Burgtheater: Der Selbstmörder

Oktober 30, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Beim Sterben geht es stets um die Wurst

Mit Pistole in Bestform: Florian Teichtmeister hat den Finger am Abzug: Bild: © Matthias Horn

Die Sache mit der Leberwurst, nach der es Semjon Semjonowitsch mitten in der Nacht so dringend gelüstet, hat was mit ностальгия/nostal’giya, mit Not- und des darunter leidenden -stands zu tun. 1936 gab’s fürs unterernährte Proletariat die erste sowjetische Brühwurst, so sättigend, da kalorienreich, dass die ansonsten die Städter versorgende Landbevölkerung per „Wurstpendelzug“ nach Moskau kam, um ein

Zipfelchen zu ergattern. „Für Wurst“ in den Westen zu fliehen, wurde bald zum Synonym für Freiheit. Und auch post-sowjet gibt es in Russland eine Sehnsucht nach den Sowjet-Würsten, eine symbolische, versteht sich … In diesen Kontext eingebettet, gilt es Nikolai Erdmans Komödie „Der Selbstmörder“ zu lesen. Ein Glück, das Burgtheater hat das alsbald zensurierte Meisterwerk für sich entdeckt; nach einer fulminanten Inszenierung des Theaters zum Fürchten 2012, das diesem eine Nestroy-Nominierung bescherte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=717) und dem Theater Brett, das die Farce in russischer Sprache aufführte. Die Inszenierung des bewährten Regieduos Peter Jordan – berühmtes „Tatort“-Gesicht und gewesener Domplatz-Teufel – und Leonhard Koppelmann führt nun in eine groteske Kommunalka:

Schwarzes Theater, ein Grand Guignol voller Gothic-Spukgestalten, der/die kleine Mann/Frau als Figuren jener Schießbuden, wie Alexander Petrowitsch Kalabuschkin eine betreibt. Die Tattoo-übermalten Steam-Punks von Ausstatter Michael Sieberock-Serafimowitsch gleichsam die des langzeitarbeitslosen Kleinbürgers Podsekalnikov sich wie ein Konfidentenkörper bewegende Spitzelnachbarschaft. Im mitunter blutroten Hintergrund Hammer, Sichel, Signallampen, Rauch – der Zug, er ist wohl immer schon irgendwohin abgefahren. Erdman, dies noch erwähnt, saß für seine Texte drei Jahre in Sibirien ab, danach verurteilte sich der Satiriker selbst zum Schweigen.

„Ganz egal, Hauptsache leben. Wenn man einer Henne den Kopf abhackt, läuft sie ohne Kopf auf dem Hof herum. Und wenn ich wie die Henne leben muss, mit abgehacktem Kopf, aber ich will leben“, sagt Semjon Podsekalnikov an einer Stelle – und man möge Message Control und Strukturelle Korruption und 99,4-Prozent-Parteitagsabstimmungquote an dieser Stelle als Hintergrundgeräusch stehen lassen. Oder wie es Semjons Schwiegermutter Serafima Iljinischna mal durchrechnet: es gebe nicht zu wenig Arbeitsplätze, sondern zu wenig „Beziehungen“ über die diese vermittelt werden könnten, Katharina Pichler bravourös, wenn sie dem Publikum erklärt: „Ich bin nicht lustig, eher abstrakt.“

Derart entwerfen Jordan und Koppelmann ein überzeichnetes, überagierendes, überbordendes Purgatorio, eine im Wortsinn Unterwelt, in der sich via Situationskomik der sowjetische Albtraum zum besseren Leben enttarnt. Heute, für all jene, die an einer Patina kratzen zu müssen glauben, ein Stück über bereits gehabte oder heraufdämmernde Diktatur, Einschränkungen in Meinungs-, Presse-, Freiheit der Kunst und der Gedanken, wenn auch nicht immer so benannt, so doch nur ein paar Abzweigungen von Ist-Zustand entfernt. Einem Sittenbild, das laut Prätorianern einer Rückkehr in die Politik absolut nicht entgegensteht. Ehre, wem Ehre gebührt.

Teichtmeister, Henkel, Werths, Pichler, König, Häßle,  Böhlefeld und Hering. Bild: © Matthias Horn

Und die Tuba bläst der … Semjon: Florian Teichtmeister und Lilith Häßle. Bild: © Matthias Horn

Henkel, Teichtmeister, Hering, Werths, König, Häßle und Pichler. Bild: © Matthias Horn

In diesem Falle Semjon Semjonowitsch, der ob seines düsteren Brotaufstrichdebakels mit dem Suizid droht, ein Bonmot, das ihm prompt im Munde umgedreht wird, wollen sich doch unterschiedlichste Gruppierungen das Fanal fatal der Entleibung als Opferdienst an ihrer Sache einverleiben. Gib’ dem Ableben einen Sinn! Was im Weiteren die Produktion aus den Stereotypen Kasper, Seppl, Gretl, Gendarm und Krokodil generiert, ist bemerkenswert. Allen voran Florian Teichtmeister als märtyrerischer Semjon, der sich am Burgtheater freidrippelt, der in der Zusammenarbeit mit neuen Regisseuren zu ungeahnter Höchstform aufläuft.

Freilich kannte man ihn als feinen Komödianten, doch spätestens seit Handke/Castorfs „Zdeněk Adamec“ hat er eine Schallmauer durchbrochen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47821). Rund um ihn gruppiert sich im Danse Macabre das Ensemble zum Ringelreihen skurriler Selbstdarsteller, eitler Exzentriker und absurder Revolutionäre, sie alle in mehreren Rollen – und dürfte man Interpretationen des Bühnenbilds überstrapazieren, man könnte formulieren, sie alle seien Hunte des Systems, die in die Grube fahren. Die Intellektuellen, die orthodoxe Kirche, die Fleisch verarbeitende Industrie, die Künstlergilde am Katzentisch des Staates, die Beamten-Apparatschiks, die russische Nationalität, der Antisemitismus, der Mensch als Masse, sogar die Liebe selbst, verlangt’s nach der Instrumentalisierung der schönen Leich‘.

„Sie sind ein Vorbild, Podsekalnikov, ein Titan!“, säuseln die Lobbyisten. Nur hat der sich mittlerweile besonnen. Doch, um im Bild zu bleiben: Wo eine Zeche, da heißt es zahlen … für die Verzweiflung, die Gier, den Eigennutz. Und großartig sind Lilith Häßle als einzig aufrichtige Ehefrau Mascha sowie Katharina Pichler als Schwiegermutter und mit Schnauzbart volksdümmelnder Dichter Viktor Viktorowitsch. Markus Hering schlägt als Schießbudenpächter Kalabuschkin eine Volte nach der nächsten, dabei prächtig abgewatscht von Tim Werths als vollbärtig-homoerotischer Geliebter Margarita Iwanowna und Pope Elpidius, eine Verwandlung, für die es nur eines Schürzens des Rocks bedarf.

Dietmar König toppt das alles als Intelligenzija-Abgesandter Grand-Skubik mit Bindestrich – und Bardo Böhlefeld wie Alexandra Henkel geben als rotbeflaggter Student Jegor Timorejewitsch, bolschewikischer Fleischer Pugatschow und Schneiderin Madame Sophie sowie Kleopatra Maximowna, die nach romantisch verbrämter Liebe verlangt, und Raissa Filippowna, ihre Rivalin, die nach unverbrämter Liebe verlangt, sowieso alles. Ganz klar, der Cast contragendert sich bei derlei Charaktergestaltung in lichte Höhen. Bei absolut stimmigem Tempo und Timing macht sich Teichtmeister mit lakonischem Jammer und „Ich habe gelitten“-Mantra zum Stein des Anstoßes auf der Straße der Geschichte.

Henkel, Böhlefeld, Pichler, Hering, Häßle, Teichtmeister und Werths. Bild: @ Matthias Horn

Teichtmeister, König, Werths – große Klasse als Margarita Iwanowna, Häßle und Pichler. Bild: © Matthias Horn

Dietmar König, Markus Hering, Florian Teichtmeister, Katharina Pichler und Bardo Böhlefeld. Bild: @ Matthias Horn

Tim Werths, Alexandra Henkel, Katharina Pichler, Lilith Häßle, Florian Teichtmeister und Dietmar König. Bild: @ Matthias Horn

Zur Story passend und mit morbidem Sinn für makabren Humor spielt er sich die Seele aus dem Leib, Semjons Tragödie touchiert vom Eifersuchtsdrama zwischen Neo-Witwer Alexander Kalabuschkin alias Markus Hering und dem wunderprächtigen Tim Werths als ellenlanger Margarita Iwanowna. Welch ein Buffo-Paar! Zwischen Ideologie und Idiotie wird die Beerdigung des höchst lebendigen Leichnams zum Begräbniskabinettstück. Die angekündigte Tat muss stattfinden, ein Testament zugunsten der begünstigten Partei attestiert werden, so oft tauschen Pistole und Schreibstift den Besitzer. Die Kalenderspruch-Fabrik produziert als einzige auf Hochtouren.

Doppeldeutig schwenkt dazu Böhlefelds Jegor eine rote Fahne mit kreisrundem Loch in der Mitte, aus der Literatur weiß man, wie flugs hierzulande das schwarze Hakenkreuz auf weißen Grund entfernt wurde. Das Ensemble singt passend „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“, Leonid Radins im Taganka-Gefängnis verfasstes Arbeiterlied, erstmals gesungen 1898 von politischen Gefangenen auf dem Marsch in die sibirische Verbannung und bald so populär, dass es umgedichtet in „Brüder in Zechen und Gruben“ zum liebsten Propagandalied der NSDAP, als „Brüder formiert in Kolonnen“ zum Kampfruf der SS wurde. Derart ziehen und schließen Jordan und Koppelmann ihre Kreise, man muss nur oft genug links abbiegen, um erneut rechts zu landen.

Was Semjon Semjonowitsch will, ist von zeitloser, rassen- und klassenloser Allgemeingültigkeit: ein einfaches Leben in Frieden, gefordert von Politik, Popen und Proletariat, ein Wunsch den die Systeme per se nicht erfüllen können. Doch der Scheintote, er kann endlich sagen, was er denkt … Bleibt die Notiz, die GRK-Vorsitzender Gandurin dem Genossen Stalin über die „zweideutigen Situationen“ vorlegte:

„Die Hauptfigur in Erdmans Stück ,Der Selbstmörder‘ ist Fedja Petunin. Man spricht über ihn im Verlauf des Stückes, er erscheint aber nie auf der Bühne. Petunin ist die einzige positive Figur des Stücks, ein Schriftsteller, der Selbstmord begeht und einen Zettel hinterlässt:  ,Semjon Podsekalnikov hat Recht, [unter diesen miserablen Umständen, nur um den Herren auf der Tuba den Tusch zu spielen] lohnt es sich nicht zu leben.‘“ Viel zu kurzer Applaus für eine Gegenwartsparodie, die etliche offenbar erst auf dem Heimweg verstanden. Mann. Macht. Ernst. Teaser: www.youtube.com/watch?v=BB0pdylTPz8           Kostprobe: www.youtube.com/watch?v=IIQ5-4zEQwI            www.burgtheater.at

BUCHTIPPS: Suhrkamp Taschenbuch, Andrej Platonow: „Die Baugrube“, Roman, 238 Seiten. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34549. Suhrkamp, Andrej Platonow: „Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen“, Roman, 581 Seiten. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29341.

  1. 10. 2021

Landestheater NÖ – Luk Perceval & NTGent: Yellow. The Sorrows of Belgium II: Rex

Oktober 1, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Front- und Fluchtbriefe auf dem Billardtisch

Vabanquespiel auf dem Billardtisch: Peter Seynaeve, Lien Wildemeersch, Philip Leonhard Kelz, Chris Thys, Oscar Van Rompay und Valéry Warnotte. Bild: © Maria Shulga

Ab 8. Oktober zeigt das Landestheater Niederösterreich LIVE im Großen Haus Luk Percevals Uraufführung von „Yellow – The Sorrows of Belgium II: Rex“, LIVE hier besonders großgeschrieben, da es COV19-bedingt im Frühjahr bereits eine Filmversion zu streamen gab. Hier zum Einlesen die Rezension dazu: Mit dem Verlesen eines Artikels einer neuen rechtsradikalen französischsprachigen Zeitung, der vor den neuen rechten Schlagwörtern nur so strotzt, großer Austausch, Kulturmarxismus vs. christliche Werte,

die Linke unterstützt den Islam, um mit der Frustration der Minderheiten die westliche Zivilisation zu zerstören …, legt Luk Perceval den Finger in eine Wunde, die längst noch nicht vernarbt ist. Nationalsozialismus in Belgien, darüber weiß man hierzulande wenig. Belgien war neutral, doch griffen im Mai 1940 die nazideutschen Truppen an; nach der campagne des 18 jours ergab sich die belgische Armee bedingungslos. In „Yellow – The Sorrows of Belgium II: Rex“ beschäftigt sich Perceval nun mit der Kollaboration seiner Landsleute mit den Nationalsozialisten und damit gleichsam mit dem bis heute schwelenden Konflikt der Wallonen mit den Flamen.

Yellow“ ist der zweite Teil von Percevals nach den Farben der belgischen Nationalflagge benannten Trilogie, Teil eins „Black“ befasst sich mit den Kolonialverbrechen Belgiens im Kongo, Teil drei „Red“ wird von den aus Brüssel stammenden IS-Attentätern handeln. Zwei alte Männer also, der eine sitzt an einem Billardtisch mit abgesägten Beinen und studiert Fotos, Briefe, verlesen, gelesen wird viel in dieser Produktion, der andere hinter ihm sagt etwas, unhörbar, seine Stimme geht im melancholischen Yellow Waltz von Sam Gysel unter. „Jef? Jef?”, stammelt der Mann am Tisch, Peter Seynaeve als dessen Vater Staf, gleich wird er mit sich überschlagender Stimme Parolen deklamieren, man ist in den 1940ern – bei jenen Flamen, die sich als Deutsche sehen, als Teil der „germanischen Rasse”.

Nach dem Text von Autor Peter van Kraaij verfolgt Perceval das Schicksal der von Hitlers Reden entflammten flämischen Familie Goemmaere. „Der Führer lässt Flandern wieder an der Geschichte teilnehmen”, ist man überzeugt. Wallonen gegen Flamen, das hat was von Kain und Abel, die Französischsprachigen werden seit Jahrhunderten, genauer seit 1302 als ein bäuerliches Infantrieheer einer französischen Ritterarmee gegenüberstand, als Unterdrücker betrachtet. Jetzt ist der Glaube an Gott und das Tausendjährige Reich geweckt. Staf hat Sohn Jef mit der Flämischen Legion, Freiwilligen der Waffen-SS, in den Kampf gegen die Sowjets geschickt. Staf selbst ist Mitglied der Dietse Militia des Rechtsnationalisten Jef François, Tochter Mie bei den Dietse Meisjesscharen und Priester-Onkel Laurens ein fanatischer Faschist.

Einzig Stafs Bruder Hubert hält sich von der Hurra-Stimmung fürs NS-Regime fern, eine Hurra-Stimmung, eine Kriegsbegeisterung, die im Laufe der kommenden zwei Stunden mehr und mehr zu Kadavergehorsam wird, geschildert dies alles ohne moralische Gehässigkeit, das „Heil!” auf dem Heldenplatz kam den Menschen um nichts weniger enthusiastisch über die Lippen als hier den Flamen, alldieweil sich Mutter Marije, Chris Thys, um ihren Sohn, der qua einer Andeutung auch Huberts sein dürfte, die Augen ausweint. Ein sphärischer Soundtrack wabert durch den Theaterraum, der Billardtisch ist bald eine zweite Spielebene; die Fahnen, die wehen, sind weiß wie die der ethischen Kapitulation, die Rekapitulation einer historischen Desillusionierung – im emblemlosen Flaggenwald geht’s so zackig zu, „Deutscher Gruß” und deutsche Disziplin, dass keine Fragen offenbleiben.

Fast schon wähnt man den Regisseur in satirischer Distanz zu seinen Figuren; wie in einem abstrakten Leo erscheinen Valéry Warnotte als Léon Degrelle, Gründer der faschisten Bewegung Rex – siehe Stücktitel – und Aktiver in der Wallonischen Legion, Warnotte als Demagoge und Phrasendrescher der Inszenierung, und als Österreich-Import Obersturmbannführer Otto Skorzeny, dem der Mythos der Mussolini-Befreiung zu einiger Berühmtheit verhalf. An diesen real existiert habenden Charakteren dokumentiert Perceval scheint’s die absurde Groteske von Geschichte.

Seynaeve, Van Rompay, Wildemeersch, Kelz und Thys, vorne: Luk Perceval. Bild: © Maria Shulga

Strammer „Deutscher Gruß“: Lien Wildemeersch, Philip Leonhard Kelz und Valéry Warnotte. Bild: © Fred Debrock

Seynaeve, Van Rompay, vorne: Wildemeersch und Kelz, Warnotte und Thys. Bild: © Maria Shulga

 

Die beiden Alt-Nazis werden einander später im Spa, nicht Belgien, sondern mit Bademantel und Wellnesscocktail in Spanien begegnen. Der nunmehrige „José de Ramirez Reina” und der Firmenvertreter für Nivea und die Voest haben sich vom gefallenen „Führer” unter Francos Fittiche gerettet, um dem Diktator beim Machterhalt zu helfen und in Skorzenys Fall – „Ich will doch nicht enden wie Eichmann!” – Waffengeschäfte mit dem Mossad zu machen. Eine Episode, unglaublich, doch historisch belegt, die zu den besten des Abends gehört; die Freunde überbieten sich in Hitler-Anekdoten: „He was such a nice guy!”

Doch noch ist es nicht so weit. Philip Leonhard Kelz, Ensemblemitglied des Landestheaters, agiert, agitiert sich als Otto Skorzeny in den Mittelpunkt des Geschehens. Mit dem Laurens von Oscar Van Rompay übt er ein Burschenschafter-Duell, das ins Homoerotische entgleitet, bei einem lasziven Tänzchen wird er sich an die Mie von Lien Wildemeersch schmiegen, Kelz ganz Stimmungsmacher, Spielmacher, geschmeidig wie die Schlange der Versuchung – er, der offensichtlich weiß, was gewesen sein wird, und seine Schilderungen in Vergangenheitsform setzt.

Wenn er als „überzeugter Europäer” von „sozialer Gerechtigkeit” spricht, werden die Floskeln aus der falschen Ecke zeitgemäß. In diesem vielschichtigen Spiel, in dem sich keiner schont, fügt sich Kelz mit seiner starken, in schönster Verschmitztheit das Österreichertum ausstellenden Performance nahtlos ins Genter Ensemble ein. Der Flamen-Clan saugt Skorzenys Heilsversprechen gierig auf, der Kamerazoom zeigt die Gesichter erwartungsvoll, stolz, euphorisch, Marijes unter Tränen – und hassverzerrt wie die Fratzen in Hieronimus Boschs „Christus trägt das Kreuz”, das im Museum für Schöne Künste in Gent hängt.

Vor allem Lien Wildemeersch als Mie schafft es, dass man auf deren blindwütige Gläubigkeit zunehmend zornig wird, und Oscar Van Rompays Laurens mit seinen vor religiöser Extase aufgerissenen Augen. Der Russlandfeldzug, er ist ein Heiliger Krieg, die Soldaten Kreuzritter für „unsere Zivilisation”. „Flandern frei! Und für Belgien nix!” wird skandiert. Bis das nationalistische Narrentreiben und sein schwärmerischer Rassismus von ersten Frontberichten gestört werden.

Chris Thys, Peter Seynaeve, Lien Wildemeersch und Philip Leonhard Kelz. Bild: © Maria Shulga

Oscar Van Rompay, Lien Wildemeersch, Philip Leonhard Kelz, Chris Thys und Valéry Warnotte. Bild: © Maria Shulga

Gleich Eva und der Schlange der Versuchung: Philip Leonhard Kelz und Lien Wildemeersch. Bild: © Maria Shulga

Van Rompay, Seynaeve, Warnotte, Thys, Shulga und Wildemeersch. Bild: © Fred Debrock

Die Briefe also. Sie kommen von Jef, dem stillen Bücherwurm, der nach Stafs Willen im Schützengraben zum Mann geschmiedet werden soll, und Aloysius, der Mie von den Meisjesscharen als Korrespondenz-Kamerad zugeteilt wird, eine Nahebeziehung in Worten, die von Kelz und Wildemeersch mit Körpernähe und Mut zur Initimität als elegische Liebesfantasie ausgelebt wird. Jefs Post spricht eine andere Sprache, weit und breit kein flämischer Offizier und die Flamen von der Herrenrasse auf Französisch angebrüllt; Grausamkeiten, Gräueltaten und die Abstumpfung dagegen kriegen beim Lautlesen eine seltsame Intensität – eine Poesie des Schreckens.

Briefe kommen auch von Bert Luppes’ Hubert. Der hat die geflohene Wiener Jüdin Channa, Maria Shulga, versteckt, wird entdeckt und entkommt mit ihr nach Antwerpen. Gleich Skorzeny erzählt auch Channa Vergangenes, das charmante, leichtlebige Wien, das sich nicht er- sondern hingegeben hat, ihr Verlobter, dessen Mutter sie anflehte ihn freizugeben, damit er nicht in die Fänge der Gestapo gerät, Hubert in seinen Schreiben von Zerstörung, Hunger und der Polizei, die „für eine neue Aufgabe” ausgebildet wird. Channa wird deportiert werden, „nach Osten, Jef hinterher”, kommentiert Hubert zynisch.

Da hat Familie Goemmaere ihre Verblendung längst erkannt. Schnee fällt auf Front und Familiengeheimnisse, ein unbekannter Fronturlauber bringt Nachricht von dort – und der Wahnsinn greift um sich. „Yellow”, diese bedächtige, andächtige Aufführung, deren Melancholie eben noch in Lethargie kippte, wird von Geschrei und Sirenengeheul zerschnitten. Kelz kiert konsonatenknatternd im Hitler-Ton, Mie, als Krankenschwester im Lazarett, schnappt angesichts der vielen Versehrten allmählich über.

Szene um Szene montiert Luk Perceval zu seiner Collage, diese teils pathetisch, teils bizarr, immer leidenschaftlich, mit stilisierter Action und den Mitteln des Körpertheaters, didaktisch – Prädikat: wertvoll. Seine extrem präsenten, expressiv agierenden Darstellerinnnen und Darsteller schultern mit Verve das Paradoxon ein Chor monologierender Stimmen zu sein. Ihr Spiel ist im besten Sinne der Bedeutung sinnlich.

Zum Schlussakkord gehört Hubert, der nach dem Krieg Wien besucht, Museum rein, Museum raus, und raus zum Zentralfriedhof, dem jüdischen Teil. Dutzende Grabstätten, aber sehr viel freie Fläche. Ein Symbol. Hier sei von jüdischen Familien Land gekauft worden für Gräber, die es nun nicht mehr gibt, meint Hubert. Zum Schlussakkord gehört Laurens im Gefängnis. „Geduld”, sagt er. „Geduld, meine Seele, die Saat keimt noch nicht.” Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=44919

Trailer: www.youtube.com/watch?v=pOC9NaqoKYA           vimeo.com/519872206           Interview mit Dramaturgin Margit Niederhuber: www.youtube.com/watch?v=D-aHuHj_VpI            www.ntgent.be/en          www.lukperceval.info

www.landestheater.net

1. 10. 2021

Landestheater Niederösterreich streamt: Demian

April 17, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dann frag halt Dr. Sommer!

Ein Spazierstock für den Pfad der Selbsterkenntnis: Philip Leonhard Kelz als Emil Sinclair und dessen Lebenshilfe Max Demian. Bild: © Alexi Pelekanos

„Mancher wird niemals Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise …“, liest der Knabe mit groß-erstaunten Augen. Jaja, schon gut, der alte Schinken vom Hermann Hesse liegt auch auf seinem Tisch, aber woran sich Emil Sinclairs zehnjähriges Perplex-Sein grad festsaugt, dass ist die Bravo, die Dr.-Sommer-Seite – Aufklärung, eh klar. Im Web-Kapitel über Selbstliebe steht aktuell: Ändere dich nicht, um anderen zu gefallen! Mach dich nicht kleiner als du bist! Versuche

dich an neuen Dingen! – und schließlich: Nur Mut! Na, das passt doch wie der Faust aufs Gretchen zum „Demian“, Hermann Hesses Erzählung, heut‘ würd‘ man sagen: die Coming-of-Age-Story des Emil Sinclair, und dieser Name auch das Pseudonym unter dem der Schriftsteller seine „Geschichte einer Jugend“ 1919 erstmals veröffentlichte, in der’s heißt: „Es ist falsch, der Welt etwas geben zu wollen. Ich bin ein Wurf der Natur, um nichts als mich selbst zu suchen, um zu mir selbst zu kommen.“

Regisseurin Anna Marboe hat das mehr als 100 Jahre alte Werk am Landestheater NÖ klug und einfühlsam an der Jetztzeit angedockt; Ensemblemitglied Philip Leonhard Kelz, eben erst in Luk Percevals „Yellow: The Sorrows of Belgium II: Rex“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=44919) höchst positiv aufgefallen, gestaltet den Protagonisten und seine Mit- wie Gegenspieler. Von Johannes Hammel für die Online-Premiere der hauseigenen #wirkommenwieder-Reihe neu verfilmt, ist Marbos Inszenierung nun bis Sonntagabend auf www.landestheater.net als kostenloser Stream zu sehen – das Ganze von der Theaterpädagogik um eine Materialmappe ergänzt.

Da sitzt er nun mit rosa Holzkarussell. Aus der Spieluhr tönt’s kitsch-lieblich, ein Symbol für die schöne, heile Mama-Papa-Welt, doch erspürt Emil schon die dunkle, die um die Ecke lauert. Hesse-Kenner wissen es: der erpresserische Franz Kromer, den Kelz mit Hoodie und Gold-Crown-Brille gibt, der den Vogerltanz pfeift und der alsbald Emils rosa – what else? – Mini-Drachen-Sparbüchse schlachtet. „Nun hielt der Teufel meine Hand“, bangt Emil, während Philip Kelz von Rolle zu Rolle switcht.

Mit Verve schlüpft er in die verschiedenen Charaktere rund um seinen Ich-Erzähler, dessen Bericht er gleich einer Beichte ablegt – Kelz ganze Emil-Performance wie ein Bußgang, doch eigentlich ein Spaziergang, denn flugs ist der dazugehörige Stock zusammengeschraubt. Die Szenerie färbt sich rot, Auftritt Max Demian mit seiner denkbar unkonventionellen Definition von Gott und der Welt, Demian, der sinnbildlich gesprochen Sinclairs Gehhilfe zum Erwachsenwerden wird …

Bild: © Alexi Pelekanos

Kelz als Kromer. Bild: © Alexi Pelekanos

Bild: © Alexi Pelekanos

Anna Marboe hat den Text fürs Format auf die Quintessenz dessen reduziert, was einen jungen Menschen umtreibt, den es, wie’s im Text steht, „in hundert Dingen frühreif, in hundert Dingen unreif“ hin und her reißt. Die Quintessenz, Emils Weg zu sich selbst, geht interessanterweise auf Kosten der Frauenfiguren, Beatrice fehlt, leider auch die dämonische Muttergöttin Frau Eva und mit ihr all die Mystik und Magie. Selbst aus Pistorius‘ Sätzen: „Ich weiß, dass Sie Träume haben müssen, die Sie mir nicht sagen …“ sind die Straßendirnen entfernt.

[Pistorius ist ein Kirchenorganist, den Sinclair im Kapitel „Der Vogel kämpft sich aus dem Ei“ kennenlernt, ein verhuschter, aber intellektueller Sonderling, den Kelz mit rosa Blasharmonika und mittelschwerem Augentick ausstattet, und dem Hesse großartige Sätze zugeschrieben hat: „,Halt‘, rief Pistorius. ‚Es ist ein großer Unterschied, ob Sie bloß die Welt in sich tragen oder ob Sie das auch wissen! Ein Wahnsinniger kann Gedanken hervorbringen, die an Plato erinnern.“  – „Sie halten sich manchmal für sonderbar, Sie werfen sich vor, dass Sie andere Wege gehen als die meisten. Das müssen Sie verlernen.“ – „,Kommen Sie‘, rief er nach einer Weile, ,wir wollen jetzt ein wenig Philosophie üben, das heißt das Maul halten, auf dem Bauch liegen und denken.‘“]

An Requisiten in der Theaterwerkstatt genügen Tisch, Stuhl, ein paar Schachteln, aus denen Kelz allerlei Zeug hervorkramt, Kelz, der die kahle Spielfläche allein mit seiner Präsenz füllt. Als Soundtrack dienen Songs von Anna Marboes erstem Album „die oma hat die susi so geliebt“, erschienen unter ihrem Singer-Songwriter-Namen Anna Mabo bei Ernst Moldens „Bader Molden Recordings“ (www.badermolden.com/anna-mabo), und ihrem zweiten Album „Notre Dame“, das am 7. Mai ebendort veröffentlicht wird.

So geht’s durch den demianischen Kosmos, von den beiden Schächern, von denen Demian eindeutig nicht den „weinerlich bekehrten“, sondern den mit Rückgrat bevorzugt, über Jakobs Kampf zum Anfang vom Ende – die Aufführung ist in dem Sinne ein Erklärstück, dass sie lehrreich ist. Was Hesse zu dogmatischer Starrheit, bigotter Moral und bildwütigem Nationalismus zu sagen hat, ist gesellschaftspolitisch nach wie vor relevant. „Demian“ erschien, als eine traumatisierte Jugend gerade aus dem Ersten Weltkrieg – in den auch Sinclair und Demain als Soldaten hineingezogen werden – zurückkam, und Hesse von den Polemik-Attacken der Presse wegen seiner Ablehnung von Hurra-Patriotismus und Kadavergehorsam zutiefst verletzt war.

Im Zweiten Weltkrieg gehörte „Demian“ zur im Dritten Reich verpönten Literatur, gefolgt von einem Verlegestopp für die Bücher Hesses, gefolgt von einem Hesse-Boom durch die erneute Selbstsuche der desolaten Kriegsheimkehrer. Genau dies der (Spreng-)Stoff, den der Literaturnobelpreisträger in seinem Werk auslegt: die Suche nach sich selbst, im „Siddharta“ und dessen Entwicklungsstufen vom Brahmanen zum Samana zum Erleuchteten vielleicht noch deutlicher gemacht.

Bild: © Alexi Pelekanos

Demian, „kein Schüler, sondern ein Forscher der eigenen Probleme“, führt Sinclair in einen diesem unbekannten Gedankenraum, wobei Kelz im Zwiegespräch zwischen dem ernsten, dominanten und dem verlegen grinsenden wechselt. Er spricht – der Lesbarkeit halber erspare man sich hier den kompletten Abraxas-Komplex, der gnostische Gott, der Gut und Böse in sich vereint, und der als Aufforderung an Sinclair auch seine Schattenseiten anzunehmen gedeutet werden kann – Demian also redet dem Individualismus das Wort, jenem natürlichen Feind der Gesellschafts(zuge)hörigkeit, jenem Ausfallschritt aus dem Stechschritt der

Uniformgeher, der die Masse Richtung Demokratiefeindlichkeit und Diktatur zu lenken pflegt. Besser mit seinen Dämonen kämpfen, als den Götzen der Konvention anzubeten, sagt Kelz‘ Demian, doch weiß er: „Nichts auf der Welt ist dem Menschen mehr zuwider, als den Weg zu gehen, der ihn zu sich selber führt.“ „,Gemeinsamkeit‘, sagte Demian, ‚ist eine schöne Sache. Aber was wir da überall blühen sehen, ist gar keine.’“ Welch ein Spruch, denkt man an die Beschwörungsformeln der heutigen Heilsversprecher. Wir sind auf einem guten Weg! Alles kein Weltuntergang! Genug ist genug … Vom Konfirmationsunterricht übers Internat zur Universität, immer wieder manifestiert sich Demian just dann, wenn Emil Sinclair eine Sinnkrise hat, wenn sich unter ihm seelische Abgründe auftun, wenn er einen Freund braucht.

Demian, beim ihm im Traum erschienenen Namen mag Hesse an Sokrates‘ Daimonion gedacht haben, der warnenden inneren Stimme, die den griechischen Philosophen von falschen Entscheidungen abhielt, und Sinclair glaubt tatsächlich, „dass in uns drinnen einer ist, der alles weiß“. Und dementsprechend spielt Philip Kelz das auch, nach einem persönlichen Exkurs über einen Freund, der seinen ungeliebten Job hinwarf, um spätberufener Schauspielschüler zu werden, „cooler Typ“, sagt Kelz, sein Gleichnis ein zeitgemäßer Ankerpunkt in Hesses Aphorismenansammlung. So also spielt Kelz, so wie der Mephisto schon als zweites Ich des Faust gezeigt wurde, denkt man, und schon zitiert Kelz aus der Studierstube: Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht.

„Ein Faustschlag ins Gesicht der Pietät gehört zu den Taten, ohne welche man nicht von der Schürze der Mutter loskommt“, das Zitat ist von Hesse. Man denkt an Freuds ÜberIch-Ich-Es, aber nein, Hesses Freund war C.G. Jung, die Formel lautet daher wie folgt: Das Ich + das Selbst = die Ich-Werdung. Das Ideal der Masse = die Anpassung minus der Angst vorm eigenen Inneren = der Aufbruch zur Ich-Werdung. „Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören“, steht auf einem Zettel, den Demian Emil in die Schulmappe steckt.

Das alles geschieht Sinclair schließlich im Krieg, in dem es gilt, für ein Ideal zu sterben, das nicht frei gewählt, sondern ein gemeinsam übernommenes ist. Emil wird verwundet, landet im Lazarett, wo auf der Pritsche neben ihm Demian liegt – um sich zu verabschieden: „Ich werde fortgehen müssen. Du wirst mich vielleicht einmal wieder brauchen. Wenn du mich dann rufst, dann komme ich nicht mehr so grob auf einem Pferd geritten oder mit der Eisenbahn. Du musst dann in dich hineinhören, dann merkst du, dass ich in dir drinnen bin.“

Da schaut Sinclair und den Spiegel und zurückschaut „… der Blick Demians. Ich sehe mein eigenes Bild, das nun ganz Ihm gleicht, Ihm, meinem Freund …“ Anna Mabo singt: Ich bin noch nicht, was ich bin, aber ich glaub‘ ich bin am Werden … und Anna Marboe sagt: „Erwachsen klingt immer so fertig. Ich denke, das bin ich noch nicht. Maximal: erwachsend. Und das hoffentlich noch lange.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Wo-bidDiPy4           www.landestheater.net

Zur Materialmappe: www.landestheater.net/de/theatervermittlung/schule-und-kindergarten/materialmappen/materialmappen-19-20/mm-demian

Anna Mabo auf dem Donauinselfest 2020: www.youtube.com/watch?v=5587bbBAKrQ           www.badermolden.com/anna-mabo

  1. 4. 2021

Landestheater NÖ online / Luk Perceval & NTGent: Yellow – The Sorrows of Belgium II: Rex

März 12, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Front- und Fluchtbriefe auf dem Billardtisch

Vabanquespiel auf dem Billardtisch: Peter Seynaeve, Lien Wildemeersch, Philip Leonhard Kelz, Chris Thys, Oscar Van Rompay und Valéry Warnotte. Bild: © Maria Shulga

Mit dem Verlesen eines Artikels einer neuen rechtsradikalen französischsprachigen Zeitung, der vor den neuen rechten Schlagwörtern nur so strotzt, großer Austausch, Kulturmarxismus vs. christliche Werte, die Linke unterstützt den Islam, um mit der Frustration der Minderheiten die westliche Zivilisation zu zerstören …, legt Luk Perceval den Finger in eine Wunde, die längst noch nicht vernarbt ist. Nationalsozialismus in Belgien, darüber weiß man hierzulande wenig. Belgien war neutral, doch griffen im Mai 1940 die nazideutschen

Truppen an; nach der campagne des 18 jours ergab sich die belgische Armee bedingungslos. In „Yellow – The Sorrows of Belgium II: Rex“ beschäftigt sich Perceval nun mit der Kollaboration seiner Landsleute mit den Nationalsozialisten und damit gleichsam mit dem bis heute schwelenden Konflikt der Wallonen mit den Flamen.

„Yellow“ ist der zweite Teil von Percevals nach den Farben der belgischen Nationalflagge benannten Trilogie, Teil eins „Black“ befasst sich mit den Kolonialverbrechen Belgiens im Kongo, Teil drei „Red“ wird von den aus Brüssel stammenden IS-Attentätern handeln. Und weil der flämische Regisseur die Koproduktion des NTGent mit dem Landestheater Niederösterreich nicht vor leeren Sitzreihen streamen wollte, hat er sein Theaterprojekt in einen Film verwandelt, zu sehen noch bis Sonntagabend und wieder ab 19. März auf www.landestheater.net oder www.ntgent.be/en. Gesprochen wird flämisch, französisch, deutsch und englisch; mit deutschen Untertiteln.

Zwei alte Männer also, der eine sitzt an einem Billardtisch mit abgesägten Beinen und studiert Fotos, Briefe, verlesen, gelesen wird viel in dieser Produktion, der andere hinter ihm sagt etwas, unhörbar, seine Stimme geht im melancholischen Yellow Waltz von Sam Gysel unter, die Kamera von Daniel Demoustier ist hart daran, die Gesichter zu rammen. „Jef? Jef?”, stammelt der Mann am Tisch, Peter Seynaeve als dessen Vater Staf, gleich wird er mit sich überschlagender Stimme Parolen deklamieren, das Bild wird schwarzweiß, man ist in den 1940ern – bei jenen Flamen, die sich als Deutsche sehen, als Teil der „germanischen Rasse”.

Nach dem Text von Autor Peter van Kraaij verfolgt Perceval das Schicksal der von Hitlers Reden entflammten flämischen Familie Goemmaere. „Der Führer lässt Flandern wieder an der Geschichte teilnehmen”, ist man überzeugt. Wallonen gegen Flamen, das hat was von Kain und Abel, die Französischsprachigen werden seit Jahrhunderten, genauer seit 1302 als ein bäuerliches Infantrieheer einer französischen Ritterarmee gegenüberstand, als Unterdrücker betrachtet. Jetzt ist der Glaube an Gott und das Tausendjährige Reich geweckt. Staf hat Sohn Jef mit der Flämischen Legion, Freiwilligen der Waffen-SS, in den Kampf gegen die Sowjets geschickt. Staf selbst ist Mitglied der Dietse Militia des Rechtsnationalisten Jef François, Tochter Mie bei den Dietse Meisjesscharen und Priester-Onkel Laurens ein fanatischer Faschist.

Einzig Stafs Bruder Hubert hält sich von der Hurra-Stimmung fürs NS-Regime fern, eine Hurra-Stimmung, eine Kriegsbegeisterung, die im Laufe der kommenden zwei Stunden mehr und mehr zu Kadavergehorsam wird, geschildert dies alles ohne moralische Gehässigkeit, das „Heil!” auf dem Heldenplatz kam den Menschen um nichts weniger enthusiastisch über die Lippen als hier den Flamen, alldieweil sich Mutter Marije, Chris Thys, um ihren Sohn, der qua einer Andeutung auch Huberts sein dürfte, die Augen ausweint.

Seynaeve, Van Rompay, Wildemeersch, Kelz und Thys, vorne: Luk Perceval. Bild: © Maria Shulga

Strammer „Deutscher Gruß“: Lien Wildemeersch, Philip Leonhard Kelz und Valéry Warnotte. Bild: © Fred Debrock

Seynaeve, Van Rompay, vorne: Wildemeersch und Kelz, Warnotte und Thys. Bild: © Maria Shulga

Perceval lässt die Kamera seinen Schauspielerinnen und Schauspielern die meiste Zeit eng auf den Leib rücken, arbeitet mit Close-ups und Intercuts; mit allen ästhetischen Mitteln will Perceval, dass sich sein Film von der für nach Corona geprobten Bühnenfassung unterscheidet; ein sphärischer Soundtrack wabert durch den Genter Theaterraum, der Billardtisch ist bald eine zweite Spielebene; die Fahnen, die wehen, sind weiß wie die der ethischen Kapitulation, die Rekapitulation einer historischen Desillusionierung – im emblemlosen Flaggenwald geht’s so zackig zu, „Deutscher Gruß” und deutsche Disziplin, dass diesbezüglich keine Fragen offenbleiben.

Fast schon wähnt man den Regisseur in satirischer Distanz zu seinen Figuren; wie in einem abstrakten Leo erscheinen Valéry Warnotte als Léon Degrelle, Gründer der faschisten Bewegung Rex – siehe Stücktitel – und Aktiver in der Wallonischen Legion, Warnotte als Demagoge und Phrasendrescher der Inszenierung, und als Österreich-Import Obersturmbannführer Otto Skorzeny, dem der Mythos der Mussolini-Befreiung zu einiger Berühmtheit verhalf. An diesen real existiert habenden Charakteren dokumentiert Perceval scheint’s die absurde Groteske von Geschichte.

Die beiden Alt-Nazis, so viel zum „Fangen spielen”, werden einander später im Spa, nicht Belgien, sondern mit Bademantel und Wellnesscocktail in Spanien und in Farbe begegnen. Der nunmehrige „José de Ramirez Reina” und der Firmenvertreter für Nivea und die Voest haben sich vom gefallenen „Führer” unter Francos Fittiche gerettet, um dem Diktator beim Machterhalt zu helfen und in Skorzenys Fall – „Ich will doch nicht enden wie Eichmann!” – Waffengeschäfte mit dem Mossad zu machen. Eine Episode, unglaublich, doch historisch belegt, die zu den besten des Films gehört; die Freunde überbieten sich in Hitler-Anekdoten: „He was such a nice guy!”

Doch noch ist es nicht so weit. Philip Leonhard Kelz, Ensemblemitglied des Landestheaters, agiert, agitiert sich als Otto Skorzeny in den Mittelpunkt des Geschehens. Mit dem Laurens von Oscar Van Rompay übt er ein Burschenschafter-Duell, das ins Homoerotische entgleitet, bei einem lasziven Tänzchen wird er sich an die Mie von Lien Wildemeersch schmiegen, Kelz ganz Stimmungsmacher, Spielmacher, geschmeidig wie die Schlange der Versuchung – er, der offensichtlich weiß, was gewesen sein wird, und seine Schilderungen in Vergangenheitsform setzt.

Wenn er als „überzeugter Europäer” von „sozialer Gerechtigkeit” spricht, werden die Floskeln aus der falschen Ecke zeitgemäß. In diesem vielschichtigen Spiel, in dem sich keiner schont, fügt sich Kelz mit seiner starken, in schönster Verschmitztheit das Österreichertum ausstellenden Performance nahtlos ins Genter Ensemble ein. Der Flamen-Clan saugt Skorzenys Heilsversprechen gierig auf, der Kamerazoom zeigt die Gesichter erwartungsvoll, stolz, euphorisch, Marijes unter Tränen – und hassverzerrt wie die Fratzen in Hieronimus Boschs „Christus trägt das Kreuz”, das im Museum für Schöne Künste in Gent hängt.

Vor allem Lien Wildemeersch als Mie schafft es, dass man auf deren blindwütige Gläubigkeit zunehmend zornig wird, und Oscar Van Rompays Laurens mit seinen vor religiöser Extase aufgerissenen Augen. Der Russlandfeldzug, er ist ein Heiliger Krieg, die Soldaten Kreuzritter für „unsere Zivilisation”. „Flandern frei! Und für Belgien nix!” wird skandiert. Bis das nationalistische Narrentreiben und sein schwärmerischer Rassismus von ersten Frontberichten gestört werden.

Chris Thys, Peter Seynaeve, Lien Wildemeersch und Philip Leonhard Kelz. Bild: © Maria Shulga

Oscar Van Rompay, Lien Wildemeersch, Philip Leonhard Kelz, Chris Thys und Valéry Warnotte. Bild: © Maria Shulga

Gleich Eva und der Schlange der Versuchung: Philip Leonhard Kelz und Lien Wildemeersch. Bild: © Maria Shulga

Van Rompay, Seynaeve, Warnotte, Thys, Shulga und Wildemeersch. Bild: © Fred Debrock

Die Briefe also. Sie kommen von Jef, dem stillen Bücherwurm, der nach Stafs Willen im Schützengraben zum Mann geschmiedet werden soll, und Aloysius, der Mie von den Meisjesscharen als Korrespondenz-Kamerad zugeteilt wird, eine Nahebeziehung in Worten, die von Kelz und Wildemeersch mit Körpernähe und Mut zur Initimität als elegische Liebesfantasie ausgelebt wird. Jefs Post spricht eine andere Sprache, weit und breit kein flämischer Offizier und die Flamen von der Herrenrasse auf Französisch angebrüllt; Grausamkeiten, Gräueltaten und die Abstumpfung dagegen kriegen beim Lautlesen eine seltsame Intensität – eine Poesie des Schreckens.

Briefe kommen auch von Bert Luppes’ Hubert. Der hat die geflohene Wiener Jüdin Channa, Maria Shulga, versteckt, wird entdeckt und entkommt mit ihr nach Antwerpen. Gleich Skorzeny erzählt auch Channa Vergangenes, das charmante, leichtlebige Wien, das sich nicht er- sondern hingegeben hat, ihr Verlobter, dessen Mutter sie anflehte ihn freizugeben, damit er nicht in die Fänge der Gestapo gerät, Hubert in seinen Schreiben von Zerstörung, Hunger und der Polizei, die „für eine neue Aufgabe” ausgebildet wird. Channa wird deportiert werden, „nach Osten, Jef hinterher”, kommentiert Hubert zynisch.

Da hat Familie Goemmaere ihre Verblendung längst erkannt. Schnee fällt auf Front und Familiengeheimnisse, ein unbekannter Fronturlauber bringt Nachricht von dort – und der Wahnsinn greift um sich. „Yellow”, dieser bedächtige, andächtige Film, dessen Melancholie eben noch in Lethargie kippte, wird von Geschrei und Sirenengeheul zerschnitten. Kelz kiert konsonatenknatternd im Hitler-Ton, Mie, als Krankenschwester im Lazarett, schnappt angesichts der vielen Versehrten allmählich über.

Szene um Szene montiert Luk Perceval zu seiner Collage, diese teils pathetisch, teils bizarr, immer leidenschaftlich, mit stilisierter Action und den Mitteln des Körpertheaters, didaktisch – Prädikat: wertvoll. Seine filmisch extrem präsenten, expressiv agierenden Darstellerinnnen und Darsteller schultern mit Verve das Paradoxon ein Chor monologierender Stimmen zu sein. Ihr Spiel ist im besten Sinne der Bedeutung sinnlich.

Zum Schlussakkord gehört Hubert, der nach dem Krieg Wien besucht, Museum rein, Museum raus, und raus zum Zentralfriedhof, dem jüdischen Teil. Dutzende Grabstätten, aber sehr viel freie Fläche. Ein Symbol. Hier sei von jüdischen Familien Land gekauft worden für Gräber, die es nun nicht mehr gibt, meint Hubert. Zum Schlussakkord gehört Laurens im Gefängnis. „Geduld”, sagt er. „Geduld, meine Seele, die Saat keimt noch nicht.”

Zu streamen bis Sonntagabend und wieder am 19. März ab 20 Uhr für 48 Stunden. Nach Wahl mit deutschen Untertiteln. Tickets: 12 €. In Gent hofft man die Produktion noch im Mai live zeigen zu können. Vorstellungen im Landestheater Niederösterreich sind für Herbst 2021 geplant.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=pOC9NaqoKYA           vimeo.com/519872206           Interview mit Dramaturgin Margit Niederhuber: www.youtube.com/watch?v=D-aHuHj_VpI            Dreharbeiten: vimeo.com/516221812           vimeo.com/519039163           www.landestheater.net           www.ntgent.be/en          www.lukperceval.info

  1. 3. 2021

Landestheater NÖ online: „Molières Schule der Frauen“ als Silvester-Vorstellung

Dezember 11, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Willkommen im Cirque de l’Obscurité!

Am Ende heißt’s „Alles Tango!“ Laura Laufenberg als Agnès und Tobias Artner als Oronte. Bild: Alexi Pelekanos

In seiner Reihe #wirkommenwieder bietet das Landestheater Niederösterreich zu Silvester ab 19.30 Uhr und danach für 24 Stunden Ruth Brauer-Kvams „Molières Schule der Frauen“ als kostenlosen Online-Stream auf der Homepage www.landestheater.net an. Hier Auszüge aus der Premieren-Kritik:

Und jetzt einen Gang hochschalten, bis die Kurbelwelle rotiert. Das kann Ruth Brauer-Kvam. Sie hat am Landestheater Niederösterreich „Molières Schule der Frauen“ inszeniert, und man merkt ihrer Regiearbeit an, dass sie an der Volksoper auch diese Spielzeit höchst erfolgreich als „Cabaret“-Conférencière über die Bühne spuken wird. Willkommen, Bienvenue, Welcome also im Cirque de l’Obscurité!

Brauer-Kvam übersiedelt die im Abgang unter ihrer Denklehre ächzende Komödie des Commedia dell’arte-affinen Dichters ins Théâtre du Grand Guignol. Alles hier ist überzeichnet, überkandidelt, überdrüber, eine Commedia dell’arte-Travestie, in der genüsslich zu verfolgen ist, wie den Protagonisten die Pi-Galle überläuft – nicht nur dem um seine sinistren Ehepläne bangenden Arnolphe, sondern auch dem kunstsinnigen Climène – im

Original eine Frau, der sich als Theaterzuschauer gar nicht genug über die „geschmacklose“ Handlung aufregen kann. Gewitzt hat Ruth Brauer-Kvam nämlich „L’école des femmes“ mit Molières „Kritik der Schule der Frauen“ und auch ein wenig „Menschenfeind“ verbandelt. Erstere eine Art Meta-Komödie, in der Molière seine Kritiker, denn ja, anno 1662 löste die Uraufführung der „Schule der Frauen“ wegen des emanzipatorischen Ansatzes und des Spotts auf den Ehestand einen handfesten Theaterskandal aus, als Heuchler und Beckmesser enttarnt.

Und so treffen nun Michael Scherff als Climène und Emilia Ruperti als Salondame Uranie aufeinander, um die Klischee-Vorstellung zur Rolle der Geschlechter samt ihrer eigenen diffizilen Beziehung zu diskutieren – und zwar nicht als Rahmen-, sondern mitten in der Handlung … Molière-logisch, dass ein Hübscher namens Horace dem ominösen Wirken des angegrauten Brautwerbers Arnolphe in die Quere kommt … Diesen spielt Tilman Rose im Sulley-Fake-Fur (© Monster AG) als manisch Besessenen, alles an ihm ist prall, laut, prahlerisch, nur im Zuflüstern seiner üblen Machenschaften ans Publikum kann er zynisch zischeln. Rund um dessen, heut‘ nennt man’s, toxische Männlichkeit lässt Brauer-Kvam das Ensemble kontrolliert eskalieren.

Auch die beiden haben ihre „maladie d’amour“: Michael Scherff und Emilia Rupperti. Bild: Alexi Pelekanos

Die Watschn trifft den Falschen: Scherff, Artner, Oberkanins, Rose, Breyvogel und Rupperti. Bild: Alexi Pelekanoss

Michael Scherff, Tobias Artner und Tim Breyvogel als „Deus ex USA“-Enrique. Bild: Alexi Pelekanos

Die Kritiker mitten im Bühnengeschehen: Philip Leonhard Kelz, Emilia Rupperti und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Das Setting ist kellerlochschwarz – Climènes: „Wer sperrt den heute noch Frauen ein?“ ein österreichischer Lacher – und atmet abgefuckte Varieté-Atmosphäre, Stummfilm-Elemente kommen ebenso zum Einsatz wie Multi-Percussionistin Ingrid Oberkanins, die per Schlagwerk den Sound zum immer tolleren Treiben vorgibt. Auftritt Philip Leonhard Kelz als Horace, auch gleich sein eigenes Horse also Pferd, der tänzelnd und von Eros-Ramazzotti-Musik gebeutelt von „Amore“ spricht. Ist er doch mittels Akzent als Italian Lover ausgewiesen, aber mit Marco-Mengoni-Haartolle und in dessen ESC-2013-Outfit nur ein Hauch weniger Knallcharge als das freche, fordernde, verfressene Dienerpaar Georgette und Alain:

Tobias Artner und Tim Breyvogel mit fulminanter Oberweite beziehungsweise Riesen-Ding-Dong, beide Meister im Stakkato-Sprechen und Bananen-Slapstick, beide die Urheber endgültiger Verwirrung, und auch als Notare, altes Weib, Oronte und Enrique eingesetzt. Laura Laufenbergs Agnès lässt sich ihre mädchenhaft-aufgekratzte Laune nicht verderben, selbst als ihr ihre Unterdrückung und Manipulation bewusstwird – und in keinem Moment offenbart Laufenberg, ob Agnès‘ Naivität echt oder ein gewiefter Überlebens-Trick ist -, kann ihr nichts den neckischen Spaß mit Horace nehmen … Ende gut, Rut Brauer-Kvam noch besser … die ganze Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41393, Trailer: www.youtube.com/watch?v=eK70Z4bkrTQ

Bettina Kerl und Julia Engelmayer. Bild: Alexi Pelekanos

Spaziergang durchs jüdische St. Pölten

Bereits ab 18. Dezember, 19.30 Uhr und frei für 48 Stunden, ist der digitale Stadtspaziergang „Es gab ein jüdisches Leben in St. Pölten“ zu sehen. Schauspielerin Bettina Kerl und Dramaturgin Julia Engelmayer haben Lebensgeschichten von St. Pöltner Jüdinnen und Juden recherchiert. Nun nehmen sie das Publikum mit auf ihrem Weg durch die barocke Innenstadt, erzählen von Schicksalen und historischen Hintergründen. Ausgangs- punkt ist die ehemalige Synagoge, aufgenommen wurde das Ganze von Filmemacher Johannes Hammel.

www.landestheater.net

  1. 12. 2020