Viennale 2017: Licht

November 1, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Sehen heißt nicht mehr gesehen zu werden

Interessierte an Mesmers Methode beobachten Resis Therapie: Christian Strasser, Devid Striesow und Maria Dragus. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Die Augen bewegen sich unstet hin und her, der Blick ins Leere, unmöglich, sie unter Kontrolle zu halten, ebenso wie die Gesichtszüge, die entgleisenden, die mal Hochgefühl bis zur Ekstase, mal den in der Musik empfundenen Schmerz ausdrücken. Maria Theresia Paradis spielt Klavier. Und die Wiener feine Gesellschaft ums Jahr 1770 findet das „magnifique!“, „extraordinaire!“, kurios, diese Kuriosität, die ihnen da vorgeführt wird wie eine Jahrmarktsattraktion.

Andere, tuschelt’s hinter vorgehaltener Hand, beherrschten die schwarzweißen Tasten zwar besser, aber: Die sind nicht blind! Barbara Albert hat Alissa Walsers Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ verfilmt. „Licht“ heißt ihre Produktion, die bereits mit großem Erfolg bei der Viennale lief, und am 10. November in die Kinos kommt. Die Autorenfilmerin, erstmals in Zusammenarbeit mit einer Drehbuchautorin, Kathrin Resetarits, erzählt darin die Geschichte des real existiert habenden blinden Wunderkindes Resi Paradis zu Zeiten Maria Theresias. Die Kaiserin, die dieses Talent sogar mit einer Gnadenpension bedachte. Die Berühmtheit dank Begabung samt Beeinträchtigung.

Der Motor hinter Resis bestaunten Auftritten sind die Eltern. Von Ehrgeiz zerfressen, bemüht, aus dem familiären Unglück wenigstens was rauszuholen, der Vater (fabelhaft: Lukas Miko) ein ewig Unzufriedener, die Mutter (Katja Kolm enervierend gut als „Eislaufmutti“) rüscht derweil Resi mit überbordender Pracht auf. „Sie tanzt sogar“, führt sie ihre Tochter einem Beäuger zu. Dieses Wesen, dem man fast schon die Würde genommen hat. Das auf seine Selbstständigkeit verzichtet hat. In jeder Beziehung. Verzichten musste.

Die Mutter gibt Anweisungen für die Klaviervorführung vor höchsten Kreisen: Katja Kolm und Maria Dragus. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

In Mesmers Haus: Resi (Maria Dragus) in ihrem Element. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Ins Leben der Paradis‘ tritt Franz Anton Mesmer, Wunderheiler. „Animalischen Magnetismus“ nannte er selbst seine Methode, heute würde man vielleicht Energetiker sagen. Jedenfalls ist er gerade sehr im Schwange, will ehrlich helfen – und bei Erfolg bei Hof Fuß fassen. Er nimmt die Resi, der Behandlungen bisher nur versengte Kopfhaut und Haarausfall eingebracht hatten, unter seine Fittiche, er befreit von Perücke und – dies natürlich das Bild – vom Korsett. Und siehe da: unter Mutters Tand und Vaters Tadel und der Gesellschaft Tralala – ein Mensch …

Den die junge Schauspielerin Maria Dragus exzellent darstellt. Ihre Körpersprache und ihr Mienenspiel geben dem Film maßgeblich die Form. Allein, wie sie konzentriert das „Nicht-Sehen“ durchhält, ist große Kunst. Allmählich kommt neues Selbstbewusstsein durch neue Einflüsse. Im Haushalt der Mesmers erfährt Resi nämlich erstmals so etwas wie persönliche Freiheit. Dragus wandelt das Mädchen Resi zur jungen Frau, die anderen werden ihr jetzt vieles infrage stellendes Verhalten aber nur „störrischer“ finden.

Mesmer setzt tatsächlich einen Heilungsprozess in Gang. Devid Striesow brilliert als vielschichtiger Charakter, ein Mann von Einfühlungsvermögen und großer Mitmenschlichkeit, der trotzdem seine eigenen hochfliegenden Ziele verfolgt. In seinen „Séancen“, in denen er Resi samt seinen Praktiken den Wichtigen von Wien vorführt, sind um nichts weniger ein Begaffen als bei ihrem Klavierspiel. Als sie erste Schemen erkennt und Gegenstände im Wortsinn begreift, heißt es „Wie eine Amerikanerin aus dem kanadischen Urwald!“ und „Ganz unverbildet!“. Und Mesmer, der nach offizieller Anerkennung ringt, lässt es zu. Am Ende wird er mit Schimpf und Schande aus Wien verjagt werden, doch das erzählt der Film nicht mehr.

Sondern vielmehr von zwei Versuchen, sich selbst zu befreien, der Visionär vor der Borniertheit der Schulmediziner (immerhin billigt ihm der Kaiserin Leibarzt Anton von Störck sehr goethe’isch zu, dass es „zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als sich mit unseren Mikroskopen fassen lässt“), die Blinde aus der Geiselhaft des Elternhauses und der Absurdität ihres dortigen Daseins. Zweiteres wird gelingen, wenn auch anders als gedacht, der Freigeist Mesmer wird auch aus Resi einen gemacht haben, sie wird eine Entscheidung treffen zwischen Klavier und Augenlicht. Je mehr sie wahrnimmt, umso kläglicher wird ihr Spiel.

Eine öffentliche Demonstration von Resis Heilung: Devid Striesow und Maria Dragus. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Mit dem Verlust der Blindheit ginge aber auch die gesellschaftliche Sonderstellung samt Gnadenpension verloren. Es hieße sehen, um nicht mehr gesehen zu werden, dieser Konflikt die einzig wesentliche Dramatik im Film. Und Vaters Satz „Alles ist besser als das da“, mit Fingerzeig auf sein Kind, wandelt sich in ein „Wenn sie nichts kann, zählt sie nichts“ …

Die Schattenseiten des neuen Lichts haben Albert und Resetarits und Kamerafrau Christine A. Maier in vielerlei Facetten gestaltet. Mittels Lochoptik erzeugt Maier impressionistische Bilder, die Resis erste Sehversuche illustrieren. Dazu ein immer wieder sehnsüchtiger Nicht-Blick in den blauen Himmel über Baumwipfeln. Resis Welt ist im Wesentlichen dunkel, eine Augenbinde gibt sogar Sicherheit, als Kontrast der beinah schon grotesk-bunte Rokoko-Putz von Kostümen und Kulisse.

Doch nicht nur das Wiener Bürgertum des 18. Jahrhunderts wird in „Licht“ ausgestellt, sondern auch jenseits jedes Historienkitsches die Unsichtbaren der Zeit. Als Gegensatz zur Mesmer’schen Therapiegruppe aus psychisch Angeschlagenen und überspannten Hysterikern, die Dienstboten im Haushalt, angeführt von Stefanie Reinsperger als Küchenmagd und gewürzt mit Cameoauftritten wie dem vom Nino aus Wien als Stallbursche. Die Klassen sind klar getrennt, doch auch Resis Kammerzofe Agi, sie spielt die wunderbare Nachwuchshoffnung Maresi Riegner, träumt von einer helleren Zukunft. Dass die beiden jungen Frauen sich anfreunden können, zeigt, dass Resi aufgrund ihrer sie von der Welt fernhaltenden Blindheit die Unterschiede zwischen „oben“ und „unten“ gar nicht wahrnimmt. Dass für die unten Tod und Vertreibung näher ist, als für die oben, wird der Film aber noch drastisch zeigen.

Barbara Albert im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=26995

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  1. 11. 2017

Viennale 2017: Barbara Albert im Gespräch über „Licht“

Oktober 28, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Blindheit, die in die Freiheit führt

Resi hat Sehnsucht nach der Sonne über den Baumwipfeln: Maria Dragus (M.) mit Lukas Miko, Katja Kolm, Maresi Riegner und Susanne Wuest. Bild: © Chistian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Mit ihrem  neuen Spielfilm „Licht“ erzählt die österreichische Filmemacherin Barbara Albert eine Parabel über die Macht der Musik. Aufwendig inszeniert und mit großem Einfühlungsvermögen beschreibt das Historiendrama die Suche nach der eigenen Identität zwischen Lichtblicken und Schattenseiten, zwischen Schein und Sein, zwischen Sehen und Gesehen werden. Der Inhalt: Wien 1777. Die blinde, 18-jährige Maria Theresia Paradis ist als Klavier-Wunderkind in den besten Kreisen beliebt.

Nach zahllosen medizinischen Fehlbehandlungen wird sie von ihren ehrgeizigen Eltern dem wegen seiner neuartigen Methoden umstrittenen Arzt Franz Anton Mesmer anvertraut. In dessen von der Aufklärung durchtränkten Haus und dank Mesmers offener Art, beginnt Resi zum ersten Mal in ihrem Leben Freiheit zu spüren. Doch dann merkt sie, dass ihr Klavierspiel schlechter wird … Bei der Viennale wurde „Licht“ bereits heftig akklamiert, ab 10. November läuft er in den Kinos. Es spielen unter anderem Maria Dragus, Devid Striesow, Lukas Miko, Katja Kolm und Maresi Riegner. Regisseurin Barbara Albert im Gespräch:

MM: Sie sind auf die Geschichte der Maria Theresia Paradis über den Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ von Alissa Walser gestoßen. Haben Sie auch historische Quellen durchforstet?

Barbara Albert: Absolut, besonders intensiv hat Drehbuchautorin Kathrin Resetarits recherchiert. Sie hat sich in die Sache vertieft, hat zum Beispiel alle Briefe von Vater Paradis und von Franz Anton Mesmer gelesen; die Paradis selbst hat nichts über diese Zeit bei Mesmer geschrieben – oder es ist verschollen. Ich habe dann noch mit dem Historiker Martin Scheutz das Drehbuch abgeklopft, damit alles so authentisch wie möglich ist. Ich habe bei der Arbeit jedenfalls sehr viel über ein Frauenleben im 18. Jahrhundert erfahren. Maria Theresia Paradis konnte diese Karriere ja nur machen, weil sie ein Wunderkind war, und aus der Masse herausragte. Sie musste als Blinde keine Ehe eingehen, weil sie auf dem Heiratsmarkt ohnedies nichts wert war, und hat dadurch keinem Mann gehört. Durch die Gnadenpension der Kaiserin war sie außerdem finanziell unabhängig. So wie sie in späteren Jahren autonom gelebt hat, das war wenigen Frauen vergönnt. So bitter das ist, hat ihr ihre Blindheit Freiheit in einem sehr restriktiven System verschafft. Im Film will sie natürlich alles – sehen können, frei sein und ihre Musik haben.

MM: Ist die Figur Resi Paradis nun mehr Fakt oder Fiktion?

Albert: Das ist tatsächlich schwierig zu beantworten, weil man auch über die Quellen nicht ganz nah an die Paradis herankommt. Deshalb steckt auch viel vom Roman in der Filmfigur. Alissa Walser zeichnet sie als extrem ambivalenten Charakter, die auch aus der Haut fährt, weil sie das Eingesperrtsein in ihrem gesellschaftlichen Korsett nicht mehr aushält, und sich in ihrer Blindheit hilflos fühlt. Im Buch ist sie manchmal garstig und wütend, und obwohl sie das im Film nicht so sehr ist, war das auch mir sehr wichtig, dass sie als Frau kein leidendes Opfer ist, sondern aktiv und stark bei diesen Bemühungen um Heilung dabei.

MM: Man kennt Sie als Autorenfilmerin, nun haben Sie erstmals mit einer Drehbuchautorin zusammengearbeitet. Wie war das für Sie, Teile der Arbeit aus der Hand zu geben?

Albert: Ab jetzt habe ich Lust, mehr mit Autorinnen und Autoren zu arbeiten! Für mich war das eine sehr intensive und gute Erfahrung. Ich konnte mich mehr auf die Regiearbeit, auf die Erarbeitung der Bilder mit der Kamerafrau, auf die Proben mit den Schauspielern konzentrieren. Natürlich musste ich mir das Buch zu eigen machen, musste aus Kostengründen auch zwei, drei Szenen streichen, aber ich konnte beim Lesen sozusagen schon Schneiden, schon in Bildern denken. Bei den anderen Projekten habe ich später mit dem filmischen Denken begonnen, weil ich mit dem Kopf noch beim Schreibprozess war.

MM: Warum interessiert einen heute das Schicksal der Paradis? Was hat uns das noch zu sagen? Hat ihre Geschichte indirekt mit dem jetzigen Selbstoptimierungswahn zu tun? Ihr Vater sagt ja über ihr Klaviertalent: Wenn sie nichts kann, ist sie nichts wert.

Albert: Selbstoptimierungswahn ist ein gutes Stichwort. In den sozialen Netzwerken ist das sehr relevant, und junge Menschen – heute sind nicht nur die jungen Frauen, sondern auch junge Männer betroffen – sind derzeit in einem extremen Korsett, weil ihnen nicht nur gesagt wird, wie sie auszusehen und sich anzuziehen haben, sondern sie auch ständig beweisen müssen, wie „besonders“ sie sind. Jeder muss ein Star sein und im Wortsinn die perfekte Oberfläche präsentieren. Deshalb posten sie ihre Selfies, um öffentlich zu zeigen, welch ein tolles, aufregendes Leben sie haben. Das ist ein Spagat, wie ihn auch die Paradis machen musste: einerseits angepasst, andererseits außergewöhnlich zu sein. Es gibt aber auch andere Themen im Film, die heute relevant sind: die Aufklärung, das Ringen der Frauen um Gleichberechtigung … Ich bin immer schon historisch interessiert gewesen, weil Geschichte erklärt, warum wir heute sind, wie wir sind. Und da komme ich natürlich auf den Obrigkeitswahn, die Kaiserin, der Hof, die Autorität, das war im 18. Jahrhundert ganz wichtig – und auch das hat sich bis heute wenig geändert.

Barbara Albert. Bild: coop99

MM: Bei dem Thema bin ich beim Heiler Franz Anton Mesmer, den Devid Striesow so vielschichtig verkörpert, auch er prinzipiell sympathisch, aber auch er eine ambivalente Figur.

Albert: Devid Striesow hat die Gabe, die Dinge auf den Punkt zu spielen. Er hat als wichtigste Nebenrolle neben Maria Dragus als Maria Theresia Paradis gar nicht so viele Szenen, um diesen Mesmer zum Schillern zu bringen. Das ist ihm, finde ich, wunderbar gelungen. Wir haben im Vorfeld viel über Eitelkeit gesprochen, über Ehrgeiz, denn Mesmer möchte so gerne in der Wiener Gesellschaft und am Hof akzeptiert werden, aber er ist und bleibt ein Außenseiter vom Bodensee. Mir war wichtig, Mesmers Geltungsdrang zu zeigen, ihn aber trotzdem nicht zu einem unangenehmen Menschen zu machen, weil ich überzeugt bin, dass er das nicht war. Ich bin sicher, dass er eine Verbindung zur Resi aufgebaut hat, er war ja auch sehr musikalisch. Er hat sich sicher mit ihr verwandt gefühlt, und war ihrer Besonderheit auf der Spur.

MM: Und er hat ja tatsächlich Menschen mit seinen Händen geheilt.

Albert: Ja. Ich glaube, er konnte Menschen beruhigen, indem er sie anfasste. Er hat sie aus dem System, das sie krankgemacht hat, herausgenommen. Im Film sieht man ja, dass die Mehrzahl seiner Patienten psychische Leiden hatte, und denen hat das sicher gutgetan, frei in Mesmers Haus leben zu können. Er hat beispielsweise den Frauen die Mieder ausgezogen …

MM: … und ihnen die Perücken abgenommen.

Albert: Das muss man sich vorstellen: Sogar Maria Dragus hat manchmal von der ganz hohen und dementsprechend schweren Perücke, die sie beim Dreh trug, Kopfschmerzen bekommen. Nun denke man, man hat das den ganzen Tag auf … Vor allem aber hat Mesmer die Menschen berührt, er hat eine Art – würde man heute sagen – Energiearbeit wie Reiki gemacht, das war damals nicht üblich. Heute wissen wir, dass Hände heilen. An einer Stelle sagt der Hofarzt Anton von Störck dazu: „Es muss zwischen Himmel und Erde mehr geben, als wir mit unseren Mikroskopen sehen können.“ Den Satz finde ich schön. Nur: Mesmer konnte sich nie erklären, seine Erfolge nie beweisen, deswegen hat man sie ihm dann auch abgesprochen. Er wurde mit Schimpf und Schande aus Wien verjagt.

MM: Es gibt ein Zitat im Film, das heißt „Mit Licht ist nicht zu spaßen“. Das erfährt auch die zweite „Schattenseite“ im Film, die Dienerschaft.

Albert: Die zu zeigen, war Kathrin Resetarits sehr wichtig. Sie wollte ein gesamtes Gesellschaftspanorama beleuchten, auch die Seite, die nicht gesehen wurde, weil sie, wie Sie sagen, eben im Schatten lebte. Maresi Riegner als Resis Kammerzofe Agnes ist wie ein zweiter Gegenpol zur Figur der Paradis. Agi, in ihrer Naivität, wertet nicht, und Resi auch nicht, diese Regel hat sie durch ihre Blindheit nicht gelernt. Also begegnen sich die Mädchen wie Kinder auf dem Spielplatz, die auch die Hautfarbe eines anderen nicht als anders sehen, bevor sie die Erwachsenen nicht drauf stoßen. Natürlich bleibt die Agi am Schluss auf der Strecke und muss das Haus verlassen, aber sie geht mit Stolz, weil auch sie sich nicht in die Opferrolle drängen lässt.

MM: „Licht“ ist ein Film über Frauen von Frauen. Christine A. Maier hat die Kamera geführt – und hat dabei mit „Licht“ gespielt. Was haben Sie beide sich dazu überlegt? Lassen Sie uns über Ästhetik reden. Ich hatte das Gefühl, Sie wollten immer natürliches Licht zeigen.

Albert: Das natürlich gesetzte Licht trifft Christines und meinen Geschmack. Ich wollte mit allem, Kostüm, Ausstattung, Licht, das Gefühl vermitteln, wir sind in der Zeit, im 18. Jahrhundert. Die schwierige Aufgabe war, Resi eine Subjektive zu geben. Wir haben uns gegen Effektlinsen entschieden, weil uns das zu künstlich war, und dann hatte Christine diese tolle Idee der Lochoptik, die diese unscharfen, impressionistischen Bilder macht. Das sollte aussehen, wie die allerersten Fotografien, das erste Festhalten von Bildern. Man hat das Gefühl von etwas Traumhaften, von einer Vorstellung vom Sehen, von einer Erinnerung. Wir wollten nicht definieren, ob Resi so sieht oder es sich einbildet, deshalb sind die Bilder vage Schemen. Ich hoffe, das löst Assoziationsketten aus.

Resis Eltern beobachten Mesmers Behandlungsmethoden: Katja Kolm, Devid Striesow, Maria Dragus und Lukas Miko. Bild: © Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

Resi und ihre Kammerzofe Agi: Maria Dragus und Maresi Riegner. Bild: © Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

MM: Und dann immer der sehnsüchtige Kamerablick, der Schwenk in die Baumwipfel und den blauen Himmel?

Albert: Ja. Die Sehnsucht ist immer ein Motiv in meinen Filmen. Schön, dass Sie das da wiederentdeckt haben. Was mir in punkto Sehen auch wichtig war: Zu Beginn des Films sind wir wie die Voyeure. Wir sitzen wie die Abendgesellschaft, vor der die Resi Klavier spielt, und „gaffen“ sie an. Wie eine Jahrmarktsattraktion, als die sie von ihren Eltern ja auch vorgeführt wird. Die Nähe der Kamera soll beim Betrachten unangenehm sein. Dann wechselt die Perspektive in die Resis, man sieht wie sie, wie sie nahe am Objekte herangeht, um sie zu begreifen. Im Wortsinn, weil Tasten anfangs für sie sehr wichtig ist.

MM: Das heißt, wir wechseln von der Außensicht auf Resi zu ihrer Sicht auf sich selber?

Albert: Genau so wollte ich das. Das Tasten ist für mich etwas sehr Wichtiges, weil Film für mich etwas Haptisches ist, und das wollte ich durch die nahen Einstellungen spürbar machen. Ich hatte auch Freude daran, meinen Blick auf den ersten Blick zurückzubringen. So wie Resi sich lange zum ersten Mal ihre Hand anschaut, „wie ein Neugeborenes“, sagt Mesmer. Die Reduktion auf diese Einfachheit im Blick hat mir in unserer Bilderflut-Welt gefallen.

MM: Nun haben wir so viel über Resi gesprochen, nun endlich zu ihrer Darstellerin, der fulminanten Maria Dragus. Welch ein Kraftaufwand ist diese Rolle!

Albert: Sie selber sagt, es war nicht so anstrengend. Sie hatte keine Augenschmerzen durch das Schielen. Wir haben das auch von einem Arzt abklären lassen, ob das alles geht und ob wir das dürfen. Maria hat sich auf die Rolle eingelassen, sie war extrem mutig. Sie hat geübt, nicht zu schauen, sie hat ihre Augen höchst kontrolliert bewegt, aber aussehen sollte es ja, als ob nicht, sie hat auch geübt, die Kontrolle über ihre Mimik zu verlieren. Sie ist eine wahnsinnig tolle Schauspielerin, extrem professionell und konzentriert für ihr Alter von Anfang Zwanzig. Sie hat Routine, kann sich aber total öffnen und intuitiv sein. Und: Sie ist sehr musikalisch. Sie hat sich das Wienerische sehr schnell angeeignet, unsere Sprachmelodie, das hatte sie gleich gelernt.

MM: Hat sie auch selber Klavier gespielt?

Albert: Das nicht, aber sie hat gewusst, wo die Tasten auf dem Klavier liegen. (Sie lacht.)

MM: Die Musikstücke, die gespielt werden, sind von der Paradis?

Albert: Das letzte, obwohl sie es in Wahrheit mit 60 komponiert hat. Man merkt auch, wie erwachsen das Stück ist. Wir haben’s unserer Resi in die Tasten gelegt, obwohl sie es erst als ältere Frau geschrieben hat, aber es steht für mich so für ihre Emanzipation, für ihren weiteren Werdegang, dass ich es unbedingt im Film haben wollte.

MM: Wie ging es mit Maria Theresia Paradis weiter?

Albert: Sie hat mit ihrer Mutter und später mit dem Geiger Johann Riedinger, den man wahrscheinlich als ihren Lebensgefährten bezeichnen darf, Europa bereist und Konzerte gegeben. Später hat sie in Wien eine Musikschule für blinde Mädchen gegründet, in der sie auch unterrichtet hat. Sie hat sehr viel Korrespondenz mit den Größen ihrer Zeit geführt, hat eine Notenschrift für Blinde erfunden und bedeutende Salons gegeben. Ich hoffe also, unser Film wird eine Wiederentdeckung dieser großartigen Frau.

Die Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27053

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28. 10. 2017

Karin Leukefeld: Syrien zwischen Schatten und Licht

August 9, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein Land als Spielball der Mächtigen

buch 1Im Mai 1916 haben die beiden Diplomaten François Georges-Picot aus Frankreich und Sir Mark Sykes aus Großbritannien ihr Werk nach einem Jahr Arbeit vollendet. Das gleichnamige Geheimabkommen wird unterzeichnet. Es teilt die bisherigen osmanischen Provinzen Großsyrien oder Syrien-Palästina und Mesopotamien in Mandatsgebiete für Großbritannien und Frankreich auf. Sykes und Picot zogen „Linien im Sand“ von der Hafenstadt Akre bis zur Ölstadt Kirkuk, um ihre Interessen gegeneinander abzustecken. Frankreich wurde Mandatsmacht über Syrien und den Libanon, Großbritannien über die neu entstandenen Länder Irak und Transjordanien. Jerusalem wurde unter internationale Kontrolle gestellt. Die lokale Bevölkerung hatte nichts mitzureden. Sie wurde vor vollendete Tatsachen gestellt.

Großbritannien betrieb jedoch ein doppeltes Spiel: In einem als „Hussein-McMahon-Korrespondenz“ bekannt gewordenen Briefwechsel  aus den Jahren 1915/16 stellte der damalige Hochkommissar Großbritanniens in Kairo, Henry McMahon, dem Führer der Araber im Hejaz und Hüter der Heiligen Stätten von Mekka, dem Sherif Hussein ibn Ali, die Gründung eines unabhängigen arabischen Staates in Aussicht, sollten sie an der Seite der Briten kämpfen. Hussein hielt sein Wort und startete im Juni 1916 die Arabische Offensive gegen das Osmanische Reich, unterstützt vom britischen Offizier und Geheimdienstagenten T. E. Lawrence, Großbritannien nicht. Dafür versprach die Regierung Seiner Majestät in der Balfour-Erklärung der Zionistischen Weltbewegung eine „jüdische Heimstätte in Palästina“.

Die auf das Sykes-Picot-Abkommen basierenden neu entstandenen Nationalstaaten – Irak, Jordanien, Syrien – sollten im Auftrag des Völkerbundes von den beiden Kolonialmächten der damaligen Zeit unter einem Mandat zu Unabhängigkeit geführt werden. Doch anstelle von Freiheit und Demokratie brachte es Gewalt, Terror und Leid. Die Korrespondentin Karin Leukefeld berichtet in ihrem aktuellen Buch „Syrien zwischen Schatten und Licht. Menschen erzählen von ihrem zerrissenen Land“ vom Scheitern dieses Auftrags. Sie erzählt von wiederholten Aufständen und Versuchen der Syrer, ihre Unabhängigkeit zu erreichen und die immer neuen Bestrebungen regionaler und internationaler Akteure, die Entwicklung Syriens nach eigenen Interessen zu formen.

Unzählige Staatsstreiche kennzeichnen seit 1946 die Geschichte des Landes, das einst ein Schmelztiegel der verschiedensten Völker und Religionen, Moslems, Christen, Drusen, Kurden, war, die keine Grenzen kannten und friedlich nebeneinander lebten. Doch ausländische Einmischung und religiöser Fanatismus und Extremismus wie vom Islamischen Staat (IS) ausgeübt haben Syrien heute, 70 Jahre nach seiner Unabhängigkeit, zu einem Trümmerhaufen gemacht. Vom viel gepriesenen Arabischen Frühling  des Jahres 2011 ist nichts geblieben. Die Leidtragenden sind Millionen von Menschen, die auf der Flucht vor Gewalt, Tod und Folter sind. Manche von ihnen wurden bereits mehrmals in ihrem Leben vertrieben, ob von den Israelis, den libanesischen Milizen oder dem Islamischen Staat.

Ganze Landstriche sind verwüstet, die Infrastruktur in weiten Teilen des Landes zerstört. Und ein Ende der Kämpfe scheint nicht in Sicht, ist Leukefeld pessimistisch. Selbst wenn die Kämpfer des IS endgültig besiegt werden sollten, bleibt immer noch das Problem, was mit dem diktatorisch regierenden Assad-Clan, der seit 1970 die Macht in seinen Händen hält – seit 2000 ist Bashar al-Assad Präsident -, geschehen soll. Für die USA und den Westen ist klar: Assad muss weg, anders sieht es der jahrzehntelange Verbündete Russland.

Was Leukefelds Buch zu etwas Besonderen macht: Neben einer umfangreichen Chronologie und Darstellung der historischen Ereignisse der letzten 100 Jahre (das Assad-Regime könnte allerdings kritischer beleuchtet werden, ebenso sollte die Politik Israels als einer der „Main Players“ der Region vielschichtiger dargestellt werden) sowie einem auch für Laien verständlichem Glossar, kommen zwischendurch vor allem die betroffenen Menschen selbst zu Wort.

Etwa Antoun Saadeh, der Gründer der SSNP (Syrische Sozial-Nationalistische Partei), der verraten und 1949 ermordet wurde. Ali Boray, der während des Sechs-Tage-Krieges 1967 mit seiner Familie vertrieben wurde, als die israelische Armee die Golanhöhen besetzte. Die Damaszener Kunsthandwerker wie der Kupferschmied Radwan al-Taween, deren wirtschaftliche Existenz durch die Kampfhandlungen bedroht ist. Oder Gabriele und Schafik Hamzé, die Projekte für Kinder und Jugendliche ins Leben gerufen haben, und von Kämpfern der Al-Nusra-Front, einer islamischen Kampfgruppe, die 2011 in Syrien entstand, entführt wurden und die für sie Lösegeld forderten. Menschen, die in Frieden gelebt, vertrieben wurden und immer wieder alles verloren haben. Auch wenn die Schicksale unterschiedlich scheinen, eines haben alle gemeinsam: Sie wollen wie die meisten nur in Frieden und Sicherheit leben.

Die von der Autorin in jahrelangen Recherchen zusammengetragenen Zeitzeugenberichte über Leben, Hoffnungen und Scheitern in Syrien zwischen 1916 und 2016 ermöglichen so Einblicke in ein Land, das erneut zu zerbrechen droht, so der wenig hoffnungsvolle Blick der Nahost-Korrespondentin in die Zukunft. Am Ende hat der 28-jährige Safwan das Wort: „Aber eines Tages wird das Chaos vorbei sein, und dann werden es die Frauen sein, die Syrien wieder aufbauen. Die Männer sind tot, im Gefängnis, oder sie haben das Land verlassen. Aber die Frauen sind hier, sie werden Syrien wieder aufbauen.“

Über die Autorin:
Karin Leukefeld, geboren 1954, Studien der Ethnologie, Geschichte, Islam- und Politikwissenschaften. Berichtet seit 2000 als freie Korrespondentin aus dem Nahen Osten für deutschsprachige Tages- und Wochenzeitungen, ARD-Hörfunk und Schweizer Radio. Seit 2010 ist die Journalistin in Syrien akkreditiert.

Rotpunktverlag, Karin Leukefeld: „Syrien zwischen Schatten und Licht“, Sachbuch, 336 Seiten.

www.rotpunktverlag.ch

Wien, 9. 8. 2016

Belvedere: Max Kurzweil – Licht und Schatten

Mai 4, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Bilder vom Zwiespalt zwischen Arbeit und Müßiggang

Max Kurzweil, Liegender Männerakt, um 1900. © Ernst Ploil, Wien, Bild: © Belvedere, Wien

Max Kurzweil, Liegender Männerakt, um 1900. © Ernst Ploil, Wien, Bild: © Belvedere, Wien

Mit der Ausstellung „Max Kurzweil – Licht und Schatten“ widmet sich das Belvedere ab 11. Mai einer spannenden und vielseitigen Künstler- persönlichkeit der Wiener Secession. Hundert Jahre nach seinem Tod und fünfzig Jahre nach der letzten Einzelausstellung im Belvedere zeigt die Schau neben bekannten Hauptwerken in erster Linie bisher unbekannte oder nur selten ausgestellte Gemälde und Grafiken.

Kurzweil ist vor allem als Porträtist der Wiener Gesellschaft bekannt. Sein Bildnis der Therese Bloch-Bauer, Schwester der von Klimt gemalten Adele, wird in der Ausstellung erstmals seit 1908 öffentlich zu sehen sein. Intime Porträts seiner französischen Frau Martha bilden einen weiteren Höhepunkt, ebenso die impressionistischen Landschaften aus der Bretagne, Italien und Dalmatien. Das expressive Spätwerk, insbesondere seine Aktbilder, zeugt von einem leidenschaftlichen Temperament, das der aus wohlhabenden Verhältnissen stammende Mann nur im Privaten auslebte.

Als „im besten Sinne aristokratische Natur“ beschrieb Carl Moll seinen Freund in einem Nachruf. Kurzweil stammte zwar nicht aus einer aristokratischen, aber aus einer reichen Familie, die nach dem Verkauf ihrer Zuckerfabrik im mährischen Bzenec nach Wien übersiedelt war. Auf den wenigen Fotos, die von ihm erhalten sind, erscheint der Künstler stets elegant gekleidet im Anzug mit Krawatte. Dass sich jedoch hinter dieser Seite seiner Persönlichkeit noch eine weitere verbarg, deutete er selbst in einer der wenigen erhaltenen Schriften an. Die kleine Erzählung „Der Erfolg“, die er 1898 in „Ver Sacrum“ veröffentlichte, beschreibt einen fiktiven Maler, der lieber den ganzen Vormittag im Bett liegt, als zu malen – und dies als „argen Zwiespalt“. Weggefährten des Künstlers bestätigen diesen Zwiespalt von produktivem Studium und müßiggängerischem Lebenskünstlertum auch für Kurzweil selbst.
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Max Kurzweil, Strandlagerfeuer, undatiert. © Privatbesitz, Bild: © Belvedere, Wien

Max Kurzweil, Strandlagerfeuer, undatiert. © Privatbesitz, Bild: © Belvedere, Wien

Seine Begabung verschaffte ihm bereits in jungen Jahren Erfolge in den Ausstellungen des Künstlerhauses. Ab 1893 verbrachte er die Sommer in der bretonischen Hafenstadt Concarneau, wo er 1895 Marthe Guyot, die Tochter des Vizebürgermeisters, heiratete. Anfangs galt sein Interesse noch der Genremalerei in der Tradition des französischen Naturalismus.

Doch zunehmend wandte er sich dem Impressionismus zu. Als Gründungsmitglied der Secession beschäftigte er sich zugleich mit symbolistischen und esoterischen Ideen, lernte von Emil Orlik die Kunst des japanischen Farbholzschnitts und machte sich vor allem als Porträtist einen Namen. Sehr früh entstanden auch Bilder in der Auseinandersetzung mit dem noch jungen Expressionismus.

Kurzweil machte seine Ehefrau zum bevorzugten Motiv, jedoch verlief die Ehe nach Aussage von Freunden „unglücklich“. Die als sittenstreng beschriebene Frau wollte sich in dem unkonventionellen Wiener Milieu absolut nicht wohlfühlen. Das Paar lebte immer häufig getrennt, und Kurzweil begann schließlich eine Affäre mit seiner Schülerin Helene Heger. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs trennte den Reserveoffizier endgültig von seiner in Frankreich verbliebenen Frau. Gemeinsam mit Heger, deren Vater die Affäre entdeckt und verboten hatte, nahm Kurzweil sich 1916 das Leben.
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Wien, 4. 5. 2016

Leopold Museum: Alberto Giacometti

Oktober 17, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Der Pionier der Moderne im neuen Licht:

Gesamtschau und Weggefährten von Picasso bis Pollock

Gordon Parks | Kansas 1912–2006 New York: Ohne Titel [Alberto Giacometti] | Paris, Frankreich, 1951, Silbergelatineabzug The Gordon Parks Foundation | © Bild; Courtesy of The Gordon Parks Foundation © Alberto Giacometti Estate/Bildrecht, Wien 2014

Gordon Parks | Kansas 1912–2006 New York: Ohne Titel [Alberto Giacometti] | Paris, Frankreich, 1951, Silbergelatineabzug
The Gordon Parks Foundation | © Bild; Courtesy of The Gordon Parks Foundation © Alberto Giacometti Estate/Bildrecht, Wien 2014

„Der teuerste Bildhauer der Welt“, beziehungsweise sein Werk, sind ab 17. Oktober im Leopold Museum zu Gast. Alberto Giacometti, dem bedeutendsten Bildhauer des 20. Jahrhunderts widmet man hier eine spektakuläre Retrospektive, die von seinem „Künstlerkollegen“ und Meister des erweiterten Skulpturbegriffes Erwin Wurm eröffnet wird. Anhand von rund 150 Objekten stellt die Ausstellung  in umfassender Weise die einzelnen Schaffensphasen des Künstlers vor, von den Arbeiten der Frühzeit über Werke der kubistischen und der surrealistischen Phase bis hin zu den unverwechselbaren Skulpturen des Spätwerks. Ergänzt wird die Schau durch herausragende Werke von Giacomettis Weggefährten und Zeitgenossen von Picasso bis Pollock. Die Schau vereint Arbeiten von insgesamt 35 Künstlern.

Die Werke des Schweizers  (geb. 1901 in Borgonovo bei Stampa, gest. 1966 in Chur) erzielen heute Rekordpreise auf dem internationalen Kunstmarkt. Seine Skulptur „L’homme qui marche I“ (Schreitender I) wurde 2010 bei Sotheby’s für etwa 104 Millionen Dollar (74 Millionen Euro) verkauft und hält damit bis heute den weltweiten Rekord für Skulpturen. Jüngst wurde bekannt, dass Sotheby’s für eine bevorstehende Auktion Giacomettis „Chariot“ anbietet. Der Schätzwert des „Wagens“ beträgt rund 100 Millionen Dollar (80 Millionen Euro), ein weiterer Rekord scheint in Reichweite. Von dieser Skulptur wurden insgesamt sechs Stück produziert. Nummer 2 wird am 4. November in London versteigert, Nummer 3 ist ab sofort im Leopold Museum zu sehen.

Die Giacometti-Ausstellung im Leopold Museum bietet einen umfassenden Blick auf das beeindruckende Oeuvre des Künstlers. Insgesamt sind 36 Skulpturen und 50 Zeichnungen, Gemälde und Lithografien Giacomettis in Wien zu sehen. m Jahr 1964 besuchte Alberto Giacometti gemeinsam mit Francis Bacon die von Wolfgang Georg Fischer in der Marlborough Fine Art Galerie organisierte Schiele-Ausstellung, die erste in Großbritannien. Fischer erinnert sich, dass damals der Name Schieles in Großbritannien so unbekannt war, wie jener von William Blake in Österreich. In seinem Tagebuch notierte Fischer: „An den Schiele-Ölbildern (Die Eremiten, Selbstseher, Selbstporträt von 1910, Liegender Akt von 1917) [die heute Teil der Sammlung des Leopold Museum sind] gehen Francis und Giacometti flüchtig vorbei. Vor dem Späten Herbstbaum, 1912, stockt Giacometti und sagt: „Das ist außerordentlich!““ Der komplette Eintrag zu dieser Episode aus Fischers bisher nicht publiziertem Tagebuch wird im aktuellen Ausstellungskatalog erstmals veröffentlicht.

Zum Künstler:

Der aus der italienischsprachigen Schweiz stammende Alberto Giacometti war schon früh von künstlerischem Wirken umgeben. Sein Vater Giovanni Giacometti (1868-1933) war ein von postimpressionistischen Einflüssen geprägter Künstler. Der Maler Cuno Amiet (1868-1961) war ein enger Freund seines Vaters Giovanni und Albertos Taufpate. Sowohl von Giovanni Giacometti als auch von Amiet sind Werke in der Ausstellung zu sehen. 1919 begann Alberto Giacometti mit dem Studium in Genf. 1922 ging er nach Paris, wo er fortan lebte. Er studierte bei Antoine Bourdelle (1861-1929) an der vor allem von nicht französischen Staatsbürgern gerne frequentierten Académie de la Grande Chaumière. Bourdelle verschaffte seinem Studenten 1925 die Gelegenheit, im berühmten Salon des Tuileries auszustellen, wo Giacometti zum ersten Mal seine kubistischen Figuren präsentierte. Ab Mitte der 1920er-Jahre stand Giacometti ganz im Banne des Kubismus. In seinen Skulpturen setzte sich Giacometti mit dem Volumen auseinander und zerlegte die Masse, um sie in festen und mechanischen Strukturen wieder zusammenzusetzen. Giacometti zeigte sich wie viele Künstler jener Zeit fasziniert von der Kraft und Abstraktionsgabe der Kunst antiker und außereuropäischer Kulturen. Eine wichtige Anregung lieferten Werke der Kultur der Kykladen und der Kunst Afrikas. Besonders beeindruckt war Giacometti von den Skulpturen Constantin Brâncusis (1876-1957), von dem ein Werk in der Ausstellung zu sehen ist. Ende 1929 kam für Giacometti der große Erfolg. Seine Arbeiten wurden in der Galerie Jeanne Bucher ausgestellt und wichtige Sammler erwarben sie umgehend. Man erkannte ihn als vielversprechenden Künstler. Giacometti hält fest: „Einige sagten, sie hätten seit Jahren nichts gesehen, was sie so beeindruckt hätte wie meine Skulpturen, und nun habe ich in Paris einen Stellenwert.“ 1932 schloss sich Alberto Giacometti formell dem Kreis der Surrealisten um den Dichter, Schriftsteller und Theoretiker André Breton (1896-1966) an. Er traf u.a. auf Joan Miró (1893-1983), Max Ernst (1891-1976), Pablo Picasso (1881-1973), René Magritte (1898-1967). Die Ausstellung stellt Giacomettis surrealistische Werke den zeitgleich entstandenen Werken von Künstlerfreunden und Bekannten gegenüber. Freundschaften pflegte Giacometti u. a. auch mit André Derain und Balthus (1908-2001). Von all diesen Künstlern sind herausragende Werke in der Ausstellung zu sehen.

Die Tatsache, dass Giacometti wieder verstärkt realistisch zu arbeiten begann und dadurch von der strengen Dogmatik Bretons abwich, führte 1935 zu einem Ausschluss aus der Breton-Gruppe. Eine zwölf Jahre andauernde künstlerische Krise war die Folge. In den späten 1930er Jahren und in den Kriegsjahren, die er zum großen Teil in die Schweiz verbrachte, radikalisierten sich die Proportionen seiner Arbeiten, er schuf vorerst Skulpturen in Miniaturformat. Ab den 1940er-Jahren entstand Giacomettis unverwechselbare Ausdrucksweise seiner reifen Phase, die zwar das gegenständliche Abbild der menschlichen Figur wieder ins Zentrum rückte, aber ganz eigene Wege beschritt, etwa durch auffällige Veränderungen der Größenverhältnisse und Proportionen. In dieser Phase entwickelte Giacometti den unverwechselbaren Stil seiner späten Jahre. Die Figuren seiner reifen und späten Phase sind durch extrem in die Länge gezogene Proportionen und durch eine unruhige Oberfläche gekennzeichnet. Sie entziehen sich einer konkret-sinnlichen Erfassung und wirken auf den Betrachter wie entmaterialisierte, metaphysische Erscheinungen, die einen besonderen Bezug zum Raum aufweisen. Mit zunehmender internationaler Bekanntheit durch Ausstellungsprojekte in London und in den USA wurden Giacomettis Arbeiten auch mit bedeutenden Vertretern der Moderne nach 1945 in Zusammenhang gebracht. Besonders hervorzuheben sind hier der dem Gegenständlichen verpflichtete Francis Bacon (1909-1992), die abstrakten Expressionisten Jackson Pollock (1912-1956) und Mark Tobey (1890-1976) oder Cy Twombly (1928-2011).

In den beiden großen Sälen am Beginn der Ausstellung wird der gleichsam sakrale Charakter dieser späten Figuren Giacomettis besonders hervorgehoben. Die hieratischen Statuen scheinen aus ihrem Inneren heraus zu leuchten. Die ewige Größe des von Menschenhand geformten Abbildes wird spürbar. Der starken räumlichen Wirkung der Skulpturen Giacomettis wird in der Ausstellung durch eine spezielle Aufstellung und Inszenierung besonders Rechnung getragen. Die Farbgebung, der rohe Boden und die großen Lampen evozieren die Atmosphäre einer Gusshalle. Die weißen Umrisse der Figuren verweisen auf den Arbeitsprozess, die Gipse und Gussformen, die zum finalen Ergebnis der Bronzeskulpturen führen. Eine Auswahl herausragender Fotografien ermöglicht in der Ausstellung auch eine visuelle Annäherung an die Person Alberto Giacomettis. Die Aufnahmen stammen durchwegs von bedeutenden Fotografen, u.a. von René Burri (geb. 1933), Henri Cartier Bresson (1908-2004), Robert Doisneau (1912-1994), oder Man Ray (1890-1976). Auch herausragende österreichische Fotografen haben Alberto Giacometti fotografiert, nämlich Franz Hubmann (1914-2007) und Inge Morath (1923-2002).

www.leopoldmuseum.org

Wien, 17. 10. 2014