Akiz: Der Hund

Februar 22, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Kellerkind steigt empor zur Haute Cuisine

„Wirre Gedanken setzten sich auf das Fensterbrett meiner Seele und zwinkerten mir zu, fremde und unheimliche Bilder tauchten in meinem Kopf auf, dann zündeten die Geschmacksnerven auf meiner Zunge.“ So beschreibt der Erzähler seinen ersten Kulinargasmus. Mo manscht grausiges Fastfood in einem grindigen Dönerstand, und der ihm die Köstlichkeit kredenzt hat, ist der neue Putzfetzen für volle Bratfettkästen, versiffte Arbeits- platten und die Straßenscheiße auf den Mercedesreifen des Chefs.

Was Mo probiert hat – aus Zigarettenstummeln gekratzten Tabak, scharf angebraten, serviert auf angebrannten, mit ausreichend Wodka abgelöschten Brotkrümeln – ein Gedicht-Gericht!

„Der Hund“ hat es komponiert, so nennt Autor Akiz den titelgebenden Außenseiter seines Debütromans, und wer denkt, DBC Pierres „Das Buch Gabriel“ wäre überbordend-unappetitlich-barock gewesen und Juan Bas‘ „Skorpione im eigenen Saft“ hart jenseits der Grenze des guten Geschmacks, der muss sich erst einmal Akiz‘ Roman à la Amuse Gueule auf den Hirnsynapsen zergehen lassen.

Inspiriert hat den hauptberuflichen Filmemacher sein bester Freund, dank dessen Job im Il Nido in Santa Monica, wo weiland die Hollywoodstars dinierten, und sich die mexikanischen Köche nach Dienstschluss zu illegalen Straßenrennen versammelten. Akiz ließ sich sogar selbst von einem Restaurant anheuern, um die Brigade bei ihrer allabendlichen Küchenschlacht en détail zu studieren. Sein Method Writing ist dem Resultat anzumerken, in lapidar-sarkastischen Sätzen trennt er die Dekadenz des Speisesaalparadieses von der Hölle an den Herden, schildert die Götzenverehrung seltener Salze und mysteriöser Mineralwässer wie den Tanz ums goldene Kalb.

So viel Bibelvers muss sein, nicht umsonst spielt sich bald alles im Gourmettempel „El Cion“ ab, in den der Hund wie ein chaotischer Dämon eindringt, um dort für alle Ewigkeit die Zehn Kochgebote zu zerschmettern. „Der Hund“ ist von jener grotesken Sinnlichkeit aus Blut, Schweiß und Tränen, nicht nur erstere Körperflüssigkeit von Mensch wie Tier, die den doppelmoralischen Balanceakt zwischen Nutztierquälerei und wollüstigen Delikatessern ausmacht. So sehr der von Akiz spitzfedrig „Nido“ genannte Gourmetkritiker, ein in seiner Grausamkeit gnadenloser, Sterne vom Restauranthimmel holender Gott, auf die Satire der Avantgarde-Cuisine-Szene verweist:

Die „Tradition“, den seltenen und geschützten Ortolanen, die Augen auszustechen, weil blinde Vögel mehr fräßen, bevor die nunmehrigen Fettammern in Armagnac nicht ge-, sondern ertränkt werden, gibt es tatsächlich. Diese Prozedur ist eine der Stellen im Buch, an denen einem auch als keineswegs Kostverächter der Gusto vergeht. Müsste man „Der Hund“ in Bildern wiedergeben, sie wären wohl nicht unähnlich denen aus Akiz‘ surrealem Horrorthriller „Der Nachtmahr“ (www.youtube.com/watch?v=xrQkasMhy6Q).

Bild: pixabay.com

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„Der Hund“ also. Steht in der Dunkelheit plötzlich vor Mo. Ungewaschen, langzottert, Augen wie Stecknadeln, irgendwie abartig. „Sein Gesicht wirkte fiebrig, gierig und triebgesteuert, fast schon pervers, aber irgendwie auch wie von einer filigranen Statue aus einer anderen Zeit.“ Er soll aus einem Erdloch, einem Keller im Kosovo gekrochen sein, einer rabenschwarzen, totenstillen Kindheit, wo sich in der Isolation sein Geschmackssinn allerdings in lichte Höhen schraubte. Der Hund kann Lebensmittel lesen, kann „schmecken, ob die Kartoffeln in der Nähe der Autobahn geerntet wurden oder das Fleisch von einem Tier stammte, das schmerzlos oder qualvoll hingerichtet wurde.“ Er sieht beim Essen „die schwitzenden Titten der Frau hinter dem Herd und die nikotingelben Achseln der Gabelstapelfahrer in den Großlagerhallen“.

Mo, der an besseren Tagen in Moskaus Elitelokalen gebrutzelt hat, wittert eine zweite Karrierechance. Mithilfe des Hunds will auch er einen Platz in der Palast-Küche ergattern, im „El Cion“, doch bedenkt er bei seinem „Ein Hund kam in die …“ nicht, was der schweigsame geschätzt Zwanzigjährige dem vor Zorn brüllenden Küchenbullen alles zu stehlen gedenkt, Würde, Wertschätzung, das lässig-laszive Eheweib, womit sich wie für den Eierdieb aus dem Volkslied Valentinos Küche in eine Todeszone verwandelt – Valentino! Gerade erst aus dem Gefängnis entlassen, inhaftiert gewesen, weil er einem unzufriedenen Gast die Vorderzähne ausgeschlagen hatte.

Akiz zeichnet seine Figuren wie das Cabinet des Dr. Caligari. Valentino, müde, aggressiv, halb wahnsinnig, weil getrieben von einer rastlosen Suche nach innerem Frieden, ist Herr über ein Heer wie somnambul schuftender Nachtwesen, Aufputschmittel abhängiger, arroganter Spitzenköche, in High Heels verdammte Servierkräfte, die sich die Rückenschmerzen wegkoksen. Souschefin Lilly ist ein bigotter, platinblonder Pitbull, der alles hasst, „was einen Schwanz hatte“, weshalb deren Träger im Männerberuf auch fürchten, von Lilly gebissen zu werden. Die Gäste gleichen Karikaturen derselben – Wirtschaftsbosse, Politiker, Prominente aller Art, allesamt ausgestattet mit dem „vulgären Selbstbewusstsein“ des Geldadels, die ihre jeweiligen Eroberungen ins El Cion „wie hochgezüchtete Rennpferde in die Arena“ führen. Zum ebenfalls haubenheißen Konkurrenzlokal herrscht Kalter Krieg, der gebissbeschädigte Besucher soll dessen Spion gewesen sein.

Derart plastisch entwirft Akiz seine skurrile Parallelwelt, Kopf, Bauch und Arsch einer Zwei-Klassen-Gesellschaft auf den beiden Seiten des Passes, in der jene, die die Orgie vorbereiten, niemals zu deren Vollzug eingeladen sind, deren Perspektiven Akiz hingegen problemlos wechselt. Ein gutes Drittel von 190 Seiten verwendet er für die Erschaffung des Mythos „Hund“, bis der wie der Antichrist ins Allerheiligste einbricht, bis aus dem geprügelten ein bissiger wird, eine Legendengestalt, die durch ihre Heraufbeschwörung immer mehr verwischt. Und apropos, heraufbeschwören: Mitten drin Mo, der wie ein neutestamentarischer Prophet mit immer neuen Gleichnissen und in Romanform bereits retrospektiv die bevorstehende Apokalypse ankündigt.

Bild: pixabay.com

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Der Hund wird zum Star, was er im Wortsinn anrichtet, sieht zwar aus „wie ein überfahrenes Tier am Straßenrand, dessen aufgeplatzte Gedärme auf dem heißen Asphalt verteilt sind“, aber der Geschmack! Gemahnt an das Gelage eines „bockfüßigen, dauergeilen, hakennasigen, nackten Gottes, dem dralle Frauen mit dicken Titten ohne Unterbrechung Weintrauben in den Mund stopfen, während sie auf seinem Gesicht reiten“. Seine archaischen Kreationen werden als kontroverse, unverschämte Kunstwerke gefeiert, schon hat die hysterische Society dafür die Losung Cuisine Brut parat – da befiehlt Valentino dem Hund seine Frau Alisha zu bekochen. Und die ist schärfer als jedes seiner Messer.

Dass diese nicht nur schneiden, sondern auch fliegen können, liest sich aus dem Folgenden: eine Verführung, gegen die der Schlange mit ihrem Apfel läppisch wirkt, endlich die Epiphanie des Nido, ein letztes Abendmahl mit gülden-giftiger Jīn-Wā-Kröte. Das Ende entfaltet sich als unheilige Dreifaltigkeit, eine Dessertvariation so gar nicht nach literarischem Standardrezept, darf man doch offenbar sein bevorzugtes wählen. „Der Hund“ wird nicht jedem munden, der Leser muss willens sein, sich auf Akiz‘ anstößige Extravaganza einzulassen. Hat einen das Verschlingen des Buchs aber süchtig gemacht, hofft man auf seinen nächsten Schritt Richtung Sphärenküche, heißt: Akiz‘ Verfilmung seines Stoffs.

Über den Autor: Akiz, geboren 1969, lebt als Regisseur und Drehbuchautor in Berlin und Los Angeles. Bekannt wurde er durch Filme wie „Das wilde Leben“ und „Der Nachtmahr“, mit dem er auch bei der Viennale zu Gast war. Einer seiner Freunde jobbte in den Neunzigerjahren in einem Edelrestaurant in Los Angeles. Dort am Pass, wo das Essen aus der Küche an die Kellner überreicht wird, kam Akiz die Idee zu seinem ersten Roman.

hanserblau im Carl Hanser Verlag, Akiz: „Der Hund“, Roman, 192 Seiten.

Akiz über „Der Hund“: www.youtube.com/watch?v=PgU6G1UPfvE

www.hanser-literaturverlage.de           www.akizzz.com

  1. 2. 2020

Angela Lehner: Vater unser

April 30, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die wahnwitzige Suche nach der Wahrheit

„Die Eva lügt immer.“ Das ist der Satz, den man sich merken muss, bei der Lektüre von Angela Lehners Debütroman „Vater unser“, ist doch dessen Erzählerin Eva Gruber eine, der kein Wort zu glauben ist. Los geht’s, indem die junge Frau bei Klagenfurt von der Polizei aufgegriffen und nach Wien ins Otto-Wagner-Spital überführt wird, die geschichtsträchtige Psychiatrie am Steinhof, einstige NS-Euthanasieanstalt, woran heute eine Gedenkstätte gemahnt. Was im Buch nicht wirklich eine Rolle spielt, aber immerhin und so auch an dieser Stelle Erwähnung findet. In den späten 1960er-Jahren lernte Thomas Bernhard hier „Wittgensteins Neffen“ kennen.

Lehner zielt statt Freundschaft auf Verwandtschaft, findet Eva doch – als Patienten in einem anderen Pavillon – ihren jüngeren Bruder Bernhard. Von der Magersucht schwer gezeichnet, der Schwester gegenüber so trotzig wie ängstlich. Er wirft ihr etwas vor, das sich erst im Verlauf der Seiten enträtseln wird, der Geschwisterkonflikt wie die komplette dysfunktionale Familie. Beziehungsweise, was Eva als all das ausgibt, denn es dauert nicht lange, bis man begriffen hat, dass diese Protagonistin so hochintelligent wie hochmanipulativ und hochmütig ist.

Eine intrigante, egomanische, aggressive Dauerrednerin, vielleicht sogar gemeingefährlich, die die Wahrheit dreht, wie sie’s braucht – und den Leser nicht weniger an der Nase herumführt, als ihren Therapeuten Doktor Korb, diesen in Evas Augen Inkompetenzler, der sich allerdings im Laufe der Sitzungen einen erfrischenden Sarkasmus aneignet. Treffend beschreibt Lehner die Alltagsroutine in der Anstalt, die skurrilen Mitinsassen und absurden Gruppenaktivitäten, die Eva je nach aktueller Gemütsverfassung mal mit lakonischem Witz, mal mit bitterbösem Zynismus kommentiert. „Hier gehört Langeweile zum Tagesgeschäft“, sagt sie. „Das Entertainment-Programm ist hier ja auch sehr beschränkt … Im Prinzip hangelt man sich von einer Mahlzeit zur nächsten.“

Die Walking-Gruppe beschreibt Eva so: „Vorne die Maniker, die mit Nachdruck die Stöcke nach hinten schwingen, als wollten sie absichtlich ein paar Augen ausstechen. Dann die Depressiven, die nur mit Ausweichen beschäftigt sind oder nicht einmal mehr das. Ganz hinten: Bernhard. Er zieht beim Sport eine Fresse, als handle es sich um die Turnstunden früher in der Volksschule“. Über die Musiktherapeutin bemerkt sie: „… lächelt verständnisvoll, und ich denke, dass sie dabei hässlich aussieht. Manchen Menschen steht Glück nicht, die sollten sich einfach unauffällig verhalten.“ Angela Lehner schafft in schnörkellosen Sätzen eine detailreiche Schilderung. Typisch für Eva ist etwa, wie sich in ihren Gedanken und Gesprächen der Selbstmord des Vaters zu dessen Scheidung von der Mutter zu Evas geplantem Vatermord dreht, das „Vater unser“ der Grundton der Kindheit im Kärntner Dorfantiidyll, und nie kann man sicher sein, was Eva sich einbildet, erfindet oder tatsächlich erinnert.

Des Vaters Alkoholismus, seine sexuellen Übergriffe auf Bernhard und Eva? Was so Furchtbares stattgefunden hat, das beide an ihrem Leben verzweifeln lässt, bleibt unklar. Klar ist nur, dass für Eva der Vater Ursache allen Übels ist: „Unser Geschwür ist der Vater. Der Vater wuchert uns unter der Haut, er dringt uns aus den Poren. Der Vater kriecht uns den Rachen herauf, wenn wir uns verschlucken.“ Der titelgebende, übergroße Schöpfer, Lehner legt das – immer wieder auch Thomas-Bernhard’sche und der Brudername wohl nicht zufällig gewählt – Motiv kunstvoll mehrdeutig an, wird mehr und mehr zur Projektionsfläche, während sich Evas Wahnwitz, Wachträume und die Wirklichkeit zunehmend ineinander schieben.

Bild: pixabay.com

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Die Psyche der Erzählerin wird verschränkt mit der kollektiv österreichischen des Sigmund-Freud-Landes, das Idiom so heimisch wie das ausgestellte Kulturgut wie Lehners Verwurzelung in der hiesigen literarischen Tradition, mit deren Genres und Klischees sie gekonnt spielt. Und weit und breit kein Herrgottswinkel, in dem nicht überm Jörg-Haider-Foto ein Kruzifix baumelt, kein Rosenkranz, der nicht elterliche Lieblosigkeit vorbetet, in Evas Rückblenden auf die erdrückende Dumpfheit der erzkatholischen Provinz. Die Kapitel des Buches heißen entsprechend Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die Dreifaltigkeit wird zum Synonym für Familie, diesem Schauplatz für Schuldzuweisungen, die Erbsünde ein ewiger Unheilszustand.

Auch an der Mutter arbeitet sich Eva ab, dieser „besorgten, gebeutelten Märtyrerin“, „die für die Krise lebt“, die den Diskussionsmodus „Vorwurfspingpong“ als Meisterin beherrscht, die ihre Augenringe „spontan ausklappen kann“, die Mutter, die Figur, bei der man Eva am leichtesten auf den Leim geht. „Ich habe es wirklich satt, immer der Katalysator für die Passiv-Aggressiven zu sein. Sie kommen zu mir und reizen mich …, bis ich zubeiße. Oder eben schreie. Ich soll für sie ihre Wut ausleben, weil sie es sich selbst nicht trauen“, dieser Ausspruch wird schließlich zum Schlüssel zu Evas Verhalten. Deren Weg naturgemäß, dazu entführt sie Bernhard aus der Klinik, zum Vaterhaus zurückführen muss. Ein Roadtrip, der bei einer Ruine und für die beiden ruinös endet. „Vater unser“ ist eine einzige Verunsicherung, ist doch die alleinige Perspektive, die Angela Lehner anbietet, die einer Verhaltensgestörten, die zunehmend verrückter, ja selbst-/zerstörerischer wird.

Das macht diesen Roman so reizvoll, und umso mehr, als man nicht umhin kann, Lehners Eva gleichzeitig zu verabscheuen und ob ihrer geschliffenen Formulierungen zu mögen. Man lacht über ihre freche Schlagfertigkeit, man stößt sich an ihr, bis man blaue Flecken hat. Sie macht einen zum Komplizen ihres Irrsinns, wenn manche von Evas Storys durch kleine Details als Lügengeschichten zu enttarnen sind, andere mit Karacho in sich zusammenbrechen – und niemand darob mehr erstaunt ist, als Eva selbst. Am Ende hat sie Personen und Ereignisse längst überblendet. Hat sich der Vater oder Doktor Korb erhängt? Oder keiner der zwei? Ist die Mutter ein Monster oder nicht eher vom Moment überfordert? Was tut Eva Bernhard an? „Warum Eva, denke ich, kannst du nicht einmal normal sein? … Das geht so nicht, Eva, denke ich, so kannst du nicht sein … und das, denke ich, ist die größte Strafe. Dass ich jeden Moment meines Lebens mit mir selbst verbringen muss.“

Über die Autorin: Angela Lehner, geboren 1987 in Klagenfurt, aufgewachsen in Osttirol, lebt in Berlin. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaft in Wien, Maynooth und Erlangen. Unter anderem nahm sie 2016 an der Prosawerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin und 2017 am Klagenfurter Häschenkurs teil. 2018 war sie Finalistin des Literaturpreises Floriana. „Vater unser“ ist ihr erster Roman.

Hanser Berlin, Angela Lehner: „Vater unser“, Roman, 284 Seiten.

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30. 4. 2019

Minna Rytisalo: Lempi, das heißt Liebe

November 12, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Erinnerung ist nicht zu trauen

Lempi, das heißt Liebe auf Altfinnisch. Und Lempi heißt auch die Frauenfigur in Minna Rytisalos vielschichtigem und dennoch so schlichtem, stillem Debütroman. Rytisalo erlaubt sich den gewagten Kunstgriff, ihren Hauptcharakter gar nicht anwesend sein zu lassen. Drei Ich-Erzähler schildern aus ihren persönlichen Perspektiven wer und wie diese abwesende Lempi war, gestalten sozusagen ein Psychogramm hoch drei. Das Buch beginnt mit Briefen einer Elli an einen Viljami 1944, mitten im Lapplandkrieg. Es ist kein Fehler, das Nachwort der Übersetzerin Elina Kritzokat als erstes zu lesen, denn wenig weiß man hierzulande über den Dreieckskonflikt Finnland-Sowjetunion-Nazideutschland, in Finnland selbst war das Thema lange Zeit tabu.

Denn die Finnen hatten die Wehrmacht, der nationalsozialistische Partner aus politischen Gründen wohlweislich nur „Waffenbruder“, nie offiziell Verbündeter genannt, selbst ins Land geholt. Als Hilfe gegen die schließlich aber doch siegreichen Russen. Mehr als 200.000 Deutsche lebten und kämpften mehr als drei Jahre lang Seite an Seite mit den Finnen. Und da viele Frauen allein waren, die Männer an der Front, sie als Schreibkräfte bei der Wehrmacht eingeteilt, entspannen sich nicht wenige Liebesbeziehungen.

Bis die Russen verlangten, die Deutschen aus dem Land zu treiben, und die Frauen und deren Kinder zu Geächteten wurden. Diskriminiert bis spät in die 1960er-Jahre. In dieser zeitgeschichtlichen Realität voller Gefahren und Entbehrungen und Kriegsverheerungen, russischen Partisanen und Fallschirmspringern, und am Ende mehr als 90.000 finnischen Toten, hat Rytisalo ihre Fiktion verankert. Ihre Figuren stecken als deren Bestandteil in dieser Zeitgeschichte fest.

„Sie trägt Puder, Lippenstift und Lederstiefel, dazu das süße Lächeln der Verwöhnten“, heißt es über Lempi erst. Doch dann kommt der junge Einödbauer Viljami zu Wort, Frontheimkehrer ist er nun, auf dem Rückweg zu seinem Hof, war offenbar im Lazarett, wo man sein Kriegstrauma mit Elektroschocks zu „heilen“ versuchte. Doch bevor er eingezogen wurde, war ihm ein halbes glückliches Ehejahr mit der schönen Ladenbesitzerstochter aus der Kleinstadt gegönnt. Mit ihr war’s Liebe auf den ersten Blick, nun hat ihn Elli schriftlich davon unterrichtet, Lempi „wurde beim Einsteigen ins Auto eines Deutschen gesehen“. „In meinem Universum ist der Mittelpunkt verschwunden“, lässt er seine für immer gegangene Frau wissen, an die er sich mit seiner Erzählung in vertraulichem Du wendet, und er berichtet ihr von seinem „andauernden Schmerz“, dieser wie „eine schwelende, quälende Brandwunde“.

Von schwermütiger Lieblichkeit ist diese Schilderung des einstmals so schüchternen, stadtfremdelnden, über das „allerhand Frauenzeugs“ von Hutschachteln bis zur spitzenverzierten Bettwäsche seiner Angetrauten überraschten Bräutigams, die Sprache einfach und doch poetisch, aber sie wäre dennoch literarisch kaum der Rede wert, würde Rytisalo nicht taktisch kluge Querverweise auf die kommenden Berichte ziehen. Zwischen Viljamis Zeilen sind schon die anderen zu lesen, Elli, die sich als Magd herausstellt, und die Zwillingsschwester Sisko, und dass Lempi schwanger und einsam und verzweifelt war wegen der mangelnden Freundlichkeit der einen und dem Fehlen der anderen.

Elli gehört denn auch Teil zwei des Buchs, sie, die mit dem angenommen Antero und Lempis leiblichem Sohn Aarre bereits unversehrt auf den Hof zurückgekehrt ist, die „Mutter“ genannt werden will, und es auch wird, und die Viljami will, auf den sie nun Tag um Tag wartet. „Dies ist der Ort, für den ich bestimmt bin, und du bist jetzt nicht mehr da, um zu stören“, richtet sie Lempi aus, und: „Jetzt kommt meine Zeit.“ Hasserfüllt und von Hexensprüchen durchdrungen und auf ganz andere Art beschränkt, als Viljamis goldene Erinnerungen, sind die von Elli.

Bild: pixabay.com

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Ihre Schimpftirade ist die eines eifersüchtigen Weibs, berechnend, aber auch ängstlich, wenn sie ihre Herrin als feine Dame in schicken Kleidern schmäht, die es darauf angelegt hätte, hervorzukehren, „dass wir unterschiedlicher Herkunft und Rasse sind“. Ihre wirren Gedanken zeichnen ein gänzlich anderes Bild von Lempi, eines, das von Eitelkeit und Trägheit geprägt ist, und mehr und mehr beginnt man sich zu fragen, wo der Kern der Wahrheit liegt. Der Erinnerung ist nicht zu trauen, ein weiteres Rätsel tut sich auf, ist Elli eine Mörderin?, bevor sie erschrickt, als der Mann „mit toten Augen“ plötzlich dasteht.

„Das ist das Dumme an Erinnerungen, man kann nie ganz sicher sein“, sagt schließlich Sisko, die sich mit dem Betrachten alter Familienfotos auf den Besuch einer „Redakteurin“ vorbereitet. Auch ihr Leben war ein tragisches, ihre Geschichte ist die komplexeste. Sie war es, die tatsächlich mit einem Deutschen, ihrem Geliebten Max, nach Hamburg ging, trotz der von ihm ausgeübten psychischen und physischen Gewalt, „die Verkleidungsspielchen, die sonderbaren Praktiken und überhaupt Max‘ dominante Art gefielen mir gar nicht“, dort von ihm verlassen wurde und sich alleine im fremden Land durchschlagen musste. Weil es ihr lange Zeit verunmöglicht war, wegen ihres „besudelten Rufs“ nach Finnland zurückzukehren.

Siskos Part ist der historisch relevanteste, Generaloberst Dietl oder die Frauenorganisation Lotta Svärd finden Erwähnung, und ihren Andeutungen ist zu entnehmen, dass diese Beichte schon weiter in den Jahren liegt. Sie ist nun betagte Rednerin auf Erinnerungsveranstaltungen.

Die einstige Vaterlandsverräterin nun „Frau Doktor“, die, für sie hat Rytisalo eine gewähltere Sprechweise als für die anderen gefunden, über ihr Flüchtlingsschicksal Auskunft gibt. Von Sisko erfährt man, dass Lempi dominant war, die Schwester von ihr immer niedergehalten, doch ist deren Eifersucht, statt Ellis gehässiger, eine liebevolle. Sisko weiß auch, dass Lempis Anbändeln mit Viljami einem Spiel entsprang, einer Wette zwischen den Mädchen, Lempi solle dem Nächstbesten den Kopf verdrehen, der an den Verkaufstresen tritt. Ob daraus gewollt Ernst wurde, bleibt offen.

Sisko löst schließlich das Geheimnis um Lempi und Elli auf, doch entschlüsselt sie die Leerstellen des Romans nicht ganz. Für den Leser ergibt sich zwar aus den drei Erzählsträngen, die im jeweiligen Wissensstand des Protagonisten verhaftet bleiben müssen, die eine oder andere fürchterliche Erkenntnis, etliches jedoch erschließt sich in raffinierter Weise nicht. Ist Sisko auf Viljamis Hof gekommen, um dem Verschwinden ihrer Schwester nachzuforschen? Ist der „schweigsame, genügsame“ Mann, den sie nun den ihren nennt, er? Hat sie seine Söhne großgezogen? Es ist die große Wirkung von Minna Rytisalos Roman, dass man das am Ende nicht weiß. „Man erfasst einen Menschen nie ganz. Ich weiß bis heute nicht, ob ich das wirklich begriffen habe“, sagt Sisko.

Über die Autorin: Minna Rytisalo, geboren 1974 in Lappland, arbeitet als Finnischlehrerin und schreibt einen literarischen Blog. „Lempi, das heißt Liebe“ ist ihr erster Roman und wurde von finnischen Bloggern als bester Roman 2016 mit dem Blogistania-Finlandia-Preis ausgezeichnet; außerdem erhielt Rytisalo 2017 den Botnia-Literaturpreis.

Hanser Verlag, Minna Rytisalo: „Lempi, das heißt Liebe“, Roman, 224 Seiten. Übersetzt aus dem Finnischen von Elina Kritzokat.

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  1. 11. 2018

Colson Whitehead: Underground Railroad

November 5, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Opfer des amerikanischen Imperativ

Die Underground Railroad gab es tatsächlich. Sie war ein Netzwerk aus Gegnern der Sklaverei, Schwarzen wie Weißen, das Sklaven auf der Flucht aus den Südstaaten der USA in den Norden und ins sichere Kanada half. Mit geheimen Routen, Schutzhäusern, Fluchthelfern und geheimer Kommunikation gelang es, zwischen 1780 und 1862 etwa 100.000 Sklaven zu befreien. Das Netzwerk erhielt seinen Namen, weil man sich seit den 1850er-Jahren Metaphern aus der Welt der Eisenbahn bediente, um verschlüsselte Botschaften zu übermitteln.

So war ein conductor ein Fluchthelfer, station hieß eine Unterkunft für Flüchtlinge auf dem Weg, die Flüchtenden wurden als passengers bezeichnet. Diese historische Tatsache macht sich US-Autor Colson Whitehead für seinen Pulitzerpreis-gekrönten Roman „Underground Railroad“ zunutze. Gekonnt mischt er Fakt und Fiktion, Realismus und Fantastik und erfindet eine veritable unterirdische Eisenbahn, mit der die Sklavin Cora in die Freiheit zu gelangen hofft. Cora ist nicht nur ein geknechtetes, geschlagenes Menschenwesen, sondern auch eine allegorische Figur. Wie sie sich selbst nennt, „eine Passagierin in der Welt der Weißen“.

An ihrem Beispiel schildert Whitehead alle Schreckensszenarien, die einem Sklaven begegnen konnten. Ihm sei, sagte er dazu in einem Interview, die Wahrheit wichtiger als die Tatsachen. Sein Buch ist ein Aufschrei, ein Schlachtruf. Black lives matter! Wenn er seinen Sklavenfänger Arnold Ridgeway über den „amerikanischen Imperativ“, „der uns aus der Alten Welt in die Neue gerufen hat, damit wir erobern, aufbauen und zivilisieren. Und zerstören, was zerstört werden muss. Um die unbedeutenderen Rassen zu unterwerfen. Und wenn nicht zu unterwerfen, dann auszurotten“, schwadronieren lässt, fällt auf, wie wenig sich unter Amerikas Rechts-Denkern verändert hat. The Home of the Brave ist nur wenigen ein Land of the Free.

Zwischen derlei aktuellen Erkenntnisstand streut Whitehead Sklavenanzeigen: Seinem Besitzer entlaufen … Belohnung auf den Kopf ausgesetzt … Achtung: ist auf durchtriebene Weise aufgeweckt … wird sich als Freigelassene ausgeben … Und natürlich die Geschichte von Coras Rebellion und späterer Odyssee durch die USA. Cora ist Sklavin auf der Plantage des tyrannischen Terrance Randall, und als sie sich gegen ihren Herrn auflehnt – sie schützt ein Kind vor dessen Stockhieben -, wird beiden eine nur noch schlimmere Züchtigung zuteil.

Bild: pixabay.com

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Der Sklave Caesar spricht sie an, ein gebildeter Mann, der nach dem Tod seiner Herrin eigentlich freigelassen werden sollte, aber von den Erben weiterverkauft wurde. Seine Idee: Flucht. Mit der Underground Railroad. Er hat mit einem weißen Abolitionisten im Dorf dazu Kontakte geknüpft. „Mr. Fletcher verabscheute Sklaverei als Affront gegen Gott.“ Cora zögert erst, willigt dann ein. Randall verständigt Ridgeway, und der wird Cora im Weiteren immer dort auflauern, wo sie gerade glaubt, zur Ruhe gekommen zu sein. „An jedem öffentlichen Ort waren Bekanntmachungen angeschlagen. Schurken der übelsten Sorte beteiligten sich an der Jagd. Säufer, Unverbesserliche, arme Weiße, die nicht einmal Schuhe besaßen, ergriffen begeistert diese Gelegenheit, die farbige Bevölkerung zu drangsalieren.“

Was folgt ist eine Flucht durch fünf Bundesstaaten, getrennt durch die Biografien einzelner Protagonisten. Whitehead hat akribisch recherchiert, die von ihm beschriebenen Schicksale sind angelehnt an solche aus dem Federal Writers‘ Project von Franklin D. Roosevelt, das in den 1930er-Jahren die Lebensgeschichten ehemaliger Sklaven sammelte, die Steckbriefe Entlaufener stammen aus den Sammlungen der University of North Carolina. Cora hinterlässt eine Blutspur, die meisten ihrer Helfer werden getötet, die Schwarzen zu Tode geprügelt, die Weißen gelyncht. All das ist nur auszuhalten, weil Whitehead die Erzählung abbricht, knapp bevor die Grausamkeiten unerträglich werden. Er bleibt ein diskreter Beobachter seiner Heldin, schildert reportagehaft und aus einer gewissen Distanz, so dass überbordende Emotionen, die Cora sich aus Überlebenstrieb verbietet, auch beim Lesen kaum aufkommen.

Nur im Fall der Bestrafung von Big Anthony tobt er sich einmal aus. Da können weiße Gäste das langsame Sterben des Delinquenten bequem von der Veranda des Herrenhauses aus verfolgen. „Randalls Besucher schlürften gewürzten Rum, während Big Anthony mit Öl übergossen und geröstet wurde.“ Seine Schreie bleiben den Zuschauern erspart, denn die Henker hatten dem Opfer „sein Geschlecht abgeschnitten, es ihm in den Mund gestopft und diesen zugenäht.“ Obszön? Ja, die Wahrheit von derart Geschichten. Whiteheads Buch ist auch eine Analyse, warum der Norden und der Süden der USA bis heute nicht wirklich zueinander finden. Siehe der Streit in Charlottesville um ein Robert-E.-Lee-Denkmal, in den sich sogar Donald Trump (auf Seiten der Befürworter) involvierte.

„Die Strecke der Underground Railroad verläuft in Richtung des Bizarren.“ In South Carolina muss Cora nicht nur im Museum arbeiten, mit anderen Schwarzen als Tableaux vivants Sklavenszenen nachstellen, sondern auch erfahren, dass man hier ein Programm zur Sterilisation von Männern und Frauen betreibt, „Geburtenkontrolle“, um die „Dschungeltriebe“ unter Kontrolle zu bekommen (dass er dabei ans Dritte Reich und dessen „Programme“ dachte, hält Whitehead – siehe Interviews – für einen legitimen Querverweis). In North Carolina, zu diesem Zeitpunkt der Historie eine eigenständige Nation, die „die absurde Vorstellung vom Aufstieg des Niggers“, die sich die „Brüder jenseits der Staatsgrenze“ zu eigen gemacht haben, nicht teilt, finden nach Minstrel Shows systematische Exekutionen statt.

Bild: pixabay.com

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Man will die Schwarzen auf dem Territorium vollständig ausmerzen. Die neuen Arbeitssklaven stehen schon parat: arme irische Einwanderer. (Ein „Experiment“, dass es im Ansatz gab, das aber scheiterte, weswegen man wieder auf Schwarze „zurückgriff“). In Tennessee hält man Schwarze für „Nachkommen des verfluchten schwarzen Ham, der sich an einen Berg in Afrika geklammert und so die Sintflut überlebt hatte“. In Indiana macht der Mob die progressive Valentine-Farm – auch sie eine Utopie des Autors – dem Erdboden gleich.

Und wieder ist Ridgeway wie ein Wiedergänger mit dabei. Es kommt zu einem letzten Kampf zwischen Cora und ihm … Das nimmt kein gutes Ende. Oder doch? Ihre Flucht in die Freiheit steht jedenfalls erst am Anfang. Das große Netz an Kämpfern für die Freiheit ist bereit. Denn die eines anderen zu gewährleisten, schützt immer auch die eigene. „Cora stemmte sich gegen den Hebel der Draisine. Er rührte sich nicht, auch als sie ihr ganzes Gewicht hineinlegte. Zu ihren Füßen auf der hölzernen Plattform war eine kleine Metallschließe. Sie löste sie, der Hebel quietschte. Sie drückte erneut dagegen, und die Draisine kroch vorwärts …“

Über den Autor:
Colson Whitehead, 1969 in New York geboren, studierte an der Harvard University und arbeitete für die New York Times, Harper’s und Granta. Whitehead erhielt den Whiting Writers Award und den Young Lion’s Fiction Award und war Stipendiat der MacArthur „Genius“ Fellowship. Für seinen Roman „Underground Railroad“ wurde er mit dem National Book Award 2016 und dem Pulitzer-Preis 2017 ausgezeichnet. Bei Hanser erschienen bisher „John Henry Days“, „Der Koloß von New York“, „Apex“, „Der letzte Sommer auf Long Island“ und „Zone One“. Der Autor lebt in Brooklyn.

Hanser Literaturverlage, Colson Whitehead: „Underground Railroad“, Roman, 352 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Nikolaus Stingl

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  1. 11. 2017

Leïla Slimani: Dann schlaf auch du

Oktober 9, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Unheimliche im eigenen Heim

Dann schlaf auch du von Leila Slimani

„Das Baby ist tot“. Mit einem stärkeren, erschreckenderen, abscheulicheren Satz kann ein Buch wohl kaum beginnen. Leïla Slimani verwendet ihn für ihren jüngsten Roman „Dann schlaf auch du“. In Frankreich bereits mit dem Prix Goncourt und dem Publikumspreis Grand Prix des Lectrices de Elle ausgezeichnet, ist Slimanis Arbeit für die deutschsprachige Leserschaft die Sensation dieses Herbstes. Durchaus auch ein Aufreger. Die junge Autorin berichtet ohne Sentiment, in einem kühlen, lakonischen, reportagehaften Tonfall über eine grauenhafte Familientragödie. Den Stil muss man aushalten, jeder Satz wie mit der Rasierklinge geschrieben, in die Seiten gekratzt von einer Betrachterin, die sich nie involviert, die ihre Figuren vom Spielfeldrand aus beobachtet.

Der in diesem Fall quasi ein Spielplatz ist. Das Ehepaar Myriam und Paul nämlich sucht für die Kinder Mila und Adam ein Kindermädchen. Wie Mary Poppins landet punktgenau Louise. Eine Perle, diese Nounou. Nicht nur, dass sie Kleinen mit ihrem Mutterwitz gleich im Griff hat, sie macht Myriams und Pauls Zuhause zu einem kuscheligen Heim. Sie kommt gern früher, bleibt gern länger, putzt, kocht vor, macht die Hausfrau.

Sie nistet sich ein, macht sich das fremde Leben zu eigen, und niemand merkt es. Die Eltern – schwerbeschäftigt, zwei Workaholics, er Musikproduzent, sie Staranwältin, die sich den Nachwuchs angeschafft haben, wie ein Accessoire, das zu einem gewissen Lifestyle einfach dazugehört. Lass‘ uns Familie spielen, ist das nicht chic? Nein, sympathisch sind einem die beiden nicht. Nicht einmal die Kinder sind es. Baby Adam vielleicht noch, aber die ältere Mila ist eine anstrengende, raunzige Nervensäge. Am ehesten fühlt man mit Louise. Von der man von Anfang an weiß, dass sie zur Mörderin werden wird. Dieses Mitgefühl, das ist das Irre an diesem Buch. Dann der erste Gruselsatz: „Sie hat die stille Wohnung ganz in ihrer Gewalt, wie einen Feind, der um Gnade bittet.“ Sukzessive, so langsam wie eine Depressionen heranschleicht, deckt Slimani auf, wer diese Frau ist. Entfaltet ihre Fallstudie.

Wie zwischen den Zeilen erfährt man vom Unheimlichen, blitzt Louises Biografie in Momentaufnahmen durch – und keiner dieser Momente ist schön. Tod des Mannes, der einen nicht zu bewältigenden Schuldenberg hinterließ, Verlust des Hauses, Verlust der Tochter, die die Mutter nicht länger ertrug. Prügel von der Kindheit bis zur Ehe. An einer Stelle steht das Wort Psychiatrie. Affektive Störung. „Ihr Herz ist hart geworden. Die Jahre haben es mit einer dicken, kalten Kruste überzogen, und sie hört es kaum noch schlagen. Nichts vermag sie mehr zu berühren.“ Louises Wohnsituation wird beschrieben. Erbärmlich im Vergleich zum Appartement im 10. Arrondissement, wo Louise bald auch die Badewanne in Besitz nimmt. Herrlich, und erst die schönen Handtücher.

Myriam und Paul wollen lange nicht sehen, was ihre Work-Life-Balance aus dem Gleichgewicht bringen könnte. Doch es spitzt sich zu, die Konflikte mehren sich. Die Spannung wird von Tag zu Tag greifbarer, aufgeputscht auch durch die Diskrepanz zwischen einem selbst als wissendem Leser und den arglosen Eltern. An seinen besten Stellen ist das Buch eiskalter Suspense.

Bild: pixabay.com

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Louise übernimmt das Kommando, und duldet bald keinen Widerspruch mehr. Sie sieht nicht ein, warum man ein verlegtes Jäckchen von Mila nicht einmal ansatzweise sucht, sondern Myriam sofort ein neues kauft. Sie hat kein Verständnis für Myriams Lebensmittelverschwendung, bereitet ein bereits weggeworfenes Hühnchen als Abendessen zu und drapiert das Gerippe als Mahnung auf dem Esstisch: „Myriam nähert sich dem Tier, das sie nicht zu berühren wagt. Das kann kein Irrtum, kein Versehen Louises sein. Noch weniger ein Scherz. Nein, das Gerippe riecht nach Spülmittel mit Mandelduft.“

Der Umgang miteinander wird gezwungener. Myriam und Paul, ganz liberale Bobos, wollen nicht in Arbeitgeber-Attitüde verfallen. Ihre Gedanken kreisen zunehmend um Louise. Stößt man sie vor den Kopf, lässt man sie spüren, dass sie nur Personal für Besserverdienende ist? Man betrachtet Louise nun mit einer Mischung aus Abscheu, Mitleid und Ärger über die Abhängigkeit, in die man sich ihr gegenüber gebracht hat. Doch man nimmt die Nounou mit in den Griechenlandurlaub, teil aus schlechtem Gewissen, teils aus dem Eigennutz, abends kinderfrei zu haben. „Dann schlaf auch du“ ist ein Buch über Geben und Nehmen. Die Arbeit und die Existenz. Existenz hier auch als Synonym für Leben.

In Frankreich wurde diese politische Brisanz des Buches diskutiert. Denn Slimani hat provokant klug die Verhältnisse umgekehrt, die Klischees zur Kenntlichkeit entstellt. Bei ihr ist die erfolgreiche Myriam ein Mensch mit „Migrationshintergund“. Sie hat wie die Autorin nordafrikanische Wurzeln. Die Ur-Französin ist aus dem Kleinbürgertum ins Prekariat abgerutscht. Im Park ist sie die einzige Weiße unter „farbigen“ Kindermädchen, die reichen Pariserinnen nutzen den Spielplatz als Arbeitsmarkt: „Jeder weiß, dass bestimmte Mütter, die cleversten und gewissenhaftesten, hierher ,auf den Markt‘ kommen, so wie man früher zu den Docks oder in eine Seitenstraße ging, um ein Dienstmädchen oder einen Lagerhalter zu finden.“ Derlei Textstellen waren dem einen oder anderen Rezensenten durchaus eine Bemerkung über die Wohlstandsverlierer der Grande Nation, über den Umgang mit Migranten und einer gegenüber beiden hilflosen Politik wert …

Bild: pixabay.com

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Louise interpretiert die Feriensituation freilich als Aufnahme als Familienmitglied. Eine fixe Idee nistet sich in ihr ein: Myriam muss ein drittes Kind bekommen, damit Louise endgültig unentbehrlich ist. Atemberaubend, was sie alles unternimmt, um ihren Plan in die Tat umgesetzt zu sehen. Doch Myriam und Paul sind viel zu müde für Sex, und in Louises in „delirierender Melancholie“ versunkenem Kopf legt sich endgültig der Schalter um. Leïla Slimani lässt dem Leser keinen Ausweg, sie unterbindet alle Fluchtversuche vor diesem grausigen Wiegenlied. Sie bietet keine Erklärung, keine Er/Lösung. Unausweichlich geht es dem bekannten Ende zu. Ein Sushimesser ist zur Hand. Mila wird im Krankenhaus ihren Verletzungen erliegen, Louises Selbstmordversuch befördert sie fürs Erste ins Koma. „Das Geschrei der Kleinen geht ihr auf die Nerven, sie würde auch gern schreien. Das aufreibende Piepsen der Kinder, ihre schrillen Stimmen, ihr ewiges ,Warum?‘, ihre egoistischen Bedürfnisse spalten ihr den Schädel … ,Ich werde dafür bestraft werden‘, hört sie sich denken. ,Ich werde dafür bestraft werden, dass ich nicht mehr lieben kann.“

Über die Autorin:
Die französisch-marokkanische Autorin Leïla Slimani gilt als die aufregendste literarische Stimme Frankreichs. Slimani wurde 1981 in Rabat geboren und wuchs in Marokko auf. Nach dem Studium an der Pariser Eliteuniversität Sciences Po arbeitete sie als Journalistin für die Zeitschrift „Jeune Afrique“. „Dann schlaf auch du“ wurde mit dem höchsten Literaturpreis des Landes, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet und erscheint in 32 Ländern. Ihr ebenfalls preisgekröntes literarisches Debüt „Dans le jardin de l’ogre“ wird derzeit verfilmt. Leïla Slimani ist verheiratet und Mutter zweier Kinder. Sie lebt in Paris.

Luchterhand Literaturverlag, Leïla Slimani: „Dann schlaf auch du“, Roman, 224 Seiten. Übersetzt aus dem Französischen von Amelie Thoma

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  1. 10. 2017