Einsamkeit und Sex und Mitleid

Mai 6, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wo sich kein Herz zum Herzen findet

Wer sich einen Lover kauft, will die Ware vor Gebrauch natürlich kontrollieren: Vincent (Eugen Bauder) beglückt gleich Julia (Eva Löbau). Bild: © x-verleih

Es gibt ihn wirklich, diesen Anger-Room, wo man zwecks Aggressionsabbau Möbel kurz und klein schlagen darf. Familienvater Robert geht dorthin, weil er sich unbedingt mit jemandem prügeln muss. Oder besser gesagt: mit etwas, das nicht zurückschlägt, Sperrholzinventar. So wütend macht ihn seine Frau Maschjonka, die Bioübermutti, die kein gutes an seinen ohnedies schon gelichteten Haaren lässt.

Doch zum Glück gibt’s ja Ecki, den ehemaligen Lehrer, der in einer abgefuckten Fabrikshalle seine Zerstörszenarien zum freundlichen Gebrauch aufbaut. Ecki, das ist eines der traurigeren Schicksale, von der Schule geflogen wegen angeblicher sexueller Belästigung einer Schutzbefohlenen, kann er zur Causa gar nichts sagen. Weil keiner wissen soll, dass Ecki schwul ist. Er seinerseits ahnt nicht, dass das Mädchen, das ihn angezeigt hat, die Tochter von – Robert ist. Weshalb das Herausfinden dieser Wahrheit am Ende weniger mit Wohl und mehr mit Wehe zu tun haben wird …

So funktioniert der Episodenfilm „Einsamkeit und Sex und Mitleid“, den Regisseur Lars Montag nach dem Bestsellerroman von Helmut Krausser gedreht hat, und der seit gestern in den heimischen Kinos läuft. Dreizehn Figuren bringt Kinodebütant Montag vor die Kamera; sie sind Supermarktfilialleiter, Polizist, Flüchtlingshelferin, Sektenmitglied, Callboy, Künstlerin, Ärztin oder Teenager in höchsten Pubertätsnöten. Denn allen geht es nur um eines: die angeblich schönste Sache der Welt irgendwie geregelt und erledigt zu bekommen. Montag gewährt einen tiefen und schwer satirischen Einblick in Einfamilienhausantiidyllen. Er zeigt Bigotterie und Alltagsrassismus, entlarvt Moralapostel und Selbstbetrüger – und das mitunter mit schwarzem, beißendem Spott und nicht selten, weil’s ja das Thema ist, unterhalb der Gürtellinie.

Robert macht sich für Janine zum Model: Rainer Bock und Katja Bürkle. Bild: © x-verleih

Und geht danach zwecks Aggressionsabbau Möbel zertrümmern: Rainer Bock. Bild: © x-verleih

Die Lebenslügengeschichten seiner Großstadtneurotiker verzahnen sich wie die Bilder eines Kaleidoskops, mehr und mehr. In bester „Short Cuts“-Manier dröselt sich erst allmählich auf, wer mit, und vor allem wer gegen wen, und als am Ende ein Kind vom Spielplatz verschwindet, kippt die Tragikomödie kurz ins ganz Tragische, lässt sie einem für einen Moment das Lachen im Hals stecken bleiben, bevor sie sich besinnt, dass sie eigentlich eine irrwitzige Groteske über Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs ist.

Kraussers Charaktere sind pointierte, scharf gezeichnete Miniaturen, die er aber in keiner noch so skurrilen Situation der Lächerlichkeit preisgibt. Diese Qualität zeichnet nun auch den Film aus, der bei aller Ulknudeligkeit mitten ins Herz trifft. Dass die Übung gelingt, ist auch dem großartigen Cast zu verdanken: Bernhard Schütz als Ecki; Jan Henrik Stahlberg und Friederike Kempter als Faschopärchen in Polizeiuniform; Rainer Bock und die wie immer wunderbare Maria Hofstätter als gefrustetes Ehepaar Pfennig; Lilly Wiedemann als deren Tochter Swentja – die Ecki-Verpfeiferin liebt den Muslim Mahmud (Hussein Eliraqui).

Katja Bürkle als Künstlerin und Datingportalopfer Janine; Peter Schneider als Uwe, der sich online als „Brandbeschleuniger XL“ registriert hat und als solcher Janine trifft, während seine Frau Julia (Eva Löbau) sich einen Toyboy einkauft; der wiederum, Eugen Bauder als Vincent, bildet mit Vivian (Lara Mandoki) ein Prostituiertenpärchen, das sich sehr strenge Beziehungsregeln zur friktionsfreien Ausübung des Berufs auferlegt; und dann ist da noch  Johannes (den Wahnsinn im Blick: Aaron Hilmer), der Jesus liebt, und Swentja, die ihn aber natürlich nicht erhört – und so geht Johannes zu Vivian …

Das Prostituiertenpärchen bereitet sich auf einen besonderen Einsatz vor: Vivian (Lara Mandoki) und Vincent (Eugen Bauder). Bild: © x-verleih

In einer raffinierten Melange aus klassischem Erzählkino mit surrealistischen Spotlights, werden all diese Schicksale nur hingeflüstert – von einem Erzählerpaar im Off. Eine Sie und ein Er beschreiben in ruhigem Tonfall das Zündeln am Partnersuchpulverfass. Grausam sind die Gewissheiten über Zwänge und Zwangssituationen, von denen sie berichten: Dass Mädchen immer nur die „bösen Buben“ haben wollen, um mit denen dann recht unglücklich zu werden.

Dass ein „verschissenes Leben“ nicht in einem Kaufglücksrausch repariert werden kann. Man erfährt von den Tücken eines Roboter-Staubsaugers, und warum sich Sex im Stehen nicht für ein 3D-Scanner-Bild eignet. In all diesen Liebesirrungen und -wirrungen ist der einzige Weise weit und breit ein koranfester Hosenmatz. Yamen Masoud spielt ihn mit der Souveränität eines alten Showbiz-Hasen hinreißend.

Unnötig zu sagen, dass sich hier kein Herz zum Herzen findet. Der Wahn ist kurz, die Reu‘ ist lang, alle singen „Ich bin alles, was ich habe auf der Welt“. Es gilt den Songtext von Peter Maffay konsequent auf „Ich“ weiterzudenken. Ich allein kann mich verstehen, ich darf nie mehr von mir gehen … Ist das nicht allemal schöner, als sich in Liebesidiotie durchs Dasein zu marotten? Was für ein Film!

www.einsamkeitundsexundmitleid.x-verleih.de

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Wien, 6. 5. 2017

Werk X Eldorado: mutterseele. dieses leben wollt ich nicht

März 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Wortsinn: eine Familienaufstellung

Ein Spiel auf mehreren Ebenen: Lilly Prohaska als Rita (hinten), Florian Stohr und Lisa Weidenmüller als Sven und Marie (Mitte), Nikolaij Janocha als Maries Vater Gerhard (vorne). Bild: © Edi Haberl

Nicht nur das Werk X in Meidling, auch dessen Innenstadtdependance Eldorado ist immer wieder für dramatische Entdeckungen gut. Diesmal gilt die Aufmerksamkeit Autor Thomas Perle und seinem Stück „mutterseele. dieses leben wollt ich nicht“, das wie mit spitzen Nadeln unter die Haut fährt. Perle, 1987 in Rumänien geboren, schrieb seinen Text bei den Wiener Wortstätten; nun hat ihn Regisseurin Lina Hölscher als Kooperation von „perlen vor die säue“ und dem Werk X zur Uraufführung gebracht.

Und sie hat daraus im Wortsinn eine Familienaufstellung gemacht. Perle hat ein Spiel auf drei Ebenen geschaffen, das Hölscher auf drei Spielebenen umsetzt. Erzählt wird die Geschichte von Rita und Marie, einer Alkoholikerin und einer Tochter, die Angst hat, so zu werden wie die Mutter. Eine alt gewordene Rita, verbittert, verlassen, verlebt, dämmert schnapsbenebelt durch ihren Alltag. Ganz oben auf der Absturztreppe hadert sie mit einem Schicksal, das der jungen Rita auf der unteren Etage im Moment widerfährt. Schwangerschaft, überstürzte Hochzeit, der Mann ein Schläger, Fremdgänger und Säufer. Immer öfter greift auch Rita zur Flasche, trinkt sich den Kummer weg, als ob das tatsächlich ginge. Und in der Mitte Marie – samt Sven, dem treusorgenden, gutherzigen Lover. Doch Marie kann seine Liebe nicht annehmen. Das hat sie nicht gelernt – und so ist zu befürchten, dass ihr der Weg der Mutter offen steht …

Lilly Prohaska spielt die alt gewordene Rita mit der ihr eigenen Intensität. Sie gestaltet die Mutter als Ich-bezogene Monstrosität, ausgestattet mit dem Alkoholiker-typischen Egoismus; ihre Rita ist nicht nur eine Frau, die nicht zuhören kann, sondern die Gegenwart und Zukunft (vor allem die der Tochter) gar nicht erst interessieren, weil sie in der Vergangenheit zurückgeblieben ist. Marie, die sich eine Kindheit und Jugend lang für ihre Exzesse geschämt hat, attestiert sie ein „schönes Leben“, weil sich ihre Perspektive längst Richtung Verbohrtheit verschoben hat. Trotzdem, Prohaska gelingt es, ein Menschenwesen zu formen, das Mitgefühl erweckt. Man versteht diese Rita kaum, will’s vielleicht auch gar nicht, doch sie tut einem leid, weil sie doch weiß, dass der Tod schon im Hausflur auf sie wartet.

Die ältere Rita mit Tochter Marie: Lilly Prohaska und Lisa Weidenmüller. Bild: © Edi Haberl

Die junge Rita mit Ehemann Gerhard: Claudia Carus und Nikolaij Janocha. Bild: © Edi Haberl

Genau so geht’s auch Marie, die vor der Mutter immer wieder flieht, und doch zurückkommen und nach deren Wohlergehen sehen muss. Ein sinnloses, nervenaufreibendes Unterfangen, denn wer sich mit Alkohol aus dem Leben befördern will, dem gelingt das meist auch. Lisa Weidenmüller liefert in diesem Wechselbad der Emotionen eine starke Performance ab. Und so sind denn auch die Szenen am gewaltigsten, in denen Prohaska und Weidenmüller als Mutter und Tochter in den Infight gehen. Claudia Carus schlüpft in die Rolle der jungen Rita, Nikolaij Janocha spielt Ritas Ehemann Gerhard, Florian Stohr Maries Freund Sven.

Perles Text ist beinhart. Er hat seine Figuren der Sprache beraubt, hat ihnen den Ausdruck amputiert. Er lässt sie wortstammeln, in Halbsätzen ärgern sie sich über ihre Existenz. Der Grundton des Abends ist Aggression, die Grundhaltung Eskalation. Doch während derart gerauft und gerungen wird, malen die drei Darstellerinnen abwechselnd auch den Bühnenhintergrund aus. Ein Kinderzimmer in Sonnengelb? Oder blüht hier die Leberzirrhose? Man weiß es nicht. Die Szenen beginnen, sich ineinander zu schieben. Gewesenes greift in eben Stattfindendes ein, Zukünftiges mischt sich in die Vergangenheit.

Hölschers für den Anfang vorgegebene Form löst sich immer mehr im Chaos von Ritas Leben auf. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen schreit sie ihre Tochter an, dass sie nie Mutter werden wollte. Und dann erfährt auch Marie, dass sie ein Kind bekommt, das sie nicht will. Dies als Anhaltspunkt für den Titel. Den Text hat Hölscher bis in seine Tiefen ausgelotet; ein, zwei jugendsündige Untiefen macht vor allem das fabelhafte Darstellerinnentrio wett. Was bleibt, ist viel Wahres. So wie Maries erschreckende Erkenntnis, man könne wohl erst richtig erwachsen werden, wenn die Eltern tot sind. Oder man sie für sich für selbiges erklärt.

werk-x.at

www.wortstaetten.at

Wien, 8. 3. 2017

Theater Nestroyhof Hamakom: Dunkelstein

März 2, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Grauen ohne Geigengeschluchze

Heinz Weixelbraun, Michael Gruner, Rouven Stöhr, Florentin Groll, Dolores Winkler, Lilly Prohaska, Eduard Wildner und Alexander Julian Meile Bild: Nick Mangafas

Heinz Weixelbraun, Michael Gruner, Rouven Stöhr, Florentin Groll, Dolores Winkler, Lilly Prohaska, Eduard Wildner und Alexander Julian Meile
Bild: Nick Mangafas

„Gegenwärtig brauchen die Juden ein paar Teufel, um zu überleben“, sagt er. Und später: „Wenn der Krieg kommt, werden die eine Waffe in die Hand nehmen gegen unsere Herrschaften.“ Die – waren die Wiener Juden, denen er die Ausreise ermöglicht hatte, sie – die hiesigen Nationalsozialisten. Er, das war Benjamin Murmelstein, und wahrscheinlich war er beides, ein Gottseibeiuns und ein Gottseisgelobt.

128.000 Menschen soll er bis November 1941 die Emigration ermöglicht haben. Robert Schindel hat 2010 ein Theaterstück über ihn geschrieben, „Dunkelstein“ heißt es und wurde nun im Theater Nestroyhof Hamakom uraufgeführt. Eine diesbezügliche Zusammenarbeit mit dem Volkstheater kam nicht zustande, und es verwundert, welch ein Auftragswerk sich das Haus da entgehen ließ. Aber es bedurfte wohl eines Frederic Lion und eines Karl Baratta, um aus dem komplexen Stoff die bestechende Spielfassung zu erstellen, die nun zu sehen ist.

Mehr als 42 Figuren haben die beiden für acht Schauspieler aufbereitet, immerhin 22 Rollen sind für sie geblieben. Mit ihnen wird ein Einblick in die jüdische Gemeinde jener Tage gewährt. Lion und Baratta lassen sich lange Zeit, bis sie Dunkelstein auftreten lassen. Vorher geht es ihnen um das Vermitteln von Atmosphäre, um das Vorführen von Denkweisen; sie zeigen das Negieren und das Nichtwissenwollen, eine Szenencollage bewegt sich von Fall zu Fall. Die Geschichte des psychisch kranken Nathan. Eine Wirtshausdiskussion, dass Zwetschenröster niemals Kompott sein kann. Polgar im Kaffeehaus, Friedells Fenstersturz, Torberg wird zitiert. Eine Bridgepartie von Vater und Tochter Singer. Die Flucht in die Religiosität oder den Kommunismus. Gisela Winter kommt vor, und Esther Rebenwurzel. Und am Ende werden alle Geschichten zu einer werden, und Nathan wird nackt ins Gas gehen, und Esther, die eigentlich Franzi Danneberg-Löw hieß und damals Fürsorgerin der Israelitischen Kultusgemeinde war, den Säugling von Gisela-Gerty Schindel gerettet haben. Und er wird Robert Schindel geworden sein.

Regisseur Lion hat einen Abend entworfen, der alles in einem ist. Nummernkabarett und Maskenspiel und Erzählung. Und jüdischer Witz. Eine Realfarce nennt Schindel sein Stück, und mit staubtrockenem Humor berichtet er vom Nahen der braunen Sturmflut. „Heil Hitler!“, ruft der Botenjunge, der die Mazzes bringt. Und ja, man lacht. Die Beeinflussbarkeit des Menschen scheint in solchen Momenten grenzenlos. Lions „Dunkelstein“ ist eine spröde, analytische Inszenierung dessen, die nicht mit Sentiment, sondern mit dem Verstand spielt. Er lässt die Grausamkeit sozusagen nicht in Geigengeschluchze baden, sondern stellt sie aus. Kalt und klar. Was sie umso deutlicher und beklemmender macht.

Mit der Rotte verkommener Hausknechte kommt auch Dunkelstein. Michael Gruner spielt ihn mit hoher Intensität. Seine Bühnenpräsenz ist atemraubend. Mit konzentrierten Gesten, mit einer Art verwehter Eleganz entwirft er seine Figur. Dieser Dunkelstein wankt zwischen Angeekeltsein und Größenwahn, er ist ein Gefangener seines Amtes, er kalkuliert Lebensrettungschancen so sachlich wie ein Buchhalter seine Finanzen, er ist hochmütig unfreundlich, auch jähzornig, und glaubt an seine Manipulation des Mördervereins. Dies seine größte Sünde. Benjamin Murmelstein war Funktionär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und nach deren Auflösung 1938 in der zwangsweise in „Jüdische Gemeinde Wien“ umbenannten Institution unter Adolf Eichmann für die Auswanderungsabteilung zuständig. Ab 1942 musste er aber auf Weisung der NS-Behörden auch die „Einwaggonierung“ der Deportationszüge in die Vernichtungslager im Osten vornehmen. „Der letzte der Ungerechten“, wie er sich 1975 selber in einem Interview nannte, gilt bis heute als ambivalente Persönlichkeit. Kollaboration nennen die einen seine Arbeit, Kooperation die anderen.

„Dunkelstein“ ist kein Versuch einer Erklärung dieser seltsamen Existenz. Jede Parteinahme wird unterlassen. In einem knappen Prolog wird kurz um die Frage gestritten, was man, wenn … und ob nicht, weil … man weiß es nicht. Ob das die Natur des Menschen ist? Spitzelwesen und Verrat von Freunden und Hass auf den, der gestern noch Nachbar war, und sich als Opfer unter den Tätern zu verstecken. Wie viel Gewissen hält der Mensch aus? In der Mašín-Familie geht seit Generationen der Satz: Man hat immer die Wahl. Florentin Groll will als Singer noch den Verkauf seines Wochenendhauses regeln, „na, nehmen wir einen späteren Zug“, sagt er zu Dunkelstein, und die Ahnung ist, der wird schon ein Viehtransporter sein.

Groll ist auch der Wirt, den Gestapomann Kalterer, verkörpert von Heinz Weixelbraun, später zwingen wird, den Zwetschenröster, der kein Kompott sein darf, vom Boden zu schlecken. Kalterer verliebt sich in die von ihm verhörte und von Lilly Prohaska gespielte Kommunistin Edith, eine Zellengenossin von Gisela Winter alias Schauspielerin Dolores Winkler; Prohaska wird später zu Esther Rebenwurzel. So schließt sich der Rettungsring um den Autor. Alexander Julian Meile gibt unter anderem den Sturmbannführer Linde süffisant-selbstverliebt und mit Eichmann-Schramme an der Wange. Rouven Stöhr ist ein eindringlicher, verstörender Nathan. Eduard Wildner versucht als Dunkelsteins Vorgesetzter Leonhardt seinen verzweifelten Sarkasmus nicht allzu offen zu zeigen. Und wenn Lukas Goldschmidt dazu „Waltzing Matilda“ auf Wienerisch singt, weiß man, wie’s gemeint ist.

Am Ende wird Linde zu höheren Weihen nach Berlin berufen und auch für Dunkelstein hat er neue Aufgaben. In Theresienstadt. Dort wurde Murmelstein 1944 zum letzten „Judenältesten“ ernannt. Und musste wieder Listen zusammenstellen. Nach Auschwitz-Birkenau. Nach dem Krieg hatte Murmelstein sein Verhalten zwei Mal vor Gerichten zu rechtfertigen, in Israel forderte man für ihn die Todesstrafe. Er starb 1989 in Rom. Der zuständige Rabbiner verweigerte das Kaddisch.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=AT-rZq9-nnk

www.hamakom.at

www.schindel.at

Wien, 2. 3. 2016

Volkstheater: Der Marienthaler Dachs

September 26, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Frontalzusammenstoß mit dem Zeigefinger

Gábor Biedermann als Medium, Lilly Prohaska, Ensemble Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater Wien

Gábor Biedermann als Medium, Lilly Prohaska, Ensemble
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater Wien

Macht aus dem Staat Gurkensalat! Die Punkparole stand während der Schulzeit an der Fassade des alten Floridsdorfer Schnellbahnhofs. Doch in all den Jahrzehnten kein Aufstand, nur Apathie und Agonie, Zeit genug für die Reichs-Verweser die Vergurkung selbst zu besorgen. Da haben wir den Salat. So Ulf Schmidt. Der deutsche Dramatiker und Blogger schrieb mit „Der Marienthaler Dachs“ eine böse Parabel auf die Wirtschaft, die die oben angerichtet haben, und die denen unten auch keine Arbeit macht. Sehr frei nach Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel: Fin mit der Anz. In einer dörflichen Gemeinde, die rund um eine nunmehr marode Fabrik errichtet wurde, regiert der Da(x)chs. Der Da(x)chs sagt den Leuten, wo’s langgeht, das heißt: sein Medium orakelt Angst. Der Autokrat erschreckt die Allegorie. Das ist alles so symbolschwanger und bedeutungsträchtig, das musste irgendwann auf einer Bühne niederkommen. Jetzt hat’s am Volkstheater Volker Lösch für Schmidt besorgt.

Ach, diese entsetzliche Werklosigkeit. Lösch manövriert das Ensemble geschickt durch Schmidts Partitur. Sucht ein rettendes Ufer, wo der mäandernde Wortfluss keine Grenzen hat. Und erdet den Sukkus, nein, nicht den Riesenbärenklau, in einem Chor aus Wiener Arbeitslosen. Die Not Working Poor als Class Heroes des Abends. Sie sprechen aus eigener Erfahrung. Arbeitgeber im Ringturm oder Mr. Anonym oder der Fast-Food-Clown werden enttarnt. Sie sagen Sätze von tiefer Wahrheit. Übers AMS und über die Vorstellung eines Gesprächs. Verbeamtetes Behördenphlegma. So authentisch kann Theater gar nicht sein, dass die Wirklichkeit nicht … Aber Autor und Regisseur geht’s ja nicht ums Echtheitszertifikat. „Der Marienthaler Dachs“ ist eine Narretei. Die der Volksbildungsbeauftragte Lösch zum Frontaltheater im besten Protestsinn macht. Eine epische Kasperliade. Na, da war ihm aber der Bert hold. Gut, dass sich der Zeigefinger beim Nasenbohren erholen konnte, er hätte sonst einen Krampf gekriegt.

Im Wir-tragen-unsere-Haut-zu-Markte-Rosa des Bühnenbilds von Carola Reuther sind nach Vorbild von Schmidts angedachter Installation die Positionen belegt: Der Dax-Balken des Mediums. Vater Staats Haushalt, in dem am Mittagstisch Mutter Konzern, Tochter Gesellschaft und Der kleine Mann sitzen. Die Wirtschaft vom Milchmädchen und dem Herrn Knecht. Der freie Markt-Platz, wo sich an Umschulungskathedern die Arbeitslosen mit alt, ergo wertlos Oma und Opa drängen. Die nutzlosen Vier besetzen/besitzen die Banken. Sie werden ihre Glatzenfratzen noch zeigen. Bürgermeister Dieter Oben und Polizeihauptmann Bleibrecht sorgen für Unrecht in der Unordnung. Dann Wahlqualtag: Neoliberalistin Siegrid aus Hagen oder ihr linkes Gegenprinzip Andi Arbeit? Jaha, den Wurschtl kann in Wien vielleicht kana darschlogn, aber den wieder- und wiedergängerischen Sozialismus? Der kleine Mann entpuppt sich. Als rechts-schaffen. Er wird selbst für sein Heil! sorgen.

Dass, wenn Figuren Prinzipe darstellen, wenig bis keine Rollenausgestaltung möglich ist, erklärt sich durch die Sachlage. Einmal Petzi, immer Seppl. Doch unter Löschs Anleitung gelingt dem Ensemble Erstaunliches. Allen voran Off-Grande-Dame Lilly Prohaska, die als Oma Gustav die Truppe dominiert. Sie umhüllt das Gerüst mit Charakter. Sie ist wie stets prägnant und stimmsicher. Von großer Deutlichkeit in Spiel und Sprache. Ihr zur Seite steht Haymon Maria Buttinger als Opa Rosemarie mit Kommunistenkapperl gewohnt souverän, wie überhaupt das Zusammenspiel, die  Zusammenführung gut funktioniert, siehe Günter Franzmeier als immermüder Vater Staat und Claudia Sabitzer als nimmermüde Mutter Konzern. Hausgast Martin Schwanda ist als Bürgermeister in Onkel Wolfs Oktoberfestchic unterwegs (Kostüme: Teresa Grosser), kann wie alle Dieter Oben viel reden, wenig sagen, gleichzeitig buckeln und peitschen. Schwanda ist immer ein Gewinn. Eine sichere Bank, sozusagen. Kaspar Locher ist als Bleibrecht uniform treu in jedem Regime. Auch der schrillen, schnellen Siegrid von Steffi Krautz. Sie will sch(l)ussendlich neotürlich keine Verantwortung fürs Volk übernehmen. Aufstacheln, anschaffen, ausklinken. Jan Thümer ist als Andi Arbeit ein in Existenzialistenleder gewandet Wandelnder, ein den Gemeinschaftssinn anrufender Rufer in der Wüste. Der unverkannte Messias als Philosoph mit ungeföhnter Precht-Matte, Richard David ist gemeint, kein Tippfehler. Evi Kehrstephan stellt die wundersame Milchmädchen-Rechnung auf, dass, wenn nur genug Zettel mit Zahlen beschrieben werden … Geld ist nur Papier.

Nun also die Zitate: „“Glauben Sie, jemand im Ort würde Gemüse in einem Fonds investieren“ – „Wollen Sie Geld herausschlagen aus mir?“ – „Dieter Oben soll uns erhalten.“ – „Wo ist denn die Börse?“ – „Ich bin nicht an die Börse gegangen.“ Das Leben ist eine Wirtschaftsprüfung. Nach der Rattenzahlung bleibt einem zum Über-Leben nur die Frust-Ration. Das ist so unsexy, dass keiner mehr Lust auf eine Handels-Beziehung hat. Der Sprachwitz kalauert an jeder Ecke. Allein, nachdem alle Stellung bezogen haben, hat niemand was Neues zu sagen. Nach der Pause geht dem geschmeidigen Gesinnungsstück der Schmäh aus. Dreieinhalb Stunden freie Assoziation zum Thema Arbeit. In der Publikumsbatterie neigt sich der Energiepegel Richtung Ausgang. Dann, als man glaubt, es geht nichts mehr, lässt Lösch seine Statementstimmen einen Werte-Kanon anstimmen. Ein Ideologiequodlibet, in dem es von Flüchtlingen bis zu den Freiheitlichen um endlich eigentlich eh alles geht. Wahlzahltag für Wiederholungstäter: Und für jene unter unseren Zuschauern, die es bis hierher nicht verstanden haben, nun also noch einmal von vorne … Da wäre man, weil ja Einserschüler, gern schon turnbefreit gewesen. Arbeit ist ein Menschenrecht. Aber wenn man sich für die Ärsche den Arsch aufreißt, hat man dann eben den Arsch offen. Man muss also das Arschsystem je nach Temperament ändern/stürzen, um Arbeit für alle zu schaffen und die Arschlöcherei zu beenden. Richtig so? Richtig so.

Im Oktober geht’s am Volkstheater unter anderem weiter mit Thomas Bernhard und Peter Handke. Des Programmatischen ist genug gewesen, nun lasst uns endlich Stücke sehen.

www.volkstheater.at

Blog von Ulf Schmidt: www.postdramatiker.de

Jan Thümer im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=14810

Wien, 26. 9. 2015

Ateliertheater: Evita Perón

Oktober 20, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Lucy McEvil und Hubsi Kramar in Copis Groteske

Lucy McEvil, Julia Karnel, Hubsi Kramar, Lilly Prohaska, Bernhard Mrak Bild: Ateliertheater

Lucy McEvil, Julia Karnel, Hubsi Kramar, Lilly Prohaska, Bernhard Mrak
Bild: Ateliertheater

Dass man hier auf „Don’t Cry for Me Argentina“ vergeblich warten wird, ist schon mit dem ersten Satz klar. Der lautet nämlich: „Scheiße, wo ist meine Staatsrobe?“ Ja, Santa Evita ist in Copis bitterböser Satire über das mächtigste Ehepaar Argentiniens alles andere als heilig. Sie ist eine Bissgurn, berechnend, grausam, egoistisch. Aber schön, dargestellt von Lucy McEvil mit langem blondem Haar und langen hinreißenden Beinen. La commandanta im „Führerbunker“, in dem sie sich mit ein paar unfreiwillig Freiwilligen verschanzt hat, um ihren Krebstod abzuwarten – und die rechte Stimmung im Volk, die sie via Radio verfolgt, um dann in einem grandiosen Begräbnis einen letzten großen Auftritt zu haben. „Ich werde einen schönen Tod gehabt haben“, sagt sie. Doch die Straßen draußen sind leer: „So ist es immer, wenn sie sich fürchten“, stellt die Diktatorin lakonisch fest. Und trauert um den verpassten Moment, auf dem Balkon ihre letzten Worte gesprochen (nicht gesungen, das ist einer der vielen Brüller in dieser Show) zu haben. Als sie dann doch ein Liedchen anstimmt und Perón sofort abwachelt, heischt sie ihn an: „Du bist nur eifersüchtig, weil du nicht singen kannst.“ Regisseur Hubsi Kramar gibt den Präsidenten höchstpersönlich. Ein alter Trottel mit Riesenstaatsorden auf der Schärpe, ein Halbsätze sabbernder Zombie, hin- und hergerissen zwischen Migräne und Verstopfung.

Copi schrieb sein Stück 1971 im Exil in Paris. Es ist eine Abrechnung mit dem Peronismus * und dem Bild der Ikone Evita. Kramar macht mit seiner Inszenierung mit dem 3raum unterwegs diesmal im Ateliertheater Reloaded Station. Ein Stück Pulp Fiction, beste Schundliteratur auf der nach oben offenen politischen Entlarvungsskala, hat er aus Copi gemacht. Aus Verspottung wird Verhöhnung, das Extrem bis zum Exzess entstellt, die Darstellung ist ein Zerrbild, eine Fratze. Believe the Unbelievable! Das Bühnenbild: eine exquisite Altkleidersammlung rund um eine Chaiselongue. Evita, die Giftspritze, die den Inhalt ihrer Morphiuminjektion heimlich mit Wasser tauscht, braucht für ihre beinharten Psychospielchen mit ihrer Mutter schließlich ein Ruhekissen. Die „alte Schabracke“, die Schreckschraube, wartet nämlich dringlichst auf den Sensenmann. Die Tochter hat Safes in der Schweiz. Die Mutter braucht die Nummern, um ihr Luxusleben an der Côte d’Azur weiterleben zu können. Den Krebs ihrer Tochter, dieser Schlampe, hält sie nur für ein weiteres politisches Druckmittel. Und so unrecht hat sie damit nicht. Man bespitzelt sich also gegenseitig. Lilly Prohaska legt die Mutter zwischen ängstlich und aufbegehrend an. Herrlich, wie sie den ungefähr doppelt so großen Hubsi Kramar wie eine Schlange umwindet, um an ihr Ziel zu kommen. Geld! Dass in dieser lieben Familie gewürgt und geprügelt wird, wen wundert’s.

Und dann sind da noch Ibiza, der Adjutant, der Lover (?), Bernhard Mrak, ein stattliches Mannsbild in Uniform. Der einzig geistig Stabile. So unterworfen wie undurchsichtig. Und Evitas Krankenschwester, das Synonym fürs devote, sich jede Narretei gefallen lassende Volk. Julia Karnel in Schreckstarre ob Evitas Übermacht. Eine Schreckstarre, die sich in eine Leichenstarre wandeln wird. Denn – Achtung: Spoileralarm – die Krankenschwester wird fest in eiserne Ränke eingeschmiedet. Wird für einen „Ball“ mit Abendkleid und Perücke fein gemacht und um die Ecke gebracht. Evita kann nun dem ihr unerträglich gewordenen Argentien Adieu sagen. Mit Schmuckschatulle, Safekombination und Ibiza. Und über alles andere fällt der Totenschleier des Vergessens.

Nur noch zu sehen bis 25. Oktober! Karten sichern!

* Der Peronismus bezeichnet eine politische und gesellschaftliche Bewegung in Argentinien, die seit den 1940er Jahren besteht. Benannt ist sie nach ihrem Anführer Juan Perón, der 1946 erstmals die Regierung übernahm. Der Peronismus stellt sich als vielgestaltige populistische Bewegung dar, die sich im Verlauf ihrer Geschichte ideologisch, organisatorisch und personell wesentlich veränderte. Sie integrierte eine Vielzahl politischer Ziele (etwa auch die Unterstützung auf der Flucht befindlicher Nazis) und Anschauungen, denen einzig die Berufung auf das Volk und auf Perón als Führer gemein war.  Bis heute ist der Peronismus die prägende politische Kraft Argentiniens. Organisiert ist die peronistische Bewegung durch die „Gerechtigkeitspartei“ und die angeschlossenen Gewerkschaften, die unter dem Dachverband „Confederación General del Trabajo de la República Argentina“ (CGT) zu Zeiten Peróns gleichgeschaltet wurden. Die Gefolgschaft Peróns setzte sich anfangs aus Arbeitern und Gewerkschaftsführern sowie später verschiedenen konservativen, nationalistischen und katholischen Gruppen zusammen. Immer wieder gab es Kämpfe zwischen rechten und linken Peronisten. Perón wurde zwei Mal zum Präsidenten gewählt. Er regierte von 1946 bis 1955 und von 1973 bis zu seim Tod 1974. Sein autoritärer Führungsstil und sein demagogischer Populismus zum Militär wurde von seinen Gegnern stets angeprangert. Nach seinem Tod übernahm seine dritte Frau Isabel Martínez de Perón, die bereits als Vizepräsidentin vereidigt war, nahtlos die Macht. 1976 wurde ihre Regierung durch einen Militärputsch Jorge Rafael Videlas  – ein noch gewaltigerer Menschenschlächter als die Peróns – gestürzt. Perón und Evita (gestorben 1952) genießen bis heute eine große Popularität in Argentinien.

www.mottingers-meinung.at/lucy-mcevil-im-gespraech

http://3raum.or.at/

www.ateliertheater.net

Wien, 20. 10. 2014