Theater Brett: Das Schicksal der Anderen

März 11, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Uraufführung nach dem Bestseller

„Mellettem elférsz” von Krisztián Grecsó

Bild: © Collegium Hungaricum Wien/ Theater Brett

Bild: © Collegium Hungaricum Wien/ Theater Brett

Am 18. März hat im Theater Brett „Das Schicksal der Anderen“ nach dem Roman des ungarischen Autors Krisztián Grecsó Premiere. Regie führt András Léner; es spielen Nika Brettschneider, Lukas Johne, Jakub Kavin, Sophie Resch, Agnieszka Salamon und Martin Vischer.

Das Wiener Theater Brett wird in Koproduktion mit dem Balassi Institut–Collegium Hungaricum Wien der Schauplatz einer einzigartigen österreichisch-ungarischen Produktion. Der preisgekrönte Bestseller-Roman des jungen Autors Krisztián Grecsó kommt als Theaterstück in deutscher Sprache unter der Regie von András Léner in hochkarätiger Besetzung erstmals auf die Bühne. Der Hauptdarsteller wird niemand geringerer als Martin Vischer sein,der zuvor im Wiener Schauspielhaus als Princip brillierte und 2014 von Joachim Lottmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Jahrhundertbegabung gepriesen wurde. Die aufwändige Produktion ist eines der Highlights dieses Jahres im Theater Brett, das heuer bereits sein 30-jähriges Bestehen feiert. Das Theaterstück wirkt wie ein vertracktes Märchen von parallelen Lebensgeschichten, basierend auf dem Familienroman von Krisztián Grecsó. Mellettem elférsz.
Dem Werk liegt die Idee zugrunde, dass neben Genen und Bräuchen auch unsere Geschichten und Schicksale weitervererbt werden. Die Taten vergangener Generationen, ihre Fehler und Verdienste, können bis in die Gegenwart nachwirken. Der Protagonist des Theaterstücks lebt im Budapest der Gegenwart. Er wird durch das schmerzhafte Ende einer Beziehung, das Auffinden des Tagebuches seiner Großmutter und durch einen Brief, der das Familienlegendar hinterfragt, zu seinem Weg der Identitätssuche veranlasst. Das Leben und die Geschichte dieses jungen Mannes, der sich selbst sucht, wahrnimmt, deutet, entfalten sich parallel dazu, wie er langsam an immer mehr oftmals geheime, wahre Geschichten der Familie gelangt. Alles, was der Protagonist erlebt und erfährt, sehen wir in parallel ablaufenden Geschichten erzählt, die das generationenübergreifende Leben auf einem Bauernhof und in einer Fabrik in den 1930er, 1960er und 1970er Jahren beleuchten. So erfahren wir etwa von einer sich vertiefenden Freundschaft zwischen zwei Männern im Umfeld einer Hanffabrik. (Später tritt einer von ihnen in einen Kirchenorden ein. Seine Geschichte wird zu einer Art Umkehrung der Jonas-Geschichte.) In den 1950er Jahren verliebt sich ein Bauarbeiter hoffnungslos in ein Mädchen aus dem Bürgerstand. Es entwickelt sich ein stürmisches Liebesdreieck, das von einer alten Dame aus der heutigen Zeit nacherzählt wird. Den zeitgeschichtlichen Hintergrund liefern die großen Zäsuren des 20. Jahrhunderts: der Zweite Weltkrieg, die Revolution von ’56 und die Wende 1989/90. Die Geschichten, in denen es stets um Liebe, Träume und die Beziehung zwischen Mann und Frau geht, spielen sich vor dem Hintergrund dieses sich wandelnden Osteuropas ab.
Der junge ungarische Autor Krisztián Grecsó begann seine literarische Karriere mit Gedichten, feierteseinen ersten großen Erfolg im Jahre 2001 aber mit seinem skandalösen Novellenband Pletykaanyu (übersetzt: Tratschtante). Seitdem erhielt er zahlreiche Preise und seine debütierende Bühnenarbeit Cigányok (übersetzt: ZigeunerInnen) wird seit vier Jahren mit großem Erfolg im József-Katona-Theater (Budapest) gespielt. Sein letzter Roman, Mellettem elférsz (2012), war monatelang der Spitzenreiter der ungarischen Bestsellerlisten und gleichzeitig auch der Roman des Jahres. In der turbulenten Welt des 20. Jahrhunderts begleitet uns der Autor auf eine Reise durch das Karpatenbecken und darüber hinaus, von Rumänien und Siebenbürgen bis nach Österreich und zu den Alpen. Von der Welt der Dienerschicht in den 1930er Jahren gelangen wir über die Budapester Arbeiterschicht der 1950er Jahre bis zu den Ruinenkneipen der Gegenwart.
Dem Stück gelingt es, das alles nicht bloß aufzuzählen und aufzulisten, sondern genussvoll bei den einzelnen Geschichten zu verweilen: Ehen zerfallen, Liebesgeschichten werden neu entfacht. In seiner Regiearbeit beschäftigt sich András Léner oft mit jenen Fragen, die für alle aktuell und wichtig sind: die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, der Familie, den Wurzeln und der Geschichte. Die zwei jungen HauptdarstellerInnen des Stücks, die österreichische Sophie Resch und der schweizerisch-ungarische MartinVischer, sind dem Wiener Publikum aus vielen Kurzfilmen, Theater- und Performanceaufführungen bekannt.

Wien, 11. 3. 2014