Werk X: Raststätte oder Sie machens alle

April 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Sex mit Stofftieren

Poledance ist auch nur ein Sport: Thomas Kamper, Arthur Werner, Sandra Bra, Sebastian Klinser und Markus Mariacher. Bild: Yasmina Haddad

Am Ende werden Teddybär und Plüschelch genüsslich zerlegt, in ihre Leckerlis zerfleischt und aufgefressen. Und siehe, hinter den ohnedies schon zu Stofftieren sich degradierenden Bestien auch nur der Mensch – im anatomischen Modellanzug. So schaut das aus, wenn Regisseurin Susanne Lietzow Elfriede-Jelinek’sche Figuren zum Striptease lädt. „Raststätte oder Sie machens alle“ hat die zweifache Nestroy-Preisträgerin nun im Werk X inszeniert.

Und am Satyrspiel zu Totenauberg das zotig Farcenhafte betont. Tatsächlich nennt Lietzow den Text im Gespräch einen „Porno-Feydeau“. Dessen Grundlage allerdings Mozarts „Così fan tutte“ ist: Zwei frustrierte Ehefrauen verabreden sich via Sexinserat auf einer Autobahntoilette mit zwei Tieren, von denen sie sich ebensolchen, triebhaft-zügellosen Beischlaf erhoffen. Inmitten einer zermüllt-desolaten, von Peter Laher erdachten Bühne setzt Lietzow ihre Handvoll Darsteller ab. Doch nichts geht, Potenz wird zum Problem, denn in den Kostümen treffen die Frauen unverhofft auf ihre eigenen Männer. Die Liebe ist, man sieht es gleich am ersten Bild, ein Überraschungsei …

Dass das nicht alles auf den ersten Blick verständlich ist, ist systemimmanent. Auch die mäandernden Sprachkaskaden der Nobelpreisträgerin sind nicht Wort für Wort zu nehmen, sondern als Komposition, als Klang. Und durch klingt – Lebensthemen – ihre Kritik an Geschlechterrollen, an versuchter seelenbodenloser Selbstoptimierung (dies gern durch Sport, in dessen Bekleidung bekanntlich „wenig Platz für Lebensgenuss“ ist) und ein scharfer Blick auf Entfremdungsursachen, auf hiesige und andernortige Neidgesellschaften, die auf der Suche nach einem ureigenen Zentrum sich selbst in die Randlagen verlieren.

Highlight des Abends: Gilbert Handler mit Arthur Werner und Thomas Kamper: Bild: Yasmina Haddad

Vor der Plakatwand: Arthur Werner, Sandra Bra, Thomas Kamper und Isabella Szendzielorz. Bild: Yasmina Haddad

Lietzow assoziiert da frank und frei. Pinnt Da Pontes „Fremdländer“ auf ein paar Heimatwahlplakate, die nicht weniger obszön sind als verwandte Originale, die Abart als aktuelles Schleuderblatt für alle, die Abgrenzung zum anderen brauchen. Steckt Klaus Huhle vom allmächtigen Wirtsmenschen zurück in den Baby-Fatsuit. Lässt Gilbert Handler begnadet singen, er der Höhepunkt des Abends, wenn er Liebeslieder bis hin zum Ave Maria interpretiert. Steigert ihre Arbeit mehr und mehr in albtraumhafte Szenen, während sie das Explizite aus der Jelinek kitzelt.

Dazwischen die vier, Isolde und Kurt, Claudia und Herbert, längst Negativspiegelflächen ihrer einmal gewählten Partner, die nun erwarten, dass sie „von anderen Menschen zum Klingen gebracht werden“: Arthur Werner, Sandra Bra, Thomas Kamper und Isabella Szendzielorz als die Durchschnittlichen, die so gerne einmal Über- wären. Sebastian Klinser und Markus Mariacher als die Kostümierten, die Bau- und Büromaschinenvertreter, die aus der fremden Haut schlüpfen, um in der eigenen gekillt zu werden. Wie die Schauspieler hier Lust auf Frust reimen, wie’s statt Körpertrost nur Trostlosigkeit gibt, ist sehenswert.

Und schließlich von der durchaus auch zeitpolitisch zu nehmenden Erkenntnis: „Man kann sich wie ein großes Tier anziehen, deshalb ist man es noch nicht.“

werk-x.at/

  1. 4. 2018

Volkstheater: Zu ebener Erde und erster Stock

November 22, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Who killed Johann Nestroy?

Sylvia Bra, Thomas Frank, Martin Zrost, Paul Skrepek, Sebastian Pass, Gilbert Handler Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Sylvia Bra, Thomas Frank, Martin Zrost, Paul Skrepek, Sebastian Pass, Gilbert Handler
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volkstheater ist derzeit alles g’schissen, weil überall Oarschlöcher sind, die einem sagen, man soll Gusch sein. Wappler. Da kann man gar ned so viel fressen, wie man speiben möcht‘ – und es ist auch wurscht, wer nachher slapstickig auf dieser Speibspur ausrutscht, weil am Ende steht eh der Brunzkübel zum Eineschiffen. Fäkaliendrama Werner Schwab? Geh‘ nein, „Zu ebener Erde und erster Stock“!

Die Posse als Punk. Und der Punk schlägt Purzelbaum. Und in diesem Sinne: Who killed Johann Nestroy? Susanne Lietzow inszenierte diese dramaturgische Autoerotik. Im Bühne-Interview schwärmte sie von Nestroys „Formulierwut“, seinem „mit einer unglaublichen Bildhaftigkeit gespickten Sprachwitz“. The king is gone, but not forgotten. Lietzow hat Nestroy den Nestroy runtergeräumt, und was bleibt, wenn man einen Sprachgewaltigen, einen Satzdrechsler, einen Witz-im-Magen-Umdreher seiner einzigen scharf geladenen, aber dennoch geschmeidigen Waffe beraubt? Nichts zu lachen. Wie aus dem Publikum zu hören.

Folgerichtig, dass die Regisseurin Nestroys Zitatenschatzkästlein als ebensolches behandelt, und Sätze wie den von der Nation-Resignation als Sinnsprüche aufsagen lässt, Josef Bierbichler hat in diesem Tonfall schon einmal einen „Wilhelm Tell“ gespielt. Im Zusammenhang inkonsequent, dass Hans Rauscher – und dies der Höhepunkt des Abends – für Diener Johann ein tagesaktuell zu änderndes Couplet getextet hat, in dem der österreichischen Innenpolitik ihre Grenzwertigkeit aufgezeigt wird – großartig geistreich im Sinne des Erfinders. Wer inszeniert einen Nestroy, in dem Hans Rauscher, bei aller gebotenen Verbeugung vor seinem Werk, der bessere Nestroy ist? Die Musik ist überhaupt das beste. Gilbert Handler, Paul Skrepek und Martin Zrost schrammeln als Garagenband, was das Zeug aushält. Wiener Lied, Free Jazz, Electro. Sie spielen auf zum Pflanztanz.

Und Sebastian Pass. Er rockt das Haus. Er zeigt mit seinem Diener Johann die wahre Wesensart des Nestroy’schen Gemütsmenschen, er ist der rechte „kleine Mann“, dem der Ungeist der Zeit den Katzbuckel stärkt. Er hat sich mit allen außer sich selbst entsolidarisiert. Der Wind der Geschichte weht wieder für ihn und trägt seine verqueren Wertevorstellungen mitten in die Gesellschaft. Wenn dieser Abend gegen Krisengewinnler aller Art aufzeigen will, dann in dieser Figur. In die Pause entlässt er mit dem Ruf „Wir sind das Volk!“. Eine starke, die stärkste Leistung. Stefan Suske ist ein dazu passender Herr von Goldfuchs, ein Spekulant und Lobbyist, auch optisch ein Graf Ali, der mit Vogelgrippemasken handelt. Dies ist zwar nicht mehr ganz neu, hat aber Ablaufdatum 2016 und ist wichtig, weil schließlich die Armen am Virus verrecken. Trotz unvermuteten Vermögens. Wer draufgeht, sind immer die unten: Lietzows Zweiklassengroteske ohne Happy End. Die Fortuna, Kaspar Locher, ist ein goldbarrenfarbener Schweizer, das Glück kein Vogerl, sondern ein Spinner, die Schweiz ist ja historisch das Schicksal vieler Menschen.

Suske ist außerdem erfreulich wortdeutlich, selbst, so paradox es klingt, bei seinem lautmalerischen Raunzchanson. Teile des Ensembles, wiewohl mit exzellent viel Spielfreude bei der Sache, artikulieren so unverständlich, dass kaum ein Wort zu verstehen ist. Auch eher ungünstig bei einem Nestroy, und keine Einzelmeinung, der Zustand wurde rundum bemurmelt. Es könnte ein Akustikproblem sein, weil es beim Reden im Kobel, der das Erdgeschoss darstellt, besonders auffällt. Je mehr Schauspieler auf diesem engsten Raum sind, desto schlechter die Hörbarkeit. Diese überprüft man von verschiedenen Standpunkten im Saal während der Durchläufe. Zum Anschauen ist das Bühnenbild von Aurel Lenfert freilich fein, ein Wunderwerk der Statik, das die Verhältnisse verdeutlicht. Oben ein Prunksalon, unten eine enge Kammer mit Garage – für die Band. Das heißt: Prunk ist relativ. In den Kostümen von Marie-Luise Lichtenthal bewegen sich grausliche Clowns in einem grindigen Kartenhaus. Lietzow hat unter den Figuren keine Sympathie für niemanden, die Reichen sind sowieso … gleichgültig gegenüber dem Elend anderer, die Armen auch nicht edel, sondern ein Lumpenproletariat, und wären sie nicht gestorben, sie hätten die „schöne“ Wohnung sicher auch versifft.

Schlussapplaus für die Schauspieler, Jubel über die Musiker. Für die Regie gab’s teilweise ziemlich heftige Buhrufer. Wer zählt die Grabinschriften meiner Hoffnungen? Das ist ein Nestroy-Zitat.

www.volkstheater.at

Wien, 22. 11. 2015

Neu am Volkstheater: Thomas Frank

November 18, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Es gemütlich haben, was trinken, was essen …

Thomas Frank Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Wer behauptet, die Gattung Volksschauspieler sterbe aus, der hat Thomas Frank noch nicht erlebt. Der kann nämlich mit beißendem Humor wahnwitzig witzig sein – obwohl ihm, wenn’s wichtig ist, natürlich kein Witz einfällt. Frank (mehr: www.volkstheater.at/person/thomas-frank/) blickt in seinen Rollen der untiefen österreichischen Seele bis auf den Grund, sei’s als Lois Lubits in „Fasching“ oder als Kleiner Mann im „Marienthaler Dachs“. Weil ihm dieser Art nichts Unmenschliches fremd ist, zeigt er sich passend zum Advent auch als „auxoffanar untan gristbam“ (15. 12., Rote Bar). Am Grazer Schauspielhaus wusste der Vielspieler die Herzen des Publikums auf seiner Seite, das wünscht man ihm nun auch von Herzen für Wien. In Susanne Lietzows Inszenierung von Nestroys „Zu ebener Erde und erster Stock“ spielt er den Damian Stutzel. Premiere ist am 21. November. Thomas Frank im Gespräch:

MM: In Graz waren Sie Local Hero, ein Publikumsliebling, da hatten Sie oft schon Applaus, bevor Sie auf der Bühne das erste Wort gesagt haben. Mit welchen Erwartungen sind Sie nach Wien gekommen?

Thomas Frank: Danke, aber so stimmt’s auch wieder nicht … ich bin ohne Erwartungen gekommen, zu viele Erwartungen sollte man nicht haben, die lösen sich manchmal nicht ein, und dann verzagt man. Ich freue mich einfach, dass es weitergeht, dass neue Herausforderungen kommen. Ich will machen, was ich in Graz gemacht habe, und das auch in Wien erreichen … (er denkt nach, Anm. Frank: „er tut zumindest so als ob“) … es wär‘ schon schön … als quasi wieder … na, schauen wir einmal (er lacht).

MM: Sie waren seit 2007 am Schauspielhaus Graz. Wie leicht fällt einem nach dieser Zeit eine Übersiedelung? Was brauchen Sie, um sich wohlzufühlen?

Frank: Ein Miteinander. Dass man Freunde und Kollegen hat, mit denen man gut auskommt und eine gute Zeit verbringen kann. Das finde ich ganz wichtig.

MM: Das ist nach einer Produktion am Schauspielhaus Graz und einer im Theater im Bahnhof Ihr dritter Nestroy. Nun spielen Sie den Damian Stutzel. Im Schauspielführer steht, die Figur sei entbehrlich für die Handlung und ein einfältiger Pechvogel. Rechtfertigen Sie Ihre Figur!

Frank: Wenn’s doch da steht! Man braucht in einem Stück halt auch unnötige Figuren, um das Ganze aufzulockern. Der Damian ist insofern wichtig, weil er mit einem Brief für ein Durcheinander sorgt. Er treibt die Handlung damit voran, aber er tut das nicht bewusst.

MM: Wie sympathisch ist er Ihnen?

Frank: Sehr. In seiner Grundeinstellung zum Leben. Er will nicht viel, er will’s gemütlich haben, was trinken, was essen. Das genügt ihm schon. Da bin ich ihm ähnlich. Er wird unsympathisch, wenn er einen Hauch von Macht in die Hände bekommt, oder glaubt zu bekommen. Da schlägt sein Temperament sofort um und er wird eigentlich ein ziemlicher Arsch, wenn ich das so sagen darf. Das ist sehr menschlich und das ist vor allem symptomatisch für alle Figuren im Stück. Kaum oben, tritt man nach unten. Aber der Damian kommt zum Glück wieder zu Sinnen …

MM: Susanne Lietzow inszeniert. Kannten Sie einander schon?

Frank: Ich kannte sie von der Kantine in Graz, aber mehr ned. Ich muss gestehen, ich hatte von ihr noch keine Arbeit gesehen. Sie macht das Stück nicht extrem „pointig“, sondern versucht sehr sanft sprachlich an die Sache heranzugehen. Ich mag nichts verraten, aber die Rauch-Kallat und ihr MensdorffPouilly und ihre Vogelgrippeschutzmasken werden zum Beispiel vorkommen. Ohne Holzhammer und schon so, dass man sich auskennt, nur quasi, damit’s im Hinterkopf klingelt. Und der Schluss wird anders sein als im Nestroy-Original.

MM: Im Sinne von gesellschaftskritisch-„heutig“?

Frank: Es ist einfach so, dass die Reichen reich und die Armen ärmer werden. Interessant ist die Frage: Wie würde ich reagieren, wenn ich reich würde oder Macht bekäme? Darüber sollte man nachdenken.

MM: Und haben Sie? Wie würden Sie reagieren, wenn Sie zu Geld kämen?

Frank: Ausgeben, auf den Schädel hauen. So mache ich es immer, wenn’s da ist, ist es auch schon wieder weg. So viel zum Thema gemütlich essen und trinken.

MM: Wie sind Sie eigentlich zum Theater gekommen – und nicht jetzt sagen: mit dem Auto -, Sie haben ursprünglich Anlagenmonteur gelernt?

Frank: Heute mit der U-Bahn, nein, ernsthaft, ich bin aus Heidenreichstein und meine Mutter ist dort seit 1981 in einer Laienspieltruppe, das heißt, mittlerweile lassen sie das „Laien“ weg, die „Bühne Heidenreichstein“. Ich war als Bub immer mit, bei den Proben und so, und bin reingewachsen. Andere würden über mich vielleicht sagen, ich war der Klassenclown, ich sage das nicht. Ich hab’s halt gern lustig, und wenn die anderen nichts machen, muss man eben selber. Mit acht Jahren habe ich dann mein Debüt als Flamme im „Trollkind“ gegeben. Das war ein großer Erfolg – und  ich habe Anlagenmonteur gelernt. Ich bin ein Schrauber und Tüftler, und deswegen hat’s mich dann nimmer g’freut, weil immer mehr Computer dazugekommen ist, also bin ich ans Reinhardt-Seminar.

MM: Mit Umweg übers Bundesheer. Wer, Herr Lehmann, dient heute noch mit der Waffe?

Frank: Ich hab’ mir das gar nicht so groß überlegt, weil meine beiden Brüder auch Präsenzdiener waren, mir war gar nicht klar, dass man was anderes machen könnte. Ich war Kraftfahrer in Allensteig, Betriebsversorgungsstelle, privilegiert als Heimschläfer, sehr viel essen, sehr viel trinken, gemütlich haben. Ich habe während dieser Zeit fünfzehn Kilos zugenommen, also quasi allzeit bereit. Ich habe dann in Wien bei Leasingfirmen gearbeitet, bis ich mir dachte: „Veränderung!“ Ein Freund von mir hat eine Theatergruppe und hat bei einer Premierenfeier zu mir gesagt: „Probier’s doch auch“. Natürlich bin ich erst einmal kläglich gescheitert, aber einmal ist ja kein Mal. Mein Vater fragt mich übrigens erst seit Kurzem nicht mehr, ob es das ist, was ich „wirklich“ will, ob das „was Längerfristiges“ ist.

MM: Sie sind bei weitem nicht nur Komödiant, aber das doch intensiv. Die Elegiebürscherln waren nie Ihr Fach?

Frank: Hehe. Ich hab’ einmal den Ferdinand gespielt in „Kabale und Liebe“, das hätte mir schon auch getaugt, aber meinem Umfeld nicht so. Die Darstellung ist nicht aufgegangen, sagen wir’s so. Vielleicht war ich noch nicht soweit … Ich habe aber kein Problem damit, Komödiant zu sein. Mir fällt es manchmal auch schwer, keinen Blödsinn zu machen. Vielleicht sollte ich das auch einmal ausprobieren.

MM: Aber ist Komödiant nicht das härtere Brot? Dem Tragöden sitzt das Publikum in Leidenshaltung gegenüber, da ist keine Reaktion normal, aber, wenn man auf die Lacher wartet und sie kommen nicht?

Frank: Das ist hart, stimmt. Früher habe ich in den Zuschauerraum hineingehorcht, mittlerweile geht’s. Ich bin entgegen dem beliebten Bild von Komödianten jetzt privat nicht der große Depressive, also halte ich was aus. Es heißt noch lange nicht, nur weil ein Publikum einmal an einer Stelle nicht lacht, und man sich denkt „das gibt’s nicht“, dass eine Vorstellung nicht ankommt. Da darf man sich nicht verunsichern lassen. Die Susanne ist zum Glück eine Regisseurin, die einem genügend Bestätigung gibt. Das ist viel angenehmer, als wenn von der Regie gar nichts kommt und man sich denkt „war das jetzt …?“ Sie ist super. Sie lacht viel.

MM: Können Sie gut Witze erzählen?

Frank: Ja, wenn mir einer einfällt. Früher habe ich viele Witze gewusst, heute bin ich froh, wenn ich mir den Text merke. Ich mag absurden Humor, schräge Sachen, darüber kann ich lachen. Ich sehe gern Kollegen, große Schauspieler, die man aus ernsten Rollen kennt, wenn sie einmal Komödie machen. Das imponiert mir sehr.

MM: Was kann Komödie in den Köpfen, was das Drama nicht kann?

Frank: Befreien. Den Alltag vergessen machen, von den eigenen Sorgen ablenken. Das kann Drama, glaube ich, nicht so leicht. Da kommen zu den eigenen Problemen noch die der Bühnenfiguren dazu (er lacht).

MM: Komödie kann uns alle befreien. Das gefällt mir, das nehmen wir gleich als Titel, das ist so pamphletisch. Und was kann Nestroy im Speziellen?

Frank: Er ist – in Österreich – den Leuten noch näher. Ich glaube, er war auch so ein Wirtshausgeher wie ich, ein ganz normaler Typ. Er versteht die Leut’ und die Leut’ verstehen ihn. Deswegen erreicht er das Publikum schneller, leichter.

MM: Sie drehen derzeit auch „Vorstadtweiber“?

Frank: Zweite Staffel, Ausstrahlung 2016. Der Frank spielt aber nicht den Gefängnisdirektor, sondern einen Gefängniswärter. Eine oder einer der anderen wird eingekastelt, weil ein Schas passiert ist, und ich passe auf sie oder ihn auf.

MM: Der „Frosch“ bei den Vorstadtweibern.

Frank: Die Kaulquappe. Die Rolle ist so viel, wie es sich anhört: Immer, wenn was im Gefängnis spielt, renn’ ich auch einmal durchs Bild.

MM: Was mir schon die ganze Zeit ins Auge sticht: Sie tragen heute ein raffiniertes Teil – vorne Holzfällerhemd, das sich durch eine geschickte Körperdrehung in einen Hoodie verwandelt (siehe Bild, Anm.). Fashion Victim oder Geschenk?

Frank (empört): Selber gekauft. Ich bin unbewusst modebewusst. Ich stehe nicht stundenlang vor dem Spiegel, aber ich schaue schon gern was gleich. Ich hätte gerne einen Kostümbildner für mein Leben. Und noch lieber hab’ ich’s, wenn man Kostüme vom Theater abkaufen kann, wenn eine Produktion abgespielt ist. Daher kommen viele meiner Sachen. In Graz hat sich da im Laufe der Jahre einiges angesammelt.

MM: Da war am Volkstheater aber noch nicht viel los: einmal Trachtenanzug, einmal Windelhose.

Frank: Ja, mein Kleiderkasten raunzt schon.

www.volkstheater.at

Wien, 18. 11. 2015

Susanne Lietzow inszeniert in Linz und Feldkirch

September 8, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater Phönix: Leonce und Lena

Projekttheater: Foxfinder

Julia Jelinek, Felix Rank, Rebecca Döltl Bild: © Marie Luise Lichtenthal

Julia Jelinek, Felix Rank, Rebecca Döltl
Bild: © Marie Luise Lichtenthal

Susanne Lietzow ist zurzeit in Oberösterreich und in Vorarlberg als Regisseurin zugange. Am Linzer Theater Phönix bringt sie am 10. September Georg Büchners virtuoses Spiel „Leonce und Lena“ auf die Bühne. Sein 1836 verfasstes einziges Lustspiel ist ein absurd-romantisches Märchen, eine bitterböse Satire über die politischen und sozialen Verhältnisse seiner Zeit. Eine Persiflage auf die Weltfremdheit und Dekadenz eines elitären Standes, der es sich leisten kann, sich Langeweile zum Problem zu machen, während das Volk schuften muss, um zu überleben. Das Theater Phönix sieht in Büchners Kritik an der Ausbeutung des Menschen durch den Staat und das Feudalsystem durchaus Parallelen zu den Zuständen unserer Zeit. Es gehe um eine „No-Way-Out-Generation, die sich in einer ausweglosen Situation befindet“, so die Regisseurin. Das Stück habe „sowohl eine romantische als auch eine politische Seite in einer einzigartigen Sprache, die direkt unter die Haut geht.“

Julia Jelinek, die gleichzeitig in den österreichischen Kinos im Film „Der Blunzenkönig“ an der Seite von Karl Merkatz zu sehen ist, wird die Prinzessin Lena verkörpern, die vor der arrangierten Ehe mit Prinz Leonce flüchtet und sich inkognito dennoch in ihn verliebt. Phönix-Stammspieler David Fuchs wird den Prinzen Leonce spielen. Außerdem zu sehen: Rebecca Döltl, Tänzer und Choreograf Daniel Feik, neu im Phönix-Team: Markus Hamele, Klaus Huhle („Ihm laufe ich schon seit vier Jahren nach!“, sagt Lietzow), Sebastian Pass und Felix Rank. „Leonce und Lena“ spielt diesmal auf Kunsteis – und das Schauspielteam auf Eislaufschuhen. Dafür gab es Unterricht vom Linzer Eiskunstlaufverein.

Am 17. September folgt am Projekttheater Susanne Lietzows Inszenierung von Dawn Kings „Foxfinder – Zeit der Füchse“. In ihrem preisgekrönten Stück zeichnet die britische Autorin eine raffiniert-groteske Parabel auf den Überwachungsstaat. Eine aberwitzige Ausgangssituation, überzeichnete Figuren und pointierte Stakkato-Dialoge machen „Foxfinder“ zu einem Stück wie gemacht für das Ensemble des Projekttheaters. Den Menschen geht es schlecht. Wirtschaftliche Schwierigkeiten und Missernte sorgen für Unmut und Verzweiflung in einer ländlichen Gegend irgendwo in England. Ein Feindbild muss her. Der Fuchs. Er verseucht die Bauernhöfe, beeinflusst das Wetter, manipuliert Träume und Verstand und tötet unschuldige Kinder – predigt der staatliche beauftragte „Foxfinder“ William Bloor, gespielt von Rafael Schuchter. Er platzt in die Welt des Ehepaars Samuel (Marc Fischer) und Judith Covey (Martina Spitzer) und der Nachbarin Sarah (Maria Hofstätter). Das Ehepaar Covey, geschockt vom plötzlichen Tod des Sohnes und verzweifelt wegen der schlechten Ernte, wird zur Zielscheibe des Foxfinders. Gespielt wird am magischen Ort der Johanniterkirche Feldkirch.

Im Februar/März 2016 kommt die Produktion als Gastspiel ins Theater Nestroyhof Hamakom.

www.theater-phoenix.at

www.projekttheater.at

Wien, 8. 9. 2015

Projekttheater im Schauspielhaus Wien: Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne

April 1, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein meist sehr stummes Stück

über Ernst Herbeck und August Walla

Peter Badstübner, Dietmar Nigsch Bild: © Nikolaus Walter

Peter Badstübner, Dietmar Nigsch
Bild: © Nikolaus Walter

Sie waren das, was man Gugging-Künstler nennt: Ernst Herbeck und August Walla. Sie verbrachten große Teile ihres Lebens als schizophrene Psychiatriepatienten und wurden zu gefeierten Künstlern. Ihre Biografien hätten unterschiedlicher kaum sein können: Walla, der als Kind den Tod seiner Großmutter miterlebt und diesen als Zusammenbruch des Universums deutet, beginnt einen Kosmos jenseits der Welt und des Himmels zu imaginieren und zu schaffen – das Weltallendeland –, ein umfassendes, mit Göttern, Symbolen, Emblemen und Sprachen bevölkertes, phantastisches Reich, deren Teil und Gott er ist. Herbeck hingegen schweigt. Seine Disposition ist eine gänzlich andere. Er wird mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte geboren, die seine Sprechfähigkeit stark beeinträchtigt. Bei ihm ist es nicht das Trauma, sondern das Stigma, eine von Anbeginn bestehende körperlich-sprachliche Versehrtheit, das ihn prägt.

Philipp Weiss, diese Saison Hausautor am Schauspielhaus Wien und gerade gefeiert für „Allerwelt“ www.mottingers-meinung.at/schauspielhaus-wien-allerwelt/, hat nun für das Vorarlberger Projekttheater ein Stück über diese beiden besonderen Menschen geschrieben: „Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne“ (zu sehen als Gastspiel am Schauspielhaus). Und wie zwei Einzeller stehen sie auch da, Dietmar Nigsch und Peter Badstübner, in der Regie von Susanne Lietzow, stumm und gleichzeitig von Stimmen umgeben, von der „Gesellschaft“ als Kranke UND Genies abgefeiert, als Opfer der Umstände und Heroen, die gegen die gewalttätige symbolische Ordnung aufbegehren. Als Produkte auf dem Kunstmarkt. Weder Herbeck noch Walla wollten jemals Künstler werden. Es hat sich so ergeben. Könnte man so sagen.

Wir Lebenden haben nur eine Pflicht; – die Zeit zu verwerten“, schrieb Ernst Herbeck einmal. Regisseurin Susanne Lietzow, die mit ihren Produktionen gern in Wien Station macht www.mottingers-meinung.at/maria-hofstatter-spielt-in-wien-theater, ist eine schonungslose, aber auch zärtliche Begegnung mit den Protagonisten gelungen. Eine geniale Auseinandersetzung mit dem Begriff Art Brut; Badstübner und Nigsch sind den beiden Künstlern und auch den Menschen Herbeck und Walla absolut gerecht geworden, haben sie dem Publikum ganz nahe gebracht, haben sie weder ausgestellt, noch die Frage nach „verrückt“ oder „normal“ gestellt,  noch Tatsachen verborgen oder verbogen. Ein besonderes Bravo gilt Philipp Weiss für seine genauen Recherchen. Nun wissen wir, dass der Hase – auch wenn er nicht Harvey heißt – ein guter Freund des Wahnsinns ist. Und Wahnsinn nicht immer das Schlechteste. Ein bemerkenswerter, anstrengender, absolut sehenswerter Abend.

www.projekttheater.at

www.schauspielhaus.at

Wien, 1. 4. 2014