Belvedere: Dame mit Fächer. Gustav Klimts letzte Werke

März 25, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Nach mehr als 100 Jahren wieder in Wien zu sehen

Gustav Klimt: Dame mit Fächer, 1917-18. Leihgabe aus Privatbesitz © Belvedere, Wien, Bild: Markus Guschelbauer

Schnell ins Belvedere, bevor am 1. April die Museen wieder schließen müssen: Ab heute, und am heutigen Eröffnungstag mit Gratis- ticket, ist im Oberen Belvedere die Ausstellung „Dame mit Fächer. Gustav Klimts letzte Werke“ zu sehen. „Dame mit Fächer“ ist Klimts letztes nahezu fertiggestelltes Gemälde und ein faszinierend selbstbewusstes Frauenbildnis. Das Belvedere holt mit diesem Porträt ein wichtiges Spätwerk des Künstlers nach Wien.

Kurz nach Klimts Tod 1918 entstand im Atelier des Künstlers eine Fotografie abgebildet sind zwei Gemälde: „Dame mit Fächer“ und das unvollendete Werk „Die Braut“. Während „Die Braut“ schon länger als Leihgabe im Belvedere zu sehen ist, kommt nun mit dem Damenporträt ein wichtiges Bild für die Gesamtpräsentation von Klimts Lebenswerk nach Wien. Das Belvedere zeigt es in einer Schau zu dessen letzter großen Schaffensphase.

Dame mit Fächer“ war das letzte Bild, an dem Klimt im Laufe des Jahres 1917 arbeitete – bis auf wenige Details konnte er es noch fertigstellen. Während auf den meisten seiner Porträts Damen der Gesellschaft abgebildet sind, hat Klimt hier wahrscheinlich ein unbekanntes Modell gemalt. Das Motiv ist die Variation eines seiner Lieblingsthemen: der „schönen Wienerin“. Das verführerische Spiel der unbekannten Frau – vermutlich eine Tänzerin – wirkt selbstbewusst und souverän. Mit erhobenem Kopf, entblößter Schulter und nackter, vom Fächer verdeckter Brust blickt sie den Betrachterinnen und Betrachtern entgegen.

Bild: Erwin Böhler / Courtesy of the Michael Huey and Christian Witt-Dörring Photo Archive

Ausstellungsansicht „Dame mit Fächer. Gustav Klimts letzte Werke“. Bild: © Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Gustav Klimts Arbeitsraum im Atelier Feldmühlgasse 11 mit den unvollendeten Gemälden „Die Braut“ und „Dame mit Fächer“, 1918. © ONB/Wien Bildarchiv 94884-E, Bild: Moriz Nähr

Bislang war „Dame mit Fächer“ in Wien nur ein einziges Mal ausgestellt: vor mehr als hundert Jahren in der Kunstschau 1920 als Leihgabe des Industriellen Erwin Böhler. Noch im selben Jahr wurde es zu seinem Bruder Heinrich Böhler in die Schweiz gebracht, wo es bis in die 1960er-Jahre im Besitz der Familie verblieb. Zeitweilig befand sich das Bild in der Sammlung Rudolf Leopolds. Es wurde 1981 in Tokio und 1992 in Krakau öffentlich gezeigt. Nun kehrt das Gemälde nach Wien zurück. Der erste Teil der Schau zeigt „Dame mit Fächer“ im Kontext der späten, unvollendeten Werke von Gustav Klimt. Zu sehen sind unter anderem die Gemälde „Die Braut“, „Amalie Zuckerkandl“, „Adam und Eva“ oder „Dame in Weiß“

Ab Oktober wird die Ausstellung adaptiert und um eine weitere Komponente ergänzt: Das neue Kapitel beleuchtet Klimts Affinität zu ostasiatischen Kunststilen und zeigt auf, wie sich diese im Werk widerspiegeln. „Dame mit Fächer. Gustav Klimts letzte Werke“ macht den Aufbruch des Malers in eine neue Schaffensphase kurz vor seinem Tod nachvollziehbar.

www.belvedere.at           Videos: www.youtube.com/watch?v=nYrLu8EbrZg            www.youtube.com/watch?v=Em85nCOgplk

25. 3. 2021

Theater Nestroyhof Hamakom: Der letzte Mensch

Oktober 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Selbstverdauung als positivstes Zukunftsszenario

Erinnerungsarbeit mit alten Fotos: Theresa Martini, Ana Grigalashvili und Daria Ivanova sind drei Mal die Protagonistin Liv van der Meer:. Bild: © Alina Amman

Vorstellung for Future, das ist im doppelten Wortsinn, heißt: Fantasie wie Aufführung, der Leitgedanke mit dem das Theater Nestroyhof Hamakom gestern in die Jubiläumssaison zu seinem zehnjährigen Bestehen startete. Uraufgeführt wurde Philipp Weiss‘ Stück „Der letzte Mensch“, Weiss bekannt als der Autor, der vergangenen Herbst mit tausend auf fünf Bände verteilten Seiten seinen Debütroman vorlegte: „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“.

Ein literarischer Größenwahn auf höchstem Niveau, der vom Feuilleton gehypt zum Sensationserfolg avancierte. Weiss‘ Ansinnen, sich nun mit einem auf ferne Zukünfte gerichteten Text, das Thema der Gegenwart vorzunehmen, ist ein hehres, soll doch der Klimawandel, der besorgte Bürger allüberall um- und auf die Straße treibt, endlich auf der Bühne verhandelt werden. Allein, der Wille steht fürs Werk. Weiss‘ neuerlicher Ausflug ins Dramatische – nach „Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne“ 2013 (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=8475) – ist kein großer Wurf. Immerhin: „Der letzte Mensch“ ist eine Frau in dreifacher schauspielerischer Ausführung, die Figur Liv van der Meer, für die ihr Schöpfer drei hypothetische Verläufe des 21. Jahrhunderts und innerhalb dieser Paralleluniversen drei mögliche Leben erdacht hat.

„Sie treibt im Kollaps-Szenario auf einem aus Müll zusammengeflickten Floß unter der glühenden Sonne des Nordpolarmeers. Sie driftet im Transzendenz-Szenario in einer technisch transformierten Welt durch den Asteroidengürtel des Sonnensystems. Zuletzt schwimmt Liv im Utopie-Szenario in der Tiefsee – als ein Hybrid aus Mensch, Maschine, Koralle und Oktopus – und widmet sich der Heilung auf den Trümmern einer geschundenen Welt“, heißt es dazu im Programmheft. Tatsächlich aber ängstigt einen auch die letzte Fiktion als eine dystopische, wird schließlich als positivste Vision und ergo letzte Chance auf Selbstrettung die Selbstverdauung ausgewiesen …

„Der letzte Mensch“ ist eine verquaste, quasselige Cli-Fi-Story, die sich höflich enigmatisch nennen ließe, weil das als Synonym fürs durchs Nebulöse irrende Nichtauskennen immer gut kommt. Neben der Schilderung von Tentakelsex in der Tiefsee, spricht aus dem Off ein Androide, der einzige „Mann“ im Ganzen, während sich die Darstellerinnen mal Chimäre, mal Kinder der Nemesis nennen, mal Zwiegespräche mit inneren Stimmen, mal miteinander führen. Das alles ist so futuristisch wie das Futur II, das Weiss für seine Szenenabfolge verwendet, „Was wird einmal gewesen sein?“, so klinisch-kühl, so steril, dass Emotion und Empathie gar nicht erst aufkommen. Dies sehr zum Schaden einer publikum’schen Betroffenheit über die Weltlage, denn wo kein Gefühl, da auch kein Mitgefühl.

Auf den Trümmern einer geschundenen Welt: Theresa Martini, Ana Grigalashvili und Daria Ivanova. Bild: © Alina Amman

Ana Grigalashvili schwebt als Astronautin in der Schwerelosigkeit. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Der Glücksstrahl an der Sache ist die Inszenierung von Ingrid Lang, die mit viel Feinsinn für Weiss‘ Fantastik an das Stück herangeht, und mit enormer Einbildungskraft diese Arbeit stemmt – indem sie die gedämpfte Stimmung, die fast schon bleierne Schwere des Abends mit ein paar gezielt platzierten Ideen wie Unterwasservideos der nackten Liv, hypnotischen Bildern vom Kampf mit dem Element, oder einem Spiegel, in dem „Schwerelosigkeit“ stattfinden kann, bricht. Komparsen mit Papiertierköpfen erscheinen, ein schwarzer Projektionsquader wird durch eine Änderung des Lichts durchlässig und entpuppt sich als Spielfläche, alte Fotos fallen von oben auf die Zuschauer herab.

Da sind Weiss und Hamakom-Co-Direktorin Lang bei der Erinnerungspflege, der sich das Theater verschrieben hat, wenn Livᶟ von einer Inhaftierung im Lager berichtet, von Todeszonen und Gewaltakten von Herrenmenschen, vom Einsatz von Giftgas und von Pogromen. Zum ersten Jahrzehnt Hamakom erweitert das Haus seine Perspektive von den immer noch schwärenden Traumata der Vergangenheit zu möglicherweise bevorstehenden, denn ohne Behandlung der ersteren, kein Abwenden der zweiten.

Livs Dasein in der Klimaapokalypse, später ihre Maschinenträume von der technologischen Selbstüberwindung, am Ende ihre Metamorphose zu einem neu zu definierenden Wesen gestalten Theresa Martini, Ana Grigalashvili und Daria Ivanova, Martini dabei die Frau vom Meer, stark bis zum Schluss, ein noch im Sterben selbstbestimmtes Individuum, Ivanova danach das symbiontische Flechtwerk, ein Hybrid von hohem Alter, der keinen sozialen Sinn mehr kennt. Wie sie unter Zuckungen zu diesem Meeresriesen evolviert, wird nur übertroffen von Ana Grigalashvili als einer Art Astronauten-Liv.

Liv wird zum Hybrid aus Mensch, Maschine, Koralle und Oktopus: Daria Ivanova. Bild: © Alina Amman

Allein auf dem Nordpolarmeer: Theresa Martinis Liv ist ein starkes, selbstbestimmtes Individuum. Bild: © Alina Amman

Die in Georgien geborene Künstlerin ist ausgebildete Tänzerin, und das merkt man ihrer Performance an, wenn sie sich, auf einem schwarz glänzenden Podium liegend, in aberwitzige Körperpositionen bringt, die von einem Deckenspiegel zurückgeworfen wirken, als würde sie wirklich durchs All gleiten. Wenn am Ende das Oktopodenallerlei eine Rede ans globale Parlament hält, kommen die Sätze von einem blechernen Lautsprecherorgan, zu dessen Playback die Schauspielerinnen nur die Lippen bewegen. Die auffordernde Botschaft: „Wir können etwas verändern. Zusammen. Und es geschieht. Heute. Jetzt.“

So nimmt Weiss sein stoisches „praemeditatio malorum“ doch noch raus aus seinen Überlegungen. In Summe aber ist dies Durchspielen von Worst-Case-Szenarien zu wenig atmosphärisch, zu wenig beseelt, um sich zum Stimmungsbarometer der allgemeinen Wetterlage zu machen. Weniger Hirnakrobatik, mehr Herzenswärme hätte diesem After-Endzeit-Drama nicht geschadet.

TIPP: Mit einem umfangreichen Begleitprogramm rund um „Der letzte Mensch“ widmet sich das Theater Nestroyhof Hamakom von 13. bis 27. Oktober in Zukunftsgesprächen den Folgen des Klimawandels, Exodusgelüsten der Menschheit ins Posthumane sowie der Möglichkeit einer technologischen Transformation. Autor Philipp Weiss diskutiert mit jeweils einer Expertin. Am 22. Oktober liest Weiss aus seinem Roman „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“.

Mehr dazu: www.youtube.com/watch?v=V9uKyPRkTJ4           www.hamakom.at           www.philippweiss.at

  1. 10. 2019

Theater Nestroyhof Hamakom: Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen

März 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch ist des Menschen Affe

Grantscherben im Konfettiregen: Michael Gruner spielt Kafka und Beckett an einem Abend. Bild: Nathan Spasic

Im Hamakom herrscht Endzeitstimmung. Im Hamakom herrscht Aufbruchstimmung. Erstere bedingt durch die aktuelle Produktion, Zweitere durch die akute finanzielle Situation und das „Jetzt erst recht“, das sich Intendant Frederic Lion dagegen auf die Fahnen geschrieben hat. 300.000 Euro, sagte er in einem Interview mit dem Standard, fehlten ihm für eine adäquate Bespielung der Bühne; im Herbst, so liest man, soll das brut „als Mieter“ einziehen.

Lion setzt dagegen ein starkes theatrales Zeichen. Er inszeniert Kafka und Beckett an einem Abend, lässt erstmals die Monologe „Ein Bericht für eine Akademie“ und „Das letzte Band“ aufeinanderprallen. „Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen“, diesen letzten Satz des sich vermenschlicht habenden Affen Rotpeter stellt Lion über seine Arbeit, sein Haus, über seine Amour fou zum Theater. Der große Michael Gruner gestaltet als Schauspieler erst den Rotpeter, dann den Krapp. Lion hätte nicht besser wählen können, um die unbedingte Notwendigkeit des Hamakom in der Wiener Theaterlandschaft unter Beweis zu stellen. Hamakom heißt auf Hebräisch „Der Ort“ und dieser hat eine bewegte Geschichte, hat ein jüdisches Schicksal – Lion will ihm mit seinem Programm gerecht werden, mit seinem „fremdnahen“ Blick auf den Begriff Heimat, mit Stücken über Identitätssuche und -verlust in den Wirren der Zeitgeschichte und mit gewitzten Dramen über die Diskrepanz von Weltanschauung und Lebensrealität beim Menschen.

So viel nun also gleichsam zu Rotpeter und Krapp, der eine versunken in der Selbstaufgabe, in der schmerzhaften Aufgabe sich zu assimilieren, und welches Unwort könnte heutiger sein, der andere ein ewig Unangepasster, ein Unbequemer, ein Querulant. Der eine ein dystopischer Sendbote vom Planet der Affen, der andere bereits postapokalyptisch. Der eine der gelungene Versuch, der andere das Versagen, Außenseiter aber beide; Becketts „Band“ kann im Hamakom als die Kehrseite von Kafkas „Bericht“ verstanden werden. Der Mensch ist des Menschen Affe, und wenn Krapp-Gruner eine Banane (fr)isst, dann verschwimmen die ohnedies höchst durchlässigen Grenzen zwischen Hominide und Homo sapiens, dann wird aus dem manierlichen Affen ein unappetitlicher alter Mann. Nicht von ungefähr besteht die Rückwand des von Andreas Braito gestalteten Spielraums aus einem riesigen Zerrspiegel. Man sieht sich – als den anderen. Ein „King Kong“-Film aus den 1930er-Jahren läuft auf der gläsernen Leinwand, und eine vergreiste „Frankenstein“-Version ungefähr gleichen Datums. Davor – Michael Gruner.

Der Affe Rotpeter rechnet mit der ganzen Menschheit ab, … Bild: Nathan Spasic

… der Mensch Krapp per Tonband mit seinem früheren Ich. Bild: Nathan Spasic

Der Regisseur von Graden hat bei der Vorjahresproduktion „Dunkelstein“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17940) wieder Schauspielerblut geleckt und kehrt nun als Mime zu seinen künstlerischen Anfängen zurück. Sein Auftritt ist überwältigend. Und das nicht nur, weil Gruner ein präziser, ein prägnanter Sprecher ist. Wie er sich eben noch auf den Gehstock stützt, dann leichtfüßig übers Parkett tänzelt, später in Affengangart fällt, wenn sich die Natur Bahn bricht, wie er sich unters Publikum schleicht, um seine vom Leben geschlagenen Narben hautnah zu zeigen, sich dabei bis auf eine Windelhose entblößt, das ist so berührend wie bösartig. Gruner möchte einem nichts angenehm machen, Er drangsaliert mit unvorhersehbaren Wutausbrüchen, er schlägt beim Zusammenbeißen seine Zähne ins Zuschauerfleisch, er macht betroffen, wenn er von erlittenen Demütigungen erzählt. Konfetti aus der Sakkotasche macht das Schicksal, dieses „allzu erschöpfte“, erträglicher. Gruner ist stark darin, Schwäche zu (über)spielen. Sein Spiel ist unmittelbar, angriffig, auch eine eitle Wonne – und, ja, er selbst hat sich ein bisschen in es verliebt. Er stellt sein Wissen um die Texte, deren Bedeutung und seine Deutung, gern „zur Schau“ …

Für ihre szenischen Echokammern haben Lion und Gruner im Schönbrunner Primatenhaus recherchiert (Trailer: www.facebook.com/theaternestroyhofhamakom/videos/1244812368935084/). Gruner, der alte Fuchs, als Method Actor. Seine Rückkehr auf die Bühne, ist eine Beglückung, wie sie nur im Hamakom stattfinden kann. „Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen“ ist der lebhaft helle Lebensschrei einer gefährdeten Existenz. Die Wiener Kulturpolitik braucht nur hinzuhören.

www.hamakom.at

Wien, 15. 3. 2017

Edition Atelier: Bibliothek der Nacht

September 23, 2015 in Tipps

VON RUDOLF MOTTINGER

Von Prager Gespenstern und italienischen Vampiren

Bild: Edition Atelier

Bild: Edition Atelier

Die Edition Atelier startet mit einer neuen Buchreihe in den Herbst, der „Bibliothek der Nacht“, herausgegeben von Thomas Ballhausen. Zunächst erscheinen zwei Romane von Paul Leppin und Furio Jesi, weitere Bände sind in Vorbereitung.

Paul Leppin, Jahrgang 1878, war Beamter in der k. k. Prager Post- und Telegraphendirektion und dort offenbar mit genug Zeit ausgestattet, um sich literarisch Verruchtes auszudenken. Abends sollen er und Jiri Karásek, ein weiterer Poet der Décadence, in den Nachtcafés gesessen haben, dort lauschten sie den kehligen Chanteusen, „ohne Mieder, weshalb sie so plastisch im Detail sind“, und schrieben dann, gleichsam zur Buße, filigrane Lyrik.

Leppin war unter anderem mit Max Brod und Gustav „Golem“ Meyrink, den er oft als Vorbild für seine Figuren heranzog, befreundet. Um die Jahrhundertwende galt Leppin als einer der Protagonisten der literarischen Bewegung „Jung-Prag“. Nach dem deutschen Einmarsch in die Tschechoslowakei 1939 wurde er von der Gestapo verhaftet und erlitt nach der Freilassung einen Schlaganfall. Den Nazis war der Verfasser obsessiv-erotischer Romane, frecher Bänkellieder und bewegender Prager Stimmungsskizzen verhaßt. Für tausend Jahre aus der Literatur verbannt, erlebte auch sein Werk im Kommunismus keinen Prager Frühling. Leppin starb 1945 an den Spätfolgen einer Syphilis-Erkrankung. Als er hilflos gelähmt im Rollstuhl und im Sterben lag, schrieb er noch „lieber ein heißes Vergehen / als immerzu fröstelnde Qual“.

„Severins Gang in die Finsternis“ ist erstmals 1914 erschienen. In seinem Roman erzählt Leppin vom Prager Nachtleben, in dem Severin wie sein Schöpfer nicht nur einen Ausgleich zu seinem tristen Bureaualltag findet, es laufen ihm dort auch die Mädchen fast scharenweise hinterher. Bei seinen rastlosen Streifzügen beginnt er halbherzige Affären, die er ebenso schnell wieder beendet, bis mit einem Mal die laszive Mylada in sein Leben tritt. Severin verfällt ihr mit Haut und Haar. Getrieben von seinen Leidenschaften zieht ihn die Nacht mit ihren Gespenstern und ihrem düster-fantastischen Flair immer tiefer in den Bann. Ihm ist es, als ob ihn „unsichtbare Hände streiften“. Die Dämonen Prags und die der Seele sind bald nicht mehr zu unterscheiden … Leppin geizt nicht mit üppiger Metaphorik, da wächst beispielsweise eine Frauengestalt feierlich als „sehnsüchtige Blume aus den Treppensteinen empor“, andererseits ist er auch ein Meister des subtilen Sarkasmus, etwa wenn bei einem Kuss scheinbar die Erde birst und er dann mitten im Gefühlspathos die lakonische Pointe bringt: „Auf der Moldau hatte der Eisgang begonnen.“ Eine atmosphärisch unheimlich – in doppelten Wortsinn – dichte Erzählung, bei der sich hinter sprachlicher Jugendstilornamentik der reinste Schrecken verbirgt.

Furio Jesi wurde 1941 als Sohn einer jüdischen Familie in Turin geboren und starb 1980 bei einem häuslichen Unfall in Genua. Er lehrte deutsche Literatur an den Universitäten Palermo und Genua und übersetzte Werke von Thomas Mann, Rainer Maria Rilke und Elias Canetti ins Italienische. „L’ultima notte“, „Die letzte Nacht“, ist erstmals posthum 1987 erschienen. Inhalt: Vor vielen Jahrhunderten beherrschten die Vampire die Welt, nun leben sie im Verborgenen, in geheimen Kammern und unterirdischen Gängen. Bis sie eines Nachts das Zeichen ihres Herrn am Himmel erkennen, ein loderndes Flammenschwert, das ein neues Zeitalter ankündigt. In rasender Geschwindigkeit erobern die Vampire die Erde zurück, die Menschen müssen zusehen, wie ihre Städte verfallen und ihre Errungenschaften zerstört werden. Die Apokalypse steht bevor. Kann sich die Menschheit noch retten? Eine ironische und melancholische Parabel über die zerstörerische Weltherrschaft der Menschen.

Edition Atelier, Paul Leppin: „Severins Gang in die Finsternis“, Roman, Bibliothek der Nacht Bd. 1, hg. von Thomas Ballhausen, 128 Seiten

Edition Atelier, Furio Jesi: „Die letzte Nacht“, Roman, Bibliothek der Nacht Bd. 2, hg. von Thomas Ballhausen, 136 Seiten. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner

www.editionatelier.at

Wien, 23. 9. 2015

Theater in der Josefstadt: Die Schüsse von Sarajevo

April 4, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Erwin Steinhauer und Julia Stemberger brillieren

als verzweifelt Liebende in Zeiten des Krieges

Erwin Steinhauer (Leo Pfeffer), Josef Ellers (Gavrilo Princip, in Handschellen), uniformierte Statisten Bild: © Sepp Gallauer

Erwin Steinhauer (Leo Pfeffer), Josef Ellers (Gavrilo Princip, in Handschellen), uniformierte Statisten
Bild: © Sepp Gallauer

Regisseur Herbert Föttinger lässt seinen Abend mit den Jugoslawienkriegen Ende des 20. Jahrhunderts beginnen. Zerfall, Tod, der Mensch lernt nicht aus der Geschichte. Mitten drin, aus der Zeit gefallen, Erwin Steinhauer als Leo Pfeffer, der einen Feldpostbrief an seine Geliebte Marija Begovic‘, Julia Stemberger, schreibt. Die Donaumonarchie hat sich am Untersuchungsrichter bitter gerächt, weil er nicht die gewünschten Geständnisse brachte. Das Ende ist der Anfang. Die Front.

Föttinger inszeniert (im Gefängnisbühnenbild von Walter Vogelweider, das gleichzeitig Wohnung und Büro ist) nüchtern, kühl, sachlich. Es geht auch nur um eine Sache: der serbischen Regierung die Täterschaft am Attentat auf das österreichische Thronfolgerpaar nachzuweisen. Das kann Pfeffer im juristischen Sinne aber nicht. Atemlos rasch werden ihm die Verdächtigen vorgeführt: Gavrilo Princip (Josef Ellers), Nedeljko Cabrinovic‘ (Alexander Absenger), Danilo Ilic‘ (Matthias Franz Stein), Kaffeehausrevoluzzer, Provokateure, drei „dumme Buben“, die man für die Kriegshetzerei verheizt hat. Ilic‘, der einzige Volljährige, der Lehrer, wird Glück gehabt haben, er wird durch Erhängen am Würgegalgen hingerichtet. Cabrinovic‘ und Princip, die minderjährigen Studenten, lässt man bei 20 Jahren schwerem Kerker bei lebendigem Leib verfaulen. Bei Princip stimmt das tatsächlich: ein abgetrennter, toter Unterarm wird ihm einfach mit Draht am Ellenbogen befestigt.

All das zeigt die Uraufführung „Die Schüsse von Sarajevo“ von Milan Dor und Stephan Lack nach Motiven des Romans „Der letzte Sonntag“ von Milo Dor nicht. Es sollte nur einmal festgehalten werden. Die Autoren zeigen die Überheblichkeit eines Systems, das sein eigenes Sterben noch nicht erkannt hat, Dilettantismus gepaart mit Brutalität. Iwasiuk, Polizeichef von Sarajevo, Toni Slama, lässt gern foltern. Mit ihm wiehern die Amtsschimmel Gerichtspräsident Chmielewski, Heribert Sasse, Franz Graf von Harrach, Adjutant des Thronfolgers, Alexander Strobele, und Außenministeriumsbeamter Wieser, Michael Schönborn. Ein Quartett des Grauens. Wie immer erweist sich die Josefstadt (mit dabei: Eva Mayer als Kellnerin, Peter Scholz als Chauffeur, David Jakob als Gerichtsschreiber) als ausgezeichnetes Ensembletheater. Auf der Seite der Guten eigentlich nur Siegfried Walther als Arzt Dr. Sattler, der als Figur mittelprächtig naiv eine fabelhafte Leistung abliefert.

Steinhauer gibt sich am Anfang noch süffisant, selbstgefällig, aufmüpfig. Meine Herren, so kann Gerechtigkeit doch nicht funktionieren. Gerechtigkeit? Den Verdächtigen gegenüber ist er streng, aber korrekt, verbietet sich blutige Köpfe und zerschlagene Rippen. Er ist ein moderner Profiler, der sich Gedanken notiert und überprüft, die Sätze der Aufwiegler über ein neues Jugoslawien, ihre politischen Ideen, mit Kreide an die Wand schreibt, bevor er sie als Jubeldepesche nach Wien schickt. Doch: Cherchez la femme! Seine Marija und vor allem ihr Sohn Miloš sind so unschuldig vielleicht nicht, heißt: so weit weg von den serbisch-nationalistischen Ideen. Stemberger lässt in grandiosen Szenen die Rebellin durchblitzen, die Österreich-Hasserin, eine geheimnisvolle Frau, motiviert durch die Verhaftung ihres Kindes. Ist sie anfangs noch neckisch-verliebt, überredet Pfeffer zum Liebesspiel, wofür er den Thronfolgerempfang sausen lässt, wird sie zunehmend verbittert und hart.

Das bringt Pfeffer/Steinhauer in Zugzwang. Und zu einer außerordentlichen schauspielerischen Leistung. Die Emotionen brechen durch. Der Pokerspieler sucht die Asse in seinen Ärmeln. In dieser neuen Welt muss man zu seinem eigenen Vorteil handeln. Und Pfeffer glaubt eine Möglichkeit zu finden. Man will ihn erpressen, einen abschließenden Bericht an den Kaiserhof zu unterzeichnen. Da wird er selbst zum Erpresser. Zu der Art Schurke, die er niemals werden wollte. Miloš wird freigelassen – und sofort eingezogen.

Die vorletzten Worte hat Gideon Singer als Rabbi: Es gibt keine ganze Wahrheit außer der des Todes. Die letzten Worte sind ein Brief von Marija: „Lieber Leo, komm‘ gesund aus dem Krieg zurück …“

www.josefstadt.org

Trailer: www.youtube.com/watch?v=c8uAR101ulA&feature=youtu.behttp://youtu.be/c8uAR101ulA

www.mottingers-meinung.at/erwin-steinhauer-im-gespraech

www.mottingers-meinung.at/herbert-foettinger-im-gespraech

Wien, 4. 4. 2014