TAG: Medea – Ich, ich, ich, ich!

Dezember 10, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Ausländerin einfach abschieben

Michaela Kaspar als vor Zorn rasende Andrea/Medea: Bild: Anna Stöcher

Da die Darsteller bei ihrem ersten Auftreten als attischer Chor Masken tragen, verweist dies bereits darauf, dass das Drama zur Groteske werden wird. Der Mythos der mord- lüsternen Medea als spöttische Auseinander- setzung mit den Bürgern der Polis – so originalgetreu überschrieben hat Gernot Plass Euripides, und dem Namen der Barbarenprinzes- sin vier Ichs angefügt. Kenn- zeichnung einer Ego-Gesell- schaft, in der jeder für sich und gegen alle anderen ist.

„Medea – Ich, ich, ich, ich!“, uraufgeführt am Wochenende im TAG, ist die komplett unterschiedliche, sich total gleichende Geschichte mit Ursprung Argonautensage, Andrea und Walter aka Medea und Jason als Yuppie-Paar, das die geschmackvoll-weiße Couch allerdings nicht zur Ehetherapie nutzt. Nein, zwischen Michaela Kaspar und Julian Loidl geht’s handfest zur Sache, ein Streit wegen des Gatten Seitensprung eskaliert, dieweil der Chor eben noch vor hochgespieltem Individualismus warnte, schlimmer ist es als die Frau befürchtet hat: Das Pantscherl basiert auf politischem Kalkül. Walter gesteht freimütig, ihm sei das höhere Töchterl Elisa lieber als die angetraute Lebensabschnittspartnerin.

Deren Vater Peter, früher König Kreon von Korinth, ist immerhin Bürgermeister, und Elisa/Kreusa beileibe nicht untätig, träufelt sie’s doch wie Gift in Daddys Ohr, er solle die Ausländerin per Dekret abschieben, die Fremde ein für alle Mal aus der Stadt entfernen lassen. Für Andreas Kinderchen hingegen hat Elisa durchaus Verwendung, wie schön, auf Mutti machen zu können, ohne die Unbill des Gebärens. Über so viel Chuzpe seiner Lendenfrucht steht sogar Jens Claßens Peter der Mund offen, er wird dennoch den Wunsch Elisas zu erfüllen trachten.

Walter/Jason will Lebensabschnittsgattin Andrea abschieben: Julian Loidl und Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

Bürgermeister Peter und Tochter Elisa aka Kreon und Kreusa: Jens Claßen und Lisa Schrammel. Bild: Anna Stöcher

Messerattentäterin Andrea tötet Ehekonkurrentin Elisa: Michaela Kaspar und Lisa Schrammel. Bild: Anna Stöcher

Der weinende Walter, die triumphierend blutverschmierte Andrea: Julia Loidl mit Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

Lisa Schrammel schlüpft in diese Rolle, der Charakter der Kreusa von Gernot Plass, wiewohl er die griechische Tragödie insgesamt auf ihre immer noch Gültigkeit abklopft und für gut befindet, der am meisten ins Heute gehievte, denn Elisa ist ein manipulatives, machthaberisches Upper-Class-Miststück fernab jeder Jungmädchen- haftigkeit, geschweige denn Mitmenschlichkeit. Es macht einen frösteln, wie Plass die Figuren zwischen TAG-typischem Geplänkel und aggressivster Kontroverse wechseln lässt. Seine „Medea“ ist ein entsetzliches Vergnügen, der irrwitzige Plot um Beziehungskisten angereichert um den Wahnsinn der Themen Rassismus und Xenophobie – ein Fazit zum Umgang der selbsternannten Ersten mit der sogenannten Dritten Welt.

Selbstverständlich wird auch diesmal das Schlachtfeld der sexuellen Untreue mit Blut begossen, im ewig währenden Kampf der Geschlechter schont die Inszenierung niemanden. Vor allem Kaspar und Schrammel gehen mit brutaler Gewalt in den Infight, die europäische Bildungsbürgerin und die zu entsorgende Ehefrau aus einer, wieder und wieder wird’s gesagt, rückständigeren „Kultur“. Kaspar kann grandios toben, im Wortsinn archaisch – und wie!, Schrammel so groß- wie unartig skrupellos sein, letztlich aber, eine so schlimme, wie die andere, überlappen die beiden Plass-Charaktere. Schauderhaft die Szene, in der Elisa endlich die Beherrschung verliert und kaltschnäuzig zugibt, sie hätte sich die Bastardsöhne zwecks „für uns die Drecksarbeit erledigen“ ins Haus geholt, grauenvoll die Reaktion Andreas, die zur Vermeidung der Ausweisung erst Peter anbaggert, bis –

Der Chor der attischen Tragödie: Julian Loidl, Jens Claßen, Lisa Schrammel und Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

sie beginnt, die Leichen zu Bergen zu stapeln. Auf diese Bestialität hat sich die Aufführung hundert atemlose Minuten lang zugespitzt, der Abend ist von der ersten bis zur letzten von fiebrig vibrierender Spannung, alle beständig am Rande des Nervenzusammenbruchs, weil der Existenzbedrohung, auch Claßens gern mal laut werdender Lokalpolitiker, auch Loidls begriffsstutziger, Schwanz einziehender Anti-Held, der ja zumindest seit Grillparzer zum rückgratlosen Schwächling deklariert ist. Derart changiert „Medea – Ich, ich, ich, ich!“ im TAG von literarischen Bezügen zu deren Brüchen.

Die Sprache des Plass’schen Textes ist stark, seine Umsetzung auf der Bühne intensiv, zwischen Gut und Böse sind die Figuren hier jenseits von … und das Publikum mal bitter lachend, mal betreten Innenschau haltend. Medea/Andrea schießt sich ins Aus durch einen martialischen Spruch, den sie in ihrer Wut ausstößt. Bekannt kommt einem dieser Satz vor. „Was? ‚Ich bring sie um?‘ Mein Gott! Das wird man doch noch sagen dürfen!!!“

 

dastag.at

  1. 12. 2019

Werk X-Petersplatz: Hauptsache Gemeindebau

November 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Als Lebensziel a scheene Leich

Ehefrau Gitti trauert vor versammelter Familie um ihren Edu: Sophie Prusa, Josephine Bloéb, Lilli Prohaska, Lisa Weidenmüller und Jan Hutter. Bild: © Alexander Gotter

„Er hat an Abgang gmacht / er hat die Patschn gstreckt / er hat a Bankl grissn / er hat se niedaglegt / er hat se d‘ Erdäpfel von unt angschaut / er hat se sozusagn ins Holzpyjama ghaut …“ So singt die Trauergemeinde anfangs, und es ist erstaunlich, selbst für eine echte Wienerin, wie viele Synonyme fürs Sterben es gibt. Insgesamt siebzehn hat Roland Neuwirth in seinem „Echten Wienerlied“ aufgelistet, und sicher fände sich noch mehr Sinnver- wandtes für Zusatzstrophen.

Verwandt sind auch die fünf, die sich nach dem Tod von Vater Edu in dessen Wohnung versammeln, Ehefrau Gitti, die drei Töchter, der Schwiegersohn. „Hauptsache Gemeindebau. Das Leben, der Tod, die Familie“ heißt die Produktion der handikapped unicorns, die in Kooperation mit dem Werk X-Petersplatz ebendort uraufgeführt wird. Der Titel ist Programm, als Lebensziel a scheene Leich, bis die nostalgisch-schwelgerische Scheinheiligkeit der Sippschaft in die altbekannten Schuldzuweisungen und Vorhaltungen kippt, mit einem Wort das ganze Kreuz, das man miteinander hat, von Neuem schmerzt. Ein Elend, das – wie könnt‘ es auch anders sein? – in erster Linie die Mutter zu tragen hat.

Andreas Stockinger hat diese Leichenschmaus-Satire inszeniert, im Tisch/Sarg verstaut sind der Schnaps und die als Kalte Platte dargereichten Kekse, und Lilli Prohaska spielt mit Verve und bösem Mundwerk und staubtrockenem Humor die Gitti. Kettenraucherin mit Raucherbein, und weil so oft darauf hingewiesen wird, dass der nikotinabstinente Papa nämlich nicht an Lungenkrebs gestorben ist, ist bald klar, da ist was oberfaul im Ottakringer Gemeindebau. Die Positionen sind geprobt. Eine Tochter hat zwar studiert, sich dann aber ausgerechnet mit einem „Piefke“ getraut, eine ist aufs Land gezogen und bis dato kinderlos geblieben, die jüngste ist alleinstehend, dafür hochschwanger, daher nach wie vor Logiergast im Hotel Mama.

Lisa Weidenmüller, Lilli Prohaska und Jan Hutter. Bild: © Alexander Gotter

Franz Haselsteiner und David Mandlburger. Bild: © Alexander Gotter

Lisa Weidenmüller, Jan Hutter und Lilli Prohaska. Bild: © Alexander Gotter

Genug Konfliktstoff also für einen Abend, man kommt von einem ins andere, Erinnerungen an die „Mamsch“ genannte alte Hausbesorgerin, das unverhoffte Finden dreier Plastiksparschweine, in denen sich noch Schillinge befinden, das Niachtln der ungelüfteten Zimmer. Auf einen Lobgesang auf die 48er folgt das Klagelied über die Kameltreibernachbarn, folgen „Ana hat immer des Bummerl“ und „Drei aus Ottakring“. Franz Haselsteiner am Akkordeon und David Mandlburger mit der Gitarre begleiten die Ballade auf den 16. Hieb. Lisa Weidenmüller, Sophie Prusa und Josephine Bloéb gestalten das Schwesterntrio, Jan Hutter macht den einen Angeheirateten, der andere glänzt, da der Herrenwitze über seine Mannesschwäche überdrüssig, durch Abwesenheit.

Stockinger und Ensemble haben ihre pointierten Sager dem Gemeindebau sozusagen vom Mund abgeschaut, dessen Jargon aber in eine am Horváth’schen orientierte Kunstsprache übertragen. Viel von dem, was gemeinhin als Wiener Mentalität tituliert wird, fließt durch diese soziotopkritische Stückentwicklung. Großartig ist das, wenn die Prohaska Einsamkeit als Einstellung, nicht als Empfindung ausweist, oder – niedergedrückt von der Bürde ihres selbstverständlich der Selbstaufgabe gewidmeten Daseins – feststellt: „Du kannst vor dir selber nicht davonlaufen, im Alter holst dich wieder ein.“ – „Aus Leberwurst kann man sowieso kein Marzipan machen“, lautet ihr Leitsatz zur Unausweichlichkeit des Schicksals.

Vergessenes Spielzeug wird wiederentdeckt: Hutter, Prusa, Bloéb und Weidenmüller. Bild: © Alexander Gotter

Handfester Streit unter Schwestern: Hutter, Prusa, Bloéb und Weidenmüller. Bild: © Alexander Gotter

Alldieweil derart die Lebensweisheiten nur so über die spitzen Lippen flutschen, fällt es den Töchtern gar nicht schwer in ihre Kindheitsmuster zurückzufallen. Wer hat als Papakind von diesem Geld gekriegt und wer haut sich noch posthum mit dem Papa auf ein Packl? Weidenmüller und Hutter treten wie aus Protest mit ihrer mitgebrachten Rohkost gegen das Ein-Euro-Backwerk an. Dunkle Flecken in der Familienvergangenheit enttarnen sich als nie verheilte blaue auf den Seelen, mit der Menge an Alkohol steigt der Mut zur Eskalation, und aus dem Zusammenhalten wird der dringende Wunsch, das Gegenüber mög’s endlich zsammhalten. Der Clou gehört natürlich der Gitti, die zum Schluss verkündet, welche Geheimnisse sie aus Edus Schreibtisch zu Tage befördert hat – Stichwort: Testament.

Mit ironischem Augenzwinkern legt „Hauptsache Gemeindebau“ die Anatomie dieser Wiener Institution und der in ihr wohnenden Menschen bloß. Die Aufführung ist eine amüsante Abhandlung übers Granteln und Sudern, Raunzen und Räsonieren. Und sollte wer Analogien zum eigenen Anhang entdecken, unbedingt daran denken, wie dereinst schon der Heller und der Qualtinger sangen: „Bei mir sads alle im … daham.“

werk-x.at           www.facebook.com/handikappedunicorns

  1. 11. 2019

Systemsprenger

September 26, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Lauter Schrei nach Liebe

Pflegefamilien, Wohngruppen, Sonderschule – Benni fliegt wegen ihrer aggressiven, unberechenbaren Art überall raus: Helena Zengel. Bild: © Yunus Roy Imer

Wenn dieses Mädchen pink sieht, hat das nichts mit einer Barbie-Puppen-Welt zu tun. Grelles Rosa durchströmt Bennis Kopf, wenn sie einen ihrer Ausraster hat. Dann tobt die zierliche Neunjährige, schlägt – sogar nach Erwachsenen -, attackiert Gleichaltrige bis deren Blut fließt, schmeißt mit Tretautos, bis selbst Sicherheitsglas birst. Die Bobbycars, die in einer der ersten Szenen durch die Luft fliegen, sind als Synonyme für eine

glückliche Kindheit und eine frühe Zugehörigkeit zur Konsumgesellschaft gleichsam Bennis Feindbild. Derlei ist ihr nämlich verwehrt. Pflegefamilien, Wohngruppen, Sonderschule: Alles hat sie schon hinter sich, und überall fliegt sie wegen ihrer aggressiven, unberechenbaren Art wieder raus. Benni ist das, was man beim Jugendamt einen „Systemsprenger“ nennt.

Am 27. September kommt Nora Fingscheidts Film in die Kinos. Die Regisseurin und Drehbuchautorin hat für dies Debüt, das auf der Berlinale einen Silbernen Bären gewann und als deutscher Bewerber für den Auslands-Oscar eingereicht wurde, intensiv recherchiert. „Systemsprenger“, erklärt sie, „sind Kinder mit unglaublicher Kraft und Ausdauer. Aber sie sind tragische Figuren, weil sie so früh schon Schlimmes erleben müssen, im schlimmsten Fall gewalttätige Jugendliche werden, und als nunmehr ,Täter‘ ihre Chancen für die Zukunft aufs Spiel setzen.“ Auch bei Benni ist nur der Rucksack mit ihren paar Habseligkeiten leichtes Gepäck, der emotionale Ballast samt Trauma aus der Babyzeit wiegt schwer. Und wenn ihr die Wut der Verzweiflung gar unkontrollierbar hochkommt, landet die Außenseiterin in der Kinderpsychiatrie, von Medikamenten „ruhiggestellt“ und im Bett fixiert.

Wie also mit „Problemkindern“ wie Benni umgehen?, ist die Frage, die Fingscheidt stellt. Ganz klar ist Bennis Verhalten ein lauter Schrei nach Liebe. Nichts möchte sie mehr, als zurück zu ihrer Mutter. Doch die hat keinen Job, noch zwei kleinere Kinder und einen cholerischen Partner. Einmal sagt diese von Lisa Hagmeister fulminant dargestellte labile Frau, dass sie sich vor ihrer Ältesten fürchtet. Allein ihr Girlie-Look bei gleichzeitig gehetztem Aussehen lassen diese Bianca Klaaß auf nur einen Blick als „dysfunktional“ erscheinen. Immer wieder macht sie Rückzieher, was Bennis Nachhausekommen betrifft. Das System indes versucht den schwierigen Fall wegzuorganisieren – nach Kenia, zu einem „Intensivprojekt“ …

Bianca Klaas ist völlig überfordert mit ihrer Tochter: Lisa Hagmeister und Helena Zengel. Bild: © Yunus Roy Imer

Frau Bafané vom Jugendamt versucht das Menschenunmögliche: Gabriela Maria Schmeide und Helena Zengel. Bild: © Yunus Roy Imer

Dass „Systemsprenger“ trotz dieser inhaltlichen Voraussetzungen nicht zum Sozialdrama wird, liegt an einer seltsamen Poesie, die Fingscheidt als Folie über ihren Film legt. Der bis dato Dokumentarfilmerin geht es nicht um Analyse, sondern darum, für Bennis extreme Gefühlswelt beim Zuschauer Mitgefühl zu erzeugen. Den größten Anteil am Gelingen dieser Unternehmung hat Helena Zengel, mit elf Jahren schon ein Profi vor der Kamera, und eben erst für eine Hauptrolle in Paul Greengrass‘ Western „News Of The World“ engagiert, die sie an der Seite von Tom Hanks absolvieren wird.

Wie diese junge Schauspielerin mit einer jede Minute neu explodierenden Energie die Benni verkörpert, ist einfach phänomenal. Zengel changiert zwischen Frechheit und Fragilität, zwischen Tragi- und -komik, wenn sie das gibt, was man auf Wienerisch ein Rotzmensch nennt. Zum Herzbrechen traurig ist ihr ausdrucksloses Gesicht, wenn sie unter Drogen gesetzt auf Station liegt. Beängstigend wirkt ihr zuckender Körper, wenn sie ein anderes Kind krankenhausreif prügelt.

Dazu Bennis Gebrüll: „Ich hasse euch!“, „Fick dich!“ oder „Arschloch“. Es ist, als würde man in ein chirurgisch freigelegtes Nervensystem schauen, während Bennis Synapsen den immer gleichen Ablauf signalisieren: Versuch einer Kooperation, Verkettung von Konfliktsituationen, katastrophaler Ausbruch. Kein Wunder, dass sich auch Kameramann Yunus Roy Imer von dieser Performance mitreißen ließ. In oftmals hektischen Bildern überträgt er das Feuer der elfenhaft blonden Berserkerin auf die Leinwand. Auf eine Reihe schneller Sequenzen folgen – je nach Bennis Stimmung – Sekunden der Ruhe, bis Imer seine Arbeit in farbgedimmten Erinnerungs- oder Fantasiefetzen auflöst, dazu auf der Tonspur hämmernder Punk. In diesem sensuellen Akt, den Betrachter auf Augenhöhe mit der gequälten, also quälenden Benni zu bringen, liegt die Stärke von „Systemsprenger“.

Micha, eigentlich Anti-GewaltTrainer für straffällige Jugendliche, setzt auf eine ungewöhnliche Therapie: Albrecht Schuch und Helena Zengel. Bild: © Yunus Roy Imer

Rund um Benni zeigt Fingscheidt die engagierten Selbstaufopferer im Sozialbereich. Die großartige Gabriela Maria Schmeide als warmherzige Frau Bafané vom Jugendamt sucht mit viel persönlichem Einsatz und übers Menschenmögliche hinaus nach einer dauerhaften Bleibe für Benni, droht aber mit jeder zugeworfenen Tür mehr zu resignieren. Schließlich jedoch wagt die Windmühlenkämpferin, an der

ersichtlich wird, dass Benni auch bei ihren Umarmungen überreagiert, ein letztes Experiment und engagiert Micha, eigentlich ein Anti-Gewalt-Trainer für straffällig gewordene Jugendliche, den Albrecht Schuch zumindest anfangs mit stoischer Gelassenheit ausstattet. Auf seinen Vorschlag hin, fährt er mit Benni für einige Wochen in seine Waldhütte, wo sie – ohne Strom, heißt: ohne Fernsehen und Computerspiele -, in der Stille ein wenig Frieden finden soll. Der Nachbarsbauer hat dazu eine deutliche Meinung: „Statt die Kinder zu erziehen, machen Sie mit ihnen Halligalli, und ich zahl‘ auch noch mit meinen Steuergeldern dafür.“

Nach anfänglichem Widerstand lässt Benni sich auf Micha ein, doch der sonst so toughe Typ kommt in der Begegnung mit dem Mädchen an seine Grenzen. Wie sich da in Albrecht Schuchs Antlitz die Erschütterung ob dieses Kinderschicksals widerspiegelt, ist anrührend. Alsbald ist ihm klar, dass er seine professionelle Distanz verliert, aber nichtsdestotrotz lässt er Benni in seinem Haus übernachten, für die zutiefst verstörte Herumgestoßene ein Vater-Mutter-Kind-Paralleluniversum, in dem sie in aller Früh – Atemstockmoment – Michas Baby aus dem Gitterbett nimmt …

„Systemsprenger“ ist ein einfühlsamer Film, der sich mit einer sorgfältig erzählten Geschichte und eindrucksvoller eigener Handschrift eines wichtigen Themas annimmt. Wobei Fingscheidt der zunehmenden Vereisung zwischenmenschlicher und gesellschaftlicher Beziehungen, die der internationale Autorenfilm so gern darlegt, die Überhitzung ihrer jugendlichen Protagonistin entgegenhält. Fingscheidt veranschaulicht, dass ein Kind, das nie Sicherheit erfahren hat, nicht von Erziehungsprofis aufgefangen werden kann, die ihm ständig Trennungen zumuten. In der schmerzlichsten Szene des Ganzen will Benni, mit Micha auf einen Berg gewandert, ein Echo erzeugen und ruft „Mama! Mama! Mama!“ gegen die gegenüberliegende Felswand. Doch nichts kommt zurück. Da fährt Fingscheidt volles Risiko: Happy End ist was für Weicheier, und Nina Simone singt „Ain’t got no home …“

 

www.systemsprenger-film.de

  1. 9. 2019

Raimundspiele Gutenstein: Brüderlein fein

Juli 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch als Choleriker mit sensibler Seele

Im Kampf mit seinen Dämonen: Johannes Krisch als Ferdinand Raimund. Bild: © Joachim Kern

Ferdinand Ochsenheimer, Schiller-Star, Bühnenbösewicht, gefeiert am k. k. Hoftheater zu Wien, war also das große Vorbild. Lernt das Publikum unter Lachen, wenn Johannes Krisch ochsenheimerisch grimassiert, outriert, den Körper einmal um die eigene Achse schraubt – doch sein Ferdinand Raimund trotzdem nicht ans Burgtheater engagiert wird. Einige Szenen später, da ist Raimund schon die Wiener Volkstheater-Berühmtheit, den zu sehen

die Leute um die Häuserblocks Schlange stehen, wird er seinen Schauspielern jedes Extemporieren, jedes übertriebene Agieren verbieten. Der Dramatiker war nicht nur der beste Darsteller seiner Werke, sondern auch ein moderner Regisseur, der Disziplin und Texttreue einforderte. Dies nur eines der Dinge, die man in Felix Mitterers Raimund-Bioplay „Brüderlein fein“ über den Zauberpossen-Dichter erfährt, dessen Uraufführung Donnerstagabend bei den Raimundspielen Gutenstein mit Standing Ovations für Autor, Inszenierung und Ensemble endete. Intendantin Andrea Eckert hatte Mitterer als ausgewiesenen Experten fürs Historisch-Biografische mit dem Stück beauftragt, das nun chronologisch entlang Raimunds Leben und Schaffen verläuft, unterfüttert von Stück-im-Stück-Sequenzen und auch allerhand Zauberhaftem.

Auf den durch den Zuschauerraum wandernden Zuckerbäckerlehrling, der im Burgtheater in den Pausen Brezeln verkauft, und dort sein theatrales Erweckungserlebnis hat, folgen derart Fee Rosalinde und Nymphe Lidi – Figuren aus „Der Barometermacher auf der Zauberinsel“ -, die das Jungtalent mit allen Begabungen segnen, die es sich ersehnt. Mitterer erzählt im Zeitraffer von den wichtigsten Momenten, der Lebensliebe zur Kaffeehausbesitzerstochter Toni Wagner, der Ehe mit Schauspielkollegin Luise Gleich, die ihm ein Kind des Fürsten Kaunitz unterschob, zeigt Probenarbeit und Aufführungen und das Durchfallen von „Moisasurs Zauberfluch“ im Theater an der Wien. Der Name Nestroys irrlichtert durchs Geschehen, der große Rivale, der es hellhörig verstand, auf den Zug der Zeit aufzuspringen, schließlich das Hobellied statt des Pistolenschusses. Mitterer, seines Zeichens selbst Volksstückeschreiber, fährt seinen bewährten Mix aus Gelehrigkeit und Geschichtswissen auf, sein Drama wie immer durchsetzt von heiteren Episoden, und wenn der Tiroler über den Wiener sagt, er wäre ihm ein Bruder geworden, so glaubt man das aufs Wort.

Genialischer Dritter im Bunde ist Johannes Krisch, der Burgtheaterschauspieler auf Landpartie, der Ferdinand Raimund als den „leidenden Humoristen“ darstellt, als den ihn Zeitgenosse Carl Ludwig Costenoble einmal bezeichnete, Costenoble, der 1832 über Raimund in seinem Tagebuch vermerkte: „Der wird noch toll oder bringt sich um.“ Krisch, mit Hund Ariel als wuschelige Handpuppe, gibt den Komödianten, der so gern Tragöde sein wollte, in all seinen Extremen. Egal, ob ihm gerade rührselig ums Herz oder der Sinn nach kindlichem Überschwang ist oder „da Gache“, heißt: der Jähzorn, mit ihm durchgeht, gelingt Krisch das Psychogramm eines manischen Fieberkopfs, eines Cholerikers mit sensibler Seele, dessen Abstürze in die Depression, ins Hypochondrische für alle Beteiligten verheerend sind.

Liebeswerben bei Toni Wagner: Anna Rieser und Johannes Krisch mit „Hund“ Ariel. Bild: © Joachim Kern

Mutter Wagner ist darob nicht erfreut und erteilt „Trottoirverbot“: Eduard Wildner. Bild: © Joachim Kern

Therese Krones als „die Jugend“: Lisa Schrammel und Johannes Krisch. Bild: © Joachim Kern

Landpartie mit dem Freund Johann Landner: Johannes Krisch und Gerhard Kasal. Bild: © Joachim Kern

Nach der Pause zunehmend von Raimunds Dämonen getrieben, läuft Krisch zur Hochform auf, und eine schöne Idee ist, dass ihm Ariel im Zwischenmenschlichen als warnendes Gewissen zur Seite steht. Am Ende wird dieser Raimund, überzeugt, sich mit Tollwut infiziert zu haben, von Fabelwesen mit Hundsköpfen umzingelt werden … Regisseurin Nicole Claudia Weber und Ausstatterin Vanessa Achilles-Broutin stellen all das mit wenigen Mitteln auf die Bühne, Versatzstücke, ein Fenster, ein Alkovenbett, eine Gefängniszelle, werden rasant rein- und rausgeschoben, die Kostüme sind mit Reif- und Gehrock angedacht biedermeierlich. Tommy Hojsa begleitet die Handlung auf dem Akkordeon.

Aufgerieben wird Krischs Raimund zwischen den beiden Polen Luise Gleich und Antonie Wagner. Larissa Fuchs spielt erstere durchtrieben und berechnend, sie umgarnt den Dichter mit ihrem sinistren Plan der Eheschließung und ist gleichzeitig ebenfalls Opfer, des Fürsten Kaunitz, aus dessen Fängen es kein Entrinnen gibt. Krisch hat mit Fuchs starke Szenen. Wenn ein ganzes – imaginäres – Publikum ihm unter Buh-Rufen „G’heirat‘ wird!“ befiehlt, wenn er die untreue Gattin später während einer Vorstellung quer durch den Theatersaal jagt und würgt, da verbinden sich Verzweiflung und Furor und Volksstückewitz aufs Feinste. Fuchs hat zum Schluss noch einen feinnervigen Auftritt, als heruntergekommene Akteurin, die den Ex vergebens um ein Engagement anfleht.

Anna Rieser ist eine anrührende Toni Wagner, verständnisvoll, verzeihend, zu Raimunds Leidwesen kein Naturkind, sondern insektophobisch, was Rieser mit großem Vergnügen ausspielt, auch Raimunds Stimme der Vernunft, die ihn mahnt, künstlerisch bei dem zu bleiben, was er am besten kann und was sein Publikum schätzt – eine Einmischung in seine Belange, die sich der Egomane von der „Sitzkassiererin“, wie er sie schimpft, verbietet. Dennoch werden die beiden einander vor der Mariensäule in Neustift am Walde statt des dem Geschiedenen verbotenen Eheversprechens einen „ewigen Bund der Liebe und Treue“ schwören. Lisa Schrammel bleibt als Therese Krones, diese immerhin die gefeiertste Schauspielerin ihrer Zeit, deren exaltierter Lebensstil ihr einen frühen Tod bescherte, zu sehr im Hintergrund, singt aber als „Jugend“, Krones‘ berühmte Hosenrolle in „Der Bauer als Millionär“, im Duett mit Krisch glockenklar das „Brüderlein fein“.

Sein Jähzorn bringt Ferdinand Raimund ins Gefängnis: Johannes Krisch, Tommy Hojsa, Eduard Wildner als Fürst Kaunitz, Reinhold G. Moritz als Josef Gleich, Larissa Fuchs als Luise Gleich. Bild: © Joachim Kern

Neun Rollen teilen sich drei Schauspieler: Gerhard Kasal ist unter anderem als Soproner Theaterdirektor Christoph Kunz und als Johann Landner zu sehen, Raimunds Freund und lebenslange Stütze. Reinhold G. Moritz spielt den schlitzohrigen Theatermacher und Schwiegervater Josef Gleich, den sterbenden, seinen Sohn verfluchenden Vater Raimund und brillant den für seine Spontaneinfälle berüchtigten „Agent aller heiteren Charaktere“, wie ihn Adolf Bäuerle einmal nannte, Friedrich Korntheuer.

Eduard Wildner erscheint zum Gaudium des Publikums als übellaunige Mutter Wagner und erteilt Raimund „Hausverbot, Fensterverbot, Trottoirverbot“; Wildner gibt gefährlich jovial auch den Fürsten Kaunitz, wegen dessen sexueller Lust auf Kinder ihm Luise Gleich vom Vater „als Gespielin verkauft worden“ war. Ein Schicksal, das, so stellte sich heraus, als die „Affäre Kaunitz“ aufflog, 200 andere minderjährige Mädchen mit ihr geteilt haben.

Zum Ende eben „Der Verschwender“, Hobellied, und Mitterers Hommage an den Uraufführungs- und Raimunds Sehnsuchtsort, wenn er den Todgeweihten sagen lässt: „Begrabt‘s mich in Gutenstein, ja nicht in Wien“. Das ist freilich allemal einen Extra-Applaus wert. Mit „Brüderlein fein“ ist Felix Mitterer eine kitsch- und klischeefreie Vita-Verdichtung Ferdinand Raimunds gelungen, die zwischen plastischen Szenen und poetischen Passagen changiert, und Hauptdarsteller Johannes Krisch alle Register seines großen schauspielerischen Könnens ziehen lässt. Neben Mitterer galt ihm vor allem, der sich in gekonntem Alt-Wiener Dialekt in einen rappelkopfschen Wahn hineinwütet, der Jubel. Den die beiden Arm in Arm genossen.

Andrea Eckert und Felix Mitterer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=33961

www.raimundspiele.at

  1. 7. 2019

Raimundspiele Gutenstein: Intendantin Andrea Eckert und Autor Felix Mitterer im Gespräch

Juli 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch spielt Ferdinand Raimund in der Mitterer-Uraufführung „Brüderlein fein“

Andrea Eckert. Bild: © Janine Guldener

Kein Stück von, sondern eines über Ferdinand Raimund zeigen die Raimundspiele Gutenstein dieses Jahr. Intendantin Andrea Eckert hat keinen Geringeren als Autor Felix Mitterer um dies Stück gebeten, das das tragische Leben des großen Dramatikers und Schauspielers zum Inhalt hat. Uraufführung von „Brüderlein fein“ ist nun am 11. Juli – und das Publikum kann versichert sein, unbekannte Seiten Raimunds kennenzulernen. Den Dichter spielt der auch unter der Direktion Martin Kušej dem Burgtheater erhalten bleibende Johannes Krisch. Andrea Eckert und Felix Mitterer im Gespräch:

MM: Wie kam es zu Ihrer Überlegung, in Gutenstein dieses Jahr kein Stück von Ferdinand Raimund zu spielen, sondern eines über ihn zu initiieren?

Andrea Eckert: Der Gedanke kam mir sehr bald, nachdem ich bei den Raimundspielen als Intendantin begonnen hatte. Ich finde es wunderbar, dass es diese eindeutige Widmung der Spiele, sich ausschließlich mit Raimund-Werken zu befassen gibt, daran halte ich auch hundertprozentig fest, aber die Anzahl der Stücke ist begrenzt. Nicht nur deshalb dachte

ich mir, es wird Zeit, einmal über ihn zu erzählen, sondern auch, weil ich das Leben von Ferdinand Raimund zutiefst bewegend, bestürzend und ergreifend finde. Die wenigsten Leute wissen Genaueres darüber – kennen nur seinen spektakulären Selbstmord. Wenn ich von Raimund als Schauspielstar spreche, der die Wiener Theater füllte und für den Zuschauer um die Häuserblocks Schlange gestanden sind, um ihn auf der Bühne zu sehen, ein Mensch, der so leidenschaftlich und gleichzeitig so trostlos war, bekam ich nur ein „Ah so?“ zurück.

MM: Und so begann die Suche nach einem Dramatiker?

Eckert: Ich habe intensiv nachgedacht, wer das sein könnte, und da ich Felix Mitterer vom Dorothea-Neff-Stück „Du bleibst bei mir“ am Volkstheater kannte, da ich auch viele seiner anderen Stücke, zum Beispiel seinen „Jägerstätter“ und „Der Boxer“ an der Josefstadt gesehen hatte, war ich entschieden: Ich frag‘ ihn! Er war damals quasi mein Nachbar, weil wir im Weinviertel ein Haus haben. Er war anfangs zurückhaltend und hat liebenswürdiger Weise andere Kollegen vorgeschlagen, die’s schreiben sollen, ich habe allerdings nicht nachgelassen, bis er endlich Ja sagte. Er hat in erstaunlich kurzer Zeit eine Rohfassung geschrieben, und ich war von Anfang an begeistert, weil ich gemerkt habe, was er mir später auch bestätigt hat, dass er eine tiefe Beziehung, fast eine Seelenverwandtschaft, zu Raimund gefunden hat. Man merkt dem Stück an, dass hier eine Begegnung zwischen zwei Dichtern stattfindet, und ich bin glücklich, aber auch sehr aufgeregt, denn natürlich ist diese Uraufführung ein Experiment, ein, wie ich finde, für die Raimundspiele Wesentliches.

Felix Mitterer: Ja, nach der Dorothea Neff ist der Kontakt zwischen Andrea Eckert und mir aufrecht geblieben, wir haben uns in Niederösterreich auch öfters gesehen. Als sie mich wegen des Stücks gefragt hat, kannte ich von Ferdinand Raimund nur die Zauberpossen, die halt so gespielt werden, aber dann habe ich mich mit seiner Biografie beschäftigt und hab‘ ihn liebgewonnen, und dachte mir, das Leben dieses Mannes muss unbedingt auf die Bühne – und so habe ich zugesagt.

MM: Wie haben denn die Gutensteiner auf dieses Ansinnen reagiert?

Mitterer: Gut, glaub‘ ich. Ich bin ja immer wieder draußen und schaue mir Inszenierungen an, ich habe auch alles besichtigt, was mit Raimund zu tun hat, bis zum Grab auf dem Bergfriedhof. Na, und jetzt bin ich selber da gelandet, in einem Sommerfrischegebiet, so schön und lieblich, wie ich es nicht mehr für möglich gehalten hätte, sag‘ ich als einer, der aus den schroffen Tiroler Alpenhöhen kommt.

Eckert: Der Bürgermeister von Gutenstein, Michael Kreuzer, ist auch der kaufmännische Direktor der Raimundspiele. Ich habe meinen Plan mit ihm besprochen, er denkt natürlich kaufmännisch und erwartet sich einiges. Und es ist ja auch etwas Spektakuläres, es ist eine Welturaufführung, sie wird vom ORF aufgezeichnet. Darüber bin ich auch sehr glücklich, denn das ist für die Raimundspiele schon etwas Besonderes. Und wie der Kartenvorverkauf zeigt, folgt uns unser Publikum auf diesem Weg, etwas Neues zu sehen.

MM: Felix Mitterer hat seinem Werk den Titel „Brüderlein fein“ …

Mitterer: „Brüderlein fein“, obwohl er’s gar nicht fein mit sich selbst hatte.

MM: … nach dem berühmten Lied aus „Der Bauer als Millionär“ gegeben, in dem „die Jugend“ auftritt und „das hohe Alter“. Handelt das Mitterer-Stück auch „von der Wiege bis zur Bahre“?

Eckert: Nicht von der Wiege an, aber von seinen Anfängen, er kam ja aus sehr armen Verhältnissen, die Eltern sind früh gestorben, und so hat er als Bub Brezeln im Burgtheater verkauft, so hat er seine Leidenschaft fürs Theater gefasst. Das ist keine Anekdote, sondern das war so. Mit einem Brezelverkauf im Publikum beginnt auch unser Stück, dann geht’s weiter mit der Liebe und den Leidenschaften, mit den Erfolgen und Misserfolgen – chronologisch bis zum Ende.

Mitterer: Ich behandle die wichtigsten Ereignisse seines Lebens. Das beginnt mit dem Anbieten von Desserts und Limonaden aus der Manufaktur des Hofzuckerbäckermeisters Jung auf der Freyung, wobei er am Burgtheater sein Erweckungserlebnis hatte, geht weiter wie Raimund von der Fee Rosalinde aus „Der Barometermacher auf der Zauberinsel“ seine literarische Begabung erhält, bis zu den bekannten Erfolgen. Die große Tragödie des Ferdinand Raimund war ja, dass er immer der große Tragöde sein und am Burgtheater aufgeführt werden wollte. Er war kein glücklicher Mensch, ein Hypochonder, der sich selbst aber als solchen erkannt hat, und je erfolgreicher, je depressiver. Mein Stück ist aber keine Tragödie, sondern eine Tragikomödie, und ich hoffe so, wie der Raimund es heute auch geschrieben hätte. In trockener Verzweiflung und als Liebeserklärung an die Schauspielerinnen und Schauspieler.

Johannes Krisch. Bild: © Joachim Kern

Felix Mitterer. Bild: © Joachim Kern

MM: Herr Mitterer hat als Regieanweisung vorgegeben, „man möge sich an der damaligen Ausstattungspraxis orientieren“. Wie tun sich Regisseurin Nicole Claudia Weber und Ausstatterin Vanessa Achilles-Broutin damit?

Eckert: Die Mittel, die es zu Raimunds Zeiten gegeben hat, bringen Gutenstein jedes Jahr in die Bredouille. Wir sind finanziell kein reiches Festival, wir haben nicht einmal eine Drehbühne, geschweige denn eine Versenkung, wir können Raimund auch keine feuerspeienden Vulkane auf die Bühne stellen, wie er es in seinen Regieanweisungen schreibt. Wir arbeiten also mit dem, was uns zur Verfügung steht, und zu meinem großen Glück machen wir das mit einem künstlerischen Team, das sehr viel Fantasie hat.

Mitterer: Geh, man muss doch nur mit Papier und Pappendeckel hantieren, so wie damals. (Er lacht.)

Eckert: Nicole Claudia Weber und Vanessa Achilles-Broutin haben jedenfalls einen wunderbaren Weg gefunden, wie man rasche Verwandlungen ohne großen Aufwand, größtenteils durch die Darstellung der Schauspieler verwirklichen kann, ohne, dass unser Theater „Armes Theater“ wird. Die Inszenierung wird ästhetisch sehr speziell sein und alle Notwendigkeiten des Stücks bedienen.

MM: Denn die Darsteller sind fast alle mehrfach tätig, sowohl als eine real existiert habende Person als auch als Raimund’sche Bühnenfigur. Das heißt, Sie zeigen streckenweise Theater auf dem Theater?

Eckert: Stimmt. Das Ensemble spielt ja in Raimunds Stücken, es werden auch Proben gezeigt, während derer man sieht, welch moderner Regisseur Raimund auch war, einer, der unglaublich auf Text gehalten hat, und sehr streng mit seinen Schauspielern war. Es gibt sogar das Gerücht, dass er tätlich wurde, wenn’s ihm nicht gepasst hat. Er war ein sehr jähzorniger Mensch.

Mitterer: Der Raimund hat jede zweite Woche ein neues Stück geschrieben und rausgeschossen, weil ihm die von den anderen zu schlecht waren. Er war Schauspieler und übernahm auch die Regie, er war der erste, der darauf Wert legte, dass die Darsteller mit gelerntem Text auf die Probe kommen, das war damals gar nicht üblich, aber seine Strenge hat ihm recht gegeben, die Leute sind ins Theater g’rennt.

MM: Apropos, Gerüchte: Es gibt eine Polizeiakte, in dem festgehalten ist, er hätte seine Ehefrau Luise Gleich „auf eine wahrhaft unmenschliche Art“ misshandelt.

Eckert: Ferdinand Raimund war ein Künstler, und in seinen Lieben so extrem wie im Theater. Er konnte mit Betrug sehr schlecht umgehen, das kann ich verstehen. Er wurde von den Damen mitunter nicht gut behandelt. Schön finde ich es nicht, aber ich gestehe ihm zu, dass er mitunter ausgerastet ist. Man muss auch nicht alles glauben, was im Polizeiakt steht. Tatsache ist, dass er im Foyer der Josefstadt einmal einer Geliebten, die ihn betrogen hat, mit einem Stecken nachgerannt ist und damit zugeschlagen hat, und dann auch ins Gefängnis gekommen ist.

Mitterer: Mitten während der Vorstellung hat er sie quer durch den Zuschauerraum verfolgt und auf sie hingeprügelt.

Eckert: Trotzdem war er seiner großen Lebensliebe Toni Wagner bis zu seinem Ende in gewisser Weise treu.

Mitterer: Er war ein Fieberkopf, er hat sich immer bis zur Raserei verliebt. Und die Luise Gleich ist ihm ja schwanger untergeschoben worden. Die war von ihrem Vater dem Alois von Kaunitz wegen dessen sexueller Lust auf Kinder „als Gespielin verkauft worden“. Das erfuhr Raimund aber erst 1822, als die „Affäre Kaunitz“ aufflog. Jetzt muss man sich vorstellen, er stand mit dieser Soubrette, seiner Braut auf der Bühne, und wurde ausgepfiffen, weil das Publikum von ihm verlangte, zu heiraten. Die Toni Wagner war Kaffeehaustochter und ihre Eltern komplett gegen die Beziehung, weshalb die beiden auch nur vor der Mariensäule in Neustift am Walde einen „ewigen Bund der Liebe und Treue“ schließen konnten. Toni war auch bei Raimunds Selbstmord Zeugin, er wollte noch testamentarisch für sie sorgen, aber sie ist später völlig verarmt gestorben.

MM: Als Theaterkind der mittleren bis späten 1970-Jahre muss ich gestehen, dass ich mit Raimund lange Zeit wenig anfangen konnte. Die Aufführungen waren mir zu lieblich, zu süßlich, zu viele rosa Rüschen, wenn ich das so sagen darf – bis endlich Regisseurinnen und Regisseure herangewachsen sind, die die dunkle Seite seiner Zauberpossen erkannt und bedient haben. Was meinen Sie, hat sich punkto Aufführungspraxis und Rezeption gewandelt?

Eckert: Diese Zauberwelt, die eine ganz große Poesie und sehr viel Humor hat, das finde ich bei Raimund ganz wesentlich, und auch im Stück von Felix Mitterer so schön herausgearbeitet, existiert ja. Trotzdem, wie Sie sagen, gibt es dahinter auch eine genaue Sicht auf die Menschen. „Der Diamant des Geisterkönigs“ beispielsweise ist sogar ziemlich brutal. Auch „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ ist ein in dieser Hinsicht erstaunliches Stück. Raimund zeigt einen Kosmos verschiedenster Charakterzüge, auch die unangenehmen, die grauslichen. Das muss man sehen, aber nicht draufhauen. Insofern hat sich die Aufführungspraxis sicher geändert.

Mitterer: Mir ist es auch so gegangen. Als Tiroler Bub kannte ich Raimund-Inszenierungen nur von Fernsehaufzeichnungen, und die waren mir viel zu zuckersüß. Aber es gab auch Ausnahmen, immer wenn die Hörbigers spielten, das fand ich damals schon gigantisch.

MM: Lassen Sie uns über die Besetzung sprechen: Johannes Krisch ist natürlich der Glücksfall als Ferdinand Raimund. Wie haben Sie ihn gewonnen?

Eckert: Lassen Sie es mich so sagen: ich habe mich sehr um ihn bemüht. Es ist ein ganz wesentlicher Teil meiner Aufgabe, eine Besetzung zusammenzustellen, an die ich glaube. In diesem Fall steht und fällt das Stück mit der Figur des Raimund. Ich habe Johannes Krisch das Stück geschickt, ich habe ihm schon vergangenes Jahr eine Rolle angeboten, aber er hat mich freundlich versetzt wegen Dreharbeiten oder etwas anderem. In diesem Fall hat er mich am nächsten Tag zurückgerufen, und war offensichtlich vom Stück und der Rolle so begeistert, dass er mir zugesagt hat. Das ist großartig, weil er quasi seine sommerliche Drehzeit diesmal uns geschenkt hat.

Johannes Krisch als Ferdinand Raimund. Bild: © Moritz Schell

Larissa Fuchs als Luise Gleich, Johannes Krisch und Anna Rieser als Toni Wagner. Bild: © Moritz Schell

MM: Die Damen im Ensemble sind …?

Eckert: Anna Rieser ist Toni Wagner. Sie feiert große Erfolge am Landestheater Linz, ist dort ein echter Publikumsliebling, und ich denke, dass sie mit ihrem Charme und gleichzeitiger Herbheit eine ideale Toni ist. Larissa Fuchs ist die Frau von Johannes Krisch und ist besetzt als Raimunds Ehefrau Luise Gleich, die beiden haben am Berliner Ensemble gemeinsam „Liliom“ gespielt, Larissa Fuchs die Julie, das war ganz fabelhaft. Luise Gleich ist bei Felix Mitterer eine extrem vielschichtige Figur, ich finde diese beiden Frauen und wie Raimund zwischen ihnen aufgerieben wird, herzzerreißend. Lisa Schrammel vom TAG spielt Therese Krones und wird das berühmte „Brüderlein fein“ singen.

MM: Edu Wildner ist wieder mit dabei …

Eckert: Natürlich. Er verkörpert nicht nur den Wüstling Fürst Kaunitz, sondern auch die Mutter Wagner, eine wunderbare Rolle. Gerhard Kasal von der Josefstadt spielt Johann Landner, Raimunds Freund und lebenslange Stütze, Reinhold G. Moritz unter anderem den zwielichtigen Vater von Luise Gleich, der, wie schon gesagt, seine Tochter an Kaunitz verkauft hat, und Theaterdirektor und Stückevielschreiber war – ich glaube, es sind mehr als 100.

Mitterer: Die Besetzung ist perfekt. Ich freue mich, dass sie alle das Stück so mögen, und es, wie ich vorhin sagte, mit trockener Verzweiflung spielen. Das macht es komödiantisch, obwohl die Geschehnisse ja nicht komisch sind.

Nachmittagsstimmung. Bild: © Kern Jochi

Das Theaterzelt am Abend. Bild: © Karl Denk

MM: Sie wirken dies Jahr nicht auf der Bühne mit?

Eckert: Nein, es gibt in dem Stück keine Rolle für mich. Ich war die letzten Monate ohnehin mehr als ausgelastet mit meinen beiden Burgtheaterengagements, und diese Uraufführung aus der Taufe zu heben, ist kein leichter Job. Ich bin hier Intendantin und trage letztlich die Verantwortung für das künstlerische Ergebnis. Das nehme ich sehr ernst. Ich sitze bei jeder Probe, mache meine Anmerkungen, manchmal Verbesserungsvorschläge. Ich könnte dieses Jahr gar nicht daneben auch noch spielen. Das wäre fahrlässig. Trotzdem bin ich natürlich während der Festspielzeit präsent, es wird einen Chansonabend mit dem Titel „Damenwahl“ geben, an dem ich Wienerlieder, französische, englische und jüdische Lieder singen werde, begleitet von Tommy Hojsa, Otmar Klein und Lenny Dickson. Den Abend haben wir mit großem Erfolg bereits in Wien gespielt und jetzt freuen wir uns auf Gutenstein. Am zweiten Spieltag der Saison führe ich ein Gespräch mit Felix Mitterer und bin wöchentlich Gastgeberin bei den Literaturprogrammen, zu denen ich Erika Pluhar, Emmy Werner und Michael Köhlmeier eingeladen habe.

MM: Das Ende von Ferdinand Raimund wird sehr dezent abgehandelt.

Eckert: Felix Mitterer war wichtig, dass von Raimund an diesem Abend nicht der Selbstmord, der Schuss in den Mund bleibt, er wollte, dass sein Werk, seine Poesie das letzte Wort haben. Daher endet das Stück mit dem „Hobellied“ – „Da leg ich meinen Hobel hin und sag der Welt Ade“ und nicht mit seinem furchtbar traurigen, qualvollen Suizid.

Mitterer: Raimunds tagelangen Todesqualen wollte ich wirklich nicht beschreiben. Seltsam, diese Angst, an Tollwut zu erkranken! Und dann wurde er von seinem eigenen gebissen und hat ihn erschlagen. Dabei war er ein großer Hundeliebhaber und hat immer einen Hund gehabt …

MM: Zum Schluss gefragt: Frau Eckert, Sie waren, wie Sie vorher erwähnten, nun zwei Mal am Burgtheater zu sehen, als Frau Sidonie Knobbe in „Die Ratten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32521) und mit Markus Meyer im Kasino in „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33364)

Eckert: … es war für mich wunderschön und wichtig, in dieser Stadt wieder als Schauspielerin vorzukommen, und ich habe gemerkt, dass sich das Publikum freut, mich wieder zu sehen. „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ war innerhalb von zwei Stunden ausverkauft. Insofern waren diese Produktionen ein Heimkommen, und ich kann Karin Bergmann nur tausend Mal danken, dass sie mir beide Rollen anvertraut hat, die großartige Erfahrungen waren, die Arbeit mit Andrea Breth wirklich etwas Besonderes, das Tanzstück, wo ich so gerne tanze … Das alles war einfach ein riesiges Glück.

MM: Aus dem sich Weiteres ergeben hat?

Eckert: Bis jetzt nicht. Das ist kein Problem, mein Beruf lässt mich schon nicht verkommen. Ich bin total entspannt und keine, die wartet, dafür bin ich viel zu ungeduldig. Wenn’s kein Angebot gibt, erfinde ich mir eine Arbeit, drehe einen Film oder gebe einen Chansonabend, mache selber etwas. Im Herbst mache ich einen Kinofilm in Deutschland und komme bei der nächsten Staffel der „Vorstadtweiber“ als „Greta Morena“ ins Fernsehen, eine Dame, die von der Münchner High Society zurück aufs Wiener Gesellschaftsparkett wechselt. Ich habe immer Arbeit, meistens zuviel. Nur nach der Bewerbung um die Leitung des Volkstheaters 2003 und der Nestroy-Gala, bei der ich mich gegen schwarz-blaue Regierung ausgesprochen hatte, gab’s einen Moment, da war’s wirklich kompliziert. Das war beruflich katastrophal, vor allem beim ORF, der über Jahre kein Drehangebot für mich hatte. Aber es ging weiter, und aus dieser Erfahrung schöpfe ich heute die Zuversicht, es ging und es geht sich immer aus.

Mitterer: Ja, so ist es, gell. Ich habe für die Tiroler Volksschauspiele Telfs „Verkaufte Heimat“ geschrieben, das wird am 25. Juli uraufgeführt und ist ein historisches Stück, das im Jahr 1939 spielt, als die Südtiroler die Option hatten, der Musolini- oder der Hitler-Propaganda zu glauben, also italienische Staatsbürger zu sein oder ins Deutsche Reich zu gehen. Das wird in einer der Südtiroler-Siedlungen aufgeführt, die in ganz Tirol sukzessive abgerissen statt als Kulturgut erhalten werden. Dann kommt am 14. August in Schwaz die Uraufführung von „Silberberg“, wo’s darum geht, wie Kaiser Maximilian den Bergbau an die Fugger verkauft hat. Und dann schreibe ich wieder was für die Josefstadt.

MM: Und da nun das Wort Volkstheater gefallen ist, darf ich fragen, ob Sie den designierten neuen Direktor Kay Voges kennen?

Eckert: Nein, ich fand ihn in allen Interviews sehr sympathisch. Ob er die richtige Mischung für das Volkstheater finden wird, werden wir sehen. Ich hoffe es sehr, weil mich der doch oft sehr schüttere Besuch dort bekümmert. Ich finde, das Volkstheater ist ein wunderbares Haus, und ich wünsche ihm von Herzen alles, alles Gute.

www.raimundspiele.at

6. 7. 2019