Min Jin Lee: Ein einfaches Leben

Januar 5, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Migranten als Menschen zweiter Klasse

Sie werden Zainichi genannt, das heißt „Ausländer mit Wohnsitz in Japan“ und ist als Bezeichnung gleichsam der Nährboden für rassistische Ressentiments, für Charakterzuschreibungen von hinterhältig bis faul, für Diskriminierungen aller Art. Die ersten kamen 1910 ins Land, als das Kaiserreich die Nachbarshalbinsel als Provinz Chōsen annektierte, doch als im Zuge des Zweiten Weltkriegs Arbeitskräfte gebraucht wurden, kam es auch zu gewaltsamen Umsiedelungen. Sie wurden gezwungen japanische Namen anzunehmen, in bestimmte Berufe gezwungen, gezwungen sich regelmäßig via Meldekarten behördlich registrieren zu lassen – immer in der Angst, abgeschoben zu werden. Selbst in dritter, vierter Generation in Japan lebend, bleiben sie als Migranten Menschen zweiter Klasse.

In ihrem Roman „Ein einfaches Leben“ schildert Autorin Min Jin Lee, New Yorkerin mit Wurzeln in Seoul, die Lage der koreanischen Minderheit in Japan anhand des Schicksals einer Familie. Seit 30 Jahren verfolgt sie das Thema, Erzählungen hat sie darüber schon verfasst, nun endlich ein Buch.

Und es ist erstaunlich, wie speziell und zugleich universell diese Geschichte, die in einem fernen Fischerdorf um die Jahrhundertwende beginnt und 1989 in Yokohama endet, ist. Lee berichtet von einer restriktiven Gesellschaft und vom täglichen Überlebenskampf derer, denen man die Zugehörigkeit verweigert, sie erklärt die Stellung der Frau und, was es mit der Männerehre auf sich hat. Sie zeigt nach der Teilung Koreas in Nord und Süd, wie Koreaner, die zurückkehren müssen, in Seoul als „japanische Bastarde“ gelten, und in Pjöngjang spurlos verschwinden. Keine Heimat, nirgendwo. Das gilt auch hier für Flüchtlinge, und nimmt die nicht aus, denen das diskreditierende Wort Wirtschafts- vorneweggestellt wird.

„Ein einfaches Leben“ beginnt mit der Fischerstochter Sunja, die vom Großhändler Hansu, einem verheirateten Mann, schwanger wird. Da quartiert sich Pastor Isak Baek im Logierhaus der Mutter ein, er ist auf dem Weg zu seiner neuen Gemeinde in Osaka, erkrankt schwer, gesundet, und heiratet aus Dankbarkeit und Nächstenliebe Sunja. Die ihm bereitwillig nach Japan folgt, kann sie so doch Schmach und Schande abwenden. In Osaka findet das Paar Unterschlupf bei Iaks Bruder Yoseb und dessen Frau Kyunghee im koranischen Ghetto Ikaino. Bald fühlt man als Leser intensiv mit den vieren, Lee schreibt klar und schnörkellos und doch voller Empathie für ihre Figuren. Und während sie deren Leben ausbreitet, flicht sie die Historie ein. Japan als Kolonialmacht, als Kriegstreiber gegen China, als Verbündeter des Dritten Reichs, als Opfer zweier Atombomben …

An Sunjas Seite geht es durch die Jahrzehnte. Noa wird geboren, dann Isaks leiblicher Sohn Mozasu – Moses. Doch die Christen sind bei der japanischen Regierung unbeliebt, und als Isaks Küster dem Kaiser die wöchentliche Ehrerbietungszeremonie, die ihn als Gott würdigt, verweigert, wird auch Isak ins Gefängnis geworfen – und stirbt. Yoseb bleibt nach einem Feuer in der Fabrik, in der er arbeitet, schwerstbehindert. Bleiben die beiden Frauen, die versuchen, die Kinder mit dem Verkauf von hausgemachtem Kimchi zu ernähren, aber oft reicht das Geld nicht einmal für etwas Tee. Die Söhne entwickeln sich entgegen ihren Vätern. Noa wird in Tokio auf die Universität gehen, Mozasu, dem niemand einen Job geben will, weil er Koreaner ist, steigt ins Pachinko-Geschäft ein – für die Japaner ein mehr als zwielichtiges Gewerbe. Doch nicht Mozasu in seiner Spielhölle, sondern Hansu, der die ganze Zeit über im Hintergrund für die Familie Baek die Fäden zieht, entpuppt sich als Yakuza.

Bild: pixabay.com

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Die Spuren dieser Zeit prägen die Zainichi bis heute. Und so erzählt Lee auch von koreanischen Schulbuben, die sich von Dächern stürzen, weil sie von Mitschülern als schmutzig und stinkend beschimpft werden. Von Notlügen, in die man sich verstrickt. Von Vätern, die sich lieber erschießen, als dass die Frau, die Kinder, der Arbeitgeber erfahren, dass sie sich als Japaner nur ausgegeben haben, tatsächlich aber Koreaner sind. Von Menschen, die, weil ihnen jeder Kontakt zur Umwelt fehlt, Japanisch nur schlecht sprechen, und schon gar nicht schreiben können. Von einer scheinheiligen Welt aus Schuld und Strafe und verbotenem Sex. Dazu webt Lee ein Netz aus faszinierenden Nebenfiguren, die teils nur als Streiflichter auftauchen und schon wieder weg sind.

Wie Phoebe, ebenfalls Koreanerin, aber in Seattle geboren, und nicht imstande die gesellschaftliche Kluft in Japan zu begreifen. Phoebe ist Solomons Freundin, Solomon Mozasus Sohn. Der erste, der’s schafft, der Banker – und dann doch wieder nur hereingelegt wird. Doch der erste, der die Demütigung nicht erduldet, sondern sich dagegen auflehnt. Ein Hoffnungsschimmer. Geschätzte 600.000 bis 700.000 koreanischstämmige Menschen leben derzeit in Japan. Sie sind Künstler wie die Schriftstellerin Miri Yū, Politiker wie Shinkun Haku, Sportler wie der Fußballspieler Ri Han-jae oder Wirtschaftsbosse wie Masayoshi Son, Gründer der SoftBank und laut Forbes-Magazine der reichste Mann Japans.

Über die Autorin: Min Jin Lee wurde 1968 in Seoul, Südkorea, geboren und immigrierte, als sie acht Jahre alt war, mit ihrer Familie in die USA. Sie hat in Yale studiert und vor der Veröffentlichung ihres ersten Romans als Anwältin gearbeitet. „Ein einfaches Leben“ stand auf der Shortlist des National Book Award und auf allen Bestsellerlisten der USA. Min Jin Lee lebt in New York.

dtv, Min Jin Lee: „Ein einfaches Leben“, Roman, 552 Seiten. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel.

www.dtv.de

  1. 1. 2019

Karikaturmuseum Krems: Thomas Spitzer – Rockomix ein Leben lang!

Dezember 8, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Das EAV-Mastermind zeigt seine Bilder

Thomas Spitzer: EAV Figuren, 2018. Bild: Thomas Spitzer

Ab 9. Dezember widmet das Karikaturmuseum Krems dem Universalgenie der EAV die Ausstellung „Thomas Spitzer – Rockomix ein Leben lang!“ und zeigt seine genialen Karikaturen und Zeichnungen. Mit etwa 200 Kunstwerken aus den vergangenen 50 Jahren ist das die größte Retrospektive in Österreich. Thomas Spitzers Karikaturen zeigen die weniger bekannte Seite des Künstlers. Sie sind wortgewaltig, pointiert und manchmal polarisierend.

Spitzer selbst sieht seine Kunst und den „Humor als Rettungsboot im Meer des Elends. Ich kann die Welt nicht ändern, aber ich kann das aktuelle Geschehen mit meinen Mitteln reflektieren.“ Spitzers Œuvre erstreckt sich von satirischen Zeichnungen und Cartoons, über das bunte Rocktheater „Rockomix“ und Trickfilm, bis zu Landschaftszeichnungen, Gemälden und großformatigen Comics – entstanden in seiner Wahlheimat Kenia. Nicht nur die Bühnenbilder und EAV-Comics stehen im Fokus der Ausstellung, sondern auch die frühen Werke Spitzers. Angefangen bei den Cowboy Comics, die im Stil stark an die frühen Zeichnungen von Manfred Deix erinnern, über die Grafiken aus einer Studienzeit, bis hin zu aktuellen politischen Karikaturen und Collagen. Die Zeichnungen aus seiner Studienzeit und die damit verbundene Stilsuche Spitzers sind besondere Highlights der Ausstellung, da viele Stil-Parallelen österreichischer Karikaturisten zu erkennen sind.

Thomas Spitzer: Gevatter Tod, o. D. Bild: Thomas Spitzer

Thomas Spitzer: Afrika, 1983. Bild: Thomas Spitzer

Für EAV-Fans bietet die Ausstellung unter anderem selten gezeigte Skizzen der Bühnenoutfits und Show-Kulissen. Auch die bekannten EAV-Maskottchen, der Nasenbär Neppomuk und der charmante Pinguin stammen aus der Feder von Thomas Spitzer. „Thomas Spitzer ist ein scharfer Kritiker unserer Gesellschaft. Seine Texte sind gekonnt im Rock verpackt, entfalten ihre politische Kraft und sind unglaublich witzig. Sie zählen zu den Sternstunden österreichischer Satiregeschichte“, so Gottfried Gusenbauer, der Kurator und Direktor des Karikaturmuseum Krems über den Künstler. Mit seinem eigenen Wortspiel und Weltbild sowie der Freude an neuen Wortschöpfungen schüttel-reimt und übertreibt Spitzer ohne sich thematisch je Grenzen zu setzen. Von den sozial-kritischen Werken, den Kabarett-Zwischenstücken, den Nonsens-Nummern und den Oden an Anti-Held Franz bis hin zu ernsten, nachdenklichen (Liebes-)Balladen, ist fast alles mit der EAV veröffentlicht worden.

www.karikaturmuseum.at

8. 12. 2018

Alte Bibliothek – wortwiege wien: Maries Abschied

November 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nie wieder die Stiefelknechtin sein

Das tägliche Leben: Doina Weber. Bild: Christian Mair

Achtlos hingeworfene Knopfstiefel, eine Hutschachtel voller Huldigungsschreiben, ein einzelner Handschuh – später wird man sehen, er ist mit Blut besudelt. Als hätte die Dame des Hauses ihr Boudoir gerade erst verlassen, derart haben Ausstatterin Lydia Hofmann und Kostümbildnerin Antoaneta Stereva für dieses Mal die Alte Bibliothek im Fürstenbergpalais gestaltet. Und tatsächlich ist es auch so. Gertrud ist gegangen. Für immer.

Die wortwiege, für den Winter vom niederösterreichischen Thalhof nach Wien übersiedelt, zeigt als zweite Produktion (nach „Chikago“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30151) unter dem Titel „Maries Abschied“ einen Doppelabend nach Erzählungen von Marie von Ebner-Eschenbach. Regisseurin und Filmemacherin Anna Maria Krassnigg hat sich dafür die Texte „Das tägliche Leben“ und „Die Großmutter“ vorgenommen, auch deren Bühnenfassung ist von Krassnigg. Seit mehr als zwei Jahren beschäftigt sie sich nun schon mit dem Werk dieser ewig falsch, nämlich als gutsituiert-betulich, schubladisierten großen österreichischen Autorin – und dem entgegen ist „Maries Abschied“ eine wunderbare (Wieder-)entdeckung erstaunlich moderner Novellen, in denen die Freifrau ihrem sozialkritischen, gesellschaftspolitischen, emanzipatorischen Denken freien Lauf ließ.

Die Großmutter: Erni Mangold. Filmstill.

Die Großmutter: Roman Blumenschein. Bild: Christian Mair

Die Großmutter: Erni Mangold. Filmstill.

In Krassniggs Bearbeitung zeigt sich „Das tägliche Leben“ als zwar subtile, zwischen den Zeilen dennoch schonungslose Abrechnung mit der vorgeblich heilen Welt einer Großbürgersgattin. Schon der erste Satz ist im Wortsinn ein Pistolenknall: „Am Vorabend der silbernen Hochzeit eines allverehrten Ehepaares, die von einem großen Familien- und Freundeskreise festlich begangen werden sollte, erschießt sich die Frau.“ Doina Weber spielt diesen Monolog von Gertruds namenloser Freundin und Wegbegleiterin im „karitativen“ Engagement, die, die Hinterlassenschaft der Selbstmörderin durchsuchend, hinter den Grund für deren Tat zu kommen sucht.

Wie um die eigenen Gefühle zu schonen, berichtet diese Beobachterin mit einer seltsamen Distanziertheit, die man in der Literatur sonst meist nur von männlichen Protagonisten kennt, einmal schilt sie sich selbst mehr Pein als Mitgefühl zu empfinden, selten wirkt die Weber erschüttert oder erhitzt. Als Backgroundgeräusch ein Stimmengeflüster, ein Weinen und Wimmern aus dem Aufbahrungszimmer, schlüpft Doina Weber in verschiedene Charaktere. Den tumpen Ehemann, die bigotte Mutter, die zwischen Trauer um und Vorwürfe an die Tote wechselnden Töchter, die überheblichen Schwiegersöhne, den heiter polternden Arzt.

In diesen Szenen beweisen Krassnigg und Weber Ebner-Eschenbachs verqueren Humor, und wenn sich die Schauspielerin schließlich an eine alte Schreibmaschine setzt, ist klar, die Schriftstellerin selbst schildert hier die Familie. Deren hehres Bild bröckelt bald. Die Suizidentin, erfährt man, war nur in ihrer Außenwirkung stark, ihre wohltätigen Verpflichtungen als in Wirklichkeit feministische angedeutet. Daheim aber wurde sie klein und stumm und dumm gehalten, wurde nie als „Subjekt“ gesehen, sondern war stets nur Objekt für anderer Leute Begehrlichkeiten. Ein Seelenmülleimer für die Sorgen der Verwandten. Ebner-Eschenbach verwendet in ihren psychologischen Parabeln seit „Eine dumme Geschichte“ das Symbol der Frau als Stiefelknecht. Diese hier, so der Schluss der Ich-Erzählerin, wollte keine „Stiefelknechtin“ mehr sein und warf sich weg …

Das tägliche Leben: Doina Weber. Bild: Christian Mair

Im zweiten Teil setzt sich die Aufführung im Foyer fort, und für „Die Großmutter“, eine der prägnantesten, einprägsamsten Geschichten der Ebner-Eschenbach, verwenden Krassnigg und Christian Mair einmal mehr die von der wortwiege neu belebte Kunstform der Kinobühnenschau. Erni Mangold auf der Leinwand und Roman Blumenschein auf der Spielfläche treten mit einander in Dialog. Ihr inneres Erleben mit seiner Bühnenerzählung.

Sie am Donauufer, und dennoch bei ihm, vor dem zur „Pathologie“ umgewandelten Buchlager. Denn die alte Frau sucht ihren Enkel, der von der Arbeit als Flößer nicht nach Hause gekommen ist, und selbstverständlich brilliert die Mangold in der Darstellung dieser von bösen Ahnungen gequälten Resoluten. Welch ein Gesicht. Welch stille, schlichte Größe. Wie sie scheint’s ungern und zögerlich ihr rührendes Schicksal preisgibt. Wie sie den „noch guten“ Mantel ihres Enkels einfordert und an sich presst. Blumenscheins Arzt, der der Großmutter zunächst den Zutritt ins Institut verweigert, muss anerkennen, dass sie sich „dem Elend nicht unterwirft, sondern gegen es kämpft“. Ergo werden seine Gewissheiten über Leben und Tod und Trauer schon bald auf den Kopf gestellt sein …  „Maries Abschied“ ist ein ergreifender, mitreißender, ans Herz und Hirn gehender Theater- und Filmabend – und hoffentlich von der wortwiege und für ihr Publikum kein endgültiges Adieu von der Ebner-Eschenbach.

Nächste Spieltermine: 6. bis 8. Dezember; Trailer: vimeo.com/280377871

www.thalhof-wortwiege.at

  1. 11. 2018

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Ernst ist das Leben

Juni 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Dandys sind diesmal herr-liche Damen

Die Damenriege übt sich in Theatralik: Maresi Riegner, Elzemarieke de Vos, Karola Niederhuber, Maria Hofstätter, Marie-Christine Friedrich, Raphaela Möst, Miriam Fussenegger und Michou Friesz. Bild: Lalo Jodlbauer

So weiß wie die Bühne ist hier niemandes Weste, weshalb in Kostümen, die so schrill sind wie die Stimmung, ordentlich Komödienvollgas gegeben wird. Bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf inszenierte Intendant Michael Sturminger Oscar Wildes „Ernst ist das Leben / Bunbury“ und setzte dabei weniger auf Subtilität und britisches Understatement, denn auf Tempo, Timing und Tohuwabohu. Ein Spaß, der vor allem nach der Pause voll aufgeht.

Sturminger spielt, gekonnt auch in Orientierung auf das Privatleben des berühmtesten Dandys der Welt, der vier Tage nach der Bunbury-Uraufführung seinen unglückseligen Prozess begann, mit den Geschlechterrollen. Sein Ensemble besteht ausschließlich aus Frauen, und da gibt es in der deutschsprachigen Fassung von Elfriede Jelinek nicht nur sprachliche, sondern auch sexuelle Zweideutigkeiten, wenn eine Frau, die einen Mann spielt, dessen bestem Freund Avancen macht, den ebenfalls eine Frau darstellt. Und so ist es ein Küssen und Knutschen zwischen Jack Worthing und Algernon Moncrieff, in deren Rollen Raphaela Möst und Elzemarieke de Vos schlüpfen, um zu zeigen, wie man Ennui in Exaltiertheit verwandelt.

So turnt die Truppe durch Irrungen und Wirrungen, Wortspiele und Intrigen. Mit der Jelinek’schen Feder werden Versprechen rasch zu Versprechern, Sturminger bespielt die Frivolität dieser Vorlage gekonnt, so entsteht eine spritzige, quirlige, überdrehte Aufführung, die die Exzellenz der Dekadenz feiert. Und schließlich in der unvermeidlichen Kuchenschlacht endet. Möst und de Vos erlauben sich den Scherz ihre Figuren bisexuell anzulegen – das Treiben der Geschlechter ist bei Sturminger generell ein doppeltes Spiel -, die beiden bleiben süffisant, auch wenn Algie sich und Jack zunehmend in Schwulitäten bringt. De Vos ist, man braucht es nicht zu erwähnen, die geborene Komödiantin. Eine Poserin in bester Wilde’scher Manier, eine Zynikerin und – der personifizierte Un-Ernst. Wie sie lasziv durch die Szene schlakst, der Welt ebenso zugetan, wie von ihr angewidert. Nichtstun ist ihr die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist erfordert.

Spiel mit den Geschlechtern: Elzemarieke de Vos und Raphaela Möst. Bild: Lalo Jodlbauer

Komödienvollgas bei der Kuchenschlacht: Maresi Riegner, Karola Niederhuber und Miriam Fussenegger. Bild: Lalo Jodlbauer

De Vos hat Perchtoldsdorf  bunburysiert. Wie alle anderen Abbilder der dortigen Upperclass, und davon finden sich im Publikum nicht wenige, ist sie Besitz ergreifend und setzt zu diesem Zwecke auch aufs Lügen. Möst ist ihr eine ebenbürtige Partnerin, ihre verschwitzte Verlegenheit weist eine aus, die wohl weiß, was richtig wäre, aber wohlweislich das Falsche tut. Versuchungen muss man eben nachgeben, keiner ahnt, ob sie je wiederkommen. Die beiden Damen ihrer Auswahl, Gwendolen und Cecily, geben Miriam Fussenegger und Maresi Riegner. Riegner gestaltet mit naiv geschürztem Mündchen eine Unschuld vom Lande, die es faustdick hinter den Ohren hat. Ihre Cecily ist ein so frühreifes Früchtchen, dass einem um Algernon beinah bange wird. Fusseneggers Gwendolen ist ein resolutes Fräuleinwunder, eine, die dem Ansturm des Mannes zuerst nur widersteht, um ihn dann am Rückzug zu hindern.

Dass hier eine ganze Gesellschaftsschicht klemmt, die ganze Gesellschaft geladen ist, zeigen auch Marie-Christine Friedrich als Gouvernante Miss Prism und die großartige Michou Friesz als Lady Bracknell – zwei einwandfreie Schreckschrauben, zweitere eine schrullige, quasselstrippige Moralhüterin, erstere Typ durchgeknallte alte Jungfer, in deren verblühender Brust aber die Glut lodert. Mit ihren An- und Auszüglichkeiten kann sie Maria Hofstätters Pastor Chasuble gekonnt aufreizen. Was bleibt dem Manne anderes übrig, als dem Weibe zu zeigen, wo Gott wohnt? Kurz vor alles eitel Wonne kommt’s dann noch zu Tortenschlacht und Slapstick, da ist das Publikum längst bestens gelaunt und dankt mit langem Applaus. Schade, dass diese Premiere wetterbedingt im Neuen Burgsaal stattfinden musste, open air ist es sicher noch der doppelte Genuss.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

  1. 6. 2018

mumok: Kunst ins Leben! Der Sammler Wolfgang Hahn und die 60er Jahre

November 7, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Objekte vom Wohnzimmer bis zum Gäste-WC

George Segal: Woman in a Restaurant Booth, 1961. mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln. Bild: mumok
© Bildrecht Wien, 2017

Das Rheinland war in den 1960er-Jahren ein wichtiger Schauplatz für die Umwälzungen in der zeitgenössischen Kunst. Damals brach eine neue, international vernetzte Generation von Künstlerinnen und Künstlern mit dem traditionellen Kunstverständnis. Inspiration lieferte der Alltag. Alltagsgegenstände bildeten das Material. Diese Künstler arbeiteten zudem im städtischen Umfeld. Sie durchbrachen die Grenzen der Disziplinen und kollaborierten mit Musikern, Literaten, Filmemachern und Tänzern.

Am Puls dieser ungewöhnlichen Zeit begann der Kölner Restaurator Wolfgang Hahn die neue Kunst zu erwerben. Über die Jahre trug er eine der heute bedeutendsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst mit Werken des Nouveau Réalisme, Fluxus, Happening, der Pop Art und Konzeptkunst zusammen. Nach einer erfolgreichen ersten Station der Ausstellung im Kölner Museum Ludwig wird die Sammlung des passionierten Kunstliebhabers ab 10. November auf zwei Ebenen im mumok zu sehen sein.

Yayoi Kusama: Silver Dress, 1966. mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln. Bild: mumok

Daniel Spoerri: Hahns Abendmahl, 1964. mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln. Bild: mumok © Daniel Spoerri/ Bildrecht Wien 2017

Hahn war Chefrestaurator am Wallraf-Richartz-Museum und später am Museum Ludwig in Köln. Doch bekannt wurde er vor allem durch seine Tätigkeit als Sammler, Vermittler und insbesondere Gastgeber. Hahn lebte nach der Forderung der Avantgarden: Kunst und Leben bildeten für ihn eine Einheit. Seine Beschäftigung mit der Kunst endete nicht mit getaner Arbeit. Sie wurde bei Galerienrundgängen und bis zu später Stunde im eigenen Haus weitergeführt. Künstler gingen dort ein und aus. „Das war unser Alltag, unsere Normalität. Derartige Abende waren zahlreich; interessant und belebend waren sie alle“, erinnert sich die Witwe Hildegard Helga Hahn an das Leben mit der Kunst.

Und so füllte sich die Doppelhaushälfte der Hahns nach und nach mit Arbeiten der heute wichtigsten Künstlerinnen und Künstler der 1960er-Jahre. Treppenhaus, Wohn- und Schlafzimmer, selbst Keller und Garten bis hin zum eineinhalb Quadratmeter großen Gäste- WC wurden zu Ausstellungsräumen für die von ihnen erworbenen Werke, darunter Arbeiten von Arman, Joseph Beuys, George Brecht, John Cage, Christo, Jim Dine, Robert Filliou, Allan Kaprow, Yayoi Kusama, Gordon Matta-Clark, Claes Oldenburg, Yoko Ono, Nam June Paik, Niki de Saint Phalle, Daniel Spoerri, Paul Thek, Jean Tinguely, Franz Erhard Walther, Andy Warhol, Lawrence Weiner, Wolf Vostell und vielen mehr.

Wolfgang Hahn im Wohnzimmer umgeben von Objekten aus seiner Sammlung, Köln, um 1970. © ZADIK – Zentralarchiv für deutsche und internationale Kunstmarktforschung, Köln. FotografIn unbekannt

Hahn war ein entscheidender Impulsgeber. Der blendend aussehende junge Mann, immer korrekt gekleidet im meist blauen Anzug, war stets der Erste und besuchte die Schauen oft noch vor der Ausstellungseröffnung. Gefielen ihm die Arbeiten, erwarb er sie. Als Daniel Spoerri Anfang der 1960er-Jahre mit seinem „Koffer“ unterwegs war und ihn unter anderem in Köln präsentierte, war Hahn vor Ort.

Seinem chronistischen Gespür folgend, kaufte er das Objekt später an. Ihm ging es jedoch nicht darum, seinen Geschmack oder einen Status Quo zu zementieren.

Hahn war beim Ein- und Verkauf risikofreudig. Seine Sammlung wurde beständig erweitert und ergänzt. Immer wieder verkaufte er Stücke, um Platz für neue Arbeiten zu schaffen. 1978 konnte ein Großteil der Sammlung vom mumok angekauft und 2003 durch einen weiteren Ankauf vervollständigt werden. Dazu kam 2005 die Schenkung der Bibliothek Hahn durch Hildegard Hahn. In der Gesamtheit bildet sie die ganze Komplexität der Kunst der 1960er-Jahre ab. Nun kann die Sammlung erstmals in vollem Umfang der Öffentlichkeit präsentiert werden.

www.mumok.at

7. 11. 2017