Theater Nestroyhof Hamakom: Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen

März 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch ist des Menschen Affe

Grantscherben im Konfettiregen: Michael Gruner spielt Kafka und Beckett an einem Abend. Bild: Nathan Spasic

Im Hamakom herrscht Endzeitstimmung. Im Hamakom herrscht Aufbruchstimmung. Erstere bedingt durch die aktuelle Produktion, Zweitere durch die akute finanzielle Situation und das „Jetzt erst recht“, das sich Intendant Frederic Lion dagegen auf die Fahnen geschrieben hat. 300.000 Euro, sagte er in einem Interview mit dem Standard, fehlten ihm für eine adäquate Bespielung der Bühne; im Herbst, so liest man, soll das brut „als Mieter“ einziehen.

Lion setzt dagegen ein starkes theatrales Zeichen. Er inszeniert Kafka und Beckett an einem Abend, lässt erstmals die Monologe „Ein Bericht für eine Akademie“ und „Das letzte Band“ aufeinanderprallen. „Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen“, diesen letzten Satz des sich vermenschlicht habenden Affen Rotpeter stellt Lion über seine Arbeit, sein Haus, über seine Amour fou zum Theater. Der große Michael Gruner gestaltet als Schauspieler erst den Rotpeter, dann den Krapp. Lion hätte nicht besser wählen können, um die unbedingte Notwendigkeit des Hamakom in der Wiener Theaterlandschaft unter Beweis zu stellen. Hamakom heißt auf Hebräisch „Der Ort“ und dieser hat eine bewegte Geschichte, hat ein jüdisches Schicksal – Lion will ihm mit seinem Programm gerecht werden, mit seinem „fremdnahen“ Blick auf den Begriff Heimat, mit Stücken über Identitätssuche und -verlust in den Wirren der Zeitgeschichte und mit gewitzten Dramen über die Diskrepanz von Weltanschauung und Lebensrealität beim Menschen.

So viel nun also gleichsam zu Rotpeter und Krapp, der eine versunken in der Selbstaufgabe, in der schmerzhaften Aufgabe sich zu assimilieren, und welches Unwort könnte heutiger sein, der andere ein ewig Unangepasster, ein Unbequemer, ein Querulant. Der eine ein dystopischer Sendbote vom Planet der Affen, der andere bereits postapokalyptisch. Der eine der gelungene Versuch, der andere das Versagen, Außenseiter aber beide; Becketts „Band“ kann im Hamakom als die Kehrseite von Kafkas „Bericht“ verstanden werden. Der Mensch ist des Menschen Affe, und wenn Krapp-Gruner eine Banane (fr)isst, dann verschwimmen die ohnedies höchst durchlässigen Grenzen zwischen Hominide und Homo sapiens, dann wird aus dem manierlichen Affen ein unappetitlicher alter Mann. Nicht von ungefähr besteht die Rückwand des von Andreas Braito gestalteten Spielraums aus einem riesigen Zerrspiegel. Man sieht sich – als den anderen. Ein „King Kong“-Film aus den 1930er-Jahren läuft auf der gläsernen Leinwand, und eine vergreiste „Frankenstein“-Version ungefähr gleichen Datums. Davor – Michael Gruner.

Der Affe Rotpeter rechnet mit der ganzen Menschheit ab, … Bild: Nathan Spasic

… der Mensch Krapp per Tonband mit seinem früheren Ich. Bild: Nathan Spasic

Der Regisseur von Graden hat bei der Vorjahresproduktion „Dunkelstein“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17940) wieder Schauspielerblut geleckt und kehrt nun als Mime zu seinen künstlerischen Anfängen zurück. Sein Auftritt ist überwältigend. Und das nicht nur, weil Gruner ein präziser, ein prägnanter Sprecher ist. Wie er sich eben noch auf den Gehstock stützt, dann leichtfüßig übers Parkett tänzelt, später in Affengangart fällt, wenn sich die Natur Bahn bricht, wie er sich unters Publikum schleicht, um seine vom Leben geschlagenen Narben hautnah zu zeigen, sich dabei bis auf eine Windelhose entblößt, das ist so berührend wie bösartig. Gruner möchte einem nichts angenehm machen, Er drangsaliert mit unvorhersehbaren Wutausbrüchen, er schlägt beim Zusammenbeißen seine Zähne ins Zuschauerfleisch, er macht betroffen, wenn er von erlittenen Demütigungen erzählt. Konfetti aus der Sakkotasche macht das Schicksal, dieses „allzu erschöpfte“, erträglicher. Gruner ist stark darin, Schwäche zu (über)spielen. Sein Spiel ist unmittelbar, angriffig, auch eine eitle Wonne – und, ja, er selbst hat sich ein bisschen in es verliebt. Er stellt sein Wissen um die Texte, deren Bedeutung und seine Deutung, gern „zur Schau“ …

Für ihre szenischen Echokammern haben Lion und Gruner im Schönbrunner Primatenhaus recherchiert (Trailer: www.facebook.com/theaternestroyhofhamakom/videos/1244812368935084/). Gruner, der alte Fuchs, als Method Actor. Seine Rückkehr auf die Bühne, ist eine Beglückung, wie sie nur im Hamakom stattfinden kann. „Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen“ ist der lebhaft helle Lebensschrei einer gefährdeten Existenz. Die Wiener Kulturpolitik braucht nur hinzuhören.

www.hamakom.at

Wien, 15. 3. 2017

Theater Nestroyhof Hamakom: Dunkelstein

März 2, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Grauen ohne Geigengeschluchze

Heinz Weixelbraun, Michael Gruner, Rouven Stöhr, Florentin Groll, Dolores Winkler, Lilly Prohaska, Eduard Wildner und Alexander Julian Meile Bild: Nick Mangafas

Heinz Weixelbraun, Michael Gruner, Rouven Stöhr, Florentin Groll, Dolores Winkler, Lilly Prohaska, Eduard Wildner und Alexander Julian Meile
Bild: Nick Mangafas

„Gegenwärtig brauchen die Juden ein paar Teufel, um zu überleben“, sagt er. Und später: „Wenn der Krieg kommt, werden die eine Waffe in die Hand nehmen gegen unsere Herrschaften.“ Die – waren die Wiener Juden, denen er die Ausreise ermöglicht hatte, sie – die hiesigen Nationalsozialisten. Er, das war Benjamin Murmelstein, und wahrscheinlich war er beides, ein Gottseibeiuns und ein Gottseisgelobt.

128.000 Menschen soll er bis November 1941 die Emigration ermöglicht haben. Robert Schindel hat 2010 ein Theaterstück über ihn geschrieben, „Dunkelstein“ heißt es und wurde nun im Theater Nestroyhof Hamakom uraufgeführt. Eine diesbezügliche Zusammenarbeit mit dem Volkstheater kam nicht zustande, und es verwundert, welch ein Auftragswerk sich das Haus da entgehen ließ. Aber es bedurfte wohl eines Frederic Lion und eines Karl Baratta, um aus dem komplexen Stoff die bestechende Spielfassung zu erstellen, die nun zu sehen ist.

Mehr als 42 Figuren haben die beiden für acht Schauspieler aufbereitet, immerhin 22 Rollen sind für sie geblieben. Mit ihnen wird ein Einblick in die jüdische Gemeinde jener Tage gewährt. Lion und Baratta lassen sich lange Zeit, bis sie Dunkelstein auftreten lassen. Vorher geht es ihnen um das Vermitteln von Atmosphäre, um das Vorführen von Denkweisen; sie zeigen das Negieren und das Nichtwissenwollen, eine Szenencollage bewegt sich von Fall zu Fall. Die Geschichte des psychisch kranken Nathan. Eine Wirtshausdiskussion, dass Zwetschenröster niemals Kompott sein kann. Polgar im Kaffeehaus, Friedells Fenstersturz, Torberg wird zitiert. Eine Bridgepartie von Vater und Tochter Singer. Die Flucht in die Religiosität oder den Kommunismus. Gisela Winter kommt vor, und Esther Rebenwurzel. Und am Ende werden alle Geschichten zu einer werden, und Nathan wird nackt ins Gas gehen, und Esther, die eigentlich Franzi Danneberg-Löw hieß und damals Fürsorgerin der Israelitischen Kultusgemeinde war, den Säugling von Gisela-Gerty Schindel gerettet haben. Und er wird Robert Schindel geworden sein.

Regisseur Lion hat einen Abend entworfen, der alles in einem ist. Nummernkabarett und Maskenspiel und Erzählung. Und jüdischer Witz. Eine Realfarce nennt Schindel sein Stück, und mit staubtrockenem Humor berichtet er vom Nahen der braunen Sturmflut. „Heil Hitler!“, ruft der Botenjunge, der die Mazzes bringt. Und ja, man lacht. Die Beeinflussbarkeit des Menschen scheint in solchen Momenten grenzenlos. Lions „Dunkelstein“ ist eine spröde, analytische Inszenierung dessen, die nicht mit Sentiment, sondern mit dem Verstand spielt. Er lässt die Grausamkeit sozusagen nicht in Geigengeschluchze baden, sondern stellt sie aus. Kalt und klar. Was sie umso deutlicher und beklemmender macht.

Mit der Rotte verkommener Hausknechte kommt auch Dunkelstein. Michael Gruner spielt ihn mit hoher Intensität. Seine Bühnenpräsenz ist atemraubend. Mit konzentrierten Gesten, mit einer Art verwehter Eleganz entwirft er seine Figur. Dieser Dunkelstein wankt zwischen Angeekeltsein und Größenwahn, er ist ein Gefangener seines Amtes, er kalkuliert Lebensrettungschancen so sachlich wie ein Buchhalter seine Finanzen, er ist hochmütig unfreundlich, auch jähzornig, und glaubt an seine Manipulation des Mördervereins. Dies seine größte Sünde. Benjamin Murmelstein war Funktionär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und nach deren Auflösung 1938 in der zwangsweise in „Jüdische Gemeinde Wien“ umbenannten Institution unter Adolf Eichmann für die Auswanderungsabteilung zuständig. Ab 1942 musste er aber auf Weisung der NS-Behörden auch die „Einwaggonierung“ der Deportationszüge in die Vernichtungslager im Osten vornehmen. „Der letzte der Ungerechten“, wie er sich 1975 selber in einem Interview nannte, gilt bis heute als ambivalente Persönlichkeit. Kollaboration nennen die einen seine Arbeit, Kooperation die anderen.

„Dunkelstein“ ist kein Versuch einer Erklärung dieser seltsamen Existenz. Jede Parteinahme wird unterlassen. In einem knappen Prolog wird kurz um die Frage gestritten, was man, wenn … und ob nicht, weil … man weiß es nicht. Ob das die Natur des Menschen ist? Spitzelwesen und Verrat von Freunden und Hass auf den, der gestern noch Nachbar war, und sich als Opfer unter den Tätern zu verstecken. Wie viel Gewissen hält der Mensch aus? In der Mašín-Familie geht seit Generationen der Satz: Man hat immer die Wahl. Florentin Groll will als Singer noch den Verkauf seines Wochenendhauses regeln, „na, nehmen wir einen späteren Zug“, sagt er zu Dunkelstein, und die Ahnung ist, der wird schon ein Viehtransporter sein.

Groll ist auch der Wirt, den Gestapomann Kalterer, verkörpert von Heinz Weixelbraun, später zwingen wird, den Zwetschenröster, der kein Kompott sein darf, vom Boden zu schlecken. Kalterer verliebt sich in die von ihm verhörte und von Lilly Prohaska gespielte Kommunistin Edith, eine Zellengenossin von Gisela Winter alias Schauspielerin Dolores Winkler; Prohaska wird später zu Esther Rebenwurzel. So schließt sich der Rettungsring um den Autor. Alexander Julian Meile gibt unter anderem den Sturmbannführer Linde süffisant-selbstverliebt und mit Eichmann-Schramme an der Wange. Rouven Stöhr ist ein eindringlicher, verstörender Nathan. Eduard Wildner versucht als Dunkelsteins Vorgesetzter Leonhardt seinen verzweifelten Sarkasmus nicht allzu offen zu zeigen. Und wenn Lukas Goldschmidt dazu „Waltzing Matilda“ auf Wienerisch singt, weiß man, wie’s gemeint ist.

Am Ende wird Linde zu höheren Weihen nach Berlin berufen und auch für Dunkelstein hat er neue Aufgaben. In Theresienstadt. Dort wurde Murmelstein 1944 zum letzten „Judenältesten“ ernannt. Und musste wieder Listen zusammenstellen. Nach Auschwitz-Birkenau. Nach dem Krieg hatte Murmelstein sein Verhalten zwei Mal vor Gerichten zu rechtfertigen, in Israel forderte man für ihn die Todesstrafe. Er starb 1989 in Rom. Der zuständige Rabbiner verweigerte das Kaddisch.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=AT-rZq9-nnk

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Wien, 2. 3. 2016

Theater Nestroyhof Hamakom: Valentinstag

März 8, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Frederic Lion inszeniert Iwan Wyrypajew

Ingrid Lang (Katja) Bild: Nick Mangafas

Ingrid Lang (Katja)
Bild: Nick Mangafas

Die großen vaterländischen Väter, von Lenin bis Putin, blicken von oben, von der Vidiwall, auf das Geschehen herab. Dazu hämmern sich ein Sowjetmännerchor und Industriegeräusche in die Ohren, bis sie bluten. Fortschritt! In einem Stück, in dem vornehmlich Rückschritte gemacht werden. Frederic Lion hat an seinem Theater Nestroyhof Hamakom Iwan Wyrypajews „Valentinstag“ inszeniert. Die Tragikomödie einer Dreierkombination. Denn: Die Hassliebe um die es hier geht, kennt drei Protagonisten – Valentin, Valentina und Katja. Die beiden Vs waren – wie Kasimir (eine Rolle, in der Hauptdarsteller Harald Windisch schon zu sehen war www.mottingers-meinung.at/theater-in-der-josefstadt/) und Karoline – ein Jugendliebespaar. Auf Missverständnis und Intrige folgte die Heirat mit Katja (Valentina aber blieb seine Geliebte). Und Valentins früher Tod. Ein Herzinfarkt um null Uhr. Zurück bleiben die beiden Frauen und Valentins Gewehr. Und wie bei Tschechow muss es im vierten Akt schießen.

Lions Regie ist „nüchtern“, lässt weder Rührseligkeit aufkommen noch Tränendrüsendruck zu, folgt aber gleichzeitig Wyrypajew auf seinem Weg ins Skurril-Surreale. Eine Disziplin, in der die russischen Autoren Weltmeister sind. Die Zeitebenen Damals und Heute schieben sich ineinander; werden gebrochen durch Rückblenden, das Aufsagen von Briefwechseln und Regieanweisungen und einem Aus-dem-Stück-Aussteigen-weil-die-Figur-die-Handlung-so-nicht-will. Lion macht aus dem Trialog mit einem Toten ein Spiel mit dem Schicksal, das schließlich in Schuldzuweisungen eskaliert. Verrat lauert überall.

Gabriele Dossi ist im violett-glitzernden Zirkusdirektorenfrack als Valentina sarkastisch und spröde, dann wieder wehleidig weinerlich. Durch Beiseitesprechen macht sie sich das Publikum zum Komplizen. Ist sie im Recht? Sie glaubt’s. Ingrid Lang trägt als Katja ein längst verschlissenes Brautkleid, ist mittelschwer gaga und ausgestattet mit gackerndem Gelächter. Eine Alkoholikerin mit Akkordeon. In einer seifenblasigen Traumsequenz steht sie wie Sterntaler und wird doch von den Ereignissen aufgerieben. Ein Opfer. Das schwächste Glied in der Kette? Man mag’s nicht glauben. Wie Elizabeth und Maria Stuart um Graf Leicester gehen die beiden in den Infight um einen Mann, den es nur noch in der Erinnerung gibt. Ihn, Valentin, den Katalysator der Katastrophe, spielt Harald Windisch virtuos. Als Untoter (in den Rückblenden) ist er ein übermütiger, liebenswerter Kauz, als Toter leichenkalt und emotionslos. Ein außenstehender Beobachter des Ehefrau-Geliebten-Dramas, das er einst angezettelt hat.

Wyrypajew seziert die von der Macht der Liebe wundgeschlagenen Körper. Doch er wäre nicht er, wenn er fürs Private keine politische Metaebene parat hätte. Und so seziert er auch die Stagnation Russlands. Vom Kommunismus über Perestroika bis Krim. Die Irrationalität, die Brüchigkeit des Lebens an sich interessiert ihn. Weshalb Frederic Lion in Bild und Ton zu folgendem Ende findet: Pussy Riot und Neil Young – Rockin‘ in the Free World.

Schluss-Szene:  Valentina läuft herein. Sie stürzt zum Tisch und liest:
KATJAS LETZTER BRIEF
Liebe Valetschka, Valja. Valentina! Sollen doch Flugzeuge am Himmel fliegen, Schiffe die Meere durchpflügen, Soldaten Russlands Grenzen schützen. Soll doch jeder das tun, wozu er Lust hat, mir ist das völlig egal. Denn ich mache mich auf zu einer interplanetaren Expedition. Im Rahmen des internationalen Raumfahrtprogramms: „Mars – die Energiequelle“!!
P.S.: Ich wünsche dir viel Glück! Mach’s gut!
P.P.S.: Ja, beinahe hätte ich’s vergessen! Valja, letzte Nacht habe ich von Gott geträumt. Er hat zu mir gesagt, erstens, dass es ihn gibt, und zweitens, dass du an einem Herzinfarkt sterben wirst, heute um Mitternacht, null Uhr. Also nochmals, mach’s gut.
Deinen Wein hab ich doch ausgetrunken. Katja.

Über den Autor:

Iwan Wyrypajew: Geboren in Irkutsk, studierte Schauspiel an der dortigen Theaterhochschule. Nach verschiedenen Engagements an Theatern in Sibirien, gründete er 1998 das Theaterstudio „Spielraum“ und begann eine Regieausbildung an der Moskauer Theaterhochschule Schtschukin. Er arbeitet seit 2001 mit seiner zehnköpfigen Theatertruppe in Moskau als Autor, Regisseur und Schauspieler am von ihm mitgegründeten „Zentrum Neues Drama: Theater.doc“ und beim TV-Sender TVS. „Spielraum“ sowie zahlreiche Stücke Wyrypajews wurden zu verschiedenen internationalen Festivals eingeladen, u.a. zu den Wiener Festwochen. 2006 führte er bei seinem ersten Spielfilm Euforija, dessen Drehbuch er auch schrieb, Regie, 2009 folgte die Verfilmung von Kislorod („Sauerstoff“). Im Wiener Schauspielhaus wurde 2010 sein Stück „Karaoke-Box“ uraufgeführt, 2013 wurde „Illusionen“ ebendort erstmals in Österreich gespielt. Für seine Theaterstücke ist er mehrfach ausgezeichnet worden, 2009 mit dem Bansemer & Nyssen Dramatiker Preis, 2012 mit dem Paszport Polityki in der Kategorie Theater. „Valentinstag“ erhielt 2003 beim „Heidelberger Stückemarkt“ den Publikumspreis. Er zählt zu den wichtigsten russischen Dramatikern seiner Generation.

www.hamakom.at

Wien, 8. 3. 2014

Theater Nestroyhof Hamakom: „Covergirl“ und „Die Kommandeuse“

April 29, 2013 in Bühne

Die Frau als Täterin

„Noch eine letzte Frage? Wozu bekennen Sie sich schuldig?
– Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort.“
Lynndie England
„Ich war immer bemüht, meinem Mann und meinen Kindern eine gute Familienmutter zu sein”.
Ilse Koch, nach 22 Jahren Haft

Barbara Gassner und Ingrid Lang Bild: Nick Mangafas

Barbara Gassner und Ingrid Lang
Bild: Nick Mangafas

Zwei Frauen, zwei Täterinnen, zwei Monologe von zwei Frauen geschrieben. Hausherr Frederic Lion bleibt seinem Credo treu, in Wien wichtiges, zeitpoltisches Theater zu machen. Ein Glück für diese Stadt, dass es das kleine, feine Theater Nestroyhof Hamakom gibt. Diesmal stellt man dort „Covergirl“ (oder: wie Lynndie England dazu kam das böse Amerika zu verkörpern) von Barbara Herold und „Die Kommandeuse“ (oder: Psychogramm einer Nazi Täterin) von Gilla Cremer in Zusammenhang. Zweiteren Monolog hat Lion  – mit Darstellerin Ingrid Lang, eine österreichische Erstaufführung – selbst inszeniert, ersteren Barbara Schulte mit Barbara Gassner.

Der Abend stellt also zwei Stücke einander gegenüber, deren zentrale Thematik sich mit der Frau als Täterin in unterschiedlichen historischen und politischen Kontexten beschäftigt. „Covergirl“ Lynndie England, die durch ihre Täterschaft in Abu Ghraib international Bekanntheit erlangte, während „Die Kommandeuse“ ein Psychogramm der „Hexe von Buchenwald“, Ilse Koch, zeichnet. Es ist nicht die Vergleichbarkeit ihrer Biografien und ihrer Taten, sondern die vehemente mediale Ausschlachtung beider Fälle angesichts einer ratlosen Öffentlichkeit, die Lion veranlasst haben dürfte, beide Texte hintereinander zur Aufführung zu bringen. Zwei Frauen die es geschafft (?) haben, mit ihren Taten negativ Geschichte zu schreiben und die Weltöffentlichkeit zu entsetzen.

„Man muß verstehen, mit seiner Zeit zu gehen“ – so begründete die junge Ilse Köhler 1932 ihren Eintritt in die NSDAP. Sie begegnet dem Obersturmbannführer Karl Koch und zieht im Jahre 1937 nach ihrer Heirat mit ihm auf den Ettersberg, einem wunderschönen Hügel bei Weimar, auf dem Goethe einst “Wanderers Nachtlied” dichtete. Hier wird Koch Kommandant des Konzentrationslagers Buchenwald. Von den Jahren in der “Villa Koch”, die unmittelbar an das Konzentrationslager Buchenwald grenzte, sagt Ilse Koch später, dass sie “die beste Zeit” ihres Lebens waren – eine satte, eine gute Zeit, gezeichnet von einem luxuriösen und ausschweifenden Lebensstil. 1951 wurde die „Kommandeuse“ – so nannten sie die Häftlinge aufgrund ihres grausamen und unberechenbaren Auftretens im Lager – wegen Anstiftung zu Körperverletzung und Mord zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Ilse Koch füllte im Nachkriegsdeutschland als “Hexe von Buchenwald” die Schlagzeilen und behauptete selbst noch nach 22 Jahren Haft: “Ich kann mich an nichts erinnern. Ich habe mich nie um Lagerangelegenheiten oder Politik gekümmert. Ich war immer bemüht, meinem Mann und meinen Kindern eine gute Familienmutter zu sein.” Gilla Cremers Stück „Die Kommandeuse“ ist weniger ein dokumentarisches Zeitstück als der Versuch über eine Konstruktion einer Kunstfigur Einblicke in die erschreckende Durchschnittlichkeit einer Frau zu gewinnen die die historischen Bedingungen genutzt hat, ihre sadistische Destruktivität auszuleben.

Im Frühjahr 2004 gingen die Fotos der Folterer aus dem irakischen Militärgefängnis von Abu Ghraib um die Welt. Darauf zu sehen sind irakische Häftlinge, wie sie gedemütigt, gequält, zu sexuellen Handlungen genötigt werden. Darauf zu sehen sind auch die Täter, amerikanische Soldaten der Militärpolizei, die lachend in die Kamera schauen, als handle es sich um Souvenirfotos. Lynndie England ist das weltweit bekannteste Gesicht auf den Fotos, wohl auch weil sie mit knapp 21 Jahren die jüngste Soldatin unter den Tätern war. Ihre Fotos waren medial omnipräsent: Lynndie mit einem Häftling an der Hundeleine, Lynndie grinsend hinter einer Pyramide nackter Männer, Lynndie auf einen masturbierenden Gefangenen deutend. Wer ist diese junge Frau, die Meteorologin werden wollte und mit 20 Jahren zum Kriegseinsatz in den Irak abkommandiert wurde? Wie ist das Foto mit der Menschenpyramide an ihrem 21. Geburtstag entstanden? Was ist „Doing-a-Lynndie“? Der Text versucht Antworten auf Fragen zu geben, die im Zusammenhang mit der Person Lynndie England auftauchen. Aufgrund intensiver Recherchen zeichnet Barbara Herold auch ein klareres Bild der Vorgänge in Abu Ghraib. Das vorrangige Ziel ist aber, die Fassungslosigkeit und Ratlosigkeit zu formulieren, welche die Bilder und die Geschichte der jungen Soldatin auslösen. Diese Bilder werden den Krieg entscheiden, hieß es damals. Diese Bilder beweisen, was der ganz normale Krieg aus ganz normalen Menschen macht: aus Männern und auch aus Frauen.

Beide Monologe sind für die Schauspielerinnen ein beklemmender Balanceakt. Fragen ohne Antworten oder: Erzähle die Geschichte deiner Figur, ohne eine Entschuldigung, eine Rechtfertigung, eine Erklärung für ihre Taten zu finden … Aber auch ohne anzuklagen oder in die Banalität abzugleiten. So macht man das: packend, „unterhaltsam“ in seinem Wahnsinn, grausam, ohne erhobenen Zeigefinger. Niemals „moralisch“, niemals leichtfertig, denn das machen der Krieg und seine Endlösungen aus (manchen) Menschen. In diesem Sinne: Zwei Antikriegsstücke. Ein wichtiger Abend, der sich viele, viele, viele Zuschauer verdient hat!

Zu sehen bis 11. Mai.

www.hamakom.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 29. 4. 2013