Theater Nestroyhof Hamakom online: Alles ist. Hin?

Dezember 12, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Per Patschenkino in die Pestgruam

Gustav Ernst, Alicia Edelweiss, Peter Ahorner und Karl Stirner, Voodoo Jürgens und Miroslava Svolikova. Film-Still „Alles ist. Hin?“, Theater Nestroyhof Hamakom, 2020 © Marianne Andrea Borowiec

„Jeder Tag war ein Fest / Und was jetzt? Pest, die Pest!“ Die Ballade vom lieben Augustin ist so stadtbekannt wie ihr Musikant. Derart reimt Voodoo Jürgens als sichtlich illuminierter Gast- geber, der das geschätzte (nun statt Theater- eben) Filmpublikum ins Hamakom geleitet. Durchs verhängte Foyer in Sam’s Bar, wo die Stimmung nicht grad auf dem Siedepunkt ist.

Punkto Schnapsleichen hat’s schon zwei auf der Bühne hingestreckt, Peter Ahorner und Karl Stirner, Alicia Edelweiss dreht sich mit ihrem Akkordeon leise im Kreise, Miroslava Svolikova sinnt vor sich hin und Gustav Ernst versucht sich Einen umzuhängen. Die Bänkelsänger-Batterien sind so leer wie die Flaschen ringsumher. Aber das ändert sich in der Minute.

Weil: Hochverehrte Anwesende!, liebe Festversammlung! das Spiel nun beginnen kann. Im Theater Nestroyhof Hamakom hat man aus der Not eine – angesichts des Protagonisten muss man wohl sagen – Untugend gemacht, und die Premiere von „Alles ist. Hin?“ im Rahmen des Dezembertraditions-

Programms „Sam’s Bar“ zum Patschenkino rund um den lieben Augustin umgestaltet. Marx Augustin, so ein sich hartnäckig haltender Wiener Mythos, schlief während der letzten großen Pestepidemie im 17. Jahrhundert in der Gosse ein, nachdem er sich in einem Lokal betrunken hatte. In der Nacht wurde Augustin von den Siech-Knechten der Stadt für tot befunden und in eine Pestgrube geworfen. Oder stolperte er selbst hinein?

Die Erzählungen variieren. In jedem Fall erwachte der Dudelsackspieler und Stegreifdichter am nächsten Tag und krakeelte so lange, bis man ihn aus seiner misslichen Lage befreite. Und verkatert, aber sonst guter Dinge schrieb er seinen Hit darüber, auch in Zeiten der allergrößten Not nicht den Humor zu verlieren. In mannigfaltigen Gestalten und in der Regie von Hannes Starz, Marianne Andrea Borowiec und Patrick Rothkegel lassen die Singer-Songwriter, Autorinnen und Autoren, Musikerinnen und Musiker den Augustin nun hochleben.

Alicia Edelweiss. Filmstill: © Marianne Andrea Borowiec

Gustav Ernst. Filmstill: © Marianne Andrea Borowiec

Voodoo Jürgens. Filmstill: © Marianne Andrea Borowiec

Miroslava Svolikova. Filmstill: © Marianne Andrea Borowiec

Das heißt, es wär‘ nicht das gute alte Wiener Leid im Wienerlied, müsste man nicht auch ein bisschen „sudern und sempern beim Pudern und Pempern“. Der Tod ist zweifelsfrei ein Wiener, aber die gepflegte Tristesse allemal eine Wienerin – und so erzählt Gustav Ernst vom Todesübungstheater des Franz‘, ein „Tollhaus“ ist das übrigens, in dem der scharfzüngige Nachfahre der Wiener Volkskomödienschreiber seinen einen von „Zwei Herren“ sagen lässt: „Wissen Sie, was Kultur ist? Wenn einer allein im Keller sitzt, im Finstern, und sich trotzdem die Hand vorhält beim Gähnen.“

Noch mag zwar nicht „Midnight“ sein, doch der Franz stirbt bereits den Unterhaltungstod. Die Slimfitten und die Mentalsheriffs mit ihren #Corona-Spürhunden, kein Scherz, den ersten bildet das Bundesheer dieser Tage aus, sind an allem schuld, befindet ernst Ernsts Augustin: „Man darf den Tod nicht zur Ruhe kommen lassen, damit er nicht nachkommt und keine Kraft mehr zum Umbringen hat“, ist seine Volksweisheit, denn erst: „Wenn ollas hin ist, lauf‘ ich zu vollem Leben auf!“

Voodoo Jürgens und Gustav Ernst. Filmstill: © Marianne Andrea Borowiec

So entpuppt sich der Abend als Perpetuum mobile des Morbiden, gottvoll möchte man ihn nennen, während die Edelweiss einen Valse macabre intoniert. Doch darf man das nicht, weil Ernst eben erläutert: Gott = Herr, gegendert: Herrin, also Domina. Da erwacht aufs Stichwort die unscheene Alk-Leich’ Peter Ahorner und Karl Stirner zum untoten Leben. Der Satiriker und der Zitherspieler bekanntlich „ein Herz und eine Kehle“, zwei ausgschamte Diener, die in den Endzeitgewölben des Hamakom Hochgeistiges servieren.

Ả la „Es geht ma guat, solang mei Fleischhauer und des Waffngschäft offen haben“ wird über die tiefe Bedeutung von Bradlfettn und Grundfettn diskutiert, werden die Cluster-Gfrasta ausstalliert, wird „Virologie im Dezember“, der große Hit der Bambis, oder war er von Vico Torriani und hieß ganz anders?, angestimmt. Dazu Voodoo Jürgens, der mit Rauschgeschwindigkeit zwischen dem Billardspiel mit Gustav Ernst und dem unwohltemperierten Klavier wechselt. Ein Glühbirnenballett – und Miroslava Svolikovas Ruf an die Freunde im Fegefeuer: „O du lieber Augustin / mir fehlt noch ein Reim da drin!“

„Mein Leben und ich“, sagt sie, „sind eine Amour fou, und die Fröhlichkeit ist unsere Impfung.“ Nach zwei, drei Gläsern im Verein mit den Künstlerinnen und Künstlern fühlt man sich vorm Bildschirm fast schon wie der/die Regierungsbeauftragte für Hygiene und Moral, zu Gustav Ernst zorniger Stimme mischen sich die Sätze der Svolikova, beschwörend wispernd, und Augustins Haberer Voodoo Jürgens lädt zum Ringelreihen. Zum Schluss der Coverboy von Ottakring: „Aufblattlt hot’s es, olle miatanaunda, von Peter Alexander bis Wanda, ans Glander hob I’s olle gspüt, I wor da Burner von Wien. Und heit nix, kane Gigs, Auftrittsverbot …“ Alles ist. Hin? – na, im Hamakom zum Glück nicht!

Zu sehen bis 18. Dezember. Das ganze Programm in Sam’s Bar: www.mottingers-meinung.at/?p=42703 www.hamakom.at

  1. 12. 2020

Alles Gute zum Geburtstag, lieber Rudi!

April 19, 2016 in Ausstellung, Buch, Bühne, Film, Klassik, Tipps

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Wien, 19. 4. 2016

museum gugging: Ausstellung über einen stillen Poeten

Oktober 15, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

ernst herbeck.! eine leise sprache ist mir lieber

Ernst Herbeck vor dem Spiegel Bild: Heinz Bütler

Ernst Herbeck vor dem Spiegel
Bild: Heinz Bütler

„Ich bin geboren am 4. Juni 1920 zu Stockerau und erlernte gar nichts. weil ich es nicht aushielt. Dann trat ich zur Firma Vogel ein. und erlernte die Maschinschreibkunst.“ Diesen Kürzestlebenslauf verfasste Ernst Herbeck 1975, seit 30 Jahren lebte er da schon als psychiatrischer Patient in der Niederösterreichischen Landeskrankenanstalt in Gugging bei Klosterneuburg.

Herbeck wurde mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte geboren, weshalb er nur undeutlich und mit Mühe sprach, eine Beeinträchtigung, die auch durch mehrere Operationen nicht behoben werden konnte. „Nicht jeder Mensch hat einen Mund / mancher Mund ist disqualifiziert / oder operiert. So wie bei mir“, schrieb er in einem Gedicht. Im alltäglichen Sich-Ausdrücken ist der niederösterreichische Beamtensohn nicht mehr heimisch geworden und dennoch hat er ein einzigartiges poetisches Werk geschaffen, indem er Sprache als die „Not-Wendigkeit der Menschen“ gleichsam noch einmal erfand.

Das museum gugging zeigt ab 22. Oktober die Ausstellung „ernst herbeck.! eine leise sprache ist mir lieber“, die diesem stillen Dichter unter den Gugginger Künstlern gewidmet ist. Herbecks unverwechselbare Sprachschöpfungen haben die Leser seit ihrem ersten Erscheinen in den 1960er Jahren fasziniert und sind in ihrer poetischen Eigenart und Eindringlichkeit aus dem Kanon der deutschsprachigen Literatur nicht mehr wegzudenken. W.G. Sebald, Ernst Jandl oder Heinar Kipphardt sind nur einige der Autor, deren Arbeit Herbeck beeinflusste.
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Die Schau gibt einen Einblick in die beeindruckende Vielfalt dieses auf Umwegen und ohne literarisches Netz entstandenen Werks. Im Zentrum steht dabei die poetische Stimme Herbecks. Von ausgewählten Zitaten moderiert und begleitet von Bildern, Film-, Tondokumenten und Erinnerungsstücken werden verschiedene Kapitel seiner Lebens- und Autorengeschichte aufgeschlagen: Kindheit, Krieg, die jahrzehntelange Erfahrung als „Auswärtiger“ in der Psychiatrie, seine Autorenschaft mit Psychiater Leo Navratil als Gegenüber und Förderer, sowie die große Resonanz auf seine Texte. Herbecks tiefe Verbundenheit mit der „Thierenschaft“ und der Natur wird thematisiert, sein genauer und empathischer Blick für kleinste und alltägliche Dinge, sowie seine lakonischen Betrachtungen über Leben und Tod, über die Zeit, das Warten oder „Das Lieben“. Dazu ist erstmals eine größere Anzahl von Herbecks Zeichnungen zu sehen, die in naher Verwandtschaft zum dichterischen Werk stehen. Die Ausstellung ist spannende Dokumentation und atmosphärisch dichte Installation zugleich und bietet viel Raum für persönliche Assoziation.
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Aus Herbecks letztem im Haus der Künstler in Gugging verbrachten Lebensjahrzehnt stammen seine Fotoalben mit zum Teil von ihm selbst gemachten Aufnahmen: Sie zeigen die Landschaft vor dem Fenster, Mitbewohner wie Oswald Tschirtner, August Walla und Johann Hauser, gemeinsame Ausflüge und Geselligkeiten, oder die Kaffeejausen mit Besuchern, bei denen Herbeck manchmal aus seinen Büchern vorgelesen hat.
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Wien, 15. 10. 2015