Nonna Mia! – Liebe ohne Abzüge

Juli 31, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Oma in der Tiefkühltruhe

Landet bald bei den Tortelloni in der Tiefkühltruhe: Sixties-Bond-Girl Barbara Bouchet füllt die Rolle der Nonna Birgit mit – naja – Leben. Bild: Polyfilm Verleih

Italienisches Temperament, spritzige Dialoge und ein sympathisches Schauspielerpaar, bei dem die Chemie augenscheinlich stimmt, das sind die Zutaten, die die Komödie „Nonna Mia! – Liebe ohne Abzüge“ der Regisseure Giancarlo Fontana und Guiseppe Stasi zum Gourmetstück der diesjährigen Sommerkinokost machen. Ab Freitag läuft der ungewöhnliche Mix aus Romantic Comedy, „eiskaltem“ Slapstick und Kritik am korrupten staatlichen System – immerhin erlangten Fontana und Stasi mit einem

satirischen Youtube-Video über Silvio Berlusconi erste Bekanntheit – auch über die heimischen Leinwände. In den ersten drei Szenen werden die Protagonisten in einem Tempo präsentiert, dass einem die Luft wegbleibt. Erst die Kamerafahrt durch die Tiefkühltruhe, bei der’s von unten nach oben durch Omas Gefrierbrandberge geht, das kennt man so auch von der eigenen Großmutter, während diese unverdrossen die nächsten Beutel hausgemachter Tortelloni aufs Frostkristallszenario häuft. Dann die späteren Liebesleute, der diensteifrige Finanzpolizist Simone und die hoch verschuldete Kunstrestauratorin Claudia, er verkleidet als Pfarrer und wie er kurz vor knapp aus der Soutane springt, um die Vermählung einer Greisin mit einem Ganoven zwecks Vermögenstransfers zu verhindern, sie im Museum, mit Spraydose vor einem Caravaggio-Gemälde, dessen Zerstörung sie androht.

Claudia und ihre Mitarbeiterinnen müssen sich Großmutters Rente sichern: Marina Rocco, Miriam Leone und Lucia Ocone. Bild: Polyfilm Verleih

Der strenge Finanzpolizist Simone hat mehr als genug Arbeit für sein Team: Fabio De Luigi mit Francesco Di Leva, Carlo Luca De Ruggieri und Susy Laude. Bild: Polyfilm Verleih

Das Museum nämlich schuldet Claudia nicht weniger als 160.000 Euro, die Gehälter ihrer Mitarbeiterinnen Rossana und Margie kann sie nur dank der Rente ihrer Nonna Birgit bezahlen – und als sich die mit dem Pathos einer Heiligen zum Sterben hinlegt und tatsächlich in eine bessere Welt wechselt, fassen die drei den Entschluss, die Großmutter zwischen die Tiefkühlware zu betten, auf dass der monatliche Pensionsscheck die Pleite weiterhin abwende. „Metti la nonna in freezer“ lautet auch frech der Originaltitel des Klamauks, in dem in weiterer Folge nicht nur Simone, seine Jagd auf einen steuerhinterziehenden Mafiosi, sein trotteliger Konkurrent und Generalssöhnchen Rambaudo, sondern auch ein alter Verehrer der Nonna für Chaos sorgen.

Nun ist der filmische Versuch, eine Leiche einerseits zu verstecken, sie andererseits aber aus Notwendigkeiten ab und an lebendig erscheinen zu lassen, nicht neu. Im Gegensatz zum Brachialhumor in beispielsweise Ted Kotcheffs „Immer Ärger mit Bernie“ halten Fontana und Stasi ihren Einfrier-Auftau-Spaß aber in der Waage zwischen makaber-frostig und herzerwärmend. Dazu kommt die Spielfreude, mit der Miriam Leone und Fabio De Luigi an ihre Rollen der Claudia und des Simone herangehen. Kennenlernen sich die beiden bei einer von Simones „Aktionen“. Gerade als der Museumsbeamte Claudia ein unsauberes Angebot wegen der ausstehenden Zahlungen macht, enttarnt sich Simone als Ritter in der Rüstung – und nimmt den bestechlichen Staatsdiener fest. In Simones Kopf läuft das gute alte „Tu“ von Umberto Tozzi. Es ist Liebe auf den ersten Blick.

Wo die Liebe hinfällt, nehmen die Verdächtigungen zu: Fabio De Luigi und Miriam Leone. Bild: Polyfilm Verleih

Nun sind, was für Claudia Lucia Ocones „Rossana“ und Marina Roccos „Margie“ ist, für Simone seine Untergebenen, und die wollen ihren in Liebesdingen zu Katastrophen und Fettnäpfchen neigenden Chef unbedingt verkuppeln. Nicht zuletzt aus Eigennutz, um dem Workaholic endlich wieder einmal ein arbeitsfreies Wochenende abzutrotzen. Francesco Di Leva, Susy Laude und Carlo Luca De Ruggieri sind großartig als Kupplertrio, nur begehen sie, unwissentlich der Wahrheit auf der Spur, den Fehler über die Rente der Nonna und, warum diese wohl Claudias Firma über Wasser hält, zu sprechen.

Mit dem Resultat, dass sich die alarmierte Claudia in so waghalsigen wie abstrusen Täuschungs- und Verstellungsmanövern verstrickt, Irrungen und Wirrungen, durch die Simone stolpern muss, hält sie ihn doch für abgefeimter als er ist, wenn er in seiner Tollpatschigkeit eher bedrohlich als charmant klingt … Die wunderbare Barbara Bouchet füllt die Figur der Nonna Birgit, na, nicht direkt mit Leben, aber es ist großartig, was das Sixities-Bond-Girl aus dieser stummen Rolle herausholt.

Egal, ob Simone ihr in einer rührenden Sequenz sein Herz ausschüttet, sie sich auf einer rasanten Rollstuhlfahrt wiederfindet, oder auch nur leise vor sich hin tröpfelt: Die Bouchet beherrscht das Geschehen. Zum Ende gibt’s noch zwei, drei Kniffs, und dann kommt es doch unerwartet, wie der Film angesichts der Allgegenwart von Korruption, Betrug und Misswirtschaft die Frage aufwirft, wie viel Korrektheit man sich als Staatsbürger eines zutiefst unkorrekten Staats eigentlich leisten kann. Das gibt dem komödiantischen Treiben eine gewisse Tiefe – in erster Linie aber ist „Nonna Mia! – Liebe ohne Abzüge“ ein Wohlfühlfilm zum Einkuscheln und Lachen.

Video:

 

www.filmhaus.at/film/nonna-mia

  1. 7. 2019

Minna Rytisalo: Lempi, das heißt Liebe

November 12, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Erinnerung ist nicht zu trauen

Lempi, das heißt Liebe auf Altfinnisch. Und Lempi heißt auch die Frauenfigur in Minna Rytisalos vielschichtigem und dennoch so schlichtem, stillem Debütroman. Rytisalo erlaubt sich den gewagten Kunstgriff, ihren Hauptcharakter gar nicht anwesend sein zu lassen. Drei Ich-Erzähler schildern aus ihren persönlichen Perspektiven wer und wie diese abwesende Lempi war, gestalten sozusagen ein Psychogramm hoch drei. Das Buch beginnt mit Briefen einer Elli an einen Viljami 1944, mitten im Lapplandkrieg. Es ist kein Fehler, das Nachwort der Übersetzerin Elina Kritzokat als erstes zu lesen, denn wenig weiß man hierzulande über den Dreieckskonflikt Finnland-Sowjetunion-Nazideutschland, in Finnland selbst war das Thema lange Zeit tabu.

Denn die Finnen hatten die Wehrmacht, der nationalsozialistische Partner aus politischen Gründen wohlweislich nur „Waffenbruder“, nie offiziell Verbündeter genannt, selbst ins Land geholt. Als Hilfe gegen die schließlich aber doch siegreichen Russen. Mehr als 200.000 Deutsche lebten und kämpften mehr als drei Jahre lang Seite an Seite mit den Finnen. Und da viele Frauen allein waren, die Männer an der Front, sie als Schreibkräfte bei der Wehrmacht eingeteilt, entspannen sich nicht wenige Liebesbeziehungen.

Bis die Russen verlangten, die Deutschen aus dem Land zu treiben, und die Frauen und deren Kinder zu Geächteten wurden. Diskriminiert bis spät in die 1960er-Jahre. In dieser zeitgeschichtlichen Realität voller Gefahren und Entbehrungen und Kriegsverheerungen, russischen Partisanen und Fallschirmspringern, und am Ende mehr als 90.000 finnischen Toten, hat Rytisalo ihre Fiktion verankert. Ihre Figuren stecken als deren Bestandteil in dieser Zeitgeschichte fest.

„Sie trägt Puder, Lippenstift und Lederstiefel, dazu das süße Lächeln der Verwöhnten“, heißt es über Lempi erst. Doch dann kommt der junge Einödbauer Viljami zu Wort, Frontheimkehrer ist er nun, auf dem Rückweg zu seinem Hof, war offenbar im Lazarett, wo man sein Kriegstrauma mit Elektroschocks zu „heilen“ versuchte. Doch bevor er eingezogen wurde, war ihm ein halbes glückliches Ehejahr mit der schönen Ladenbesitzerstochter aus der Kleinstadt gegönnt. Mit ihr war’s Liebe auf den ersten Blick, nun hat ihn Elli schriftlich davon unterrichtet, Lempi „wurde beim Einsteigen ins Auto eines Deutschen gesehen“. „In meinem Universum ist der Mittelpunkt verschwunden“, lässt er seine für immer gegangene Frau wissen, an die er sich mit seiner Erzählung in vertraulichem Du wendet, und er berichtet ihr von seinem „andauernden Schmerz“, dieser wie „eine schwelende, quälende Brandwunde“.

Von schwermütiger Lieblichkeit ist diese Schilderung des einstmals so schüchternen, stadtfremdelnden, über das „allerhand Frauenzeugs“ von Hutschachteln bis zur spitzenverzierten Bettwäsche seiner Angetrauten überraschten Bräutigams, die Sprache einfach und doch poetisch, aber sie wäre dennoch literarisch kaum der Rede wert, würde Rytisalo nicht taktisch kluge Querverweise auf die kommenden Berichte ziehen. Zwischen Viljamis Zeilen sind schon die anderen zu lesen, Elli, die sich als Magd herausstellt, und die Zwillingsschwester Sisko, und dass Lempi schwanger und einsam und verzweifelt war wegen der mangelnden Freundlichkeit der einen und dem Fehlen der anderen.

Elli gehört denn auch Teil zwei des Buchs, sie, die mit dem angenommen Antero und Lempis leiblichem Sohn Aarre bereits unversehrt auf den Hof zurückgekehrt ist, die „Mutter“ genannt werden will, und es auch wird, und die Viljami will, auf den sie nun Tag um Tag wartet. „Dies ist der Ort, für den ich bestimmt bin, und du bist jetzt nicht mehr da, um zu stören“, richtet sie Lempi aus, und: „Jetzt kommt meine Zeit.“ Hasserfüllt und von Hexensprüchen durchdrungen und auf ganz andere Art beschränkt, als Viljamis goldene Erinnerungen, sind die von Elli.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

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Ihre Schimpftirade ist die eines eifersüchtigen Weibs, berechnend, aber auch ängstlich, wenn sie ihre Herrin als feine Dame in schicken Kleidern schmäht, die es darauf angelegt hätte, hervorzukehren, „dass wir unterschiedlicher Herkunft und Rasse sind“. Ihre wirren Gedanken zeichnen ein gänzlich anderes Bild von Lempi, eines, das von Eitelkeit und Trägheit geprägt ist, und mehr und mehr beginnt man sich zu fragen, wo der Kern der Wahrheit liegt. Der Erinnerung ist nicht zu trauen, ein weiteres Rätsel tut sich auf, ist Elli eine Mörderin?, bevor sie erschrickt, als der Mann „mit toten Augen“ plötzlich dasteht.

„Das ist das Dumme an Erinnerungen, man kann nie ganz sicher sein“, sagt schließlich Sisko, die sich mit dem Betrachten alter Familienfotos auf den Besuch einer „Redakteurin“ vorbereitet. Auch ihr Leben war ein tragisches, ihre Geschichte ist die komplexeste. Sie war es, die tatsächlich mit einem Deutschen, ihrem Geliebten Max, nach Hamburg ging, trotz der von ihm ausgeübten psychischen und physischen Gewalt, „die Verkleidungsspielchen, die sonderbaren Praktiken und überhaupt Max‘ dominante Art gefielen mir gar nicht“, dort von ihm verlassen wurde und sich alleine im fremden Land durchschlagen musste. Weil es ihr lange Zeit verunmöglicht war, wegen ihres „besudelten Rufs“ nach Finnland zurückzukehren.

Siskos Part ist der historisch relevanteste, Generaloberst Dietl oder die Frauenorganisation Lotta Svärd finden Erwähnung, und ihren Andeutungen ist zu entnehmen, dass diese Beichte schon weiter in den Jahren liegt. Sie ist nun betagte Rednerin auf Erinnerungsveranstaltungen.

Die einstige Vaterlandsverräterin nun „Frau Doktor“, die, für sie hat Rytisalo eine gewähltere Sprechweise als für die anderen gefunden, über ihr Flüchtlingsschicksal Auskunft gibt. Von Sisko erfährt man, dass Lempi dominant war, die Schwester von ihr immer niedergehalten, doch ist deren Eifersucht, statt Ellis gehässiger, eine liebevolle. Sisko weiß auch, dass Lempis Anbändeln mit Viljami einem Spiel entsprang, einer Wette zwischen den Mädchen, Lempi solle dem Nächstbesten den Kopf verdrehen, der an den Verkaufstresen tritt. Ob daraus gewollt Ernst wurde, bleibt offen.

Sisko löst schließlich das Geheimnis um Lempi und Elli auf, doch entschlüsselt sie die Leerstellen des Romans nicht ganz. Für den Leser ergibt sich zwar aus den drei Erzählsträngen, die im jeweiligen Wissensstand des Protagonisten verhaftet bleiben müssen, die eine oder andere fürchterliche Erkenntnis, etliches jedoch erschließt sich in raffinierter Weise nicht. Ist Sisko auf Viljamis Hof gekommen, um dem Verschwinden ihrer Schwester nachzuforschen? Ist der „schweigsame, genügsame“ Mann, den sie nun den ihren nennt, er? Hat sie seine Söhne großgezogen? Es ist die große Wirkung von Minna Rytisalos Roman, dass man das am Ende nicht weiß. „Man erfasst einen Menschen nie ganz. Ich weiß bis heute nicht, ob ich das wirklich begriffen habe“, sagt Sisko.

Über die Autorin: Minna Rytisalo, geboren 1974 in Lappland, arbeitet als Finnischlehrerin und schreibt einen literarischen Blog. „Lempi, das heißt Liebe“ ist ihr erster Roman und wurde von finnischen Bloggern als bester Roman 2016 mit dem Blogistania-Finlandia-Preis ausgezeichnet; außerdem erhielt Rytisalo 2017 den Botnia-Literaturpreis.

Hanser Verlag, Minna Rytisalo: „Lempi, das heißt Liebe“, Roman, 224 Seiten. Übersetzt aus dem Finnischen von Elina Kritzokat.

www.hanser-literaturverlage.de

  1. 11. 2018

Burgtheater: Glaube Liebe Hoffnung

September 30, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Unwirklicher Totentanz in einer total leeren Unterwelt

Elisabeth am Ende: Andrea Wenzls brillante Darstellung beherrscht Michael Thalheimers Inszenierung. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ein schwarzes Loch, das auf einen Lichtpunkt zuläuft, als wär‘ der ein Heilsversprechen am Himmel. Dass sich dieses nicht erfüllen wird, versteht sich – bei Ödön von Horváth. Regiegenie Michael Thalheimer hat dessen „Glaube Liebe Hoffnung“ am Burgtheater inszeniert, und beschreitet auch mit dieser Produktion weiter seinen Weg der kühlen, strengen Reduktion. Horváths Definition seines Dramas als „kleinen Totentanz“ nimmt er dabei wörtlich.

Thalheimer hat sich von Olaf Altmann einen in seiner Totalität erschreckend leeren Raum als Bühnenbild anlegen lassen, darin die Sterblichen als aufgescheuchte Schatten, um sie nichts als Einsamkeit und Seelennot. Eine Unterwelt, eine Prosektur, in der Thalheimer gewohnt präzise seine Sektion der menschlichen Abgründe vornimmt. Alle, so scheint es, die Präparatoren, die Schupos als Arm des Gesetzes, die Arbeitsgeberin Prantl, die Frau Amtsgerichtsrat, nicht zuletzt Alfons, operieren hier am lebenden Leichnam Elisabeth. Wollen deren Innerstes bloßlegen, bloßstellen, ausstellen, was sie schließlich selbst besorgt, bedrängt von Gaffern sogar noch beim bekannten Ende im Wasser. Glaube verloren, Liebe verraten, Hoffnung versiegt. Nicht einmal im Hingehen ist Herzensruh.

Dass Horváths im Rezessionsjahr 1932 erschienenes Stück heute so aktuell klingt, ist gesellschaftlich nicht gerade beruhigend. Diesbezügliche Zwischentöne braucht es gar nicht erst zwanghaft in Szene zu setzen. Da hat also eine mitten im Wohlfahrtsstaat die Stellung verloren, benötigt nun Geld für ihre neue Arbeit, heißt: einen kostenpflichtigen Wandergewerbeschein, und die neue Arbeit fürs Geldverdienen. Ein Teufelskreis, dessen Rotieren Elisabeth mit ihrem Mantra „Ich werde den Kopf nicht hängen lassen“ aufhalten will. Andrea Wenzl mit ihrer seltenen Aura verleiht ihr Gesicht und Gestalt, sie dominiert das Geschehen mit ihrer spröd-zerbrechlichen Darstellung dieser am ganzen Körper bebenden, mitunter zu Deep Purple und Led Zeppelin auch headbangenden Elisabeth, mit ihrem Stets-auf-der-Hut-Sein und dem Miederwarenmetier als Sehnsuchtsort.

Die Arbeitgeberin ist unzufrieden: Christiane von Poelnitz als Irene Prantl mit Alexandra Henkel als Frau Amtsgerichtsrat. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ohnmacht angesichts des Selbstmords: Christoph Radakovits als zweiter Schupo, Marcus Kiepe als Vizepräparator, Stefan Wieland als dritter Schupo, Falk Rockstroh als Präparator und Merlin Sandmeyer als Alfons Klostermeyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Um sie die Grausamkeit als Groteske, die Horváth’schen Charaktere als hässliche Fratzen, grelle Karikaturen, ausgestattet mit einer immer wieder höhnischen Heiterkeit. „Entschuldigens, aber jetzt muss ich lachen“, ist noch so eine Spruchformel der Elisabeth, wenn sie sich als Opfer brutaler Begierden dagegen verwehrt, ein „Ding“ zu sein. Die Wenzl lässt sie dabei so tob- wie sehnsüchtig aus einer schmerzlich-schrecklichen Fallhöhe stürzen, wird von einer 60-köpfigen Statisterie immer wieder beinah überrannt, eine „völkische“ Vervielfachung der Figuren, eine Menschenhydra, mal in Polizeiuniform, mal in blutverschmierten Präparatorenkitteln, die den einzelnen als Spielball der Mehrzahl der Mächtigen ausweist.

Der erbarmungslose Ringelreihen rund um Elisabeth ist hochkarätig besetzt, etwa mit Branko Samarovski als an Leib und Seele versehrtem Oberpräparator oder Peter Matić als an den von ihm abgeurteilten Schicksalen desinteressiertem Amtsgerichtsrat. Christiane von Poelnitz und Alexandra Henkel sind als Irene Prantl und Frau Amtsgerichtsrat vulgär-schrille Schreckschrauben, sensationslüstern die eine, immerhin knapp vor Schluss anteilnehmend die andere. Sie alle betonen in ihrem Spiel das Distanziert-Artifizielle, die Unnatur ihrer im Lichtkreis zappelnden Leut‘.

So, wie es Thalheimer als Konzept für seinen Abend vorgegeben hat, agieren auch Michael Masula als Oberinspektor, Christoph Radakovits und Stefan Wieland als Schupos oder Tino Hillebrand als „tollkühner Lebensretter“. Hermann Scheidleder verkörpert mit Hingabe den Invaliden, der sich mit Irina Sulavers ohne Unterlass kopfnickender Maria bitter über die Aussetzer im Sozialsystem beklagt. Als Vizepräparator überzeugt Marcus Kiepe, als Baron mit dem Trauerflor Robert Reinagl, als Vergewaltiger Eltz Daniel Jesch. Falk Rockstroh ist als Präparator derjenige, der zumindest zwei Mal Herz zeigen darf. Der Taubenfütter, der erst das Geld leiht, dann für die Betrugsanzeige sorgt und schließlich ob des mitangesehenen Suizids zusammenbricht.

Liebe mit Ablaufdatum: Merlin Sandmeyer als Alfons Klostermeyer und Andrea Wenzl als Elisabeth. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bleibt Merlin Sandmeyer, der als Schupo Alfons Klostermeyer eine Glanzleistung hinlegt. Angelogen wegen Elisabeths vierzehntägigem Arrest, versteht er es in Windeseile sich der Verliererin zu entziehen. Seine sogenannte Liebe hält vor seinen Ehrbarer-Bürger-Standesdünkeln nicht stand. Sandmeyer spielt diesen ichbezogenen, unempathischen Unsympath an seinen besten Stellen so nüchtern und bar jeder Gabe zur Selbstreflektion, dass es einen schaudert.

Dass dieser Alfons, in Wahrheit nicht mehr als ein um Autorität ringender Hänfling, mit seinem selbstmitleidig sich wiederholendem Satz „Ich habe kein Glück“ das letzte Wort hat, ist für diese Aufführung symptomatisch. Man weiß um die, die das eigene Schicksal endlos bejammern und blind sind für die Not des Nachbarn. Wer von sich selber glaubt, am Leben zu leiden, kann einen anderen umso leichter zugrunde gehen lassen.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2018

Bronski & Grünberg: Kabale & Liebe

April 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Friedrich Schiller in neuen Rollenbildern

Bild: © Philine Hofmann

Nach seinem überragenden Vorjahrs-„Philoktet“ am Volx/Margareten inszenierte Calle Fuhr nun im Bronski & Grünberg Theater Friedrich Schillers „Kabale & Liebe“.  Und die kleine, feine Bühne, die sich immer mehr zum Wiener Must See mausert, kann auch mit dieser Produktion ihre Erfolgsgeschichte beim Publikum fortschreiben. Fuhr versammelt eine Handvoll hervorragender junger Schauspieler um sich: Johannes Nussbaum, bekannt aus den ORF-„Vorstadtweibern“, „Chucks“-Entdeckung Anna Posch, Luka Vlatkovic, Nanette Waidmann und Laura Laufenberg. Ihnen zur Seite steht Patrick Seletzky als Präsident von Walter.

Mit seinem sehr klaren ästhetischen Konzept setzt Fuhr ganz auf die Wirkmacht des Wortes – und auf die seines Ensembles. Er hat Schiller ins Heute weitergedacht, ein paar Änderungen vorgenommen, so ist Vater Miller, dargestellt von Nanette Waidmann, nun eine liebevoll-emanzipierte Mutter, und immer wieder schleichen die Figuren durch die finsteren (Gedanken-)Gänge der Handlung, die ihnen nur eine Lichtschnur erhellt. „Bösewicht“ gibt es dennoch keinen.

Fuhr arbeitet stattdessen fein differenziert die Zwänge und Nöte von Menschen heraus, die sich ins Umfeld von Staatsgewalt begeben haben, und dort nun ums Überleben, zumindest aber ums eigene Fortkommen kämpfen müssen. So ist Luka Vlatkovic als Sekretare Wurm kein sinistrer Unmensch, sondern ein von Liebe und anderen Dämonen in die Intrige Getriebener, einer davon der Präsident, der ihn deutlich als Werkzeug für seine Machenschaften verwendet. Der Lady Milford darf Anna Posch den großen „Wohltäterin des Volkes“-Monolog angedeihen lassen, auch sie eine Art Gefangene des Hofes, an dem sie um die Reste ihres Rufes rittert. Intensiv ist dieses Spiel, und dass nicht jeder Schillersatz sitzt und sticht, mitunter Emotionen in hysterische Schreierei münden, dann wieder manches wie aufgesagt klingt, wird durch Momente großer Wahrhaftigkeit mehr als wett gemacht.

Für diese sorgt neben Vlatkovic allen voran Johannes Nussbaum als Ferdinand, dessen Verstörtheit ob der Umstände berührt, der Vater-Sohn-Konflikt noch mehr als sonst betont durch die herzliche Beziehung Luises – Laura Laufenberg – zur Mutter Miller. Dass Fuhr dabei niemals moralisch wertet, sondern die Zuschauer behutsam durch ein ambivalentes Figurentableau navigiert, dass er Friedrich Schiller darob mit neuen Rollenbildern versieht, macht den Abend zu einem besonderen. Diese „Kabale & Liebe“ kann wärmstens empfohlen werden.

www.bronski-gruenberg.at/

  1. 4. 2018

Otto Schenk in „Liebe möglicherweise“

November 29, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die vielfältigen Verirrungen des Herzens

Otto Schenk. Bild: © WEGA-Film

Otto Schenk mit Norman Hacker. Bild: © WEGA-Film

Eine Handvoll Großstadtgesichter beobachtet Regisseur Michael Kreihsl in seinem jüngsten Film, der am 2. Dezember in den heimischen Kinos anläuft. Das Ensemble ist erlesen, reicht von Otto Schenk und Gerti Drassl bis Christine Ostermayer und Devid Striesow, ihre Geschichten greifen ineinander, erzählen vom Wollen und Nichtkönnen oder längst Aufgegeben haben.

„Liebe möglicherweise“, man weiß es nicht, und bevor man sich eine Antwort zurecht zimmern kann, kommt Kreihsl zu einem Ende. Das ist weder happy noch besonders unhappy. Es ist einfach. So wie das Leben. Stolpern, aufstehen, wieder stolpern, behutsamer aufstehen. Behutsam ist auch die Art, in der Kreihsl seine Protagonisten porträtiert, wie auf Zehenspitzen folgt er ihren Geschichten. Ein zarter, stiller, anrührender Film ist so entstanden, in Episoden erzählt er vom Bedürfnis des Menschen nach Nähe, von der Sehnsucht nach einem Sich-Fallenlassen-Können, von Liebe, die immer auch Selbst-/Verletzung ist – und dies alles durch alle Altersstufen.

Es beginnt mit Devid Striesow als Michael, der sich in die Freundin seines Freundes Roland, gespielt von Norman Hacker, verliebt. Sie beginnen eine Affäre, bei der sie es schafft, sich auf das Körperliche zu konzentrieren. Die Distanz, unter der der Mann hier leidet, macht andernorts seiner Ehefrau zu schaffen. Silke Bodenbender spielt diese Monika, eine Ärztin, auf deren Operationstisch ein Bub landet, der vor ein Auto gelaufen ist. Dessen verzweifelte Mutter im Wartesaal, Gerti Drassl wie immer ganz großartig, wird von einem Fremden getröstet – und man wird noch erfahren, warum der sich so um sie annimmt. Indes sieht man Michael, der seine alte Tante in einer geriatrischen Einrichtung besucht, nichts wünscht sich die mehr, als bei ihrer Familie sein zu können, doch der Wunsch wird ihr als „zu umständlich“ verwehrt. Rolands Vater wiederum lebt noch in seiner Wohnung. Das heißt, seit dem Tod seiner Frau versucht er immer wieder erfolglos, sich das Leben zu nehmen, bis …

Francis Okpata und Gerti Drassl. Bild: © WEGA-Film

Francis Okpata und Gerti Drassl. Bild: © WEGA-Film

Devid Striesow und Christine Ostermayer. Bild: © WEGA-Film

Devid Striesow und Christine Ostermayer. Bild: © WEGA-Film

Es sind Christine Ostermayer und Otto Schenk, die in diesen Rollen am meisten unter die Haut gehen. Als eine Generation, die der nächsten abverlangt, woran sie selber gescheitert ist. Kreihls berichtet schonungslos authentisch vom Analphabetismus der Gefühle. Wie ein Wissenschaftler die Petrischale umkreist Kreihsl sein Thema. Sein in großer Wahrhaftigkeit verfasstes Drehbuch und die unverstellte Darstellung seines Ensembles lassen dem Zuschauer Raum sich den Figuren zu nähern und sich in dem einen oder anderen vielleicht sogar selbst zu finden. Ein durchaus schmerzhafter Prozess, der durchaus sehr gewollt erscheint. Aufs Glück warten, ist wie auf den Tod warten, sagt eine der Figuren. Daraus sollte man Schlüsse ziehen. Um sich daran hochzuziehen, wenn’s irgendwann heißt: Liebe möglicherweise?

liebemoeglicherweise.at

Wien, 29. 11. 2016