Volkstheater: Lazarus

Mai 10, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Programmheft als Beipackzettel

Newtons Museum der Erinnerung: Maria Stippich, Anja Herden, Katharina Klar, Günter Franzmeier und Evi Kehrstephan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der tosende Schlussapplaus war abzusehen, schließlich wurde schon jeder einzelne Song heftig bejubelt. 17 an der Zahl, von „This Is Not America“ bis „Absolute Beginners“, von „The Man Who Sold The World“ bis „Life On Mars?“ – das musikalische Vermächtnis des David Bowie, der zum Sterben krank sein Lebenswerk zum Musical machte. Das ist es also: „Lazarus“ als österreichische Erstaufführung im Volkstheater.

Das ist also das, was der ratlose Rezensent gern mit dem Etikett enigmatisch versieht, das Nicht-Verstehen mit Meisterwerk gleichsetzend. Wie der Fiebertraum eines auf Genesung Hoffenden zieht dieser Abend an einem vorbei. Immerhin das Programmheft dient als eine Art Beipackzettel. Eine Assistentin Elly gebe es, steht da, und einen früheren Mitarbeiter Michael, ein Verbrechensopfer und den Serienmörder Valentine. Und Lazarus, diese biblische Symbolfigur für Auferstehung, die hier nicht sterben kann. Sie ist weitergedacht jener Thomas Jerome Newton, der Außerirdische, den sich Bowie in Nicolas Roegs Film „The Man Who Fell To Earth“ 1976 anverwandelt hat. Und der nun seinen Weltenschmerz mit Gin betäubt.

In der Inszenierung von Miloš Lolić interpretiert ihn Günter Franzmeier. Und was das betrifft, ist die Gratwanderung perfekt gelungen. Franzmeier, kühl, unnahbar, mit reduziertem Spiel, macht sich die Songs zu eigen, er gibt ihnen eine Färbung, die Erinnerungen ans Original mitschwingen lassen, und legt an ihnen dennoch neue Gefühlsschichten frei. Gleich zu Beginn, wenn er wunderbar seelenwund den titelgebenden Song singt, Look up here, I’m in heaven / I’ve got scars that can’t be seen, weiß man, dass die Aufführung musikalisch gelungen ist. Unter der diesbezüglichen Leitung von Bernhard Neumaier stellen das besonders Katharina Klar als ermordetes Mädchen, Christoph Rothenbuchner als androgyner Todbringer und Gábor Biedermann mit seiner Rockstar-Attitude unter Beweis. Großartig ist am Ende das hoffungschöpfende „Heroes“-Duett von Franzmeier mit Klar.

Brillant als Bowies Alter Ego: Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Musikalisch top: Maria Stippich, Anja Herden, Christoph Rothenbuchner, Gábor Biedermann und Evi Kehrstephan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Doch die darob Ergriffenheit weicht beim zweiten Hinsehen der Ernüchterung. Neben der Musik sind die Szenen und Dialoge, die Enda Walsh mit Bowie erarbeitete, eben ein weiterer Aspekt des Musicals. „Lazarus“, das wird bald klar, erzählt keine Story im eigentlichen Sinne. Das Gespielte dient wie das Gesungene eher als atmosphärische Momentaufnahme, gemeinsam sollen sie wohl so was wie die Vereinsamung, die Verwirrung, die Verirrung des Protagonisten widerspiegeln. Sie sind Newtons Kopfkino. Dies darzulegen versucht Lolić nicht. Er flüchtet sich in Ausstattung, wo Auslotung vonnöten gewesen wäre.

Denn das Bühnenbild von Wolfgang Menardi ist opulent, ein „Museum der Erinnerung“ nennt es sich, und ist vollgestopft mit ausgestopften Tieren aus dem Nachbarmuseum, mit zahlreichen bunten Vitrinen und anderen Versatzstücken, und die Drehbühne dreht und dreht sich. Punkto Kostüme lässt Jelena Miletić von Retrofellwesten über Pailletten und Schlaghosen bis durchsichtigen Plastikmänteln wenig aus, was irgend dem Seventies-Showklischee entspricht. Auch etliche Haare müssen von Bowie-Blond bis Ziggy-Stardust-Rot dran glauben. Ob all dieser Bühnenzauber den Blick auf die wahre Ambivalenz des Stücks verstellt, ob diese tatsächlich vorhanden ist, dies sei dem Betrachter dahingestellt.

Katharina Klar als das gemordete Mädchen, das Newton zur Rettung wird. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Newtons Tanz über den Abgrund begleiten des Weiteren Maria Stippich, Evi Kehrstephan und sehr sexy Anja Herden als Teenage Girls/Backgroundsängerinnen, Rainer Galke als Michael, Isabella Knöll als Elly und Kaspar Locher als deren Mann Zach. Claudia Sabitzer geistert als Japanerin durchs Spiel. Warum, man weiß es nicht, und hakt auch das unter „enigmatisch“ ab.

www.volkstheater.at

  1. 5. 2018

Das Volkstheater zeigt David Bowies Musical „Lazarus“

März 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Miloš Lolić inszeniert, Günter Franzmeier spielt

Christoph Rothenbuchner, Günter Franzmeier und Katharina Klar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Volkstheater schießt hoch hinaus: Am 9.Mai feiert das Erfolgsmusical „Lazarus“ von David Bowie und Enda Walsh Premiere. Gemeinsam mit seinem Leading-Team inszeniert der Regisseur Miloš Lolić Bowies letzten Gruß an seine Fans in einer Österreichischen Erstaufführung.

Beim gestrigen von Produktionsdramaturg Roland Koberg moderierten Pressegespräch gaben Regisseur Miloš Lolić, der musikalische Leiter Bernhard Neumaier, Bühnenbildner Wolfgang Menardi und Kostümbildnerin Jelena Miletić erste Einblicke in die Produktion, die seit knapp drei Wochen auf der Probebühne in Simmering entsteht. Volkstheater-Ensemblemitglieder Günter Franzmeier (Hauptfigur Newton), Katharina Klar (Mädchen) und Christoph Rothenbuchner (Valentine) teilten erste Überlegungen zu ihren Figuren mit dem Publikum und präsentierten ihre Solo-Songs „Lazarus“, „Life on Mars?“ und „Dirty Boys“, am Klavier begleitet von Ryan Thomas Carpenter.

„Ich bin ein riesiger David-Bowie-Fan, sein musikalisches Vermächtnis zu inszenieren ist mir eine große Ehre“, schwärmt Regisseur Miloš Lolić von seiner Aufgabe. „Deswegen habe ich mich überhaupt entschlossen, zum ersten Mal in meinem Leben ein Musical zu inszenieren.“

Neben dem elfköpfigen Ensemble stehen acht Live-Musiker auf der Bühne: Gemeinsam verbinden sie die lose an den Film „The Man Who Fell To Earth“ von 1976 anknüpfende Spielhandlung mit 17 fantastischen David-Bowie-Songs aus vier Jahrzehnten zu einem außergewöhnlichen Theaterabend. Neben bekannten Hits des mutigsten aller Rockstars finden sich auch einige eigens komponierte Stücke und unbekanntere experimentelle Rocksongs in „Lazarus“.

Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Christoph Rothenbuchner, Katharina Klar und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Der besondere Reiz an der musikalischen Arbeit mit den Schauspielerinnen und Schauspielern ist die Annäherung an die Musik Bowies aus ihrer Rolle im Stück heraus: So imitieren wir nicht den Gesang oder die Gestik Bowies, sondern finden einen theatralen Zugang zum Œuvre von David Robert Jones“, so der musikalische Leiter Bernhard Neumaier.

Volkstheater-Intendantin Anna Badora: „Wir alle am Haus freuen uns, dass wir dieses beeindruckende Musical, das auf der ganzen Welt große Erfolge feiert, als Österreichische Erstaufführung zeigen dürfen. Insbesondere können wir der Stadt mit diesem Musical unser talentiertes Ensemble von einer zusätzlichen Seite präsentieren. Es war der ausdrückliche Wunsch des Verlags, dass „Lazarus“ an einem Schauspielhaus und nicht an einem Musiktheater aufgeführt wird. Und mit Miloš Lolić haben wir einen Regisseur gefunden, der große Musikalität und einen guten Regiezugriff auf moderne Texte hat.“

www.volkstheater.at

27. 3. 2018

Theater an der Wien: Lazarus

Dezember 5, 2013 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die große Glaubensfrage

Bild: Theater an der Wien

Bild: Theater an der Wien

Nimm dein Bett und singe. Am 11. Dezember hat am Theater an der Wien Franz Schuberts „Lazarus“-Fragment Premiere. Regisseur Claus Guth wagt sich damit am Haus nach Händels „Messiah“ erneut szenisch an ein Oratorium. 1820 wandte sich Franz Schubert einem Oratorien-Libretto von August Hermann Niemeyer aus dem Jahr 1778 zu: Lazarus oder Die Feier der Auferstehung. Das vom Librettisten als „Religiöses Drama“ bezeichnete Werk ist nur als Fragment überliefert. Der 1. Akt liegt vollständig vor, der 2. Akt bricht mitten in einer Arie ab. Das restliche Manuskript ist verschollen; was Schubert noch komponiert hat, ist ungewiss. Erst 1863, 35 Jahre nach seinem Tod, wurde das Fragment in Wien uraufgeführt. Gleichwohl ist der Lazarus eines der bewegendsten Werke der Vokalmusik und nimmt im OEuvre Schuberts eine besondere Stellung ein. Die Auferweckung des Lazarus ist nur im Johannes-Evangelium überliefert, wo sie der Passionsgeschichte Christi vorausgeht. Zusammen mit seinen Schwestern Maria und Martha ist Lazarus ein glühender Anhänger des Messias. Er stirbt im festen Glauben an die Auferstehung am Jüngsten Tag. Jesus setzt jedoch ein Zeichen, indem er den bereits mehrere Tage Begrabenen ins Leben zurückholt. In Niemeyers „Lazarus“ wird das zum Wendepunkt im Leben des Simon, der durch Schicksalsschläge seinen Glauben verloren hat. Im 3. Akt (zu dem man keine Musik von Schubert kennt) wird er durch die Begegnung mit dem wiederauferstandenen Lazarus bekehrt.

Claus Guth setzt mit Schuberts Oratorium seine Beschäftigung mit den Themen Tod und Erlösung fort. Mit der großen Glaubensfrage nach dem Danach. Er nutzt den Umstand, dass die überlieferte Partitur mitten in der Grablegung des Verstorbenen abbricht, die Wundergeschichte von der Auferweckung des Lazarus also ausgespart bleibt. Mit instrumentalen Kompositionen von Charles Ives (unter anderem The Unanswered Question) und weiteren Vokalwerken von Franz Schubert verwebt er den „Lazarus“ zu einem Theaterabend, der um das Sterben und um das, was kommen mag, kreist. Eine Aufführung, in der es um Angelegenheiten geht, für die es keine endgültigen Antworten gibt. Es dirigiert Michael Boder; es singen u. a. Kurt Streit (Lazarus), Annette Dasch (Maria), Stephanie Houtzeel (Martha) und Florian Boesch (Simon).

www.theater-wien.at

Wien, 5. 12. 2013