Theater Nestroyhof Hamakom: Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen

März 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch ist des Menschen Affe

Grantscherben im Konfettiregen: Michael Gruner spielt Kafka und Beckett an einem Abend. Bild: Nathan Spasic

Im Hamakom herrscht Endzeitstimmung. Im Hamakom herrscht Aufbruchstimmung. Erstere bedingt durch die aktuelle Produktion, Zweitere durch die akute finanzielle Situation und das „Jetzt erst recht“, das sich Intendant Frederic Lion dagegen auf die Fahnen geschrieben hat. 300.000 Euro, sagte er in einem Interview mit dem Standard, fehlten ihm für eine adäquate Bespielung der Bühne; im Herbst, so liest man, soll das brut „als Mieter“ einziehen.

Lion setzt dagegen ein starkes theatrales Zeichen. Er inszeniert Kafka und Beckett an einem Abend, lässt erstmals die Monologe „Ein Bericht für eine Akademie“ und „Das letzte Band“ aufeinanderprallen. „Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen“, diesen letzten Satz des sich vermenschlicht habenden Affen Rotpeter stellt Lion über seine Arbeit, sein Haus, über seine Amour fou zum Theater. Der große Michael Gruner gestaltet als Schauspieler erst den Rotpeter, dann den Krapp. Lion hätte nicht besser wählen können, um die unbedingte Notwendigkeit des Hamakom in der Wiener Theaterlandschaft unter Beweis zu stellen. Hamakom heißt auf Hebräisch „Der Ort“ und dieser hat eine bewegte Geschichte, hat ein jüdisches Schicksal – Lion will ihm mit seinem Programm gerecht werden, mit seinem „fremdnahen“ Blick auf den Begriff Heimat, mit Stücken über Identitätssuche und -verlust in den Wirren der Zeitgeschichte und mit gewitzten Dramen über die Diskrepanz von Weltanschauung und Lebensrealität beim Menschen.

So viel nun also gleichsam zu Rotpeter und Krapp, der eine versunken in der Selbstaufgabe, in der schmerzhaften Aufgabe sich zu assimilieren, und welches Unwort könnte heutiger sein, der andere ein ewig Unangepasster, ein Unbequemer, ein Querulant. Der eine ein dystopischer Sendbote vom Planet der Affen, der andere bereits postapokalyptisch. Der eine der gelungene Versuch, der andere das Versagen, Außenseiter aber beide; Becketts „Band“ kann im Hamakom als die Kehrseite von Kafkas „Bericht“ verstanden werden. Der Mensch ist des Menschen Affe, und wenn Krapp-Gruner eine Banane (fr)isst, dann verschwimmen die ohnedies höchst durchlässigen Grenzen zwischen Hominide und Homo sapiens, dann wird aus dem manierlichen Affen ein unappetitlicher alter Mann. Nicht von ungefähr besteht die Rückwand des von Andreas Braito gestalteten Spielraums aus einem riesigen Zerrspiegel. Man sieht sich – als den anderen. Ein „King Kong“-Film aus den 1930er-Jahren läuft auf der gläsernen Leinwand, und eine vergreiste „Frankenstein“-Version ungefähr gleichen Datums. Davor – Michael Gruner.

Der Affe Rotpeter rechnet mit der ganzen Menschheit ab, … Bild: Nathan Spasic

… der Mensch Krapp per Tonband mit seinem früheren Ich. Bild: Nathan Spasic

Der Regisseur von Graden hat bei der Vorjahresproduktion „Dunkelstein“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17940) wieder Schauspielerblut geleckt und kehrt nun als Mime zu seinen künstlerischen Anfängen zurück. Sein Auftritt ist überwältigend. Und das nicht nur, weil Gruner ein präziser, ein prägnanter Sprecher ist. Wie er sich eben noch auf den Gehstock stützt, dann leichtfüßig übers Parkett tänzelt, später in Affengangart fällt, wenn sich die Natur Bahn bricht, wie er sich unters Publikum schleicht, um seine vom Leben geschlagenen Narben hautnah zu zeigen, sich dabei bis auf eine Windelhose entblößt, das ist so berührend wie bösartig. Gruner möchte einem nichts angenehm machen, Er drangsaliert mit unvorhersehbaren Wutausbrüchen, er schlägt beim Zusammenbeißen seine Zähne ins Zuschauerfleisch, er macht betroffen, wenn er von erlittenen Demütigungen erzählt. Konfetti aus der Sakkotasche macht das Schicksal, dieses „allzu erschöpfte“, erträglicher. Gruner ist stark darin, Schwäche zu (über)spielen. Sein Spiel ist unmittelbar, angriffig, auch eine eitle Wonne – und, ja, er selbst hat sich ein bisschen in es verliebt. Er stellt sein Wissen um die Texte, deren Bedeutung und seine Deutung, gern „zur Schau“ …

Für ihre szenischen Echokammern haben Lion und Gruner im Schönbrunner Primatenhaus recherchiert (Trailer: www.facebook.com/theaternestroyhofhamakom/videos/1244812368935084/). Gruner, der alte Fuchs, als Method Actor. Seine Rückkehr auf die Bühne, ist eine Beglückung, wie sie nur im Hamakom stattfinden kann. „Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen“ ist der lebhaft helle Lebensschrei einer gefährdeten Existenz. Die Wiener Kulturpolitik braucht nur hinzuhören.

www.hamakom.at

Wien, 15. 3. 2017

Edition Atelier: Bibliothek der Nacht

September 23, 2015 in Tipps

VON RUDOLF MOTTINGER

Von Prager Gespenstern und italienischen Vampiren

Bild: Edition Atelier

Bild: Edition Atelier

Die Edition Atelier startet mit einer neuen Buchreihe in den Herbst, der „Bibliothek der Nacht“, herausgegeben von Thomas Ballhausen. Zunächst erscheinen zwei Romane von Paul Leppin und Furio Jesi, weitere Bände sind in Vorbereitung.

Paul Leppin, Jahrgang 1878, war Beamter in der k. k. Prager Post- und Telegraphendirektion und dort offenbar mit genug Zeit ausgestattet, um sich literarisch Verruchtes auszudenken. Abends sollen er und Jiri Karásek, ein weiterer Poet der Décadence, in den Nachtcafés gesessen haben, dort lauschten sie den kehligen Chanteusen, „ohne Mieder, weshalb sie so plastisch im Detail sind“, und schrieben dann, gleichsam zur Buße, filigrane Lyrik.

Leppin war unter anderem mit Max Brod und Gustav „Golem“ Meyrink, den er oft als Vorbild für seine Figuren heranzog, befreundet. Um die Jahrhundertwende galt Leppin als einer der Protagonisten der literarischen Bewegung „Jung-Prag“. Nach dem deutschen Einmarsch in die Tschechoslowakei 1939 wurde er von der Gestapo verhaftet und erlitt nach der Freilassung einen Schlaganfall. Den Nazis war der Verfasser obsessiv-erotischer Romane, frecher Bänkellieder und bewegender Prager Stimmungsskizzen verhaßt. Für tausend Jahre aus der Literatur verbannt, erlebte auch sein Werk im Kommunismus keinen Prager Frühling. Leppin starb 1945 an den Spätfolgen einer Syphilis-Erkrankung. Als er hilflos gelähmt im Rollstuhl und im Sterben lag, schrieb er noch „lieber ein heißes Vergehen / als immerzu fröstelnde Qual“.

„Severins Gang in die Finsternis“ ist erstmals 1914 erschienen. In seinem Roman erzählt Leppin vom Prager Nachtleben, in dem Severin wie sein Schöpfer nicht nur einen Ausgleich zu seinem tristen Bureaualltag findet, es laufen ihm dort auch die Mädchen fast scharenweise hinterher. Bei seinen rastlosen Streifzügen beginnt er halbherzige Affären, die er ebenso schnell wieder beendet, bis mit einem Mal die laszive Mylada in sein Leben tritt. Severin verfällt ihr mit Haut und Haar. Getrieben von seinen Leidenschaften zieht ihn die Nacht mit ihren Gespenstern und ihrem düster-fantastischen Flair immer tiefer in den Bann. Ihm ist es, als ob ihn „unsichtbare Hände streiften“. Die Dämonen Prags und die der Seele sind bald nicht mehr zu unterscheiden … Leppin geizt nicht mit üppiger Metaphorik, da wächst beispielsweise eine Frauengestalt feierlich als „sehnsüchtige Blume aus den Treppensteinen empor“, andererseits ist er auch ein Meister des subtilen Sarkasmus, etwa wenn bei einem Kuss scheinbar die Erde birst und er dann mitten im Gefühlspathos die lakonische Pointe bringt: „Auf der Moldau hatte der Eisgang begonnen.“ Eine atmosphärisch unheimlich – in doppelten Wortsinn – dichte Erzählung, bei der sich hinter sprachlicher Jugendstilornamentik der reinste Schrecken verbirgt.

Furio Jesi wurde 1941 als Sohn einer jüdischen Familie in Turin geboren und starb 1980 bei einem häuslichen Unfall in Genua. Er lehrte deutsche Literatur an den Universitäten Palermo und Genua und übersetzte Werke von Thomas Mann, Rainer Maria Rilke und Elias Canetti ins Italienische. „L’ultima notte“, „Die letzte Nacht“, ist erstmals posthum 1987 erschienen. Inhalt: Vor vielen Jahrhunderten beherrschten die Vampire die Welt, nun leben sie im Verborgenen, in geheimen Kammern und unterirdischen Gängen. Bis sie eines Nachts das Zeichen ihres Herrn am Himmel erkennen, ein loderndes Flammenschwert, das ein neues Zeitalter ankündigt. In rasender Geschwindigkeit erobern die Vampire die Erde zurück, die Menschen müssen zusehen, wie ihre Städte verfallen und ihre Errungenschaften zerstört werden. Die Apokalypse steht bevor. Kann sich die Menschheit noch retten? Eine ironische und melancholische Parabel über die zerstörerische Weltherrschaft der Menschen.

Edition Atelier, Paul Leppin: „Severins Gang in die Finsternis“, Roman, Bibliothek der Nacht Bd. 1, hg. von Thomas Ballhausen, 128 Seiten

Edition Atelier, Furio Jesi: „Die letzte Nacht“, Roman, Bibliothek der Nacht Bd. 2, hg. von Thomas Ballhausen, 136 Seiten. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner

www.editionatelier.at

Wien, 23. 9. 2015

Theater in der Josefstadt: Die Schüsse von Sarajevo

April 4, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Erwin Steinhauer und Julia Stemberger brillieren

als verzweifelt Liebende in Zeiten des Krieges

Erwin Steinhauer (Leo Pfeffer), Josef Ellers (Gavrilo Princip, in Handschellen), uniformierte Statisten Bild: © Sepp Gallauer

Erwin Steinhauer (Leo Pfeffer), Josef Ellers (Gavrilo Princip, in Handschellen), uniformierte Statisten
Bild: © Sepp Gallauer

Regisseur Herbert Föttinger lässt seinen Abend mit den Jugoslawienkriegen Ende des 20. Jahrhunderts beginnen. Zerfall, Tod, der Mensch lernt nicht aus der Geschichte. Mitten drin, aus der Zeit gefallen, Erwin Steinhauer als Leo Pfeffer, der einen Feldpostbrief an seine Geliebte Marija Begovic‘, Julia Stemberger, schreibt. Die Donaumonarchie hat sich am Untersuchungsrichter bitter gerächt, weil er nicht die gewünschten Geständnisse brachte. Das Ende ist der Anfang. Die Front.

Föttinger inszeniert (im Gefängnisbühnenbild von Walter Vogelweider, das gleichzeitig Wohnung und Büro ist) nüchtern, kühl, sachlich. Es geht auch nur um eine Sache: der serbischen Regierung die Täterschaft am Attentat auf das österreichische Thronfolgerpaar nachzuweisen. Das kann Pfeffer im juristischen Sinne aber nicht. Atemlos rasch werden ihm die Verdächtigen vorgeführt: Gavrilo Princip (Josef Ellers), Nedeljko Cabrinovic‘ (Alexander Absenger), Danilo Ilic‘ (Matthias Franz Stein), Kaffeehausrevoluzzer, Provokateure, drei „dumme Buben“, die man für die Kriegshetzerei verheizt hat. Ilic‘, der einzige Volljährige, der Lehrer, wird Glück gehabt haben, er wird durch Erhängen am Würgegalgen hingerichtet. Cabrinovic‘ und Princip, die minderjährigen Studenten, lässt man bei 20 Jahren schwerem Kerker bei lebendigem Leib verfaulen. Bei Princip stimmt das tatsächlich: ein abgetrennter, toter Unterarm wird ihm einfach mit Draht am Ellenbogen befestigt.

All das zeigt die Uraufführung „Die Schüsse von Sarajevo“ von Milan Dor und Stephan Lack nach Motiven des Romans „Der letzte Sonntag“ von Milo Dor nicht. Es sollte nur einmal festgehalten werden. Die Autoren zeigen die Überheblichkeit eines Systems, das sein eigenes Sterben noch nicht erkannt hat, Dilettantismus gepaart mit Brutalität. Iwasiuk, Polizeichef von Sarajevo, Toni Slama, lässt gern foltern. Mit ihm wiehern die Amtsschimmel Gerichtspräsident Chmielewski, Heribert Sasse, Franz Graf von Harrach, Adjutant des Thronfolgers, Alexander Strobele, und Außenministeriumsbeamter Wieser, Michael Schönborn. Ein Quartett des Grauens. Wie immer erweist sich die Josefstadt (mit dabei: Eva Mayer als Kellnerin, Peter Scholz als Chauffeur, David Jakob als Gerichtsschreiber) als ausgezeichnetes Ensembletheater. Auf der Seite der Guten eigentlich nur Siegfried Walther als Arzt Dr. Sattler, der als Figur mittelprächtig naiv eine fabelhafte Leistung abliefert.

Steinhauer gibt sich am Anfang noch süffisant, selbstgefällig, aufmüpfig. Meine Herren, so kann Gerechtigkeit doch nicht funktionieren. Gerechtigkeit? Den Verdächtigen gegenüber ist er streng, aber korrekt, verbietet sich blutige Köpfe und zerschlagene Rippen. Er ist ein moderner Profiler, der sich Gedanken notiert und überprüft, die Sätze der Aufwiegler über ein neues Jugoslawien, ihre politischen Ideen, mit Kreide an die Wand schreibt, bevor er sie als Jubeldepesche nach Wien schickt. Doch: Cherchez la femme! Seine Marija und vor allem ihr Sohn Miloš sind so unschuldig vielleicht nicht, heißt: so weit weg von den serbisch-nationalistischen Ideen. Stemberger lässt in grandiosen Szenen die Rebellin durchblitzen, die Österreich-Hasserin, eine geheimnisvolle Frau, motiviert durch die Verhaftung ihres Kindes. Ist sie anfangs noch neckisch-verliebt, überredet Pfeffer zum Liebesspiel, wofür er den Thronfolgerempfang sausen lässt, wird sie zunehmend verbittert und hart.

Das bringt Pfeffer/Steinhauer in Zugzwang. Und zu einer außerordentlichen schauspielerischen Leistung. Die Emotionen brechen durch. Der Pokerspieler sucht die Asse in seinen Ärmeln. In dieser neuen Welt muss man zu seinem eigenen Vorteil handeln. Und Pfeffer glaubt eine Möglichkeit zu finden. Man will ihn erpressen, einen abschließenden Bericht an den Kaiserhof zu unterzeichnen. Da wird er selbst zum Erpresser. Zu der Art Schurke, die er niemals werden wollte. Miloš wird freigelassen – und sofort eingezogen.

Die vorletzten Worte hat Gideon Singer als Rabbi: Es gibt keine ganze Wahrheit außer der des Todes. Die letzten Worte sind ein Brief von Marija: „Lieber Leo, komm‘ gesund aus dem Krieg zurück …“

www.josefstadt.org

Trailer: www.youtube.com/watch?v=c8uAR101ulA&feature=youtu.behttp://youtu.be/c8uAR101ulA

www.mottingers-meinung.at/erwin-steinhauer-im-gespraech

www.mottingers-meinung.at/herbert-foettinger-im-gespraech

Wien, 4. 4. 2014

Diagonale: Georg Friedrich erhält den Schauspielpreis

März 17, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eröffnungsfilm ist „Das große Museum“ von Holzhausen

Georg Friedrich Bild: Filmladen

Georg Friedrich
Bild: Filmladen

Am 18. März startet die diesjährige Diagonale. Unzählige Filme sind wieder im Wettbewerb, es gab an die 500 Einreichungen, ein Sieger steht aber schon fest: Georg Friedrich erhält den Großen Diagonale-Schauspielpreis 2014. „Je extremer eine Figur ist, desto lieber spiele ich sie“, hat Georg Friedrich einmal in einem Interview erklärt. In den Rollen der kleinen Ganoven und der großen Strizzis, der Sprücheklopfer und der Proleten hat Friedrich mit seinem unverkennbaren Typ zahlreiche österreichische Filme geprägt. Ihn darauf zu reduzieren wäre allerdings zu kurz gegriffen. Mit einer ganzen Reihe einprägsamer, facettenreicher Figuren hat sich Georg Friedrich auch international einen Namen gemacht, er zählt heute zu den fixen Größen des europäischen Kinos. Friedrich, 1966 in Wien geboren, spielte für Michael Haneke in Der siebente Kontinent (1989), 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls (1994), Die Klavierspielerin (2001) und Wolfzeit (2003). In den Filmen von Barbara Albert stellte er an der Seite von Nina Proll den leicht reizbaren Freund in Nordrand (1999), den gefühlsarmen Vater und Multiplex-Kinomanager in Böse Zellen (2003) und einen Bräutigam in Fallen (2006) dar. Mit Ulrich Seidl arbeitete er in Hundstage (2001) und Import Export (2007) zusammen, während er für Michael Glawogger den Strizzi in Nacktschnecken (2004) und den Kleinkriminellen in Contact High (2009) mimte.Unverwechselbar ist auch sein Spiel in Karl Markovics’ Atmen (2011). Immer wieder macht Friedrich auch Theater, vor allem mit seinem großen Lehrmeister Frank Castorf („Der Spieler“, „Geschichten aus dem Wiener Wald“). Im diesjährigen Festivalbeitrag von Benjamin Heisenberg, Über-Ich und Du (2014), wird Georg Friedrich wieder auf der Leinwand zu sehen sein.

Der Diagonale-Eröffnungsfilm ist „Das große Museum“ von Johannes Holzhausen. Das große Museum ist ein neugieriger, verschmitzt-humorvoller Blick hinter die Kulissen einer weltberühmten Kulturinstitution. Mehr als zwei Jahre hat sich Johannes Holzhausen im Kunsthistorischen Museum in Wien mit seinem Filmteam umgesehen. In aufmerksamem Direct-Cinema-Stil – ohne Offkommentar, Interviews oder Begleitmusik – beobachtet der Film die vielgestaltigen Arbeitsprozesse, die daran mitwirken, der Kunst ihren rechten Rahmen zu geben. Ein Panoramaschwenk über das touristische Herz von Wien. Herrschaftlich thront hier nebst Hofburg und Heldenplatz das Kunsthistorische Museum, dessen Innenräume der äußerlichen Monumentalität um nichts nachstehen. Tatsächlich werden die Dimension und die Symbiose von Sammlung und Gebäude erst in Johannes Holzhausens ausgedehnten Plansequenzen erfahrbar. Hinter jeder Ecke, so scheint es, ein neuer Arbeitsbereich: Forschung, Restauration, Finanz, Leitung, Archivierung … Allein der Lastenlift böte Platz für überschaubaren Galeriebetrieb. Holzhausen gewährt Einblick in das Flaggschiff der österreichischen Kunstvermittlung. Im Stil des Direct Cinema durchmisst er jene Räume, in denen Kunst und Kunstschätze sowohl adäquat gepflegt und restauriert als auch zeitgemäß präsentiert werden. Ganz ohne Interviews, Offkommentar oder Offmusik entwickelt Das große Museum seine Dynamik direkt aus der Institution und deren charismatischen Protagonist/innen heraus: der Chefetage, die zwischen Anspruch und Machbarkeit um budgetäre Balance und Konkurrenzfähigkeit bemüht ist, den Putzkräften, die inmitten der atemraubenden Stille eigenwillig verloren wirken, den Restaurator/innen, die sich vermittels beinahe kriminalistischer Deduktion den Entstehungsgeschichten einzelner Gemälde annähern … Mehr als zwei Jahre hat Holzhausen die Renovierungsarbeiten im Kunsthistorischen Museum, gipfelnd in der Eröffnung der Kunstkammer, begleitet und diesen übergreifenden Erzählbogen mit ungemein spannenden Mikrodramen unterfüttert. So ist ein lustvolles, dramaturgisch subtiles Porträt eines Gebäudes entstanden, das mit seinem einzigartigen Spagat zwischen zeitloser Vermittlung und Habsburg-Erinnerung bis weit über die Grenzen Wiens hinausstrahlt. „Ich weiß noch, wie ich mit 16 von Salzburg nach München gefahren bin und meine erste große Kunstausstellung gesehen habe. Es war für mich unfassbar, dass sich mir in einem Gemälde plötzlich eine andere Wahrnehmung der Welt zeigt“, sagt Johannes Holzhausen. „Das habe ich dann auch im Kino wiedergefunden, diese Erfahrung, wenn man den Saal verlässt und merkt, etwas hat sich verändert.
 In dieser Hinsicht gehören für mich bildende Kunst und Kino zusammen. Und ich fände es toll, wenn Das große Museum etwas von dieser Begeisterung mitteilt“.

Historisches Spezialprogramm: Peter Lorre. Die von Synema in bewährter Kooperation zusammengestellte historische Reihe FilmExil erinnert an Filmschaffende mit österreichischen Wurzeln, die unter dem nationalsozialistischen Regime vertrieben wurden. Den 50. Todestag des unvergesslichen Schauspielers, Drehbuchautors und Regisseurs Peter Lorre (geb. 1904 im mährisch-slowakischen Rózsahegy/Ružomberok, gest. 1964 in Los Angeles) zum Anlass nehmend, gibt das Programm einen Einblick in Lorres vielfältiges Filmschaffen – von seinen Anfängen in Berlin über seine großen Erfolge in Hollywood bis zu seiner missglückten Rückkehr ins Nachkriegsdeutschland. Peter Lorres künstlerischer Biografie ist die Erfahrung von Exil und Fremdheit deutlich eingeschrieben. Im Wien der 1920er-Jahre begann er Stegreiftheater zu spielen. Über die Bühnen Breslaus und Zürichs verschlug es ihn nach Berlin, wo er zu Bertolt Brechts Lieblingsschauspieler avancierte. Seine abgründige Komik, sein eindringlicher Blick und seine unverwechselbare Stimme wurden zu seinen Markenzeichen und machten ihn zum Star der Theater- und Kinowelt der Weimarer Republik. Der internationale Durchbruch gelang ihm 1931 mit der fesselnden Darstellung des Kindermörders in Fritz Langs Gesellschaftsstudie M – Eine Stadt sucht einen Mörder, einem der ersten deutschen Tonfilme überhaupt. Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 ging Lorre ins Exil – zuerst nach London, wo er unter der Regie von Alfred Hitchcock spielte, schließlich nach Hollywood. Dort trat er häufig in Komödien, Gangster- und Antinazifilmen auf. Exemplarisch aus dieser Zeit präsentiert die Diagonale Robert Floreys Meisterwerk The Face Behind the Mask (1941), das wie kein anderer Film die Melancholie und Verlorenheit des Emigranten Peter Lorre in eine fiktive Geschichte transferiert. Dazu Frank Capras Gruselkomödie Arsenic and Old Lace mit Cary Grant, in der Lorre in der Rolle des zwielichtigen Gesichtsoperateurs Dr. Einstein sein Unwesen treibt. 1949 kehrte Lorre in ein Deutschland zurück, das größtenteils mit dem Verdrängen und Vergessen beschäftigt war. Als Regisseur und Hauptdarsteller drehte er den Film Der Verlorene, die Geschichte eines Mörders unter Massenmördern. Sein grandioses Regiedebüt erzählt von Schuld und Sühne – und von unentwirrbaren Verbindungen zwischen Nazi- und Nachkriegszeit. Dem deutschen Publikum missfiel die Konfrontation mit der jüngsten Vergangenheit allerdings. Grund genug für Lorre, seine Karriere in Hollywood fortzusetzen. Folgende Filme werden gezeigt: M – Eine Stadt sucht einen Mörder (Fritz Lang, DE 1931), The Face Behind the Mask (Robert Florey, US 1941), Arsenic and Old Lace (Frank Capra, US 1941/44), Der Verlorene (Peter Lorre, DE 1951),  49/95 tausendjahrekino (Kurt Kren, AT 1995).

Weitere Highlights:

Der letzte Tanz von Houchang Allahyari

Mit Erni Mangold, Daniel Sträßer, Marion Mitterhammer, Viktor Gernot, Doina Weber und Janina Schauer. Eine Annäherung, die nicht sein darf – ein vermeintlicher Tabubruch, der in staatlich exekutierter Repression mündet. Während Karl im Privaten eine Liaison mit seiner Schulliebe beginnt, entwickelt er zeitgleich im Zivildienst eine innige Beziehung zu einer betagten Alzheimerpatientin. Geteilt in zwei formal diverse Abschnitte, verdichtet Der letzte Tanz unterschiedliche Perspektiven auf Zwischenmenschlichkeit, bis die Realität an der gesellschaftlichen Ablehnung zerbricht. Ein Frühstück mit der Mutter, eine vorerst letzte Zigarette in Freiheit. Mit dem Ertönen der Türklingel endet für Karl ein Lebensabschnitt und beginnt ein Kapitel der Rechtfertigung für eine vermeintliche Straftat, die Houchang Allahyari zunächst unausgesprochen lässt. Im Schwarz-Weiß des Filmbilds wird der Junge von polizeilicher Repression – möglicherweise von Willkür – erdrückt. „Ich gehör hier nicht her“, fährt es aus ihm heraus, als die schweren Zellentüren hinter ihm ins Schloss fallen. Allahyari konfrontiert seinen Protagonisten mit einem Rechtssystem, in dem der Schuldspruch bereits vor der Verhandlung gesprochen wurde. Ein System, das er auch perspektivisch als übermächtig inszeniert. An diesem Punkt kommt es zum formalen Bruch, geht Der letzte Tanz zurück in die nahe Vergangenheit. Das düstere Schwarz-Weiß weicht der Farbe, Karl ist noch nicht Vorverurteilter, sondern Zivildiener in der geriatrischen Abteilung eines Krankenhauses. Auch hier ist der Alltag gesäumt von Hierarchien – von der regimentführenden Oberschwester bis hinab zu den Patient/innen –, doch Karl kann sich mit dieser Hackordnung arrangieren. Während er im Privaten eine Liaison mit seiner Schulliebe beginnt, entwickelt er in der Arbeit eine innige Beziehung zu einer betagten Alzheimerpatientin (Erni Mangold), die durch seine empathische Fürsorge zu neuer Jugend erwacht. „Die schert sich um gar nichts, die Geier-Wally“, liest ihr Karl aus dem gleichnamigen Roman vor. „Die schert sich um gar nichts, die Mangold“, könnte es angesichts der koketten Unangepasstheit seiner Patientin genauso gut heißen. Um gar nichts außer um ein wenig Zuwendung – und einen jungen Pfleger, der neu ist auf der Station und so anders im Vergleich zu den übrigen „Giftmischern“. In zärtlichen, niemals bloßstellenden Bildern verdichtet Houchang Allahyari verschiedene Perspektiven auf Zwischenmenschlichkeit und erzählt von einer Liebe, die in der Gesellschaft so nicht vorgesehen ist. Und von den Mechanismen, die sich unter dem Deckmantel der Rechtschaffenheit in Gang setzen, sobald ein Tabu die Konvention gesellschaftlicher Norm herauszufordern wagt.

Everyday Rebellion von Arash und Arman T. Riahi

www.mottingers-meinung.at/arash-und-arman-t-riahi-everyday-rebellion/

D.U.D.A! WERNER PIRCHNER feiert seine Weltpremiere im Rahmen der Diagonale

Kreativität, Witz, Ursprünglichkeit, Perfektion – kurz: Die Einzigartigkeit seiner Musik und Person brachten Werner Pirchner früh mit illustren Köpfen der Kunst und Kultur nicht nur Österreichs zusammen. Da hatte es sich in der Republik noch gar nicht herumgesprochen, welcher Ausnahmekünstler da in Tirol am Werke war. Pirchner hat seine Heimat nie verlassen. Ihn deshalb als unterhaltsamen Rebellen mit alpenländisch beschränkter Relevanz zu sehen, würde seiner vielseitigen Persönlichkeit kaum gerecht werden. Jean Luc Godard hat Pirchners Musik in „Nouvelle Vage“ und in seinem filmischen Selbstporträt eingesetzt. Heute, 13 Jahre nach seinem Tod gehen Pirchners Noten um die ganze Welt.
Der Berliner Filmemacher Malte Ludin hatte ihn schon für sich entdeckt, als in den 70er Jahren auch in Deutschland Pirchners früher Geniestreich „ein halbes doppelalbum“ erschienen war. 40 Jahre später begibt sich Ludin auf die Suche. Was hat es auf sich mit dem Phänomen Pirchner, seinem Werk und dem Tirol, dem er 1974 mit Christian Berger den Film „Der Untergang des Alpenlandes“ gewidmet hat? Mit dem unbefangenen Blick von außen heftet sich Ludin auf Werner Pichners Spuren. Ein klassisches „Bio Pic“ war dabei nicht zu erwarten. Die musikalische Reise geht kreuz und quer durch Pirchners Werk und seine zwischen Tradition und Moderne, Naturschönheit und kommerzieller Verunstaltung oszillierende Heimat. Freunde, Fans, Förderer wie André Heller, Josef Hader, Tobias Moretti oder Felix Mitterer erzählen von ihren Begegnungen mit dem Meister, der sie wie kein anderer inspiriert und beflügelt hat. Für Erwin Steinhauer war er der „für seine Menschwerdung wichtigste Tiroler“. Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=DasP1_1rMP0

www.diagonale.at

Wien, 17. 3. 2014

Leslie Malton und Peter Kremer im Gespräch

November 20, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Der letzte Vorhang“ in den Kammerspielen

Bild: © Gernot Singer

Bild: © Gernot Singer

Am 21. November hat an den Kammerspielen Maria Goos‘ „Der letzte Vorhang“ Österreichische Erstaufführung. Ein geschliffener, witziger Schlagabtausch mit Leslie Malton und Peter Kremer, ein pointiertes Zweipersonen-Stück im Theatermilieu: Vor dreißig Jahren waren Lies und Richard gemeinsam auf der Schauspielschule. Danach arbeiteten sie lange intensiv zusammen, sie in ihn einsam verliebt, er mit einem zunehmenden Alkoholproblem. So beendete Lies die Zusammenarbeit, heiratete und zog nach Südfrankreich. Zu Beginn des Stücks, es sind nun 10 Jahre vergangen, folgt Lies einem Ruf, Richard und das Theaterstück, in dessen Proben er sich gerade befindet, zu retten, weil sie die Einzige sei, die mit Richard umgehen kann. Worauf sie sich da eingelassen hat?  Alte Liebe erblüht, alte Wunden reißen wieder auf. Die Begegnung lässt Richard und Lies an der Richtigkeit ihrer jeweils wichtigsten Lebensentscheidungen zweifeln. Vor allem Lies sieht sich auf eine harte Probe gestellt. Zu guter Letzt steht sie erneut vor der Wahl: ein wildes Leben mit ihrer großen Liebe Richard oder die bürgerliche Existenz mit ihrem Mann. Regie führt André Pohl. Ein Gespräch mit den Darstellern:

MM: „Der letzte Vorhang“ ist doch ein Fressen für einen Schauspieler.

Leslie Malton: Absolut.

Peter Kremer: Diese beiden Rollen haben so viele Facetten, dass es ein Geschenk ist.

Malton: Es ist ein Schauspielerstück, eines, wo sich weder Regie noch Bühnenbild etwas aus der Nase ziehen müssen. Es steht alles im Stück.  Ich finde es schön, dass es immer mehr diese Art Schauspielerstücke gibt.

MM: Sie spielen ja nicht nur die Protagonisten Richard und Lies, sondern außerdem Freunde, Bekannte, Verwandte, die die beiden sich gegenseitig persiflieren – und Bühnenfiguren. Denn es gibt ein Stück, das heißt: Proben zu einem, im Stück. Eine Herausforderung, von einer Figur in die andere zu hüpfen?

Kremer: Eine große! Es muss ja alles wie aus einem Guss sein, zu diesem einen Abend passen.

Malton: Es war ein besonderer Prozess, sich all diese Figuren anzueignen. Ich spiele vier, Peter spielt drei – und manche, manches spielt man auch im Rückblick. Das Ist-Moment sind nur die letzten 15 Minuten des Stückes, der Rest ist Vergangenheit, der betrachtet wird. Außerdem springt man nicht – plumps – einfach so in andere Rollen rein, sondern die Menschen, die über Richard und Lies reden, haben unmittelbar mit ihnen und ihrer Vergangenheit zu tun. Da übernimmt man Verantwortung, das ist alles sehr ernst zu nehmen, weil es das Geflecht, den Teppich noch einmal genauer definiert – wer die sind und was ihre Biografien angeht.

MM: Frau Malton, Sie haben sich kürzlich in einem Interview zu „Der letzte Vorhang“ dagegen verwehrt, dass der Begriff Boulevard im deutschsprachigen Theater negativ besetzt ist. Ich finde das Stück gar nicht boulvardesk; Richard, der egomanische Alkoholiker, ist doch eine tieftragische Figur. Trotz seines satirischen Tonfalls.

Malton: Lies ist die einzige, die mit Richard noch zu recht kommt. Er ist ein großer Künstler sehr wortgewandt und kann im Nu anderen den Boden unter den Füßen wegziehen. Das tut er aus Lust. Aber auch, weil er selber sehr verzweifelt ist. Weil er so einen hohen Anspruch ans Theater hat. Es dauert lang bis er jemanden hat, den er als ebenbürtig sieht, den er akzeptiert und respektiert. Das ist Lies.

MM: Sie wirken optisch wie „Der Harte und die Zarte“. Doch in Wahrheit funktionieren im Stück die Mechanismen andersrum.

Kremer: Ich würde Richard nicht als hart bezeichnen, er ist halt kompromisslos, was sein Leben, seine Arbeit betrifft. Man hört doch allenthalben von „schwierigen“, „komplizierten“ Kollegen. Ich finde solche Menschen in der Regel gut, wenn sie einen nicht in der eigenen Würde verletzen, wenn sie einen respektieren, wenn sie „nur“ professionell arbeiten wollen. Und mit Herz. Richard regt sich auch auf über die, die schlampen, leicht oberflächlich werden. Das kann ich unterschreiben. Die Nicht-Präzisen empfinden die Perfektionisten als „anstrengend“. Und umgekehrt. Man muss halt schauen, mit welchen Menschen man sich umgibt, damit das nicht eskaliert. Bei Richard ist das geschehen, weil die Frau, Lies, die er durch und durch akzeptiert und respektiert, nicht mehr zur Verfügung stand. Und natürlich ist Richard auch ein bisschen speziell.

Malton: Es ist auch ein Stück um Entscheidungen. Sie sind beide um die 50. Das ist ein Alter, wo man anfängt darüber nachzudenken, was im Leben schon war, und was man noch möchte. Man ist an einem Punkt, an dem man Dinge verändern kann. Wenn man die Kraft, den Mut, die Lust dazu hat. Das ist sehr klug von Autorin Maria Goos so angelegt. Denn diese Reflektion passiert einem nicht um die Vierzig, sondern eher um die Fünfzig. Da beginnt das Überprüfen der eigenen Biografie. Bin ich glücklich, da wo ich bin? Richard geht da sehr mit ihr ins Gericht, wodurch Lies durchgerüttelt wird, bei sich noch einmal nachcheckt, ob ihr die Komfort-Ehe wirklich gefällt.

Kremer: Ich wünsche mir, dass wir Zuschauer mit dieser Frage erreichen. Die Figuren müssten keine Schauspieler sein. Ich kenne genug Bekannte, die sich fragen: Welchen Weg bin ich da falsch gegangen? Das hat jeder Mensch in dem Alter.

Malton: Genau. Nicht nur Lies und Richard, die Schauspieler im Stück.

Kremer: Deshalb finde ich die Fragestellung im Stück so gut und wichtig für alle.

Malton: Sie haben vorhin wegen Boulevard gefragt. Weil ich mich da etwas aufgebäumt habe: Man sagte zu mir „Edelboulevard“. Gibt es da Abstufungen? Es gibt ja auch nicht „Edel-Tragödie“. Im angelsächischen Raum wird sehr viel Boulevard gespielt. Das sind Granaten von Stücken. Der ganze Broadway lebt davon. Schauen Sie einmal, welche Stars da spielen! Das erfordert viel Kraft, Aufmerksamkeit, Wachheit – und es geht immer um etwas. Man muss Boulevard ernst nehmen. Deswegen werde ich immer sehr schmallippig, wenn bei dem Wort „Boulevard“ so ein Hautgout im Ton mitschwingt, denn das ist eine Degradierung in der Regel moderner Stücke. Man muss das Stück und den Autor ernst nehmen, egal ob Drama, Boulevard oder Komödie.

MM: Maria Goos ist sehr exakt in ihren Regieanweisungen. So etwas nervt manche. Folgen Sie ihr, ignorieren Sie sie?

Kremer: Mir ist das beim Lesen nicht aufgefallen, also habe ich mich nicht so viel damit beschäftigt. Ich hatte Erfurcht vor den Proben, weil so viele Zeitebenen, so viele Figuren ineinander fallen. Und dachte mir: Ist das nicht zu kompliziert? Ich blick’ ja selber nicht mehr durch. Aber das ist nicht der Fall. Da kann man ganz getrost sein.

MM: Und Regisseur André Pohl ist so ein liebenswerter, ausgeglichener, zurückgenommener Menschen … Bleiben, Frau Malton, nur Sie als Löwin im Rudel …

Malton: Nein, ich bin die Maus. Und dann FAHRE ich meine Krallen aus. (Sie lacht.) Aber zum Thema Regieanweisungen möchte ich sagen: Shakespeare hat in all seinen Werken eine einzige geschrieben: „Verfolgt von einem Bären“. Der Rest ist im Text, in der Sprache drin. Bei einem guten Autor saugt man Regieanweisungen aus dem Text.

MM: „Der letzte Vorhang“ ist ein verbaler Schlagabtausch zwischen „Kollegen“. Wie oft haben Sie ein Déjàvu Ihrer persönlichen Erfahrungen?

Kremer: Relativ häufig. Ich ertappe mich dabei, dass ich Richard relativ nahe bin. Weniger, was – Gott sei Dank – die Lebensart betrifft, aber sein Denken.

Malton: Ja, er sagt ganz tolle Sachen. Ich fühle mich der Jojanneke sehr nah (sie lacht wieder) (einer gescheiterten Schauspielerin, die von Lies parodiert wird, Anm.)

MM: Sie sind dem Publikum sehr stark aus Film und Fernsehen bekannt. Sie holen sich aber auch gern den Live-Effekt ab. Was ist der Reiz daran, Theater zu spielen?

Kremer: Ich habe 18 Jahre lang nur Theater gespielt, dann kam die Krimiserie „Siska“, damit wurde ich zwar bekannt, aber mit dem Theater ging es sich nicht mehr aus. Vor drei, vier Jahren habe ich begonnen, vom Theater zu träumen, von den Gerüchen. Ich habe das Glück, dass ich im Herbst und im Frühjahr Theater spielen kann, weil da nicht so viel gedreht wird. Ich mache beides gerne, ich möchte das andere nicht lassen. Ich genieße es. Vor allem, wenn ich so tolle Kollegen habe wie Leslie.

Malton: Das kann und will ich zurückgeben. Bei so einer Dreierkonstellation – mit André Pohl – kann das nur funktionieren, wenn man sich mag, wenn es keine Animositäten gibt. Theater ist für mich immer sehr wichtig gewesen. Ich kenne es allerdings nicht, in einem festen Ensemble zu sein. Das gibt’s so im angelsächsischen Raum nicht. Da heißt es: Get a part, get a job. So bin ich von Anfang an zweispurig gefahren. Ich liebe es zu filmen, ich mag den Umgang mit der Kamera. Da kann man mit einem Augenaufschlag viel erzählen. Ich brauche aber auch das Theater. Ich liebe es wochenlang an einem Text zu arbeiten, ich liebe den Live-Moment, und dass jeder Abend anders ist. Müsste ich wählen, was ich hoffentlich nie muss, würde ich mich dafür entscheiden. Und ich finde es wunderbar, dass die Josefstadt zwei Gäste, die der Regisseur sich gewünscht hat, einlädt, ein tolles Stück zu spielen.

Kremer: Wir sind ein starkes Dreieck. Wir haben einander den Respekt und den Raum gegeben, den jeder braucht, und sind so zusammengewachsen.

Malton: André versteht den Schauspieler. Wir hören einander sehr gut zu. Das ist sehr fördernd und fordernd – und bringt  uns alle weiter.

MM: Sie sind beide Josefstadt-Debütanten, spielen in den neuen Kammerspielen …

Malton: Und sind absolut hingerissen. Ich kannte die alten Kammerspiele als Kind, kann mich an den Innenraum erinnern, an die kleine Kassa – wie beim

Kino. Jetzt ist es noch sehr schöner. Ein intimes, kleines Theater, bei dem man Nähe zum Publikum hat.

Kremer: Ich bin schon sehr gespannt. Ich freue mich, wenn’s endlich losgeht. Ich habe noch nie in Wien Theater gespielt, war überhaupt noch nie länger als drei, vier Tage hier. Ich freue mich aufs Wiener Publikum, von dem man ja nur das Beste hört.

MM: Sie haben auch einen Anverwandten, der in Wien Theater spielt.

Malton: Der Sohn meines Mannes Felix, Florian von Manteuffel, ist seit dieser Saison am Schauspielhaus Wien. Ich war auch bei seiner ersten Premiere, „Princip“. Seine zweite ist leider einen Tag nach unserer. Also kann er nicht zu meiner Premiere kommen – und ich nicht zu seiner. Das ist ein bissl blöd. Aber sonst ist’s schön, dass sich die Familie in Wien trifft; ich bin ja die einzige, die Wiener Blut in den Adern hat; und als ich wieder in Taboris ehemaligen „Kreis“, nun eben das Schauspielhaus ging, hatte ich schon Schmetterlinge im Bauch. Ich habe mich irrsinnig gefreut, dass der Innenraum so geblieben ist, wie er war – eine Katakombe, wie George es im Vergleich zum Burgtheater, die Kathedrale, nannte. Was uns fehlt, ist eine Produktion mit Felix von Manteuffel, Florian von Manteuffel und Leslie Malton.

MM: Ich nehme das als Anregung an die Theater auf. Frau Malton, Sie kennen Wien. Was werden Sie Herrn Kremer zeigen?

Kremer: Ach, schon viel. Wir waren beim Demel, in einem Wäschegeschäft …

Malton: … der Schwäbischen Jungfrau … Wir waren im Gasthaus von Hanno Pöschl …

Kremer: … ein schöner Platz, der Franziskanerplatz, den ich alleine sicher nicht gefunden hätte. Sonst pendelt man nur zwischen Probe und Hotel. Hier erlebe ich die Stadt. Und Leslie ist eine der besten Fremdenführerinnen, die ich kenne …

Malton: Ich sage ihm immer, er muss nach oben schauen, was sich in Wien auf den Dächern abspielt, ist einmalig.

Kremer: Sie merken, sie ist begeistert, sie blüht auf. Wien ist ihre Stadt. Deshalb redet sie wie ein Wasserfall. Das ist gut. Wien hat ja auch das beste Wasser der Welt.

ZU DEN PERSONEN:

Leslie Malton

Washington D.C., Wien, Boston, London, Berlin – die Tochter eines amerikanischen Diplomaten und einer Wienerin lebte schon in ihrer Jugend an wechselnden Orten. An der American International School, in Wien, Salmannsdorf, legte sie ihr Abitur ab.  Ihre Schauspielkarriere beginnt 1978 in Berlin mit Wolfgang Bauers „Magic Afternoon“ im Theater am Kreuzberg. Sieben Jahre später gab sie ihr Debüt am Wiener Burgtheater als Ophelia in „Hamlet“ neben Klaus-Maria Brandauer. Wien ist für die nächsten 6 Jahre ihre Theaterheimat. Sie spielte u.a. das „Gretchen“ in George Tabori´s „Mein Kampf“, sowie „Ruthie“ in seiner Inszenierung „Weismann und Rotgesicht“, danach arbeitet sie weiter mit ihm am Theater in der Porzellangasse: Der Kreis, und war in „Verliebte und Verrückte“ zu sehen, eine 6-stündige Shakespeare Collage.  Es schließen sich bis heute Auftritte am Residenztheater, München; Schauspielhaus Zürich; Thalia Theater, Hamburg; Maxim Gorki Theater, Berlin; Hamburger Kammerspiele; St. Pauli Theater und Ernst Deutsch Theater, Hamburg sowie das Schauspielfrankfurt an. Parallel zum Theater entwickelt sich seit ihrem Spielfilmdebüt in „Eine kleine Nachtmusik“ (1976, kleine Rolle neben Elisabeth Taylor) eine Film und TV Karriere.  Der Durchbruch gelang ihr mit dem Fernseh 4-teiler „Der große Bellheim“, wofür sie mit dem Bayerischen Fernsehpreis und dem Telestar ausgezeichnet wurde. Die „Goldene Kamera: Lili-Palmer-Gedächtnis-Preis“ erhielt sie für ihre Darstellung einer römischen Journalistin auf den Spuren einer Sekte in „Gefährliche Verführung“. Vor Kurzem war sie im Fernsehen im Film „Halbe Hundert“ zusammen mit Martina Gedeck, sowie in dem Kinofilm „Da geht noch was“ zusammen mit Florian David Fitz und Henry Hübchen zu sehen. Leslie Malton nutzt ihre Popularität auch für soziale Zwecke: Sie ist Schirmherrin für Childs Fund und auch Rett Syndrom Botschafterin.

Peter Kremer

Erhielt seine Schauspielausbildung an der Folkwangschule in Essen. Er spielte auf den bekanntesten deutschsprachigen Theaterbühnen (unter anderem Frankfurt, Zürich, Berlin und München) arbeitete mit namhaften Regisseuren wie Peter Stein, Dieter Dorn, George Tabori und Frank Castorf, viele Hauptrollen wie zum Beispiel den Prinzen Hamlet. 1980/81 ging er ans Mitbestimmungsmodell am Schauspiel Frankfurt. Dort spielte er u.a. unter der Regie von Fritz Schediwy den Prinzen in Lessings Emilia Galotti. Seit Beginn der 1980er-Jahre trat Kremer auch in Fernsehproduktionen auf. 1987 war er in einer Hauptrolle in Bernhard Wickis Literaturverfilmung „Sansibar oder der letzte Grund“ zu sehen. Häufiger Gast war der Schauspieler in den 1990er-Jahren außerdem in Krimi-Reihen wie „Tatort“, „Der Alte“ und „Derrick“. 1998 übernahm er dann selbst die Titelrolle der ZDF-Krimireihe „Siska“. 56 Folgen lang spielte er den sensiblen Kommissar und wurde dadurch zum Fernsehstar. Danach stieg er aus der Serie aus, um der Krimi-Routine zu entfliehen und sich wieder auf neue Rollen und das Theater konzentrieren zu können. Seitdem stand Kremer unter anderem in Bochum und München auf der Bühne. Zudem wirkte er in zahlreichen Fernseh- und Filmproduktionen mit.

www.josefstadt.org

Wien, 20. 11. 2013