Volkstheater online: Schwere Knochen

Mai 1, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein prächtig brecht’scher Grand Guignol

Der Notwehr-Krutzler probt den legendären Halsstich: Thomas Frank, „Dostal“ Matthias Luckey und „Podgorsky“ Andreas Patton. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anna Badoras Volkstheater-Team verabschiedet sich #Corona-bedingt mit einem virtuellen Spielplan, den Highlights aus den vergangenen fünf Jahren (die Produktionen: www.mottingers-meinung.at/?p=38809), und gestern war „Schwere Knochen“ von Alexander Charim nach dem Roman von David Schalko (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29139) dran ­– heute noch bis 18 Uhr und wieder am 8. Mai kostenlos zu streamen auf www.volkstheater.at.

„Es gibt die Geschichte des Tages und die der Nacht. Die eine steht in den Büchern. Die andere erzählt man sich hinter vorgehaltener Hand“, sagen die Stimmen auf dem Jenseits. Und über dem sich nun erhebenden Leichenhaufen beginnt Thomas Frank die seine zu schildern, heißt: die von Ferdinand Krutzler. Dem Notwehrspezialisten, dem Chef der „Erdberger Spedition“, einem Kleinganovenquartett, das sich darauf spezialisiert hat, in Windeseile Wohnungen und Häuser zu „evakuieren“, heißt: auszurauben – doch bis es soweit ist, wird er erst einmal aus „Krutzlermutter“ Birgit Stögers Bauch geboren.

Unter Jammern und Wehklagen und erschrockenem Aufjohlen – ein Riesenbaby, ein schaiches noch dazu, das aber seinerzeit zum Wiener Unterweltkönig werden wird. In Schlaglichtszenen beleuchtet Regisseur Alexander Charim dieses Avancement, wer grad nicht spielt, wird als Erzähler eingesetzt, das ganze Ensemble großartig als David-Schalko-Charaktere, allen voran Isabella Knöll als die Musch und Thomas Frank als Krutzler, denen ihre Rollen wie angegossen passen. Muss ein Stück Arbeit für Anita Augustin gewesen sein, diesen konsequent in indirekter Rede verfassten Text bühnentauglich zu machen.

Und siehe da, die Übung ist gelungen, lebhaft wiederaufersteht es auf dem Bildschirm (und zwar im zur MQ-Halle-E-Weite jetzt zuschauerfreundlichen Closeup), dieses brutale Milieu, das gemeine Menschen macht, Schalkos unfeinster Jargon und dessen zynische Distanz zur schmerz- und schuldbehafteten Vergangenheitsverdrängung auf gut Österreichisch bestens getroffen, das Goldene Wienerherz samt dazugehöriger Goschn. Vom Heldenplatz 1938 geht’s durch den Kalten Krieg und den Beginn der Ära Chruschtschow. Sechs Schauspieler und drei Schauspielerinnen gestalten insgesamt 57 Figuren, wobei Protagonist Frank sich als einziger auf eine konzentrieren kann.

Thomas Frank und „Greenham“ Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Peter Fasching als „Dr. Harlacher“, Frank und „Honzo“ Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Krutzlers erster Auftragsmord: Thomas Frank und Matthias Luckey. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Er, als Typus allein körperlich ideal für Krutzlers „Schwere Knochen“, gibt mit Verve diesen pragmatischen Verbrecher, unmoralisch, unnahbar, unantastbar, oft gepudert, nie geküsst – und wer seinen Kamelhaarmantel åntatscht, braucht sich nicht wundern, wenn er hamdraht wird. Odraht ist hingegen die Viererbande, Krutzlers diebisches Transportunternehmen, Peter Fasching als stotternder Fritz „Der Bleiche“ Wessely, Lukas Watzl als Hurenkind Karl „Der Zauberer“ Sikora und Sebastian Pass als Fleischersohn „Der Praschak“, von dem sich die Knöll wie ein Schwein abstechen lässt.

Unter der Vielzahl der Rollen sind in jeder Hinsicht unmenschliche: Fasching gibt auch den ominösen Dr. Harlacher, Pass dessen Affenweibchen Honzo und den zum Schmuggelgenie „Greenham“ mutierenden Juden Grünbaum, Watzl einfach hinreißend die blondgelockte Krüppelhure Gisela. Matthias Luckey wird aufs Absonderliche abonniert, Musch-Sohn Herwig und SS-Obersturmbannführer Dostal, dessen Uniform Ausstatter Ivan Bazak ins Kostüm eines Horrorclowns verwandelt hat. Weiß geschminkt und mit roter Nase tollt die Herrenrasse durchs KZ, dort nämlich landet die Spedition, als sie sich vom Hundertertrick auf Leerräumen der Nazihuber’schen Liegenschaft verlegt.

Erst Dachau, dann Mauthausen, wo der Krutzler nicht nur die Bekanntschaft von eben Grünbaum/Greenham, sondern auch die vom politischen Gefangenen Alfred Podgorsky macht, ein Erzkommunist, der im Nachkriegswien allerdings Polizeichef wird, weshalb man sich in alter Verbundenheit eine-Hand-wäscht-die-andere-treu bleibt. Andreas Patton spielt ihn – neben dem die Spedition in Zeitlupe umkreisenden Geldscheißerfranz und surreal als nationalsozialistischer Papagei Ahab, und wenn es an diesem Abend etwas zum Ausstallieren gibt, dann dass er im Vergleich zur prallvollen Buchvorlage zu wenig Podgorsky enthält – Podgorsky, Schalkos rote Eminenz, der seine Finger in jedem Intrigenspiel hat.

Der „Geist der Lagerstraße“, „genaugenommen ist das spätere Österreich damals im KZ entstanden“, formuliert Schalko, spukt bei Alexander Charim nur kurz vorbei, wiewohl er es versteht Schalkos sardonisch kolportierte Gangstasaga mit ihrem kuriosen Shoah-Sketch durch seine Zirkuszerrbilder zu verschärfen. Unterstützt von Thomas Frank, der im Moment, als der zum Leibwächter-Kapo ernannte Krutzler dem Dostal seinen legendären Halsstich verpasst, mehr Emotionen zeigt als im Bett mit der Musch – Franks Krutzler, der politisch korrekt lagerierte Racheengel. Im Lager freilich werden die rohen Gesellen zu Ganoven-Diamanten geschliffen, die ihr blutiges Handwerk bei den Meistern gelernt haben.

„Greenham“ Sebastian Pass und Birgit Stöger als KZ-Kapo „Der Zehner“. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Hausparty für Hilter: Knöll, Sommerfeld, Luckey, Patton. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Matthias Luckey als SS-Obersturmbannführer Dostal. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der bedrohlich rasselnde Kettenglieder-Schnürlvorhang fällt, in den leerem Raum lässt Ivan Bazak nun diverse Interieurs rollen, die Schauplätze mal rotseidenes Puff, mal rosarote Aida, mit einer einzigartigen Mischung aus Pathos und Proletentum wird der Kalte Krieg zum Überkochen gebracht, die Anmutung insgesamt, als würde man Bert Brecht im Grand Guignol aufführen. Ein mit drei Stunden Spieldauer durchaus episch zu nennendes Wurschtltheater, in dem das Krokodil den Kasperl frisst – von wegen, den kaun kana daschlogn: Der Bodycount ist beträchtlich – sechzehn, davon drei Tiere, kommen auf unnatürliche Weise ums Leben. Notwehr, halt.

„Schwere Knochen“ auf Charim’isch ist beides – eine gfeanzte Sozialfarce voll skurrilen Spaß‘, in der zur Heiligen-Panier-Anbetung ein derber Oaschloch-, Fut-und-Geh‘-Scheißn-Spruch geführt wird, durchbrochen durch stimmig-groteske Grausamkeiten wie in der circensischen Mauthausen-Episode oder die Entmenschlichungs-Metaphern durch Schwein, Affe und Lisa-Maria Sommerfeld als sowjetischem Kampfhund. Im Wortsinn unheimlich wandlungsfähig sind die Darsteller.

Birgit Stöger von der politisch beweglichen Krutzlermutter über den KZ-Kapo-Clown „Der Zehner“ bis zur anlassigen Unternehmergattin die Lassnig, mit der der Wessely ein selbstmörderisches Pantscherl pflegt, Lisa-Maria Sommerfeld als „leichtes Mädchen“ Sikoramutter, Praschak-Gattin und Bissgurn Gusti oder Spionin Milady – und über allem Puffmutter Musch, Isabella Knöll, ganz das „Wüdviech“ als das der Krutzler sie benamst, ehrfurchtgebietend ordinär, ihre Krutzlerliebe eine Nahkampfdisziplin, Knölls Zusammenprallen mit Frank intensiv, elektrisch aufgeladen, immer am Rande des Raufhandels.

Im Würgen macht er ihr einen Heiratsantrag: „I bring di um!“, dann „Heirate mich!“, und am Ende seufzt sie ihm ins Grab nach: „Warst kein Guter. Trotzdem hab ich dich geliebt, irgendwie.“ Dass an anderer Stelle bemängelt wurde, die Inszenierung befeuere Schalkos Stereotypen-Schreibe, von den Geschlechterklischees bis zum geldgierigen Gschamster-Diener-Jud‘, naja – honi soit …, genauso gut könnte man sagen, Sebastian Pass spielt den Grünbaum als Nestroy’schen Subaltern-Ungustl. Und wer sich übers „Redfacing“ bei Nazihubers Karl-May-Festspielen aufregt, hat keine Siebzigerjahre-Kindheit beim Rote-Falken-Fasching erlebt.

Lukas Watzl als blondgelockte Krüppelhure Gisela. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Zuhälterin Musch mit Sohn Herwig: Isabella Knöll und Matthias Luckey. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Lisa-Maria Sommerfeld als „professionelle“ Sikoramutter. Bild; © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Politik ist bei Schalko/Charim was Beiläufiges, wie’s im Leben der meisten so ist, räsonieren, xenophobieren, rechts wählen, so einfach funktioniert das hierzulande, verkümmerte Seelen, versteinerte Herzen, und Charim präsentiert im Jeder-gegen-Jeden lediglich die üblichen Überlebens- und anderen Treibe, die Sehn- und die weiteren Süchte. Was zweiteres betrifft, Filmisches inklusive, Milady und der Sikora vergnügen sich in der Kaisersuite des Hotel Orient, bei der Winnetou-Orgie vom Nazihuber besudelt der Krutzler ein imperiales Ambiente mit dessen Halsschlagadernblut.

Erst als die Spedition die Erdberger Demarkationslinien aufhebt, Nebel, Schießerei, die Atmosphäre Dritter-Mann-grau, und der Krutzler schreit: „Wien gehört mir!“, ist Schluss mit lustig. Die Tragi- an der -komödie: Gerade jetzt, da in Auflösung begriffen, präsentierte sich das Volkstheater stärker denn je. „Schwere Knochen“ ist das beste Beispiel dafür, geschmeidig inszeniert, jede Szene wie am Ende der Aida-Showdown eine mit Hintersinn, so dass es einem beim Lachen doch kalt über den Rücken läuft.

Alexander Charim karikiert, was bereits Verspottung war – die Mechanismen von Ermächtigung, ein Räderwerk der Gewalt, Existenz auf Kosten anderer, und dass das alles im ideologiedurchtränken wie ideologiefreien Raum gleichermaßen in Gang gesetzt werden kann. „Vermutlich ist etwas ein Mensch, wenn man es behandelt wie einen Menschen“, sagt Schalkos Krutzler. Dreht sich um und tut genau das nicht.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=9HF1PLbIvT4           www.volkstheater.at

  1. 4. 2020

Der Online-Spielplan bis Mitte Mai:

30. April: Der gute Mensch von Sezuan, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35243, 1. Mai: Alles Walzer, alles brennt, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23477, 2. und Mai: Die rote Zora und ihre Bande, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39484, 4. Mai: Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28509, 6. Mai: Nathan der Weise, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24591, 9. Mai: Wer hat meinen Vater umgebracht, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36159, 10. Mai: Wien ohne Wiener, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26649, 12. Mai: Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36527, 14. Mai: Medea, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23620 und 15. Mai: Stella, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24810.

Volkstheater online: Die rote Zora und ihre Bande

April 19, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bert Brecht stand Pate für die Heldischen Lausbuben

Die rote Zora und ihre Bande: Tobias Resch, Hanna Binder, Constanze Winkler, Lisa-Maria Sommersfeld und Luka Vlatković. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anna Badoras Volkstheater-Team verabschiedet sich #Corona-bedingt mit einem virtuellen Spielplan, den Highlights aus den vergangenen fünf Jahren (die Produktionen im Einzelnen: www.mottingers-meinung.at/?p=38809), und gestern war „Die rote Zora und ihre Bande“ aus dem Herbst 2018 dran – kostenlos zu streamen bis 20. April, 18 Uhr, auf www.volkstheater.at, dann wieder am 2. und 3. Mai. Inszeniert hat Robert Gerloff, der bereits in den Bezirken eine entfesselte „Stella“-

Version (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24810) geboten hatte, und nach Titelrolle I Schauspielerin Hanna Binder auch in Titelrolle II besetzte. Das Ergebnis ist eine rundum geglückte, beglückende Bühnenfassung mit Balkanmusik und Bert Brecht, denn definitiv standen das Volkstheater-Ideal wie auch Erwin Piscators Proletarisches Theater bei der Produktion Pate.

Zwischen dem Hotel Zagreb und der Pekara/Bäckerei wird nicht nur im p.c.-Selbstversuch „serbokroatisches“ Reisfleisch serviert, sondern eine ordentliche Portion politischer Ansagen – Kapitalismuskritik, Solidarität als zwischenmenschliches Grundprinzip, Widerstand gegen Korruptions- und Freunderlwirtschaft, ein Plädoyer für die gesellschaftliche Integration sozialer Außenseiter … all das hatte der in Schweizer Emigration lebende Autor Kurt Kläber schon in seinem 1941 unter dem Pseudonym Kurt Held veröffentlichten Jugendbuchklassiker angelegt.

Nun packt Gerloff ein paar mit Gelächter und Szenenapplaus aufgenommene Seitenhiebe auf Zwölfstundentag vs bedingungsloses Grundeinkommen drauf, führt die Witzchen aber dankenswerterweise auf einer popkulturellen Meta-Ebene fort, etwa, wenn die Heldischen Lausbuben ganz Gentlemen im Versteck ihre Fight-Club-Regeln deklamieren, so dass die Aufführung für Kinder und ewig solche Gebliebene ein Vergnügen ist. Ein Spaß – jedoch durchbrochen von Szenen großer Ernsthaftigkeit, in denen das Schicksal der Zora-Bande daran erinnert, dass es unweit von Senj auch anno 2020 unbegleitete Minderjährige gibt.

Hanna Binder und Stefan Suske. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Angriff der Gymnasiasten. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Vlatković, Binder und Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Geschichte, die erzählt wird, ist eine wahre, der deutsch-schweizerische Arbeiterdichter lernte auf einer Jugoslawienreise das Mädchen und ihre Mitstreiter kennen, und Hanna Binder spielt den Rotschopf als richtiges Rotzmensch, dessen – keineswegs nur für Heranwachsende gesunder – Aufruf zum zivilen Ungehorsam als lautes Indianergeheul übers kroatische Küstenstädtchen schallt. Constanze Winkler, Lisa-Maria Sommersfeld und Tobias Resch begleiten die pubertierende Partisanin als ihr „Uskoken“ Nicola, Pavle und Ðuro. Eine queer-feministische, linke Eingreiftruppe gegen den Neoliberalismus, wobei Ðuro unter den Getreuen der zwiespältige Charakter ist, ist ihm das eigene Überleben doch Kampf genug.

Weshalb die Aufnahme des eben erst verwaisten Fischdiebs-aus-Hunger Branko notgedrungen zu Konflikten in der Viererbande führt. Luka Vlatković, der dieser Tage eigentlich live in Imre Lichtenberger Bozokis „Horses“ im Werk X-Petersplatz auf der Bühne stehen sollte, gestaltet den Branko als erst arglosen Gerechtigkeitsträumer – bis ihn eine kalte, brutale Welt seine Gedanken zur Faust ballen lässt. Dort wo die Ärmsten von den Armen stehlen, entwickelt er eine Robin-Hood-Sicht auf die Dinge, so dass das Tischgebet der Zoraisten „Lieber Gott, danke für nichts“ immerhin in ein, wenn auch moll-tönendes „Wir stehen zusammen“ münden kann – die Musik dazu von Imre Lichtenberger Bozoki, Susanna Gartmayer und Vladimir Kostadinovic.

Fürs temperamentvoll dargebotene Treiben lässt Bühnenbildnerin Gabriela Neubauer diese im Handumdrehen die Räume wechseln, vom Senjer Hauptplatz zur Burgruine zu Gorians Fischerhütte, schreit auf zweiterer Turm ein Uhu, hält Binder die entsprechende Klebertube in die Höhe, aber die schönste Szene ist ein Thunfisch-Ballett zwischen Wellen und Meeresufer, mit dem der Fang die erfolgreichen Angler feiert. Mit hohem Tempo werden auch die Kostüme gewechselt, Ruck-zuck-Umzüge, da viele im Ensemble mehrere Rollen stemmen.

Claudia Sabitzer ist neben Marktstandlerin und Müllerin auch der Bäcker Čurčin, der die Bande mit altbackenem Brot versorgt, „der gute Mensch von Senj“ sozusagen, war die Sabitzer doch diese Saison schon der Brecht’sche aus Sezuan (Regie ebenfalls Robert Gerloff, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35243, das nächste Mal gestreamt am 30. April). Stefan Suske schlüpft ins Tevje-Outfit des alten Gorian, ein friedliebender Philosoph dessen, was schon überholt schien, doch sich am Leben erhält, weil der Augenblick seiner Verwirklichung versäumt ward – um an dieser Stelle Adorno zu bemühen, und als solcher ein Seelenverwandter des von Gábor Biedermann verkörperten Polizisten Begović.

Das Thunfisch-Ballett vor Gorians Fischerhütte. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Claudia Sabitzer und Gábor Biedermann. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Günther Wiederschwinger und Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Auch nächtens sucht ganz Senj die rote Zora und ihre Bande. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dieser oft genug Opfer des Zora-Slapsticks, da er von Ausbeuter Karaman – herrlich herrisch: Steffi Krautz mit Schnauzer und Wohlstandswampe – und dessen Bonze Bürgermeister – Günther Wiederschwinger mit Frack und Zylinder – zum Amtshandeln angehalten wird. Derart zwischen Pathos, Parodie und Parole geht’s im Ninjaschritt durchs Geschehen, gesungen werden der Geier-Song „Seid zur Freundschaft bereit“ aus dem Disney-Dschungel- buch und „Der schöne Sigismund“ aus dem „Weißen Rössl“, anklingen die Winnetou-Melodie und Ennio Morricones „The Good, the Bad and the Ugly“-Theme beim Trio-Auftritt Krautz, Biedermann, Wiederschwinger.

Die wahren Gegner Zoras in der faschistoiden Volksgemeinschaft sind aber die Gymnasiasten, mit denen man in Dauerfehde liegt, von Gerloff/Neubauer – wohl weil das bildungsferne Feindbild, wer viel lernt, hält sich für was Besseres, hier nicht zieht – als Burschenschafter in kornblumenblauer Wichs gekennzeichnet. Nach einem Marillendiebstahl des Korps beginnt die Zora-Bande einen Rachefeldzug gegen die Großkopferten und ihre Rich Kids, die Verwahrlosten ziehen gegen die Vermögenden, und als Gorian seine kleine Bucht an die von Karaman befehligte Fischfangindustrie abtreten soll, eskaliert die Situation. Mehrheitsgesellschaft, fuck you!

Der Song, der jetzt ertönt, „Das Meer erhebt sich, die Wellen steigen, mächtig wie die Bora ist die rote Zora“, Bora = ohne Vorwarnung plötzlich tobender Fallwind, klingt nun wirklich nach Brecht-Weill. „Könnt ihr selber denken?“, fragen die Uskoken denn auch Brecht’isch ins Publikum. Denn der Schluss kommt anders als im Roman, wo die Kinder nach Fürsprache Gorians von verschiedenen Kleinstädtern, Bauer, Bäcker, Fischer, auf- und in die Lehre genommen werden. Bei Gerloff gründet sich die Bande flugs neu – als Jungunternehmerkollektiv. „Keine Chefs, keine Befehle, keine Aktionäre“, frohlocken sie am Ende über ihr Selbstbestimmmungsrecht. Da hatte ihnen noch keiner gesagt, dass der Kunde beziehungsweise Auftraggeber um nichts weniger ein König ist.

Christine Nöstlingers feuerrote Friederike verläuft sich warum-auch-immer auf der Suche nach der Katze Kater nach Senj. Was insofern schade ist, da der Abend die Zuschauer bis dahin wahrlich intellektuell nicht unterfordert hatte, die Regie nun aber offenbar denkt, der dreißig Jahre älteren, weniger bekannten, eine hierzulande höchst berühmte Schwester in Frisur und Geiste zur Seite stellen zu müssen. Egal, weil: Jubel und Applaus. Und wenn sie nicht gestorben sind, start-upen sie noch heute …

www.volkstheater.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=3_K8sm11n-s&t=6s

  1. 4. 2020

Volkstheater: Die Merowinger oder Die totale Familie

September 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Hirngespinste des Herrn D.

Peter Fasching als Childerich III. und Bernhard Dechant als sein hündisch ergebener Diener Wänzrödl. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Den 1962 erschienenen, höchst eigenwilligen Roman „Die Merowinger oder Die totale Familie“ von Heimito von Doderer auf die Bühne zu bringen, ist wahrhaft ein Wagnis. Am Volkstheater ist Anna Badora zum Start ihrer letzten Saison am Haus dieses eingegangen, hat den für Doderer vergleichsweise schmalen Band von etwas mehr als 360 Seiten selbst inszeniert, nachdem sie ihn Franzobel zur Bearbeitung überantwortet hatte.

Eine stimmige Entscheidung, diese beiden Schriftsteller und Brüder im Geiste zusammenzuspannen, hat doch auch Franzobel, wie er zuletzt mit dem Krimi „Rechtswalzer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32483) bewies, ein Gespür für beißende Satire, sarkastischen Wortwitz und wie Ohrfeigen schallenden Spaß – also, laut Doderers literarischem Motto „Die Wut des Zeitalters ist tief“, fürs insgesamt furchtbar Scheußliche.

Und so sind denn auch die stärksten Momente dieser Uraufführung, wenn Franzobels Sinn für die Farce hinterfotzig durch, wie er’s nennt, Doderers „gepuderte Sprache“ blitzt, mit Spitzzüngigkeiten über den Akutzustand Österreichs.

Oder mittels Mit-mach-Aufforderung von Julia Kreusch und Michael Abendroth als Undercover-Agenten der mysteriösen Londoner Firma Hulesch & Quenzel, mal Leonid Radins im Moskauer Taganka-Gefängnis gedichtetes Arbeiterlied „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ anzustimmen, mal den Marschtakt zu klatschen. „Im Gleichschritt, Marsch!“ ist gleichsam das Tempo dieses Abends, an dem sich Bewusstseins- und Spielebenen mehr und mehr ineinander schieben, bis es heißt: Wahn überall und Wirklichkeit nirgendwo, Intrigen schneller gesponnen werden als Stroh und politische Wendehälse vom eigenen Hin und Her an Kurz-Atmigkeit leiden.

Franzobel versteht es sozusagen in Fußnoten den Bogen von Doderers NSDAP-Verstrickung zum Ungeist, der schon wieder die Welt regiert, zu bauen, wenn er die Figuren über die „korrupte Selbstgefälligkeit aufgeblasener Aufsteiger“ oder über „Unfähige, denen die noch Unfähigeren vertrauen“ schwadronieren lässt. „Man muss etwas nur oft genug sagen, damit es alle glauben und es wahr wird“, sagt der Schriftsteller Döblinger, Doderers Alter Ego, ein provokant auf dem Grat größtmöglicher Garstigkeit tänzelnder Zyniker, den Sebastian Pass mit süffisantem Humor spielt, und dessen Heischen um den Literaturnobelpreis, Doderer hat ihn nie erhalten, zum Running Gag wird.

Dass sich Franzobel im Gewirr der Charaktere und im Labyrinth der Doderer’schen Handlungsstränge fraglos auch immer wieder verirrt hat, lässt sich nicht leugnen; die von ihm getextete Szenenabfolge könnte stringenter sein, getreu eines Liebenden verliert er sich in zu vielen Details, und schon hört man die in der Pause Abgegangenen sich übers „Kennt sich ja keiner aus …“ beklagen, als ob Vorbereitung auf einen Theaterabend verboten wäre. Schwerer als die babylonische Story-Verwirrung wiegt allerdings, dass man sich von einer „Merowinger“-Bühnenfassung am Volkstheater mehr Aberwitz, Absurdität, Abstrusität erwartet hat. In Doderers grobianischer Monstrositätenschau, in seinem Arsenal an Apperzeptionsverweigerern, wäre mehr Platz für burleske Fantasie, als Badoras Arbeit in Anspruch nimmt.

Sebastian Pass als Schriftsteller Döblinger mit seinen Wehrsportninjas. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank bedient sich als Psychiater Doktor Horn der Blaskapellen-Therapie. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Von der Bravheit abgesehen, gelingt es Badora freilich bravourös die drei Surrealitätsebenen des Stoffs zu sortieren. Vom Beginn weg ist klar, was am Schluss bestätigt wird: Das ganze Gaudium ist ein Hirngespinst Döblingers, von diesem in Echtzeit zu Papier gebracht, weshalb er auch mit einem finalen Machtwort die Protagonisten zu Marionetten degradieren kann, bevor er deren Entscheidungsschlacht Merowinger vs. Karolinger als Popcorn-kauender Beobachter beiwohnt, jedoch das Frankenschwert dem Sieger von seinen Gnaden überreicht.

Seinen Döblinger lässt der bekennende Choleriker Doderer eine Schlägertruppe gründen. In den von Duttenkragen/Heerpauke bis Plastikschottenröcken changierenden Kostümen von Beatrice von Bomhard sind sie Wehrsportninjas, die „physiognomisch Minderwertige“ prügeln (© Doderer) und sich zu einer „Verabschiedungskultur“ von Toleranz und Mitmenschlichkeit (© Franzobel) bekennen. Ihrem solcherart als Wutbürger decouvrierten Rädels-Führer stellt Doderer den Psychiater Doktor Horn als Nachbar zu Seite, der in seiner Anti-Wut-Ordination mit merkwürdigen Methoden wie der Nasenzange oder dem Wutmarsch Heil!-sam wirken will.

Thomas Frank gestaltet den Mediziner als Psychotherapie-Parodie, ein Berserker unter den Seelenstirlern, zwecks Volksdümmelei unterstützt von einer sehr schön die falschen Töne treffenden Blaskapelle – und wehe dem oder der, der oder die sich nicht zum Landler drehen. Da bis auf Peter Fasching als Childerich III. alle Darsteller in mehrere Rollen schlüpfen, ist Frank auch famos als dessen Sohn Schnippedilderich, dank Plateauschuhen gefühlt doppelt so hoch – und breit sowieso – wie Fasching, ein scheint’s einfältiger Haudrauf, der sich jedoch im entscheidenden Moment auf die rechte Seite schlägt. Dominiert werden „Die Merowinger“ beinah drei Stunden lang von Peter Fasching, der für den missgestalteten, kleinwüchsigen, teiggesichtigen König in Wahrheit viel zu attraktiv ist, wenn er das schulterlange Herrscherhaar mit Stolz und die Brust nackt trägt. Childerich herausragendes Merkmal ist seine in jeder Hinsicht Omni-Potenz.

Er, der von der Verwandtschaft nur Demütigung und Bösartigkeit erfuhr, macht sich durch eine bizarre Heiratspolitik zum eigenen Großvater, Vater, Onkel, Schwiegersohn und Schwiegervater, später durch Adoption noch zum Neffen und Schwager, eine Totalisierung des Systems (Familie), die eine großartig gespenstische Parade der zu Tode „gerittenen“ Bräute, Julia Kreusch, Lisa-Maria Sommerfeld, Renata Prokopiuk und Katrin Grumeth als letzte Gefährtin Ulrike von Bartenstein, mit einem „Der ist wie zufleiß!“ kommentieren. Um diesen „Allein-Verein“ entsprechend selbstverliebt und egomanisch einherspazieren zu lassen, haben die Bühnenbildner Paul Lerchbaumer und Michael Mayerhofer eine von einer Spiegelwand gesäumte Königstreppe aufgestellt, dahinter, wo sich Horn und Döblinger tummeln, mutet’s an, wie auf der Hinterbühne.

Thomas Frank als Berserker-Sohn Schnippedilderich und Peter Fasching als Childerich III. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Peter Fasching als Childerich III. mit Katrin Grumeth als Ulrike von Bartenbruch. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Childerich III. ist ein Wüterich und als solcher Patient von Doktor Horn, der an ihm eine aus Watschen bestehende Gewaltkur ausprobiert. Derart schließen sich die Kreise. Bernhard Dechant gibt als Childerichs hündisch ergebener Diener Wänzrödl auch punkto Kniescheibenbelastung alles, schließlich der wie stets intensiv-präzise Günter Franzmeier als Hausmeier Pippin von Landes-Landen, optisch ein blonder Geck mit roten Hosenbändern, doch hinter der Täuschung ein gefährlicher Intrigant. Der – siehe skurriles Ineinanderschieben von Spielebenen – sogar ein Bündnis mit Hulesch & Quenzel schließt.

Diese eine „Kirche der Gemeinheit“, eine metaphysische Instanz, die bei Menschen mit beispielweise Behördengängen Wutanfälle evozieren will, bei Franzobel ein meinungsmacherische Blendgranaten produzierender Weltkonzern, eine Fake News Agentur, verantwortlich für unvorhersehbare Wahlausgänge, Korruption und Staatsstreiche, deren erfolgreiche Auftragserfüllung lautet: „Mach‘ den Klimawandel zum Gerücht!“ In einer netten Idee matchen sich Faschings Childerich und Franzmeiers Pippin in einem Battle-Rap aus Doderers dramatischen Versen.

Sagt aber ersterer „Ich bin das Überschreiten aller Grenzen“, so lässt sich das für die Inszenierung nicht anmerken. Dass die Wut schnell faschistoide Züge annehmen kann, sei’s von Seiten der Politik, sei’s aus den Reihen des Volkes, hat Franzobel konsequent ums Heute erweitert. Doderers unverschämte, unheimliche Groteske haben Badora und er der Bühnenfassung aber durch Gedankenschwere und selbst auferlegten Moral-von-der-Geschicht‘-Anspruch weitgehend ausgetrieben. Wäre Döblingers Enttarnung als Drahtzieher ein pfiffiges Ende gewesen, drehen Franzobel und Badora weiter an der Schraube ihrer Populismus-Parabel. So lang, bis die letzte Luft aus „Grimm und Groll und Grant“, um noch einmal Doderer zu zitieren, draußen ist. Schade, eine nicht schlechte Aufführung hätte eine bessere sein können. Das Publikum applaudierte maßvoll freundlich.

Dennis Scheck über Doderers „Merowinger“: www.swr.de/eisenbahn-romantik/archiv/doderer-heimito-von-die-merowinger-oder-die-totale-familie/-/id=2250046/did=23398918/nid=2250046/1871cjx/index.html

www.volkstheater.at

  1. 9. 2019