Im Raum die Zeit lesen. Moderne im mumok 1910 – 1955

November 12, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Simultanität diverser Avantgarden

Oskar Kokoschka: Karl Kraus, 1925. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben1960. Bild: © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. © Fondation Oskar Kokoschka / Bildrecht Wien, 2019

In den vergangenen Jahren wurde die mumok-Sammlung der klassischen Moderne unter wechselnden thematischen Vorzeichen gezeigt. Die diesjährige Präsentation „Im Raum die Zeit lesen. Moderne im mumok 1910 bis 1955“ beschäftigt sich ab dem 16. November mit den Zeitläufen der Moderne, ihren Chronologien und dem bereits von den Zeitgenossen vorgenommenen Versuch der Historisierung. Den konzeptionellen Ausgangs- punkt der Ausstellung

bildet die Frage nach der Wahrnehmung der Avantgarden im frühen 20. Jahrhundert: Handelt es sich bei der Moderne um eine Epoche? Es waren die ersten documenta-Ausstellungen 1955 und 1959, die die Sicht auf diese Zeit geprägt haben. 1955 wurde unter dem Diktum „Abstraktion als Weltsprache“ eine „gereinigte“ Moderne  präsentiert, die zwar eine historische Perspektive bot, aber die zugehörige Geschichte ausklammerte. Die Gegenfrage in der mumok Ausstellung lautet daher: Welche Sicht propagierten Künstler und Kuratoren in den 1920er-Jahren? Dabei dienen vier historische Projekte als Referenz. Alle strebten sie nicht nur Gesamtdarstellugen der Moderne an, sondern stellten auch zentrale Fragen an die Kunst und deren Aufgaben sowie an deren Präsentation im Ausstellungsraum.

Bedingt durch die Erschütterung des cartesianischen Weltbildes und die bahnbrechenden Erfindungen in Naturwissenschaften und Technik zu Beginn des 20. Jahrhunderts, kann die Moderne als Umbruch in allen Bereichen begriffen werden. In den Jahren um 1910/11 erfolgte nicht nur der Schritt in die Abstraktion. Es fanden zudem vielfältige heterogene Entwicklungen parallel statt. Vor allem der Film, der Phänomene von Simultaneität und Montage als Erfahrung des modernen Lebens direkt umsetzen konnte, trug dazu bei, neue Denk- und Wahrnehmungskategorien zu etablieren. Kategorien, die Avantgardekünstler wie László Moholy-Nagy, Hans Richter, El Lissitzky, Friedrich Kiesler oder Fernand Léger zu einem experimentellen Umgang und einer Umorientierung der klassischen Medien bewegten. Besonders der Fotografie kam eine neue Aufgabe zwischen ästhetischer und dokumentarischer Kompetenz zu. Mit den großen Themen von Architektur und urbanem Leben, Design und Porträt machte sie die Komplexität der Moderne deutlich.

Die vier Referenzprojekte, die die Ausstellung im mumok inspirierten, sind: Friedrich Kieslers legendäre Theaterausstellung von 1924. El Lissitzkys und Hans Arps fiktives Ausstellungsprojekt aus demselben Jahr, das die Moderne von 1924 retrospektiv bis 1914 aufrollte. László Moholy-Nagys und Lajos Kassáks „Buch neuer Künstler“ von 1922, das die Grenzen der bildenden Kunst zu Industrie, Architektur und Design öffnete und letzte Barrieren zwischen angewandter und freier Kunst niederriss. Und schließlich Hans Tietzes Ausstellung „Die Kunst in unserer Zeit“  im Jahr 1930, die Einblicke in die Moderne mit einem Rückblick auf die Jahre 1910/11 verband und zu dem Schluss kam, dass die Einteilung in abstrakt und gegenständlich nicht zwingend sei.

Otto Mueller: Mädchen im Wald, 1920. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 1963. © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Heinrich Campendonk: Mädchen mit Herz, 1919. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 1961. Bild: © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. © Bildrecht Wien

Oskar Schlemmer: Dreiergruppe mit Rückenakt, 1929. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 1980. © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

1924 gaben El Lissitzky und Hans Arp die Publikation „KUNSTISMEN“ heraus. Als „Letzte Truppenschau aller Ismen“ bezeichnete El Lissitzky diese Publikation, die man ebenso als fiktive Ausstellung verstehen könnte. 16 Begriffe umreißen die wichtigsten Strömungen der Moderne. Liest man den Eintrag für den Expressionismus – „Aus Kubismus und Futurismus wurde der falsche Hase, das metaphysische deutsche Beefsteak, der Expressionismus gehackt“ –, wird schnell klar, wo sich die Vorlieben der Herausgeber befanden.

In der Ausstellung im mumok wird der kuratorische Blick der beiden Künstler nun auf die Sammlung übertragen und eine ebensolche retrospektive Chronologie von 1924 bis 1914 verfolgt, die Ismen, aber auch Gleichzeitigkeiten zutage fördert. László Moholy-Nagy arbeitete fast zeitgleich an einer Gesamtdarstellung der Moderne und gab 1922 gemeinsam mit Lajos Kassák das „Buch neuer Künstler“ heraus. Hier wurde der erste Versuch unternommen „den engen und sich gegenseitig fördernden Zusammenhang zwischen Malerei, Bildhauerei, Architektur und Technik nachzuweisen“, so Lajos Kassák. Gewiss bleibt die Malerei das Leitmedium der Moderne, gefolgt von Skulptur und Zeichnung, gleichzeitig wird aber das Augenmerk auf Apparate und Hochspannungsleitungen, auf Maschine und Technik gelenkt.

Umgelegt auf den Bestand der mumok Sammlung, wird ein Öffnen der kategorialen Ordnungen im Hinblick auf Technik und Architektur deutlich. Die Ausstellung versammelt unter anderem späte Entwürfe von Josef Hofmann, Fotos von Albert Renger-Patzsch, Architekturmodelle und Werke von László Moholy-Nagy und Lajos Kassák selbst, die exakt den Geist des Buches widerspiegeln: „Unser Zeitalter ist das der Konstruktivität“, formuliert dazu Kassák.

1924 wurde Wien mit der legendären Theaterausstellung zur Stadt der Avantgarde. Friedrich Kiesler, der umtriebige Veranstalter, organisierte im Rahmen des „Musik- und Theaterfestes der Stadt Wien“ die „Internationale Ausstellung neuer Theatertechnik“. Er trug dafür einige hundert Theaterkonzepte, Bühnenbild- und Kostümentwürfe, Plakate und Modelle aus vielen Ländern zusammen. Viele Künstler der Avantgarde waren anwesend, darunter El Lissitzky, Theo van Doesburg oder Fernand Léger, dessen Ballet mécanique auf Kieslers „Raumbühne“ uraufgeführt wurde. Kiesler entwarf für das Projekt auch das „Leger- und Trägersystem“, eine flexible, frei im Raum stehende Konstruktion zur Präsentation von Objekten und Bildern, die im mumok nun in einer Rekonstruktion zu sehen ist und mit Theatermodellen und Bühnenentwürfen aus dem Theatermuseum ergänzt wird.

Amédée Ozenfant: Nombreux objets, 1927. Leihgabe der Österreichischen Ludwig Stiftung seit 1989. Bild: © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. © Bildrecht Wien, 2019

René Magritte: La voix du sang, 1959. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 1960. © Bildrecht Wien

Juan Gris: Carafe, verre et journal, 1919. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung Emanuel und Sofie Fohn, 1994. © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Ein halbes Jahrzehnt später bereitete der legendäre Kunsthistoriker der Moderne, Hans Tietze, eine Ausstellung mit dem Titel „Die Kunst in unserer Zeit“ vor. Der Unterschied zur documenta 1955 ist offensichtlich, zeigte Tietze doch ein breitgefächertes Universum. Tietze propagierte ein Nebeneinander der verschiedenen Künstler und Richtungen, wie in der Präsentation im mumok gut nachzuvollziehen ist.

Im Unterschied zur kanonischen Sicht der documenta 1955, die sich strikt auf Malerei und Skulptur konzentrierte, zeigte Tietze alle Arten von Objekten, vom Kinderspielzeug bis zu Keramiken und Textilien und schloss technische Gegenstände mit ein. Zusätzlich überraschte er mit der Feststellung, dass er abstrakt/gegenständlich nicht ideologisch getrennt sah, wie es die ersten documenta-Ausstellungen postulierten.

„Im Raum die Zeit lesen“ spürt mit Werken aus der mumok Sammlung und einigen Leihgaben aus MAK, Theatermuseum und Leopold Museum den Zeitläuften und Kunstbegriffen nach. Zeitgenössische Arbeiten von Ulrike Grossarth und Werner Feiersinger unterstreichen den Ansatz der Ausstellung. Die Ausstellungsarchitektur von Nicole Six und Paul Petritsch greift Formalismen der Moderne auf. So wird auch im Display der Idee einer Erweiterung des Kunstbegriffs Rechnung getragen, die jenseits einer klassisch-chronologischen Ordnung auf Verbindung und Durchdringung setzt – und nicht auf ein steriles Nebeneinander festgeschriebener Setzungen.

www.mumok.at

12. 11. 2019

Buch Wien 15: Die Lesefestwoche startet am 9. November

November 4, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein Ratgeber durch den Messedschungel

Buch Wien Bild: © LCM Richard Schuster

Buch Wien
Bild: © LCM Richard Schuster

Freunde sucht man sich sorgfältig aus. Das gilt auch für Bücher. Denn Bücher sind Freunde und lebenslange Wegbegleiter. Bei der Buch Wien 15 vom 11. bis 15. November hat man die Gelegenheit, Autorinnen und Autoren live zu erleben, wenn sie aus ihren aktuellen Romanen und Sachbüchern lesen, bei den mehr als 350 Ausstellern in alten und neuen Büchern zu schmökern oder das umfassende Rahmenprogramm (auch für Kinder und Jugendliche) zu nutzen. Mehr als 450 Lesungen, Diskussionen und Performances stehen bei Österreichs größtem Bücherfestival auf Programm.

Wie in den vergangenen Jahren besteht die Buch Wien aus drei Eckpfeilern: Der Internationalen Buchmesse vom 12. bis 15. November in der Halle D der Messe Wien, der Langen Nacht der Bücher am 11. November (19.30 bis 24 Uhr) ebenfalls in der Halle D und der Lesefestwoche vom 9. bis 15. November an 39 Veranstaltungsorten in ganz Wien.

Neu: Auf einem Gemeinschaftsstand der Antiquare kann man sich von der Leidenschaft für antiquarische Bücher anstecken lassen. Alle am Stand ausgestellten Objekte sind verkäuflich. Man kann aber auch die eigenen Bücherschätze mitbringen, vor Ort beraten  erfahrene Antiquare, ob sich ein Verkauf lohnt (Do. bis So. von 15 bis 17 Uhr). Ein Schwerpunkt der Buch Wien 15, die von Adolf Muschg eröffnet wird, ist der Verständigung zwischen den Kulturen und dem Bereich „politisches Sachbuch“ gewidmet. Von Colin Crouch und Tomáš Sedláček bis hin zu Orlando Figes, Ahmad Mansour und Jörg Baberowski diskutieren internationale Stars über aktuelle Fragen der Zeit. Im Rahmen des Festivals wird der mit 10.000 Euro dotierte Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels 2015 an den Autor und Historiker Doron Rabinovici verliehen.

Sechs Tipps, die Lust aufs Lesen machen:

Feridun Zaimoglus Siebentürmeviertel führt ins Istanbul der 1930er Jahre und mitten hinein in eine fremde, faszinierende Welt, in der sich ein deutscher Junge behaupten muss. Eine Familiensaga der besonderen Art (10. 11., 19 Uhr, Literaturhaus Wien). Alexander Nitzberg liest aus dem von ihm übersetzten Buch Das fahle Pferd von Boris Sawinkow, einem zum Tode verurteilten Terroristen, der unter anderem für die Ermordung des zaristischen Innenministers Plehwe 1904 mitverantwortlich war (10. 11., 19 Uhr, Literaturbuffet Lhotzky). Drago Jančar greift in seinem Roman Die Nacht, als ich sie sah einen zeitgeschichtlichen Stoff auf. In einer Nacht, kurz nach Neujahr 1944, führt eine Gruppe von Tito-Partisanen Veronika Zarnik und ihren Mann aus einem slowenischen Schloss ab, von da an verliert sich die Spur der beiden (12. 11., 19 Uhr, Alte Schmiede).

Im dritten Band seiner Trilogie über die Suche nach dem einzig Gerechten beschreibt der ukrainische Autor Andrej Kurkow in Die Kugel auf dem Weg zum Helden mit absurdem Witz und unerwarteten Wendungen die Aufbaujahre einer fantastischen Sowjetunion. Er erzählt von geplatzten Träumen, unbeugsamen Menschen, enttäuschtem Fortschrittsglauben, unhinterfragten Heldenmythen – und von ganz großen Abenteuern (13. 11., 19 Uhr, Hauptbücherei am Gürtel). Der britische Historiker Orlando Figes legt mit Hundert Jahre Revolution eine informative Geschichte Sowjet-Russlands vor – von den Wurzeln des Bolschewismus bis zum Putsch gegen Gorbatschow 1991. Seine zentrale These: Die Wirkung der Russischen Revolution erstreckt sich von 1917 über die Jahrzehnte der Diktatur bis in die Gegenwart (13. 11., 19 Uhr, Diplomatische Akademie Wien. Reservierung notwendig.). Alaa al-Aswani, einer der bekanntesten Romanciers der arabischen Welt, erzählt in seinem Roman Der Automobilclub von Kairo von vergangenen Zeiten. Ende der 1940er herrschen im Automobilclub von Kairo Extravaganz und Dekadenz: Paschas und Monarchen gehen aus und ein, auch Ägyptens König zählt zu den Stammgästen. Bis die Dienerschaft des Clubs den Aufstand probt. (14. 11., 16 Uhr, Literaturcafé)

www.buchwien.at

Wien, 4. 11. 2015