Der Staat gegen Fritz Bauer

September 30, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Denkmal für einen deutschen Helden

Burghart Klaußner als Fritz Bauer Bild: © Zero One Film / Martin Valentin Menke Foto:  Martin Valentin Menke

Burghart Klaußner als Fritz Bauer
Bild: © Zero One Film / Martin Valentin Menke

Man müsse ihm ein Denkmal setzen, meinte Regisseur Lars Kraume im Interview, denn er müsste so bekannt sein wie Graf Stauffenberg oder Simon Wiesenthal. Kraume hat’s gesagt und getan. Das Denkmal ist fertig und ist ab 1. Oktober in den deutschen, ab 9. Oktober in den österreichischen Kinos zu sehen: „Der Staat gegen Fritz Bauer“.

Die Bedeutung des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer für das Zustandekommen der Auschwitz-Prozesse der 1960er Jahre ist unumstritten. Sie werden in Gang gesetzt, wenn der Film zum Schluss kommt. Doch erst nach Bauers Tod wurde sein Verdienst um die Ergreifung des SS-Obersturmbannführers und „Endlösung“sorganisator Adolf Eichmann bekannt. Der ebenfalls in Argentinien lebende ehemalige KZ-Häftling Lothar Hermann macht Bauer in einem Brief auf den Aufenthaltsort Eichmanns aufmerksam. Bauer informiert den Mossad, weil er in Deutschland kein Gehör findet. Er fürchtet vielmehr, Eichmann könne von Deutschland aus gewarnt werden. Bauers Feinde arbeiten an einer Anklage wegen Landesverrats. Oder zumindest daraus wollen sie ihm einen Strick drehen: „Der Jude ist schwul.“ Hier setzt der Film an.

Grimme-Preisträger Kraume macht aus seinem Film kein Erklärstück, nichts schreit hier sozusagen „Diplomarbeit“. „Der Staat gegen Fritz Bauer“ ist ein spannender, lässig schwarzhumoriger, kammerspielartiger Krimi und gleichzeitig das berührende Porträt eines mutigen Mannes in seinem Windmühlen-Kampf für die Wahrheit. Wie Wiesenthal ging es Bauer nie um Rache, sondern um die Aufklärung der Nachkriegsgeneration. Kühn kann man an dieser Stelle formulieren, dass das weltoffene, menschenverbindende, flüchtlingsfreundliche Deutschland und Österreich dieser Tage ohne einen wie Bauer nicht möglich wäre. Dass die Übung gelingt, hat Kraume auch seinem exzellenten Ensemble zu verdanken. Allen voran Burghart Klaußner, der Fritz Bauer mit Sturmfrisur und Krankenkassenbrille nicht nur optisch gleicht, sondern wohl auch dessen Wesen getroffen hat. Bis zum ruppigen Räuspern – eine Aneignung.

Klaußner gibt den „General“, wie ihn sein Mitarbeiterstab nennt, als grumpy old man. Als einen, der mit heiligem Zorn die über ihn von staatlicher Seite verhängte Ohnmacht erträgt, der seine Juristen wie Schulbuben behandelt. Hantig, aber mit dem Herz am richtigen Fleck. Immer knapp bevor ihm der Hut hochgeht schwäbelt er zynische Scherze.“Die Leute wollen keine Vision, die wollen ihre Einfamilienhäuser und ihre Kleinwagen. Die Restauration hat mal wieder die Revolution besiegt“, ärgert sich der Sozialdemokrat an einer Stelle. Mehr noch als mit Worten sagt Klaußner per Mimik. Wenn er eine Pistolenkugel aus einem Hakenkreuzfähnchen fingert, man hat ihm die Drohung mit der Post gesandt, zerreißt es seine Gesichtszüge beinah vor unterdrückter Wut. Kraume schafft für solche Szenen klaustrophobische Bilder. Im Film scheint immer Nacht zu sein. Oder Schlechtwetter. Kraume hat auch Sinn für Details. Schön, wie an der Bürowand des hessischen Ministerpräsidenten bei Bauers erstem Besuch ein Rosa-Luxemburg-Porträt hängt, beim zweiten eine kitschige Landschaftsmalerei.

Unbeirrbar legt Klaußners Bauer den Finger auf schlecht verheilte Nazi-Narben, schreckt auch vor unbequemen Fragen an die Regierung Adenauer nicht zurück. Denn der Sumpf, den Kraume zeigt, ist tief. Die Ewiggestrigen haben nach den tausend Jahren ihre Positionen behalten oder neue bezogen. Hans Globke, Chef des Bundeskanzleramts, war Mitverfasser der Nürnberger Rassegesetze. Ein vor einem deutschen Gericht aussagender Eichmann könnte eine Namensliste auspacken. Daran haben etliche kein Interesse. „Meine eigene Behörde ist Feindesland“, ist ein Bauer-Zitat, das Klaußner verwendet, als vom Schreibtisch wieder einmal Akten verschwunden sind. Nicht alles ist so Original (das alte Flugzeug, mit dem Bauer Richtung Israel aufbricht, ist eine Leihgabe von Dietrich Mateschitz), wie die von vielen Fotos bekannte schwarzweiße Tapete in Bauers Büro: sie ist von Le Corbusier, die Nutzungsrechte haben ordentlich Geld gekostet.

Mit der Figur des jungen Staatsanwalts Karl Angermann fügt Kraume einen fiktiven Charakter hinzu. Angermann ist der Prototyp der ehrlichen Haut. „Was erlauben Sie sich?“, herrscht ihn Bauer einmal an. „Ich erlaube mir, Ihnen ein Freund zu sein“, erwidert der. Ronald Zehrfeld, Prachtkerl von einem Mannsbild, ist genau gegen seinen üblichen Typ besetzt. Und schraubt sich in dieser Rolle zum heimlichen Hauptdarsteller des Films hoch. Sein Angermann ist facettenreicher als es Klaußners Bauer zu sein vermag. Klaußner kann in den Zweierszenen mit Zehrfeld immerhin auf Bauers private Seite verweisen, den einsamen Humanisten, der Literatur, Musik und Schach liebte (und karierte Socken aus einem „Spiegel“-Inserat, dies ein liebenswerter running gag, den sich Kraume erlaubt). Zehrfelds Angermann aber hütet eine spiegelgleiche Tragödie. Er verliebt sich in die Nachtclubsängerin Victoria – und liebt weiter, als sie sich als Victor entblättert. Angermann wird sich der verkrusteten Republik opfern, damit Bauer weitermachen kann. Zehrfeld spielt klug und sensibel. Seine Darstellung ist stark, weil intellektuell und emotional.

Herausragend agieren auch: Sebastian Blomberg und Jörg Schüttauf als Bauers Gegenspieler, Oberstaatsanwalt und Oberintrigant Kreidler, dem der fantastische Blomberg eine hyänische Fistelstimme verpasst hat, und der braun verseuchte, schmierige BKA-Mann Gebhardt; Robert Atzorn, der sich als Angermanns übermächtiger Schwiegervater jede „Gefühlsduselei“ verbietet; Paulus Manker als ungustiöser Journalist und Informant Angermanns; Dani Levy als israelischer Generalstaatsanwalt Chaim Cohn, der in Bauers Sinne agieren will, aber von den neu aufkeimenden politischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland – es geht um ein lukratives Waffengeschäft – überrollt wird. Und Lilith Stangenberg als transsexuelle Victor/Victoria. Ihr Beispiel zeigt, dass auf Verrat immer Verrat folgt.

„Der Staat gegen Fritz Bauer“ hat die Qualität eines Politthrillers à la Costa-Gavras. Der Film macht deutlich, warum man immer noch Prozesse gegen mittlerweile Greise führen muss: Bauer war es, der durchsetzte, dass Schuld nicht an von eigener Hand ausgeführten Tötungen bemessen werden soll. Auch ein KZ-Buchhalter ist ein Mörder. Wie etwa Oskar Gröning, der erst im April 2015 vor Gericht stand. Kraumes Film beginnt in der Badewanne. Bauer, betäubt von Alkohol und Schlaftabletten, Mittel gegen die Scheußlichkeiten des Tages und für eine ruhiggestellte Nacht, ertrinkt fast. Fritz Bauer wurde 1968, da hatte er mit Ermittlungen gegen mutmaßliche Schreibtischtäter der NS-„Euthanasie“ begonnen, tot in seiner Badewanne gefunden. Selbstmord, Unfall oder Mord – die Umstände sind bis heute ungeklärt.

www.derstaatgegenfritzbauer.de

Wien, 30. 9. 2015

Martin Wuttke ist „Der eingebildete Kranke“

Dezember 2, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Landestheater NÖ: Lachen bis der Tod kommt

Bild: (c) Thomas Aurin

Bild: (c) Thomas Aurin

Es beginnt, nein, nicht im Theater, sondern mit dem Programmheft. Vorne, nein, nicht Martin Wuttke als Molières Eingebildeter Kranker, sondern Frank Castorf. Ein pelzverbrämter Charakterkopf. Ein Ausfall. Eine Anzüglichkeit. Zwischen dem Gottöberst der Berliner Volksbühne und seinem Bühnenbelzebub gab es mal ein Zerwürfnis. Stichwort: „Tatort“. Der verlorene Sohn ist wieder da. Ein Hündlein an der Mutter Zitzen. Um Artaud zu zitieren. Und inszenierte sich selbst und ein halbes Dutzend Mitakteure als Hypochonder Argan nebst Mitleidenden. Nun war die Produktion – Teil einer Trilogie, in der Castorf „Der Geizige“ zeigt und René Pollesch „Don Juan“ macht, in den Hauptrollen jeweils Martin Wuttke – im Landestheater Niederösterreich, St. Pölten, zu sehen. Eine Dekonstruktion Jean-Baptistes mit den Mitteln der Diskurstheaterkantinendramaturgie. Grimassieren und Klistieren als Krampf im Kopf. Wenn der Schwanz nicht ausreicht, bleibt einem immer noch das Hirn zum Wedeln. Und weil Spaß nicht sein muss, aber kann, vibriert das Ganze grand-guignolisch vor Schauspielerslapstick. Ein grotesk klamaukiges Kasperltheater. In dem Wuttke das Krokodil gibt. La Comédie-Française. La Maison de Molière. Möchte man rufen. Der Dichter-Schauspieler-Regisseur fiel in der Maske des Argan auf der Bühne tot um. Was hier natürlich mit dem berühmt berüchtigten „Backstage“-Kameraeffekt, video killed the theatrestar, das Castorf-Pollesch’sche Lieblingsspielzeug, hoffentlich schenkt ihnen das Christkind heuer ein neues, thematisiert wird. Aber weil ein Genie wie Molière für einen Überdrüber wie Wuttke nicht genügt, packt er eine Portion Antonin Artaud oben drauf.

Ah! Das kann man auskosten. Das Theater der Grausamkeit: der zerstreute Text, der entstellte Körper, die unterdrückte Stimme, die Wuttke übrigens gar nicht unterdrückt. Das Theater und sein Double. Für Artaud sollte die Aufführung nicht Nachahmung der Wirklichkeit sein, sondern eine Wirklichkeit für sich. Keine Grenze mehr zwischen ästhetischem Wert und Unwert. Dazu nahm Artaud wegen undefinierbarer chronischer Schmerzen über Jahrzehnte Drogen wie Laudanum, Opium, Heroin und Peyote. Ewig lang war er in der Psychiatrie. Wo er mit eigenem Blut und eigener Scheiße seine Thesen an die Wände schrieb. Na, das passt doch wie die Faust aufs Auge. Krankheit als (Ein-)bildung. Krankheit als gesellschaftliches Konstrukt. Artauds Kunstvisionen sowie anklagende Bezichtigungen, auch des gutbürgerlichen Elternhauses, sind in verworrener Vielfalt in Molières Text eingewoben – bitte-bitte, mach‘ doch irgendwer eine Seminararbeit über diese Inszenierung …

Ein rotweißgestreifter Vorhang auf dem „Zum Todlachen“ steht, darüber ein Plastikgeisterbahnskelett, ein Memento-Mori-Emblem, das in regelmäßigen Abständen das Stundenglas dreht, Hendrik Arnst als grobschlächtiger Spielansager (später als Argans Bruder Béralde) – so beginnt das Spektakel. Und dann er: In offenem, weißem Rüschennachthemd samt Liebestötern, mit weiß geschminktem Hundenasenclownsgesicht samt schwarzer Hundeohrenmütze, mit Stock, ein Unsympath in Schlapfen, tatterig, zitterig, schnarrt, spuckt, krächzt, kreischt, fiepst, japst, keucht Wuttke den Anfangsmonolog. Eine Aufzählung der ihm verordneten Medikamente und deren Kosten. Auf Französisch. Unsichere Blicke fallen rechts und links auf die Eintrittskarten. Im falschen Stück? Das kommt auf die Perspektive an. Regisseur Wuttke schenkt dem Schauspieler Wuttke jedenfalls nichts punkto Stimm- und Körpereinsatz. Ein dürres Menschlein in XXL. Im sanatoriumhaften, schwarzweißen Bühnenbildsalon von Bert Neumann, who else. Die Verausgabung auf Französisch bleibt Programm. Alle Darstölleeer müüsen sich der Üb-ung unterziehön mit accent zu sprechön. Dazu gibt es sicher eine EU-Verordnung: Wo Komödie draufsteht, muss Komödie drin sein. Wuttke beherrscht auch diese Disziplin, lässt sich Rieseneinläufe verpassen, die hinten rein, vorne raus und bis ins Publikum spritzen.

Seinem Wahnsinn am nächsten kommen Lilith Stangenberg, die beide Töchter Argans spielt, Maximilian Brauer als Möchtegern-Arzt/Künstler-Schwiegersohn, der der illustren Gesellschaft sowohl einen Opernentwurf als auch ein Drehbuch vorstellt, und die immer wunderbare Margarita Breitkreiz als brachialcharmante Zofe Toinette. Ein Name, der hier klingt wie Tourette. Brigitte Cuvelier gibt die schon das Grab schaufelnde, aufs Erbe geiernde Ehefrau Béline; Abdoul Kader Traoré ist ein ziemlich unscheinbarer Cléante. Dafür überzeugt Jean Chaize, der als Notar und Arzt in Krampusmaske einen wahren Feitstanz aufführt. Was Wuttke sträflicherweise unterschlägt, ist die Intrige, in die die ihn Liebenden Argan verstricken, um ihn von seiner Krankheitshysterie zu heilen und die ihn Nichtliebenden zu entlarven. Dafür heißt’s: Ducken, da fliegt ein Regieeinfall! Un-tief. Man unterwirft sich der Konformität der Volksbühnengewohnheiten. Ruckzuck geht’s mit der Handlung zu Ende. Fuck you, Molière. Da war doch noch was, will man dem Zirkus, dem Jahrmarkt, diesen Zurschaustellern nachrufen. Doch die Wandertruppe ist schon weiter. Auf dem Weg zum Intellelsein.

www.landestheater.net

Wien, 30. 11. 2013