flüstert ein Wanderkamerad ins nebelige Halbdunkel, und somit kein Wunder, dass während rundum übers Theater-Desinteresse eines jüngeren Publikums gejammert wird, das Schauspielhaus sich diesbezüglich kaum beschweren kann – siehe auch „Cellar Door“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18916).

Wie’s ausgeht? Ehrlich jetzt? Das liegt bei progressiven Theatermachern wie Tomas Schweigen doch immer beim Betrachter. Mit Gruselspaß und Abenteuergänsehaut halt. Außerdem ist in Wien irgendwann Sperrstund‘. Mehr gibt’s nicht zu sagen. Mehr hat anscheinend auch keiner zu sagen. Dabei hätt‘ man durchaus mehr vertragen. Daran kränkelt die Arbeit von Köck und Schweigen nämlich, dass man immer denken muss, da wäre noch was Größeres drin gewesen, eine Explosion statt dieses Interruptus. Nur Mut, euer Publikum hält was aus! Das Tannhäuser Tor steht uns offen! Max Winter bespielsweise, der vom Austrofaschismus verbotene Journalist und Sozialreformer hat eine Reportage über die Strotter verfasst, „Ein Strottgang durch Wiener Kanäle“, in der er beschreibt, wie gesellschaftliche Randexistenzen ihr unteriridisches Leben fristen müssen. Darüber könnte man mal einen Theaterabend machen. Das wäre hochaktuell, von wegen working poor und der sich immer schneller ausbreitenden Armut in Österreich. Ah so, sein Vereintes-Europa-Roman „Die lebende Mumie“, der war … auch? Wirklich? Wo? Wie auch immer: We’ll be back.

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Wien, 7. 5. 2016

Schauspielhaus Wien: Der grüne Kakadu

Januar 15, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

In Wahrheit war’s nur Plain Vanilla

Sänger Nicolas Fehr, Sophia Löffler, Vera von Gunten als Herzog, Vassilissa Reznikoff und Steffen Link Bild: © Lupi Spuma

Sänger Nicolas Fehr, Sophia Löffler, Vera von Gunten als Herzog, Vassilissa Reznikoff und Steffen Link
Bild: © Lupi Spuma

Wie da der ganze Raum mit weißer Plastikfolie ausgeschlagen war, hat man mehr erwartet. Mehr „Blut, Schweiß und Sperma“. Mehr Exzess und Ekstase. Mehr Sauerei, mehr Konsequenz. So blieb es die Behauptung von. So war es nicht mehr als Plain Vanilla. Wie ein Musikvideo der übertrainierten Dragmutti Madonna, die ja auch gern mit Huch! und Hach! erregen möchte, was längst kein Schwein mehr aufsext. Für den Weißweinshower spendenden Zapfhahnbusen der Wirtin Prospère würde die Queen of Pop mutmaßlich aber töten. Und das war’s denn auch schon: eine spitze Szene-Veranstaltung, was haben wir gelacht!, nur von Schauspiel keine Spur.

Am Schauspielhaus Wien inszenierte Lucia Bihler „Der grüne Kakadu“. Das ist dem Titel nach jener Einakter, den Schnitzler in einem späten Tagebucheintrag als eines seiner maßgeblichsten Werke bezeichnete, bedauernd, dass die Groteske zu seinen Lebzeiten so selten gespielt, weil die Zensur ob des Inhalts hellhörig wurde. Im sagenumwobenen Nachtclub Prospères gibt eine Theatertruppe nämlich allabendlich gruselige Geschichten von Gaunern und Ganoven zum besten, auf dass dem finanzpotenten Adel der wohlige Schauer in die Glieder fahre. Besonders beliebt: Die „Ermordung“ des Herzogs durch Darsteller Henri, der den hohen Herrn bezichtigt, der Liebhaber seiner Frau zu sein. Was tatsächlich stimmt. Es ist der 14. Juli 1789 in Paris. Auf den Straßen formiert sich der Menschenzug Richtung Bastille, und im Sog der Ereignisse wird aus dem Lust-Spiel tödlicher Ernst. Kein Wunder, dass die Philister fürchteten, da könnte was aufs Fin de Siècle überschwappen.

Weil Uraufführung sein muss, hat Bernhard Studlar Schnitzler überschrieben. Oder sich dazu geschrieben. Das mag ein spannender neuer Text sein, der allerdings im allgemeinen Bühnengedöns kaum über die Rampe kam. Bihler, gepriesen als Bildgewaltige, setzt auf Voyeurismus, also Schau als Mehrwert; im Programmheft kann man sie aber nachlesen, Studlars Sätze über morsche Zukunftsgefühle, Blutgerüste als unmögliche Fundamente einer neuen Gesellschaft, über tobende Massen: „Wer einmal Wut geleckt hat, ist schwer zu bremsen“. Kara Schröder verschafft ihnen als Wirtin mitten in ihrem 24/7-Einsatz immerhin Gehör. Ansonsten kam nichts weltbewegendes über eine Welt, in der nicht nur immer noch wohlhabende Eliten die Weichen stellen, sondern in der die soziale Ungleichheit schockierend schnell wächst. Im Jahr 2016 wird das reichste Prozent der Erdbevölkerung so viel besitzen wie deren großer Rest. Im Schauspielhaus Wien aber, wo man drängende Fragen zu den und Analysen der gegenwärtigen Krisen sogar als Theatermanifest formuliert hat, lautet der Revolutionsruf nicht Brot -, sondern fröhlich „Darkroom für alle!“

Da tummeln sie sich also in Ganzkörperstrumpfmasken, in Latex-Korsett und Bikerleder, auf dem Kopf den Penis-Fascinator, dessen Dreifaltigkeit sich übers Gesicht entleert, die Ehefrau im Transparent-Trolley. Alles sehr Burlesque mit einem Hauch Frontaltheater, weil ins Publikum Schreien ist jedenfalls immer ein Statement.Welcome to the Freakshow! Das ist schon konsequent von 1898 bis hierher weitergedacht. Wien als Urknall im BDSM-Universum. Expertentum von Sacher-Masoch bis Sigmund Freud. Und mittendrin der Süße-Mädl-Schänder. Der großartige Nicolas Fehr feiert als Sänger die Exzellenz der Dekadenz, ein delikates androgynes Geschöpf, eine gefährlich sanfte Stimme, ein geheimnisvoller schwarzer Vogel auf der Loveswing – der Orgasmus des Abends.

Der Kakadu ist laut Gekrächze aber der Herzog und gleichzeitig die Marquise Severine, Gender-Bender Vera von Gunten, umgeben von ihren devianten Adelsarschkriechern – Simon Bauer und Jesse Inman. „Wenn ich König wär‘, läg‘ Versailles am Mittelmeer, käm‘ aus dem Brunnen Champag-ner …“, kalauert er/sie, während die illustre Gesellschaft einem folgenschweren historischen Irrtum aufsitzt: „So lange das Gesindel zu Späßen aufgelegt ist, kommt’s doch nicht zu was Ernstem.“ Kommt aber. In Gestalt von Steffen Links Henri. Am Schluss mit Lustig das dicke Ende. Und während Prospère am Top Drop leidet, bereiten die Kunstgewerblerinnen des „Kakadu“, Sophia Löffler und Vassilissa Reznikoff, den TPE vor. Und es ist sträflicher Leichtsinn dieser Inszenierung, dies so unterspielt zu haben. Schnitzlers Kerngedanke, gleichsam in die Tonne getreten: Dass im Spiel des Lebens real und surreal schwer zu scheiden sind, dass im Spiel Wahrheit zwar Pflicht, das Leben aber dennoch immer ein Tunnel game ist. Dass die Veränderung kommen muss, und sei’s nur um ihre nächsten Kinder zu fressen.

So war die Session ein abgefahrener Comic. Ein Gag, wenn Inman angstschlotternd und augenrollend ob der ihn umgebenden Extravaganza den Panikhaken sucht. Aber das dringlichste Gefühl beim Verlassen des Theaters hätte nicht die Sehn-Suche nach einem ebenso geilen Club wie eben sein dürfen, sondern! Eben!

Vive la révolution!

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Wien, 15. 1. 2016