Jonathan Lethem: Alan, der Glückspilz

Februar 7, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Tour de Farce durch die Außenseiter-USA

Da gibt es also diesen Ich-Erzähler, Grahame, einen erfolglosen Schauspieler, der den Theaterregisseur seiner Träume, diesen Maestro der Miniatur, siehe seine Inszenierung von Becketts „Krapps letztes Tonband“ in einem Bürohaus-Aufzug vor fünf zusammengepferchten Zuschauern, bei dem er in Anwesenheit von Dianne Wiest vergeblich für die Produktion „One Thousand Avant-Garde Plays“ von Kenneth Koch vorgesprochen hatte, Sigismund Blondy, dessen „Zelig-artige Infiltration der kulturellen Stadtlandschaft“ Grahame zutiefst bewundert, bis zu dessen geheimer Passion, Donnerstagsmatineen in einem Multiplex an der Upper East Side, quer durch New York City verfolgt.

Worauf ihn dieser, einmal entdeckt, nach Strich und Faden der Max-Frisch-Fragebogen auseinandernimmt: Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert? Wie heißt der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall usw. Sie mit Hoffnung erfüllen könnte? Hassen Sie leichter ein Kollektiv oder eine bestimmte Person, und hassen Sie lieber allein oder in einem Kollektiv? – Too much information?

Nicht nach den Maßstäben eines Jonathan Lethem. Der US-Autor, der den Talking Heads sogar in einem ihre Musik analysierenden Buch beschied, die Intelligenzia des Rock’n’Roll zu sein, jenseitig skurril, ironisch distanziert, schauderhaft spaßig und süchtig machend, legt nun mit „Alan, der Glückspilz“ eine Sammlung von Short Stories vor, die all dem und mehr entsprechen. Bis dahin, dass er selbst mit überbordendem Vergnügen sein Universalwissen zwischen zwei Buchdeckel quetscht. Diesmal in Form von neun irrwitzigen, tragikomischen, herzzerreißenden Geschichten, mit denen sich ihr Schöpfer auf das dünne Eis bedrohter Existenzen begibt.

„Alan, der Glückspilz“ ist eine Tour de Farce durch eine USA der Außenseiter. Mit politisch scharfgestelltem Blick und per Speedlogik entfesselter Fantasie – Familienväter in der Sinnkrise müssen sich dem drohenden Kontrollverlust ebenso stellen wie vergessene Comicfiguren auf einer verlassenen Insel – jagt Lethem seine Randgestalten vom Herz Manhattans bis an die Küsten zweier Weltmeere. Das liest sich, als liefe Woody Guthrie, from California to the New York island, from the Redwood Forest to the gulf stream waters, auf überhöhter Drehzahl. Die Überschrift der zweiten Story, „Der König der Sätze“, passt derart auf den Schriftsteller, wie der damit die eigene Zunft veralbert.

Ein Paar von Buchläden-Lovern, zwei Romantischwühler, die sich dem Wort-Orgasmus hingeben – „Ein gutgebauter, stattlicher Satz konnte Clea derart erregen, dass sie sofort zum Höhepunkt kam“ -, planen einen Überfall auf ihren Lieblingsautor. Dessen Devotionalien sammeln sie seit Jahren, makellose Erstauflagen, zerfledderte Leseexemplare, frühe Taschenbuchausgaben mit prosaischem Klappentext und schlüpfriger Umschlaggestaltung. Längst ist dem Leser klar, dass es sich um einen abgehalfterten Verfasser von Groschenromanen handeln muss, als die beiden das Subjekt ihrer obskuren Begierde in Hastings-on-Hudson aufstöbern. Das Ende: desillusioniert, desaströs, ein bissl Georg Danzers „Jö schau“.

Für jede seiner Stories erfindet Lethem eine eigene hochmusikalische Sprache. „Reisender zu Hause“ hat was surreal-Hanns-Dieter-Hüsch’sches: „Reisender allein. Reisender schmachtet. Reisender erwacht, hat geträumt anscheinend. Fahrkarten verloren. Automatenkaffee. Zahnbürste unaufgefunden. Schnee weht. Schuh fehlt. Wecker außer sich. Terrier muss ohnehin dekantieren …“ Einmal erscheinen wie im Märchen sieben Wölfe und bringen ein Baby im Korb – an die falsche Adresse. „Verfahren unter freiem Himmel“ ist eine kafkaesk grausame Geschichte über ein Regime, das Delinquenten bis zum Sterben in schmalen Erdlöchern stehen lässt. Indem Protagonist Stevick bei strömendem Regen einen dieser Politgefangenen mit einem Schirm beschützt, macht er sich zum „fixen Mitarbeiter“ des Systems.

Bild: pixabay.com

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In exzentrischer Hochform ist Lethem beim Flugzeugabsturz im karibischen Nirgendwo in „Die Schattenseiten“, nach dem die Passagiere Theaterkritiker C. Phelps Northrup, Clown Large Silly, Peter Rabbit, King Phnudge, Monster C’Krrrarn und der Dingbat-Clan das Inselinnere „annektifizieren“. Es dauert etliche auf Tagebucheintragungen und Register verwendete Zeilen, bis man die illustre, der strikten Ordnung von Panels verpflichtete, zufrieden Sprechblasen mampfende, gleich einem Alfred-Kubin-Albtraum schwarzweiße Gesellschaft – nicht zuletzt durch den „Hinweis a. d. Zeichner“ – als ausrangierte Comicfiguren entlarvt hat. Jeder der „Mitwirkipizierenden“ einstmals limitiert, leinengebunden, von Fans für die vermeintliche Ewigkeit in Plastikfolie geschweißt. Und nun das? Wie (un-)menschlich!

Wie in seinen gefeierten Bestsellern lauert bei Lethem das Unheimliche im Banalen, der schleichende Verlust des Selbst tröpfelt durch die nicht immer hehren Zielsetzungen seiner Antihelden, bis man sie bis auf die Knochen auswringen kann. Ob geheimnisvolle/r BloggerIn, ob Familienvater, der sich den Mitschunkelmodus der Sea-World-Shows mittels Antidepressiva erträglich dröhnt, persönlicher Favorit unter all diesen ist „Der Porno-Kritiker“ Kromer, der privat zwischen der tränensäckigen Greta, der schönen Renée und der unsichtbaren Luna wechselt, als selbsternannter Heiliger der Verkommenheit und „Konzeptueller Lesbier“ gern auch in Dreierkombi – wobei er „Abspritzer und Auspeitschungen“ tabellarisiert. Bis er der „geborenen Verderberin und Verführerin, all dessen schuldig, was man Kromer je angedichtet hatte“, verfällt, und zu seinem Portfolio „Prostitution“ beifügen muss.

Man kann’s nicht anders formulieren: Jonathan Lethem unterhält auf hohem wie untiefem Niveau. Der einzige Vorwurf, der seinen literarischen Verwirrspielen zu machen ist: dass jede dieser virtuosen Fingerübungen einen ganzen Roman wert gewesen wäre, doch das schließlich das Kennzeichen guter Kurzgeschichten. Ach ja, „Alan, der Glückliche“. Ist ein Nachbar, den Sigismund Blondy gelegentlich am koreanischen Spätkiosk trifft, wie er Grahame erzählt. Klein, muskulös, mit vor Argwohn funkelnden Augen, die Sakkos stets mit Schuppen feenbestäubt, Raucher-Manierismen Marke Bogart, wie er Grahame schildert. Doch plötzlich ist Alan gestorben. An einem inoperablen Gehirntumor, erst kürzlich entdeckt, wie Blondy Grahame weismacht – der Theatermacher ein Lethem-Alter-Ego, der „Menschen-Material“ für seine Projekte sammelt?

„Wieder verspürte ich die paranoide Gewissheit, dass Sigismund Blondy mich, indem er mir seine Geschichte erzählte, für eine theatrale Fantasie in Dienst genommen hatte – für eine Rolle auserkoren -, zur Freude eines unbekannten Publikums, das vielleicht nur aus ihm selbst bestand. Die ganze Episode war reine Konfabulation.“

Über den Autor: Jonathan Lethem, geboren 1964 in New York, ist Autor zahlreicher Romane, darunter „Motherless Brooklyn“, „Die Festung der Einsamkeit“, „Der Garten der Dissidenten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=11281) oder zuletzt „Der wilde Detektiv“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32089). Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen, unter anderem den National Book Critics Award, den Gold Dagger und das MacArthur Fellowship. Lethem hat am Pomona College in Südkalifornien die Professur für Creative Writing inne. Zurzeit lebt er mit seiner Familie in Kalifornien.

Tropen, Jonathan Lethem: „Alan, der Glückspilz“, Stories, 172 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Johann Christoph Maass.

www.tropen.de               jonathanlethem.com

  1. 2. 2020

Jonathan Lethem: Der wilde Detektiv

Februar 21, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Donald Trump und die Blumenkinder des Bösen

Klassischer kann ein Kriminalroman nicht beginnen: Eine nervöse Schöne betritt das Büro des ihr anempfohlenen Privatschnüfflers, beide, Inventar wie investigator, haben sichtlich schon bessere Zeiten erlebt, und während sie ihr Anliegen stammelt, öffnet er deutlich desinteressiert die Schreibtischschublade, um – nein, nicht den obligaten Whiskey, sondern ein magenkrankes Opossum herauszuholen, das der Fütterung bedarf. Ein satirisches Spiel, das US-Starautor Jonathan Lethem da treibt, eine postmoderne Genredekonstruktion, und noch dazu eine hochpolitische.

Denn als Subtext hinterm wüsten Treiben in „Der wilde Detektiv“ steht die messerscharfe Analyse eines seit der Trump-Wahl gespaltenen Landes, erschütterte Linksliberale hie, erstarkende Ultrarechte da, das sich selbst nicht mehr versteht. Und apropos, wüst: In diese und in dieser geht’s ab. Lethem beschreibt den surrealsten Wüstentrip, seit Jim Morrison in der Mojave sein Bewusstsein erweitert hat, Schauplatz des Buches ist das südkalifornische Inland Empire, die Zeit eben November 2016, der nicht nur „das Monster im Turm hervorgebracht“, sondern auch den Tod von Leonard Cohen verschuldet hat.

Beides wirft die Ich-Erzählerin Phoebe Siegler, Medienprofi aus Manhattan und Lethems Hauptfigur, aus der Bahn. Als sich ihr Boss „mit dem designierten Trumpeltier hinter verschlossenen Türen“ zusammensetzt, kündigt sie ihren Job als Radiojournalisten, und folgt, um nicht völlig in Politdepression und Privatschwermut zu versinken, dem Hilferuf einer Freundin. Deren Tochter Arabella, die ihre Tage im Golden State eigentlich als Studentin zubringen sollte, ist spurlos verschwunden. Phoebe nimmt die Suche auf, das heißt: aufsucht sie zuerst den Privatdetektiv mit dem bezeichnenden Namen Charles Heist – heist bedeutet Raub, und Phoebes Herz wird er noch stehlen

Heist novel meint eine spezielle Form der Krimiliteratur, deren Großmeister Donald E. Westlake war, und die auch andere Genres, wie beispielsweise Science-Fiction, vor allem aber einen skurrilen Humor bedient. Phoebe wird Heist über die ersten hundert Seiten wie folgt beschreiben: als „menschliche Freakshow in roter Lederjacke“, mit „einem Gesicht, das an die Oberseite einer eingefallenen Pastete erinnerte“, verärgert darüber, dass der Mann „in fast schon autistischem Maße unprovozierbar war“, dieser „atmende Holzschnitt“, bevor sie seine „gemeißelten Gesichtszüge“ und die „Stahlwolle seiner Koteletten“ endlich zu schätzen weiß. Lethem lässt kein Klischee, weder sprachlich noch inhaltlich aus, als die stadtneurotische New Yorkerin auf den abgeklärten Ermittler trifft.

Nur ist es hier die Frau, die sich den lapidaren Sam-Spade-Jargon aneignen wird, wenn schwarzer Kaffee wie ein Scheibenwischer fürs Gehirn wirkt, ihr etwas bis Oberkante Unterlippe steht oder „in Großbuchstaben“ geflüstert wird. Selten zeigt sich die Protagonistin eines Romans so zynisch, obwohl Phoebe sich selbst und damit dem Leser eingesteht, dass ihre markigen Sprüche, ihre verlegene Schnoddrigkeit, aus ihrer Angst angesichts der Umstände geboren sind. Die nämlich führen Phoebe und Heist und dessen drei Hunde von einem Schwemmkegel auf den Mount Baldy und in ein Zen-Kloster, in dem Leonard Cohen einige Jahre verbrachte, führen sie allerlei abgedrehten Charakteren zu, der Spinnerin Sage, der durchgeknallten Lorrie, dem undurchsichtigen Laird, der toughen Anita – und bald auch zu zwei Teenager-Leichen mit aufgeschnittener Kehle.

Bild: pixabay.com

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Phoebe muss erfahren, dass die Ödnis von einem Zweiparteiensystem beherrscht wird, menschlichen Überbleibseln einer Hippie-Kommune, aus der wie Blumenkinder des Bösen die atavistischen Stämme der „Kaninchen“, friedliche, aber bei Angriffen durchaus wehrhafte Frauen, und der brutal-männlichen „Bären“ hervorgegangen sind. In zweiteren, der einem blutigen Königskult frönt, wurde Heist dereinst als hoffnungsvoller Anführer-Spross hineingeboren, doch hat er beschlossen, stattdessen lieber verwirrt-verirrte Jugendliche aus dessen Klauen zu retten. Nun, sozusagen heimgekehrt, muss er sich, um Arabella, die der archaischen Anziehungskraft des aktuellen Machthabers Solitary Love erlegen ist, zu befreien, einem Zweikampf auf Leben und Tod stellen …

Seit Lethem in „Motherless Brooklyn“ einen Ermittler mit Tourette-Syndrom losgeschickt hat, jongliert er in seinen Romanen gekonnt mit Motiven und Macharten von Popkultur. Er versteht sich auf amerikanische Gegenwartswahrnehmung durch die Filter von Film, Fernsehen, Musik. Auch diesmal verhandelt er U und E, von Game of Thrones bis Joyce Carol Oates, von Nancy Drew bis mansplaining. „In der Mojave weiß niemand, dass du kein Hund bist“, sagt Phoebe einmal zu sich selbst. Im Original-The New Yorker-Cartoon sagt das ein vorm Computer sitzender Hund über das Internet … Phoebe bleibt in der Blase, der sie eigentlich zu entrinnen hoffte, Grapscher, Faktenfälscher und Politstricher, mittels Gebrauch von Smartphone, Apps und Twitter geistig verhaftet.

Wohin immer sie schaut, werden ihre Eindrücke durch Medien wie Social Media krankhaft verstärkt. Auch das kennzeichnet Lethem als jenen Riss, der durch die Gesellschaft geht. Vom Norden nach Süden, im aus der Mode gekommenen Macho-Mannsbild vs #MeToo, in den Politfarben Rot gegen Blau. Im wilden Westen trifft Ostküstenkind Phoebe auf Landsleute, die ihre Ausdrucksweise, ihre Anspielungen gar nicht dechiffrieren können, weil ihnen die Codes dafür fehlen. Phoebe reist mit einem Koffer, der „noch in der Obama-Ära gepackt worden war“, hat den ersten Geschlechtsverkehr „seit der Wahl“. Dies die neue Zeitrechnung der Vereinigten Staaten, in der einer unsägliche Dekrete erlässt, während andere, in Felle gehüllt, deren Existenz negieren.

Dem Rolling Stone sagte Jonathan Lethem, er hätte „Der wilde Detektiv“ geplant, in der Annahme, einige Jahre unter Hillary Clintons Administration zu leben, nun hätte ihn die Amtsübernahme durch Trump aus der Bahn geworfen, er frage sich, wozu das Buch, wozu überhaupt noch ein Buch schreiben. Und so, wie der Autor in seinem Roman das Scheitern aller gesellschaftspolitischen Utopien zwar mit Witz, aber noch mehr Melancholie durchdekliniert, ist ihm dieser Zwiespalt anzumerken. Am Ende fährt Phoebe über die Road to Nowhere. Der derzeit einzig gangbare Weg? Die diesen besingenden Talking Heads sind jedenfalls Lethems Lieblingsband.

Über den Autor: Jonathan Lethem, geboren 1964 in New York, ist Autor zahlreicher Romane, darunter „Motherless Brooklyn“, „Die Festung der Einsamkeit“ oder „Der Garten der Dissidenten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=11281). Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen, unter anderem den „National Book Critics Award“, den „Gold Dagger“ und das „MacArthur Fellowship“. Lethem hat am Pomona College in Südkalifornien die Professur für Creative Writing inne. Zurzeit lebt er mit seiner Familie in Kalifornien.

Tropen, Jonathan Lethem: „Der wilde Detektiv“, Roman, 335 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach.

Weiterer Buchtipp: Howard Jacobson: Pussy, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28269

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  1. 2. 2019

Jonathan Lethem: Der Garten der Dissidenten

Oktober 6, 2014 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Generationenroman über US-Überzeugungsprotestler

9783608501162Die Kommunistische Partei der USA (KPUSA, englisch: Communist Party USA) ist die bedeutendste marxistisch-leninistische Partei des Landes. Während die KPUSA eine bedeutende Rolle bei der Organisation von Industriegewerkschaften und bei der Verteidigung der Rechte von Afroamerikanern  in den 1930ern und 1940ern spielte, geriet sie infolge der durch den Kalten Krieg verursachten antikommunistischen Hysterie während der McCarthy-Ära  Anfang der 1950er Jahre in die politische Bedeutungslosigkeit.

Dass der begnadete Erzähler Jonathan Lethem nun am Wannsee lebt, hat was. Schließlich ist die Schlüsselszene seines Romans die „Ofenszene“, in der Rose, die rote Queen von Queens, den Kopf ihrer Tochter Miriam ins Gasbackrohr steckt. Eine Erinnerung ans Niemals Vergessen. Und eine Machtdemonstration. Gut, das Klischee der jüdischen Mammes neigt zu Emotionsausbrüchen, und Rose werden ihre nur Einsamkeit bringen … Eine Jüdin, die versucht, ihre Tochter zu vergasen – das ist Lethems gallbittere Art, zu zeigen, dass auch die aufbrausende Rose ein Opfer ist und auf gespenstische Weise noch immer im Bann des Holocaust steht, eine, die mit zum Himmel schreiender Hilflosigkeit ihre Ohnmacht zelebriert, indem sie den Mord an ihrem Volk auf seltsame Weise in ihrer Küche nachinszeniert.

Lethem hat mit „Der Garten der Dissidenten“ einen Generationenroman à la Buddenbrooks geschrieben. Nur in anderen Worten und entgegengesetzter politischer Ausrichtung. Rose Angrush, osteuropäisch-jüdisches Amerika-Auswandererkind lange vor dem Holocaust, glaubt felsenfest an den Kommunismus. Sie heiratet den deutschen Industriellensohn Albert Zimmer, der mit seiner Mutter den Nazis knapp entkommen ist. Man wohnt in der Queens-Kommunistenkommune Sunnyside Gardens. Die Standesunterschiede stehen zwischen den beiden; Rose bekommt ein Kind, Miriam; Albert verlässt sie beide, um seiner Bestimmung nachzugehen: Spion im Dienste der DDR zu werden. Roses Bett bleibt nicht lange leer. Sex spielt im Buch eine wichtige Rolle. Sie angelt sich einen afroamerikanischen Cop, schon allein wegen des öffentlichen Skandals, dessen Frau im Sterben liegt. Er wird ihr bald folgen – und sein Sohn, Cicero Lookins, wird zu Roses Vorzeigeprojekt. Sie drillt den Buben zum schwarzen Collegesuperhirn; er wird mit seinem linken Intellekt, dicker Wampe, Dreadlocks und offen demonstrierten Schwulsein zum außergewöhnlichsten Philosophieprofessor an US-Unis.

Als Stalins Menschheitsverbrechen offenbar werden, zerbröckelt die kommunistische Gemeinschaft. Sie wird auch bereits bespitzelt. Was bleibt ist Verbitterung ob des Verrats. Beharren auf der eigenen Kämpferidentität. Roses Wut bekommt die Wucht einer Rachegöttin. Lenin, genannt Lenny, Roses Cousin, wird ein Opfer des Kapialismus, heißt: erschossen wegen Spielschulden. Miriam flieht vor ihrer Mutter in die Arme des Protestfolksängers Tommy Gogan, Sohn irischer Bauern – und, danke, Mr. Lethem endlich schreibt einer, dass Bob Dylan NICHT the poet laureate of rock ’n‘ roll, the voice of the promise of the 60’s counterculture, ist -, heiratet ihn, bringt Sohn Sergius zur Welt – und geht zur Unterstützung der Sandinisten nach Nicaragua, wo Tommy und sie erschossen werden. Sergius wird in ein Quäker-Internat verbracht und weit weg von der roten Rose und ihren Mord-und-Brand-Reden vom „inneren Licht“ gehirngewaschen. Doch als Erwachsener besucht er Cicero, um etwas über seine Familie zu erfahren. Der hält sich bedeckt, zu viel Schreckliches gäbe es für den unbedarften Sergius zu entdecken. Der mitvierziger Bub lernt derweil auf dem Campus eine Studentin kennen, verliebt sich, und folgt ihr in die Occupy-Bewegung und in Polizeigewahrsam: Wer das Protestlersein im Blut hat, für den gibt es kein Entrinnen …

Lethem schreibt das alles nicht linear; er springt zwischen den Jahrzehnten und den in ihnen handelnden Personen, als hätte er sich H. G. Wells‚ Zeitmaschine ausgeborgt. Erst am Ende des Buches hat der Leser alle Steine auf dem Tisch, so dass sich ihm das Mosaik offenbart. Lethems Sprache ist wie immer überreich, mäandert durch den Erzählfluss, mal langsam dahin, mal wild über Stromschnellen. Alles hier ist larger than life. Jeder Charakter ein Symbol für ein Lebensgefühl seiner Epoche. Durch 80 Jahre und drei Generationen amerikanischen Widerstands führt die trunken machende Geschichte über einen Teil der amerikanischen Geschichte, der in Europa nicht Allgemeinwissen ist. Ein Familiendrama mit den Ausmaßen einer antiken Tragödie. Lethem, selbst in einer Hippie-Kommune aufgewachsen, beschreibt ein furioses Hin und Her aus heftiger Abgrenzung und selbst erzwungener Fortschreibung des Familienauftrags: Du MUSST dagegen sein! Er verfolgt das amerikanische Protestbewusstsein von den Marxisten über die New-Age-Bewegung bis heute, und legt dabei eine Tradition der Deformationen bloß, eine Spur seelischer Verwüstung. Jeder verletzt jeden, weil er Gefangener seiner Überzeugungen ist. Das Politische vergewaltigt das Private – die Figuren heulen darüber vor Schmerzen und wollen doch mehr und können doch nicht ohne.

Lethem verzichtet diesmal auf Ausflüge ins Fantastische, mixt keine Science-Fiction- oder Comicelemente in seinen Text. Zu nah ist die Story an seinem Leben, zu autobiografisch grundiert. Was ganz klar ist, angesichts der großartigen detailreichen Schilderung der „Verwandtschaft“. Die zu früh verstorbene Mutter, die agitatorische Großmutter, „Albert Zimmer“, den dunklen Fleck im Roman, sie alle hat es so oder so wirklich gegeben. Diese Authentizität, dieser (scheinbare?) Einblick, den der Autor gewährt, macht den „Garten der Dissidenten“ einzigartig. Man möchte sich ins nächste Flugzeug nach New York setzen, in die Grünanlage der mittlerweile zum historischen Bezirk erklärten Sunnyside Gardens und warten, welcher Angrush-Zimmer-Lookins auf einen Plausch, nein, eine hochintellektuellpolitische Diskussion, um die Ecke biegt …

Jonathan Lethem: Der Garten der Dissidenten, 476 Seiten. Übersetzt von Ulrich Blumenbach. Tropen Verlag.

Zum Autor: Jonathan Lethem, geboren 1964 in New York, veröffentlichte bisher acht Romane, darunter die New-York-Romane „Motherless Brooklyn“, „Die Festung der Einsamkeit“ und „Chronic City“. Er erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Am Pomona College in Südkalifornien hat er eine Professur für Creative Writing inne. Zurzeit lebt Lethem in Berlin.

www.tropen.de

www.klett-cotta.de

Interview mit Jonathan Lethem: www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=41793

Wien, 6. 10. 2014