Lentos Kunstmuseum: Lassnig – Rainer. Das Frühwerk

Februar 1, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Werden zweier großer Künstlerpersönlichkeiten

Ein Leben lang verbunden: Maria Lassnig und Arnulf Rainer während einer Ausstellungseröffnung in Wien, 1999. Bild: Heimo Rosanelli

Maria Lassnig und Arnulf Rainer zählen zu den erfolgreichsten Künstlern Österreichs. Lassnig würde heuer ihr 100. Lebensjahr begehen, Rainer feiert im Dezember seinen 90. Geburtstag. Die beiden lernten einander 1948 in Klagenfurt kennen. Ihre gemeinsam verbrachten Jahre prägten ihr künstlerisches Werk grundlegend. Die Ausstellung „Lassnig – Rainer. Das Frühwerk“ im Lentos Kunstmuseum Linz zeigt ab 1. Februar etwa 120 Werke aus den Jahren von 1948 bis 1960.

In dieser Zeit werden die Weichen für das Kunstschaffen von Maria Lassnig und Arnulf Rainer gestellt. Die verschiedenen Stilrichtungen, die sie in kurzer Zeit durchliefen, lassen sich grob mit den Begriffen Surrealismus, Informel und geometrische Abstraktion umreißen. 1945 flüchtet Arnulf Rainer vor den russischen Besatzungssoldaten aus Baden auf einem Fahrrad nach Kärnten zu Verwandten. Im Jahr 1947 besucht er eine Ausstellung in Klagenfurt, in der er Lassnigs heftig diskutiertes Gemälde „Akt Guttenbrunner“ sieht. Im April 1948 kommt es zu einem ersten Treffen mit Lassnig in ihrem Atelier in Klagenfurt. Der Beginn einer Beziehung mit der ein intensiver künstlerischer und intellektueller Austausch verbunden war . Maria Lassnig hatte, als sie Arnulf Rainer kennenlernte, bereits ihr Studium der Malerei an der Akademie der Bildenden Künste absolviert. Ihr Atelier am Heiligengeistplatz war Treffpunkt von Künstlern und Literaten wie Arnold Clementschitsch, Michael Guttenbrunner, Max Hölzer oder Arnold Wande.

Maria Lassnig: Porträt Arnulf Rainer, 1948-1949. © Maria Lassnig Stiftung

Arnulf Rainer: Selbstbildnis in den Februartagen, 1948. Courtesy Landessammlungen Niederösterreich, Bild: Christoph Fuchs, © Atelier Arnulf Rainer

In ihren frühen Zeichnungen suchte Lassnig bereits nach einer Möglichkeit, die Wahrnehmungen ihres Körpers unmittelbar darzustellen. Sie erachtete ihn als eine Realität, die mehr in ihrem Besitz war als ihre Außenwelt. Ab 1947 entstanden erste „Körpergefühlszeichnungen“, die sie „Introspektive Erlebnisse“ nannte. Arnulf Rainer arbeitete in den späten 1940er-Jahren an surrealistischen Porträts und Unterwasserszenarien. 1950 kam es zur Gründung eines Künstlerkollektivs, der sogenannten „Hundgruppe“. Sie zählte neben Lassnig und Rainer Arik Brauer, Ernst Fuchs, Wolfgang Kudrnofsky, Peppino Wieternik, Anton Krejcar und Maria Luise Löblich als Mitglieder. Die beteiligten Künstler und Künstlerinnen fanden den Art Club und seine kleinbürgerliche Bohemien-Szene als zu traditionell. Die Eröffnung ihrer einzigen Ausstellung im März 1951 wurde zum Skandal, da Arnulf Rainer das Publikum beschimpfte. Mit diesem provokanten Auftritt nahm er den Wiener Aktionismus vorweg.

Mit Lichtpausen von surrealistischen Zeichnungen reisen Lassnig undRainer 1951 nach Paris. Sie treffen sich unter anderem mit dem Kopf der Surrealistengruppe André Breton und mit dem Schriftsteller Paul Celan. In Paris konnten sie mehr über automatistische Bildtechniken erfahren. Maria Lassnig war in Paris vor allem von Yves Tanguys „Knochenmonumenten“ beeindruckt. Arnulf Rainer lernte über Paul Celan die für sein künstlerisches Schaffen bedeutsame „Lehre vom Zerfall“ von E. M. Cioran kennen. Während einer weiteren Parisreise entdeckten sie die Ausstellung „Véhémences confrontées“ in der Galerie La Dragonne. Die dort ausgestellten Kunstwerke von Jackson Pollock, Willem de Kooning, Jean-Paul Riopelle, Georges Mathieu, Sam Francis, Mark Tobey, Camille Bryen und Hans Hartung waren bereits der abstrakt-informellen Kunstrichtung zuzuordnen und beeindruckten Lassnig und Rainer nachhaltig.

Nach Paris arbeitete Lassnig an informellen Monotypien und nannte ihre Werke „Amorphe Automatik“, „Meditationen“ und „Stumme Formen“. Rainer malte zunächst abstrakte Gemälde, die er „Mikrostrukturen“ und „Atomisationen“ nannte. Sein theoretischer Text „Malerei, um die Malerei zu verlassen“ beschreibt einen Weg der permanenten Reduktion, eine radikale Loslösung von überkommenen Traditionen. Daraus resultieren seine „Blindzeichnungen“, „Zentralisationen“, „Vertikalgestaltungen“ und „Auslöschungen“. Ab 1954 entstandene Überzeichnungen und Übermalungen waren eine Folge davon. Rainer und Lassnig kuratierten 1951 eine Ausstellung im Künstlerhaus Klagenfurt. In einem Manifest zu dieser Ausstellung fordert Lassnig: „Fort mit den ästhetischen Farbassoziationen“ und „Freiheit, die sich der Mensch, der Künstler wählt“. An dieser Ausstellung nehmen auch Friedrich Aduatz, Wolfgang Hollegha, Johanna Schidlo, Johann Fruhmann und Hans Bischoffshausen teil.

Maria Lassnig: Guttenbrunner als Akt / Aktstudie M. G., 1946. © Maria Lassnig Stiftung

Arnulf Rainer: Rainer – Lassnig – Übermalung, (Fotografien: 1949, Übermalung: ca. 2004). © Atelier Arnulf Rainer

In den folgenden Jahren gestalten Lassnig und Rainer „Flächenteilungen“ und „Proportionen“. Darin loten beide Künstler die Möglichkeiten geometrischer Kompositionen aus. Arnulf Rainer lernt in dieser Zeit den Wiener Domprediger Otto Mauer kennen, der seine Kunst ab 1955 in seiner Galerie St. Stephan, später nächst St. Stephan, unterstützt. Angeregt durch Bildhauer Fritz Wotruba, kehrt Maria Lassnig schrittweise zur Figuration zurück.

Aus ihren Körpergefühlsaquarellen entwickelt Lassnig nach und nach tachistische Körpergefühlsbilder. Für Lassnig sind die Wiener Jahre  schwierige Jahre, in denen sie besonders unter fehlender gesellschaftlicher Anerkennung leidet – erst 1960 wird sie ihre erste Einzelausstellung bei Otto Mauer erhalten. Rainer verlässt 1953 Wien und zieht nach Gainfarn bei Bad Vöslau. Damit ist das Ende des intensiven Austauschs mit Maria Lassnig vorgezeichnet. Lassnigs nächstes großes Abenteuer ist ihre Übersiedlung nach Paris, wo sie von 1961 bis 1968 lebt.

Von Arnulf Rainer gab es stets Bestrebungen gemeinsam auszustellen: „Ich habe Maria in den letzten Jahren nur noch gelegentlich gesehen. Ich bin zu ihren Ausstellungseröffnungen gegangen. Ich habe sie auch eingeladen, mit mir im Badener Rainer Museum auszustellen … Es hat leider nicht mehr geklappt.“

www.lentos.at

1. 2. 2019

Thomas Arzt: Uraufführung in Linz

Mai 9, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

„Werther lieben“ im Theater Phönix

David Fuchs, Markus Hamele, Felix Rank, Isabella Szendzielorz und Katharina von Harsdorf. Bild: © Christian Herzenberger

David Fuchs, Markus Hamele, Felix Rank, Isabella Szendzielorz und Katharina von Harsdorf. Bild: © Christian Herzenberger

Am 12. Mai wird im Linzer Theater Phönix das neue Stück von Thomas Arzt uraufgeführt. Titel: „Werther lieben“. Ausgehend von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ erzählt Arzt mit der Sprache und den Mitteln der Gegenwart von den Ängsten und Sehnsüchten einer Generation, die gelernt hat, ihren eigenen Mittelschichtsträumen zu misstrauen.

Charlotte findet sich in emotionalem Aufruhr zwischen zwei Männern wieder. Ihr Verlobter Max ist selbstbewusst, karriereorientiert, heimatverbunden und dennoch weltgewandt. Seine Souveränität geht so weit, dass er Charlottes Leben genauso mitbestimmt, wie er die immer neuen Umbauten an ihrem gemeinsamen Haus plant. Verlockend anders scheint da der neue Nachbar Ulrich, der sich gegen zu viel Sicherheit in seinem Leben sträubt, gerade eine verfallene Mühle auf dem Land gekauft hat, die Umbauarbeiten aber neben seiner Dissertation nur halbherzig vorantreibt und lieber mit dem Gedanken spielt, sich für internationale Entwicklungsarbeit zu bewerben. Plötzlich scheint Charlottes ganzes Leben auf dem Prüfstand zu stehen … „Ich find ja, sie verleitet zur Hysterie. Die Liebe. Immer alle nur hysterisch.“

Es inszeniert Johannes Maile, es spielen David Fuchs, Markus Hamele, Felix Rank, Isabella Szendzielorz und Katharina von Harsdorf.

Autor Thomas Arzt. Bild: © Nina Grünberger

Autor Thomas Arzt. Bild: © Nina Grünberger

Zum Autor:

Geboren 1983 in Schlierbach, Oberösterreich. Lebt als freier Autor mit seiner Frau in Wien und in Flensburg an der Ostsee. 2008 entstand sein erstes Theaterstück „Grillenparz“ im Rahmen des Autorenprojekts „stück/für/stück“ am Schauspielhaus Wien. Es wurde mit dem von der Literar-Mechana gestifteten Hans-Gratzer-Stipendium ausgezeichnet und im April 2011 am Schauspielhaus Wien uraufgeführt, wo Thomas Arzt in der Spielzeit 2010/2011 als Hausautor arbeitete. Für sein zweites Stück „Alpenvorland“ erhielt er im selben Jahr den Autorenpreis am Heidelberger Stückemarkt. Nach Aufführungen in Österreich, Deutschland und der Schweiz wird das Stück 2016 am 2. Internationalen Autorenfestival in Buenos Aires gezeigt. Weitere Arbeiten entstanden in den vergangenen Jahren u. a. für die Wiener Festwochen, das Volkstheater, das Schauspielhaus Graz und das Landestheater Linz. Zuletzt war 2014 am Schauspielhaus Wien „Johnny Breitwieser“ zu sehen, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=12355, und im Jänner diesen Jahres „Totes Gebirge“ am Theater in der Josefstadt, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17064.

www.theater-phoenix.at

www.thomasarzt.at

Wien, 9. 5. 2016

Crossing Europe: Filmfestival in Linz

April 11, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Von lieben Nachbarn, Rechten und linken AKW-Gegner

Das Wetter in geschlossenen Räumen. Bild: Crossing Europe

Maria Furtwängler als frustrierte Fundraiserin: „Das Wetter in geschlossenen Räumen“. Bild: Crossing Europe

Vielgestaltig wie der Filmkontinent Europa so präsentiert sich auch das diesjährige Programm von Crossing Europe, dem Filmfestival in Linz. Ab 20. April stehen dem Publikum 162 Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilme zur Auswahl, darunter etliche Uraufführungen und international ausgezeichnete Filme, die erstmals in Österreich präsentiert werden und, abgesehen von einer Handvoll Titel, trotz Festivalerfolgs keinen Platz im regulären Kinobetrieb finden werden. Die handverlesenen Produktionen klopfen sozusagen filmisch den Ist-Zustand Europas ab und verhandeln diesen auf unterschiedliche Weise.

Zu sehen sind unter anderem neue Arbeiten von in Linz nicht ganz unbekannten Namen wie Isabelle Stever, die mit ihrem beim Züricher Filmfestival uraufgeführten Spielfilm „Das Wetter in geschlossenen Räumen“ das Wirken der Hilfs- und Non-Profit-Organisationen an Kriegsschauplätzen in den Mittelpunkt stellt, mit einer famos aufspielenden Maria Furtwängler als desillusionierte UNHCR-Fundraiserin. Ein weiterer Fixstarter aus Deutschland ist Jan Krüger mit der Weltpremiere seines aktuellen Films, der Dreiecksgeschichte „Die Geschwister“. Lionel Baier aus der Schweiz ist mit dem mit Carmen Maura starbesetzten preisgekrönten Spielfilm „La Vanité“ das Kunststück einer Tragikomödie über das Thema Sterbehilfe und -begleitung geglückt. Ben Hopkins hat dieses Jahr gleich zwei Filme im Gepäck. In „Welcome to Karastan“  schickt er einen oscargekrönten Regisseur in der Schaffenskrise zu einem Filmfestival in eine fiktive Kaukasusrepublik.
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Betörend schöne Bilder schuf Eva Neymann in ihrem aktuellen Werk „Pesn Pesney.“Als Schauplatz für eine unglückliche Liebe zwischen Nachbarskindern dient ein jüdisches Schtetl in der Ukraine zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch im letzten Film des 2015 verstorbenen polnischen Regisseurs Marcin Wrona, „Demon“, spielt jüdische Tradition eine Rolle – ein Dibbuk, ein Totengeist nach jüdischem Volksglauben, taucht als ungebetener Gast bei einer Hochzeitsgesellschaft auf. Dystopie als künstlerischer Gegenentwurf beziehungsweise Antwort auf die derzeitige Verfasstheit einer verunsicherten Gesellschaft – in den sieben Episoden von „Pod Elektricheskimi Oblakami“  verdichtet Alexey German Jr. auf surreale Weise den Seelenzustand seines Landes. Auch Lucile Hadžihalilović entführt in ihrer aktuellen Arbeit „Evolution“ das Publikum in eine andere, zeitenthobene Dimension, nämlich in eine mysteriöse, nur von Frauen und Buben bevölkerte Inselkolonie.
Krigen. Bild: Crossing Europe

Oscar-Kandidat aus Dänemark: „Krigen“ erzählt vom Afghanistan-Einsatz europäischer Truppen. Bild: Crossing Europe

Es finden sich noch zwei weitere „exzentrische“ Produktionen im Line-Up, die zudem beide mit einem prominenten Cast aufwarten: Es mag absurd klingen, aber Theaterstar Rufus Norris ist es mit „London Road“ tatsächlich gelungen, einen auf wahren Begebenheiten beruhenden Kriminalfall rund um den sogenannten Ipswich-Strangler mit Olivia Colman und Tom Hardy erfolgreich als Filmmusical zu realisieren.

Als unbequemes Porträt kreist „The Childhood of a Leader“ um das potentielle Heranwachsen eines faschistoiden Führers im 20. Jahrhundert – Regisseur Brady Corbet hat für sein mehrfach ausgezeichnetes Spielfilmdebüt unter anderem Bérénice Bejo und Robert Pattinson verpflichtet. Spannend auch „Krigen“, der Oscar-Kandidat aus Dänemark, in dem die militärische Beteiligung europäischer Truppen in Afghanistan kritisch hinterfragt wird. „Tempête“ führt hinaus aufs Meer in die Welt der Hochseefischerei, wo Dom arbeitet. Als seine Tochter im Teenageralter schwanger wird, stehen schwerwiegende Entscheidungen an – ein mitreißendes authentisches Reenactment für das der Fischer Dominique Leborne in Venedig als bester Darsteller ausgezeichnet wurde.

Cambridge. Bild: Crossing Europe

In der bulgarischen Kleinstadt „Cambridge“ hoffen Roma-Kinder auf eine bessere Zukunft. Bild: Crossing Europe

Dokumentarfilme beleuchten europäische Arbeitswelten und -realitäten in Zeiten von Globalisierung und Wirtschaftskrisen, sie werfen einen Blick auf die Zukunftsperspektiven junger Menschen in Europa. Einer der Filme ist „Drifter“, hier setzt der 18-jährige Ricsi alles daran seinen Traum Rallye-Fahrer zu werden zu verwirklichen und dafür lässt er auch die Mechanikerausbildung sausen.

Ein Jahr lang beobachtete „Staatsdiener“ die Ausbildung von angehenden Polizisten in Sachsen-Anhalt und folgt ihnen bei den ersten realen Einsätzen, die es ins sich haben. „Cambridge“ führt in eine bulgarische Kleinstadt, wo  Roma-Kinder davon träumen, mit einer ordentlichen Ausbildung die immer noch vorherrschenden Vorurteile hinter sich zu lassen. Anders die Jugendlichen in „Après l’hiver“, denen es schwer fällt sich schon mit 16 für einen Beruf zu entscheiden. Der Wunsch nach Selbstverwirklichung ist groß und positive Zukunftsperspektiven sind rar. Der polnische Kurzfilm „Ślimaki„porträtiert zwei ehrgeizige Jungunternehmer, die mit ihrer Schneckenzucht reich zu werden versuchen.

Vier ausgewählte Arbeiten bieten Einblick in unterschiedlichste europäische Kleinkommunen. Mika Taanila, der nicht nur als Regisseur von klassischen Dokumentarfilmen bekannt ist, sondern auch aus dem Avantgarde- und Visual Arts-Bereich, und Jussi Eerola verfolgen in ihrer dokumentarischen Langzeitstudie „Atomin Paluu“ das Leben einer finnischen Dorfgemeinde, die mit dem stetig wachsenden Bau des ersten Atomkraftwerks im westlichen Europa seit Tschernobyl konfrontiert ist. Der Dokumentarfilm „The Érpatak Model“ des israelisch-niederländischen Filmemachers Benny Brunner führt in ein Dorf im äußersten Nordosten Ungarns, dessen Bürgermeister sich als bekennender Rechtsextremist ein bedenkliches Regelwerk zur Disziplinierung der Gemeinschaft zurechtgelegt hat. Ein bayrisches Dorfleben zeichnet die deutsche Regisseurin Bettina Büttner in ihrem Dokumentarfilm „Die fremde Frau – Winterreise nach Flossenbürg“ nach, während ein ausschließlich von Asylwerbern bewohntes Hochhaus am Rande einer italienischen Kleinstadt den Schauplatz des experimentellen Spielfilms „Homeward Bound – Sulla Strada di Casa“ darstellt, der bei Crossing Europe seine Weltpremiere hat.

Mallory. Bild: Crossing Europe

„Mallory“ geht ihren Weg von der Drogensucht in ein normales Leben. Bild: Crossing Europe

Das Tribute 2016 ist der renommierten, mehrfach ausgezeichneten und ungemein produktiven tschechischen Dokumentarfilmregisseurin Helena Třeštíková gewidmet, deren Langzeitbeobachtungen von Lebensgeschichten und -schicksalen stark der Tradition des Cinéma vérité verpflichtet sind. Zwei ihrer aktuellen Filme haben in Linz Österreichpremiere.

Für „Mallory“ begleitete Třeštíková mehr als zehn Jahre die titelgebende Protagonistin und ihren harten Kampf für ein menschenwürdiges Dasein. Allen Widrigkeiten zum Trotz schafft sie es, Drogensucht, Obdachlosigkeit und zahlreiche Schikanen der Bürokratie zu überwinden und letztendlich als Sozialarbeiterin Fuß zu fassen. Außerdem ist die Langfassung eines Interviews mit der tschechischen Schauspielerin und Joseph-Goebbels-Geliebten Lída Baarová zu sehen. Darüber läuft ab 15. April auch ein Spielfilm in den heimischen Kinos, mit Karl Markovics in der Rolle des Reichspropagandaministers (Interview zu „Die Geliebte des Teufels“: www.mottingers-meinung.at/?p=18551).

www.crossingeurope.at

Wien, 11. 4. 2016

Lentos Kunstmuseum Linz: Rabenmütter

Oktober 23, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Zwischen Kraft und Krise: Mütterbilder 1900 bis heute

Elena Luksch-Makowsky: Selbstbildnis mit Sohn Peter, 1901 Bild: Österreichische Galerie Belvedere

Elena Luksch-Makowsky: Selbstbildnis mit Sohn Peter, 1901
Bild: Österreichische Galerie Belvedere

Super Mom oder kinderlos. Es scheint, als gäbe es kein selbstverständliches Muttersein mehr, nur Perfektion oder Verzicht. Doch die Mutterrolle hat viele Facetten: Freude, Erfahrung, Liebesbeziehung, Lernen, Übermut – aber auch Frust, Erwartungsdruck und Versagensangst. Die Ausstellung „Rabenmütter. Zwischen Kraft und Krise: Mütterbilder von 1900 bis heute“, die ab 23. Oktober im Lentos Kunstmuseum Linz zu sehen ist, zeigt den Wandel und die Verschiebung des Blicks auf Mütter und ihre Kinder.

Im 19. Jahrhundert wurde Mutterschaft kaum in Frage gestellt, auch wenn die Überhöhung des Mutterglücks im krassen Gegensatz zur Realität stand. Erst mit Karrieremöglichkeiten für Frauen entstanden Alternativen zur Mutterschaft als Ziel eines erfüllten Lebens. Doch nicht erst die feministische Kunst der 1960er-Jahre zeichnet realistische Bilder der Mutterrolle, sondern bereits am Beginn des Jahrhunderts entstehen Darstellungen sozialer Wirklichkeit und individueller Konflikte. Die Schau stellt in weiterer Folge die „Optimierungslogik“ heutiger Lebensentwürfe zur Diskussion und macht Hoffnung auf eine Wende: Immer mehr Frauen mit Kindern widersetzen sich den komplexen, oft stressigen Anforderungen des Alltags und hinterfragen ihre Lebenswelt zwischen Karriere, Kindern und Konsum …

Schwangerschaft, Geburt, Abtreibung, das Leben mit Kindern, die Entscheidung gegen Kinder, die Auseinandersetzung der Kinder mit ihren Müttern – alle diese Themen werden von Künstlerinnen und Künstlern aufgenommen. Gezeigt werden unter anderem Werke von Louise Bourgeois, Kiki Kogelnik, Käthe Kollwitz, Maria Lassnig, Elena Luksch-Makowsky, Karin Mack, Paula Modersohn-Becker, Shirin Neshat und Anna Witt.

www.lentos.at

Wien, 23. 10. 2015

Susanne Lietzow inszeniert in Linz und Feldkirch

September 8, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater Phönix: Leonce und Lena

Projekttheater: Foxfinder

Julia Jelinek, Felix Rank, Rebecca Döltl Bild: © Marie Luise Lichtenthal

Julia Jelinek, Felix Rank, Rebecca Döltl
Bild: © Marie Luise Lichtenthal

Susanne Lietzow ist zurzeit in Oberösterreich und in Vorarlberg als Regisseurin zugange. Am Linzer Theater Phönix bringt sie am 10. September Georg Büchners virtuoses Spiel „Leonce und Lena“ auf die Bühne. Sein 1836 verfasstes einziges Lustspiel ist ein absurd-romantisches Märchen, eine bitterböse Satire über die politischen und sozialen Verhältnisse seiner Zeit. Eine Persiflage auf die Weltfremdheit und Dekadenz eines elitären Standes, der es sich leisten kann, sich Langeweile zum Problem zu machen, während das Volk schuften muss, um zu überleben. Das Theater Phönix sieht in Büchners Kritik an der Ausbeutung des Menschen durch den Staat und das Feudalsystem durchaus Parallelen zu den Zuständen unserer Zeit. Es gehe um eine „No-Way-Out-Generation, die sich in einer ausweglosen Situation befindet“, so die Regisseurin. Das Stück habe „sowohl eine romantische als auch eine politische Seite in einer einzigartigen Sprache, die direkt unter die Haut geht.“

Julia Jelinek, die gleichzeitig in den österreichischen Kinos im Film „Der Blunzenkönig“ an der Seite von Karl Merkatz zu sehen ist, wird die Prinzessin Lena verkörpern, die vor der arrangierten Ehe mit Prinz Leonce flüchtet und sich inkognito dennoch in ihn verliebt. Phönix-Stammspieler David Fuchs wird den Prinzen Leonce spielen. Außerdem zu sehen: Rebecca Döltl, Tänzer und Choreograf Daniel Feik, neu im Phönix-Team: Markus Hamele, Klaus Huhle („Ihm laufe ich schon seit vier Jahren nach!“, sagt Lietzow), Sebastian Pass und Felix Rank. „Leonce und Lena“ spielt diesmal auf Kunsteis – und das Schauspielteam auf Eislaufschuhen. Dafür gab es Unterricht vom Linzer Eiskunstlaufverein.

Am 17. September folgt am Projekttheater Susanne Lietzows Inszenierung von Dawn Kings „Foxfinder – Zeit der Füchse“. In ihrem preisgekrönten Stück zeichnet die britische Autorin eine raffiniert-groteske Parabel auf den Überwachungsstaat. Eine aberwitzige Ausgangssituation, überzeichnete Figuren und pointierte Stakkato-Dialoge machen „Foxfinder“ zu einem Stück wie gemacht für das Ensemble des Projekttheaters. Den Menschen geht es schlecht. Wirtschaftliche Schwierigkeiten und Missernte sorgen für Unmut und Verzweiflung in einer ländlichen Gegend irgendwo in England. Ein Feindbild muss her. Der Fuchs. Er verseucht die Bauernhöfe, beeinflusst das Wetter, manipuliert Träume und Verstand und tötet unschuldige Kinder – predigt der staatliche beauftragte „Foxfinder“ William Bloor, gespielt von Rafael Schuchter. Er platzt in die Welt des Ehepaars Samuel (Marc Fischer) und Judith Covey (Martina Spitzer) und der Nachbarin Sarah (Maria Hofstätter). Das Ehepaar Covey, geschockt vom plötzlichen Tod des Sohnes und verzweifelt wegen der schlechten Ernte, wird zur Zielscheibe des Foxfinders. Gespielt wird am magischen Ort der Johanniterkirche Feldkirch.

Im Februar/März 2016 kommt die Produktion als Gastspiel ins Theater Nestroyhof Hamakom.

www.theater-phoenix.at

www.projekttheater.at

Wien, 8. 9. 2015