Kino wie noch nie: Sechs Filme als Freiluft-Preview

Juni 21, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Leonard Cohen, Lady Diana und der Sundance-Hit

The Princess. Bild: © Polyfilm

Das wunderschöne „Kino wie noch nie“ öffnet in Kooperation mit der Viennale am 23. Juni wieder seine Pforten im Wiener Augarten für alle cinephilen Freiluftfreundinnen und -freunden. Polyfilm zeigt in diesem Rahmen sechs Filme als Preview – noch vor dem Kinostart im Herbst/Winter.

The Princess von Ed Perkins. Termine: 29.6. – 21.30 Uhr Augarten, 30.6. – 19.30 Uhr Metro

Zum 25. Todestag der Princess of Wales kommt mit „The Princess“ die ultimative Diana-Doku ins Kino, die als Sundance-Höhepunkt gefeiert wurde. Produziert vom Oscar-prämierten Team von „Searching for Sugarman“ erzählt der Film erstmals Dianas ganze Geschichte, mit noch nie gezeigten Archivaufnahmen. Es entsteht ein überraschendes und überwältigendes Bild einer Frau, die heute aktueller und moderner denn je erscheint.

Papicha von Mounia Meddour. Termine: 9. 7. – 21.30 Uhr Augarten, 10. 7. – 19.30 Uhr Metro

Algier in den 1990er-Jahren. Die 18-jährige Studentin Nedjma lebt im Studentenwohnheim und träumt davon, Modedesignerin zu werden. Nach Einbruch der Nacht schlüpft sie mit ihren besten Freundinnen durch den Zaun des Wohnheims, und geht in den Nachtclub, wo sie den „Papichas“, hübschen algerischen Mädchen, ihre Kreationen verkauft. Die politische und soziale Lage im Land verschlechtert sich zunehmend. Ungeachtet dieser Ausweglosigkeit beschließt Nedjma, für ihre Freiheit zu kämpfen, und veranstaltet eine Modenschau, mit der sie sich über alle Verbote hinwegsetzt. Die Geschichte ist inspiriert von den eigenen Erfahrungen der Regisseurin Mounia Meddour und ihrer vier Freundinnen, die alle von einem neuen Leben träumten.

Mein Wenn und Aber von Marko Doringer. Termine: 15. 7. – 21.30 Uhr Augarten, 16. 7. – 19.30 Uhr Metro

Um sich selbst zu verwirklichen, muss man erst mal wissen, was man will. „Mein Wenn und Aber“ ist ein bitter-süßer Beziehungsfilm über die Vereinbarkeit von Beruf und Liebe – und den täglichen Kampf ums Glück. Marko besucht Freunde, Kolleginnen und seine Eltern, um herauszufinden, wie sie mit dem fragilen Gefüge von Partnerschaft, Familie und Arbeit umgehen. Seine Generation ist hin- und hergerissen: Auf der einen Seite die Freude an der Arbeit. Auf der anderen Seite die Angst, dem Partner oder den Kindern nicht gerecht zu werden. Dazwischen der Wunsch, die Versäumnisse der eigenen Eltern nicht zu wiederholen. Gibt es ein Glücksrezept für ein gelungenes Leben? Einfühlsam, beharrlich und humorvoll erforscht Regisseur Marko Doringer die Gefühlswelt einer Generation, die um ihren Weg ringt. Damit kommt nach „Mein halbes Leben“ und „Nägel mit Köpfen“ der dritte Teil der österreichischen Kultserie ins Kino. Preview in Anwesenheit des Regisseurs.

Hive von Blerta Basholli. Termine: 17. 7. – 21.30 Uhr Augarten, 18. 7. – 19.30 Uhr Metro

Dieser starke Debütfilm wurde zum Sundance-Hit. Um ihre Familie zu versorgen, gründet Fahrije, Alleinerzieherin deren Mann im Kosovokrieg verschollen ist, ein kleines landwirtschaftliches Unternehmen. Zusammen mit anderen Frauen aus dem Dorf beginnt sie die Gemüsepaste Ajvar zu produzieren. Ihre Bemühungen, sich und andere Frauen zu stärken, werden in ihrem traditionellen, patriarchalischen Dorf nicht gern gesehen. Doch auch die Männer können ihren Erfolg nicht verhindern. Eine ermutigende Emanzipations-Geschichte über Frauensolidarität nach wahren Begebenheiten. Sundance Festival 2021: Publikumspreis, Beste Regie, Großer Preis der Jury.

Mona Lisa und der Blutmond: Tolles Comeback von Kate Hudson. Bild: © Polyfilm

Höhepunkt in Venedig: Hallelujah: Leonard Cohen, A Journey, A Song. Bild: © Polyfilm

Hive: Preisgekrönter Sundance-Hit. Bild: © Polyfilm

Aus Österreich: Mein Wenn und Aber. Bild: © Polyfilm

Hallelujah: Leonard Cohen, A Journey, A Song von Daniel Geller und Dayna Goldfine. Termine: 23. 7. – 21.30 Uhr Augarten, 24. 7. – 19.30 Uhr Metro

Ein Höhepunkt des Filmfestivals Venedig 2021: berührend, erhellend, witzig und musikalisch erhaben. „Hallelujah: Leonard Cohen, A Journey, A Song“ ist nach dem großen Kinoerfolg „Marianne & Leonard“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35793) der zweite Dokumentarfilm innerhalb weniger Jahre, der sich mit Leonard Cohen beschäftigt. Der titelgebende Jahrhundersong, eines der am meisten gecoverten Lieder der Popgeschichte, ist das Prisma, durch das Leben und Werk des legendären kanadischen Musikpoeten erzählt wird. Von den Anfängen bis zu seinem letzten Auftritt.

Mona Lisa und der Blutmond von Ana L. Amirpour. Termine: 12. 8. – 21.00 Uhr Augarten, 13. 8. – 19.30 Uhr Metro

Eine seltsame junge Frau mit merkwürdigen Superkräften, eine alleinerziehende Stripperin – ein tolles Comeback von Kate Hudson – und ihr kleiner Sohn sind das liebenswerteste Trio dieses Freiluft-Kinosommers. Gemeinsam machen sie New Orleans unsicher und das macht richtig viel Spaß. Inspiriert von Abenteuerfilmen der 1980er-Jahre, kreiert die iranisch-amerikanische Regisseurin Ana Lily Amirpour nach ihrer Sensation „A Girl Walks Home Alone at Night“ erneut einen wuchtigen und überraschenden Film, der ziemlich einzigartig ist – und sehr cool.

Außerdem auf der großen Freiluftleinwand: Der Publikumshit

Abteil Nr. 6 von Juho Kuosmanen. Termine: 1. 7. – 21.30 Uhr Augarten, 2. 7. – 19.30 Uhr Metro

Der finnische Regisseur Juho Kuosmanen schickt zwei Außenseiter auf eine amüsante und zutiefst berührende Reise, auf der sie – ganz ohne Kitsch – mit der Wahrheit ihrer Gefühle konfrontiert werden. Nur wenige Menschen zieht es im Winter ins eisige Murmansk am nördlichen Polarkreis. Die schüchterne finnische Archäologie- studentin Laura aber ist fest entschlossen, die berühmten Felsenmalereien der Stadt zu besichtigen – eine unglückliche Romanze, die sie in Moskau hinter sich lässt, motiviert ihren Entschluss umso mehr. Die Aussicht auf eine beschauliche Eisenbahnfahrt zerschlägt sich als Laura ihren Mitreisenden im Abteil Nr. 6 kennenlernt:

 

Ljoha ist Bergarbeiter, trinkfest und laut, ein Typ, der keine Grenzen zu kennen scheint und Lauras schlichtweg ignoriert. Doch während der nächsten Tage ihrer gemeinsamen Reise müssen die ungleichen Passagiere auf engstem Raum miteinander auskommen lernen … Zum Sound von „Voyage Voyage“ nimmt Kuosmanen das Publikum mit auf eine atmosphärische Reise durch das winterliche Russland der späten 1990er-Jahre, auf der sich zwei Menschen über alle Kultur- und Klassengrenzen hinweg begegnen und näher kommen. Ein liebevoll raues, melancholisch-komisches Roadmovie auf Schienen, inspiriert durch den gleichnamigen Roman von Rosa Liksom (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=3148).

www.polyfilm.at          Das ganze Programm und Tickets: www.filmarchiv.at/news/kino-wie-noch-nie-2

21. 6. 2022

Academy Awards Streaming: The Midnight Sky

April 12, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

George Clooneys Oscar-nominierte Klimadystopie

Der todkranke Astronom Augustine Lofthouse bleibt allein in einer Wetterstation in der Arktis zurück: George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Zu Unrecht von den diversen Jurys übergangen darf sich George Clooneys Klimadystopie „The Midnight Sky“ fühlen. Zwar gab’s bisher von den Golden Globes bis zu den BAFTA Awards 48 Nominierungen, aber nur drei Auszeichnungen: Bei den Satellite Awards 2020 der International Press Academy ging der Preis für die Beste Filmmusik an Alexandre Desplat, die Visual Effects Society bedachte

„The Midnight Sky“ bei den VES Awards 2021 mit den Auszeichnungen für die Besten visuellen Effekte in einem Realfilm und Raumschiff „Aether“ für das Beste Modell in einem Real- oder Animationsfilm. Und auch punkto Academy Awards war nur eine Nominierung für die Besten visuellen Effekte drin. Weil diese Trophäen-Flaute für den verrätselten Sci-Fi-Film nicht okay ist, hier noch einmal die Filmkritik vom Jänner 2021:

Die totenstille Welt, die wir den Kindern hinterlassen

Mittendrin gönnt sich George Clooney den schönsten Space-Song seit Major Tom, wenn Mitchell, Pilot des NASA-Raumschiffs Aether, Neil Diamonds „Sweet Caroline“ an- und nach und nach die ganze Crew in den Refrain miteinstimmt. Gerade ist man einem Meteoritenhagel entkommen und an der Außenhülle der Aether müssen Reparaturen vorgenommen werden. Doch beim riskanten „Weltraumspaziergang“ ein Moment des gemeinsamen Kräftesammelns, ein lautstarker Lobgesang auf den Zusammenhalt – der Mensch als soziales Wesen, diese kurze Szene von inhaltlich anscheinend keiner Relevanz, ist die Message, die Clooney dem Publikum seines im Jänner auf Netflix uraufgeführten Films „The Midnight Sky“ mit auf den Weg geben will.

Clooney, Regisseur und Hauptdarsteller, ließ fürs Sci-Fi-Survival-Drama Lily Brooks-Daltons postapokalyptischen Roman „Good Morning, Midnight“ für die Bildschirme adaptieren, von keinem Geringeren als „Revenant“-Drehbuchautor Mark L. Smith, einem Spezialisten für viel Spannung bei wenigen Worten. Die im Februar 2020 auf Island und den Kanaren entstandenen, teilweise unwirklich schönen, atemberaubenden Bilder stammen von Kameramann Martin Ruhe, mit dem Clooney im Jahr davor bei seiner Miniserie „Catch 22“ zusammengearbeitet hat.

Während die Aether-Besatzung zurück zur Erde düst, sind auf dieser die beiden Pole die einzig verbliebenen Orte, an denen es noch genug Sauerstoff zum Atmen gibt – und auch das nicht mehr für lange. Es ist das Jahr 2049, ein „Ereignis“ hat stattgefunden, und das arktische Barbeau Observatorium wurde vollständig evakuiert – oder ist das Leben der „in Sicherheit“ Gebrachten bereits ausgelöscht? Nur der todkranke Astronom Augustine Lofthouse hat sich entschlossen zu bleiben.

George Clooney in den atemberaubend schönen Bildern von Martin Ruhe. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Suche nach dem Weg zum Lake Hazen: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Das Funkgerät hat den Geist aufgegeben: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Wanderer durchs ewige Eis: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Mutterseelenallein und müden Blicks schlurft Clooney durch die leeren Gänge seines Endzeitszenarios, die scheint’s schicksalsergebene Gleichmütigkeit nagt an Augustine wie der Krebs, mal schließt er sich ans Dialysegerät an, mal kniet er kotzenden vor der Kloschüssel, die Tabletten wirft er händeweise ein. Als junger Wissenschaftler hatte der Klimadystopist die Theorie von der Bewohnbarkeit des Jupitermondes K23 aufgestellt, diese zu überprüfen war die Aether ausgesendet worden, doch auf der Heimreise ist man vom Kurs ins unkartografierte All abgekommen – und keine Funkverbindung im ganzen Kosmos.

„The Midnight Sky“ erzählt diese zwei, eigentlich drei Handlungsstränge parallel. Augustine findet versteckt in der Stationsküche ein etwa achtjähriges Mädchen, Neuentdeckung Caoilinn Springall, deren ausdrucksstarke Performance schwer beeindruckt, denn die Figur ist stumm, und die kleine Springall spricht Bände mit ihren großen blauen Augen – in denen die unausgesprochenen Fragen an das Versagen der Erwachsenen stehen. Eine entsprechende Blume malt sie, also „Iris“ heißt sie, gibt sie Augustine zu verstehen, der sich ob ihres Anblicks erst geistesverwirrt glaubt.

Und Essig ist’s mit dem in Whiskey-Laune dem Ende Entgegendämmern, der griesgrämige Märtyrer mit dem Prophetenbart schaltet in den Überlebensmodus einer Vaterfigur, der selbsternannt „letzte Mensch auf Erden“ hat nun eine Rettungsmission, mit Iris bricht er auf ins ewige Eis. Zum Observatorium am Lake Hazen, mit dessen reichweitenstärkerer Antenne er hofft, da draußen jemanden zu erreichen – es wird dies (no na) Aether-Mission-Specialist Sully sein.

Die werdenden Eltern Sully und Adewole: Felicity Jones und David Oyelowo. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Pilot Mitchell sieht als erster die verheerte Erde: Kyle Chandler. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Crewmitglieder Sanchez und Maya: Demián Bichir und Tiffany Boone. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Sully will die Außenhülle des Raumschiffs reparieren: Felicity Jones. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Es ist bemerkenswert, wie Clooney in seinem Beinah-Stummfilm der Sprachlosigkeit der Charaktere Raum gibt. Dass diese Übung, der die literarische Gedanken-Freiheit durch Clooneys Verzicht auf eine „Stimme aus dem Off“ verunmöglicht ist, gelingt, liegt am fabelhaften Cast. Auf der Aether sind dies Felicity Jones als Sully, David Oyelowo als Flugkommandant Adewole, Tiffany Boone als Flugingenieurin Maya, Kyle Chandler als Pilot Mitchell und Demián Bichir als Aerodynamiker Sanchez.

Das Team im Gegensatz zum Buch multiethnisch, und noch etwas hat Clooney geändert: Als ihm nämlich Felicity Jones während der Dreharbeiten freudestrahlend eröffnete, dass sie ein Kind erwarte, machte er aus der Not eine fiktionale Tugend und baute die Schwangerschaft ins Script ein – mit Adewole als Vater für Sullys Baby. Ein unerwarteter Twist, der die Deutlichkeit der im Film gestellten Frage, welche Welt wir unseren Kindern hinterlassen wollen, nur verstärkt, hier Iris und mutmaßlich „Caroline“, siehe Song, da sich nach Ultraschall-Feststellung des Geschlechts alle Astronauten bei der Namensfindung fürs Ungeborene geradezu überschlagen.

In den funktionell-kühl und kahlen Umgebungen von Forschungs-Isolations-Station und Raumschiff ist die einzige Herzenswärmequelle die Nähe, die einer beim anderen sucht. Die unendliche Stille des Weltalls, die totenstillen Weiten der Welt durchbricht Clooney mit ein wenig CGI-Action, aber nie so viel, dass sie seine Schauspielerinnen und Schauspieler klein macht. Herzenswärme, das war für den jungen Augustine ein Fremdwort, in Traumsequenzen blendet das von der Krankheit ausgezehrte Alter Ego zurück in sonnige Tage.

Als der Workaholic die Liebe von Jean zurückwies, weil er lieber Leben auf anderen Planeten suchte, während ihm sein eigenes durch die Finger rannte, Jean, die ihm Jahre später eröffnet, dass er Vater einer Tochter sei. Lange Zeit bleibt „The Midnight Sky“ ein verrätselter Film, bis sich das hier Beschriebene aufdröselt, eine trostlose, emotional so dichte und derart schwerelos-langsam erzählte Story, dass man sich ihrer Wirkmacht schier nicht zu entziehen vermag, Augustine ein pragmatischer, doch nicht kaltblütiger Mann, der bis zum Töten tut, was getan werden muss, der Rücken gebeugt von der Last des eigenen und von der Menschheit selbstverschuldeten Verlusts.

Der alte Mann und die Klimakatastophe: George Clooney als Astronom Augustine Lofthouse. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Welche Crewmitglieder verlassen die „Aether“ und wer bleibt an Bord? Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Ohne seinen handelsüblichen Gute-Laune-Charme verkörpert Clooney dies Wesen mit einer Präzision und Schärfe, die einen frösteln lässt. Wie Augustine, als er durch die von der Erderwärmung angetauten Eisschollen bricht, wodurch sich die Winterwelt in tosende Wassermassen verwandelt, eine hochdrama- tische Szene zum Dominium terrae und seiner Gefährlichkeit. Eine Bibelstelle, die neue Über- setzungen als ein Anvertrauen und Schützen der Schöpfung auslegen, für jene, denen der Fortschritts- nicht der einzige Glaube ist.

„Wir haben uns in Ihrer Abwesenheit nicht gut um sie gekümmert“, sagt Augustine, als die Astronauten fassungslos einen ersten Blick auf ihre zerstörte Heimat erhaschen. Was also bleibt der Mannschaft zu tun? Jenen Mitgliedern, die hoffen, ihre auf der Erde zurückgelassenen Familien in einem Evakuierungslager zu finden, jenen, die nach Augustines finaler Warnung und seinem langgefassten Plan folgend umdrehen wollen, weil sie sich wie moderne Adam und Eva einen Neuanfang auf K23 wünschen. Der Abschied naht, Augustine Lofthouse hat seinen letzten Auftrag erfüllt …

[Spoiler – Denn Sully bittet ihr großes wissenschaftliches Vorbild beim den Film beendenden Dialog, sie beim Vornamen zu nennen. Ihre Mutter, erklärt sie, habe früher mit ihm zusammengearbeitet, doch Professor Lofthouse werde sich wohl nicht mehr an Jean erinnern, sie selbst jedenfalls sei nur seinetwegen dem Raumfahrtprogramm beigetreten, ihr Name, man ahnte es schon: Iris. Ihr achtjähriges Phantasma, erkennt die Zuschauerin, der Zuschauer jetzt, war Augustines Kopfgeburt, ein Katalysator für sein Handeln – und so sieht man Clooney in einer abschließenden Einstellung vorm Sonnenuntergang, die Hand ausgestreckt als würde er immer noch und zugleich endlich die kindliche Iris damit festhalten. – Spoiler-Ende]

Im Jahr eins nach Ausbruch der Pandemie ist Clooneys Weltendrama wie geschaffen zum Nachdenken darüber, wohin die Reise gehen soll. Ob es möglich sein wird, im Bewusstsein neuer Gefahrenherde ein ebensolches für die Verletzlichkeit der Zivilisation und die Hybris der Menschheit zu schaffen? Ob die digitale Vereinsamung die Lockdowner den Wert eines realen Anderen erkennen lässt? Mit ihren Versorgungskabeln wie mit Nabelschnüren ans Mutterschiff gebunden singt es die Aether-Crew im All: „Hands, touching hands / Reaching out, touching me, touching you“. Stärker berühren könnte einen George Clooney nicht. Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=44003

Trailer dt./engl.: www.youtube.com/watch?v=cGjVxSbCZFE          www.youtube.com/watch?v=DXUUqr3AFKs           www.netflix.com

12. 4. 2021

Academy Awards Streaming: Gary Oldman ist „Mank“

März 20, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

David Finchers Meisterwerk ist nominiert für zehn Oscars

Ein ziemlich verkaterter Mank am William-Randolph-Hearst-Privatset: Gary Oldman und Amanda Seyfried als Marion Davies. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Mit den meisten, das sind dieses Jahr zehn Nominierungen geht der Netflix-Film „Mank“ ins Rennen um die Academy Awards 2021, und zwar in den Oscar-Kategorien: Bester Film, David Fincher für Beste Regie, Gary Oldman als Bester Hauptdarsteller, Amanda Seyfried als Beste Nebendarstellerin, Erik Messerschmidt für Beste Kamera, Donald Graham Burt

und Jan Pascale für Bestes Szenenbild, Trish Summerville für Bestes Kostümdesign, Trent Reznor und Atticus Ross für Beste Filmmusik, Gigi Williams und Team für Bestes Makeup und Frisuren sowie Ren Kylce und Team für Besten Ton. Hier noch einmal die Filmrezension vom vergangenen November:

The Making of „Citizen Cane“ und Hollywoods Fake News

Einer der außerordentlichen Eindrücke in diesem Film sind die Fade-Outs. Langsam kommen sie, zögerlich, kein Schwarz soll die Sequenz zu schnell beenden, stattdessen ein Moment des Unerledigten bleiben, könnt‘ ich zum Augenblicke sagen …, bis schließlich die Gegenwart von 1940 in Flashbacks aus den Dreißigerjahren entschwindet. Dazu auf der Schreibmaschine getippte Szenenüberschriften – Schauplatz, Tageszeit, Situation …

David Fincher hat für Netflix „Mank“ gedreht, die Story um die Entstehungsgeschichte des Filmdramas „Citizen Kane“, Orson Welles‘ Hollywood-Einstand mit ihm als Regisseur, Hauptdarsteller und Produzent, bis heute auf der Top-Ten-Liste der besten Filme aller Zeiten – und wie jedes Meisterwerk von einem Mythos umrankt. Dieser hier betrifft Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz, der im Abspann gerade mal als Co. genannt wird, alldieweil US-Kritikstar Pauline Kael schon 1971 im New Yorker auf Manks alleinige Autorschaft verwies. Ein Essay, den Davids Vater Jack Fincher bereits vor Jahrzehnten für sein Script studierte.

Da liegt also Mank im Bett, nach einem Autounfall mit Liegegips verarztet, auf einer Ranch in der Mojave-Wüste 85 Meilen nordöstlich von Los Angeles, wo, so hoffen die ihn dort einquartiert haben vergeblich, für den Alkoholiker nichts Hochprozentiges, dafür eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre zu finden ist. Das lädierte Bein ist gleichsam Sinnbild einer angeknacksten Karriere, Mank hat es sich mit MGM-Boss Louis B. Mayer verscherzt, jetzt soll die in Ungnade gefallene Edelfeder im Auftrag von RKO ein Drehbuch für Orson Welles verfassen.

Welles wer? Das neue Boy Wonder von der Ostküste gibt sein Traumfabrik-Debüt und hat dafür von RKO Carte blanche bekommen, seine „War of the Worlds“-Massenpanik eilt dem 24-Jährigen als Ruf voraus – und Tom Burke spielt einen sich selbst vergötternden Egomanen, der von seinem Genie einfach hingerissen ist. Eine Ich-Sucht, vor den lasterhaften, lästerlichen Mank geworfen, als wären‘s Schnapsperlen ins Whiskeyglas. Sechzig Tage hat er Zeit, so lange haben’s nicht einmal die biblischen Propheten in der Trockenzone ausgehalten. Zur Inspiration lässt sich Mank ergo erst einmal von der deutsch-jüdischen Haushälterin und Pflegerin Fräulein Freda, Monika Gossmann ehrenwert und ergeben, die Hausbar füllen, was wiederum der neuen, resoluten, moralisch entrüsteten Sekretärin Mrs. Rita Alexander, Lily Collins, nicht behagt.

Charles Dance als Medienmogul und Kane-Vorbild William Randolph Hearst. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Amanda Seyfried als dessen Dauergeliebte und Schauspielerin Marion Davies. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Tom Burke gibt den selbstverliebten Wonder Boy Orson Welles. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Oldman mit Arliss Howard als Louis B. Mayer und Tom Pelphrey als Manks Bruder Joe. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Gary Oldman in einer platonischen Ménage à trois, das Eheweib „poor Sara“, Tuppence Middleton wunderbar krisengeschmiedet, hat er zuhause gelassen, so ist Oldmans Mank: ein charmant ramponiertes, kauziges Scheusal, einer, der mit seinen pointierten Sagern und wohldosierten Beleidigungen die zynische Zier jeder Party ist, belesen, ein Poet, ein Philosoph, ein Philanthrop, letzteres gut versteckt (in einem Küchengespräch erfährt etwa Rita, dass Mank Fredas ganzes Dorf vor den Nazis in die USA gerettet hat), liebenswert, wenn er jemanden mag, was ihn demjenigen gegenüber hilflos macht, Oldman – in jeder Hinsicht ein Sympathicus.

David Fincher hat den „Citizen Kane“ en détail erforscht, konterkariert Welles‘ Deep Focus Cinematography, seine Point-of-View-Shots mit einer Nonchalance und Nachlässigkeit ähnlich der seines Protagonisten, während die Vorspanntitel das Golden Age in La La Land imitieren, Fincher verwichene Manierismen neu interpretiert. Nicht nur jenem dem aktuellen Kino abhandengekommenen Stilmittel Abblende wird gefrönt, künstlich eingefügte Kratzer und Marker sollen den Eindruck erwecken, dass man hier tatsächlich Filmrollen eingelegt hat. Fincher lässt seinen Film so ein eigenes, warmes Timbre entwickeln, diese achtsame inszenatorische Geste ist dem Regisseur offensichtlich Herzenssache.

Doch wiewohl von Kameramann Erik Messerschmidt in versonnen-traumverlorenem Schwarzweiß festgehalten, ist „Mank“ keine verwehte Nostalgie, keine Sentimentalität, keine schluchzenden Geigen à la anno Schnee, sondern eine durch und durch zeitgenössische Produktion. Fincher verschiebt die Perspektiven, die Betrachtungsweisen und Standpunkte, er erzählt, was sonst selten der Erzählung für Wert befunden wird. Finchers Rückblendenstruktur arrangiert die Geschehnisse neu, ordnet deren Chronologie um, flicht historisch nicht verbürgte Figuren oder Episoden ein und stellt legendäre Sätze in einen anderen Kontext. Mankiewicz‘ zweitberühmtesten Satz „There, but for the grace of God, goes God“ ruft Oldman Orson Welles hinterher.

Der sardonische Welles geistert meist als sagenumwobene Telefonstimme durch den Äther; viel näher als ihm ist Fincher den Figuren in den Rückblenden. Diese beginnen 1930, als Mank nach durchfeierter Nacht und hinlänglich verkatert auf Hearst Castle erwacht, Schloss und Anwesen samt Privatzoo des Medienmoguls William Randolph Hearst, den Grandseigneur Charles Dance als ebensolchen gibt, ein Machtmensch, ein Massenmanipulator, Meinungs- und Ministermacher und von den ihm Verpflichteten bestenfalls amüsiert.

Mank stolpert mitten in Dreharbeiten auf Hearsts Privatset – und wie Charles Dance auf dem Kamerawagen heransaust, ist vom Feinsten. Die folgenden geschliffenen Dialoge sind im englischen O-Ton noch gewitzter. Wenn Oldmans Mank mit den „supporting devices“ per Augenwinkern eindeutig den versteckten Alkohol meint, doch auf Deutsch mit dem durchaus korrekten Vokabel „Stützvorrichtung“ (für den geh-gehandicapten) übersetzt wird, so trifft das eben nicht den Kern von Vater Finchers Komödiantik.

Gary Oldman mit Lily Collins als Sekretärin und Alkohollehrling Rita Alexander. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Monika Gossmann als deutsch-jüdische Pflegerin Fräulein Freda. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Angewidert sieht Mank Louis B. Mayers Fake News: Gary Oldman. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Mayer verkündet Lohnkürzungen für die Studiobelegschaft: Arliss Howard. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Fincher-Sohn gibt Hearst durch die Flashbacks eine zentrale Rolle im zunehmend eskalierenden Konflikt. Durch den Alkoholnebel wabern Manks Erinnerungen und befeuern den Schreibprozess, Hearst ist Kane, ach, Rosebud! Hearst wird mit Mank noch Schlittenfahren, doch vorerst lernt er dessen Dauergeliebte, Ex-Ziegfeld-Follie, Schauspielerin Marion Davies kennen, Amanda Seyfried als Wasserstoffblondine mit wachem Verstand, in der Mank eine Seelenverwandte findet.

Die Studiobosse, die an Hearsts Intrigenfäden wie Marionetten zappeln, werden vorgestellt, allen voran Arliss Howard als maliziöser, vom Machtrausch mickriger Männer angesäuselter Louis B. Mayer. Bezeichnend eine Wirtschaftskrisen-Szene in der Mayer der als „meine Mischpoche“ geherzten Studio-Belegschaft mit blumigen Worten die Hälfte der Gehälter abschwatzt. Diese Chuzpe macht sogar Mank sprachlos.

Der Republikaner Hearst bedient sich der Suggestivkraft des Kinos, um im kalifornischen Gouverneurs-Wahlkampf von 1934 eine schmutzige Kampagne gegen den Schriftsteller und Sozialisten Upton Sinclair zu führen, und seinen Mann Frank Merriam groß zu machen. Fincher zeigt den politischen Druck auf die MGM-Künstlerinnen und -Künstler, die ohne eine Widerrede zu wagen in Mayers Anti-Sinclair-Fonds einzahlen müssen. Der an Felix E. Feist angelehnte Shelly Metcalf, Jamie McShane, zeigt Mank schließlich, was Mayer ihm als erste Regie-Chance angepriesen hat:

„Interviews“ mit Merriam-Wählern und Sinclair-Gegnern, allesamt gecastete Schauspielerinnen und Schauspieler, arbeitslose Mimen, die sich um die Mitwirkung in den Propagandaspots rissen, Fake News made by Film Industry, und mag Manks Prinzipienfestigkeit auch nur bis zur nächsten Bar reichen, diese Korruptheit stößt ihm saurer auf als Sodbrennen. Es ereignet sich Eskalation eins bei der Wahlabendparty im Trocadero Nachtclub, als Mank sein heute hochaktuelles: Man muss nur lang und laut genug die Unwahrheit sagen … vom Stapel lässt.

An solchen Stellen bekommt Finchers Film politische Tiefenschärfe. Später, in der 1940er-Mojave, wird er seinem Bruder Joe, Tom Pelphrey als schmucker Bursche eine Art Mank 2.0, der ihn vorm beruflichen Selbstmord warnt, heißt: sich nicht mit Hearst anzulegen, bescheiden: „Wir müssen achtsamer sein!“ – „Weswegen?“ – „Wegen der Menschen, die im Dunkeln sitzen …“ [Joseph wird als Autor-Regisseur und Oscarsammler von „All about Eve“ mit Bette Davis, „Julius Cäsar“ mit Marlon Brando bis „Cleopatra“ mit Elizabeth Taylor und Richard Burton, zuletzt „Sleuth“ mit Laurence Olivier und Michael Cane, den älteren übertreffen, Anm.]

Partycrasher Mank blamiert Mayer und sich selbst: Gary Oldman. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Not amused: Arliss Howard als Mayer und Charles Dance als Hearst. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Die Wahlnacht 1934: Tuppence Middleton als „die arme Sara“ (M.). Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Ein Oscar fürs Beste Original-Drehbuch: Gary Oldman als Mank. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Abblende, Aufblende, 1937 und wieder Party. Sturzbetrunken und streitlustig stürmt Mank den Hearst-Zirkus, um ihm sein Sinclair-Komplott vor die Füße zu werfen. Bevor er auf den Teppich kotzt. Der „Hofnarr“ wird vom Hausherrn persönlich hinausgeworfen. Dies die famose Schlüsselszene des Ganzen in der Mankiewicz vor Hearst schon seine Fabel eines megalomanischen Zeitungszaren skizziert. Ein Moment wie ein fiebriger Albtraum, für den Fincher manche Takes bis zu hundertmal wiederholt haben soll. In der Wüste verlangt Mank vom angereisten Orson Welles indes seinen Credit, davor hatte er auf Rechte und Nennung verzichtet, es steht also in zwei Zeitzonen Spitz auf Knopf. Welles‘ Wutausbruch nützt Mank sofort für die Trennungsszene zwischen Kane und seiner zweiten Frau.

Mehr als zwei Stunden lang begeistert Gary Oldman als Mank in Finchers detailreicher Charakterstudie eines sozial unverträglichen Menschen im Minenfeld gesellschaftlicher Konventionen. Welch hochentzündliche Reibefläche, dieser Traumfabrik-Insider, der stets Hollywoods Außenseiter war, welch eine Rolle, dieser überbezahlte, unterforderte in-der-Regel-der-einzige-im-Raum Intellektuelle mit seiner rücksichtslosen Integrität.

In der schönsten Szene spazieren Mank und „Pops“ Starlet Marion bei einem unschuldig-nächtlichen Tête-à-Tête durch Hearsts Privatzoo, vorbei an den Schemen von Giraffen, Raubkatzen und Elefanten. Ein surreales Szenario mit Serengeti-Tonspur, und die beiden um nichts weniger Gefangene des Studiosystems als die Kreaturen im Tiergarten. Mank sagt: „Ich bin wie eine Ratte in einer selbstgebauten Falle, die ich repariere, sobald Gefahr besteht, ihr zu entkommen.“ Und eine Vorahnung von Kanes goldenem Käfig Xanadu, Manks krönender Schöpfung, von deren Genesis niemand überraschter ist als er selbst, liegt in der Luft.

Der Rest ist Geschichte: „Citizen Kane“ wurde 1942 mit neun Oscar-Nominierungen bedacht, darunter Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarsteller, und bei jeder Nennung von Hearst-Getreuen ausgebuht. Schließlich ging der Academy Award in der Kategorie Bestes Original-Drehbuch an Welles und Mankiewicz, die beide der Verleihung fern geblieben waren, Welles, weil er bereits in Mexiko drehte. Auf die Frage der ihm nachgefolgten Journalisten, ob er seinem Mitpreisträger medial etwas ausrichten wolle, antwortet er zumindest im Film: „Tell him he can kiss my ass.“ Am 25. April wird man wissen, wie David Finchers Hommage wie Demontage des klassischen Hollywood abgeschnitten hat.

Trailer/engl.: www.youtube.com/watch?v=aSfX-nrg-lI     www.youtube.com/watch?v=qDFI6EbEF8c     Behind the Scenes: www.youtube.com/watch?v=49LWiBUCauU     www.netflix.com

20. 3. 2021

Streaming: Clooneys Klimadystopie „The Midnight Sky“

Januar 9, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die totenstille Welt, die wir den Kindern hinterlassen

Der todkranke Astronom Augustine Lofthouse bleibt allein in einer Wetterstation in der Arktis zurück: George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Mittendrin gönnt sich George Clooney den schönsten Space-Song seit Major Tom, wenn Mitchell, Pilot des NASA-Raumschiffs Aether, Neil Diamonds „Sweet Caroline“ an- und nach und nach die ganze Crew in den Refrain miteinstimmt. Gerade ist man einem Meteoritenhagel entkommen und an der Außenhülle der Aether müssen Reparaturen vorgenommen werden. Doch beim riskanten „Weltraumspaziergang“

ein Moment des gemeinsamen Kräftesammelns, ein lautstarker Lobgesang auf den Zusammenhalt – der Mensch als soziales Wesen, diese kurze Szene von inhaltlich anscheinend keiner Relevanz, ist die Message, die Clooney dem Publikum seines kürzlich auf Netflix uraufgeführten Films „The Midnight Sky“ mit auf den Weg geben will. Clooney, Regisseur und Hauptdarsteller, ließ fürs Sci-Fi-Survival-Drama Lily Brooks-Daltons postapokalyptischen Roman „Good Morning, Midnight“ für die Bildschirme adaptieren, von keinem Geringeren als „Revenant“-Drehbuchautor Mark L. Smith, einem Spezialisten für viel Spannung bei wenigen Worten. Die im Februar 2020 auf Island und den Kanaren entstandenen, teilweise unwirklich schönen, atemberaubenden Bilder stammen von Kameramann Martin Ruhe, mit dem Clooney im Jahr davor bei seiner Miniserie „Catch 22“ zusammengearbeitet hat.

Während die Aether-Besatzung zurück zur Erde düst, sind auf dieser die beiden Pole die einzig verbliebenen Orte, an denen es noch genug Sauerstoff zum Atmen gibt – und auch das nicht mehr für lange. Es ist das Jahr 2049, ein „Ereignis“ hat stattgefunden, und das arktische Barbeau Observatorium wurde vollständig evakuiert – oder ist das Leben der „in Sicherheit“ Gebrachten bereits ausgelöscht? Nur der todkranke Astronom Augustine Lofthouse hat sich entschlossen zu bleiben.

Mutterseelenallein und müden Blicks schlurft Clooney durch die leeren Gänge seines Endzeitszenarios, die scheint’s schicksalsergebene Gleichmütigkeit nagt an Augustine wie der Krebs, mal schließt er sich ans Dialysegerät an, mal kniet er kotzenden vor der Kloschüssel, die Tabletten wirft er händeweise ein. Als junger Wissenschaftler hatte der Klimadystopist die Theorie von der Bewohnbarkeit des Jupitermondes K23 aufgestellt, diese zu überprüfen war die Aether ausgesendet worden, doch auf der Heimreise ist man vom Kurs ins unkartografierte All abgekommen – und keine Funkverbindung im ganzen Kosmos.

George Clooney in den atemberaubend schönen Bildern von Martin Ruhe. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Suche nach dem Weg zum Lake Hazen: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Das Funkgerät hat den Geist aufgegeben: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Wanderer durchs ewige Eis: Caoilinn Springall und George Clooney. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

„The Midnight Sky“ erzählt diese zwei, eigentlich drei Handlungsstränge parallel. Augustine findet versteckt in der Stationsküche ein etwa achtjähriges Mädchen, Neuentdeckung Caoilinn Springall, deren ausdrucksstarke Performance schwer beeindruckt, denn die Figur ist stumm, und die kleine Springall spricht Bände mit ihren großen blauen Augen – in denen die unausgesprochenen Fragen an das Versagen der Erwachsenen stehen. Eine entsprechende Blume malt sie, also „Iris“ heißt sie, gibt sie Augustine zu verstehen, der sich ob ihres Anblicks erst geistesverwirrt glaubt.

Und Essig ist’s mit dem in Whiskey-Laune dem Ende Entgegendämmern, der griesgrämige Märtyrer mit dem Prophetenbart schaltet in den Überlebensmodus einer Vaterfigur, der selbsternannt „letzte Mensch auf Erden“ hat nun eine Rettungsmission, mit Iris bricht er auf ins ewige Eis. Zum Observatorium am Lake Hazen, mit dessen reichweitenstärkerer Antenne er hofft, da draußen jemanden zu erreichen – es wird dies (no na) Aether-Mission-Specialist Sully sein.

Es ist bemerkenswert, wie Clooney in seinem Beinah-Stummfilm der Sprachlosigkeit der Charaktere Raum gibt. Dass diese Übung, der die literarische Gedanken-Freiheit durch Clooneys Verzicht auf eine „Stimme aus dem Off“ verunmöglicht ist, gelingt, liegt am fabelhaften Cast. Auf der Aether sind dies Felicity Jones als Sully, David Oyelowo als Flugkommandant Adewole, Tiffany Boone als Flugingenieurin Maya, Kyle Chandler als Pilot Mitchell und Demián Bichir als Aerodynamiker Sanchez.

Die werdenden Eltern Sully und Adewole: Felicity Jones und David Oyelowo. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Pilot Mitchell sieht als erster die verheerte Erde: Kyle Chandler. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Crewmitglieder Sanchez und Maya: Demián Bichir und Tiffany Boone. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Sully will die Außenhülle des Raumschiffs reparieren: Felicity Jones. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Das Team im Gegensatz zum Buch multiethnisch, und noch etwas hat Clooney geändert: Als ihm nämlich Felicity Jones während der Dreharbeiten freudestrahlend eröffnete, dass sie ein Kind erwarte, machte er aus der Not eine fiktionale Tugend und baute die Schwangerschaft ins Script ein – mit Adewole als Vater für Sullys Baby. Ein unerwarteter Twist, der die Deutlichkeit der im Film gestellten Frage, welche Welt wir unseren Kindern hinterlassen wollen, nur verstärkt, hier Iris und mutmaßlich „Caroline“, siehe Song, da sich nach Ultraschall-Feststellung des Geschlechts alle Astronauten bei der Namensfindung fürs Ungeborene geradezu überschlagen.

In den funktionell-kühl und kahlen Umgebungen von Forschungs-Isolations-Station und Raumschiff ist die einzige Herzenswärmequelle die Nähe, die einer beim anderen sucht. Die unendliche Stille des Weltalls, die totenstillen Weiten der Welt durchbricht Clooney mit ein wenig CGI-Action, aber nie so viel, dass sie seine Schauspielerinnen und Schauspieler klein macht. Herzenswärme, das war für den jungen Augustine ein Fremdwort, in Traumsequenzen blendet das von der Krankheit ausgezehrte Alter Ego zurück in sonnige Tage.

Als der Workaholic die Liebe von Jean zurückwies, weil er lieber Leben auf anderen Planeten suchte, während ihm sein eigenes durch die Finger rannte, Jean, die ihm Jahre später eröffnet, dass er Vater einer Tochter sei. Lange Zeit bleibt „The Midnight Sky“ ein verrätselter Film, bis sich das hier Beschriebene aufdröselt, eine trostlose, emotional so dichte und derart schwerelos-langsam erzählte Story, dass man sich ihrer Wirkmacht schier nicht zu entziehen vermag, Augustine ein pragmatischer, doch nicht kaltblütiger Mann, der bis zum Töten tut, was getan werden muss, der Rücken gebeugt von der Last des eigenen und von der Menschheit selbstverschuldeten Verlusts.

Der alte Mann und die Klimakatastophe: George Clooney als Astronom Augustine Lofthouse. Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Welche Crewmitglieder verlassen die „Aether“ und wer bleibt an Bord? Bild: Philippe Antonello/Netflix ©2020

Ohne seinen handelsüblichen Gute-Laune-Charme verkörpert Clooney dies Wesen mit einer Präzision und Schärfe, die einen frösteln lässt. Wie Augustine, als er durch die von der Erderwärmung angetauten Eisschollen bricht, wodurch sich die Winterwelt in tosende Wassermassen verwandelt, eine hochdrama- tische Szene zum Dominium terrae und seiner Gefährlichkeit. Eine Bibelstelle, die neue Über- setzungen als ein Anvertrauen und Schützen der Schöpfung auslegen, für jene, denen der Fortschritts- nicht der einzige Glaube ist.

„Wir haben uns in Ihrer Abwesenheit nicht gut um sie gekümmert“, sagt Augustine, als die Astronauten fassungslos einen ersten Blick auf ihre zerstörte Heimat erhaschen. Was also bleibt der Mannschaft zu tun? Jenen Mitgliedern, die hoffen, ihre auf der Erde zurückgelassenen Familien in einem Evakuierungslager zu finden, jenen, die nach Augustines finaler Warnung und seinem langgefassten Plan folgend umdrehen wollen, weil sie sich wie moderne Adam und Eva einen Neuanfang auf K23 wünschen. Der Abschied naht, Augustine Lofthouse hat seinen letzten Auftrag erfüllt …

[Spoiler – Denn Sully bittet ihr großes wissenschaftliches Vorbild beim den Film beendenden Dialog, sie beim Vornamen zu nennen. Ihre Mutter, erklärt sie, habe früher mit ihm zusammengearbeitet, doch Professor Lofthouse werde sich wohl nicht mehr an Jean erinnern, sie selbst jedenfalls sei nur seinetwegen dem Raumfahrtprogramm beigetreten, ihr Name, man ahnte es schon: Iris. Ihr achtjähriges Phantasma, erkennt die Zuschauerin, der Zuschauer jetzt, war Augustines Kopfgeburt, ein Katalysator für sein Handeln – und so sieht man Clooney in einer abschließenden Einstellung vorm Sonnenuntergang, die Hand ausgestreckt als würde er immer noch und zugleich endlich die kindliche Iris damit festhalten. – Spoiler-Ende]

Im Jahr eins nach Ausbruch der Pandemie ist Clooneys Weltendrama wie geschaffen zum Nachdenken darüber, wohin die Reise gehen soll. Ob es möglich sein wird, im Bewusstsein neuer Gefahrenherde ein ebensolches für die Verletzlichkeit der Zivilisation und die Hybris der Menschheit zu schaffen? Ob die digitale Vereinsamung die Lockdowner den Wert eines realen Anderen erkennen lässt? Mit ihren Versorgungskabeln wie mit Nabelschnüren ans Mutterschiff gebunden singt es die Aether-Crew im All: „Hands, touching hands / Reaching out, touching me, touching you“. Stärker berühren könnte einen George Clooney nicht.

Trailer dt./engl.: www.youtube.com/watch?v=cGjVxSbCZFE          www.youtube.com/watch?v=DXUUqr3AFKs           www.netflix.com

  1. 1. 2021

Jüdisches Museum Wien: Die drei mit dem Stift. Lily Renée, Bil Spira und Paul Peter Porges

Mai 6, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Zeichnen als Werkzeug zum Überleben

Bil Spira, Zeichnung aus dem Lager Blechhammer, Gouache und Buntstifte auf Papier, 1944 © Imperial War Museum London

Ab 8. Mai zeigt das Jüdische Museum Wien Zeichnungen von Lily Renée, Bil Spira und Paul Peter Porges. „Die drei mit dem Stift“ eint ein gemeinsames Schicksal. Drei Künstler, die als jüdische Kinder in Wien aufwuchsen, ihre Heimat nach dem so genannten „Anschluss“ verlassen mussten und anderswo erfolgreich wurden – zwei in den USA, einer in Paris. Ihre Zeichenstifte setzten sie als Werkzeuge zum Überleben ein, als nicht nur friedliche Waffen.

Die drei, das ist zum einen Lily Renée, geboren 1921; sie entkam nach England und konnte sich in New York als Zeichnerin und Illustratorin von Kinderbüchern verwirklichen. Unter anderem machte sie aus der Comics-Superheldin Señorita Rio eine Kämpferin gegen Nazis und andere böse Mächte und schuf damit zur Kultfigur für Generationen von Fans.

Fotografie, Lily Renée, 1940er © Privatbesitz

Lily Renée, Titelblatt Fight Comics, Dezember 1946 © Privatbesitz Lily Renée

Das ist ferner Wilhelm „Bil“ Spira (1913-1999), Porträtist und Karikaturist, Maler und nicht zuletzt ein begnadeter Fälscher: Unzähligen in Vichy-Frankreich Gestrandeten fertigte er Visa und Pässe für eine Passage in die Freiheit an. Spira überlebte Verrat und Vernichtungslager, nach dem Krieg konnte er seine Karriere in Paris erfolgreich fortsetzen.

Bil Spira beim Porträtieren von Fans im Böhmischen Prater, 1938. © Wien Museum / Bild: Robert Haas

Bil Spira, Karikatur für die Arbeiter-Zeitung, 2. Juli 1933 © Jüdisches Museum Wien

Das ist schließlich Paul Peter Porges (1927-2016); als Kind bereits an der Wiener Kunstgewerbeschule, als Halbwüchsiger in der „Kinderrepublik“ und in Internierungslagern in Frankreich, als junger Mann in der Genfer Kunstschule. Mit Mutterwitz und dem Stift in der Hand schaffte er es in die Vereinigten Staaten und dort auf die großen Bühnen für Cartoonisten, allen voran den New Yorker und das Mad Magazine.

Paul Peter Porges, Zeichnung, Anschluss Heldenplatz, ca. 2000 © Jüdisches Museum Wien

Paul Peter Porges, mit Selbstporträt, während seiner Zeit bei der US-Army, 1951-52 © Jüdisches Museum Wien

Diese drei Zeichner haben Erstaunliches zu Papier gebracht – enthüllende Karikaturen und liebevolle Porträts, Satiren auf die Gesellschaft und Dokumente des Schreckens. Aus Wien stammend, mussten und konnten sie sich anderswo behaupten. Während der Flucht beziehungsweise Gefangenschaft und danach setzten sie ihre Fähigkeiten auch als künstlerische Waffen ein. Mit Feder, Bleistift und Pinsel, vor allem mit Witz und Courage, zeigten sie auf, was ist und was anders sein soll, was der Lächerlichkeit preiszugeben ist und was nicht vergessen werden darf. Das Jüdische Museum Wien zeigt eine repräsentative Auswahl an Arbeiten. Lily Renée, Bil Spira und Paul Peter Porges – für das österreichische Publikum neu entdeckt.

www.jmw.at

6. 5. 2019