Theater zum Fürchten: Ab jetzt!

Februar 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Schreckschraube mutiert zur Männerfantasie

Gruselige Roboterfrau: Christina Saginth als „GOU 300 F“ und Anselm Lipgens als Synthesizer-Nerd Jerome. Bild: Bettina Frenzel

Der große Gag kommt nach der Pause. Da lässt Regisseur Marcus Ganser nämlich eine neue „GOU 300 F“ auftreten, Martina Dähne statt Christina Saginth, und wie böse ist das denn? Die Auswechselbarkeit der Frau so auszustellen, ihren Austausch von der Schreckschraube zur Männerfantasie – selbst wenn sie eine Maschine ist! Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Alan Ayckbourns Science-Fiction-Groteske „Ab jetzt!“. Und es ist absolut der Abend von Saginth und Dähne.

Wiewohl über diesen ganz anderen Ayckbourn mitunter gesagt wird, er sei nicht sein bester, sollte man dies Urteil nach einer Inszenierung mit diesen beiden Schauspielerinnen zumindest überdenken. Erzählt wird aus der Zukunft. Fünfzehn Minuten fast forward gibt Ayckborn als Zeit an, die im Entstehungsjahr des Stücks, 1987, noch eine dystopische war, mit Internet-Nerds, die in No-Go-Areas auf Human-Voice-Synthesizern herumspielen, während draußen der Großstadtkrieg tobt. Einer, der sich so in seiner Computerhöhle verbarrikadiert hat, ist der Komponist Jerome. Der hat mit seiner soziophoben Art seine Frau vertrieben, samt Kind, und diese Tochter will er wiedersehen. Also bastelt er für deren Besuch samt Sozialamtsmitarbeiter an einer heilen, neuen Familie. Mittels Leihschauspielerin Zoe, die er für die Rolle der Verlobten anmietet. Als Haushaltshilfe fungiert allerdings der Roboter „GOU 300 F“, und der hat nicht wenige, sondern gewaltige Macken.

Es folgt ein erstes Aufeinandertreffen der Königinnen dieser Komödie. Total derangiert taucht Martina Dähne als Zoe auf, die Straßengang „Töchter der Finsternis“ hat sie gerade angegriffen und ausgeraubt, aber so arm dran kann diese Zoe gar nicht sein, dass ihre Kunst nicht noch erbärmlicher wäre. „Soll ich Ihnen die Ophelia vorspielen?“, fragt sie in plötzlichem Aufbegehren. Ganz großartig gelingt Dähne diese Übung, aus einer gescheiterten Existenz ein berührendes Exemplar der Gattung Mensch zu machen. Auftritt nun Christina Saginth als GOU, und das Publikum biegt sich schon bei ihrem Anblick vor Lachen, erscheint sie doch als gruselige Gouvernante mit knallroter Struwwelperücke, die ihrem Schöpfer, wenn schon nicht den Kopf wäscht, so immerhin permanent das Gesicht abwischt. So er die Schreckschraube nicht in den Standby-Modus schickt.

Jerome mietet sich eine Schauspielerin für die Rolle seiner Verlobten: Martina Dähne als Zoe und Anselm Lipgens, digital dabei: Andreas Steppan als Lupus. Bild: Bettina Frenzel

Tochter Geain ist neuerdings lieber ein Sohn, ein „Hurensohn“: Carina Thesak und Anselm Lipgens. Bild: Bettina Frenzel

Nach der Pause mit neuer Maschine: Christina Saginth nun als Corinna, Wolfgang Lesky als Mervyn, Martina Dähne als „GOU“ und Anselm Lipgens. Bild: Bettina Frenzel

Ist das Wesen aus Fleisch und Blut hippelig und hypernervös und enervierend tollpatschig, so ist das Wesen aus Draht und Silikon berechnend gefährlich und ganz offensichtlich eifersüchtig. Man prallt also aufeinander, und bald weiß man nicht mehr, bei wem die Schaltkreise zuerst durchgebrannt sind. Ganser lässt sich ausnehmend viel Zeit, um das zu erzählen, und so dauert’s eine ziemliche Weile, bis die Gags zünden und die Sache in Schwung kommt. Was definitiv passiert, sobald Dähne zur GOU wird, von der Kunst-Frau zur künstlichen Frau mutiert.

Welch eine Ironie: Zoe, die einzig empathiebegabte im falschen Spiel, so beflissen wie bizarr, wird abgelöst durch Emotionslosigkeit. So scheint es zumindest zuerst. Den abgetakelten Kreativen im Hightechbunker gibt Anselm Lipgens mit der richtigen Dosis Ekeligkeit, so zynisch und vor allem Frauen gegenüber süffisant, dass man den Beziehungsgestörten gerade noch sympathisch finden kann. Wahrlich kein Daniel Düsentrieb, greift er dem von ihm geschaffenen Wesen gern einmal unter den Rock oder in die Bluse oder ins künstliche Gehirn, um die Verkabelungen zu überprüfen, und als es ihm nicht gelingt, Zoe nach seinem Willen zu gestalten, taucht die als Maschine wieder auf.

Was die gespenstische Frage aufwirft, zumal sich die Maschinenfrau bald als besserer Mensch entpuppt, ob hier eine GOU oder doch Zoe „überarbeitet“ wurde … Christina Saginth schlüpft derweil in die Rolle von Jeromes Ex-Frau Corinna, eine herzgebrochene frisch Geschiedene, die sich angesichts der Nanny-Fähigkeiten von dessen „Verlobter“ für eine Versagerin hält. Carina Thesak ist als Tochter Geain ein genderverwirrter Rotzlöffel. Sie ist nun ein Er, mit Punkfrisur und martialischem Outfit nunmehr Mitglied der Männerherrschafts- bewegung „Hurensöhne“, wird aber in Zoe/GOUs zarten Händen flugs wieder zur Sie.

Herrlich skurril auch Wolfgang Lesky als Mervyn vom Sozialamt, ein T.C.-Boyle-Lookalike, dem beim Anblick der sexy Männerfantasie Zoe/GOU die Schlabberzunge aus dem Mund fällt – die Person gewordene Bankrotterklärung modernen Mannseins. Andreas Steppan, eingespielt per Video, ist Jeromes bester Freund, ein auf den Anrufbeantworter umgeleiteter Dauertelefonierer. Frau weg, Selbstmord in den Gedanken, sitzt der Kauz erst im Schlagzeugkeller, später in einer Bar, in der er tatsächlich um sein Leben fürchten muss. Ein Umstand, dem übrigens niemand Beachtung schenkt.

GOU hat an Geain eine wunderbare Wandlung vollzogen: Carina Thesak und Martina Dähne. Bild: Bettina Frenzel

Jerome schraubt an den Schaltkreisen von GOU herum: Anselm Lipgens und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

Was Ganser und sein Ensemble ab der Familienzusammenkunft vorführen, ist großes Tennis. Tempo und Timing stimmen nun auf den Punkt, die Schauspieler sind perfekt geführt und danken mit einer einwandfreien Performance, in der sie Geschlechterstereotype auf den Kopf stellen, mit Identitäten jonglieren und Mann-Frau-Klischees wie im Kaleidoskop drehen. Am Ende läuft GOU durch den irrtümlichen Gebrauch der bei ihr eingespeicherten Keywörter völlig aus dem Ruder, das Wahnsinnskarussell rotiert von Minute zu Minute schneller, und Carina Thesaks Geain, wunderbar ist diese Kostprobe ihres Könnens, nutzt diesen Umstand reichlich aus. Die neue Generation kann ja mit der Technik. Der egozentrische Künstler aber bleibt allein, er hat „Ab jetzt!“ genug Material zum Komponieren. Mit viel Witz und Gespür für schwarzen Humor hat Marcus Ganser dem Theater zum Fürchten einen anfangs etwas stockenden, später aber höchst vergnüglichen Abend beschert.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 2. 2019

Sommernachtskomödie Rosenburg: Monsieur Claude und seine Töchter

Juni 29, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gute-Laune-Abend nach dem gleichnamigen Kinohit

Die Töchter Verneuil: Constanze Passin, Adriana Zartl, Tanja Raunig und Angelika Niedetzky. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Und wieder hat Marcus Ganser einen Komödienhit gelandet. Bei der Sommernachts- komödie Rosenburg zeigt der Regisseur und Bühnenbildner nach seiner großartigen Vorjahrsinszenierung von „Schlafzimmergäste“ die Bühnenadaption von „Monsieur Claude und seine Töchter“ und beweist sich damit einmal mehr als Meister des Boulevards. Er hat die französische Filmvorlage aus dem Jahr 2014 in einen Gute-Laune-Abend verwandelt.

Der allerdings bei hohem Funfaktor nicht aus den Augen verliert, dass hier durchaus die brisanten Themen zur Zeit verhandelt werden. Dass diese Übung so glänzend gelingen konnte, ist Ganser, der diesmal auf ein Bühnenbild aus Puzzlesteinen, die sich ineinander fügen, setzt, vor allem zu danken, indem er die Untiefen des Original-Drehbuchs geschickt umschifft, auf allzu arge Schenkelklopfmomente verzichtet und stattdessen lieber einen Finger in gesellschaftliche Wunden legt. Mitunter fallen Sätze, da stockt einem der Atem, heißt: die Welt hat sich in den vergangenen Jahren gedreht und dreht sich immer noch, hat Menschen näher aneinander gerückt, eine Not, für die manche nicht im Entferntesten bereits sind, Verständnis aufzubringen. Ganser nimmt diese Entwicklungen aufs Korn, und nimmt sie so ernst, dass einem gar nichts anderes übrigbleibt, als darüber ein Lachen zu legen.

Xenophobie, die Angst vor dem „anderen“, ist bei ihm überall zu Hause, quasi „Ausländer raus aus dem Ausland!“, wie Lukas Resetarits seinen Protagonisten im berühmten „Tschusch-Tschusch“-Sketch rufen lässt. Ganser hat die gängigen Klischees bis zur Selbstentlarvung zugespitzt und lässt sie vom Ensemble nun lustvoll ausspielen. Wie ein Atout nach dem anderen fallen die gegenseitigen Vorurteile über Herkunft, Hautfarbe und Religion, auch Essgewohnheiten, und wenn hier ein Asiate als „Glückskeks“ verunglimpft wird, ist das fast noch ein Kosename. Alltagsrassismus light, sozusagen, und Gansers Arbeit bringt das alles pointiert auf den Punkt. Dem Filmischen ist er insofern verbunden geblieben, als er seine kurzen Szenen mit Blackouts trennt – was dem Ganzen tatsächlich etwas Sketchhaftes verleiht. Und für Tempo auf der Bühne und Kurzweil im Publikum sorgt.

Im Mittelpunkt des Multikulti-Spaßes steht Claude Verneuil, der mit seiner Frau Marie ein beschauliches Leben auf dem Lande führen könnte, wenn seine vier Töchter nicht ein Faible für Männer „exotischer“ Abstammung hätten. Einen Moslem, einen Juden und einen Chinesen hat er sich als Schwiegersöhne schon mit der gleichen Freude zugezogen wie andere einen Schnupfen. Nun endlich die jüngste bringt einen echten Franzosen und Katholiken ins Haus, Charles heißt er noch dazu, welch Freude, ist Monsieur doch Gaullist. Mais quel malheur, der junge Mann ist Sch … auspieler, das auch, vor allem aber ein Schwarzer! Ein „illegaler Familieneinwanderer“, wie er sich selbst nennt.

Die Schwiegersöhne: Morteza Tavakoli, Vincent Bueno und Alexander El Dib. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Die Väter kommen einander näher: Félix Kama und Florentin Groll. Bild: Sommernachtskomödie Rosenburg

Florentin Groll ist als Monsieur Claude einer der Dreh- und Angelpunkte des Abends, ein Kleinbürger, der auf seiner Kleinkariertheit herumkaut, und fabelhaft in seiner Verstörtheit ob der neu angebrochenen Zeiten, die ihm da ins Haus stehen. Der Wind der Globalisierung weht ihm hart ins Gesicht, und wenn seine Floskeln auch verletzend sind, ist er doch ein guter Vater, der sich um den Familienfrieden fast mehr sorgt als um seine Seelenruhe. Niemand ist hier schwarz oder weiß, heiß oder kalt, gut oder böse, das Verhängnis heißt vielmehr Stolz und Vorurteil, und über beides muss man erst einmal hinwegkommen. Den Höhepunkt erreicht die Sache, als Charles‘ Eltern von der Elfenbeinküste anreisen, und sich André Koffi als der ärgste Chauvinist von allen entpuppt. Félix Kama verleiht der Figur seine imposante Statur und Profil, und wenn sich die beiden Väter beim Angeln und unter Einfluss von ausreichend Rotwein in ihren konservativen Ansichten näherkommen, so sind das mit die schönsten Momente der Inszenierung.

Babett Arens ist als Marie Verneuil mit dem mütterlichen Talent gesegnet, durch das Unangenehme hindurchzuhören, Adisat Semenitsch als Madeleine Koffi hört zwar noch, lässt sich dadurch aber nicht aus der Ruhe bringen. Die vier Liebespaare gestalten Constanze Passin, Angelika Niedetzky, Tanja Raunig, Adriana Zartl, Alexander El Dib, Vincent Bueno, Morteza Tavakoli und Tino Führer. Die Schwiegersöhne ergehen sich in gegenseitigen Ressentiments, bringen im Ringen um die Gunst des Schwiegervaters aber auch sehr viel Selbstironie mit in die Situation. Der Humor beißt mitunter fest zu, Wortwitz trifft auf französischen Esprit, wenn’s um Israel gegen Palästina, aber vereint gegen China geht.

Als Tausendsassa zeigt sich Wolfgang Lesky. Er ist nicht nur zuständig für die Vertreter aller Religionen, sondern auch für peinliche Nachbarn und beinharte Polizisten. Immer hart an der Karikatur tanzt er seinen Figurenreigen, ganz wunderbar als der eine oder andere Geistliche, der als Antworten auf die Glaubenszweifel seiner Schäfchen nur ein Bartgemurmel hat. Oder als Ordnungshüter, dessen Blick, als Abderazak und Abraham auf der Suche nach den im Alkohol abgesoffenen Familienoberhäuptern in sein Wachzimmer einfallen, ungläubig auf die Multikulti-Situation fällt. Mit solcherart gaghaften Andeutungen lädt Marcus Ganser freilich auch zur satirischen Selbstbefragung ein. Seine Unterhaltung hat Haltung. Und während sich’s auf der Bühne tummelt, muss man sich selbst befragen: Mal ehrlich, sind Sie ein Rassist?

www.sommernachtskomoedie-rosenburg.at

  1. 6. 2018

Theater zum Fürchten: Donadieu

Mai 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Frage, wie man Folterern vergeben kann

Lavalette bemüht sich um Benehmen im Haus des „Feindes“ Donaudieu: Roger Murbach, Alina Bachmayr-Heyda, Wolfgang Lesky und Clemens Aap Lindenberg. Bild: Bettina Frenzel

1629, während der letzten Hugenottenerhebung in Frankreich. Zwei Kuriere des Königs begehren in einer stürmischen Nacht Einlass in das Schloss eines protestantischen Adeligen, Gastfreundschaft wird ihnen trotz der religiösen Feindschaft gewährt. Da erkennen Tochter und Dienerin in einem der Fremden den Marterer und Mörder der Mutter – nun lodert ein Gewissenskonflikt auf: Soll man die Frau rächen oder den Mann, der ein Friedensedikt mit sich trägt um dessen willen ziehen lassen?

Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Spielstätte, der Scala, das Schauspiel „Donadieu“, und es ist schön, dass man sich des Dramatikers Fritz Hochwälder wieder besinnt, der mit unter anderem „Das heilige Experiment“ und „Der Himbeerpflücker“ maßgebliche Werke der österreichischen Bühnenliteratur schuf, jedoch heute für die Spielpläne fast gänzlich vergessen ist. 1953, im Schatten des Dritten Reichs, hat Hochwälder als Hausautor des Burgtheaters sein Stück verfasst, nichts hat es an Aktualität eingebüßt. Themen wie Glaubensfreiheit oder politisch instrumentalisierte Religion, die die Menschen entzweit, Krieg, Flüchtlinge, Hass auf alle, die als „anders“ abgetan werden, sind gegenwärtig. Wie die vom Juden, bekennenden Linken, Schweiz-Exilanten Hochwälder gestellte Frage, wie denn aus den Folterern von gestern wieder die Nachbarn von morgen werden sollten.

TzF-Prinzipal und Regisseur Bruno Max lässt den „Donadieu“ im historischen Kostüm. Gemeinsam mit Marcus Ganser hat er ein Bühnenbild erdacht, das von Prunksaal bis zu den Schlafgemächern entlang einer Galerie im ersten Stock eine halbe Burg darstellt. Mit viel Liebe zum Detail sind eine Feuerstelle oder ein Lesepult aufgestellt, das Publikum nimmt diesmal zu beiden Seiten der Spielfläche statt, was eine intensive Nähe zum an dramatischen Wendungen reichen Geschehen schafft.

Clemens Aap Lindenberg und Wolfgang Lesky. Bild: Bettina Frenzel

Wolfgang Lesky und Bernie Feit. Bild: Bettina Frenzel

Wolfgang Lesky und Dirk Warme. Bild: Bettina Frenzel

Wie schnell hier die Stimmung umschlägt, demonstrieren vor allem Clemens Aap Lindenberg in der Titelrolle und Wolfgang Lesky und Dirk Warme als die beiden Kuriere Lavalette und Du Bosc. Die ersten beiden Ehrenmänner, die an die Bestrafung von Kriegsgräuel glauben und es an moderater Haltung und gegenseitigem Respekt nicht fehlen lassen, zweiterer ein Bösewicht wie das dem Bilderbuch, der schlussendlich erneut entgleist und sich enttarnt, als er die Bewohner des Schlosses ihrer Menschenwürde beraubt und demütigt.

Eine Erniedrigung, die Lindenbergs Donadieu, vom ersten Aufbrausen schließlich in der Vernunft angelangt, mit stoischer Ruhe ertragen kann, nicht aber der hochanständige Lavalette. Wie über dem Gebaren dieses exzellent agierenden Dreiergespanns ständig die Gefahr schwebt, macht eine Reihe ebenfalls ausgezeichneter TzF-Schauspieler deutlich. Bernie Feit gibt den Escambarlat als geschwätzigen Dichter und erst käufliche Seele, die – zum äußersten getrieben – doch noch ihren Heldenmut findet.

Margot Ganser-Skofic ist eine vor Empörung bebende Schaffnerin Barbe, Kari Rakkola ein aufbrausender schwedischer Hauptmann Tiefenbach, während Roger Murbach als Pfarrer Berthelien um den lieben Frieden bemüht ist. Alina Bachmayr-Heyda als rachedurstige Tochter Judith und Robert Elsinger als feuerversehrter Nicolas komplettieren das Ensemble. Bruno Max versteht es mit dieser Inszenierung einmal mehr, aus einem schwierigen Stoff einen stetig sich beschleunigenden, spannungsreichen Abend zu machen.

Sein „Donadieu“ besticht durch eine fein ziselierte Figurenzeichnung, die die Charaktere fernab jeder Thesenhaftigkeit als Menschen aus Fleisch und Blut auf die Bühne stellt. Und er macht Hochwälders Aufruf zu Aufarbeitung und Aussöhnung deutlich. Das Theater zum Fürchten ist mit dieser Arbeit um eine unterhaltsame, lehrreiche Aufführung reicher.

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  1. 5. 2018

Theater zum Fürchten: Die Zofen

März 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Leben nur als Spiegelbild

Der Lindenblütentee ist schon vergiftet: Wolfgang Lesky als Gnädige Frau mit den Zofen Johanna Withalm und Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

Die beiden Frauen sind sichtlich eingesperrt, nicht durch Schlösser oder von Türriegeln, sondern in ihrem Kopf. Darin träumten sie gern von einer anderen Realität, von Flucht sogar, doch alles, was sie kennen, sind die Demütigungsrituale zwischen Herrin und Dienerin. Und so werden ihre Fantasien zu nichts mehr als Zerrbildern ihres Lebens in den Spiegeltüren, die von allen Seiten das Geschehen fassen. Sie spielen Gnädige Frau und Zofe, und sie spielen die Ermordung ihrer Peinigerin.

Sie scheitern jedes Mal an der Knappheit der Zeit. Doch sind sie weniger armselige Kreaturen, als ein gewitztes Schwesternliebespaar. Und in ihrem Wahn bis über den Schluss hinaus davon überzeugt, dass ihre Rechnung noch aufgehen wird. In der Art interpretiert Babett Arens Jean Genets absurde Groteske „Die Zofen“. Die Regisseurin, auch zuständig für die Raumgestaltung, zeigt ihre Produktion fürs Theater zum Fürchten derzeit an dessen Wiener Spielstätte, der Scala. Aus den diversen Geschlechtertauschmöglichkeiten des Stücks hat sich Arens dafür entschieden, die Zofen von Schauspielerinnen, die Gnädige Frau aber von einem Schauspieler darstellen zu lassen. Das macht Sinn, kennt man die Vorliebe Genets für das Mannweib. Der poète maudit bevölkerte sein Werk mit Hingabe mit jenen opulenten Fantasiegeschöpfen, die man heute Drag Queens nennt. Die berühmteste von ihnen – la Divine aus seinem ersten und sofort Skandalroman „Notre-Dame-des-Fleurs“.

Die Fantasie im Zerrspiegel der Realität: Johanna Withalm und Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

Eine Perlenkette eignet sich nicht zum Mordinstrument: Johanna Withalm und Wolfgang Lesky. Bild: Bettina Frenzel

In der Scala nun ist Wolfgang Lesky eine Göttliche. Und er ist eine Erscheinung. Gebieterisch und einschüchtern mit seinen beinah zwei Metern Größe. Ein Kunstwerk mit fuchsrotem Haar und Fuchs um die Schultern, mit zu viel Makeup und affektierten Gesten. Wie Lesky mit einer Armbewegung echte Haltung und falsches Gefühl zugleich auszudrücken vermag, wie er seine Texte moduliert und zelebriert, das gibt der Figur echte Bühnenaura. Ihre Kleingeistigkeit zeigt sich jedoch auch – daran, dass Madame jede Handbreit ihrer Wohnung kennt und ergo jede Veränderung mit Adlerauge erkennt. Lesky (wer denkt, dass ihm das Gesicht bekannt ist: Ja, natürlich! ist er der Biobauer mit dem Schweinderl) lässt die Stimme beben, gibt sich artig und manierlich und in dieser Manier die gemeinsten Bosheiten von sich. Seine Gnädige Frau glaubt sich als Gönnern, doch sie traktiert die Zofen. Deren Schmähung ist durchs Geschlechterspiel umso stärker. Sie, die eigentlich ein Er ist, darf allen weiblichen Attributen Ausdruck geben, darf ganz Frau sein.

Die Zofen dagegen sind in mausgraue Hausdienerlivrees verdammt, müssen Herrenschlüpfer (mit Beinchen!) und Sockenhalter tragen. Kein Wunder, dass bei solcher Antierotik sogar der Milchmann Reißaus nimmt. Johanna Rehm und Johanna Withalm schlüpfen in die Rollen der Claire und der Solange, Rollen auch insoweit, als die Identitäten der beiden ja immer wieder verschwimmen, und sie von Zeit zu Zeit ganz aus der Rolle fallen. Solange ist vielleicht die Zupackendere, die Entschlossenere, Claire die Zögerliche, die es im entscheidenden Moment nicht schafft, den vergifteten Lindenblütentee an den Mann/die Frau zu bringen. Rehm gestaltet vielleicht die Lusterfülltere, die mädchenhaft Verspieltere, Withalm mehr das Rotzig-direkte, das aggressiv Zielgerichtete. Doch die Grenzen zwischen Solange und Claire sind fließend. Wie ein Mantra wiederholen sie: „Die gnädige Frau vergiftet uns mit ihrer Güte! Denn die gnädige Frau ist gütig! Die gnädige Frau ist schön! Die gnädige Frau ist sanft!“ In diesen Momenten sind die beiden starr vor Devotion.

Zwei Dienerinnen zwischen Wahn und Witz: Johanna Withalm und Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

„Die Gnädige Frau ist gütig!“: Wolfgang Lesky mit Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

Rehm, Withalm und Lesky bestechen durch ihr intensives, sensitives Spiel. Arens stattet den Abend mit einigen weniger, dafür umso zwingenderen Ideen aus, das lässt den Dreien die Luft, ihr Spiel zu entfalten. Sie beherrschen nicht nur die Exzentrik, die Exaltiertheit, sondern auch die leisen Töne, das Verzweiflungsflüstern und das Tränenersticken. Arens hat Genet auch darin verstanden: in seinem subtilen Humor, seiner Komödiantik, wie in seinen Depressionen und seiner daraus resultierenden Untätigkeit. Und sie setzt die Steilvorlage dieser Tragifarce perfekt um. „Der Dreck fühlt keine Liebe für den Dreck“, heißt es an einer Stelle im Text. Also bitte!, diese tolldreiste Darstellung von drei Dreckstücken kann man nichts anderes als lieben.

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Wien, 22. 3. 2017

Theater zum Fürchten: In der Löwengrube

März 30, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tiroler Respektsperson für deutsche Führergläubige

Rüdiger Hentzschel, Valentin Schreyer und Wolfgang Lesky Bild: Bettina Frenzel

Arthur Kirsch muss die Bretter schrubben, die ihm die Welt bedeuten: Rüdiger Hentzschel mit Valentin Schreyer und Wolfgang Lesky.            Bild: Bettina Frenzel

Es beginnt mit dem Shylock und Zwischenrufen aus dem Publikum. „Judensau“ und „Juda verrecke!“ schreit der angeheuerte Politpöbel und obwohl man weiß, dass das schon dazugehört zur Theateraufführung, ist es unangenehm. So unangenehm, diese braune Bagage im Nacken, dass man aufspringen, ja, und was machen möchte? Das Theater zum Fürchten spielt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, noch bis 7. April „In der Löwengrube“ und Regisseur Peter M. Preissler holt einen von Anfang an mitten rein ins Geschehen.

Mehrere Plätze sind für Schauspieler reserviert, auch Bernie Feit oder Hermann J. Kogler werden sich noch unter die Zuschauer mischen, die zahlreich erschienen sind. Felix Mitterers galgenhumorige Komödie ist ausverkauft. Das liegt an der Qualität des Stücks. Vor allem aber an der der Darsteller. TzF-Prinzipal Bruno Max hat ein feines Ensemble um sich versammelt, das hier einmal mehr sein ganzes Können ausspielt. Allen voran Rüdiger Hentzschel, der in der „Doppelrolle“ des jüdischen Schauspielers Arthur Kirsch und seiner Verkleidung als Tiroler Naturbursch Benedikt Höllrigl brilliert.

Hinter Mitterers Tragifarce steckt eine wahre Geschichte. Im Sommer 1936 sprach der zünftige Bergbauer Kaspar Brandhofer bei Max Reinhardt in Salzburg vor. Der, enthusiasmiert ob des ungeschliffenen Talents, vermittelte seine Entdeckung nach Wien. Es folgte ein Engagement am Theater in der Josefstadt unter Direktor Ernst Lothar und Schnitzlers „Fräulein Else“ in der Regie von Hans Thimig. Goebbels war ganz im Glück – frische deutsche Höhenluft umwehte eine miefig-österreichische Bühne. Doch Schnitzler-Sohn Heinrich ließ den Schwindel auffliegen: Brandhofer war in Wirklichkeit Leo Reuss. Er emigrierte 1937 nach Amerika.

Preissler stellt ein Panoptikum skurriler Gestalten auf die Bühne. Mitläufer und Opportunisten, Antisemiten aus Leidenschaft und über diesen Ungeist Verzweifelte, Aufbegehrer und Durchlavierer, solche mit Rückgrat und Wirbellose. Das Theater, es ist stets ein Abbild der Gesellschaft, in guten wie in bösen Zeiten. Schauspieler tragen plötzlich Uniform, und wenn Bernie Feit als Direktor Meisel sagt: „Was ist Theater anderes als Weltanschauung?“, dann ist das kein Missverständnis, oder besser gesagt: nur seinerseits, denn die kulturpolitischen Soldaten sind längst in Stellung gegangen. Preisslers gewitzte Inszenierung entwickelt an diesen Stellen eine Drastik, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt.

Der Meisel also muss Arthur Kirsch nach dem „Kaufmann von Venedig“ entlassen, er war dem Mob zu wenig jiddelnd, wenn man schon einmal „typgerecht“ besetzt. Kogler wird als Kollege Polacek einspringen und eine Persiflage dessen hinlegen, was man sonst zum Glück nur noch von Filmaufnahmen kennt, aber wenig später wird der Höllrigl am Bühnentürl stehen und als Wilhelm Tell das Theater gleichsam neu erfinden. Hentzschel gestaltet das erst extrem zurückgenommen, sozusagen sprachlos gegen die Schreihälse, ein feiner Mensch, den eine grobe Zeit überrollt.“Ich liebe diese Bretter, warum soll ich sie nicht zum Abschied putzen“, sagt er leise, als er den Bühnenboden schrubben muss.

Bernie Feit, Christina Saginth, Georg Kusztrich und Rüdiger Hentzschel Bild: Bettina Frenzel

Höllrigls „Tell“ hat hervorragende Kritiken: Bernie Feit, Christina Saginth, Georg Kusztrich und Rüdiger Hentzschel. Bild: Bettina Frenzel

Dann aber trumpft er auf. Aus Resignation und Angst entsteht Zorn – und eine Idee. Er wird die Unterweisung übertreffen und den Nazis ein Paradebeispiel ihrer eigenen Engstirnigkeit vorführen. Hentzschel ist herrlich als „Reschpektsperson“ für die Führergläubigen, die er mit seinem Fanatismus für den Faschismus in Furcht und Schrecken versetzt. Als Anderl-Hofer-Lookalike, als einwandfreier Ötztaler gestaltet er schon das Vorsprechen als Kabinettstückl.

Die Nervosität steigt. Denn der beinharte Blut-und-Boden-Hund mit dem angeborenen „Rasseninstinkt“ gibt der Mörderbrut ihr eigenes Geistesgift zum Schlucken. Umso berührender dann, wenn Hentzschel in sehr subtilen Szenen das echte „Ich“, den Kirsch aus dem Höllrigl hervorbrechen lässt. Ihm gelingt eine wunderbar präzise Darstellung dieses Doppelcharakters: Hentzschel spielt auch Kirschs Anstrengung diesen Höllrigl den ganzen Tag durchzuhalten, und er spielt dessen Seelenleere angesichts des Triumphs seines Tiroler Golems.

Famos wie immer ist natürlich Bernie Feit als Direktor Meisel, dem Theater als Diktatur keine Fortune bringt. Er ist ein Überlebens-Künstler zum Gotterbarmen, ein zappeliger Um-sein-Leben-Reder, aber das mit einer Süffisanz, dass man ihm seine Naivität, mit der er das System letztlich düpiert, ohnedies nicht glauben mag. Er durchschaut bald, was Sache ist. So wie der Bühnenmeister Eder, den Georg Kusztrich als raubeinigen Wiener Hackler mit dem Herzen am linken Fleck anlegt. „Je klana da Künstler, umso greßa da Nazi“, hat ihn das Leben gelehrt, also ist auf seine Diskretion Verlass.

Doch das Chaoskarussel dreht sich immer schneller und die Wadlbeißereien unter den hehren Mimen werden aggressiver. Die „Herrenmenschen“ mit den original-arischen Namen Strassky, Polacek und Jakschitz, gespielt von Wolfgang Lesky als seine Abgötter fürchtender Bösewicht, Hermann J. Kogler als übel zugerichteter Intrigant und Valentin Schreyer als jugendlichem Liebhaber von Jacqueline Rehak, verlieren zunehmend die Nerven. Christina Saginth gibt die Kirsch-Ehefrau als eine, die alles für die Karriere opfert. Egal welches Regime, Hauptsache: im Rampenlicht. Dabei mangelt es ihrer Diva durchaus nicht an Selbsterkenntnis.

Michael Reiter, Maksymilian Suwiczak, Hermann J. Kogler und Philipp Schmidsberger Bild: Bettina Frenzel

Glänzende Goebbels-Studie: Michael Reiter mit Maksymilian Suwiczak, Hermann J. Kogler und Philipp Schmidsberger. Bild: Bettina Frenzel

Michael Reiter hat als Goebbels einen kurzen, aber prägnanten Auftritt. Er zeigt keine – wie viel zu oft zu sehen – Karikatur des Reichsministers, sondern gestaltet einen Machtmenschen und verhinderten Theaterautor, der Höllrigl sogar zwei seiner Stücke anbietet. Reiter hat sich die Rolle einverleibt und entwickelt eine so glänzende Studie des Dritten-Reichs-Architekten, wie man sie manch hochkarätig besetzter Kinoproduktion nur wünschen könnte.

Am Ende hat das Schelmenstück für Kirsch zwar kein Happy End, aber eines in der Schweiz. Das Publikum hingegen wird mit dieser Produktion voll und ganz beglückt. Regisseur Preissler findet für seine Arbeit die Mitte zwischen Sarkasmus, Spannung und Sentiment, seine Schauspieler treffen den von ihm vorgebenen Ton zwischen komödiantischer Outrage und sensibler Nachdenklichkeit perfekt. Das Theater zum Fürchten empfiehlt sich einmal mehr als Ort für Unterhaltung mit Haltung, als zeitgenössische Bühne für Herz und Hirn. Man hat etwas zu sagen und man sagt’s ohne Genierer. Im Programmheft ist ein Aushang aus einem öffentlichen österreichischen Bad abgedruckt, der „Menschen mit Migrationshintergründen“ den Eintritt nur mit „entsprechenden Begleitpersonen“ gestattet. Der Aushang ist vom Jänner 2016.

www.theaterzumfuerchten.at

www.rüdiger-hentzschel.com

Wien, 30. 3. 2016