Kasino des Burgtheaters: Lass dich heimgeigen, Vater oder Den Tod ins Herz mir schreibe

November 11, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Heimathassliebe im Tanzgleichschritt

Tino Hillebrand, Tobias Wolfsegger und Marcus Kiepe. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Es ist ein kühner Text, der Josef Winkler da gelungen ist. Ein Monolog von betörender Schönheit und grausamster Brutalität. Kraftvoll. Prosa, die wie ein Gedicht klingt. Die theatral gemachte Realität von Paternion. Vater – das Wort schwingt im Namen der Ortsgemeinde schon mit, einer Gemeinschaft deren Bestandteil Winkler kaum je war. Einen Brief, wird es am Ende des Textes heißen, hat er geschrieben:

„Lass dich heimgeigen, Vater oder Den Tod ins Herz mir schreibe“, ersteres ein Dialektausdruck für jemanden schelten, mit Schimpf und Schande nach Haus schicken, zweites eine Zeile aus einem Gebet, uraufgeführt nun im Kasino des Burgtheaters. Winklers Schreiben entzündet sich von jeher an seinen Elternhauserfahrungen, es ist Heimathassliebe und fürbittende Vaterverachtung und die fehlende Mutterumarmung. Winklers Schreiben ist ein Lautgeben gegen das Verstummen, Verdummen und Schweigen, kollektiv wie individuell, und so fährt sein schonungsloser Stift auch diesmal entlang seines Lebensthemas. Versehrtheit durch Vergangenheit. Das betrifft sowohl die Vaterwatschn wie Mutters Nervenkrise, betrifft den Alltagsfaschismus im patriarchalen Kärntner Bauerndorf wie den dort herrschenden scheinheiligen Katholizismus.

Im Zentrum von „Lass dich heimgeigen, Vater …“ steht die Empörung des Ichs ob des Umstands, dass jahrzehntelang totgeschwiegen wurde, dass im Gemeinschaftsacker der sogenannten Sautratten der Massenmörder an den Juden Odilo Globocnik nach seinem Zyankali-Selbstmord von der britischen Besatzungsmacht einfach verscharrt worden war. Der „Globus“, der „Nazibluthund“ – „Zwei Millionen ham’ma erledigt!“, heißt es – als Lebensspender fürs Getreide, aus dem das tägliche Brot gemacht wurde, das verschlägt dem Autor später so das Essen, dass er fast bis zum Ableben abmagert.

Branko Samarovski, Marcus Kiepe und Leon Haller. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Liebe Vater! Böser Vater! Warum hast du geschwiegen, warum hast du es wohl verschwiegen, denn du mußt, wie all die anderen Dorfleute, wenn du uns deine Kriegserlebnisse und Kriegsabenteuer erzählt hast, vor allem zu Allerheiligen und Allerseelen, zu Ostern … auch auf der Feuchtwiese der Sautratten — du mußt es gewußt haben, gib’s zu, mein Vater …“ So beginnt die Anklageschrift.

In der sich Josef Winklers Kindheitserinnerungen und eben seines Vaters Kriegserfahrungen als Soldat und beider Entbehrungen mischen. Mit dem Onkel Franz, der bei der SS in Nürnberg „nur“ Schreibtischtäter war, und dem Onkel Hermann mit dem Hitlerbärtchen wird sich an diversen Feiertagstafeln ausgetauscht. Über gesunde Diktaturen und die Schweine-Russen und die noch viel schlimmeren Juden, ohne deren Selbstvernichtungstrieb man Stalingrad genommen hätte. Dazu die im Szegediner Gulasch rührende Mutter, in der guten Stube immer wieder verstorbene und aufgebahrte Großelternteile. Winklers Erinnerungsarbeit ist ein Schlachtengemälde, nie moralisierend, sondern maximal ausstellend, dabei privat mit politisch untrennbar verbunden. Strophen der Ungehorsamkeitsballade „Der Bauer schickt den Jockel aus“, die die einzelnen Textstellen einleiten, steigern die Non-Handlung ins Groteske.

Als wolle sie Winklers starke Sprachbilder nicht beschädigen, hält sich Regisseurin Alia Luque mit ihrer Inszenierung extrem zurück. Sie lässt im kahlen Saal spielen, erschafft ihn gleichsam neu als artifiziellen Raum, indem sie sich jeder realistischen Abbildung des Textes verweigert. Für fünf Schauspieler, Branko Samarovski, Marcus Kiepe, Leon Haller, Tino Hillebrand und Tobias Wolfsegger hat sie Bewegungsmuster erstellt. Eine Choreografie an Gängen und Gesten, einen Tanzgleichschritt als Winkler’sche Erinnerungsschleifen, kaum mehr ist ihr dazu aber eingefallen als Rennen durch den Regen und eine Anlehnung ans Ministry of Silly Walks. Währenddessen wird immerhin auf höchstem Niveau vorgetragen.

Branko Samarovski, Tino Hillebrand und Tobias Wolfsegger. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Darsteller sind zu interpretieren als hypothetische Winkler-Alter-Egos, seine Sprach-Figuren, Wolfsegger der Knabe, Hillebrand der Handelsschüler, Haller der Jungautor, Samarovski der Schriftsteller im Jetzt, changierend zwischen einem Versuch von Altersweisheit und dem immer noch Aufbegehren. Marcus Kiepe nimmt die Sonderposition ein, als eine Skizze der in Winklers Text abwesenden, sich abwesend machenden Frauen.

Aus Kiepes (Ver-)Kleidung ergeben sich auch mögliche Vater-Mutter-Kind-Konstellationen. Tatsächlich ist er optisch wie schauspielerisch die Erscheinung des Abends, sein Agieren von großer Wahrhaftigkeit. Wie er mal wie somnambul, mal mit humoriger Süffisanz, mal mit plötzlicher Aggressivität durch die Sätze turnt, sie mal zerkaut wie zähes Fleisch, das will gehört werden. Seine Geste: eine einladende, ausladende, eine Umarmung andeutende.

Ganz wie die piksüßen, schwarzweißen Schlagersängerinnen, die über das einzige Requisit, einen alten Fernsehapparat, laufen. Dalida, France Gall, Milva, Melina Mercouri, Juliette Greco, Mireille Mathieu … Inwieweit diese Idee Luques sinnhaft gebraucht wird, wo der Konnex italienischer, französischer Musikshows zum „Vergib uns unsere Schuld“ eines Nachkriegsösterreichs sein soll, sei dahingestellt. Mitunter stören die geträllerten Chansons das konzentrierte Bühnengeschehen. Immer ekstatischer wird das Spiel, nicht nur Kiepe beherrscht das frontale mit dem Publikum, auch Hillebrand und Haller kokettieren giftig damit, wenn sie von zerstückelten Plastiksexpuppen und grün phosphorisierenden Kruzifixen erzählen, Samarovski sowieso gespenstisch gut, allerdings wenig gefordert, Tobias Wolfsegger eine Entdeckung, die auch mit zwei Tanzeinlagen parallel zum beschwingten Beschwichtigungs-TV glänzen darf.

Bei einem späteren Besuch im Elternhaus „kam der Onkel Peter mit meinem ersten Buch, auf dem ein Selbstmörder aus dem Dorf abgebildet war, aus dem Zimmer …, schlug der Onkel Peter neben meiner Mutter mein Buch mehrmals an seine Oberschenkel und rief: ,Sex und Kruzifix und Kruzifix und Sex! Abstellen! Abstellen! Er soll zu schreiben aufhören!‘“, berichtet Winkler schließlich zum Schluss. Das Kind, das einmal war, wird er in sich umbringen, dazu weiterschreiben müssen. Mit diesem grausigen Hoffnungsschimmer endet eine interessante, auch anstrengende Aufführung.

www.burgtheater.at

  1. 11. 2017

Die Schüler der Madame Anne

November 2, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Shoah als Lehrstoff für Muslime

Nicht allen Schülern gefällt der Unterrichtsstil der mutigen Madame Anne (Ariane Ascaride) Bild: © Thimfilm

Nicht allen Schülern gefällt der Unterrichtsstil der mutigen Madame Anne (Ariane Ascaride)
Bild: © Thimfilm

Filme über unerschütterliche Lehrer in Problemklassen erfreuen sich seit Peter Weirs „Der Club der toten Dichter“ großer Beliebtheit. Das ist so, weil man, wie angesichts unzählbarer Ärzte-Fernsehserien, wohl denkt, so einen hätte man auch gern gehabt. Einen, der an das Gute im Menschen glaubt, auch wenn dieser Mensch gerade Kaugummi kaut. Ein engagierter, einfühlsamer Lehrer kann quasi ein Leben retten. Wege aufzeigen und die Mittel vermitteln, diese zu beschreiten.

Mit „Die Schüler der Madame Anne“ von der französischen Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar kommt am 6. November ein solcher Film in die Kinos. Erzählt wird die Geschichte der Lehrerin Madame Anne (Ariane Ascaride), die sich nicht vom Desinteresse und der Aggressivität ihrer Schüler, von deren kulturellen und persönlichen Konflikten beirren lässt, und der es so gelingt, zu den Jugendlichen vorzudringen. Ein schönes Schulmärchen. Allerdings ein tatsächlich geschehenes.

Die sechste Klasse im Pariser Vorstadt-Lycee Leon Blum ist eine Bande aufsässiger, schwätzender Störenfriede. Schulalltag heißt hier Strafkolonie. Madame Anne regiert mit harter Hand und hantiger Stimmlage. Sie hat eine klare Regel, die besagt: In der Multikulti-Klasse weder Kreuz noch Kopftuch. Es ist nicht leicht diese Schüler unterschiedlichster Herkunft für irgendetwas zu begeistern. Madame Anne meldet die Klasse zum „Nationalen Wettbewerb zum Widerstand und zur Deportation“ an. „Wieso geht es ständig um die Juden?“, fragt ein Schüler. „Es geht um Kinder und Jugendliche in den Konzentrationslagern der Nazis“, sagt Madame Anne. Und so beschäftigt man sich erst widerwillig mit dem Stoff. Liest über Anne Frank. Und lernt, dies die Schlüsselszene des Films, einen Zeitzeugen kennen, der als 15-Jähriger, also im Alter der Schüler, mit Vater und Bruder deportiert wurde. Als er den Buchenwald-Schwur vorträgt, den die Überlebenden am 29. Jänner 1945 auf dem Appellplatz verkündet haben, sind auf und vor der Leinwand die Dämme gebrochen … Den jüdischen Holocaustüberlebenden, diesen zentralen Auftritt, nach dem der Film den Originaltitel „Les Heritiers“ – Die Erben trägt, spielt der mittlerweile verstorbene Leon Zyguel selbst.

Auch der junge schwarze Muslim Malik, der sich im Lauf der Handlung nicht nur gegen den Druck strenggläubiger Brüder zu Wehr setzen muss, sondern sich auch in eine Mitschülerin verliebt, wird von einem gespielt, der Geschichte selbst erlebt hat: Ahmed Dramé hat aus seinem Klassenerlebnis ein Drehbuch gemacht und es Regisseurin Mention-Schaa geschickt, deren Film „Meine erste Liebe“ ihn beeindruckt hatte. „Ich war 2009 Schüler dieser Klasse. Trotz meiner recht guten Noten hatten die Lehrer entschieden, dass ich die Matura sowieso nicht schaffen würde, so wie das oft der Fall ist, wenn man nicht aus einem privilegierten sozialen Umfeld kommt. Die Begegnung mit unserer Geschichtslehrerin Madame Anglès, der echten Madame Anne, die gleichzeitig auch unsere Klassenlehrerin war, war grundlegend. Sie hat uns den Wettbewerb vorgeschlagen, anstatt uns weiter abstürzen zu lassen, obwohl der Schuldirektor dagegen war. Die Teilnahme am ,Nationalen Wettbewerb zum Widerstand und zur Deportation‘ hat mein Leben verändert, genauso wie das der anderen Schüler. Nach diesem Erfolg habe ich mich zu vielem fähig gefühlt.“, sagt Ahmed Dramé im Interview.

„Die Schüler der Madame Anne“ ist ein engagierter und sympathischer Film, für Schüler ein Plädoyer, sich niemals unterkriegen zu lassen, sondern aufgezeigte Chancen zu nützen. Für Lehrer eine Ermutigung und eine Erinnerung, ihren Job trotz aller Widrigkeiten ernst zu nehmen. Mention-Schaa erzählt mit Gespür für Jugendkultur und weitgehend ohne Peinlichkeiten von Außenseitern und Rädelsführern in einer Klasse, aber auch davon, dass man Solidarität initiieren kann. Dass der Film ein wenig pädagogisch wertvoll und streckenweise bemüht daherkommt, liegt vielleicht am Thema: Schule.

www.madameanne.de

Wien, 2. 11. 2015