Volkstheater: Höllenangst

September 24, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Volk kommt nicht die Halfpipe hoch

Familie Pfrim fürchtet sich vorm Leibhaftigen: Günter Franzmeier, Claudia Sabitzer und Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Für die einen ist es ein Schutzwall, für die anderen eine sturmreife Barrikade, oben sind der Freiherr und der Staatssekretär, unten die Schusterfamilie, die Kammerjungfer, die Bedienten. Immer wieder nehmen sie Anlauf, laufen gegen die Mauer der „Mehrleister“ an, rutschen ab – und landen erneut am unteren Ende der gesellschaftlichen Hierarchien. Mit diesem starken Bild beginnt Regisseur Felix Hafner seine Inszenierung von Johann Nestroys „Höllenangst“ am Volkstheater.

Er wiederholt es im Laufe des Abends mehrmals, dieses Anrennen gegen die metallisch-graue Halfpipe zur Einhaltung der Hackordnung, die Camilla Hägebarth als Bühnenbild erdacht hat. „Höllenangst“ ist Nestroys politischstes Stück. Verfasst rund um das Revolutionsjahr 1848, 1849 schließlich auf die Bühne gebracht, stellt es den Machtapparat der Reichen und Privilegierten bloß. Die Dinge werden deutlicher als in anderen Possen beim Namen genannt: ein Minister liegt im Sterben, Adel und Politik bemächtigen sich des Vermögens einer Waise, deren unliebsamer Onkel wird ins Gefängnis verfrachtet – und wenn am Ende, nachdem alles aufgeklärt, die ganze Stadt ob der Wahl eines neuen Ministers „illuminiert“ ist, lässt Nestroy offen, ob vor Freude oder weil’s schon wieder brennt.

Hafner macht im Wahljahr 2017 deutlich, wie bestürzend aktuell, eigentlich: wie zeitlos, dieses bissige Spiel ums Auf und Ab, ums Oben und Unten ist. Zwar sind aus feudalen Abhängigkeiten neoliberalistische geworden, doch ob Ausbeutung oder Selbstausbeutung bleibt sich letztlich gleich. Der Kapitalismus steht in Hochblüte; wer zahlen kann, schafft an. Mit Hafners Interpretation der „Höllenangst“ setzt das Volkstheater den von Direktorin Anna Badora beschrittenen Weg fort, in Theaterklassikern Konflikte der Gegenwart zu spiegeln.

Tauschhandel mit dem „Teufel“: Thomas Frank als Wendelin und Christoph Rothenbuchner als Oberrichter Thurming. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der Sturm auf die Barrikaden wird bei Felix Hafner zur Rutschpartie: Kaspar Locher und Stefan Suske (oben), Luka Vlatković, Isabella Knöll, Valentin Postlmayr, Günther Franzmeier und Claudia Sabitzer (unten). Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Pfrims haben für Reichthal wichtige Papiere aufbewahrt: Günter Franzmeier, Gábor Biedermann und Thomas Frank. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Tempo der Aufführung ist hoch. Unerwartet freigelegte Schlupflöcher in der Halfpipe erlauben rasante Auftritte und Abgänge. Es wird geschlittert, gestolpert, geflutscht, drei Meter rauf-runter-rauf, der Körpereinsatz der Schauspieler grenzt ans Akrobatische,und mehr als einmal fragt man sich, ob’s gerade Absicht war oder gerade noch Glück gehabt? Die Plätze in bester Höhenlage, dort, wo sich die Wohlhabenden vorm Volk absetzen, sind besetzt. Stefan Suske steht als Bösewicht Freiherr von Stromberg über seinem Besitz wie ein Kapitän an der Schiffsreling.

Später wird sich sein Spezi, Kaspar Locher als der in Unschuldsweiß gewandete Staatssekretär Arnstedt dazugesellen. Die beiden haben die Erbschaft von Strombergs Mündel, der Baronesse Adele (Laura Laufenberg), eingezogen – und sonnen sich nun im Glanz des erbeuteten Geldes.

Auftreten nun Christoph Rothenbuchner als ehrlicher, ob der Verhältnisse leicht amüsierter Oberrichter Thurming, seit drei Wochen Adeles geheimer Ehemann, und Gábor Biedermann als Adeles ehrenwerter Onkel, der inhaftiert gewesene Freiherr von Reichthal. Dass die beiden in die Bredouille kommen, ist klar. Auch, dass es beide mit der Schusterfamilie Pfrim zu tun bekommen werden. Die Pfrims, Günther Franzmeier als Familienoberhaupt, Claudia Sabitzer als Ehefrau Eva und Thomas Frank als Sohn Wendelin, sind das Herzstück der Aufführung. Vor allem Franzmeier und Frank agieren wie entfesselt.

Wendelin, der sich als Gefängniswärter anheuern ließ, um Reichthal zur Flucht zu verhelfen, hält den durchs Fenster eingestiegenen Oberrichter für den eben erst von ihm um Hilfe angerufenen Teufel – und hält sich daher im weiteren Verlauf als Schützling des Leibhaftigen für unantastbar. Ein Irrtum, wie sich herausstellen wird. Mutter Eva wiederum, Adeles ehemalige Amme, hat von deren Mutter wichtige Papiere, die Reichthal erhalten muss.

Und schon ist der Intrigen-Spiel perfekt. Franzmeier und Frank, bereits in „Zu ebener Erde und erster Stock“ ein Dreamteam, setzen ihr Zusammenspiel aufs Feinste fort, die beiden können Nestroy, und vor allem, da Hafner dessen ausgeklügelte Sprache in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt, die Charaktere, ihre Eigenschaften und Handlungen über die Nestroy’schen Wortverdrehungen und Satzspielereien erklärt, sind zwei so präzise Sprecher wie die beiden unerlässlich. Franzmeier brilliert als Vater Pfrim, dessen Fatalismus ihn nicht davon abhält, sich die Welt schön zu trinken. Wunderbar die Szene, in der er im Haus des Oberrichters um seinen irrtümlich inhaftierten Sohn kämpft, und die allgemeine Verwirrung bis zum äußersten treibt.

Diesen gibt Frank als Revolutionär und Aufbegehrer, nicht gegen die weltliche, sondern gegen die höhere Ordnung, die ihm so einen schlechten Platz auf Erden zugedacht hat. Franks Wendelin ist mit wehleidigem Pathos voll bis zum Überlaufen, ein Verkannter auf Lebzeiten. Wie er aber um die Aufmerksamkeit eines ehemaligen Gefängniswärterkollegen (Mario Schober) buhlt, indem er in bester Monty-Python’s„Ministry of Silly Walks“- Manier vor diesem auf und ab patrouilliert, das ist große Klasse. Das Metaphern-Monster der Bühnenkonstruktion kommt auch in den Pfrim’schen Momenten zum Einsatz: Als der Schuster endlich seinen Trumpf ausspielt, nämlich, dass die Gattin Beweismittel gegen Stromberg und den Staatssekretär in der Hand hat, erklimmt Franzmeier den höchsten Punkt der Halfpipe und jagt die Betrüger nach unten.

Isabella Knöll, seit dieser Saison neues Ensemblemitglied am Volkstheater, beweist als Rosalie, Wendelins Geliebte und Adeles Kammerjungfer, Talent fürs Komödiantische bis hin zum Slapstick. Wie sie immer wieder gegen Thomas Frank anrennt, erst unfreiwillig, dann mit zunehmendem Zorn, das ist im Wortsinn umwerfend. Auch, wie sie temperamentvoll beteuert: „Ich bin eine stille, sanfte Person, aber aufbringen muss man mich nicht“, bringt das Publikum zum Lachen. Knöll hat Feuer, ihre Streitszene mit Wendelin (Er: „Dich erwartet die Hölle an meiner Seite.“ Sie: Gibt ihm eine Watschn.) gehört mit zum Unterhaltsamsten des Abends. Valentin Postlmayr und Luka Vlatković, ersterer Bedienter bei Stromberg und mit dem Mantra: „Er zahlt halt gut“ ausgestattet, zweiterer Bedienter und Pizzabote bei Thurming, komplettieren das Ensemble.

Die Couplets sind hochpolitisch: Luka Vlatković, Thomas Frank und Günter Franzmeier als Nestroy-Boyband. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Couplets hat Peter Klien neu getextet und Clemens Wenger neu vertont. Das Musikalische reicht von Tango-Anklängen bis zum sperrigen, schwer zu bewältigenden Rap, der Inhalt ist tagespolitisch brisant, vom Brexit bis zu mangelnden Frauenrechten, von falschen Wahlversprechen bis zur obligatorischen Social-Media-Schelte. Wendelins Aberglauben-Song darf natürlich nicht fehlen, gesungen von Thomas Frank, Claudia Sabitzer und Günther Franzmeier.

Und auch Luka Vlatković greift zum Mikrophon. Am Ende bleiben zwei arme Teufel, Vater und Sohn Pfrim, denen die Freiheit ausgegangen ist, und die ausgegangen sind, um sie wiederzuerlangen. Als Pilger nach Rom wollen sie den Beelzebub abschütteln, werden freilich eingeholt und über ihre Irrtümer aufgeklärt. Das Premierenpublikum im Volkstheater zeigte sich ob Felix Hafners Inszenierung begeistert und dankte mit Jubel und Applaus. Der junge Theatermacher, der am Haus schon mit Thomas Köcks „Isabelle H.“ und Molières „Der Menschenfeind“ überzeugte, setzt mit diesem Abend seinen Erfolgskurs fort.

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  1. 9. 2017

Volkstheater: Kasimir und Karoline

März 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bananen, Geplärr und Banalitäten

Big Karoline is watching you: Rainer Galke als Kasimir, Birgit Stöger und Stefanie Reinsperger auf der Lichterkettenleinwand. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volkstheater hatte Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ in einer Inszenierung von Philipp Preuss Premiere, und das Erstaunen daran ist, dass einen die Aufführung seltsam unberührt lässt. Preuss, der in der Regel für einen Aufreger, zumindest für einen Kopfschüttler gut ist, schafft es diesmal nicht über die Echauffiertheitshürde – ja, nicht einmal über die Aufmerksamkeitsschwelle. Mit Kasimir möchte man nur eins sagen: Das ist mir wurscht.

Und zwar aus mehreren Gründen. Zum einen ist es die abgepauste Ästhetik des Abends, zum anderen sind es die Banalitäten und das Geplärr, die einen die Scheuklappen dichtmachen lassen. Auf der Bühne herrscht vor allem Trubel, ein Tohuwabohu, in dem die leiseren Horváth-Töne untergehen. So kann man diesem Autor nicht beikommen, so plakativ, so wenig subtil. Schreien statt Inhalt ist keine Lösung, das ist auf der Bühne wie im Leben so.

Denn derart bleibt nichts von Horváths scharfer Analyse des durchökonomisierten menschlichen Zusammenlebens, nichts von seinem Bericht über die Arbeit als Statussymbol und die Not derer, die keine mehr haben – oder was immer Preuss aus dem übervollen Themenkonvolut des Volksstücks zu erzählen nicht gelungen ist.

Dass fortwährend die urbayrische Oktoberfestkost Bananen gefuttert wird, macht die Sache nicht besser. Preuss hat das Stück ganz nach Horváths Vorgabe „in unserer Zeit“ angesiedelt. Die Krise ist dem Kapitalismus systemimmanent, was 1932 galt, gilt 2017 noch immer, nur das Wiesnzelt ist einem Karussell aus Lichterschnüren gewichen. Einem Multimediaspektakel mit Videos und kitschigem Soundteppich, erdacht von Ramallah Aubrecht, Konny Keller und Richard Eigner, das zum Labyrinth für die Darsteller wird. Davor und vor allem darin nämlich tummelt sich die Spaßgesellschaft, die Herrschaften und das Volk. Im Innern spielt sich’s ab, dem Außen bleibt nur das Cinemascope. All das sieht man bei Castorf (oder auch bei Pollesch) schon seit Jahrzehnten so – dass wichtigste Teile der Handlung in einem hermetisch abgeschlossenen Raum stattfinden und nur per Livekamera ins Publikum transportiert werden.

Und noch in einer anderen Sache folgt Horváth-Debütant Preuss dem Altmeister aus Berlin: Er fügt Fremdtexte als inszenatorische Rufzeichen ins Stück ein, Konsumismuskritiker Guy Debords 1967 erschienene „Gesellschaft des Spektakels“, als realsozialistischer Dialog schrill performt von den beiden Gelegenheitsprostituierten Elli und Maria alias Seyneb Saleh und Nadine Quittner, und einen Auszug aus Horváths prophetischem Antikriegsroman „Ein Kind unserer Zeit“. Luka Vlatkovic tritt blutbesudelt und armamputiert als der Soldat auf, der auf einem Jahrmarkt des Jahrs 1938 die Liebe sucht.

Kasimir mit dem Merkl Franz und dem Merkl Franz seiner Erna: Rainer Galke, Birgit Stöger und Kaspar Locher. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Und er sitzt und sitzt; im Hintergrund die Gelegenheitsprostituierten Elli und Maria: Rainer Galke, Seyneb Saleh und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Unter den Darstellern sind es Sebastian Klein als Schürzinger, Kaspar Locher als der Merkl Franz und Birgit Stöger als dem Merkl Franz seine Erna, die am ehesten Horváth spielen, brutal und ungekünstelt und doch mit der vom Schöpfer ihrer Figuren verlangten Überhöhung ins Stilisierte. Birgit Stöger ist überhaupt die Erfreulichkeit des Abends. Wie sie sich stoisch in ihr Schicksal und dem Merkl Franz seinen Schlägen fügt, ist sie die perfekte beschädigte Antiheldin. Thomas Frank sitzt als dämonischer, halbverbrannter Schaustellerkönig wie die Spinne im Neonnetz, kommt aber, da ans unvermeidliche Mikrophon gebunden, darin kaum zum Spielen, Michael Abendroth und Lukas Holzhausen sind verlässlich solide als Rauch und Speer. Ihre Ressentiments über die Jugend rülpsen die beiden übersättigten „Besseren“ ins Publikum. Dies einer der gelungeneren Regieeinfälle des Abends.

Als „Kasimir und Karoline“ hat sich Preuss Rainer Galke und Stefanie Reinsperger auserkoren, zwei klasse Schauspieler – und umso mehr tut’s weh, dass die Regie mit ihnen nichts anzufangen weiß. Das Kraftwerk Reinsperger wird aufs übliche Gestenrepertoire zurückgeworfen; ihre Karoline ist eine Wutbürgerin, und Reinsperger berserkert sich ergo durch die Rolle. Zur resignierten Verzweiflung Kasimirs wiederum ist Preuss nicht mehr eingefallen, als Galke beinah die ganzen zwei Stunden lang regungslos und, so weit durch Striche möglich, schweigsam an der Rampe sitzen zu lassen.

Sein Kasimir ist weder Kleinbürger noch Proletarier im Sinne von „aller Länder vereinigt euch“, und wenn Karoline an ihm einen „Terroristen“ erkennt, so ist dieser hier maximal ein Schläfer. Verschenkte Möglichkeiten allüberall. Immerhin: Mit ihrer Bemerkung, man wäre „zu schwer für einander“, sichert sich die Reinsperger den Lacher des Abends. Einen schmerzhaften. Einen zum Fremdschämen. Andererseits: Auch das ist mir wurscht.

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Wien, 18. 3. 2017

Volkstheater: Der Menschenfeind

März 16, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Leichtfüßig übers Lebenstreppchen

Der Menschenfeind Alceste verachtet die bessere Gesellschaft: Evi Kehrstephan, Birgit Stöger, Kaspar Locher, Nils Rovira-Muñoz, Nadine Quittner, Sebastian Klein und Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auch fünfeinhalb Monate nach der Premiere hat Molières „Menschenfeind“ am Volkstheater nichts von seiner Brillanz eingebüßt. Der junge Regisseur Felix Hafner, gerade noch Student am Max-Reinhardt-Seminar, hat sich mit seiner Arbeit „Isabelle H. (geopfert wird immer)“ am Volx fürs große Haus empfohlen – und dort durfte er mit dieser Inszenierung nun erstmals wirken. Der Abend, der ihm gelungen ist, ist einer der besten der bisherigen Intendanz Badora.

Hafner schafft den unmöglichen Spagat, er setzt auf Reduziertheit – eine Showtreppe und die Farben Schwarz, Weiß, Violett (Bühnenbild: Paul Lerchbaumer, Kostüme: Werner Fritz) genügen ihm zur Ausstattung einer ganzen Aufführung – und schafft gerade mit dieser Opulenz, er verordnet seinen Schauspielern Zurückhaltung und lässt sie in dieser umso mehr strahlen. Das „Menschenfeind“-Ensemble agiert in großer Höhe. Man ist mit viel Freude bei der Sache, mit Verve und Energie, man genießt ganz offensichtlich Figuren und Text und Zusammenspiel. Hafner versteht sich exzellent auf Schauspielerführung, er hat mit seinem Darstellerteam mit viel Liebe zum Detail fein ziselierte Charaktere geschaffen. Dazu kommt – der 24-jährige Steirer hat für eine Rolle, für den einen Moment mit ihr mehr Einfälle, als andere in einem ganzen Regisseursleben.

Regisseur Hafner ist ein Mann mit Humor. Das hörte man schon in Schauspielergesprächen. Ergo wählte er die Textfassung, die Frechheit in Versen verpackt von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens, und so geschmeidig der Text, so leichtfüßig turnen die Darsteller durch ihn. Die Inszenierung hat Rhythmus im Blut. In Tanzformation geht’s die Szenerie hinauf und hinab, Rück-Platz-Wechselschritt, also letztlich auf der Stelle tretend, und überall entlang der Showtreppe Champagnerfallen. In diesem Umfeld gilt es nun das Für und Wider von Ehrlichkeit im Zwischenmenschlichen zu ergründen.

Dabei wird gestritten und gefochten, mit spitzen Zungen und hinterhältiger Heuchelei. Ausgerichtet wird immer grad der, der nicht im Raum ist. Die Tratsch- und Klatschgesellschaft versteht sich als Stil(hin)richter, und das hat das Opfer sportlich zu nehmen. Oder als Spaß. Weshalb auch alle ein Dauergrinsen in der Visage tragen. Ist die Oberfläche blank poliert, verleugnet man ganz ungeniert. Hafner brauchte das Stück nicht aus seiner 350 Jahre alten Verankerung lösen, um das klar zu machen, doch hat er mit Bravour das Geistlose in den Zeitgeist übersetzt.

Alceste beleidigt den Dichter Oronte: Lukas Holzhausen und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Klatschbase Arsinoé nervt Célimène: Birgit Stöger und Evi Kehrstephan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Wer mit dieser Menschenmanier naturgemäß nicht umgehen kann, ist der Misanthrop Alceste. Lukas Holzhausen gibt den Bärbeißigen unter Überkandidelten, und beweist sich in seiner Unlust und Abscheu als hochkomödiantisch. Doch auch Alceste hat eine schwache Seite, Célimène heißt sie, von Evi Kehrstephan verkörpert als emanzipierter Wirbelwind, als eine, die sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Der verbale Schlagabtausch zwischen Holzhausen und Kehrstephan ist naturgemäß das Epizentrum der Inszenierung. Sie sind einer des anderen Antipoden, doch nur Célimène weiß, wie man Alceste schmähstad macht.

Bevölkert wird Célimènes Haushalt von einem skurrilen Völkchen. Kaspar Locher und Nils Rovira-Muñoz spielen die Marquis Acaste und Clitandre, zwei Verehrer Célimènes, sehr zum Missfallen von Alceste. Sebastian Klein ist der um den Hausfrieden bedachte Philinte, Nadine Quittner eine schmollmündige Éliante, Günther Wiederschwinger ein diensteifriger Dubois. Zwei Kabinettstücke gestalten Birgit Stöger und Rainer Galke. Erstere als bigotte Klatschtante Arsinoé die frömmelnde Scheinheiligkeit in Person, deren Wortwechsel mit Célimène in einer Kuchenschlacht endet. Zweiterer als Oronte ein talentloser Lyriker, mit einem von Alceste in der Luft zerrissenen Vortrags seines Werks. Wie er sich sein Dichterdrama mittels Sonett von der Seele greint, da läuft Galke einmal mehr zur Hochform auf.

Am Ende kriegt sich, was zusammengehört. Das Happy End wirkt auch im Publikum, das mit Jubel und großem Applaus für die gelungene Darbietung dankte. Man darf auf die nächsten Arbeiten von Felix Hafner gespannt sein.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=JqNLfdBTsWM

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Wien, 16. 3. 2017

Volkstheater: Hangmen (Die Henker)

Januar 26, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Recht geht vom Pub aus

Alles beginnt mit der Frage, ob hier ein Unschuldiger gehenkt wurde: Sebastian Klein, Jürgen Weisert, Kaspar Locher, Mario Schober und Lukas Holzhausen. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Am Mittwoch, am Tag der Premiere, wurden in Kuwait erstmals nach vier Jahren wieder Menschen hingerichtet. In den USA wartet der Charleston-Killer auf seine Exekution. In der Türkei setzt Staatschef Erdoğan alles daran, die Todesstrafe wieder einzuführen. Es ist also ein hochaktuelles, ein brisantes Thema, dem sich das Volkstheater mit seiner jüngsten Premiere im Volx/Margareten widmet. Lukas Holzhausen, als Schauspieler eine erste Kraft am Haus, führt nach „Halbe Wahrheiten“ erneut Regie, diesmal bei der bitterbösen Komödie „Hangmen (Die Henker)“ des britischen Dramatikers Martin McDonagh, und er hat auch eine Hauptrolle übernommen.

Vergangenes Jahr in London uraufgeführt wurde die makabre Krimi-Groteske mit dem Laurence-Olivier-Award für das beste Stück ausgezeichnet. Zu Recht, wie sich nun bei der österreichischen Erstaufführung zeigt. In Holzhausens Händen funktioniert der britische Humor auch in deutschsprachiger Übersetzung formidabel. Der Abend ist so extra dry wie ein gut geschüttelter Martini, er bietet zweieinhalb Stunden beste Unterhaltung mit einem gut gelaunten, spielfreudigen Ensemble – und er ist tatsächlich sehr spannend.

McDonagh, in den 90er-Jahren als Wunderkind der In-Yer-Face-Bewegung gehypt, erweist sich auch im neuen Jahrtausend als Meister seines Fachs. Wann immer man glaubt, seinem Stück auf der Spur zu sein, macht er einen Twist und führt einen auf eine neue Fährte. Die Handlung der „Hangmen“ dockt an der Realität an. Es ist 1965 und es ist der Tag der Abschaffung der Todesstrafe in Großbritannien. Der letzte Henker des Landes, Harry Wade, betreibt im nordenglischen Oldham ein Pub, dort hält er Hof vor seinem versoffenen Fanklub, in diesem seltsamen Idyll, das er sich geschaffen hat. Der Frieden wird gestört, als auf einmal die Frage im Raum steht, ob ein gewisser James Hennessy vor zwei Jahren unschuldig gehenkt wurde. Er soll ein Mädchen ermordet haben, doch hatte er bis zum Schluss seine Unschuld beteuert. Die letzten Worte des Delinquenten waren ein Fluch, mit dem er Wade und seinen Assistenten Syd belegte.

Auftreten nun eben dieser Syd, der seinen ehemaligen Vorgesetzten vor einem mysteriösen Mann warnen will, ein neugieriger Lokalreporter, der eine heiße Story wittert, und jener bedrohlich wirkende Fremde, der aus seiner Abneigung gegenüber dem Wirt und seinen Stammgästen kein Hehl macht. Und dann ist plötzlich Wades Tochter Shirley verschwunden … Es ist ein hartgesottener Menschenschlag, den der Autor vorführt, eine letztlich feige Bande, die sich schwer entscheiden kann, ob sie Frauen, Fremde oder Schwule mehr verabscheut und gern beleidigende Witzchen über all die macht, die nicht in ihr kleingeistiges Weltbild passen.

Am Beispiel dieses Mikrokosmos zeigt McDonagh, wie es ist, wenn das Recht vom Pub ausgeht. Er hat der öffentlichen Meinung aufs Maul geschaut, den auch im Englischen gebräuchlichen Begriff „Volk“ kritisch unter die Lupe genommen, ergo übernimmt der Stammtisch bei ihm das Sagen. Die Schreihälse setzen sich durch und setzen schließlich auf Selbstjustiz, ein Fanal ihrer Unzufriedenheit mit der Politik und der Rechtsprechung, das dieser Tage seine Entsprechung in Demonstrationszügen findet, bei denen selbst gebastelte Galgen für verhasste Volksvertreter mitgeführt werden. Die „Hangmen“ beginnen und enden mit einer Hinrichtung. Holzhausen stellt das durchaus drastisch dar, diese Szenen fahren von einem Moment auf den anderen unter die Haut, schockieren mit einer atemraubenden Skrupellosigkeit, hatte man sich doch eben noch am Wortwitz und am skurrilen Spiel erfreut.

Auch diesmal hat Holzhausen präzise und prägnant gearbeitet. Er macht aus McDonaghs Figuren fein ziselierte Charaktere, jeder noch so kleinen Rolle – etwa Kaspar Locher als Hennessy – verleiht er mit seiner Inszenierung Profil; die Pointen sind auf den Punkt gesetzt, wenn sie wie lapidare Bemerkungen auf den Bühnenboden fallengelassen werden. Die Dialoge sind teilweise ungeheuerlich, etwa wenn das Hängen als humanste Tötungsmethode gepriesen wird, ist doch die Guillotine zu blutig und vor allem (!) zu Französisch und der elektrische Stuhl „Ami-Schwachsinn“. Wer will seine Verbrecher schon gebrutzelt wie ein Steak?

Henker und Pub-Besitzer Harry Wade mit seinem Fanklub: Mario Schober, Alfred Schibor, Jürgen Weisert, Lukas Holzhausen und Sebastian Klein. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Ein geheimnisvoller Eindringling stört die Kleinstadtruhe: Alfred Schibor, Rainer Galke, Jürgen Weisert und Mario Schober. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Ein gutes Dutzend Kollegen setzt der Regisseur in Szene und sie alle agieren ganz großartig. Holzhausen selbst ist als Harry Wade ein selbstgerechter Unsympath, ein eitler Zyniker, ein absolutistischer Herrscher in seinem bierdurchtränkten Reich, was nicht nur Steffi Krautz als seine desillusionierte, dem Gin verfallene Gattin Alice und Alina Schaller als motzige Tochter Shirley zu spüren bekommen, sondern auch die Pub-Besucher Jürgen Weisert, Alfred Schibor und Mario Schober. Sebastian Klein hütet als sinistrer Syd ein Sex-Geheimnis, Nils Rovira-Muñoz gestaltet den Journalisten als hin und her gerissen zwischen sensationsgeil und gerade noch ehrenhaft, Günter Wiederschwinger ist ein mitgefangener, mitgehangener Polizeiinspektor.

Vor allem aber brilliert Rainer Galke als seltsamer Eindringling Mooney. Wie er von hier auf jetzt von freundlich zu feindlich umschaltet, weist ihn als verdienten Nestroy-Preisträger in der Kategorie bester Schauspieler aus. Egal, wie leutselig dieser Mooney gerade ist, immer schwingt der Sarkasmus in Galkes Stimme mit, immer befeuert er die gegenseitigen Beschuldigungen mit seinen lächelnd vorgebrachten Provokationen, und als er sich endlich an Shirley heranmacht, hat sich das so amüsierte wie schockierte Publikum längst Gedanken darüber gemacht, welche Art Perverser dieser Mooney eigentlich ist. Eine Glanzleistung liefert zum Ende auch Michael Abendroth als Wades Henkerkonkurrent Albert Pierrepoint ab. Abendroth macht aus seinem kurzen Auftritt ein satirisches Kabinettstück über Arroganz und Anmaßung und die Frage, ob eine Gesellschaft das Recht hat, Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

Albert Pierrepoint gab es wirklich. 1905 geboren entstammt er einer Henkerdynastie, trat in die Fußstapfen seines Vaters, richtete nach dem Zweiten Weltkrieg auch Nazis in Deutschland und in Österreich in der britisch besetzten Steiermark hin und wurde schließlich Pub-Besitzer. Der von ihm exekutierte Fall Timothy Evans trug zum Meinungsumschwung über die Todesstrafe in Großbritannien bei. Evans wurde für die Ermordung seiner Frau und Tochter gehenkt, eine Tat, die wie sich später herausstellte, sein Nachbar begangen hatte …

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Wien, 26. 1. 2017

Volkstheater: Brooklyn Memoiren

Mai 4, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die verfallsdatumsfrei konsumierbare Flüchtlingsstory

Anja Herden, Nils Rovira-Muñoz und Kaspar Locher: Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bruderzwist im Hause Jerome, doch die Hausherrin spricht ein Machtwort. Anja Herden als Kate mit ihren „Söhnen“ Nils Rovira-Muñoz und Kaspar Locher: Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Nun ist die letzte Premiere im Haupthaus des Volkstheaters also doch noch ein Stück über Flüchtling- und Fremdsein geworden. Freilich gut verpackt in eine verfallsdatumsfrei konsumierbare Familiengeschichte, doch das tut der Freude über den Abend keinen Abbruch. Statt der wegen der aufgeheizten Anti-Flüchtlingsstimmung abgesagten satirischen Dystopie „Homohalal“ von Ibrahim Amir inszenierte Sarantos Zervoulakos Neil Simons „Brooklyn Memoiren“.

Was dem Haus eine der besten Produktionen der laufenden Saison bescherte. Denn Zervoulakos ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. Der in Griechenland geborene Regisseur taggte sein Statement zur Zeit einfach auf die Nostalgietapete. Auch bei Simon geht’s um Asyl und ein Leben in Warteposition, um erfüllte und enttäuschte Erwartungen im jeweiligen land of the free, und um Solidarität, ohne die kein Menschsein sein wird, sagt er. Im Fernsehen laufen „The Bold and The Beautiful“ und später „Dynasty“. Das ist der way of life, von dem viele träumen, „America’s oder Austrias next Topmodel“ wird ihnen verkauft als der Weg dorthin. Doch dies oder ein Handy zum Begaffen von Pin-up-Fotos sind nicht die schönsten augenzwinkernden Anachronismen, die sich Zervoulakos leistet.

Eugene, Neil Simons Alter Ego, der Sohn mit dem Schriftstellergen, füllt nämlich keine Hefte mehr mit seinen Notizen. Er filmt den tagtäglichen Familienwahnsinn mit der Handycam, und im Insert als Datum 1938, und im Fernsehen zu sehen nun Schwarzweiß-Bilder von Menschen, die vor einer ideologieirren Mörderbande davonlaufen. Wie sich die Bilder gleichen. Wie schnell ein Gestern zum Heute wird. Das sicherlich sollte man niemals vergessen.

So sitzen sie also in ihrem Container(wohn)heim, die Jeromes, es ist beengt und laut und keine Chance auf Privatsphäre, die gibt es nur hinter dem Duschvorhang. Ihr Leben haben sie mit Ramschladenschnäppchen und aus der Altkleidersammlung ausgestattet, und ihm wie zum Trotz ein wenig Glanz verliehen, mit einem grauenhaften Glitzerpulli hier und einem, nein: vielen Zierkissen da – letztere in Plastik verpackt, man will die guten Stücke schließlich schonen. Das Bühnenbild von Thea Hofmann-Axthelm und die Kostüme von Werner Fritz, beides schonungslos grell-knallbunt-scheußlich, sind bei dieser Inszenierung schon die halbe Miete. Ihr „Platz ist in der kleinsten Hütte“ kulminiert in einer Zu-Bett-Geh-Szene. Es ist erstaunlich, woraus sich alles Schlafplätze bauen lassen. Die Schauspieler turnen sich mit viel Akrobatik durch dieses Setting.

Denn auf den paar Quadratmetern, die Zimmer, Küche, Kabinett darstellen, wohnen sieben Leute. Kate mit ihrem Ehemann Jack und den Söhnen Stanley und Eugene, und ihre hier aufgenommene, weil verwitwete Schwester Blanche mit den Töchtern Nora und Laurie. Nils Rovira-Muñoz ist ein wunderbar komödiantischer Eugene, der wohldosiert den Clown macht oder auf Slapstick setzt. Bei Neil Simon liegt die Tragi- gleich neben der -komödie, das zeigt Zervoulakos ganz vorzüglich, und Rovira-Muñoz setzt seine Rolle mit viel Sinn für diese Ironie des Daseins um. Als Erzähler richtet er sein scharfes Auge auf seine Verwandtschaft, die im New-Yorker-Stadtrandviertel in einer Art Stand-by-Modus aufs Irgendwann-wird-alles-besser wartet. Gesprächsthema Nr. 1 ist die Geldnot, das heißt: Gespräch ist gut, bei aller Liebe wird aneinander vorbeigeredet oder einander nicht zugehört oder wenn doch, dann sich gegenseitig missverstanden. Wie Familie eben so ist. Und weil, wo Leben Lachen ist, bietet das die Grundlage für den Simon’schen Humor.

Rainer Galke und Katharina Klar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Da kommt keine Freude auf – Laurie muss Onkel Jack etwas zu trinken bringen: Rainer Galke und Katharina Klar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

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Noras Lebensträume fliegen hoch, aber Mama Blanche reagiert auf so viel Elan ängstlich: Seyneb Saleh und Birgit Stöger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anja Herden und Birgit Stöger haben die Schwestern Kate und Blanche mit einem Putz- und Nähfimmel versehen, das Heim muss piccobello Heimat sein!, sie sind zwei betuliche, lebensängstliche Muttertiere, Einwandererkinder, die viel zitierte „zweite Generation“, von denen Kate vor Ressentiments gegen die „fremden“, irischen Nachbarn überläuft, während Blanche in der großen Tradition der jiddischen Mames eine Meisterin im geduldigen Tragen von Leid und im Verzicht üben ist. Und wie’s einer guten, jetzt wird’s kurz katholisch, Mater Dolorosa eigen ist, verstehen sie sich auch bestens auf Sticheleien, Nörgeleien und Streitereien.

Ein Glück, dass Rainer Galke als Jack das alles mit Großmut und Galgenhumor nimmt. Er, der von zwei Jobs gerade einen verloren hat, dem jede Entscheidung aufgebürdet wird, der nie zu Ruhe kommen darf, vor allem nicht, wenn ihm die Frauen diese gerade ausdrücklich gönnen. Galke gestaltet mit der Lakonie eines Da-kann-man-halt-nix-machen einen Fels in der Familienbrandung, ihm ist einmal mehr eine glaubhafte Figur gelungen, fast ist er der Vater, den sich jeder nur wünschen kann.

Seyneb Saleh ist als Nora die Traumtänzerin der Sippschaft, die von einer Karriere als Musicalstar schwärmt, Katharina Klar als Laurie dagegen das patzige, hässliche Entlein, das sich nicht nur teenagertypisch hinter seinen Haaren, sondern auch hinter einem Herzflattern versteckt, vor allem, wenn’s darum geht, den Müll rauszutragen. Und dann Stanley. Von Kaspar Locher weitestgehend von seiner Strizzihaftigkeit befreit. Während sich die anderen mit Schuldgefühlen und -zuweisungen in der Waage halten, ist er derjenige, mit dem man Mitgefühl hat. Der ältesteste, der nie nach seinen Wünschen und Sehnsüchten gefragt wurde, auf dem der Druck des Geldverdienens lastet, der lernen muss, dass man sich Gerechtigkeitssinn und Stolz als Arbeiterkind finanziell nur bedingt leisten kann. Locher lässt Stanley am Ende sehr schön über sich hinauswachsen, er hat diesen Charakter gedreht und gewendet und zeigt ihn nun als einen Menschen mit vielen Facetten. Und wie jeder Jerome ist auch er warmherzig und hilfsbereit.

Denn die Geschichte, sie hat eine Message, und es muss ja nicht so sein, dass man nie aus ihr lernt. Jacks von den Nazis verfolgten Verwandten ist die Ausreise nach London gelungen, sie werden den nächsten Dampfer nehmen. Wo sie unterkommen sollen? Wenn wir alle ein klein wenig zusammenrücken, ist hier bei uns doch mehr als genug Platz! Das Publikum in dieser dritten Vorstellung war angerührt und amüsiert und dankte mit viel Applaus. Das Volkstheater hat mit seiner speziellen Art, Unterhaltung und Haltung zu zeigen, bei den letzten Premieren dieser Spielzeit so richtig Fahrt aufgenommen. Mit diesem Wind in den Segeln kann es frohgemut in die nächste gehen.

Kaspar Locher im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=18954

Der Spielplan für die Saison 2016/17: www.mottingers-meinung.at/?p=19538

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Wien, 4. 5. 2016