Wiener Festwochen: „Playing Cards 1: Spades“

Juni 12, 2013 in Bühne

Robert Lepage spielt seine Trümphe aus

Bild: Érick Labbé

Bild: Érick Labbé

Und wieder einmal haben sie Wien verhext: Der Québecer Regisseur Robert Lepage und seine Truppe Ex Machina verzauberten das Publikum in der Messe Wien mit einem Bühnenmirakel, wie nur er es kann. Aus dem an sich wenig einladenden Gehäuse der Halle D wurde ein Wunderraum mit Wüstenwinden, Türen, die von unsichtbarer Hand gelenkt, da und plötzlich wieder weg waren, ein Swimmingpool, eine Bar, die Spielhalle …

Alles dreht sich, alles bewegt sich: Willkommen im Lepage-Zirkus.

Allerdings einem, in dem das Lachen der Bruder der Tränen ist, so wie Tod und Wiedergeburt, Heilung und Verfall. Keine der Figuren (sechs Schauspieler stellen 52 Menschen dar – so viel Blatt, wie ein Kartenspiel hat) geht ohne Veränderung aus der Handlung hervor. Nicht umsonst und nicht erst seit Motörhead gilt das Pik-As als Krankheits- oder Todeskarte. Und so heißt auch Lepages neuester Wurf, bei den Festwochen als österreichische Erstaufführung gezeigt, „Playing Cards 1: Spades“. Anfang eines vierteiligen Zyklus, dreisprachig – Englisch, Französisch und Spanisch. Lepage verlegt seine Story nach Las Vegas. Glitzerstadt, Sündenpfuhl, die Hölle als Paradies getarnt. Auf einem runden, erhöhten Plateau, einem Spieltisch, lässt er seine Akteure agieren. Und lässt dabei kein Klischee aus. Elvis in der Wedding Chapel, Tanzgirls, einarmige Banditen und Black Jack. Ein Teufel, ein Verführer, namens Dick. In knallroten Chaps auf Seelenjagd. Die Wüste, in der das US-Militär ein irakisches Dorf zu „Übungszwecken“ nachgebaut hat. Und ein Schamane, der einzig rechtmäßige Siedler im Bundesstaat Nevada.

Wie Short Cuts lässt er in diesem Rahmen die Schicksale seiner Charaktere sich entwickeln. Bevölkert die Bühne mit Pleitiers, Putzpersonal, Prostituierten. Viel Raum für Traum- und noch mehr Albtraumhaftes (etwa einem der ersten Kreuzritter gegen den Islam, eine Allegorie mit gezücktem Schwert (Englisch: Spade, bevor das Wort Sword aufkam), der die modernen Zeiten bestaunt, obwohl Situationskomik immer wieder Humor auch ins Spiel bringt. Da gibt es einen spielsüchtigen Fernsehproduzenten, der in Las Vegas seine Frau betrügt, und seinen letzten Filmstoff gegen Jetons versetzt. Ein biederes Pärchen, das gerade getraut wurde, trifft am Hotelpool den schönen Cowboy Dick, der beide kirre macht. Sie wird ihr ungeborenes Kind verlieren. Das illegale Zimmermädchen Luana stiehlt einer Kollegin Geld, um sich einen „illegalen“ Arzt leisten zu können. Ein Soldat auf Wochenendfreigang verliert die Nerven, lädt eine Domina zum Bondage-Sex. Ohne, dass sie ahnt, dass er die Pistole für sich bereits geladen hat. Der TV-Mann will in der Wüste seinem Leben ein Ende setzen – und wenn der Schamane am Schluss zu ihm sagt: Geh heim!, ist auch sicher, wie das gemeint ist …

Immer wieder neue Konstellationen, Konflikte, Kriege entstehen rund um den Kartentisch. Glück folgt auf Verlust folgt auf Betrug folgt auf Gewalt endet in mentaler Leere. C’est la vie. Faites vos jeux! Lepages Schauspieler Sylvio Arriola, Nuria Garcia, Tony Guilfoyle, Martin Haberstroh, Sophie Martin und Roberto Mori haben das ganz  großartig gemacht. Inmitten eines unvergleichlichen Wind-, Sound-, Video-, Lichtdesigns, das diesen Künstlern, die zweieinhalb Stunden lang unter dem Plateau ausharrten, ebenso viel Applaus bescherte, wie den Darstellern. Lepages Gesamtkunstwerk! Encore!

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Von Michaela Mottinger

Wien, 12. 6. 2013

Wiener Festwochen: Programmvorschau

April 25, 2013 in Bühne

Martin Kusej, Bruno Ganz, Edith Clever, Johan Simons

Nicolas Stemann und Robert Lepage sind zu Gast

Ein Tränlein hatte er schon im Blick, als Wiener-Festwochen-Intendant Luc Bondy am 25. April im MuseumsQuartier das letzte von ihm verantwortete Festival (10. Mai bis 16. Juni) in Österreichs Hauptstadt ansagte. „Ich bin kein wehmütiger Mensch, vor allem keiner, der das Geschehen in seiner Vergangenheit preist“, so Bondy, der seiner Mitstreiter Klaus Michael Grüber, Peter Zadek, Frank Castorf, Christoph Marthaler, Patrice Chéreau, Luca Ronconi, Alvis Hermanis, Johan Simons, Peter Stein, Peter Sellars, Simon McBurney, Krystian Lupa, Deborah Warner, William Kentridge …. gedachte. Und Marie Zimmermann als Schauspielchefin. „Wir vermissen sie. Es war mitten in der Festwochen-Zeit, als ich Lear an der Burg probte, als sie sich das Leben nahm. Es war ein riesiger Schock.“

Le Retour / Die Heimkehr Bruno Ganz Bild: Ruth Walz

Le Retour / Die Heimkehr
Bruno Ganz
Bild: Ruth Walz

Mehr oder weniger Tränlein wischten sich auf dem Podium des Achitekturzentrums auch ihre Nachfolgerin als Schauspieldirektorin, Stefanie Carp, aus den Augenwinkeln. Welch ein Verlust für Wien! Eine Garantin für „Aufwind“ und Innovationswillen, die Überschreitung von Grenzen zwischen Genres und in viele weitere Länder und Kontinente, hin zu neuen Formaten und Ästhetiken. Und der (meist durch Abwesenheit) glänzende Musikdirektor Stephane Lissner. Die Wiener Festwochen 2013 bieten 41 Produktionen – darunter zehn Uraufführungen und vier Neuinszenierungen aus 36 Ländern.

Die Eröffnung findet am 10. Mai auf dem Wiener Rathausplatz unter dem Motto „Wien, Wien, nur du allein?“ statt  und ist -no na – dem Wienerlied gewidmet. Als Moderator wird Nicholas Ofczarek durch die Nacht führen. Mitwirkende: Die Strottern, Angelika Kirchschlager, Ernst Molden, Philharmonia Schrammeln Wien, Willi Resetarits & Stubnblues, Michael Schade, Walther Soyka, Fatima Spar und Ursula Strauss.

Das Musikprogramm dominiert der 200. Geburtstag von Wagner und Verdi. So wird die Verdi-Trilogie der Festwochen mit einer Neuinszenierung von „Il Trovatore“ abgeschlossen. Film- und Opernregisseur Philipp Stölzl wird zum ersten Mal in Wien inszenieren; es dirigierit der Israeli Omer Meir Wellber. Mit der Sensation der diesjährigen Opernsaison, dem im Sommer beim Festival d’Aix-en-Provence uraufgeführten „Written on Skin“ von George Benjamin mit einem Text von Martin Crimp, kommt eine Oper nach Wien, der das schier Unmögliche gelungen ist, die Erwartungen der unterschiedlichsten Publikumskreise zu erfüllen – von den vom hohen Können des Komponisten begeisterten Liebhabern der klassisch-romantischen Oper bis zu den Fans des zeitgenössischen Theaters, die der „poetische Realismus“ des Librettos und seine eindrucksvolle dramatische Umsetzung in der Inszenierung von Katie Mitchell faszinierten. Die Uraufführungen der Musiktheaterprojekte JOIN! (Oper von Franz Koglmann nach einem Libretto von Alfred Zellinger) und „Die Ballade von El Muerto“ (Musiktheater von Diego Collatti mit einem Text von Juan Tafur im Rahmen der Programmschiene Into the City), koproduziert mit den Ensembles netzzeit und progetto semiserio, demonstrieren den Willen der Wiener Festwochen, der innovativen zeitgenössischen Wiener Szene jene Bühne zu bieten, auf der diese im Blickfeld der Welt den Blick auf die Welt richten kann.
Die Reihe Into the City widmet sich dem Thema music and politics und stellt in unterschiedlichen Formaten und Zusammenhängen die gesellschaftliche Bedeutung von Musik in unserer Zeit heraus. Workshops und Konzerte in verschiedenen Einrichtungen und Örtlichkeiten verbinden das diesjährige Into the City Festivalzentrum im Wien Museum Karlsplatz mit der Stadt.

Im Schauspielprogramm finden acht Uraufführungen statt: „Todo el cielo sobre la tierra. El sindrome de Wendy“ von Angelica Lidell und Swamp Clup von Philippe Quesne erkunden im Grenzbereich von Performance, Tanz und Schauspiel die Beziehungen zwischen privatem Erlebtem und politschem Raum. Eine Auftragsarbeit ist Christoph Marthalers neues Projekt „Letzte Tage. Ein Vorabend“. Im Mittelpunkt der Aufführung im historischen Sitzungssaal des Parlaments stehen Kompositionen aus Wien vertriebener Komponisten und Texte, die sich mit der nationalen Aufrüstung vor dem Ersten Weltkrieg und rassistischen wie nationalsozialistischen Tendenzen in Europa auseinandersetzen. In „Kommune der Wahrheit. Wirklichkeitsmaschine“ versuchen Regisseur Nicolas Stemann und eine Gruppe von Künstlern aktuelle Geschehnisse in einen Theaterabend umzuwandeln. Jeden Abend ist so etwas Neues zu sehen.

Die Stars: Als Koproduktion mit dem Münchner Residenztheater führt der dortige Intendant Martin Kusej bei der Schauspieltrilogie „In Agonie“. Eine Neuinszenierung für Wien. Autor Miroslav Krležas beschreibt den Zerfall des Habsburgerreichs von Kroatien aus. Es spielen Manfred Zapatka, Sophie von Kessel und  Johannes Zirner. Luc Bondy selbst inszeniert Molieres „Tartuffe“ am Burgtheater mit Edith Clever, Johanna Wokalek, Joachim Meyerhoff und Gert Voss. Aus seiner neuen Wirkungsstätte in Paris, dem Odéon-Théâtre de l’Europe, bringt er seine Harold-Pinter-Arbeit „Le Retour“ (Die Heimkehr) mit Bruno Ganz und Emmanuelle Seigner mit.

Die junge brasilianische Regisseurin Christiane Jatahy erzählt in der teils theatralischen, teils filmischen Arbeit „Julia“ (nach Strindbergs „Fräulein Julie“, dass überkommene patriarchale Machtstrukturen in einer segregierten Gesellschaft stärker sind als die Gefühle. Der junge australische und gerade zu entdeckende Regisseur Simon Stone verhandelt in einer heutigen Ibsen-Wildente „The Wild Duck“ die private und soziale Krise der abstürzenden Middle Class.

Neu im Programm ist Johan Simons Regiearbeit von Lot Vekemans Stück „Gift. Eine Ehegeschichte“, die Story eines Ehepaares, das sich nach dem Tod ihres einzigen Kindes getrennt hat. Sechs Jahre nach der Scheidung treffen sie einander wieder am Grab des Kindes und sprechen über ihren Schmerz. Simons inszeniert dieses ergreifend. Mit Elsie de Brauw, Steven van Watermeulen und dem Countertenor Steve Dugardin. Robert Lepage kehrt mit seiner neuen Idee „Playing Cards 1: Spades“ ebenso zurück nach Wien wie Romeo Castelluci mit seinem berühmten „Sul concetto di volto nel Figlio di Dio / Über das Konzept des Angesichts von Gottes Sohn“, bei dem sich ein Mann um seinen greisen Vater kümmert.

Neuentdeckung: Die Wiener Regisseurin, Salon-5-Prinzipalin und Reinhardt-Seminar-Professorin wird Robert Neumanns Roman „Die Kinder von Wien oder oder HOWEVERSTILLALIVE“ für die Bühne adaptieren. In seinem satirischen Roman führt uns Neumann, nach London emigrierter jüdischer Romancier aus Wien, in einen Keller im Nachkriegsjahr 1946. Fünf Kinder hausen hier in einer Wohngemeinschaft des Schreckens, aber auch der anarchischen Freiheit. Eine Geschichte über die „Trotzdemimmernochlebendigen“, die den Krieg, jeden Krieg überstehen …

Gesamtprogramm und Termine: www.festwochen.at

Interviews zu den wichtigsten Produktionen und Rezensionen: www.mottingers-meinung.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 25. 4. 2013