Christine Lavant: Zu Lebzeiten veröffentlichte Erzählungen

Januar 19, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die „Armenleute-Krott“ als Chronistin des Arbeiterelends

SD_1392-7_Lavant_Bd2_Prosa_lay_3.inddAls 1984, elf Jahre nach Christine Lavants Tod, ein erster literaturwissenschaftlicher Sammelband ihres Werks erschien, enthielt dieser keinen Beitrag zu ihren Erzählungen. Wohl aber eine Wortspende des deutschen Linguisten Harald Weinrich, die der Autorin jede Legitimation zur Prosa aberkannte. Von einem „dumpf-demütigen Geisteszustand“ ist da die Rede, von der Rückgängigmachung der europäischen Aufklärung, vom Hinnehmen und Dulden aller Mächte und Herrschaften. „Selten hat jemand, das Ziel vor Augen, ärger danebengetroffen“, schreibt Klaus Amann dazu. Weinrich verwechselte die Befangenheit von Lavants Figuren mit den Anschauungen der Autorin.

Ein Fehler, dem auch das Werk von Lavant-Verehrer Thomas Bernhard immer wieder unterworfen wird. Das Gegenteil ist nämlich der Fall. Die Kärntner „Armenleute-Krott“ ist eine streitbare Anwältin eben dieser. Mit ungeschöntem Realismus schreibt sie über Arbeiterelend und das schwere Leben des Kleinstbauernstandes. Sie steht auf gegen die Ungerechtigkeit dessen, was sich Schicksal nennt, tatsächlich aber von Obrigkeiten verschuldet ist. In ihrer Auflehnung gegen die höchsten, bis hin zu Gott, stehen die Erzählungen ihrer Lyrik in nichts nach. Lavants markante und widerspenstige, gleichsam aber poetische Prosa schnürt einem beim Lesen den Hals zu. Dass man diese Mark-und-Bein-Erfahrung nun wieder machen kann, ist dem Wallstein Verlag zu danken, der sich der gefeierten Lyrikerin in einer vierbändigen Werkausgabe nähert.

Nach den „Zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichten“, erschienen 2014, liegen nun die „Zu Lebzeiten veröffentlichten Erzählungen“ vor. Neben Lavants ersten Büchern „Das Kind“ (1948) und „Das Krüglein“ (1949) enthält der Band „Thora und die Rosenkugel“ (1956), die beiden Sammlungen „Baruscha“ (1952) – der titelgebende ist Lavants  Lieblingstext – und „Nell“ (1969) sowie die verstreut publizierten Erzählungen. Das Nachwort des oben zitierten Herausgebers Amann gibt Einblicke nicht nur in die Arbeits-, sondern auch die Lebensweise der Autorin. Der Wiedererkennungswert in den Erzählungen ist hoch, denn Lavant, was sie an sich selbst immer wieder kritisierte, schrieb Gedichte und Geschichten nur über Zustände, die sie auch kannte. „Das Kind“, in der sie ihre eigene Skrofulose-Erkrankung verarbeitet, und „Das Krüglein“, in der sie als Personal ihre ganze Familie nebst Verwandtschaft auffährt, sind im besten Sinne autobiografisch zu nennen. Weshalb sich die Thonhauserin ursprünglich auch den „Decknamen“ Lavant gab.

Doch die aus der Wirklichkeit geschöpften klaren Worte sorgten auf dem Dorfe für mehr Unmut als Lavants enigmatische, ergo schwerer zugängliche Verse. „Ich wagte mich nahezu nicht aufs Postamt weil ich fürchtete die Kirchleute zu treffen. Bekannte Bauersleute, die alle – seit hier das ‚Krüglein‘ bekannt geworden ist – eine Riesenwut auf mich haben“, steht in einem Brief an eine Freundin. Und weiter: „Das ist das Schwere wenn man als Dichterin nur aus der Wahrhaftigkeit etwas holen kann, dass man dann Vorgänge blosslegt und in die Öffentlichkeit bringt, die besser verborgen bleiben.“ Lavants Thema sind großenteils Kindernöte in einer Welt der Erwachsenen. Sie hat ein Herz für die hässlichen, hasenschartigen, die die Schikanen über sich ergehen lassen müssen, die sich die Jungen von den Alten abgeschaut haben. „Der Knabe“ flüchtet sich deshalb mit „Indianertschako“ in eine „Old Schatterhand“-Fantasie, „Thora“ spielt die vornehme Dame. Was beides in der Umgebung noch mehr Unverständnis erzeugt.

Kaum auszuhalten ist das, wie bei Lavant die Leut‘ brutal oder bigott werden, so hart wie ihre nackte Existenz. Die Menschen sind ihrer Sprache beraubt, in wunderbaren Kunstgriffen ändert die Autorin oft mitten im Satz die Erzählperspektive, um das Stumme, Versteinerte, das „Naive“ im Ausdruck ihrer Wortwucht gegenüber zu stellen. Die Gesellschaft ist beherrscht von Aberglaube und der Ausgrenzung alles „anderen“, so hat man’s vom Herrn Pfarrer und vom Herrn Bürgermeister gelernt. „Denn ’nur die Gerechten werden in das Himmelreich eingehen‘, hat der Herr Pfarrer gepredigt. Aber, dann wird ja der Oberlehrer auch zu uns kommen? Der ist ja ungerecht! Der gibt bloß den Bauernkindern, die was bringen können, alles Einser“, philosophiert „Das Kind“. Eine Frau, die das x-te gebiert, überlegt, wie sie ihre älteren Töchter und Söhne aus der Stube bringt, um bei diesem Akt möglichst unauffällig allein zu sein. Ein Bub, an die reiche Tante „verkauft“ und von dieser gequält, lässt dafür Tiere leiden. „Und die Mutter weiß immer nicht, wie die Stube bezahlen und die Milch. Und das Fleisch und das Brot wird auch immer teurer … beim Stricken in der Nacht verdient man ja nicht einmal so viel wie’s Schwarze unterm Fingernagel. Sagt die Mutter.“

In einem Anhang werden Lavants Dialektausdrücke erklärt. Viel Vergessenes findet sich wieder. „Behüt‘ euch Gott mit Rosenwasser“, tatsächlich eine harsche Aufforderung nun bitte endlich das Feld zu räumen, hat man zuletzt in den 1980ern die oberösterreichische Urgroßmutter sagen hören. „Dreckleiten“, von einem deutschen Verleger einst zu „Dreckleiter“ verschlimmbessert, meint einen schwer zu erklimmenden, weil steilen Berghang. Die Herausgeber haben sich durch Typoskripte und handschriftliche Ergänzungen, die Lavant hatte nicht immer eine Schreibmaschine zur Verfügung, sie musste sich eine borgen, geackert, um ein möglichst authentisches Bild der Texte zu erstellen. Wie mündlich erzählt soll es sich lesen, denn Lavant wies immer wieder darauf hin, dass für sie die Prosa die Fortsetzung des mündlichen Erzählens ist. Und wie wichtig ein derartiges Weitergeben von Geschichten in ihrer Familie war.

In der „Landes-Irrenanstalt“ in Klagenfurt – 1935 hatte sie versucht sich mit dem Schlafpulver ihrer Mutter zu töten – begann Christine Lavant mit dem Aufschreiben der Geschichten. Im Dorf hieß es, „die spinnt“, erzählte sie später in einem Interview. Man fürchtete die kettenrauchende, dichtende „Verrückte“. Und als ihre älteste Schwester sie im Anschluss-Österreich wieder in die Nervenklinik einweisen wollte, verstummte die Autorin. Im „Mustergau Kärnten“ wurde die Euthanasie, die massenhafte Ermordung körperlich und geistig Kranker besonders eifrig betrieben. Lavants panische Angst davor ist mehrfach bezeugt. Erst 1945 begann sie wieder zu schreiben, „wie rasend“, „wie eine Besessene“. Dass die Prosa dabei zeitlebens nie gegen die Lyrik reüssieren konnte, von „Baruscha“ wurden 790 der 3000 gedruckten Exemplare verkauft, von „Nell“ 770, ist ein Versäumnis, das nun auf höchstem Niveau nachgeholt werden kann. Lavants Geliebter, der Maler Werner Berg, schrieb ihr einmal über die „Merkwürdigkeit Deiner Modernität“. Nun ist es hoch an der Zeit, diesem Mix aus Kitsch und Kolportage, aus Hochmut und Demut, aus krudem Naturalismus und fantastischer Imagination, den Lavant aufbietet, um die Gefühls- und Gedankenwelt ihrer „Mühseligen und Beladenen“ zu illustrieren, ihrem Sprach-Sarkasmus und ihrer feinen Ironie in der Beschreibung gesellschaftlicher Verhältnisse, die ihnen zustehende Reverenz zu erweisen.

Über die Autorin:

Christine Lavant (machte den Namen ihres Heimatflusses zum Pseudonym), eigentlich Thonhauser, verheiratete Habernig, geboren 1915 in St. Stefan im Lavanttal, Kärnten, als neuntes Kind eines Bergmanns und einer Flickschneiderin, war Lyrikerin und Erzählerin. Ihre Schulbildung musste sie aus gesundheitlichen Gründen früh abbrechen. Jahrzehntelang bestritt sie den Familienunterhalt als Strickerin. Sie erhielt unter anderem den Georg-Trakl-Preis (1954 und 1964) und den Großen Österreichischen Staatspreis (1970). Zeit ihres Lebens von körperlichen und seelischen Leiden gepeinigt, starb sie 1973 in Wolfsberg. Ein Gutteil ihres literarischen Nachlasses ist noch nicht veröffentlicht.

Wallstein Verlag, Christine Lavant: „Zu Lebzeiten veröffentlichte Erzählungen“, 800 Seiten. Herausgegeben von Klaus Amann und Brigitte Strasser. Mit einem Nachwort von Klaus Amann. Reihe: Christine Lavant: Werke in vier Bänden (Hg. von Klaus Amann und Doris Moser. Im Auftrag des Robert-Musil-Instituts der Universität Klagenfurt und der Hans Schmid Privatstiftung); Bd. 2

www.wallstein-verlag.de

Mehr zu Lavants Lyrik, Rezension Bd. 1: www.mottingers-meinung.at/?p=14452

Derzeit am Volkstheater: Lavants „Das Wechselbälgchen“, Rezension www.mottingers-meinung.at/?p=16498

Wien, 19. 1. 2016

Volkstheater: Das Wechselbälgchen

Dezember 5, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Bitternis in bezaubernden Bildern

Seyneb Saleh Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Seyneb Saleh mit Puppe Zitha
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Figuren, die langsam, mit Bewegungen, die sich ihre Geschmeidigkeit erst ertasten, zum Leben erwachen, werden gleich selber Figuren bewegen. In Schaukästen stehen sie, steigen aus ihnen, aus dem schwach Beleuchteten ins Halbdunkel; Gebirge ist im Hintergrund gemalt, davor ein Bergdorf, eine Kirche und ein Bauernhof als Modell. Ein Heimatmuseum. Der Ursprung als Quelle der Bitternis. Und diese Bitternis in bezaubernden Bildern. Die Dioramen sind von Jakob Brossmann; und in und vor ihnen hat Nikolaus Habjan „Das Wechselbälgchen“ von Christine Lavant inszeniert, eine Produktion des Volkstheaters in den Bezirken, uraufgeführt im Volx/Margareten.

Nichts an diesem Heimatmuseum ist museal. Habjan entdeckte die Lavant für sich, als er sich mit der Lebensgeschichte von Friedrich Zawrel beschäftigte. Für seinen Abend „F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“. Das Spiegelgrundkind, der Überlebende des NS-Kinder-Euthanasie-Programms. Habjans Plädoyer ist, dass das Ewiggestrige keine immer währende Wahrheit bleiben darf. Er zeigt, welch frohen Herzens der Mensch sein kann, wären da nicht Instanzen, die vorgeben, was gut und böse, richtig und falsch, gesund und ungesund, wert und „unwertes Leben“ zu sein hat. Die Kärntner Autorin Maja Haderlap hat die archaisch anmutende Erzählung dramatisiert, sie trifft dabei den Lavant-Ton, dessen poetische Wortegewalt, die lavanttalerisch durchsetzte Kunst-Sprache ihrer Landverwandten. Wo das Sentiment überfließen, wo das Schmalz rinnen könnte, ist Sprödheit. Hartleibige Leute verständigen sich in kargen Dialogen. Die Herzen so kalt wie der Bach, der schon zum Ertrinken ruft, die Seelen so karstig wie die Landschaft.

Das Konzept kalt wird von Habjans Hauptdarstellerin gleichsam konterkariert. Zitha, die Puppe, agiert, als ob es, nein: weil es um ihre Existenz geht. Es ist bei Habjan kein kindlicher Irrtum, das Objekt zu subjektivieren. Seine Figuren, diesmal gemeinsam mit Denise Heschl gebaut, spielen nicht, brauchen auch keine darstellerische Behauptung aufzubauen. Sie sind. Dieses besondere, hässliche, halbglatzige Kind hat eine Wahrhaftigkeit, die weh tut, die zu Tränen rührt. Es ist in Wahrheit nicht zum Aushalten, diese Rüge muss sich der Regisseur gefallen lassen, man möchte einmal aus seinen Abenden gehen, ohne, dass einem Wimperntusche auf der Wange klebt. Am Schluss, vor tosendem Applaus und den Bravorufen war in der Stille der ersten Schockstarre rundum deutlich Schniefen und Schneuzen zu hören.

Zitha hat sich die Lebenslust aus ihrem „unwerten Leben“ gestohlen, wie sie da sitzt und verstohlen kichert … „Ibillimutter“, sagt sie im Vater-Mutter-Kinderspiel, „Ich bin die Mutter“ ist ihre so zärtliche wie trotzige Selbstbeachtung. Das gesamte Ensemble leiht diesem kleinen Wesen, Lavants Menschlein, das keine Ahnung vom Tod hat, der aber doch kommen muss, Hand und Stimme. Zitha ist „Das Wechselbälgchen“, unehelich geborenes, behindert zur Welt gekommenes Kind der einäugigen Kuhmagd Wrga. Die Gemeinde weiß, ein böser Geist hat das echte, das gesunde Geschöpf gegen sein krankes getauscht. Der Pfarrer weiß, was Sünde ist und wohin sie zwangsläufig führen muss. Der Knecht Lenz kommt in den Ort, er erwartet sich Glück von der Glasaugenfrau – doch bevor er sie zur seinigen macht, soll der Wechselbalg ins Wasser. Über dieser geistigen Talenge wird das Schicksal wie die biblischen Berge zusammenstürzen. Am Ende aller Zeit.

Habjan entpuppt – pardon!, aber der war schon serve-volley – sich einmal mehr als großer Bildermagier. Er taucht Mitmenschliches und Unmenschlichkeit in mystisches Licht, und strahlt die Alle-Weisheiten-der-Welt-Aufsager scharf an. Seine Schauspieler sind auch Puppenspieler. Die aus der „anderen Welt“, Zitha und ihr späteres Schwesterlein Magdalena, Pfarrer Duldiger, die Schwundbäuerin sind Figuren, beide, der Glaube und der Aberglaube, sind übergroß und übermächtig. Realität erleiden Wrga, Lenz, der Bartl-Thoman, die Weiddirn und alle zusammen als die Keuschenkinder, die mit dem Puppenkind Zitha wie mit einer Puppe spielen. In hohem Tempo erfolgt der Wechsel zwischen den Charakteren. Das ist auch eine artistische Höchstleistung und funktioniert an einem Beispiel etwa so: Gábor Biedermann hält die Klappmaulpuppe, verleiht deren Gesicht mit seiner Hand Mimik und spricht als Pfarrer, Claudia Sabitzer schlüpft unter dessen Soutane, die Hände, die Geste, die Körperhaltung des Geistlichen sind ihre.

Seyneb Saleh ist als Wrga überragend. Überraschend wie ähnlich sie mit Kopftuch und Schürze der Lavant ist, beide streitbare Schmerzensfrauen, die ihrem krankheitsbedingt mühseligen Körper mit wilder Widerspruchskraft entgegentreten. Sie, am untersten Ende der Dorfhierarchie, ist ihrer Zitha durchaus ähnlich, dickköpfig und bockbeinig im Aufstampfen: Ich bin nun einmal da in dieser Welt. Als Mutter eine Löwin, als Magd ein Arbeitstier, erschütternd in ihrer Schilderung der eigenen garstigen Kindheit. Ihr Kind soll es besser haben. Deshalb fällt sie auch dem einen zum Opfer, der ihr die Lüge des besseren Lebens vorgaukelt. Sie wechselt ihr Strohbett gegen Lenz‘ Schläge. Florian Köhler steht Salehs Darbietung in nichts nach. Würde man ihn nicht schon kennen, man müsste schreiben, ist er die Entdeckung des Abends. Als einer, der viele Fs in Lenz vereint. Faschistisch, fanatisch, Frevler an der Nächstenliebe, einer, dem bald was „fremd“ vorkommt. Köhler spielt den Aufhetzer mit den einfachen Sprüchen, seine Pose ist Herrenmenschentum, spielt einen wundergläubigen Wundertäter, dem ein Traum Geld und gesellschaftlichen Aufstieg an der Seite einer Frau mit gläsernem Kopf prophezeit hat, der Wrgas Qualen mit tausend quälenden Mittelchen zu heilen verspricht. Köhler ist ein fabelhafter Unsympath.

Seinen Gegenpol gestaltet Gábor Biedermann als gläubiger Bartl-Thoman, ein stiller Leidender, die Stimme der Liebe in diesem Stück, die nicht ge- oder erhört wird. Er übernimmt neben der Pfarrersfigur als Thoman auch die Funktion des Erzählers. Der barfüßige Naturbursch wird bei Biedermann zum Philosophen, zum Außenstehenden, der das Treiben beobachtet, aber nichts ausrichten kann. Man spürt mit ihm die Abscheu wie seine Tendenz zur Flucht vor der Welt. Claudia Sabitzer fügt sich in die Riege der erfahrenen Puppenspieler perfekt ein. Sie ist als solche die gespenstische Schwundbäuerin, ein Hexenwesen, das Kräuterweiblein, die Personifizierung der Allmacht der Natur. Sie und Thoman vertreten das Prinzip des Spirituellen gegen den institutionalisierten, verkopfen Glauben des Pfarrers. Sabitzer ist außerdem die Weiddirn, die missgünstige Nachbarin, die dem Wechselbalg sein Leben „wie Gott in Frankreich“ missgönnt.

Womit es mit Auftritt Lenz ohnedies ein Ende hat. Die glückliche kleine Zitha wird aus Angst und Qual zum bissigen Tier, heißt es im Text. Zum Verhängnis wird der Puppe allerdings eine Puppe. Habjan gestaltet eine wunderbare „Unterwasserszene“ im Bach, drei Spieler schwimmen, strudeln, sterben mit Zitha. Am Ende ist Reue. Und Vergebung. „Vielleicht ein Ausdruck ihrer Großherzigkeit“, sagt Habjan über die Lavant. Seine Inszenierung sagt, mögen wir nie wieder am offenen Grab derer stehen, denen wir die Rettung verweigert haben.

Über Christine Lavant: www.mottingers-meinung.at/?p=14452

Gábor Biedermann im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=16438

www.volkstheater.at

TIPP: Am Volkstheater ist auch Nikolaus Habjans Inszenierung von Camus‘ „Das Missverständnis“ zu sehen, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15568, dazu ein Gespräch mit Seyneb Saleh: www.mottingers-meinung.at/?p=15526.

Wien, 5. 12. 2015

Neu am Volkstheater: Gábor Biedermann

Dezember 2, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die europäische Freiheit nicht aufs Spiel setzen

Gábor Biedermann Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Gábor Biedermann
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Er nennt sich zu Recht einen Europäer, denn seine Wurzeln reichen von Ungarn bis Portugal. Umso mehr freut sich Gábor Biedermann nun in Wien seiner Familienstadt Budapest näher zu sein. Dort hat er als Student beim legendären Henrik Kemény das Puppenspiel erlernt (mehr: www.volkstheater.at/person/gabor-biedermann), eine Fähigkeit, die er am Volkstheater in den Bezirken reaktiviert. Maja Haderlap hat Christine Lavants „Das Wechselbälgchen“ dramatisiert; Nikolaus Habjan ist der Regisseur der Uraufführung, und Biedermann fungiert in der Inszenierung als Puppen- und als Schauspieler. Mit ihm spielen Claudia Sabitzer, Seyneb Saleh und Florian Köhler.

In „Das Wechselbälgchen“ erzählt die Lavant von der einäugigen Kuhmagd Wrga und ihrem unehelichen Kind Zitha, geistig zurückgeblieben und körperlich entstellt. Die Leute im Dorf, so katholisch wie abergläubisch, haben für dieses Schicksal eine einfache Erklärung: Böse Geister haben der Magd nach der Geburt einen verhexten Wechselbalg untergeschoben. Der werde die ganze Gemeinde ins Unglück stürzen. Als sich der Knecht Lenz für Wrga zu interessieren beginnt, stellt er seine Bedingung: Der Wechselbalg muss im Wasser ersäuft werden …

Gábor Biedermann im Gespräch über die Furcht vor dem Fremden, ungarische Abgrenzungsgedanken und das Geschenk Europa:

MM: Sie waren unter anderem schon am Deutschen Theater Berlin, Schauspielhaus Zürich, Thalia Theater Hamburg engagiert. Nun also das Volkstheater – wie kam’s?

Gábor Biedermann: Im Wesentlichen durch zwei Regisseure, die ich seit mehr als zehn Jahren kenne, Viktor Bodó und Dušan David Pařízek. Als Anna Badora anfing ihr neues Ensemble zu planen, befragte sie auch ihre Regisseure und da haben mich beide unabhängig voneinander genannt. Erwünscht zu sein war für mich eine wichtige Voraussetzung, um Vertrauen zu diesem Neustart aufzubauen, denn das Team aus Graz kannte ich nicht. Aber auf diese Weise wurde mir der Einstieg hier erleichtert.

MM: Und wie finden Sie’s jetzt in Wien?

Biedermann: Ich finde es ganz toll, so nahe an Budapest zu sein. Ich habe dort die Sommer meiner Kindheit und Jugend verbracht, manchmal auch Weihnachten. Ich habe immer noch Freunde und Familie dort. Von Berlin aus, wo ich die letzten fünfzehn Jahre gelebt habe, war das immer eine längere Reise. Jetzt ist es ein Katzensprung. Außerdem gibt es in Wien sehr viel, was ich aus Budapest kenne. Historisch bedingt sind die beiden Städte miteinander verwandt. Ich fühle mich teilweise schon aufgrund der Architektur heimisch. Aber es gibt noch viel zu entdecken.

MM: Nämlich?

Biedermann: Beispielsweise die Mentalität der Wiener. Ich bin dabei sie kennenzulernen. Wien ist wie Berlin eine gewachsene Metropole mit langer Geschichte. Dieses Hauptstädtische spiegelt sich in den Menschen wider. Ich habe den Eindruck die Wiener besitzen ähnlich wie die Berliner Ironie, die manchen überheblich vorkommt, haben eine ausgeprägte Meinung zu vielen Dingen und nehmen oftmals kein Blatt vor den Mund. Diese Direktheit, dieses Ungeschönte gepaart mit Humor ist mir sehr symphatisch.

MM: Sie werden nun im „Wechselbälgchen“ als Puppen- und Schauspieler zu sehen sein. Sie haben das Puppenspiel in Budapest bei Henrik Kemény gelernt. Der war in Ungarn eine Institution.

Biedermann: Ich habe Henrik Kemény als Kind kennengelernt; er war in Ungarn tatsächlich schon zu Lebzeiten eine Legende, eigentlich kennt ihn dort jeder, jeder hat im Laufe seiner Kindheit einmal ein Stück von ihm gesehen. Ich habe sogar Auftritte erlebt, wo Großeltern mit ihren Enkeln da waren und die Großeltern hatten vor vielen Jahrzehnten schon seinen Vater gesehen, der das gleiche traditionelle Handpuppenspiel gemacht hat.

MM: Er hatte eine Kasperlfigur, die heißt …

Biedermann: … Vitéz László. Verwandt mit dem Kasper, aber wesentlich naiver, viel liebenswürdiger, durch und durch eine Identifikationsfigur für jung und alt. Er kämpft gegen einen oder mehrere Teufel, die er im Laufe seiner Stücke in die Mangel nimmt, aufspießt, durch die Luft wirbelt, mit der Palatschinkenpfanne verkloppt … Ihn treibt der Kampf eines jeden Menschen um: das Gute in uns gegen das Böse in uns. Keménys Aufführungen waren immer äußerst intensiv, ein kathartisches, befreiendes Erlebnis für alle, die ihnen beiwohnten. Ich weiß noch, die Kinder haben gejubelt und geschrien. Am Ende wird der Teufel natürlich ausgetrieben und das Böse besiegt. Und der kleine alte Mann war fix und fertig. Persönlich kennengelernt habe ich ihn, weil meine Mutter ihn als junge Journalistin interviewt hat. Daraus ist eine lange und sehr schöne Freundschaft entstanden.

MM: Die Sie dann auch mit ihm verbunden hat.

Biedermann: Ja, und wie ich später in das Alter kam, in dem man sich für ein Studium entscheidet, bot sich mir die Gelegenheit bei ihm zu lernen. Ich begleitete ihn zunächst zu seinen Auftritten quer durch Ungarn, bis er mich ans Staatliche Puppentheater, das Budapest Bábszínház, brachte, wo ich eine Ausbildung zum Puppenspieler begann. Und weil ich ja auch Deutsch spreche, meinte man dort ich solle meine Ausbildung in Deutschland fortsetzen, die beruflichen Perspektiven seien da besser. Mit der Kulturförderung ging es damals in Ungarn schon langsam bergab. So bin ich dann um das Jahr 2000 herum an der Berliner Hochschule „Ernst Busch“ im Studiengang Puppenspiel gelandet, wo ich für mich das Schauspiel entdeckte, was ich dann dort abschließend studierte. Aber hätte ich den Weg über das Puppenspiel nicht genommen, wäre ich wahrscheinlich nicht Schauspieler geworden.

MM: Stichwort „bergab“ – Sie meinen politisch bedingt? Der Kasperl ist ja traditionell eine Figur der Subversion. Das wird unter Orbán sicher nicht so gern gesehen werden.

Biedermann: Das wäre sicher interessant gewesen, das zu erleben. Zumal man heute aufpassen muss, was man auf der Bühne, wie auch in der Presse von sich gibt. Leider ist der große Kemény 2011 gestorben. Ich habe aber Aufführungen von ihm begleitet, wo sich die Stimmung schon nach rechts neigte. Er versuchte immer alle zu erreichen, über die politische Gesinnung hinaus; sein Spiel hatte einen sehr menschlichen, direkten Bezug zum Publikum. Er wusste, dass er auch von denen geliebt wurde, von denen er es nicht so gerne wollte. Heute … naja … er wäre bestimmt nicht glücklich über den Zustand Ungarns.

MM: Sie haben an der Handpuppe gelernt, nun spielen Sie mit einer Klappmaulpuppe. Ein großer Unterschied.

Biedermann: Ich würde nicht behaupten, dass man, wenn man eine Puppe beherrscht, alle Puppen beherrscht. Die Klappmaulpuppe ist allerdings sehr organisch. Sie ist in direktem Kontakt mit der Hand, die Impulse kommen direkt vom Spieler. Für mich ist diese Arbeit eine Chance an etwas Unvollendetem anzuknüpfen. Ich begegne der Puppe jetzt anders als vor 15 Jahren, und weil Nikolaus Habjan eine sehr eigene Art hat, Puppen einzusetzen, gibt es für mich viel Neues zu entdecken. Insbesondere den Dialog zwischen Puppe und Spieler finde ich sehr spannend.

MM: Ihre Puppe ist der Pfarrer …

Biedermann: … und als Schauspieler spiele ich die Rolle des Thoman. Das ist ein Dorfbewohner, welcher der Kuhmagd Wrga sehr nahe steht, ein spiritueller Typ, ein wortkarger Mensch. Eigentlich, wenn man so will, wäre er die bessere Wahl für Wrga, aber es kommt ja Lenz daher. Man wird sehen, aus welchen Gründen sie sich für jenen entscheidet, warum sie sich auf Lenz einlässt.

MM: Das heißt: einmal, weil wir vorhin vom Teufel gesprochen haben, der institutionalisierte Glaube und einmal der immaterielle Glaube?

Biedermann: Ganz genau. Das fasst es sehr schön zusammen. Mir persönlich ist der spirituelle, immaterielle sympathischer, weil der institutionalisierte Glaube oftmals Barrieren zwischen Menschen aufbaut. Was Thoman lebt, finde ich sozial und menschlich kompatibler. Religion als Institution verhindert oft, dass Menschen zueinander finden, etwas, das man gerade heute wieder sehr stark erlebt. Ich wünschte mir, man könnte sich mehr auf humanistischer Basis begegnen. Eine Gesellschaft sollte Grundwerte haben, die gelten, egal, welcher Religion man angehört. Im „Wechselbälgchen“ gibt sich der Pfarrer als moralische Instanz und handelt aber alles andere als moralisch. Wie er von Gerechtigkeit und Sünde spricht, enttarnt seine aus heutiger Sicht sehr bornierte Gedankenwelt.

MM: Die Erzählung ist 1945/46 entstanden. Da spielt sehr stark der faschistische Begriff des Entartet-Sein hinein, das von den Nazis so beschriebene „unwerte Leben“. Wie macht man so ein Stück nicht zur Mahnwache?

Biedermann: Wir sind zwar 70 Jahre weiter, aber wir versuchen nicht die Handlung äußerlich in die Gegenwart zu verlegen. Die Kostüme beispielsweise erinnern eher an vergangene Zeiten. Aber es gibt auch heute durchaus Gestalten, die so funktionieren wie die Personage in der Erzählung, vor allem in ihrer engstirnigen Sicht auf Gott und die Welt, in ihrer Angst vor allen, die „anders“ sind, oder von denen sie vermuten, dass sie es sind. Da hat sich die Menschheit nicht sehr weiterentwickelt. Es gibt eine große Scheu, ja sogar Furcht vor dem Fremden.

MM: Kannten Sie die Lavant vor dieser Arbeit?

Biedermann: Sie ist für mich neu – und ich bin von ihrer Erzählkraft fasziniert. Ich verstehe nicht, wie ich ihr nicht früher begegnen konnte. Ich hoffe, dass in Zukunft noch viel mehr von Christine Lavant zu lesen und zu sehen sein wird. Diese Produktion, die Bühnenfassung ist von Maja Haderlap, geht ja vom Volx in die Bezirke, aber wir werden sie auch im Haupthaus zeigen.

MM: Wenn man Ihre Biografie liest, Wurzeln in Ungarn, geboren in Frankreich, aufgewachsen in Portugal und Deutschland, würde man Ihnen unterstellen, Sie sind Europäer.

Biedermann: Das ist ein Geschenk, weil Europa sehr reich an verschiedenen Kulturen ist, und ich in einigen davon zu Hause bin. Zudem habe ich das Glück, mich frei in ihnen bewegen zu können. Als meine Eltern jung waren, war das anders. Sie mussten erst heiraten, damit meine Mutter aus Ungarn zu meinem Vater nach West-Deutschland konnte. Ich hoffe, dass meine Generation die innerhalb Europas errungene Freiheit nicht aufs Spiel setzt.

MM: Sind Sie im Sinne eines wieder erstarkenden Nationalstaatsgedanken in Sorge um Europa?

Biedermann: Ich finde heute vieles sehr befremdlich. Es ist wichtig, dass sich die Menschen auf ihre Traditionen besinnen, dass Sprachen und Dialekte gepflegt werden, dass regionale Bräuche gelebt werden. Diese Vielfalt ist in Europa absolut notwendig. Das bedeutet aber nicht, dass man in das kleine Denken zurückfallen darf, in dem nur richtig und wichtig ist, was einen unmittelbar umgibt. Mich erschreckt was derzeit vorgeht, vor allem in Osteuropa. Mich erschreckt, dass man dermaßen das Vertrauen in die Nachbarn verloren hat. Eigentlich war ich der Auffassung, dass man über die Jahre, die man bisher in Europa vereint war, genug voneinander gelernt haben könnte, um sich gegenseitig zu respektieren. Auch Ungarn hatte in den 1990-Jahren nach Öffnung des Eisernen Vorhangs eine schöne freiheitliche Phase. Dann kam aber die Enttäuschung über den ausbleibenden wirtschaftlichen Fortschritt sowie zunehmende Arbeitslosigkeit. Da waren viele Wähler plötzlich bereit, sich wieder in den Abgrenzungsgedanken zu begeben, nicht die europäische Vielfalt zu leben, sondern in „urzeitliches“ Denken zurückzufallen.

MM: Die, die von linken Regimen geknechtet waren, schließen sich nun rechts an.

Biedermann: Menschen ändern ihre Meinung. Auch manche linke Ideologen klingen dieser Tage verdächtig rechts. Solche Entwicklungen gibt es in etlichen Biografien, das ist auch nichts Neues. Jeder hat das Recht, seine politische Meinung zu ändern. Schade ist nur, wenn man dabei die anderen aus den Augen verliert. In diesem Sinne besteht Gefahr für Europa. Es ist ja leider auch zu lange als institutionalisierter Apparat aufgetreten, fernab von den einfachen Belangen der Europäer.

MM: Ihre Mutter Journalistin, Ihr Vater Lehrer, Sie Schauspieler – das ist eine logische Folge, denn alles drei sind pädagogische Berufe.

Biedermann: Schön, dass Sie das so sehen. Ich glaube tatsächlich, dass Theater einen Bildungsauftrag hat. Deswegen finde ich auch den Dialog mit den Zuschauern spannend. Was nehmen sie aus einem Theaterabend mit? Für mich ist mein erstes Stück in Wien, „Der Marienthaler Dachs“, diesbezüglich eine wesentliche Erfahrung gewesen. Es geht um Arbeitslosigkeit, sehr aktuell, es kann alle betreffen, und die Zuschauer diskutieren nach den Vorstellungen in der Roten Bar oft auch noch sehr intensiv darüber. Wir haben am Volkstheater einen Spielplan, der sich nicht der reinen Pflege der Kunst und der Ästhetik verschreibt, sondern auf kunstvolle und ästhetische Weise politische Themen angehen und den Leuten die Augen öffnen will. Und im besten Fall gehen die Leute raus und nehmen etwas mit auf ihren Weg.

MM: Und um nun die Brücke zum „Wechselbälgchen“ zu bauen: Was wollen Sie da mitgeben?

Biedermann: Wie ich vorher über die Angst vor dem Fremden sagte: Mir fehlt der liebevolle Blick aufeinander, der es ermöglicht das Fremde nicht von sich wegzustoßen, sondern herzuziehen und näher zu betrachten, damit es nicht mehr ganz so fremd ist. Wir gehen mit dieser Produktion für das Volkstheater in den Bezirken sicher einen neuen Weg. „Das Wechselbälgchen“ ist keine leichte Kost, aber wenn unsere Arbeit gelingt, ist sie eine Einladung, sich mit dem Wesen des Menschen zu beschäftigen. Die Zuschauer werden hoffentlich ein Stück erleben, das sie berühren wird, ein Stück, das sie sicher nicht kalt lassen wird.

www.volkstheater.at

Über Christine Lavant: www.mottingers-meinung.at/?p=14452

Maja Haderlap am Theater: www.mottingers-meinung.at/?p=14710

Wien, 2. 12. 2015

Lavant! – Bernd Liepold-Mosser über die Dichterin

September 30, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Theaterprojekt am Stadttheater Klagenfurt

Christine Lavant  Bild: (c) Robert Musil-Institut für Literaturforschung

Christine Lavant
Bild: (c) Robert Musil-Institut für Literaturforschung

Das Stadttheater Klagenfurt widmet Christine Lavant zu ihrem 100. Geburtstag die erste Schauspielpremiere der neuen Spielzeit. In einer Textmontage von Bernd Liepold-Mosser und Ute Liepold, die sich aus Gedichten, biografischen Aufzeichnungen, Briefen und den Prosatexten zusammensetzt, werden die vielen Facetten dieser faszinierenden Vertreterin der österreichischen Nachkriegsliteratur zum Ausdruck gebracht und für die Gegenwart neu umgesetzt. Die Band Clara Luzia steuert eigens für das Projekt „Lavant!“ komponierte Songs bei. Mitwirkende: Nikolaus Barton, Jele Brückner, Sèbastien Jacobi, Sandra Lipp, Johanna Mertinz, Katja Uffelmann und Nadine Zeintl. Premiere ist am 8. Oktober.

Mehr über Christine Lavants Leben und Werk: www.mottingers-meinung.at/?p=14452

www.stadttheater-klagenfurt.at

Wien, 30. 9. 2015

Ich und Kaminski

September 17, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der alte Mann – und was mehr?

Daniel Brühl (Sebastian Zöllner), Jesper Christensen (Manuel Kaminski) Bild: © Filmladen Filmverleih

Daniel Brühl (Sebastian Zöllner), Jesper Christensen (Manuel Kaminski)
Bild: © Filmladen Filmverleih

Der ORF-Kulturmontag hat sie 2003 zusammengebracht. Daniel Kehlmann stellte seinen damals neuen Roman „Ich und Kaminski“ vor, Daniel Brühl und Regisseur Wolfgang Becker ihren damals neuen Film „Good Bye, Lenin!“. Das Buch wanderte von Hand zu Hand, nun liegt der Film (Drehbuch: Thomas Wendrich) dazu vor. Warum es so lange gedauert hat, erklärt Becker im Interview mittels Gegenfrage: „Wie schafft man es, dass das Publikum zwei eher unsympathischen Charakteren folgt, wo es doch auf positive Helden konditioniert ist?“ Vor allem, wenn dieses Publikum fürs Erste naturgemäß aus Filmförderern und Fernsehsendern bestand. Der französische Finanzier Canal+ sagte alsbald Au revoir – Becker: „Ich war in Paris im Büro eines jungen Redakteurs. Er wiegte sein Haupt hin und her, setzte die Bedenkenträgermiene auf und erklärte mir, dass er Schwierigkeiten mit den Hauptfiguren habe …“ -, und von diesem Schock hat sich der Film offenbar nicht mehr erholt. Er leidet an einer installierten Schwachstelle. Er ist einfach zu nett. Aus Kehlmanns mit der ihm in jüngeren Jahren eigenen Verbitterung geschriebenen Satire über den Kunst- und Kulturbetrieb – die berüchtigte biestige Vernissagenszene unterbelichtet Becker völlig – wurde ein knuffiges Roadmovie mit philosophischem Touch. Meister, ich habe nichts, sagt der Schüler zum weisen Bodhidharma. Und der antwortet, dann wirf es weg. Im von rührseliger Wehmut umwehten Moment am Meer hat Sebastian Zöllner den alten Kaminski endlich verstanden, Katharsis as Katharsis can. Selbst Becker sagt, müsse er noch einmal beginnen, er würde krasser erzählen.

So ist Jesper Christensen als Manuel Kaminski ein kauziges, in seinen Schrullen liebenswertes Schlitzohr. Der dänische Schauspielstar (www.jesperchristensen.dk; Eigendefinition: Stopped doing theatre in 98. Since then stupid men on film only, seit „Casino Royal“ Bond-Bösewicht Mr. White und auch in „Spectre“ wieder dabei), spricht die Rolle des polnischstämmigen Malerfürsts in Deutsch mit eigenwillig undefinierbarem Akzent. Daniel Brühl ist als Sebastian Zöllner mit Wuschelhaar, Dackelblick und Dreitageschatten um die Wangen sowieso zum Knuddeln. Die zynische, schnöselige Arschlöchrigkeit seines Buchpendants hat er nicht. Paradoxer- oder logischerweise macht gerade das den Reiz des Films aus, den Christensen in jeder Sequenz dominiert. Ihm steht die scheinverwirrte Fragilität im Alpenasyl ebenso wie die wiedererwachte Reiselebenslust. Solo für Opa, sozusagen. Christensen sind im Zusammenspiel mit Brühl die Momente zu verdanken, die an die Magie des Kinos glauben machen. Apropos, Kino: Viel an Jürgen Jürges Bildgestaltung schreit zu laut TV-tauglich. Es ist, als hätte man eine Farbe, eine Technik gesucht und sich für Naive Kunst entschieden, während Kaminski tatsächlich doch dem Fauvismus und dem Surrealismus verpflichtet ist. Diese Pinselführung übertüncht stellenweise Christensens und Brühls darstellerische Palette. Nicht von ungefähr hat eine der stärksten Szenen im Film mit dem Bild zu tun, nämlich als Brühl-Zöllner im Keller des Kaminski-Chalets dessen letzte Werke findet, überlebensgroße, expressionistische Köpfe mit zerkratzten, blutenden, leeren Augenhöhlen. Da versteht man, dass das durchaus charmante Geplänkel der beiden mehr Gewicht bekommen hätte können. Der als blind painter Berühmtgewordene und der gefühlsblinde Möchtegernbiograf. Der Manipulierer, der auf den Alten Meister trifft. Zwei sich in ihren Lebenslügen kreuzende Lebenswege. Es wäre was drin gewesen.

Becker lässt stattdessen eine Parade von Sonderlingen vorbeidefilieren. Die wichtigste unter ihnen: Geraldine Chaplin, die mit Brühl schon im anderen, ganz großartigen Alte-Leute-Film „Und wenn wir alle zusammenziehen?“ von Stephane Robelin vor der Kamera stand, darf als Jugendliebe Therese Lessing im rosa Strickjäckchen schön neben der Spur sein. Während sie Millionenshow oder Glücksrad oder so etwas schauen will und Kaminski erkennt, dass er diese Frau nie gekannt hat, zeigt Brühl mit gezücktem Diktiergerät wie man sprachlos das Wort übertönt. Er, der auf den Aufregersatz, der nicht kommen wird, wartet, mit verkniffener Miene, bleistiftschmalem Mund, Spannung bis zum Platzen  – und nichts. Das Gesicht fällt in sich zusammen. Wie gesagt: Es wäre … Amira Casar spielt Kaminski-Tochter Miriam mit säuerlicher Besorgnis, optisch ein Paloma-Picasso-Klon, der großen Viviane de Muynck als Hausperle Anna geht die Loyalität aus, wenn sie mit Kohle befeuert wird. Stefan Kurt ist als sleeker Kunsthändler ein letzter Weynfeldt, Josef Hader ein grimmig-komischer Zugbegleiter, Karl Markovics darf als Komponisten-Zwillinge gleich doppelt auf die Leinwand. Denis Lavant kann als autostoppender Clochard Karl Ludwig gar nicht anders als brillieren. Jacques Herlin kann man in seiner letzten Rolle als Dominik Silva Salut sagen. Auch einen Insiderwitz erlaubt sich Becker: Der große gelbe Werbevogel, zuerst Jürgen Vogels Kostüm in „Das Leben ist eine Baustelle“, dann in „Good bye, Lenin!“ zu sehen, ist wieder im Bild.

Es ist also nicht so, dass „Ich und Kaminski“-Der Film einen quält, sehenswert ist vor allem, wie Becker seine Figuren nie mit einem „Gag“ fängt, sondern immer bemüht ist, ihren Seelen Raum zu geben, aber so richtig geht einem das Herz nicht auf. „Es ist seltsam Sie in meinem Leben zu wissen, seltsam und nicht angenehm.“ – „Berühmt sein heißt, jemanden wie mich zu haben.“ So ein Dialog zwischen Kaminski und Zöllner. So ein Dialog zwischen Buch und Film.

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Wien, 17. 9. 2015