Theater an der Wien auf ORF III: Le Nozze di Figaro

Dezember 1, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Nur die Commedia ist Alfred Dorfer abhandengekommen

Johannes Bamberger, Maurizio Muraro, Enkelejda Shkosa, Cristina Pasaroiu, F. Boesch, Giulia Semenzato, Robert Gleadow, Patricia Nolz, Ekin Su Paker, Ivan Zinoview. Bild: © Moritz Schell

In seinem aktuellen Programm „und …“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26914), für das er dieser Tage schon Spieltermine im kommenden März/April ausgibt, diagnostiziert Alfred Dorfer die Herzenszartheit eines jeden Zynikers, wie auch die seine. Nun hat der Kabarettist seine erste Operninszenierung absolviert, „Le Nozze di Figaro“ am Theater an der Wien, die Premiere #Corona-bedingt allerdings nicht im Haus, sondern als ORF III

Liveübertragung aus ebendiesem und weiterhin in der ORF-Mediathek und auf der Klassikplattform fidelio abzurufen. Was Dorfer aus dem Werk destilliert, ist eher Beaumarchais als da Ponte, klar, dass einer wie er, das Politische im Privaten betont. Seine Interpretation ist ein Mozart der subtil düsteren Zwischentöne, ist Dorfer doch auch mit seinen eigenen Texten und bei Auftritten nicht als Abfackler greller Comedy-Pointen bekannt. Sein Schmäh feuert vielmehr aus dem Hinterhalt, lässt sich Zeit, bis er weiß, dass er ins Ziel trifft, dann aber: Bumm!

Ein Understatement, für das er bei dieser Arbeit kongeniale Partner vom Concentus Musicus Wien unter der Leitung von Stefan Gottfried über Co-Regisseurin Kateryna Sokolova und Ausstatter Christian Tabakoff bis zur erlesenen Besetzung zur Seite hat. Kurz, diese en détail durchdachte „Hochzeit“ und ihre rundum exzellente musikalische Deutung sind gelungen, allein, der Commedia per musica ist erstere abhandengekommen. Die flotte Verwechslungskomödie mit ihren Liebesirrungen und -wirrungen hat bei Dorfer keinen doppelten Boden dunkler Andeutungen, nein, da tun sich wahre Abgründe auf.

Und so, wie die auf der Bühne nichts zu lachen haben, kommt einem auch vor dem Bildschirm kaum ein Lächeln aus. So viel zur Zartheit von Zynismus, Dorfer bevölkert das Schloss des Grafen Almaviva mit Sehnsüchtlern, Eifersüchtlern, denen auch die Laster Hab- und Selbstsucht eigen sind. Das nicht vollständig möblierte Zimmer des ersten Aktes bleibt ein solches, als wolle Tabakoff mit der Leere die Einsamkeit dieser Menschen bebildern, Aguasfrescas als „Hotel Sevilla“ für geschundene Herzen – und allein im weiten Flur, so beginnt das Ganze, Florian Boesch als Conte.

Boesch, dem Dorfer jede figurenzeichnerische Komfortzone verwehrt, optisch weniger lustig als Luising’erisch, von Gutsherrenrock bis Haartracht einem bekannten Lobbyisten verwandt, und längst kein Schürzen-Jäger mehr. Sondern ein alternder, gefährlicher, weil seine Hilflosigkeit in Aggression auslebender, wie Susanna singt, „Wüterich“, der von seinen Dämonen gejagt wird. Den Namen „Cherubino“ hat jemand wie zum Hohn und wie den Teufel an die Wand gemalt, schlagartig wird’s finster, im Hintergrund ein sich umschlingendes Liebespaar, doch wer ist’s?, ein Fenster zur Seele des paranoiden Grafen.

Giulia Semenzato und Robert Gleadow. Bild: © Moritz Schell

Robert Gleadow. Bild: © Moritz Schell

Giulia Semenzato und Robert Gleadow. Bild: © Moritz Schell

Ein Schattenspiel, ein angstvoller, apathischer Moment, wie ihn Dorfer des Öfteren einsetzen wird. Etwa in jener Albtraumsequenz, in der Almaviva die anderen wie Schachfiguren und Susanna, dies Sinnbild seiner mannhafterer Tage, auf seinem Schoß arrangiert, doch auch, wenn die Rollen von Macht und Ohnmacht getauscht werden. Ein Innehalten, in dem Mozarts Töne wie zum Trotz tanzen. Dass die Feudalherrschaft wie ihr Herrensitz hier zum schäbigen Abglanz ihrer selbst verfallen sind, beweist niemand besser als der Hipster-Figaro des Robert Gleadow und dessen frühemanzipierte Susanna von Giulia Semenzato. Beide, wie selbstverständlich Boesch, sängerisch makellos, und Gleadow im gewohnt spielfreudigen Ensemble, an dem man via Fernsehen Operngucker-nah dran ist, das hochenergetische Zentrum.

Wie sich Dorfer der Tändelei und etwaigem Slapstick, bis auf ein Eisbärenfell-Versteck und Maurizio Muraros im Aufzug steckenbleibenden Bartolo, verweigert – wiewohl die Drei-Räume-Drehbühne den Klipp-Klapp hergegeben hätte, so hat Gleadows aufsässiger Figaro nichts Schelmisches mehr an sich. Er ist ein stürmischer Liebhaber, dessen Sturm im Zorn zum Orkan wird, sein Man-Bun dann in Auflösung begriffen, was den Rebellen gegens Recht primae noctis windstärkenmäßig dem Wüterich Almaviva ebenbürtig macht. Verabschiedet er Cherubino, Non più andrai, farfallone amoroso, trieft ihm der Sarkasmus sichtlich aus den schiefen Wundwinkeln. Und siehe: Gleadow kann sogar Apfelessen beim Singen.

Fast scheint’s, als hätte Tabakoff mit seinem Peter-Brook’schen Empty Space Platz für Dorfers hervorragende Personenführung schaffen wollen, denn die Solistinnen und Solisten füllen die Bühne mit ihren vielschichtig changierenden Charakteren und einer Präsenz, die sich bis aufs Wohnzimmersofa überträgt, nichts außer des Ambientes ist hier schwarz-weiß, gut oder böse, Schurke oder Seelchen. Und, apropos: Cristina Pasaroiu singt ihre Contessa Almaviva berückend schön, das warme, samtige Timbre der Hausdebütantin nimmt einen in gleicher Weise ein, wie ihre mädchenhafte Erscheinung.

Da hat eine blutjunge Rosina sich einem angegrauten, griesgrämigen Blaublut angetraut, dies der erste Höhepunkt: Terzett Graf, Gräfin, Susanna, or via, sortite, gerade noch rotiert Almaviva vor der Tür der Gattin, als treibe ihn eine noch nicht erloschene Zuneigung im Kreis, da verpasst ihm die Gräfin eine schallende Ohrfeige, und er fordert mit einer beinah Vergewaltigung seine ehelichen Rechte ein, die Pasaroiu mit Boesch im Infight auf nacktem Boden – Szenen einer scheiternden Ehe. Was Wunder willigt die Gräfin in die Kabale und Liebe ein.

Der Aufzug steckt fest: Enkelejda Shkosa als Marcellina und Maurizio Muraro als Bartolo. Bild: © Moritz Schell

Arrangierter Albtraum: Boesch, Semenzato, Andrew Owens, Gleadow, Muraro und Shkosa: Bild: © Moritz Schell

Aufritt des betrunkenen Antonio: Semenzato, Ivan Zinoviev, Pasaroiu, Gleadow und Boesch. Bild: © Moritz Schell

Die beiden Hausdebütantinnen Cristina Pasaroiu als Gräfin und Patricia Nolz als Cherubino. Bild: © Moritz Schell

Die erst 25-jährige niederösterreichische Mezzosopranistin Patricia Nolz, seit der aktuellen Saison Mitglied des Opernstudios der Wiener Staatsoper, debütiert an der Wien als Cherubino mit frischem, frechem Maturantencharme und in Hochwasserhose, als wäre der Knabe zu schnell in die Höhe geschossen – und wie sie singt: Voi che sapete che cosa è amor, strahlend, brillant, betörend! Patricia Nolz ist ein Name, eine Stimme, den zu merken sich lohnen wird.

Der bereits erwähnte Maurizio Muraro als Rollator bewehrter Bartolo samt Enkelejda Shkosa als Marcellina im rosafarbenen „Chanel“-Kostüm, La vendetta, oh, la vendetta / Via, resti servita, Madama brillante, Andrew Owens als intrigant-schmieriger Basilio, Johannes Bamberger als tölpeliger Don Curzio, Ekin Su Paker als neckische Barbarina und Ivan Zinoviev als vom Wein illuminierter Antonio geben ihr Bestes, um auch dem Begriff Opera buffa alle Ehre zu machen.

Mit allem Drum und Dran macht der TV-Abend Vorfreude auf ein mögliches künftiges Vorort-Erlebnis, dem man am Theater noch ein Mehr an Differenzierung zutrauen darf, den Solistinnen und Solisten wie dem Concentus Musicus, dessen präzise Begleitung, manch unheilvolles Donnergrollen, die drängende Spiellust und die Hand in Hand mit der Regie ausgelotete Partitur durchaus Erinnerungen an den großen Nikolaus Harnoncourt wachrufen, dessen Nachfolger Stefan Gottfried sich einmal mehr als umsichtiger Mann am Pult erweist.

Mit einer #Lockdown-Premiere hat Alfred Dorfer kein leichter Start im Operngenre ereilt. Dass ihn dies nicht abschreckt, ist zu hoffen. Denn es gibt genug Stoffe, bei denen Dorfers Talent zur eleganten Satire eine Wohltat wäre. Das spürt man vielleicht am stärksten am Ende. Nachdem alle Verkleidungen, Verstellungen und ein Witz von Entschuldigung gefallen sind, rockt man mitsammen in einer alten Straßenbahnremise ab, Endstation! also, und in grotesker Ausgelassenheit Almaviva, der sich hüpfend und die Arme in Siegerpose hochgerissen aus der Schlussbild-Idylle verabschiedet. Womöglich fantasiert er wieder, womöglich hegt er schon neue Verführungspläne? Ah! Tutti contenti!? Das Publikum auf alle Fälle!

Die TV-Premiere von „Le nozze di Figaro“ ist noch bis 5. Dezember in der ORF-Mediathek und bis Dezember 2021 auf der Klassikplattform fidelio abrufbar.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=CbWXaEdRBxw           www.theater-wien.at

  1. 11. 2020

Jean-Pierre & Luc Dardenne: Le jeune Ahmed

September 20, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Rezept gegen religiösen Eifer

Macht sich bereit fürs Gebet: Idir Ben Addi als Ahmed. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Der Glaubenskrieg beginnt am Esstisch. Ahmed, 13 Jahre alt, Belgier mit arabischen Wurzeln, also eines jener „Kinder mit Migrationshintergrund“, denen die Integrationsministerin ganze Studien bezüglich deren Unwilligkeit dazu widmet, beschimpft seine Mutter als Säuferin. Er sagt es auf Arabisch. السكارى Und schilt auch gleich die Schwester, die das Gläschen Wein am Abend verteidigt. Mit ihrem tief dekolletierten T-Shirt sei sie sowieso eine …

Mit „Le jeune Ahmed“ haben die Brüder Dardenne ein schwieriges Sujet in ein filmisches Meisterwerk verpackt. Der in Cannes im Vorjahr mit dem Regiepreis ausgezeichnete Film läuft seit heute auch in den heimischen Kinos. „In Zeiten von steigendem identitärem Populismus und von radikaler werdenden Religionen, wollten wir einen Film machen, der an das Leben appelliert“, so Luc Dardenne an der Croisette. Das ist dem belgischen Filmemacher und Bruder Jean-Pierre mit diesem zutiefst humanistischen Drama voll und ganz gelungen.

Mit ihren von ihnen unter Hochdruck gesetzten sozialen Versuchsanordnungen haben die Dardennes von „Rosetta“ bis „Der Junge mit dem Fahrrad“ beinah ein eigenes Genre begründet. Und auch diesmal verlassen sie sich ganz auf das haptische Spiel ihrer Darsteller, allen voran Idir Ben Addi, der weder Schauspielschüler ist noch jemals zuvor vor einer Kamera stand, und der mit seinem stummen Zeugnis-Ableben von Ahmeds Innenleben eine Intensität entwickelt, die wie ein Messer ins Herz schneidet.

Ein Messerattentat bereitet Ahmed auch vor. Lehrerin Inés, gespielt von Myriem Akheddiou, will ihren Schülern mittels Songs ein modernes Arabisch beibringen. Das ist Blasphemie! Sagt der Imam. Die Sprache des Propheten mit Liedern zu lernen! Lehrreich ist die hitzige Szene von der folgenden Elternversammlung. Meine Kinder sollen auf Arabisch auch alltägliche Dinge ausdrücken können, sagen die einen. Mein Neffe arbeitet an einer Hotelrezeption, in dieser Branche ist gutes Arabisch sehr gefragt. Arabisch darf nur in den Moscheekursen gelehrt werden, sagen die anderen, sonst stirbt der Koran, sterben der Islam und unser kulturelles Erbe.

Lehrerin Inès will den Schülern modernes Arabisch beibringen: Myriem Akheddiou. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Ahmeds Ersatzvater ist ein radikal sanfter Indoktrinierer: Othmane Moumen als Imam Youssouf. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Was Ahmed betrifft, haben die Dardennes einen überlegt ruhigen Film zu einem politisch höchst aufgeladenen Thema gemacht. Idir Ben Addis Bild vom Nachwuchs-Dschihadist entspricht keinem Fanatismus-Klischee. Der Lockenkopf ist Brillenträger und ein bisschen pummelig um die Hüften. Rührend, wie sich der Pubertäts-Gebeutelte das Kinn rasiert, und man sich fragt was und wozu. Und dann ist da das Chaos im Kopf. Eigentlich ein Teenager-typisches. Wäre nicht der Imam und der als „Märtyrer“ gestorbene Cousin als Idol.

Othmane Moumen gestaltet diesen Youssouf als radikal sanften Indoktrinierer, ganz klar ist der zivilberufliche Greißler für Ahmed ein Vaterersatz, doch bringt er mit seinem Glaubenssatz die ihm anvertrauten Koranschüler in Gewissenskonflikte und auf Konfrontationskurs. Erst weigert sich Ahmed Inés die Hand zu reichen, dann bereitet er, ist sie doch noch dazu mit einem Juden liiert, und die vom Imam ausgemachten Feindbilder sind die Juden und die „Kreuzzügler“, dann also bereitet er besonnen und unaufgeregt sein Messerattentat vor. Es ist Idir Ben Addis fast 90 Minuten lang unbewegliches, emotionsloses Gesicht, dass seinen Ahmed undurchschaubar und beunruhigend macht.

Die Dardennes sind nicht am Durchdeklinieren der Motive des jungen Gotteskriegers interessiert, den Moment der Tat, die übrigens schiefgeht, strapazieren sie nicht über Gebühr. Die Logik dahinter entsteht aus der Figur Ahmed, deren Entschlossenheit, deren Unbeirrbarkeit sind die Setzung – und der springende Punkt. Denn, vom plötzlich kleinmütigen statt kämpferischem Imam, der aus Furcht vor der Schließung der Moschee und seiner Ausweisung fast vergeht – Dialog: „Sie nannten sie eine Abtrünnige.“ „Aber ich habe nichts von Töten gesagt.“ -, der Polizei überantwortet, landet Ahmed in einer Jugendstrafanstalt. Ein verängstigtes Kind in Einzelhaft.

Dies ist die Frage, die die Dardennes aufwerfen, welche Angebote die so viel gepriesene westliche Wertegemeinschaft einer derartigen ideologischen Erstarrung zu bieten hat. Weder der Sozialarbeiter noch die Psychologin, Olivier Bonnaud und Eva Zingaro, können mit ihrer betont aufgeklärt-wohlwollenden Art zu Ahmed durchdringen. Er findet sie „zu nett“, wenn sie seine Gebetszeiten respektieren, ja ihn sogar daran erinnern, und ihm seine Hadithe lassen. Die institutionelle Ebene, „das System“, scheitert an Ahmeds Schweigen. In stiller Verzweiflung besucht ihn die Mutter, die er immer noch im Hidschab sehen will, Claire Bodson mit einer schauspielerischen Glanzleistung, Woche für Woche: „Vor ein paar Tagen warst du noch von der PlayStation nicht wegzukriegen, und jetzt, sieh‘ dich an …“

Auf dem Bauernhof mit Sozialarbeiter Olivier Bonnaud und Landwirt Laurent Caron. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Louise beflirtet den eingeschüchterten Ahmed: Victoria Bluck und Idir Ben Addi. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Dass sein Opfer Inés ihn zwecks Aussprache zu einem Treffen zwingen will, befremdet ihn. Erst als er auf dem Bauernhof von Mathieu, wo er als Arbeitskraft eingesetzt wird, dessen Tochter Louise kennenlernt, scheint sich der verschlossene Junge zu öffnen. Kurz huscht ein schamhaftes Lächeln über sein Gesicht als ihn Louise offensiv beflirtet, doch dann will ihn das von Victoria Bluck charmant verkörperte Mädchen küssen. Französisch küssen. „Unrein“ sei er jetzt, ist Ahmed entsetzt, der Weg ins Paradies ihm auf immer verwehrt, so kompromisslos hat er sich in eine von Ge- und Verboten strikt reglementierte religiöse Vorstellungswelt hineingesteigert, außer … Louise bekennt sich zum Islam. Was diese freilich ablehnt.

Worauf Ahmed, dessen Termin mit Inés als nächstes bevorsteht, Louises Zahnbürste stiehlt und in seiner Zelle zuspitzt, und einen Abschiedsbrief an seine Mutter schreibt … Wie sich die Dardennes an dieser Stelle darauf verstehen, ihren per Handkamera verfolgten Protagonisten in ein Thriller-Szenario zu versetzen, ist große Kunst. Wird Ahmed wie ein programmierter Assassine seine Mission bis zum Ende verfolgen? Täuscht er, im Innersten ein Fundamentalist, „das System“, indem er vorgibt sich nun wieder ihm konform zu verhalten? Darf man von unterschiedlichen Mentalitäten sprechen? Vom tiefen Gefühl der Verletzung der männlich-muslimischen Ehre? Davon, wie schwer Verhetzung aus (jugendlichen) Köpfen zu kriegen ist?

Schwer zu verstehen ist das alles. Und doch wieder nicht. Denn wenn Luc Dardenne von „identitärem Populismus“ spricht, meint das, dass das sich so überlegen denkende Abendland genug vor der eigenen Tür zu kehren hat. „Le jeune Ahmed“ lässt das Publikum bis zum allerletzten Bild, eigentlich darüber hinaus, um seinen Antihelden bangen. Szene für Szene sieht man ihn in ein so sinnloses Verderben entgleiten, und kann ihm doch nicht helfen. „Le jeune Ahmed“ ist ein unangenehm unter die Haut gehendes und gleichzeitig seltsam elegantes Kammerspiel. Das schwerste Drehbuch, das sie jemals geschrieben haben, sagen die Dardennes. Damit, mit seinen Gedanken und dem Meinung-Bilden lassen sie den Betrachter nun allein. Und mit einem Schluss, den zumindest ich ihnen niemals verzeihen werde.

stadtkinowien.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=50dvriiC7Bw

  1. 9. 2020

Wiener Festwochen: Le Metope del Partenone

Juni 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Kehrgerät beseitigt den Tod

Leiche Nummer eins in der Kunstblutlacke. Bild: © Guido Mencari, Paris

Auf das Leben folgt der Tod, nach „La vita nuova“ also „Le Metope del Partenone“, beides Arbeiten des italienischen Regisseurs und Festwochen-Stammgasts Romeo Castellucci, die er mit seiner Kompagnie Socìetas dies Jahr in den Gösserhallen zeigt. War erstere eine Art Messias-Suche durch eine mysteriöse Bruderschaft, Propheten eines Aufbruchs, eines Neuanfangs, so geht es nun um letzte Momente und ums Sterben. Und das ziemlich drastisch.

Sechs Mal wird auf verschiedene Weise verschieden, der Zuschauer, ganz klein in dem riesigen Spielort, zum genauen Hinsehen auf das Grauen gezwungen. Als wär’s die Strafe für jeden, der jemals schaulustig an einer Unfallstelle stand. Ein Taumeln, ein Keuchen, ein Umkippen. Schon legt sich eine junge Frau auf den nackten Boden, wird von sachkundigen Weißgewandeten, wie’s davor auch die Bruderschaft war, mit Kunstblut aufs Leichendasein vorbereitet. Eintrifft mit ohrenbetäubendem Signalhorn und Blaulicht der Einsatzwagen des Roten Kreuz. Die Rettungskräfte sind tatsächliche, sie bemühen sich um die Verunfallten. Hilfe, wo es keine mehr gibt, das ereignet sich sozusagen ununterbrochen, laut Weltstatistik sterben täglich an die 150.000 Menschen, mehr an ihrem Lebensstil, heißt: Genuss von Alkohol und Tabak, als durch Kriege.

Castellucci führt das mit seinem wie stets klang- und bildgewaltigem Werk vor, dessen Titel sich auf die Reliefs im Tempel der Pallas Athene auf der Akropolis bezieht, die mythische Kampfszenen zwischen Göttern, Giganten, Kentauren und Griechen darstellen. Von ihm streng choreografiert kommt unweigerlich der Exitus. Die Ursachen dafür sind Säure, die ein Gesicht verätzt, Verbrennungen, mal wird ein Bein abgetrennt, mal quellen Gedärme aus einem Leib. Einen Mann im Anzug durchschüttelt offenbar ein Herzinfarkt, inmitten seiner Urinlacke muss er auch noch die als Schmach ertragen. Schmerz, Entstellung, gellende Hilferufe an der Grenze des Erträglichen, schließlich Ohnmacht, den Schauspielern Silvia Costa, Dirk Glodde, Zoe Hutmacher, Liliana Kosarenko, Maximilian Reichert und Sergio Scarlatella bleiben nicht viel Mittel, als Mimik und Gestik entgleisen zu lassen.

Echte Rettungskräfte im gefakten Einsatz. Bild: © Guido Mencari, Paris

Siehe, sagt Castellucci, so schnell wird man zum Opfer zum Objekt. Denn von Fall zu Fall stellt sich der Herzmonitor auf Flatline, ein Tuch wird den Entschlafenen geworfen, Stille setzt ein, und bei manchen ist man froh, dass endlich eine Ruh‘ ist. Was aber nicht so bleibt, lösen sich die Leichen doch aus ihrer Starre und schreiten als höchst würdevolle Untote durch den Raum. Zu den Wiederauferstehungen werden rätselhafte Sätze von Claudia Castellucci an die Wände projiziert:

„Ich bin allein, aber unter vielen“ oder „Ich bin nie gewesen, aber im Werden begriffen“, „Ich habe keinen Körper, aber du kannst mich sehen“, was eindeutig – und Castellucci würde diesen Konflikt mutmaßlich gar nicht abstreiten – mehr nach Römisch-Katholisch als nach Antik-Griechisch klingt. Mehr Erkenntnisgewinn hat Castellucci diesmal nicht zu bieten. Seine 2015 in Basel erstaufgeführte Performance wird nicht zu einem der von ihm sonst so empathisch angelegten Elementarereignisse. Das „Erlebnis“ Tod, das dem Unabwendbaren Ausgeliefert-Sein verfängt nicht beim Betrachter, daran zu erkennen, dass das Publikum den finalen Zuckungen der Darsteller meist mit abwehrend verschränkten Armen gegenübersteht. Überforderung statt Einfühlung, und keine Katharsis nirgendwo. Am Schluss: eine Kehrmaschine. Kommt und fegt die falschen Körpersäfte weg …

www.festwochen.at

  1. 6. 2019

Helen Mirren ist auch in der Küche die Queen

August 26, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Madame Mallory und der Duft von Curry

Hassan (Manish Dayal) und Madame Mallory (Helen Mirren) Bild: © 2014 Constantin Film Verleih GmbH

Hassan (Manish Dayal) und Madame Mallory (Helen Mirren)
Bild: © 2014 Constantin Film Verleih GmbH

Hassan Kadam (Manish Dayal) ist ein junger, talentierter Koch mit dem Äquivalent zum „absoluten Gehör“ – dem „absoluten Geschmack“. Die Familie Kadam verlässt ihre Heimat Indien, angeführt von Familienoberhaupt „Papa“ (Om Puri), und landet über Umwege in dem idyllischen Dörfchen Lumière im Süden Frankreichs – genau der richtige Ort, um ein indisches Restaurant zu eröffnen, entscheidet Papa. Das wiederum gefällt Madame Mallory (Helen Mirren) gar nicht: Die unterkühlte Französin ist Chefin des „Le Saule Pleureur“, einem mit dem Michelin Stern ausgezeichneten französischen Restaurant, nur wenige Schritte entfernt von dem neuen, lebhaften indischen Lokal der Familie Kadam. Und so findet Hassan sich plötzlich in einer handfesten Restaurantfehde zwischen seiner indischen Großfamilie und ihrem „Maison Mumbai“ auf der einen Seite und der alteingesessenen Madame Mallory auf der anderen Seite wieder. Bis sich Hassans Leidenschaft sowohl für französische Haute Cuisine als auch für Madame Mallorys bezaubernde Sous-Chefin Marquerite (Charlotte Le Bon) vereint mit seiner wunderbaren Gabe, die Köstlichkeiten beider Kulturen zu verbinden und Lumière mit unwiderstehlichen Aromen zu durchdringen, die selbst Madame Mallory nicht ignorieren kann. Anfangs noch Madame Mallorys kulinarischer Rivale, erkennt sie schon bald Hassans einzigartiges Talent als Koch und nimmt ihn unter ihre Fittiche…

Zugegeben, das liest sich wie das Déjà-vu sämtlicher Küchen-Drehbücher mit ein bisschen Clash of Cultures, gewürzt mit einer Prise Romantik, wäre da nicht Regisseur Lasse Hallström, der schon mit „Chocolat“ bewiesen hat, dass er mit Kneten und Rühren berühren kann. Und die wunderbare Hauptdarstellerin Helen Mirren, die als gestrenger Kuchldragoner dem Bestsellerbuch „The Hundred-Foot Journey“ von Richard Morais jeglichen Kitsch wegklopft. Steven Spielberg und Oprah Winfrey haben dieses Schauspielerkino, dem man wohl als schönstes Kompliment machen kann, dass es wie das Hollywood-Remake einer kleinen, europäischen Filmköstlichkeit schmecke, produziert.

Dass man nahezu sämtliche Wendungen der Story vorausahnt, ändert nichts an ihrer Wohltemperiertheit. Die Dialoge, im Original wechselnd zwischen Französisch und Englisch mit indischen Einsprengseln, sind pointiert und witzig, die Ausstattung ist opulent bis ins Detail und das Essen – mit einem Wort beschrieben: sinnlich. Natürlich macht sich Helen Mirren den Film zu eigen. Die Verwandlung von der eifersüchtigen Zicke zur empathischen Gönnerin meistert sie virtuos; der Grande Dame des britischen Kinos genügt eine leichte Straffung des Körpers und eine kaum sehbare Kopfbewegung, um die Emotionen ihrer Figur auszudrücken.

Was man sich am Ende des Films dringend wünscht? Fusion-Food in der Nähe. Damit nach dem Augenschmaus auch Geruch- und Geschmackssinn endlich was von der Sache haben. „Gehen Sie nicht zum Abendessen, bevor Sie den Film gesehen haben“, empfiehlt auch Helen Mirren. „Und danach essen Sie in einem schönen Restaurant.“

www.madame-mallory.de

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=Wd2uDfDFia8

Wien, 26. 8. 2014

Wiener Festwochen: La Barque le soir

Juni 13, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der alte Mann und das Meer

Bild: Pascal Victor ArtComArt

Bild: Pascal Victor ArtComArt

Ein Mann kämpft gegen das Ertrinken an. Nur schemenhaft zeichnet sich die Figur im dunklen Raum ab. Der Text wird Silbe für Silbe artikuliert, glasklar und schneidend scharf. Neun Seiten aus dem autobiografischen, 1968 erschienenen Roman „Boot am Abend“ des norwegischen Autors Tarjei Vesaas genügen Regisseur Claude Régyy für eine tiefgreifende Reflexion über einen menschlichen Urtrieb, den Überlebenstrieb. „La Barque le soir“ ist ein Theaterabend, der sich auf unsicheres Terrain wagt. Der 91-jährige Régy folgt nicht dem Weg einer vordergründigen Erkenntnis. Er schafft wie immer Andachtsräume für die Poesie der Sprache. Wie wunderbar, eine Produktion dieses Genies in Wien sehen zu dürfen. Wie sonderbar, wie viele Farben von Schwarz es gibt.

Der Mann am Ertrinken glaubt sich nämlich plötzlich unter Wasser. Und „alles, was ihn oben hält, gibt offensichtlich nach“. Vesaas Sprache, oft als nobelpreiswürdig gepriesen, ist voller Poesie, voll nordischer Melancholie. Er erzählt vom Wegdriften der Realität. Der Mann sinkt, Strömungen zerren an ihm, er wird von Luftblasen umperlt, er treibt nach oben, greift nach einem Stamm. Nur wenige auserwählte Sätze haben es in die Aufführung geschafft. Sie tropfen Schauspieler Yann Boudaud langsam-melodisch von den Lippen. Er ist Ertrinkender und Erzählstimme zugleich. Boudaud ist ein fabelhaft. Er steht an der Rampe, dass es scheint, er schwebe. In zeitlos schwerelosen  Bewegungen, windet er seinen Körper „im Wasser“. Oft ist es in dessen Tiefen so dunkel, dass man ihn kaum sehen kann. Wie er kämpft, sich anstrengt und befreien möchte. Der Text zu dieser Szene lautet: „Der Mangel an Luft machte ihm zu schaffen“.

Der Eindruck, den diese extrem reduzierte Aufführung hinterlässt, ist überwältigend. Ein physisches und psychisches Abenteuer, das bis zuletzt spannend bleibt. Besonders eindrücklich eine Szene, in der der Darsteller vor Angst winselt wie ein Tier. Man möchte ihn retten. Aber wie? Man ist längst selbst im Rausch der Tiefe.

www.festwochen.at

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-2014

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-geschichten-aus-dem-wiener-wald/

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