Leopold Museum: Hundertwasser – Schiele

Februar 15, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Menschen, die in Meerblau gehen

Friedensreich Hundertwasser: 224 Le grand chemin, St. Mandé/Seine, 1955. © Belvedere, Wien. Bild: © 2020 Namida AG, Glarus, Schweiz

Ab 21. Februar zeigt das Leopold Museum die Schau „Hundertwasser – Schiele. Imagine Tomorrow“. Friedensreich Hundertwasser prägte als Maler, Gestalter von Lebensräumen und Vorkämpfer der Ökologiebewegung die Kunst des 20. Jahrhunderts über die Grenzen Österreichs hinaus. Wenig bekannt ist seine lebenslange intensive Beschäftigung mit der Person und dem Werk Egon Schieles. Als 20-jähriger entdeckte der damalige Student an der Akademie der Bildenden Künste in Ausstellungen und Büchern die Kunst der Wiener Moderne für sich: Vor allem Schiele sollte in den folgenden Jahren eine zentrale Bezugsfigur für den international agierenden Künstler werden.

Sein zeichnerisches Können erwarb er im Selbststudium von dessen Zeichnungen, in Paris propagierte er gegenüber seinen Künstlerkollegen effektiv Schieles Kunst und 1965 betitelte er ein Werk mit „622 Der Nasenbohrer und die Beweinung Egon Schieles“. Bis zu seinem Lebensende umgab sich Hundertwasser in seinen Wohn- und Arbeitsräumen in Venedig und Neuseeland mit Reproduktionen von Gemälden und Zeichnungen des von ihm so sehr geschätzten Künstlerkollegen. Hundertwassers poetischer Text „Ich liebe Schiele“ von 1951 macht die Intensität seiner Bezugnahme anschaulich: „Ich träume oft wie Schiele, mein Vater, von Blumen, die rot sind, und Vögeln und fliegenden Fischen und Gärten in Samt und Smaragdgrün und Menschen, die weinend in Rotgelb und Meerblau gehen.“

Egon Schiele: Tote Mutter I. (Detail), 1910. © Leopold Museum, Wien. Bild: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

Friedensreich Hundertwasser: 622 Der Nasenbohrer und die Beweinung Egon Schieles, Lugano, 1965. © Privatstiftung Wien. Bild: © 2020 Namida AG, Glarus, Schweiz

Egon Schiele: Waldandacht II (Detail), 1915. © Kunsthaus Zug, Stiftung Sammlung Kamm. Bild: Kunsthaus Zug, Alfred Frommenwiler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zwanzig Jahre nach Hundertwassers Tod am 19. Februar 2000 widmet das Leopold Museum diesen beiden ikonischen Künstlern eine etwa 170 Exponate umfassende, dialogisch angelegte Schau. Entlang zentraler Motiv-und Themenkomplexe im Werk beider, wie jener der beseelten Natur oder dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, werden Analogien jenseits von formalen Ähnlichkeiten ersichtlich. Anhand hochkarätiger Leihgaben aus österreichischen und internationalen Sammlungen, bisher nicht veröffentlichtem Archivmaterial und in Kooperation mit der „Hundertwasser gemeinnützigen Privatstiftung Wien“ zeichnet die Ausstellung die künstlerische und geistige Verwandtschaft zweier herausragender österreichischer Maler des 20. Jahrhunderts nach, die einander nie persönlich kennenlernen konnten und doch so viel verbindet.

www.leopoldmuseum.org           www.hundertwasser.at

15. 2. 2020

Theater zum Fürchten: Höllenangst

Januar 11, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zeitlebens im Joch der Lohnarbeit

Dies großartige Vater-Sohn-Gespann landet auf dem Weg nach Rom natürlich im nächsten Wirtshaus: Philipp Stix und Bernie Feit als Wendelin und Schuster Pfrim. Bild: Bettina Frenzel

In der verpflichtend vorgeschriebenen Zeitstrophe geht es diesmal allerdings darum, was die an Anspielungen alles nicht beinhalten muss, Rattenlyrik, Liederbuch, Ibiza, andere Einzelfälle, damit ein Theater „Haltung“ beweist. Und dann lässt Bruno Max kurz vor Schluss Peter Fuchs als Staatssekretär auftreten. Ein Publikumslachkrampf, gleicht der Schauspieler doch konstitutionstypisch, von Augenglas bis arrogantem Grinsen, jenem Ex-

Innenminister und Polizeipferdefreund, der erst gestern wieder im Nationalrat eine seiner Attacken ritt, – und ordnet auch noch eine diskrete Hausdurchsuchung beim Oberrichter an. Gestern also ging’s nicht nur in der Politik um Metternich, totale Macht und faule Kompromissler, das Theater zum Fürchten zeigte zum 25-Jahr-Jubiläum seines Bespielens der Scala die Wien-Premiere von „Höllenangst“. Der Prinzipal höchstselbst hat die Nestroy-Posse inszeniert und gemeinsam mit Marcus Ganser den Raum geschaffen, in dem das bewährte TzF-Ensemble nun agiert. Klar, kann’s bei Bruno Max beim höllischen Spaß nicht bleiben. Er macht die Komödie zur First Class Farce über Proletariat, Prekariat, Neopauperismus, dies wohl ganz im Sinne des Autors.

Jedoch versteht er es auch, dessen Charakteren etwas Karikaturhaftes anzuhaften. Anno 2020 und angesichts der verschwurbelten Handlung ist die Persiflage ein überaus legitimer Ansatz, das von den Zeitgenossen wegen zu viel Spiegelvorhaltung verhasste Nachmärz-Stück, das nach 100-jährigem Dornröschenschlaf 1948 in der Scala Wien – anderer Ort, ähnliche Progressivität – von Karl Paryla zu neuem Leben erweckt wurde, dem Bruno Max nun zwischen tragikomischer Schicksalsergebenheit und vollmundigem „Meuterei!“-Geschrei einen aktuellen Rock anlegt. Im Sinne von modern, aber nicht modisch zeigt er, wie die Freiheit ein paar Freiheiterln geopfert wird, das Volk längst nicht mehr in der Verfassung, die Einhaltung derselben zu fordern.

Johanna Rehm und Philipp Stix. Bild: Bettina Frenzel

Matthias Tuzar und Magdalena Hammer. Bild: Bettina Frenzel

Peter Fuchs und Leopold Selinger. Bild: Bettina Frenzel

Dort, wo bei Nestroy ein vermeintlicher Satanspakt die gesellschaftlichen Ketten bricht, ist beim TzF ein rahmendes Bild zu sehen. Am Anfang wie Ende stecken die Menschen tief im schwarzen Loch der Fabrik, erst Arbeitssklaven der ausbeuterischen „Strombergs gute Schuhe“-Firma, schließlich vom nunmehr Kapitalisten Reichthal – mit zwar amikalem Schulterklopfen – zurück ins Fließband-Joch der Lohnarbeit gedrückt. Mehr Brechtisches braucht Bruno Max nicht, die Verhältnisse, sie sind schon so, die grundschlechten Leut‘ schikanieren die armen Teufel und armen Narren – zwei davon Vater und Sohn Pfrim, Bernie Feit als permanent ang’flaschelter Flickschuster und Philipp Stix als mit seinen Dämonen ringender, von sich selbst gestellten Wünschen und Forderungen getriebener Wendelin.

Die beiden Darsteller in dieser supersympathischen, sehr amüsanten Aufführung die komödiantischen primi inter pares, vor allem Feit macht aus der Rolle ein versoffen-philosophisches Kabinettstück, das muss erst einmal einer bringen, wieder und wieder durch die Tür zu torkeln, und immer noch ist es lustig. Die TzF-„Höllenangst“ fährt ein ebensolches Tempo, gespielt wird zwischen Sarkasmus, Stunt und Slapstick, Bernie Feit die Pointenschleuder, der seine Umgebung statt mit dem Schusterhammer mit seinen Wuchtln weichklopft, Philipp Stix mit einer Umverteilungsansprache seinen Wendelin als sozialistischen Revolutionär deklarierend. Das Motto heißt: „The Floss“ tanzen und Outrieren bis der Arzt kommt, alle balancieren hier ständig am Rande des Nervenkasperls, aber ehrlich, wie sonst sollte die gegenwärtige Politburleske auf einer Bühne zu toppen sein?

Ein fabelhafter Fürst der Finsternis aka Oberrichter von Thurming ist Matthias Tuzar, virtuos in der Körpersprache, wenn er bei seinem Böser-Geist-Spiel schamlos übertreibt, was dem in Furcht und Schrecken versetzten Wendelin als einzigem nicht zu denken gibt, oder er als fickriger Verliebter die juridische Respektsperson sofort ablegt, sobald sein frisch angetrautes Eheweib ihre Rechte anmeldet. Tuzar turnt mit Bravour durch die wilde Jagd, auf die Bruno Max ihn schickt, TzF-Debütantin Magdalena Hammer ist seine heißblütige Baronesse Adele, die sich nach renitenten Kräften gegen das ihr vom garstigen Vormund bestimmte Novizinnen-Los wehrt.

Ein Jedermann’scher Herzgriff des vermeintlichen Teufels: Matthias Tuzar und Philipp Stix. Bild: Bettina Frenzel

Die vor Angst um ihr Leben bibbernden Pfrims: Sibylle Kos, Philipp Stix und Bernie Feit. Bild: Bettina Frenzel

Der flüchtige Freiherr von Reichthal bei den Pfrims: Sibylle Kos, Georg Kusztrich und Bernie Feit. Bild: Betina Frenzel

Fürs Schuhfabrikvolk bleibt sich’s unter jedem Regime gleich: Kusztrich, Rehm, Feit, Sibylle und Stix. Bild: Bettina Frenzel

Diesen Freiherr und Schuhfabrikanten von Stromberg gestaltet Leopold Selinger als sleeken, teflonbeschichteten Machthaber, sein Gehabe so gegelt wie sein Haar, und wie er da so im Führerbunker neben Peter Fuchs steht, ist jede Ähnlichkeit mit real existierenden Volksverdrehern, äh, -vertretern freilich rein zufällig. Mit Georg Kusztrich als flüchtigem Freiherr von Reichthal hat Selinger einen starken Widerpart. Sibylle Kos ist grandios als Pfrim-Ehefrau Eva, die dem Leibhaftigen im Herrgottswinkel zu entfliehen versucht. Johanna Rehm ist als Baronessen-Zofe Rosalie – in einem der wunderbaren Kostüme von Anna Pollack – ein hinreißend-sexy Kammerkätzchen, das in Windeseile vom Schnurren zum Krallen-Ausfahren wechseln kann.

Michael Werner, Leonhard Srajer, Philipp Schmidsberger und Valentin Ivanov runden als Fabriksmalocher, Gendarmen, Erscheinungen den Cast ab. Tuzars Thurming treibt Stixs Wendelin mit einem Jedermann’schen Herzgriff zum Äußersten, gemeinsam mit Feit-Pfrim begibt er sich auf Pilgerreise nach Rom, die mit dem was Wein betrifft pragmatischen Vater in der nächsten Wirtsstube endet. Alldieweil decken nicht Smartphone-Chats, sondern gute alte Briefe die Intrige Strombergs auf – Happy End einer tumultösen Geschichte! Den Teufel, der im Detail steckt, hat das Theater zum Fürchten mit dieser Arbeit spielfreudig bezwungen. Diese „Höllenangst“ ist mit ihrem gekonnten Mix aus Sozialkritik, Politsatire und Komödie ein Spektakel der Extraklasse.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 1. 2020

Leopold Museum: Deutscher Expressionismus

November 12, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Seelenlandschaften von suggestiver Wirkung

August Macke: Frauen im Park (mit weißem Schirm), 1913. © Stiftung Renate und Friedrich Johenning. Bild: Linda Inconi–Jansen

Das Leopold Museum zeigt ab 15. November die Ausstellung „Deutscher Expressionismus. Die Sammlungen Braglia und Johenning“. In der Schau werden etwa 130 Exponate aus der Schweizer Sammlung Braglia und der deutschen Sammlung Johenning erstmals in Wien präsentiert, darunter Werke von Emil Nolde, Max Pechstein, Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Wassily Kandinsky, Alexej von Jawlensky, Marianne von Werefkin, August Macke, Franz Marc, Paula Modersohn-Becker, Paul Klee und Lionel Feininger.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Emotion zum Stilmittel: Beobachten hieß Empfinden. Triebgesteuert und jenseits von allen akademischen Kanons bannten junge Rebellen aus der Dresdner Künstlergemeinschaft „Brücke“ Seelenlandschaften auf die Leinwand. In Auflehnung gegen die industrialisierte Gesellschaft und ihre Konventionen strebten sie zudem eine naturbezogene Lebensreform an. Der Umkreis der Herausgeber des Münchner Almanachs „Der Blaue Reiter“ begab sich währenddessen auf die Suche nach einer neuen Innerlichkeit in der Kunst, die das rein Intuitive und die kultivierte Vernunft gelten ließ.

Auch unabhängig von den beiden wichtigen Gruppierungen wurde freilich der Schönheitsbegriff hinterfragt und erweitert. Den Farben kam dabei eine entscheidende Rolle zu: Ob grell leuchtend oder dämmrig und trüb, wirkten sie anstelle der Helldunkelkontraste als Hauptvehikel der Bilddramaturgie. Werke des deutschen Expressionismus haben an ihrer suggestiven Wirkung bis heute nichts eingebüßt.

www.leopoldmuseum.org

12. 11. 2019

Emil Nolde: Sommergäste, 1938–1945. © Fondazione Gabriele e Anna Braglia, Lugano. Bild: Christoph Münstermann, © Nolde Stiftung Seebüll

Marianne von Werefkin: Die Allee, um 1917. © Fondazione Gabriele e Anna Braglia, Lugano. Bild: Christoph Münstermann

Max Pechstein: Junge Dame mit Federhut, 1910. © Renate und Friedrich Johenning Stiftung. Bild: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger © Pechstein – Hamburg/Tökendorf/Bildrecht Wien, 2019

 

Theater zum Fürchten: Loveplay

September 29, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Frauen haben ihn in der Hand

Die etwas andere Aufklärung: Eszter Hollósi als Wissenschaftlerin und Philipp Stix als ihr Studienobjekt. Bild: Bettina Frenzel

Beim Schlussapplaus herrscht Staunen: Sechs Schauspieler sind es tatsächlich nur, die davor nicht ganz zwei Stunden lang die mehr als 30 Rollen stemmen, zehn Liebesgeschichten aus 2000 Jahren Menschheitsgeschichte spielen, und dies mit verblüffender Wandlungsfähigkeit mal berührend, mal burlesk, mal brutal. Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Dependance, der Scala, Moira Buffinis „Loveplay“.

Regisseurin Helena Scheuba hat TzF-Prinzipal Bruno Max die Satire zur Inszenierung vorgeschlagen, und der war vom Stück so begeistert, dass er es sich sofort unter den Nagel riss, selbst die Übersetzung anfertigte und die deutschsprachige Erstaufführung übernahm (Scheuba wird stattdessen Harold Pinters „Betrogen“ auf die Bühne heben).

Es nimmt einen Wunder, dass die in ihrer Heimat England höchst erfolgreiche Dramatikerin und Drehbuchautorin Buffini, dieses etwa für die „Jane Eyre“-Verfilmung mit Judi Dench und Michael Fassbender, hierzulande so gut wie unbekannt ist, sind ihre mit leichter Feder verfassten Arbeiten doch so ironisch wie intelligent, feinster Boulevard, bei dem sich prächtig zu amüsieren ist.

In „Loveplay“ geht es – no na – ums Spiel mit der Liebe. In zehn Szenen von der Antike bis herauf in die Gegenwart erzählt Buffini, was es damit auf sich hat. Der Schauplatz ist stets London, das sich in der Scala-Aufführung via Animationsfilm vom Römerlager Londinium zur Hauptstadt des britischen Weltreichs zur Brexit-Kapitale ausdehnt.

Punkto Vielfalt an Figuren wird den Darstellern dabei einiges abverlangt, wenn es gilt, sich die Freier und Vergewaltiger, die Verschüchterten und Verklemmten, die Widerlinge und die Widersacher zu eigen zu machen, ihre durch im Wortsinn Leiden/schaften über Jahrhunderte geschundenen Seelen, deren Irrungen und Wirrungen, die Anbahnung von wie die Abrechnung mit Beziehungen. „Love Is Just A Four-Letter Word“ könnte Joan Baez da singen, doch Bruno Max hat sich für die „Love, love, love“-Beatles entschieden, sind doch Herzensregungen, und nicht die anderer Körperteile, der Höhepunkt der Episoden. Buffinis Text behandelt Sex nicht als Selbstzweck, sondern beschäftigt sich mit den „50 Shades“ auf dem Weg dorthin.

„Romantik“ zwischen der Gouvernante und ihrem Dienstherrn: Johanna Rehm und Matthias Tuzar. Bild: Bettina Frenzel

Shakespeare, schau oba: Johanna Rehm, Leopold Selinger und Matthias Tuzar. Bild: Bettina Frenzel

Und so erlebt man mit, wie die britannische Prostituierte Dorcas (Johanna Rehm) das flavische Währungssystem anzweifelt, indem sie des Legionärs Marcus (Philipp Stix) Münze nicht annimmt, bekommt sie doch sonst in Ausübung des ältesten Gewerbes der Welt ein lebendes Huhn als Lohn. Hat Freude an einer shakespeare’schen Persiflage um den sexuellen Versager, Dichter Llevelyn (Matthias Tuzar, der noch dazu als Kabinettstück im eigenen Drama den Bösewicht gibt), den selbstverliebten Komödianten Trevelyn (Leopold Selinger) und des ersten Ehe-, des zweiten Bühnenpartnerin Helen (Johanna Rehm), die sich um Dramaturgie, Figurenpsychologie und einen vom Autor zwar vorgesehenen, bei der Probe aber ausufernden Kuss zwischen den Protagonisten streiten. Oder beobachtet Gouvernante Miss Tilly (Johanna Rehm), wie sie, statt der Romantik zu huldigen, zum wilden Ritt auf Dienstherr Mr. Quilly (Matthias Tuzar) diesem ihren jüngsten SM-Schauerroman vorträgt.

Von Epoche zu Epoche großartig gelungen sind die Kostüme von Alexandra Fitzinger und die Maske von Gerda Fischer, Zoe Marvie und Pia Urbanek. Und fabelhaft ist, dass letztlich stets diese hochgebildeten, auch berechnenden, mitunter sogar boshaften Frauen siegreich sind, sie sozusagen „ihn“ in der Hand haben – bis auf einen zart-poetischen Auftritt von Leopold Selinger und Philipp Stix, die sich als Geistlicher Buttermere und Malerfürst und sanfter Verführer De Vere endlich ihrer homoerotischen Zuneigung stellen. Schön, wie Selingers Vikar beim Ablegen des Kollars und damit der Ketten der Konvention gesteht, soeben seinen „ersten freien Gedanken“ gehabt zu haben. Die lesbische Seite des Liebesspektrums, gleichgeschlechliche Liebe hat bei Buffini ihren selbstverständlichen Platz, verkörpern als Ordensschwestern Johanna Rehm, Samantha Steppan und die ziemlich notgeile Klosterfrau von Eszter Hollósi.

Bevor’s zur Free Love der Roaring Sixties geht, wo Johanna Rehm als verklemmt-verschüchtertes Hippiegirl einem – von den wie von Wolfi Bauer erfundenen „revolutionären Sex-Aktivisten“ Eszter Hollósi, Leopold Selinger und Matthias Tuzar organisierten – Love-in nichts abgewinnen kann, oder zu einer neuzeitlichen Mit-Gefühl-mach‘s-Geschäft-Partneragentur, auf deren Bäumchen-wechsle-dich-Party Leopold Selinger grandios einen protzigen Urologen und Samantha Steppan die durch ihn ins Emo-Chaos gestürzte Lebensgefährtin der Agenturchefin mimt – hier die persönliche Lieblingsszene mit Eszter Hollósi und Philipp Stix.

Anno 1898 – der Künstler liebt den Geistlichen: Philipp Stix und Leopold Selinger. Bild: Bettina Frenzel

Schüchtern in den Roaring Sixties: Johanna Rehm mit Eszter Hollósi und Leopold Selinger. Bild: Bettina Frenzel

Sie eine großbürgerliche Privatgelehrte, er ein einfacher Handwerker, er ihr Studienobjekt, will die mehr als wissenschaftlich interessierte Roxanne doch endlich wissen, was es mit der Aufklärung auf sich hat. Wie sie seinen nackten Körper erforscht, und bei dieser „empirischen Untersuchung der Natur des Mannes“ für sich zum ersten Mal das Geheimnis um „das Abbild Gottes“ lüftet, wie sie sagt „Ich will Ihn anfassen!“, worauf er lapidar „Ist recht!“ antwortet, wie er glaubt, es sei nun von ihm mehr gewünscht, und er den akademischen Akt zum leibhaftigen machen will, worauf er mit Schimpf und Schande aus dem Herrenhaus gejagt wird – das sagt eine Menge über der modernen Menschen Verhältnis zu Verstand und Gefühl, zum Verhältnis Bildung zu Body.

Die TzF-Produktion „Loveplay“ in der Scala ist ein supersympathischer Abend mit formidablem Ensemble, das die Emotionsskala, von Spaß an der Sache bis Todesangst davor, von tiefsinnig bis untief, nur so rauf und runter spielt. Bruno Max‘ Fazit: Liebe, Lust und Leidenschaft bleiben auch nach zwei Jahrtausenden ein Mysterium. Aber schauen Sie sich das selber an …

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 9. 2019

Leopold Museum: Edmund Kalb

Mai 21, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Das eigene Gesicht wird zum Kunstwerk

Edmund Kalb: Selbstbildnis, 1937 © vorarlberg museum Bregenz. Bild: Markus Tretter, © Rudolf Sagmeister/Kunsthaus Bregenz

Mit Edmund Kalb stellt das Leopold Museum ab 24. Mai einen Künstler vor, dessen von mehr als eintausend Selbstbildnissen dominiertes Werk bisher weitgehend unbekannt ist. Kalb zählt zu den faszinierendsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Von 1926 bis 1930 zwischen der Freiheit an der Kunstakademie München, der geistigen Enge seiner Heimatstadt Dornbirn und der Einsamkeit des entlegenen Bergdorfs Ebnit über Dornbirn pendelnd, entwickelte er sein zeichnerisches Können bis zur völligen Abstraktion.

Schonungslos und ohne Kompromisse arbeitete er als „Konzeptkünstler“ in Serien nach seinem eigenen Gesicht, um alle Mittel der grafischen Darstellung auszuloten. Sein Ziel war es, den Vorgang des Denkens selbst sichtbar zu machen und schlussendlich nur noch abstrakte „Energie“ auf das Papier zu bringen, um dann die bildende Kunst als reines Denken weiterzuführen. Zeitlebens verkaufte er kein Werk, dokumentierte sein Schaffen jedoch fotografisch und korrespondierte auf Esperanto mit Künstlerkollegen weltweit.

Mathematik, Mechanik, Wahrnehmungspsychologie, Atomphysik, Weltraumtechnik und Pflanzenzucht bestimmten ab 1930 sein Denken und prägten zuvor schon seine Selbstbildnisse. Hier finden sich Übereinstimmungen mit Naum Gabo, Alexander Rodtschenko und Künstlern der russischen Avantgarde. Mit Egon Schiele und Richard Gerstl verbinden ihn die Faszination am Selbstbildnis, die Kompromisslosigkeit und die Intensität des Schaffens in kurzer Zeit.

Sein Widerstand gegen jede falsche Autorität führte während des Nationalsozialistischen Regimes zu einer Verurteilung wegen Befehlsverweigerung und einer mehrmonatigen Haft im Militärgefängnis. Auch in der Nachkriegszeit saß Edmund Kalb wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt und Beamtenbeleidigung mehrere Monate im Gefängnis. Die Folgen der Bestrafung mit verschärftem Kerker führten schließlich zu seinem frühen Tod im Jahr 1952. Sein Schaffen wurde erst posthum bezeichnenderweise von Künstlerkollegen entdeckt und gewürdigt.

Edmund Kalb: Selbstbildnis als Akt, um 1930 © Privatbesitz. Bild: Archiv Sagmeister, © Rudolf Sagmeister/Kunsthaus Bregenz

Edmund Kalb: Selbstbildnis, 1929 © Privatbesitz. Bild: Archiv Sagmeister, © Rudolf Sagmeister/Kunsthaus Bregenz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Trotz Ausstellungen in New York, Rom, Dresden, Wien und im Kunsthaus Bregenz, begleitet von umfangreichen Katalogen, bleibt das Schaffen und Leben Edmund Kalbs für die große Allgemeinheit noch eine Entdeckung und Überraschung. Die Ausstellung im Leopold Museum zeigt neben rund einhundert Werken des Künstlers den Film „Erwachen aus dem Schicksal – Hommage to Edmund Kalb“ aus dem Jahr 2002 von Stephan Settele mit Interviews zahlreicher Zeitzeugen und Kunsthistoriker.

www.leopoldmuseum.org

21. 5. 2019