Theater in der Josefstadt: Anna Karenina

September 2, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Unterkühlte Erotik auf dem Eislaufplatz

Der Josefstädter Eislaufverein: Alexandra Krismer, Alexander Absenger, Alma Hasun, Claudius von Stolzmann und Silvia Meisterle. Bild: © Moritz Schell

Zum Auftakt der Wiener Theatersaison hat Regisseurin Amélie Niermeyer, die 2019 mit ihren Ideen zu Tschechows „Kirschgarten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36654) am Haus so großartig reüssierte, fürs Theater in der Josefstadt „Anna Karenina“ inszeniert – immerhin mit dem Vermerk „nach Leo Tolstoi“, in einer Fassung von Armin Petras, die Niermeyer um ihr spannend erscheinende Aspekte aus

dem 1000-Seiten-Weltliteratur-Wälzer ergänzte. Das Ergebnis, bei der gestrigen Premiere präsentiert, ist … so lala, oder positiver formuliert: Ein Abend, auf den man sich einlassen wollen muss, doch selbst wenn’s wie hier am guten Willen nicht fehlte, sind die drei Stunden Spieldauer sehr lang. Längen die gar nicht notwendig wären, würde Niermeyer auf mehr Energie und weniger elegische Überdehnung der Szenen setzen. Das Ensemble dafür hätte sie allemal an der Hand, nur dass dieses im auch schon überstrapazierten Mix aus Dialog/direkter Rede, innerem Monolog und epischem Erzählton in der dritten Person in seltenen Momenten zum Spielen kommt.

Eine Kunst ist es jedenfalls, Tolstois 29-köpfiges Gesellschaftspanorama auf ein Acht-Personen-Kammerspiel zu reduzieren. Niermeyer konzentriert sich auf die Beziehungen zwischen Anna Karenina, Alexej Karenin und Alexej Wronski, den die Aberkennung der Offizierswürde zum hauptberuflichen Erben mit Rich-Kid-Anwandlungen degradiert, Stepan und Dascha Oblonskij, die beiden alles andere als ein Fürstenpaar, sondern biedere Mittelstandspleitiers, sowie Daschas Schwester Kitty mit Verehrer Kostja Ljewin.

Letzteren hat Niermeyer als ihren Spokesman deutlich aufgewertet, der Sozialrevolutionär ist es, der sich über „Das Kapital“-Themen wie Neuordnung von Besitzverhältnissen und Gerechtigkeit für die Arbeiterklasse auslassen darf, ein ewig Zweifelnder und unablässig Sinnsuchender, wobei ihm Niermeyer laut Programmheft-Interview gleich auch noch die CoV19-Pandemie samt nihilistischen Todesfantasien und Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine zum Theoretisieren mit auf den Weg gibt. Dass ausgerechnet dieser Gutsbesitzer Lewin mit seinen Plänen zur Reformierung der Landwirtschaft an der Trägheit des Bauernstands scheitert, mag als Fingerzeig auf bevorstehende Wahlen gedeutet werden.

„Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.“ Mit diesem ersten Satz Tolstois beginnt auch Niermeyer, der Text läuft über einen semitransparenten Vorhang, bis der sich hebt und man sich auf einem Eislaufplatz wiederfindet. Auf diesem – wie sich bald herausstellen wird – dünnen Eis dreht der Josefstädter Schlittschuhverein seine Kreise: Alexander Absenger als depressiv-tollpatschiger Philosoph Lewin, der sich von Alma Hasuns exaltierter Hyper-Hyper-Kitty einen Korb holt, weil die Eisprinzessin den Wronski liebt, Claudius von Stolzmann, der sich mit einer Pirouetten-Drehung aus der Dreier-Situation nimmt, nur um jetzt mit einem Doppeldreier aufzukommen: Anna Karenina, die auf dem Bahnsteig steht.

Silvia Meisterle, Cornelius Bruckmann, Raphael von Bargen. Bild: © M. Schell

Silvia Meisterle und Claudius von Stolzmann. Bild: © Moritz Schell

Silvia Meisterle und Claudius von Stolzmann. Bild: © Moritz Schell

Als diese zeigt Silvia Meisterle eine ihrer besten Leistungen bisher, ihre Karenina ist modern, mondän, ausgestattet mit der zynisch-unterkühlten Erotik einer Femme fatale. Mit ihrem Trolley könnte sie glatt als Businessfrau anno 21. Jahrhundert durchgehen, längst hat sie an Karenins Seite gelernt ihre Emotionen auf Eis zu legen, und dann ist da plötzlich einer, der das Eis crushen will. Diese Anna ist mehr Schwester von Nora oder Hedda Gabler als eine der Russinnen ihrer Zeit. Zu dieser Anna passt, dass Niermeyer unter Verwendung der Neuübersetzung von Rosemarie Tietze den Frauenfiguren Textpassagen, die im Original von Männern gesprochen werden, von ihr so genannte „inhaltlich relevante Passagen“ zuschreibt.

Zu den zeitgenössischen Outfits von Christian Schmidt hat Bühnenbildnerin Stefanie Seitz in Rechtecke unterteilte Wände erdacht, die verschiedenfarbig beleuchtet werden können, mitunter lässt sich ein häuslicher Wolkenstore gleich Gitterstäben herunter  – und um Rilkes Poem über Selbstentfremdung und Im-Kreise-Gehen zu bemühen: „hinter tausend Stäben keine Welt“. Auf der Bühne steht außerdem ein für Loops an einen Laptop angeschlossenes Keyboard, an dem Kitty die anderen mit ihren „Kompositionen“ quält, Imre Lichtenberger Bozokis eigens für die Aufführung geschaffene Musik erklingt, oder auch mal „Rasputin“ von Boney M., Schostakowitsch und Chick Coreas „Childrens’s Song No.6“ – gespielt von Raphael von Bargen als berührend gequältem Karenin.

Auch diesen hat Niermeyer in ein interpretatorisch neues Gewand gehüllt, der Charakter oft als spießiger und engstirniger Aktenvernichter gelesen, ist bei ihr ein sympathischer, dessen fatale „Sünde“ es ist, zu lange zuzuwarten: „Durchdenken, entscheiden, ad acta legen“, auch dieses Motto eines Staatsdieners hochaktuell. Doch lässt er sich erst noch von Sohn Serjoscha, Cornelius Bruckmann, im Holzschwerter-Duell auf lustigeste Art besiegen, lässt er alsbald seinen Frust an dem Buben aus, der daraufhin zum seelischen Krüppel mutiert, während der Vater am Sorgerechtsstreit zerbricht. Ach ja, die russischen Neurosenkriege!

Alexandra Krismer und Alma Hasun. Bild: © Moritz Schell

Alexander Absenger und Alma Hasun. Bild: © Moritz Schell

Robert Joseph Bartl als „Tanzmeister“. Bild: © Moritz Schell

Auch Kittys Unglücksball findet als Holiday on Ice statt, zu „Stepan“ Robert Joseph Bartls Anweisungen als „Tanzmeister“ wird sich zur Quadrille in Pose geworfen. Bartl kommt die Aufgabe als fröhlichem Hedonisten zu, der um sein Ablaufdatum weiß. Stepan ist einer, der den unfairen Bonus und die Privilegien seiner gewichtigen Position mit Vergnügen und ohne Skrupel genießen will, und glaubhaft erzählt Alexandra Krismer von einer Frau, Dascha, die einzig wegen der sechs Kinder beim notorischen Fremdgeher und gleichzeitigem Pantoffelheld bleibt, und seit langem an ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter ver-/zweifelt.

Das alles wird mehr geschildert denn gespielt. Das große Problem des Abends ist, man hört, aber man fühlt nicht. Weder, dass Anna wie angesagt zum ersten Mal Liebe, Lust und Leidenschaft erfährt, ihr Inneres scheint kalt und leer bis zum bitteren Ende, noch dass mit Wronski endlich befriedigender Sex im Spiel ist – trotz nackter Umarmung. Dass Claudius von Stolzmann Umberto Tozzis „Gloria“ zu einem Karaoke-„Anna Wronskaja“ umdichtet, wird zwar mit Szenenapplaus bedacht, aber bitte wieso wird diese Figur mit allerlei Schnickschnack so verjuxt? Warum sich Anna und Wronski am Schluss bis aufs Blut entzweien, es geschieht so unvermittelt, dass es schleierhaft bleibt. Okay, er hat die Allüren dieser Frau endgültig satt, aber war da zwischen zwei Buchdeckeln nicht noch mehr Inhalt? So bleibt Annas Selbstzerstörungstrip im Eisenbahndampf nebulös.

In den zweifellos unterhaltsamen Passagen (Lewin wirft Heuballen auf die Bühne, dazu Quieken und Muhen im Stall Schwein und Kuh; später fragt Wronski im Wohnsalon irritiert: „Was machen eigentlich diese Heuballen hier?“) zerfasert die Inszenierung nach der Pause auch ästhetisch in zwei Teile: Plötzlich Videozuspielungen von Annas und Wronskis Europatrip, oligarchischer Großeinkauf von Kunst, Meisterles hysterisches Lachen eine Schmierenkomödie für von Stolzmann, ein Palais in Venedig, das nach erster Euphorie über die Kronleuchter – der der Josefstadt senkt sich – schnell als modrig stinkend wahrgenommen wird. (Der Anna traumatisierende Tod der gemeinsamen Tochter Annie ist weniger als eine Fußnote.) Also zurück: Nach Moskau! Nach Moskau! In die Gefühlskälte. Wo Anna wiederum via Video von Spukbildern Karenins, Wronkis und Serjoschas heimgesucht wird. Der Pas de deux auf Kufen ist ausgetanzt.

Dieser zweite Teil, wiewohl besser als der langatmige erste, zeigt: Es fehlt dem Ganzen an Stringenz und einheitlicher Linie. Man versteht Niermeyers Intentionen bezüglich Zeitlosigkeit, betreffs schneidend klar wie Firn, aber der große Zusammenhang, der große Wurf gelingt ihr mit dieser frostigen Regiearbeit nicht. Vielmehr verheddert sich Niermeyer auf ihrer Suche nach einer so aktuellen wie allgemeingültigen Aussage in den „Liebesg’schichten und Heiratssachen“ statt aus Tolstois Meisterwerk eine wirkmächtige Essenz zu destillieren. In der Josefstadt kommt nach dem unvermeidlichen Zug noch der große Regen. Auch im Roman wird nach Annas Freitod 80 Seiten lang das Weiterleben der anderen beleuchtet: Kitty und Lewin lassen ihren Sohn Mitja taufen. Und trotz des schweren Gewitters schließt Kitty mit dem Satz: „Überhaupt war der ganze Tag so angenehm.“ Tja, man soll den Tag nicht vor dem Abend loben …

www.josefstadt.org

  1. 9. 2022

Emma Thompson in „Meine Stunden mit Leo“

August 31, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Hingabe an den Sexheiligen

Emma Thompson und Daryl McCormack. Bild: © Filmladen Filmverleih

Schließlich steht Nancy nackt vorm Spiegel und betrachtet gemeinsam mit dem Kinopublikum ihren 63 Jahre alten Körper. Voller Würde, Erotik und Akzeptanz. Sich selbst so anzuschauen ohne zu urteilen, sei das Härteste gewesen, das sie jemals vor der Kamera habe tun müssen, sagt Emma Thompson dazu im Interview. Doch keine Verjüngungskur der Welt

könnte am beseelten Gesichtsausdruck von Nancy irgendetwas verbessern. „Meine Stunden mit Leo“ heißt die Tragikomödie von Regisseurin Sophie Hyde und Drehbuchautorin und Brit-Comedian Katy Brand, ein Kammerspiel, das man glatt für die Leinwandadaption eines Theaterstücks halten könnte, aber nein, es ist ein Original – und ab 2. September in den heimischen Kinos zu sehen. Emma Thompson brilliert als Nancy, diese eine verwitwete, gewesene Religionslehrerin, die sich einen jungen Sexarbeiter in ein Hotelzimmer bestellt hat. Verloren wirkt sie in diesem anonym-kühlen Ambiente, streicht immer wieder den altvaterischen Rock glatt, durchsucht die Minibar nach einem Zaubertrank gegen ihre biedere Art – da klopft es an der Tür und er ist da …

Die Thompson stattet ihren Charakter Nancy, die so entschlossen ist, ein neues Bewusstsein für ihren unweigerlich älter werdenden Körper zu erlangen, mit dem herrlich trockenen Witz, den man von ihr kennt und liebt, einer entwaffnenden Wahrhaftigkeit und berührender Verletzlichkeit aus. Leo, der live noch besser aussieht als im Internet, wird gleich einmal mit dem früheren Hausbrauch konfrontiert: Rauf auf die Gattin, „zur Sache kommen“, runter von der Gattin und einschlafen. Orgasmus? 31 Jahre lang: ein verwegener, unerfüllter Wunsch.

Also hat Nancy, die verklemmte Pädagogin, ein Verzeichnis erstellt, von Stellungen, die es zu probieren gilt, um „es hinter uns zu bringen“: Nancy: „Gut, ich habe eine Liste mit Dingen, die ich gern abarbeiten möchte.“ Leo: „Das klingt ja sexy.“ Nancy: „Mach dich nur lustig, ich bin Lehrerin. Alte Gewohnheiten wird man schwer los.“ Leo: „Was steht als erstes drauf?“ Nancy: „Punkt 1: Ich mache Oralsex bei dir. Punkt 2: Du machst Oralsex bei mir. Punkt 3: Wir machen Stellung 69, wenn man das noch so nennt, keine Ahnung.“

Daryl McCormack ist als Leo Grande ein charismatischer Spielpartner für die Thompson, sein Callboy ist ganz Gentleman und pflegt einen eleganten Humor. „Very fine vintage“ nennt er nicht den Champagner, sondern Nancy, und erläutert auf ihr Nachfragen: Er fühle sich weder entwürdigt noch benutzt, er biete schlicht einen Service an – eine Haltung zum Thema (wenn auch legale, gesetzlich abgesicherte Luxus-)Prostitution, die einige Filmkritikerinnen und -kritiker durchaus irritiert hat.

„Alles wäre doch wesentlich zivilisierter, wenn jeder dazu Zugang hätte und es nicht so schambehaftet wäre, sondern frei“, sagt der Mann für gewisse Stunden im Film. „Du möchtest Sex und bist frustriert, weil du keinen kriegst. Egal, aus welchem Grund. Du bist schüchtern oder krank oder behindert oder du hattest einen Trauerfall. Also engagierst du jemanden wie mich. Alles ist geregelt und sicher, für dich, für mich. Es ist besser für alle und ich helfe dir und bereite dir Freude.“

Bild: © Filmladen Filmverleih

Bild: © Filmladen Filmverleih

Bild: © Filmladen Filmverleih

Bild: © Filmladen Filmverleih

Es ist eine Glanzleistung, mit der sich der defacto Newcomer McCormack neben die zweifache Oscar- und BAFTA-Preisträgerin stellt. Leo, laut Nancy „der Sexheilige“, nimmt ihr mit seinem Charme und seiner empathisch-lockeren Art die Unsicherheit, und bald legt die gutbürgerliche Nancy mit größter Freude den erzkonservativen Keuschheitsgürtel ab, der ihr per Erziehung auferlegt wurde. Sanft und feinfühlig lehrt Leo Nancy sich bei sinnlichen Erfahrungen Zeit für Körper und Geist zu nehmen. Katy Brand hat für ihre ungleichen Protagonisten philosophisch-tiefschürfende, geschliffene Dialog-Duelle mit sensiblen Zwischentönen geschrieben.

„Meine Stunden mit Leo“ ist ein in jeder Hinsicht intimes, famos vergnügliches, ungemein sympathisches Komödiendrama über Zwischenmenschliches, wobei die raffinierte Sophie Hyde den im Arthouse-Film gern verwendeten Kniff einsetzt, ihr Liebespaar nie beim Sex zu zeigen. Nur durch die Gespräche nimmt man wahr, wie und was sie empfunden haben – von Blowjob (Zitat Nancy: „Soll ich ihn einfach rausholen?) bis Doggy Style. Die unverblümten Gespräche sind hier wichtiger als „es“ – wie Nancy „es“ nennen würde. Worte stellen die Beziehung her, die es braucht, um sich körperlich näher zu kommen.

„Mein letzter Versuch zu leben“, nennt die Best Agerin die Treffen. Und ja, Brand und Hyde geht’s sehr intensiv ums Bodyshaming: Hängebusen, schwabbelige Oberarme, der Bauch, die Schenkel, die Cellulite. Und was hat man nicht alles verschwendet: die Jugend, die Möglichkeiten. Leo versteht und versucht die Sorgen seiner schwierigen Klientin wegzuküssen. Er will, dass Nancy ihre Hemmungen mit Grandezza überwindet. Er will ihren Bedürfnissen das Stigma nehmen, nachdem ältere Frauen tunlichst keinen Gedanken mehr an körperliche Liebe verschwenden sollen (Männer aber schon), weil weibliche Lust sowieso etwas Sündhaftes ist.

Es geht der Filmemacherin um Grenzen und Tabus, um die Normalität von Sex und Erotik. Und das ausdrucksstarke Gesicht von Daryl McCormack, wenn er den nüchternen Erklärungen seiner Mandantin lauscht, seine vorsichtigen Annäherungsversuche oder die direkte Offenheit, die erschreckten Reaktionen von Emma Thompson und ihr befreiendes Lachen, all das macht diesen Film sehr besonders.

Am Ende lässt die emotionale Last die Zweisamkeit in sich zusammenbrechen. Beide, Leo und Nancy, haben einander unter Fake-Namen kennengelernt, beide laborieren an tiefen seelischen Wunden. Seine Familie denkt, der jobbe auf einer Bohrinsel, sie geht in ihrem Kontrollwahn den Schritt zu weit, seine wahre Identität auszuforschen, was seine professionellen Schranken sprengt. „Good Luck to You, Leo Grande“ ist der englische Filmtitel, und der ist wesentlich passender. Es kommt zu einer letzten Aussprache und … mehr im Kino.

www.leograndefilm.co.uk/home         www.wildbunch-germany.de/movie/meine-stunden-mit-leo

31. 8. 2022

Oper im Steinbruch St. Margarethen – live plus online: Turandot

Juli 16, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Pretiöse Prinzessin zwischen Elfenbeinschnitzereien

Martina Serafin als Turandot. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Ein Jahr musste das Publikum CoV19-bedingt auf diese „Turandot“ warten. Nun war man bei der Premiere am Mittwoch entsprechend erwartungsvoll – und wurde aufs Feinste überrascht. US-Regisseur Thaddeus Strassberger und sein Bühnenbildner Paul Tate dePoo, nicht zu vergessen der für die 117 teils 15 Kilo schweren Kostüme verant- wortliche italienische Designer Giuseppe Palella bieten ein Bühnenspektakel, wie man’s nicht alle Tage sieht.

In dem von kostbarerer chinesischer Elfenbeinschnitzerei inspirierten Setting tummeln sich Todesdämonen und Skelettschädel, Feuer-Ninjas und in Leder gekleidete Scharfrichterinnen, Akrobaten und Statisten im blauweiß der Ming Vasen, als in der Dynastie sehr beliebte Affenkannen gekleidete Tänzer servieren Tee und Opiumpfeifen, streng dreinblickende Laternenträger stolzieren im zweiten Akt durch die Sitzreihen.

So detailverliebt ist diese wie in den Felsen gemeißelte Fantasiewelt, das Reich von Kaiser Altoum von einer drehbaren Kugel symbolisiert, Turandot gefangen in der golden ausgekleideten Lade eines gigantischen Schmuckkästchens, dass man den Farbenrausch mit dem Auge kaum fassen kann. Die amerikanischen Lichtdesigner JAX Messenger und Driscoll Otto tauchen die Freilichtbühne und den Stein von St. Margarethen spektakulär in sich immer verwandelndes Licht.

Donata D’Annunzio Lombardi als Liù. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Turandot mit der Maske von Ahnfrau Lo-uling. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Benedikt Kobel als greiser Kaiser Altoum. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Wie praktisch also, dass die Inszenierung noch fünf Tage in der tvthek.orf.at und mindestens 30 Tage auf www.myfidelio.at zu streamen (mit deutschen Untertiteln) ist, so dass man vom burgenländischen großen Ganzen – 7.000 Quadratmeter Bühnenfläche gearbeitet, 50 Tonnen Gerüstkonstruktion, ein Gewirr aus Brücken und Treppen – nun via Bildschirm auf die Nahaufnahme zoomen kann. Das funktioniert – gestern erprobt – bei den packenden Bildern bestechend gut, die Aufzeichnung als Mehrwert zum Live-Erlebnis, etwa wenn der Mandarino per Geisterschiff, der fernöstliche Charon gewandet in einen Mantel aus Totenköpfen auf oder der Geist der tapferen Liù in ebendieser Barke von der Bühne gleitet.

Musikalisch überzeugt die Produktion, Dirigent Giuseppe Finzi, der Puccini-Fachmann erstmals in St. Margarethen am Pult, führt mit ruhiger Hand verlässlich durch die Aufführung. Das ungarische Piedra Festivalorchester ist den Solistinnen und Solisten ein aufmerksamer Partner. Ebenfalls hinter der Bühne singt – durchwegs eindrucksvoll – der Philharmonia Chor Wien unter Leitung von Walter Zeh.

Wer hier nun, inmitten der raumgreifenden Tableaus, seine emotionalen Mauern niederreißen muss, ist Martina Serafin, die Intendanten-Bruder Daniel Serafin als Turandot auserkoren hat. Die Turandot gilt als eine der Paraderollen der österreichischen Sopranistin. Sie hat sie bereits an der MET und in der Arena di Verona gesungen. Hier ist sie zunächst eine exzentrische Erscheinung, die sich die Alte-Frau-Maske ihrer Ahnfrau Lo-uling vors Gesicht hält, die grell geschminkte Greisin von vor 1000 Jahren: „Jetzt lebst du in mir noch einmal …“

Das Totenschiff des Mandarino. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Opulentes Bühnenbild. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Andrea Shin als Prinz Calaf. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Der kaiserliche Garten. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Die allmähliche Herzerweichung der Turandot vermag Serafin auch auf der riesigen Spielfläche zu vermitteln. Die stärksten Momente hat sie stimmlich in der ausdrucksstarken Mittellage, weniger in den expressiv-überspannten Spitzentönen -und für geschmeidiges Phrasieren bleibt im Wortsinn hier wenig Spielraum.

Unter den Sängern sticht Andrea Shin als Calaf hervor. Der hierzulande ausgebildete Südkoreaner meistert die Aufgabe, die wohl am häufigsten plattgewalzte Event-Arie zu beleben: „Nessun dorma“ klingt bei ihm gestalterisch durchdacht und auch in der Höhe souverän. Ein würdiger Partner für Martina Serafin, zwei stolze Protagonisten, die sich im Steinbruch begegnen.

Die am Premierenabend von Donata D’Annunzio gesungene Liù erhielt bereits beim ersten Auftritt Szenenapplaus. Die italienische Puccini-Spezialistin nützt ihre Auftritte für feine Linienführung und berührend gestaltete Zwischentöne. Alessandro Guerzoni als entthronter Timur ist ihr mit seiner mahnenden Bass-Stimme ein ebenbürtiges Gegenüber. Für die Rollen der Minister Ping, Pang und Pong konnten mit Leo An, Jonathan Winell und Enrico Casari ebenso profilierte wie spielfreudige Sänger verpflichtet werden. Mit Kammersänger Benedikt Kobel verleiht ein langjähriges/tragendes Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper dem greisen Kaiser Altoum Statur und Charakter. Ein beeindruckender Abend, der mit großem Jubel für alle Beteiligten endete.

www.operimsteinbruch.at      esterhazy.at           tvthek.orf.at/profile/Erlebnis-Buehne/13890354/Erlebnis-Buehne-Aus-der-Oper-im-Steinbruch-Turandot/14098791           www.myfidelio.at

  1. 7. 2021

Theater an der Wien streamt: Thaïs

April 21, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Konwitschnys Neudeutung ohne Keuschheitskitsch

Bühne frei für den Star der Show: Roberto Saccà als Nicias, Nicole Chevalier als Thaïs und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Werner Kmetitsch

Zeitgemäße Bilder für zeitlose Opernstoffe zu entwickeln, das ist bekanntermaßen die Domäne von Peter Konwitschny. Immer wieder gelingt es ihm, am Theater an der Wien zuletzt 2017 für Werner Egks „Peer Gynt“, dramatische Überhöhungen zu erden, und für des Menschen Liebe, Leid und Lust aktuelle Analogien zu finden. Das ist mitunter provokant, immer aber werktreu. Auch bei seiner jüngsten Regiearbeit am Theater an der Wien, Jules Massenets selten gespielter

Comédie lyrique „Thaïs“, wieder mit Leo Hussain am Pult, glückt Konwitschny die Übersetzung ins Heute. Kein einfaches Unterfangen beim Inhalt: asketischer Mönch will teuerste Kurtisane von Alexandria bekehren, ist erst angeekelt, dann erfüllt vom Errettungsgedanken, schleift sie Richtung Nonnenkloster kreuz und quer durch die Wüste, sie stirbt, er erkennt seine Liebe, aber wie gesagt: sie stirbt.

Sonntag war die Corona-bedingte Premiere auf ORF III, nun ist die Inszenierung via TVthek.ORF.at und myfidelio.at abzurufen, und Konwitschny kann’s bildgewaltig bei gleichzeitiger Abspeckung vom Schwulst. Und siehe, die Story von der Hetäre, die zur Heiligen wird, passt beinah 130 Jahre nach ihrer Entstehung wie die Faust aufs Aug‘ zur Radikalität jetziger Tage. Fast scheint’s als ließe Konwitschny auf der Opernbühne einen Glaubenskampf austragen, die religiösen Fanatiker gegen die Konsumextremisten.

Wie sie die Hände in die Höh‘ reißen, die Zönobiten in der Ödnis, wenn sie von der Dämonin singen, ein spaßbefreiter, lustloser Orden. Zumindest bis dahin, da den erhabenen Herren der Schöpfung die Kutte zu eng wird, ob eines Erotikalbtraums, in dem Teufelsweib Thaïs direkt der Unterwelt entsteigt, um die Männer mittels Kopfschusses hinzurichten. Heiß sind sie nun alle auf den Heiligen Krieg gegen die Sünderin und ihre Spießgesellen – und es ist genau dieser Mix aus Angst und Affekt, der seit der Entthronung der Muttergöttinnen zu Unterdrückung, Ungleichbehandlung, Hexenjagden führt.

Flirrend leicht ist das alles musiziert, das Werk bei Leo Hussain und dem Radio-Symphonieorchester Wien bestens aufgehoben. Die großen Striche, Konwitschny lässt für „Thaïs“ knapp zwei Stunden gelten, die Straffung verleiht der Partitur Charakter, und Hussain bemüht sich um fein gestaltete Dynamik. Er dirigiert einen SängerInnen-freundlichen Massenet, der trotz des Thaïs-üblichen Sentiments durchaus Ecken und Kanten hat. Das RSO, im Verein mit dem stets fabelhaften Arnold Schoenberg Chor, hat seinen Blick zur Gegenwart des Werks gewandt, und vermeidet den verklärten in die Aufführungstraditionen der Vergangenheit.

Nicole Chevalier als Thaïs. Bild: © Werner Kmetitsch

Samuel Wegleitner als Amor. Bild: © Werner Kmetitsch

Nicole Chevalier und Josef Wagner als Athanaël. Bild: © Werner Kmetitsch

Als Motto mag gelten: Glamour ja, Klimbim nein. Konwitschny hat, „um den vermeintlichen Kitsch zu attackieren“, wie er im Programmheft sagt, wo unbedingt sein Text „Thaïs für Fortgeschrittene“ nachzulesen ist, alle Darstellerinnen und Darsteller mit Flügeln versehen lassen (Ausstatter: Johannes Leiacker). Deren Farbe und Größe macht die gesellschaftliche Stellung klar. Die schwarzen in XL kennzeichnen Athanaël auf seinem Kreuzzug ins ungelobte Land, den Josef Wagner mit sonorer Stimme, sehr apart an seinem Auftrag leidend und mit selbstgerechter Strenge gibt.

Allein der Satz „Ich hasse dich für dein Wissen und deine Schönheit“, nicht Thaïs, sondern Alexandria, siehe: Bibliothek von …, sagt alles aus über Engstirnigkeit. Ist es überzogen, wenn man an die 100.000 verbrannten Bücher von Mosul, Nimrud, Hatra oder Palmyra denkt? Wie in den eines heidnischen Gottes tritt Athanaël in den „Konsumtempel“ seines Jugendfreunds Nicias, der tadellose Tenor Roberto Saccà, ein Nachtclub offenbar, muss sich dort auslachen, verspotten und von dessen neckisch Bordsteinschwalben, Carolina Lippo als Crobyle und Sofia Vinnik als Myrtale, necken lassen.

Wie hübsch er sei, singen sie, während sie ihm unter den Kittel wollen. Eindeutig greift Konwitschny hier auf den 1890 erschienenen Skandalroman von Anatole France und dessen antiklerikale, satirische Elemente zurück, und wie für Victoria’s Secret Engel öffnet sich ein Laufsteg für ein paar Leichtgeschürzte, deren letzte, die Raubkatze auf dem Catwalk, Thaïs ist. Mit glutroten Federboa-Flügeln: Sopranistin Nicole Chevalier, elegant, kultiviert und dennoch vor Leidenschaft lodernd. Schnell zieht sie eine Line, bevor sie und Nicias medienwirksam ihre Trennung bekannt geben.

Ein Kamerateam umschwirrt die Thaïs, das Mikrophon über ihrem Kopf gleich einem Damoklesschwert, dies der Preis für jegliche Sensationspresse-Berühmtheit. Der traurige Wahn, den sie Athanaël vorwirft, von dem ist sie punkto Jugendwahn selbst umzingelt. Die boshafte Jeunesse dorée begibt sich auf Selfie-Hatz nach dem Sonderling, der aber ist, als ob’s keine Todsünde wär‘, ein jähzorniger Gotteskrieger. Thaïs beklagt – Spiegelarie! – im stillen Kämmerlein ihr Dasein in der Welt des schönen Scheins und ihre Panik vorm Älterwerden, da packt sie der Mönch mit dem Spruch vom ewigen Leben, da beißt sie an.

Josef Wagner, Günes Gürle als Palémon und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Werner Kmetitsch

Josef Wagner, Roberto Saccà, Carolina Lippo als Crobyle und Sofia Vinnik als Myrtale. Bild: © Werner Kmetitsch

Nicole Chevalier, Josef Wagner und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Werner Kmetitsch

Am Ende ihres Weges angelangt: Nicole Chevalier und Josef Wagner. Bild: © Werner Kmetitsch

Athanaël landet in der Sinne Streit zwischen ihren Schenkeln, aber ihr Antlitz soll sie verbergen, das hat der Feminist und versierte Beziehungsanalytiker Konwitschny mit Finesse inszeniert. Athanaël wird buchstäblich zum Todesengel, als er Thaïs‘ kleinen Amor zerstört, hier Sängerknabe Samuel Wegleitner mit rotem Hahnenkamm – und welchen Effekt das macht, wenn statt Nippes zerbrochen, ein Kind „erschossen“ wird.

Das sind Szenen, die bleiben. Leiackers leere Bühne gibt den spiel- und sangesstarken Protagonisten Raum für die überbordenden Emotionen ihrer Figuren. Sie sieht in Amor die reine Liebe, er allein hat die lasterhaften Gedanken, droht schon wieder: Ich schließe dich in eine enge Zelle ein, er nimmt sie mit vorgehaltener Waffe als Geisel seines Gottes. Es kommt der Moment, da Thaïs, Athanaël und Nicias zu dritt auf dem Sofa sitzen, und sie schließlich, von den Männern und deren Hahnenkampf bedrängt, beide wegstößt, abschüttelt, lacht oder weint sie im Irrwitz der Situation? Dabei hätt‘ Thaïs bleiben sollen, aber nein: … Méditation!

„Man kann den Figuren ab da beim Menschwerden zuschauen“, sagte die Chevalier bei den Proben. Die Flügel sind nun ab, die Sache mit dem Kult hie wie da gegessen. Beinah noch gibt es ein Pogrom gegen den frommen Pilger, der an dieser Stelle – pardon! – als der Bösewicht gelesen wird. Aber eben: Pistole – und ab geht’s ins schwarze, von wegen Metapher mit Geldscheinen zugemüllte Nichts. Die durch die Hölle gehen, bis in den güldenen High Heels die Füße bluten.

Dass Thaïs am Ende in ebender Versenkung verschwindet, aus der sie zu Beginn emporgestiegen ist, mag man als Konwitschnys Absage an alle Ismen deuten, seien sie religiöser, politischer oder kapitalistischer Unnatur. Die „Thaïs“ aus dem Theater an der Wien jedenfalls ist eine intensive Produktion, der eine Wiederauferstehung auf der Bühne zu wünschen ist. Bis dahin … via Bildschirm!

Die Inszenierung ist bis 24. April via TVthek.ORF.at und ab sofort auch auf der Klassik-Streaming-Plattform myfidelio.at als Video on demand abzurufen.

www.theater-wien.at          tvthek.orf.at           www.myfidelio.at/massenet-thais-theater-an-der-wien            Trailer: www.facebook.com/TheateranderWien/videos/243681014114713

  1. 4. 2021

Wiener Festwochen reframed: Farm Fatale

September 1, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Oz-Märchen als Öko-Manifest

Hat von seinen Bauern das Demonstrieren und den Bankraub gelernt: Gaëtan Vourc’h als Aktivistenscheuche Pécoton. Bild: © Martin Argyroglo

Nicht zu leugnen, der erste Gedanke ist: Mike Myers‘ Zombie-Apokalypse. Wie sie da besenstielsteif in den weißen Nicht-Ort stolpern, den Köpfen groteske Masken übergestülpt, die Stimmen zu gruseliger Horror-Höhe verzerrt, aus den lumpigen Latzhosen quillt an Händen, Füßen, Brustkörben das Stroh … Und davon schleppen sie noch mehr herbei, Heuballen, ein lebensgroßes Kunststoff- schwein, auf das ein Hammerklavier geklebt ist … Sie streicheln ein Vetter-It-artiges Fellwesen,

das sich noch als mysteriöser Messias entpuppen wird und lauschen andächtig dem Chor der Vogelstimmen … Und dann, schwupps, gerade dachte man noch: Wie kindisch ist das bitte?, sind sie einem ans Herz gewachsen, die fünf Vogelscheuchen, die die „Farm Fatale“ des französischen Bilderzauberers Philippe Quesne bevölkern – und mit der der Regisseur und Bühnenbildner im Rahmen der Wiener Festwochen reframed im MuseumsQuartier Quartier aufgeschlagen hat. Ein Schmunzeln umfängt die Halle G, ein Gefühl von Empathie und Mildtätigkeit, denn die „Scarecrows“ haben sich zu „Carecrows“ weiterentwickelt, die sich um alles Leben sorgen, von abgestürzten Plastikvögeln bis zu unsichtbaren Insekten.

Was ist passiert? Die Menschen haben’s vermasselt. Klimakatastrophe, Artensterben, Glyphosat, der dieses einsetzende Bauernstand erwies sich als besonders suizidal, allein blieben die Vogelscheuchen zurück. Welch Bild davon, was für den Planeten das Beste wäre, ein (menschen-)leerer Raum, die Erde reframed. Und Philippe Quesnes bizarre Pastorale voll wunderbarem Witz samt einiger eingeösterreicherter Scherzchen, diese 2.0-Version des „Zauberer von Oz“-Märchens deklariert sich derart plötzlich als Ökö-Manifest. Als radikale Geste, die Richtung: Verantwortung, Veränderung, Neuanfang, die Vogelscheuchen dabei die Strohmänner und eine -frau für Philippe Quesnes Philíppika.

Léo Gobin, Stefan Merki, Damian Rebgetz, Julia Riedler und Gaëtan Vourc’h sind ins Heu geschlüpft, der Vogelgesang, wird klar, kam vom Tonband, die landwirtschaftlichen Schreckgestalten, aufgestellt zur Mehrung der wirtschaftlichen Erträge, vermissen nun schmerzlich, was sie einst verjagt haben. Da geht’s längst nicht mehr um „No birds, no jobs“, wie eine sagt, da geht’s um die Weissagung der Cree: Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken …“ Die Vogelscheuche Mensch ist noch nicht solchermaßen am Ende, dass sie ihren Fehler erkennt, die Quesne-Figuren haben im zerstörten Land ihr Denkvermögen gefunden.

Chefinterviewerin Sissi: Julia Riedler mit Stefan Merki und Gaëtan Vourc’h. Bild: Martin Argyrogolo

Die Farm-Band: Léo Gobin, Damian Rebgetz, Gaëtan Vourc’h, Stefan Merki und Julia Riedler. Bild: Martin Argyroglo

Léo Gobin, Gaëtan Vourc’h, Julia Riedler, Damian Rebgetz und Stefan Merki. Bild: Martin Argyroglo

Damian Rebgetz als ehemals kleingärtnerische Dekoscheuche Russell. Bild: Martin Argyroglo

Keine Bange, so philosophisch-ernst wie es Emanuele Coccia in seiner „Bekehrung der Vogelscheuchen“ im Programmheft darlegt, ist das Theaterstillleben nicht. Die fünf sind Quesne’isch tiefenentspannte Radiomacher und zugleich die Band ihres Piratensenders, Damian Rebgetz außerdem ein wundersamer Weißclown namens Russell, der daran zu knabbern hat, dass er „nur“ die Dekoscheuche veganer Kleingärtner war. Auftritt ein Neuankömmling, Gaëtan Vourc’h als Aktivist Pécoton, der seinen Pappschild-Spruch „No Nature – No Future“ als Kampfansage vor sich herträgt, haben ihm seine Bauersleute doch neben dem Demonstrieren auch den Bankraub beigebracht, doch wohl noch nie war Aktivismus so tollpatschig, so bedächtig, so ohne jede Hast.

Freudig wird mit dem Armen gewackelt, wenn etwas gefällt, und wie großartig tragikomödiantisch die fünf spielen, zeigt sich, als sie ein ausgefallenes Headset-Mikrofon in ihre Erzählung einbauen. Atmosphärische Störungen über Wien erklärt Julia Riedler als Sissi, die Chefinterviewerin des Senders, der gemeinsam mit Stefan Merki die schönste Szene geschenkt ist: ein Talk, nachdem das Porträt genmanipulierter Karotten bei der Redaktionssitzung durchgefallen ist, ein Talk mit der letzten lebenden Biene, eine Königin ohne Volk, die nur Schwyzerdütsch spricht, weshalb Merki als Dolmetscher fungieren muss.

So anrührend kann skurril sein, wobei keine noch so aberwitzige Pointe von „To Bee or Not To Bee“ bis „Let It Bee“ verschont bleibt, zum Thema Bee-sexuality verweigert die Royal-Lady die Auskunft … Dazwischen wird musiziert, bis die Scheune brennt, Léo Gobin kann’s aber – auf der E-Gitarre schrammeln. Quesnes kleine Basisdemokratie funktioniert dank/trotz ihres naiven Charmes, mit Sanftmut und Idealismus wird an einer politischen Utopie gebaut, die Idee dem nachbarlichen Industrielandwirt mit Gewalt den Garaus zu machen, denn doch durch musikalischen „Terrorismus“ ersetzt – und wenn Stefan Merki, früher der Stolz bankrottgegangener Biobauern, singt „It’s not easy being green“, dann ist das tagesaktueller als würde einem einer mit Heugabeln und Dreschschlegeln die Botschaft einbläuen. Der surreale Scheuchenstaat hält den realen einen Spiegel vor, in dem sie sich erkennen müssen, wie Dorian Gray sich in seinem Bildnis.

Nach beinah mörderisch wird’s mystisch. Die Vogelscheuchen sind nicht nur die Konservatoren aller Geräusche der Natur, sie sind die Hüter jener Eier, die der mechanisch bewegte Flokati legt, in ihnen die Anlage für unzählige Spezies, die bunt leuchtenden Keimzellen ein Hort diversester Arten, gepflegt mit dem Saft der wertvollen Matsutake Pilze – und schon legt die pelzige Kreatur ein neues … Wie und was bleibt rätselhaft, und gerade das macht den tagträumerischen Reiz des Abends aus. In Oz wünscht sich die Vogelscheuche Verstand, ihre Nachfahren wollen, dass wir den unseren einsetzen.

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Trailer: www.youtube.com/watch?v=TeG7sRRCx-0           vimeo.com/327260662

  1. 9. 2020