TAG: Die Ratten

April 4, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Kind als Kapital und Konsumgut

Herr John ist überglücklich, doch Frau John hat ihrem Bruder bereits einen mörderischen Auftrag erteilt: Michaela Kaspar und Jens Claßen, hinten: Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

„Frei nach“ Gerhart Hauptmann nennt Bernd Liepold-Mosser seine Version von dessen Tragikomödie „Die Ratten“, und kommt dabei dem Original in der Intentionen so nahe, dass es greifbarer kaum geht. Am TAG hat der Sozialphilosoph unter den Theatermachern seine Fassung des berühmten Naturalismusstücks zur Uraufführung gebracht, als ein Gedankenspiel, auf das man allerdings gewillt sein muss, sich einzulassen. Wer dies tut, wird mit einem Bühnenerlebnis der Extraklasse belohnt.

Liepold-Mosser und Ausstatterin Karla Fehlenberg versetzen die Akteure in eine Art dystopische Laborsituation. Weiße Wände umgrenzen die klinische Versuchsanordnung, aus der es kein Entkommen gibt, weshalb die fünf Schauspieler permanent auf der Spielfläche sind – ein Kraftakt, auch wegen des hohen Tempos, in dem das 90-minütige Geschehen abläuft. Was Liepold-Mosser in diesem Setting schildert, ist das Sozialdrama eines Mittelstands, der seine Existenz auf schwankenden Boden gebaut hat. Zwar gilt für Herrn John noch das von allen Figuren vorgebetete Mantra, als fix Verankerter auf dem Arbeitsmarkt, Nachsatz: „Was heutzutage etwas heißen will“, sei er eine wichtige Größe in der Erwerbswelt.

Der Warenhandel an der Wiege: Lisa Schrammel und Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

Inzestuöse Geschwisterliebe: Michaela Kaspar und Raphael Nicholas. Bild: Anna Stöcher

Doch dräut am Horizont schon der „Abstieg“ ins freie Unternehmertum, weil, wer nicht zu hundert Prozent einsatzwillig für die Firma ist, in diesem Falle, man weiß es, wegen der vermuteten Vaterschaft, alleine schauen muss, wo er bleibt. Liepold-Mosser hinterfragt mit seiner „Ratten“-Interpretation derart nicht nur die Schattenseiten eines heutigen kapitalistischen Systems, er verschiebt Arbeitsdruck, Ausnutzung, Nutzbarmachung des Menschen auch vom Beruflichen ins Private – zu Frau John und Pauline. Der nämlich stellt die Kindswütige die Alleinerzieherinnen-Armutsfalle in Aussicht, sollte sie sich nicht zur Abgabe des Neugeborenen entschließen.

Die Gleichung, die Liepold-Mosser aufstellt, lautet: Kind ist gleich Paulines Kapital ist gleich ein Konsumgut für Frau John, und so ist es nicht verwunderlich, dass es im Weiteren „das Ding“ oder „die virale Sache“ genannt wird, die Pauline, als wär’s eine Maschine, bei Frau John schließlich doch „in Betrieb gegeben hat“. Der Geburtskanal als Vertriebskanal. Liepold-Mosser hat eine mäandernde, sich stetig wiederholende Kunstsprache erdacht, doch was vom Dialekt befreit ist, immerhin an der Donau verankert, in die sich Pauline statt des Berliner Landwehrkanals erst stürzen will.

Michaela Kaspar als Jette John und Lisa Schrammel als Pauline machen „Die Ratten“ mit ihrer intensiven Darstellung zum Königinnendrama, auch dies etwas von Hauptmann Gewolltes, war doch sein Credo, dass untere Gesellschaftsschichten um nichts weniger als gekrönte Häupter für die große Tragödie taugen. Kaspar und Schrammel gestalten den Infight zweier Frauen meisterlich, manipulativ schmeichlerisch, dann wieder beinhart bedrängend die eine, vehement ihr Recht einfordernd die andere, Pauline hier als 24-Stunden-Pflegekraft aus einem Drittstaat ausgewiesen und damit eine ebenso prekäre Person, wie ihre Piperkarcka-Vorgängerin, auch wenn ihr Frau John zynisch versichert, ohne Babypause könne sie endlich jobmäßig durchstarten.

Performt den Nachbarschaftssong: Georg Schubert mit Jens Claßen, hinten: Raphael Nicholas und Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

Bruno ist Pauline auf den Fersen: Raphael Nicholas und Lisa Schrammel, vorne: Michaela Kaspar und Jens Claßen. Bild: Anna Stöcher

Jens Claßen scheint als Herr John ein Versicherungsvertreter für Zukunftsvorsorgen zu sein, und Claßen erzählt den draußen erfolgreichen Pragmatiker daheim als gutgläubigen Toren, dem zu spät die Augen aufgehen. Wenn Frau John über ihren Mann punkto Fortpflanzung sagt, er sei kein begnadeter Miterzeuger, aber ein perfekter miterzeugender Verantwortlicher, so ist diese Figur treffend beschrieben. Georg Schubert versammelt als neugieriger, nervtötender, unangenehmer Nachbar das übrige Personal der zum noch nicht ganz abbezahlten Eigenheimrefugium mutierten Zinskaserne in sich.

Er hat als Lauscher das Ohr wahlweise an der Wand oder auf dem Boden. Als „verschärfte Kontrollinstanz“, wie sich der Nachbar selber nennt, singt und tanzt er, und bestreitet zweifelsfrei den von Hauptmann als satirisch überspitzt vorgesehen Komödienanteil am Drama. Und dann ist da noch Frau Johns kleinkrimineller Bruder Bruno, der sein Handeln bei Liepold-Mosser damit rechtfertigt, ein „Modernisierungsverlierer“ zu sein. Raphael Nicholas spielt ihn als eifersüchtiges Mannkind, der mit dem Säugling um die Liebe seiner Schwester buhlt.

Wobei die beiden aus ihren inzestuösen Anwandlungen kein großes Geheimnis machen. „Du bist die Festplatte, aber ich bin die Maus“, sagt dieser Bruno zu Jette, bevor er sich die Nagermaske aufsetzt und zum gefährlich die Szenerie umschleichenden Raubtier wird. Das von der Inszenierung festgeschriebene „Alles hat seinen Preis“ wird in voller Doppeldeutigkeit auch ihn treffen. Liepold-Mosser und Fehlenberg haben eine pastellästhetische Optik fürs düstere Treiben gewählt. Das verläuft an sprachlosen Stellen nach einem streng choreografierten Bewegungsmuster. Bei Frau Johns Irrsinnstango mit der von der Decke abgehängten Pappkartonwiege. Wenn Pauline und Bruno das Bühnengeviert abschreiten – und man nach der zweiten Kurve entsetzt bemerkt, dass er sie immer mehr einholt. Bruno gehört denn auch der finale Song über eine Wasserleiche als Nahrungsquelle für ein Rattennest. Ein Text, der das Homo homini rattus auf die Spitze treibt.

Liepold-Mosser zeigt den Menschen, wie er sich im engen Käfig seiner Lebenswünsche verfängt, und überlässt es dem Publikum Worten wie Ausbeutung oder Zerfleischung die Silbe „Selbst-“ voranzustellen. Dass sich seine „Ratten“ auf dem schmalen Grat zwischen Tragik und Komik abspielen, auch das ist im Sinne des Erfinders Hauptmann – und natürlich das künstlerische Charakteristikum des TAG.

Trailer: vimeo.com/327432694

dastag.at

  1. 4. 2019

Lavant! – Bernd Liepold-Mosser über die Dichterin

September 30, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Theaterprojekt am Stadttheater Klagenfurt

Christine Lavant  Bild: (c) Robert Musil-Institut für Literaturforschung

Christine Lavant
Bild: (c) Robert Musil-Institut für Literaturforschung

Das Stadttheater Klagenfurt widmet Christine Lavant zu ihrem 100. Geburtstag die erste Schauspielpremiere der neuen Spielzeit. In einer Textmontage von Bernd Liepold-Mosser und Ute Liepold, die sich aus Gedichten, biografischen Aufzeichnungen, Briefen und den Prosatexten zusammensetzt, werden die vielen Facetten dieser faszinierenden Vertreterin der österreichischen Nachkriegsliteratur zum Ausdruck gebracht und für die Gegenwart neu umgesetzt. Die Band Clara Luzia steuert eigens für das Projekt „Lavant!“ komponierte Songs bei. Mitwirkende: Nikolaus Barton, Jele Brückner, Sèbastien Jacobi, Sandra Lipp, Johanna Mertinz, Katja Uffelmann und Nadine Zeintl. Premiere ist am 8. Oktober.

Mehr über Christine Lavants Leben und Werk: www.mottingers-meinung.at/?p=14452

www.stadttheater-klagenfurt.at

Wien, 30. 9. 2015

Landestheater Niederösterreich: Traummaschine

Januar 26, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Freud-Projekt von Bernd Liepold-Mosser

Othmar Schratt, Michael Scherff (Video), Lisa Weidenmüller Bild: Alexi Pelekanos

Othmar Schratt, Michael Scherff (Video), Lisa Weidenmüller
Bild: Alexi Pelekanos

Na, da hat aber einer den Vater der Psychoanalyse lustvoll zerlegt. Dem alten Sigi sozusagen ordentlichen den Bart zerzaust. Sich an dessen Werk „Die Traumdeutung“ bedient, wie ein Rudel ausgehungerter Ratten oder Wölfe oder welche Art „Männer“ sonst noch als Lieblingsfiguren in den Schauergeschichten des Herrn Doktor vorkommen. „Traummaschine. Ein Freud-Projekt“ heißt die freie Assoziation von Bernd Liepold-Mosser, die derzeit in der Theaterwerkstatt des Landestheater Niederösterreich läuft. Ein absolut sehenswerter Abend! Leider in der dritten Vorstellung ein wenig verkorkst, weil man sich zerkugeln möchte, und sonst im Publikum keiner lacht. Peinlich. Also, hingehen, nichts und gleichzeitig alles ernst nehmen und draufloskudern. Hier wird doch extra, ätsch!, gespielt. Und das größte, das schlimmste Kind, Liepold-Mosser, hat sich neben Sigmund Freud auf die Couch gelegt. Die es neben einer Badewanne tatsächlich auf der Bühne gibt. Sowie eine Live-Kamera und eine Vidiwall für Zuspielungen. Es ist großartig.

Zugegeben, ein bisschen sollte man sich schon auskennen, in all den Begriffen, die Freud postuliert hat. Penisneid, Todestrieb, Analfixierung, Ödipuskomplex, Hysterie – pfui, Dr. Freud, viele Nicht-Gebärmutter-Besitzer sind wesentlich … als Frauen! Da muss sich keine samt „Schmuckkästchen“ in ihre Hände begeben. Haben Sie die „Traumdeutung“ eigentlich auch für eigene Zwecke verwendet? Oh, na, nie!  Freud ist ein Frauenfeind. Das „Wunder“, Leben zu geben, macht ihm Angst. „Das Weibliche ist für mich ein dunkler Kontinent geblieben“, sagt er. Liepold-Mosser findet die Via regia (lat.: „der Königsweg“, zur Kenntnis des Unbewussten im Seelenleben) zu Freud. Das Unbewusste, die Verdrängung, die frühkindliche Sexualität und die Arbeit an der Bewusstmachung verborgener Konflikte als therapeutischer Methode ist sein Thema. Träume haben nach Freud einen Sinn, der sich hermeneutisch erschließen lässt. Im Traum streben inakzeptable, von der Zensur des psychischen Apparats verdrängte Wünsche, die stets einen sexuellen Hintergrund haben und mit Kindheitserlebnissen in Verbindung stehen, nach Erfüllung. Da Erregung den Schlaf gefährden würde, werden die Wünsche durch „Verdichtung“ und „Verschiebung“ verschleiert. Die Interpretation von Träumen mithilfe eines Therapeuten macht zuvor unbewusste innere Störungen und Zwiespalte einer Bearbeitung zugänglich. Ja, ja, jaaa, das wollen wir sehen! Liepold-Moser untersucht Familienstrukturen, die auch im griechischen Drama beheimatet sind und auf das Unbewusste verweisen. Er öffnet die Türen zu einem Panoptikum, in dem einem ein bizarres Personal mit grotesk-tragischen Geschichten begegnet. Eine Genitalsensation. Auch ein Freud’scher Begriff, übrigens.

Der (Helmut Wiesinger im Unterhemd unterm Sakko) stellt sich mit Kopernikus und Darwin in eine Reihe. Von wegen Erneuerer von Ideen und Methoden. Hat er doch statt Eisbädern und Elektroschocks zur Redekur gefunden. Eine schwarze Perücke geht herum. Ist einmal Schamhaar, einmal Pferdchenmähne. In feinster Akribie stellen Lisa Weidenmüller Emmy von N. („Seien Sie still! Lassen Sie mich reden!“) und Nadine Zeintl die burschikose Dora dar. Othmar Schratt ist „Der kleine Hans“, der um seinen Wiwimacher fürchtet, Michael Scherff Wolfs-, Ratten- und DER Mann. Musik ist Liepold-Mosser sehr wichtig. Sexmachine oder Sexual Healing oder Sexy Thing oder I feel Love oder Je t’aime. Aber auch Psychokiller von den Talking Heads. Christine Jirku singt I Am the Walrus. Der Eggman im Text war vermutlich eine Anspielung auf Eric Burdon. Burdon hatte von Freunden den Spitznamen Eggs erhalten, da er beim Sex rohe Eier über nackten Frauen zerbrach. Burdon beschrieb eine Begebenheit, bei der Lennon anwesend gewesen war und Burdon mit den Worten: “Go on, go get it, Eggman!” angefeuert haben soll.

Wer möchte das versäumen?

www.landestheater.net

Wien, 26. 1. 2015

Landestheater Niederösterreich: Lampedusa

Dezember 12, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Gastspiel von Bernd Liepold-Mosser

2495544784_f963ec1167Es hat neben und hinter einem und bei sich selbst mindestens ein Taschentuch verbraucht, das Gastspiel „Lampedusa“ von Bernd Liepold-Mosser, das am Donnerstag am Landestheater Niederösterreich zu sehen war. Weniger wegen des Live-Bühnengeschehens, dazu später, sondern wegen der Original-Filmaufnahmen (Video: Philip Kandler), die auf der Hintergrund-Leinwand liefen. Verzweifelte Menschen, die versuchen, den Strand zu erreichen, und von den Carabinieri aufgehalten werden sollen. Verzweifelte Menschen, die es geschafft haben, und nun versuchen aus den beiden Flüchtlingslagern der Insel, die für sie wie die Gefängnisse ihrer Herkunftsländer sind, „auszubrechen“, über den Zaun zu klettern, und von den Carabinieri aufgehalten werden sollen. Prügel. Die Küstenwache, die Boote aufbringt, um sie zurückzuschicken zu Folter und Todesurteil. Oder die nur noch Tote findet. Oder Kleider. Und nackte Tote, die im Meer treiben, weil sie dachten ohne etwas an, könnten sie leichter schwimmen. Kindersärge.

Lampedusa. Davon hat man schon genug. Jeden Tag Meldungen über x Ertrunkene, x Illegale. Liepold-Mosser hat nun Texte gesampelt, die europäische Sichtweisen über das Thema reflektieren, von der touristischen Bewerbung bis zu Frontex-Strategien, von hässlichen Postings aus Internet-Foren bis zu erschütternden Kommentaren der Lampedusani, der allein gelassenen und überforderten Inselbevölkerung. Dazu lässt die Wiener Singakademie unter der Leitung von Heinz Ferlesch klassische Chöre erklingen, die von Erniedrigung, Vertreibung und Flucht erzählen. Magdalena Kropiunig, Nina Horvath, Maximilian Laprell, Alexander Meile und Kai Möller schlüpfen in unzählige Rollen. Herwig Zamernik, Frontmann der Kultband „Naked Lunch“, singt zwischendurch melancholisch Lieder wie „Seemann, lass‘ das Träumen …“

Der ganze Abend ist eindringlich schmerzhaft, sarkastisch bis es weh tut, so ernst, dass Platz fürs Lachen bleibt. Sofern man über die Blödheit der Bürokratie lachen kann. In Lampedusa hat Europa die Humanität zum Teufel geschickt. So beginnt denn auch die resolute Bürgermeisterin: „Wie groß muss der Friedhof auf meiner Insel noch werden.“ Leichen, das ist kein Scherz, werden bereits nach Sizilien ausgelagert. Gräber ohne Namen, schnell, schnell, was unter der Erde ist, ist weg von der Bildfläche. Eine Schande für den Friedensnobelpreisträger Europa. Oder soll das vielfache Sterben eine Abschreckung für die Nachkommenden sein? Die Flüchtlinge verflüchtigen sich von selbst. Doch Millionen warten noch darauf, den Massakern in ihren Ländern zu entkommen. Allein aus Afrika wollen 160 Millionen Menschen nach Europa.

Weg mit der Bürgermeisterin. Nun wird der Urlaubsort Lampedusa beworben. Antike Stätten, Sonne, Strand und azurblaues Meer. Während im Hintergrund Boatpeople die Arme schwenkend um Hilfe flehen. Chor und ein Schlauchboot kommen auf die Bühne. „Patria oppressa“ aus Verdis „Macbeth“. Aber Spaß kann sein. Paragliding über dem Meer. Tolle Restaurants. Kinderprogramm. Infos über die Buslinie und die Fähre … und darüber, dass es auf Lampedusa keine Trinkwasserquelle gibt. Regenwasser wird gesammelt. Und der Chor singt „O welche Lust“, Beethoven: „Fidelio“. Die Darsteller basteln dazu Papierschifferl. Und die alten Diskussionen gehen los: Kostenexplosion wegen der zusätzlichen Sicherheitskräfte; „unsere“ Werte und Traditionen vs deren Bildungsmanko und Beschneidungsrituale. Eine Fremde-Kultur-Invasion! Die sollen lieber ihre Länder auf Vordermann bringen! Wir haben zu wenig Kinder, aber die aus Afrika wollen wir nicht. Frontex, die Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union, wurde zurückgepfiffen.Flüchtlinge aus dem Senegal beschrieben am 5. Oktober 2009 wie ihr Boot auf See aufgebracht wurde: „Wir hatten nur noch drei Tage zu fahren, da hat uns ein Polizeischiff aufgehalten. Sie wollten uns kein Wasser geben. Sie haben gedroht, unser Boot zu zerstören, wenn wir nicht sofort umkehren. Wir waren fast verdurstet und hatten auch Leichen an Bord. Trotzdem mussten wir zurück nach Senegal.“ Amnesty International, Pro Asyl und der Evangelische Entwicklungsdienst bestätigen übereinstimmend solche Berichte. Frontex-Direktor  Ilkka Laitinen gab zu, dass Frontex jährlich mehrmals Flüchtlingsboote im Mittelmeer abgedrängt und Flüchtlinge auch unter Androhung von Gewalt ohne Asylprüfungsverfahren abgeschoben hatte. Nun werden Roboter, Drohnen, entwickelt, die selbsttätig „Illegale“ aufspüren sollen. Und der Chor trägt Brahms „Selig sind, die da Leid tragen“ vor.

Liepold-Mosser haut einem die Gegensätze nur so um die Ohren. Aus dem beliebten Trainingslager der besten italienischen Fussballmannschaften wurde ein einziges großes Flüchtlingslager. Erschütternd auch die O-Töne einiger Lampedusiani. Ein Fischer, dessen Broterwerb dahin ist. Ein Souvenirverkäufer, der einpacken kann. Eine Menschenrechtsaktivistin, die sagt: „In mein Büro kommen Touristen, die fragen, wo man die Flüchtlinge am besten fotografieren kann. „Va Pensiero“ (Verdi: „Nabucco“) und Beethovens „Ode an die Freude“, immer freudloser, immer konfuser, obwohl sich im Publikum viele bemühen, die Stimme zu halten. Mit lautem Knall fliegt ein Schlauchboot vom Himmel. Erschrecken, aufschrecken allerorts.

Bernd Liepold-Mosser hat ein Projekt geschaffen, dem man den Weg durch Europa wünscht. Von Skandinavien bis zu den Mittelmeerländern. Was wiegt der Mensch? Glaubt einer wirklich, dass einer (mit Frau und Kind)  einfach drauflos die Heimat verlässt, weil’s in Europa so lustig zugehen soll? Es ist noch nicht  lange her, dass Europa Flüchtlinge, Vertriebene, vom Tod Bedrohte hatte, die um Aufnahme in ein freundliches Land bettelten. Vergessen? Niemals vergessen. Also: Brüssel: Bitte, melden!

www.landestheater.net

www.mottingers-meinung.at/bernd-liepold-mosser-im-gespraech/

Wien, 12. 12. 2014

Bernd Liepold-Mosser im Gespräch

Dezember 10, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Lampedusa“ am Landestheater Niederösterreich

Lampedusa  Bild: (c) Philip Kandler. Gastspiel in Kooperation mit dem Stadttheater Klagenfurt und dem Theater wolkenflug

Lampedusa
Bild: (c) Philip Kandler. Gastspiel in Kooperation mit dem Stadttheater Klagenfurt und dem Theater wolkenflug

Am 11. 12. ist am Landestheater Niederösterreich „Lampedusa“ von Bernd Liepold-Mosser zu sehen. Ein Gastspiel in Kooperation mit dem Stadttheater Klagenfurt und dem Theater wolkenflug. Jährlich landen mehrere zehntausend MigrantInnen vor den Küsten Italiens. Der größte Teil der Boote aus Afrika und dem Nahen Osten erreicht auf Lampedusa italienisches Hoheitsgebiet. Die Pelagische Insel ist längst zur Chiffre geworden – für ein unvergleichliches Massenschicksal und für die größte Problematik der europäischen Einwanderungspolitik. Wenn Europa so tut, als seien dies nur unsere Toten, dann möchte ich für jeden Ertrunkenen, der mir übergeben wird, ein offizielles Beileidstelegramm erhalten. So als hätte er eine weiße Haut, als sei er unser Sohn, der in den Ferien ertrunken ist. Gezeichnet: Giusi Nicolini. Bürgermeisterin von Lampedusa.

Die Paradoxie, dass ausgerechnet jene Werte und Standards der Humanität, die an den Grenzen der „Festung Europa“ verteidigt werden sollen, ebendort abgeschafft werden, steht im Zentrum der theatralen Intervention von Bernd Liepold-Mosser. Mit einer vielstimmigen Textcollage aus Textsamples, Reportagen und kleinen Szenen untersucht ein Schauspielteam sowohl die Zustände und Befindlichkeiten an den Küsten Italiens als auch den technokratischen Apparat dahinter. Die kostspielige Verwaltung, die die Verteidigung der Grenzen Europas in Stand hält, sowie das nur in Opferzahlen vermittelte Leid werden blitzlichtartig personalisiert und greifbar gemacht. Da der in Frage gestellte europäische Humanismus seine stärkste künstlerische Ausprägung in der Oper findet, bilden Chöre aus der klassischen Opern- und Oratorienliteratur, die von Flucht und Heimatlosigkeit erzählen, den musikalischen Rahmen.

Der Klagenfurter Theatermacher Bernd Liepold-Mosser ist in dieser Spielzeit auch als Regisseur und Autor unserer Eigenproduktion Traummaschine. Freud-Projekt am Landestheater Niederösterreich tätig. Der Musiker Herwig Zamernik, der als Fuzzman und mit der Band Naked Lunch auftritt, und der Videokünstler Philip Kandler haben bereits mehrfach mit Bernd Liepold-Mosser zusammengearbeitet.

Es spielen Katrin Hauptmann, Nina Horvath, Magda Kropiunig, Maximilian Laprell, Alexander Meile, Kai Möller, Wiener Singakademie. Bernd Liepold-Mosser im Gespräch:

MM: Es gibt einen Kinofilm, in dem die Festung Europa fällt, weil die MigrantInnen aus Afrika sie überrennen. Wäre das auch Ihre Vorstellung einer Lösung für das Flüchtlingsproblem? Sturm auf die Bastille?

Bernd Liepold-Mosser: Das mit dem Sturm auf die Festung ist natürlich eine apokalyptische Vision. Allerdings haben vor einigen Jahren in den Pariser Banlieues die Autos gebrannt, und es gibt Umfragen, wonach zwei Drittel der afrikanischen Bevölkerung schon einmal mit dem Gedanken gespielt haben, nach Europa zu gehen, und in Tripolis warten bereits Hunderttausende auf ihre Überfahrt. Mein Projekt soll zeigen, dass es da ein brennendes Problem gibt, und dass wir – das wohlhabende, situierte Europa – gefordert sind. Mit den überfüllten Booten und der Tragödie, die sich im Mittelmeer abspielt, stehen die Grundlagen unseres Wohlstands in Frage.

MM: Denn das Problem ist ja eines von den ehemaligen Kolonialmächten zurückgelassenes. Wann hat der Mensch die Humanität aufgegeben? Als er im anderen Menschen nur noch ein „Objekt“ sah (übrigens ein Ausdruck, den Folterer verwenden, wenn man sie nach dem Warum fragt)?

Liepold-Mosser: Die Aporie ist meiner Meinung nach, dass der Humanität immer auch eine Inhumanität eingeschrieben ist. Unser westlicher Lebensstil mit seinen Standards von Demokratie und sozialer Sicherheit verdankt sich, um es auf einen Begriff zu bringen, der „Ausbeutung“. Das hat natürlich politische und historische Gründe, vielleicht sogar anthropologische. Gerade deshalb sind wir dazu aufgerufen, an dem Projekt der Chancengleichheit und Gerechtigkeit festzuhalten. Wenn Habermas sagt, dass der Telos von Philosophie schlussendlich immer ein emanzipatorischer sein muss, so möchte ich das auch für das Theater beanspruchen. Es macht – bei aller Verschiedenheit der Ansätze, Stile, Verfahrensweisen – letztendlich nur Sinn, wenn es sich in diesen Kontext stellt.

MM: Sie haben für Ihre Schauspieler Textsamples aus Reportagen, von der Tourismuswerbung bis zu Frontex-Strategien zusammengestellt. Was soll, was muss der Zuschauer begreifen, wenn er aus Ihrem Theaterabend in die St. Pöltener Winternacht hinausgeht?

Liepold-Mosser: Der Abend ist wie eine Reise durch das Herz der Finsternis, beginnend von Tourismus-Texten, in denen eine Mittelmeer-Kreuzfahrt angepriesen wird über die berührenden Kommentare der „lampedusani“, also der InselbewohnerInnen, die mit dem täglichen menschlichen Katastrophen vor ihren Augen überfordert sind und sich allein gelassen fühlen, bis hin zu den übersättigten und selbstgefälligen Fratzen des Wohlstands, wie sie sich in Internet-Postings artikulieren. Ich hoffe, der Abend eröffnet neue Sichtweisen und regt an, über bequeme Selbstverständlichkeiten nachzudenken und ein Bewusstsein für die prinzipiell ungerechte Privilegiertheit der eigenen Position heraus zu bilden.

MM: Es gibt Musik, passende Chöre, die von Flucht und Heimatlosigkeit erzählen, die Gefangenenchöre aus „Fidelio“ und „Nabucco“ – instrumentalisiert à la Naked Lunch?

Liepold-Mosser: Nein. Die Chöre, diesmal gesungen von der Wiener Singakademie unter Heinz Ferlesch, werden im klassischen Original mit Klavierbegleitung gesungen. Man findet in der Oper ja immer wieder die von ihnen genannten Motive. Für mich stehen diese Chöre stellvertretend für den Anspruch europäischer Kultur und Humanität, ein Anspruch, den man vor den Toren der Festung Europa mit Füßen tritt gerade indem man glaubt, ihn zu verteidigen.

MM: Waren Sie selbst auf Lampedusa, um sich ein Bild zu machen? Haben Sie Bürgermeisterin Giusi Nicolini getroffen? Lampedusa ist längst ein „Medienschlagwort“ – wofür steht es für Sie?

Liepold-Mosser: Ich selbst war noch nie auf Lampedusa. Für mich steht Lampedusa als Chiffre für die Problematik und Herausforderung der europäischen Zuwanderungspolitik, die wiederum direkt mit der Zukunft Europas zusammen hängt.

MM: Im Jänner inszenieren Sie dann am Haus „Traummaschine“. Wie kam Ihnen die Idee zu diesem Freud-Projekt? Was fasziniert Sie an ihm?

Liepold-Mosser: Ich habe in den späten 80er Jahren in Wien Philosophie studiert und gelehrt und habe in dieser Zeit die zeitgenössischen Theoriebildungen – Frankfurter Schule, vor allem dann aber den französischen Poststrukturalismus – aufgesogen. Das Besondere war, das keiner dieser Ansätze, die sich kritisch mit der Subjektphilosophie auseinandergesetzt und nicht nur theoretisch, sondern auch künstlerisch und lebensweltlich völlig neue Perspektiven für mich eröffnet haben, ohne Freud ausgekommen ist. So habe ich mit Freud begonnen – vermittelt über Adorno, Lacan, Foucault, Derrida. Ich hatte sogar einmal ein Stipendium bei der legendären Lacan-Schule rund um Slavoj Zizek in Ljubljana! Und so ist, mehr als zwanzig Jahre später, die Idee entstanden, mich am Theater mit Freud zu beschäftigen und sein Universum mit all seinen grotesken Figuren zu erschließen.

MM: Ich fand Freud ja schon in der Maturaklasse überholt, das diskriminierende Wort „Hysterie“ wird in der heutigen Psychoanalyse nicht mehr verwendet. Was wollen Sie zeigen? Das Fin de Siècle am geistig-seelischen Abgrund? Bitte erzählen Sie ein bisschen von dem Projekt.

Liepold-Mosser: Die Textur besteht aus Montagen aus Freuds Werk, wobei ich mich neben den Träumen sehr stark auf Fallgeschichten konzentriert habe: die so genannten Hysterikerinnen, den Wolfsmann, Rattenmann, den kleinen Hans. Freud gehört ja quasi zum geistigen Weltkulturerbe, und in der direkten Wiederbeschäftigung mit ihm war es für mich erstaunlich, wie beharrlich und obsessiv Freud in seinem Erkenntnisinteresse voranschreitet. Neben der starken Behauptung des Unbewussten ist es wohl die Tatsache, dass Freud die Möglichkeit eröffnet hat, über persönlichen Nöte zu sprechen, die ihn für uns noch immer bedeutsam machen. Nach Freud schreiben wir uns doch alle auf irgendeine Weise in die Internationale der NeurotikerInnen ein. Er gehört, trotz seiner Irrwege und aus heutiger Sicht unhaltbaren Ideologeme, zu unserem selbstreflexiven Inventar.

MM: Wenn ich den Pressetext lese – Familienaufstellung, assoziativer Theaterabend – werde ich das Gefühl nicht los, wir werden da gemeinschaftstherapiert 😉 Gehen sich denn im Landestheater genügend Couchen für alle aus?

Liepold-Mosser: Freuds Texte sind, auch weil sie nicht für das Theater gedacht sind, schon – oder vielleicht müsste man sagen „noch immer“ – eine Art „Zumutung“. Genau das finde ich spannend: die Thesen, Vorgangsweisen und Grenzüberschreitungen Freuds in einen neuen Kontext zu stellen und zu sehen, was für uns dabei heraus kommt. Das Tragische und Groteske werden sich wohl die Waage halten dabei.

MM: Wie reagieren Sie persönlich, wenn es Ihnen das Unterbewusste ins Bewusste spült? Wehren Sie ab, lassen Sie zu? Hören Sie mehr auf Ihr Über-Ich oder auf Ihr Es?

Liepold-Mosser: Keine leichte Frage … Eine der Herausforderungen des Lebens ist es wohl, diese verschiedenen Kräfte jeweils für sich in eine produktive oder zumindest erträgliche Balance zu bringen.

MM: Ihre nächsten Pläne? In Klagenfurt oder anderswo?

Liepold-Mosser: Mein Kalender ist ziemlich voll: nach Traummaschine mache ich ein großes Orwell-Projekt „1984“ am Vorarlberger Landestheater, im Herbst komme ich zur Saisoneröffnung fast gleichzeitig mit zwei großen Projekten heraus: „Faust“ am Theater Regensburg (Premiere 26.9.) und „Lavant“ – ein Projekt zum 100. Geburtstag der Dichterin, geschrieben von meiner Frau Ute Liepold und mir – am Klagenfurter Stadttheater (Premiere 08.10.), dann folgen eine Oper und zwei weitere Inszenierungen in Deutschland.

www.landestheater.net

Wien, 10. 11. 2014